Beschreibung des Oberamts Urach/Kapitel B 27

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27. Wittlingen mit Hohen-Wittlingen und Georgenau.

a. Wittlingen, ein evang. Pfarrdorf auf der Alp, 5/4 St. südöstlich von Urach, mit 512 Einw. Der große Zehnte gehört dem Staat, einen kleinen Antheil daran und den kleinen, den Heu- und Öhmd-Zehnten hat die Pfarrey zu beziehen. Die Grundgefälle betragen 244 fl., woran mehrere Stiftungspflegen kleine Antheile haben.

Der Ort liegt in einer Vertiefung gegen das Föhrenthal auf einem Basaltlager. Es hat ein Rath- und Schulhaus und eine Schildwirthschaft. Die Pfarrkirche soll ehemals oben im Ort gestanden haben und die jetzige Kirche | eine bloße Capelle gewesen seyn, bis jene in Kriegszeiten zerstört wurde, s. Seeburg.

Wittlingen hat eine sehr große Markung, die noch ein weites Feld für die Cultur darbietet. Sie ist auch der Obstzucht nicht ungünstig; das Wittlinger Obst wird für das beste der Uracher Alp gehalten. Der Ort hat auch eine bedeutende Schafweide. In älteren Zeiten soll Wittlingen ein ummauertes Städtchen gewesen seyn; die Geschichte des Orts leiht dieser Sage einige Wahrscheinlichkeit, es zinsen auch noch einige Äcker als Baustätten unter dem Namen „Oberthor-Acker“ und auf unsern Flurkarten kommt gegen das Fischburgthal hin der Name „Stadtäcker“ vor. Gegen dieses Thal zieht sich eine große Fläche von kahlen Wechselfeldern, die übrigens einen guten Boden haben, hin, welche das Wittlinger Hardt genannt wird. Nordwestlich dehnt sich die Wittlinger Markung bis an den Absturz des Hochbergs bey Urach aus. Hier findet man noch mehrere Spuren von Gräben und Schanzen. Westlich, 1/4 St. von dem Dorfe liegt

b. Hohen-Wittlingen, ein Hof bey den Ruinen der alten Burg Wittlingen, von der er den Namen hat, mit 15 Einw., Filial von Wittlingen. Der Hof war ursprünglich ein Jägerhaus, womit ein zur Burg Hohen-Wittlingen gehöriges Gut, das s. g. Schlößlesgut, von ungefähr 54 M. verbunden war, das der Förster als Besoldungstheil genoß, die Finanzkammer aber im Jahr 1828 mit dem Haus an einen Wittlinger Bürger für 2210 fl. verkaufte. Das Haus wurde zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erbaut, nachdem die Wohnung des Försters auf Hohen-Wittlingen ganz baufällig geworden war.

