Beschreibung des Oberamts Sulz/Kapitel B 29

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Wittershausen.

Gemeinde III. Klasse mit 580 Einw. wor. 4 Kath. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Bochingen, OA. Oberndorf, eingepfarrt.

Das Pfarrdorf Wittershausen liegt 5/4 Stunden südlich von der Oberamtsstadt in einer Ebene, an dem Anfange eines Thälchens, das später dem Mühlbach als Rinne dient. In geringer Entfernung südlich vom Ort erhebt sich die bewaldete Keuperterrasse, welche als der Fuß des sog. unteren Heubergs zu betrachten ist. Auf einzelnen lichten Stellen dieses Höhenzugs erschließen sich dem Auge schöne Fernsichten gegen Rottweil, über den Schwarzwald an den Schönbuch etc.

Der Ort ist weitläufig gebaut und die Zwischenräume von einem Gebäude zum andern sind meist mit Obstgärten ausgefüllt, die zur Freundlichkeit des Orts vieles beitragen.

Die in der Mitte des Dorfs gelegene Pfarrkirche, welche schon| vor der Reformation als Kapelle diente, ist Eigenthum der Stiftung; sie wurde im Jahr 1850 in ihrem Innern erneuert, ist aber immer noch für die Gemeinde zu klein und von geschmackloser Bauart; der viereckige in seinem unteren Theile noch alte Thurm enthält spitzbogige Fenster, während der obere aus Holz erbaute Theil desselben aus neuerer Zeit stammt und ein Zeltdach trägt. Das untere Stockwerk des Thurms, welches die Stelle des Chors vertritt, enthält ein Kreuzgewölbe, auf dessen Schlußstein ein Stern dargestellt ist. Die mit einem Tonnengewölbe versehene Sacristei, der älteste Theil der Kirche, stammt aus der romanischen Periode und enthält noch ein rundbogiges Fensterchen. Von den zwei Glocken ist eine von Heinrich Kurtz in Stuttgart 1840 gegossen, die andere trägt die vier Evangelistennamen in alten Majuskeln als Umschrift.

Der um die Kirche gelegene Begräbnißplatz wurde im Jahre 1826 aufgegeben und dagegen ein neuer außerhalb (südöstlich) des Orts angelegt.

Das im Jahr 1805 erbaute, dem Staat gehörige, geräumige Pfarrhaus liegt frei und angenehm in der Mitte des Orts.

Das Schulhaus enthält nur ein Lehrzimmer; die Wohnung des Schulmeisters befindet sich in einem besonderen Gebäude, an welches ein Zimmer für den Gemeinderath angebaut ist.

Ein Armenhaus und drei Gemeindewaschhäuser sind vorhanden.

An frischen Quellen ist die Markung sehr reich und nur in ganz trockenen Jahrgängen versiegen einzelne derselben. Von besonderer Wichtigkeit ist die Quelle, welche oberhalb des Orts in den sog. Seegärten entspringt, die fünf Brunnen des Orts mit gesundem Wasser hinreichend speist und unterhalb desselben zur Wiesenwässerung benützt wird; sie bildet zugleich den Ursprung des Obbachs und somit im weitesten Sinne den Ursprung des Mühlbachs, von dem der ganze Distrikt seinen Namen erhalten hat.

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde geordnete Leute, die im Durchschnitt ein ziemlich hohes Alter erreichen und nur höchst selten von epidemischen Krankheiten heimgesucht werden. Die Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau und Viehzucht, während die Gewerbe sich nur auf die nöthigsten Handwerker beschränken. Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittelmäßigen, indem der begütertste Bürger 80 Morgen Felder und 30–40 Morgen Waldungen, der sog. Mittelmann 20 Morgen Felder und 5–6 Morgen Waldungen und die ärmere Klasse 2–3 Morgen Grundeigenthum besitzt. Gegenwärtig werden 10 Personen aus Gemeindemitteln unterstützt.

| Die verhältnißmäßig mittelgroße Markung von der etwas mehr als 1/3 mit Wald bestockt ist, hat, soweit sie für den Feldbau benützt wird, eine ebene Lage und im Durchschnitt einen mittelfruchtbaren Boden, der südlich vom Ort aus den minder ergiebigen Zersetzungen des unteren, mit Gyps durchzogenen Keupermergels besteht, während der nördlich und westlich vom Ort gelegene Theil der Markung einen fruchtbaren, vorherrschend aus Diluviallehm bestehenden Boden hat. Stubensandstein wird an mehreren Orten theils zu Bausteinen, theils zu Fegsand gewonnen und verwerthet. Eine Lehmgrube ist vorhanden.

Vermöge der freien Lage ist die Luft rein und gesund, jedoch häufig von Winden, besonders von Westen her bewegt und zuweilen rauh, daher auch feinere Gartengewächse nicht immer gedeihen und namentlich von Frühlingsfrösten nicht selten heimgesucht werden. Ein von dem unteren Heuberg vorspringender bewaldeter Hügel soll einen Anziehungspunkt für die Gewitter bilden, weßhalb auch solche häufiger vorkommen und sich öfters mit Hagel entladen.