Die Burg Hohen-Wittlingen oder vielmehr deren Ruinen liegen auf einer durch das Ermsthal und das Föhrenthal gebildeten scharfen und steilen Felsenecke, „der Schlößlesberg“ genannt. Die Burg hatte zwar einen beschränkten Raum, war aber sehr fest. Von drey Seiten durch ihre Lage über fast senkrechten Felsen unzugänglich, war sie auf der Seite ihres Eingangs gegen die Alp durch hohe Mauern und | Thürme und außerdem noch durch ein Vorwerk geschützt. Unterirdische Wendeltreppen sollen in tiefe, vielleicht von der Natur gebildete, Gewölbe geführt haben. Die Zeit der Erbauung der Burg verliert sich in dem grauen Alterthum; ihr Daseyn ist schon um’s Jahr 1090 beurkundet. Im Jahr 1286 räumt Graf Eberhard von Würtemberg in dem mit K. Rudolph vor Stuttgart geschlossenen Frieden die Burgen Wittlingen und Rems auf zwey Jahre als Friedens-Unterpfand ein, und erst im Jahr 1298 überläßt K. Albrecht beyde Burgen wieder dem Grafen. [1] In dem für den Grafen Eberhard so unglücklichen Jahre 1311 waren die Vesten des Ermsthals, Urach, Wittlingen und Seeburg die einzigen Plätze, die von den Feinden nicht erobert wurden. Im Jahr 1576 wurde Wittlingen durch einen aus Unvorsichtigkeit entstandenen Brand eingeäschert. Es wurde jedoch in so weit wieder aufgebaut, daß es zur Wohnung des Försters und Burgvogts und zum Gefängnisse für „Wilderer und andere Bösewichter“ dienen konnte. Doch konnte es auch noch im dreyßigjährigen Kriege als ein fester Platz benutzt werden. 1648 bat die Stadt Urach um Zurücknahme der Garnison, weil von einem östreichischen Einfall nichts mehr zu besorgen sey. Von dieser Zeit an ging die Burg ihrem völligen Zerfall entgegen, und sie theilte nun das Schicksal so manches ehrwürdigen Denkmals des Alterthums, sie wurde als Steinbruch benutzt; ein Wagen voll Steine von der Burg wurde von der Herrschaft an die Liebhaber für 12 kr. verkauft. Im Jahr 1781 standen noch zwey Gemächer, in welchen man unter den Böden Todtengerippe fand. Unter die Merkwürdigkeiten der Burg Wittlingen gehört auch, daß der berühmte Reformator Brenz eine Zeit lang auf derselben gesessen hat. Nachdem nämlich derselbe wegen Verwerfung des Interims 1548 von Schwäbisch-Hall hatte fliehen müssen, nahm ihn der Herzog Ulrich von W. auf, und ließ ihn durch seinen Secretär Jak. Kornmesser insgeheim nach Wittlingen bringen. Erst als der Herzog | ihn auch hier vor seinen Verfolgern, den Kaiserlichen, nicht mehr sicher glaubte, veranstaltete er seine Flucht nach Basel und von da nach Hornberg, wo Brenz unter dem Namen Hulderich Engster als Burgvogt zwey Jahre zubrachte, bis er endlich von Herzog Christoph zum Propst der Stiftskirche zu Stuttgart gemacht wurde. Während seines Aufenthaltes zu Wittlingen schrieb Brenz seine Erklärung des 93. und 130. Psalmen, die zu Basel, Joanne Wittlingio auctore, herauskam. Auch arbeitete Brenz zu Wittlingen an seinem unsterblichen Catechismus, den er in seinem zweyten Asyl zu Hornberg vollendete. Wittlingen war ehemals Besitzthum der Grafen von Achalm; von diesen kam es durch Erbschaft, wenigstens zur Hälfte, an die Grafen von Lechsgmünd, die Söhne der Gräfin Mechtild von Achalm, s. Achalm. Einer derselben, Graf Burkhard von Lechsgmünd, der später Bischof von Utrecht wurde, schrieb sich auch davon Burkhard von Wittlingen, und erscheint mit dieser Unterschrift in dem Bempflinger Vergleich von 1090 und in einer Schenkungs-Urkunde des Grafen Conrad von Würtemberg vom Jahr 1110. Sattl. Gr. IV. Beylage 73, S. 312. Ungefähr dritthalb Jahrhunderte später findet man den Bischof von Constanz im Besitze von Wittlingen, im Jahr 1251 verkauft, nach der noch vorhandenen Original-Urkunde, der Bischof Eberhard mit seinem Capitel an den Grafen Ulrich mit dem Daumen von Würtemberg für 1100 Mark S. die Burg und die Besitzungen „Witelingen“ nebst dem Berg (cum monte) und dessen Zugehör, „gemeiniglich Leibgeding genannt“, unter der Bedingung, daß Burg und Zugehör Constanzische Lehen bleiben sollen.[2] Aus der bedeutenden Kaufssumme muß man schließen, daß zu der Burg wohl mehr, als das Dorf Wittlingen gehört habe. Der Herr Pfarrer Gratianus ist der Meinung, daß auch die vier Hardtflecken Gruorn, Trailfingen, Auingen und Böttingen, und selbst die Stadt Münsingen Zugehör der Burg gewesen seyen. Dieser Meinung stehen jedoch gegründete Zweifel entgegen. Nicht unwahrscheinlich ist es übrigens, daß Wittlingen in ältern Zeiten eine eigene unabhängige Herrschaft gebildet habe. Auffallend aber ist dabey freylich, daß | man auch keine Spur von einem eigenen Geschlechte von Wittlingen findet. Zwar kommen noch nach dem obengenannten Burkhardt in Urkunden von 1345 und 1346 ein Seifried von Wittlingen und von 1349 ein Heinrich von W. vor; allein beyde waren offenbar blos Ministerialen, die ihren Sitz auf Wittlingen hatten. Sollte vielleicht die alte Seeburg, wo sich auch der Herrenhof (der Uhenhof) befand, der Hauptsitz der Herrschaft und die vorliegende Burg Wittlingen mit den Burgen Baldeck, Fischburg, Hohen-Littstein etc. Zugehörung davon gewesen seyn? Noch im Jahr 1396 verkaufte Bernhard von Seeburg Güter zu Wittlingen an Graf Eberhard von Würtemberg, und die alte Seeburger Kirche stand auf Wittlinger Markung. Die Wittlinger Kirche mit Kirchensatz, Widdum und Zehnten wurde von Gerwig Güß von Laipheim 1397 an die Carthause Güterstein für 250 fl. verkauft; 1412 stiftete Dietrich Spät, Burgherr zu Urach, einen Hof, und 1457 ein Pfarrer zu Wittlingen Haus und Garten daselbst zu der Kirche.