In dreizelglicher Flureintheilung mit beinahe reiner Brache wird vorzugsweise Dinkel, Weizen und Haber, weniger Roggen, Gerste und etwas Einkorn gebaut. In der Brache zieht man Kartoffeln, dreiblättrigen Klee, Hanf, Flachs, seltener Ackerbohnen, Erbsen etc. Von verbesserten Ackergeräthen haben die Hohenheimer Pflüge beinahe allgemeinen Eingang gefunden. Außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln kommt auch Gyps und die mit Soole besprengte Hallerde in Anwendung. Bei einer Aussaat von 10 Simri Dinkel, 4 Simri Weizen, 5 Simri Haber, 4 Simri Gerste und eben so viel Roggen, beträgt die durchschnittliche Ernte 4–8 Schffl. Dinkel, 11/2–3 Sch. Weizen, 3–5 Schffl. Haber, 3 Schffl. Gerste und 3 Schffl. Roggen per Morgen. Die Preise eines Morgens Acker steigern sich von 20 bis 500 fl. und die eines Morgens Wiese von 100–600 fl. Von den Getreideerzeugnissen werden über den eigenen Bedarf jährlich etwa 200 Scheffel Dinkel, 150 Schffl. Haber und 100 Schffl. Weizen meist auf den Schrannen in Oberndorf und Sulz abgesetzt; der Haber kommt zum Theil auch in das Badische zum Verkauf.

Die zu 1/3 wässerbaren Wiesen, erlauben zuweilen einen dritten Schnitt und liefern durchschnittlich vom Morgen 20–25 Ctr. Heu und 10–15 Ctr. Öhmd. Das im Allgemeinen gute Futter wird mit wenig Ausnahme im Ort selbst verbraucht.

Die Obstzucht beschränkt sich hauptsächlich auf die um das Dorf gelegenen Baumgärten und auf einige mit Obstbäumen ausgepflanzte| Allmanden; man baut vorzugsweise Zwetschgen und späte Mostsorten. Eine Gemeindebaumschule ist vorhanden.

Auf der etwa 160 Morgen großen Weidefläche lassen einzelne Bürger deutsche Schafe laufen und entrichten hiefür an die Gemeindekasse ein jährliches Pachtgeld von 250–300 fl.; überdieß beträgt der Pfercherlös gegen 300 fl.

Die Rindviehzucht ist in gutem Zustande und zur Veredlung derselben werden von der Gemeinde 2–3 Schweizerfarren gehalten; auch einige Besitzer größerer Güter haben schönes Schweizervieh aufgestellt. Der Handel mit Vieh ist nicht beträchtlich und Viehmastung findet nicht statt.

Eigentliche Schweinezucht besteht nicht, indem die Ferkel von Händlern gekauft werden. Die Zucht des Geflügels und der Bienen ist unbedeutend.

Dem Ort ist sein Verkehr mit der Umgegend durch Vicinalstraßen, welche nach Sulz, Vöhringen, Bochingen und Sigmarswangen angelegt sind, hinreichend gesichert.

Die Gemeinde besitzt 184 Morgen Waldungen und 183 Morgen Allmanden, welch letztere an die Ortsbürger zur Nutznießung ausgetheilt sind.

Eine Römerstraße führt in nördlicher Richtung unter der Benennung „Hochsträß“ westlich am Ort vorüber. Etwa 1/4 Stunde unterhalb des Dorfs wurde im Jahr 1755 von dem Salinendirektor v. Beust ein Bohrversuch auf Salz gemacht, der jedoch, nachdem 213′ erfolglos durchsunken waren, wieder aufgegeben werden mußte.

Erdfälle, trichterförmige Einsenkungen, kommen einige auf der Markung vor.

Wittershausen war ursprünglich herzoglich Teckisch. Frühe jedoch faßte hier festen Fuß das Kl. Alpirsbach, welchem Pabst Innocenz II. bereits 1139 vier Hofgüter bestätigte, und brachte den Ort allmählig an sich. Er war einer der vier Dingstätten, wo der Abt oder sein Stellvertreter jährlich dreimal Gericht hielt. Durch die Reformation kam das Dorf an Württemberg, welches schon früher zeitweiliger Mitbesitzer war; in der württembergischen Landestheilung von 1444 erscheint es als verpfändet, ohne daß man erfährt, an wen.

Pfarrcollatur, Güter und Zehnte gehörten den Grafen von Zimmern, unter denen Graf Wilhelm sie im Jahr 1581 an den Herzog Ludwig von Württemberg vertauschte. Ursprünglich soll der Kirchensatz der Gemeinde eigen gewesen sein. Man sagte derselben nach, sie habe ihn dem Grafen Johann von Zimmern (15. Jahrh.)| überlassen, um ihn zu besänftigen, da sie dessen Erlaubniß aus seinem Wald einen größeren Baum zu einem Bauwesen zu fällen und heimzuführen in der Weise mißbraucht habe, daß sie in dem hintersten Theil des Waldes einen ungeheuren fällte, solchen der Breite nach fortführte und deßhalb rechts und links vom Weg noch viele Bäume für ihren Vortheil niederhieb (Ruckgaber, Grafen von Zimmern 81).

In früherer Zeit galt W. für ein württembergisches Schilda (Hermann von Sachsenheim Mörin Bl. 12b, vergl. mit Bl. 32b Ausg. v. 1539, s. auch Pfeiffer, Germania 1, 361).

Ein merkwürdiger Wittershauser ist Joh. Christoph Hingher, geb. 1604, ein vorzüglicher Canzelredner, im 30jährigen Krieg beim Waffenglück der Schweden Hofprediger des Generals Horn in Ellwangen 1632–34, gestorben als Probst zu Denkendorf und Generalsuperintendent den 15. Mai 1678.

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