In dem Felsen unter der Burg Hohen-Wittlingen befindet sich die Steffens-Höhle und nicht weit davon die Schillers-Höhle, wovon in der ersten Abtheilung S. 26 eine nähere Beschreibung gegeben ist. Unter die Natur-Merkwürdigkeiten gehören auch die schönen Marmorarten und andere Mineralien, welche in der Gegend gefunden werden, s. S. 39, 45, 46. Eine weitere Merkwürdigkeit ist

Baldeck, einst eine feste Burg, wovon aber jetzt nur noch wenige Spuren übrig sind. Sie stand 1/4 St. von Hohen-Wittlingen aufwärts am Rande des Gebirgs auf der Zinne eines zackigen Felsens, und wurde sonst auch das Madenschlößlein genannt, woraus nachher Mörderschlößlein gemacht wurde. Nach der Volkssage sollen die Bewohner von Baldeck und Wittlingen mittelst Zauberey durch die Luft zusammen gekommen seyn; nach einer andern Sage fand eine unterirdische Verbindung mittelst der Schillershöhle zwischen beyden Burgen Statt. Sowohl die Erbauung als die Zerstörung der Burg ist unbekannt; es findet sich überhaupt nur eine einzige, aber merkwürdige Nachricht von dem Schloße, sie ist in einer Marchthaler Urkunde vom Jahr 1256 enthalten, und besteht darin, daß die Urkunde, wodurch Graf Rudolph von Tübingen die Schirmsvogtey des Klosters Marchthal dem Bischof von Constanz übergibt, gegeben ist: „im Lager der Blockade von Baldegge“ (in castris obsidionis Baldegge), s. Würt. Jahrbücher 1826. H. 1. S. 77. Bald darauf, 1268, erscheint ein Otto | von Baldegge als Zeuge bey dem Verkaufe der Bergischen Lehen zu Mittelstatt und von dieser Zeit an findet man das Geschlecht in sehr vielen Urkunden bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts hinaus, und zwar fast immer mit dem Namen Otto. Von dem 15. Jahrhundert an erscheinen die B. in Würt. Diensten. Otto von Baldeck, d. ä., war Hofmeister des Grafen Eberhards des Milden, Rudolph v. B. befand sich 1409 und, auf dem Concilium zu Constanz, 1414 im Gefolge desselben Grafen, ein Otto v. B. war 1440 Burgherr zu Asperg und Rath des Grafen Ludwig, Claus v. B. belagert 1458 unter Graf Ulrich dem Vielgeliebten das Städchen Widdern, und wird mit ihm 1462 in dem Treffen bei Seckenheim gefangen. Hans von B. zieht 1492 mit Graf Eberhard im Bart gegen den Herzog Albert von Bayern und Claus und Rudolph von Baldeck sagen 1419 mit Herzog Ulrich dem Schwäbischen Bunde ab. – Der letzte von Baldeck kam 1565 auf der Jagd bey Magolsheim durch einen unglücklichen Sturz von dem Pferde um’s Leben und liegt in der Kirche daselbst begraben.

Die Güter der Familie bestanden in zerstreuten, theilweise erworbenen und wieder veräußerten, Besitzungen zu Dettingen, Würtingen, Pliederhausen etc. Über ein Jahrhundert lang besaßen sie auch das Schloß Hartneck (oder Herteneck) mit Oßweil und halb Egolsheim; u. noch 1507 erhielten Wilhelm, Claus und Jakob von B. die Besitzung Gutenberg im Lenninger Thale von Würtemberg zu Lehen. Die Burg Baldeck selber, zu der ein kleiner Feld- und Waldbezirk gehörte, war vermuthlich ein bloßes Soldlehen der Familie. Das Wappen des Geschlechts bestand in einem jagenden Hunde in schrägem Schilde und einem sitzenden Hunde auf dem Helm.

In der Umgegend von Wittlingen lagen auch die abgegangenen Weiler Bichishausen und Hofsteten. Ersteres ist schon bey Aglishardt abgehandelt; Hofstetten lernt man aus einer Schenkung Burkhards, eines Enkels des Grafen Cuno von Lechsgemünd (1134) an das Kloster Zwiefalten kennen. Burkhard vermehrte nachher die Schenkung mit der halben Kirche zu Wittlingen und andern Gütern. Die Schenkungen wurden aber von seinem Vetter, dem Grafen Heinrich von Lechsgemünd, dem Kloster wieder entrissen und dem Herzog Friedrich von Schwaben übergeben, der seine Leute damit belehnte. Sulger I. 83 und 84.

c. Georgenau, ein Mühlgut, im Ermsthale, an der Erms und der Landstraße auf Wittlinger Markung 5/4 St. | von Urach mit 6 Einwohnern, Filial von Wittlingen. Das Gut, das ehemals auch die Wittlinger Mühle hieß, hat seinen Namen von der Uracher Familie Georgii erhalten, in deren Besitz es längere Zeit war, und aus welcher Vater und Sohn die Vogtsstelle zu Urach von 1694 bis 1766 verleideten. Die Mühle wurde daher auch die Vogtsmühle genannt. Das Gut besteht in einer Fruchtmühle mit Wohn- und Wirthsschaftsgebäuden, 1/4 Garten, 8 M. Acker. 63 M. Wiesen, 41 M. Wald und 38 M. Weide. Der Vogt Georgii d. ä. hatte 1710 die Erlaubniß ausgewirkt, daß das Gut, womit er einen Melkhof verbunden hatte, von dem Flecken Wittlingen getrennt wurde. Nach dem Tode des Sohnes verkauften die Erben Mühle und Gut wieder an die Gemeinde Wittlingen, welche nun die alte Verbindung wieder herstellte, das Mühlgut aber an einen Bürger verkaufte.

Unmittelbar von Georgenau aus führt ein schöner Fußweg von seiner Anlage, die 9 Ränke genannt, an der steilen Waldwand hinauf nach Hohen-Wittlingen. Am Anfange desselben steht ein Denkstein v. J. 1751 mit einer großen Inschrift. „Zum Gedächtniß einer so außerordentlichen Handlung, und zum Wunder der Nachwelt,“ daß nämlich die Herzogin Elis. Frid. Sophia, erste Gemahlin des Herzogs Karl, „von den Wurzeln des Berges bis zu dessen oberstem Gipfel, wo die Ruinen von Wittlingen stehen, zu Fuß hinauf und von da wieder herabgegangen.“


  1. Sattler, Grafen I. Beyl. Nro. 10 und 23.
  2. Die Urkunde wird vollständig in einem der nächsten Hefte der Würt. Jahrbücher mitgetheilt werden.
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