Beschreibung des Oberamts Waldsee/Kapitel BK1

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1. Gemeinde Aulendorf,
1202 Einw.
  • 1) Aulendorf, ein kath. Pfarrdorf mit Marktger. 23/4 St. nordwestlich von Waldsee, mit 1005 Einw., gräfl. Residenz und Hauptort der Standesherrschaft, Sitz des königl. gräfl. Amts, der gräfl. Domanial-Kanzlei und eines Rentamts; Forstverw. Königseckwald. Die Zehenten beziehen der Pfarrer und die zwei Caplane. Heu- und Blutzehenten wird in der ganzen Gemeinde keiner gegeben. Patron ist der Standesherr. Die Grundlasten des Gemeindebezirks betragen 1831 fl. in Geld, und 2469 fl. in Natural-Gefällen; davon bezieht die Standesherrschaft 4191 fl., das Übrige die Gemeindepflege Musbach, die Heiligenpflege Ebersbach u. a.
A. liegt an der Landstraße von Ravensburg und Waldsee nach Buchau, Altshausen etc., am Abhange einer nach dem Schussental sich senkenden Anhöhe, unweit der Schussen. Es hat eine milde und freundliche Lage, und ist ein heiterer wohlgebauter Ort mit mehreren ansehnlichen Gebäuden. Auf einem Vorsprung der Anhöhe steht das gräfl. Schloß, ein stattliches Gebäude, welches aus 3 zu verschiedenen Zeiten entstandenen, durch Türme, in Verbindung gesetzten Schlössern besteht, wovon das älteste, wie wir oben S. 78 bemerkt haben, der Römer-Zeit angehört, das zweite dem 14ten Jahrhundert, und das dritte in der Mitte des 18ten Jahrhunderts von einem französischen Baumeister in einem schönen Style erbaut wurde. Die Einrichtung ist geschmackvoll. Es enthält eine Gemäldesammlung und eine reichhaltige Bibliothek. Der Vorderseite| gegenüber stehen die Wirthschaftsgebäude mit einem sehr geräumigen Pferdestall, und an diese grenzt der Schloßgarten mit seinen Gewächshäusern und seinen an einer Anhöhe zwischen Feldern und Wiesen sich hinziehenden, dem Zugang geöffneten schönen Anlagen, mit einer überraschenden Aussicht auf die weite Umgegend, südlich von den Tyroler und Schweizer Hochgebirgen begrenzt. Dem Schlosse angebaut ist die Pfarrkirche zum heiligen Martin, die im Jahr 1498 renovirt und 1558 bedeutend vergrößert wurde. Bei der 1498 vorgenommenen Renovation wurde auch eine Capelle, die Sebastians-Capelle, angebaut, welche nachher die Bestimmung einer Hofcapelle und vorzüglich 1801 mancherlei Verschönerungen erhielt. Sie enthält die gräfliche Familiengruft mit einigen schönen Monumenten. Der Hauptaltar der Kirche hat ein sehenswerthes Gemälde vom Jahr 1657, mit C. D. S. F. bezeichnet. In einer Säule der Kirche ist ein Grabstein eingemauert, dessen stark beschädigte Inschrift den Namen „Hans von Kunsegg“, nicht aber die Jahreszahl 1003 enthält, wie in dem Katalog der kath. Kirchenstellen von 1832 angegeben ist. Außerhalb des Orts befindet sich noch die 1560 von Joh. Jakob v. Königsegg erbaute und 1723 wesentlich veränderte Capelle, die Gottesacker-Capelle. Die Pfarrkirche, sowie diese Capelle werden auf Kosten der Kirchenfabrik erhalten; für die Erhaltung der Hofkapelle und deren innere Einrichtung aber sorgt die Standesherrschaft. – Die Einwohner nähren sich neben Ackerbau und Viehzucht zum Theil auch durch Gewerbe. Die Landwirthschaft hat sich in den letzten 30 Jahren hier vorzüglich vervollkommnet, es zeigt sich überall der wohlthätige Einfluß der gutsherrschaftlichen Verwaltung auf dieselbe. Durch Lage und Clima begünstigt, blüht insbesondere auch die Obstzucht, selbst die Straßen sind mit den edelsten Obstbäumen besetzt. In dem gräfl. Schloßgarten wird man sogar durch eine große Feigenpflanzung im Freien überrascht, welche alljährlich eine Menge der schönsten Früchte trägt. Der Ort hat 3 Schild- und 5 Schenkwirthe, eine Brauerei und 2 Mahlmühlen nebst einer Ölmühle. Eine der Mahlmühlen und die Brauerei sind | gräfl. Eigenthum, und werden, sowie ein beträchtliches Meiereigut, das die Herrschaft in der Markung Aulendorf besitzt, nebst den dabei befindlichen Mastungen, Schweinzucht und Schäferei durch das gräfl. Rentamt unmittelbar verwaltet. Graf Anton Euseb. v. Königsegg erhielt von Kaiser Leopold I. 1682 das Recht, in dem Flecken Aulendorf jährlich 5 Jahrmärkte und jeden Donnerstag einen Korn- und Wochenmarkt zu halten. Die erstern werden jetzt noch gehalten, aber die Korn- und Wochenmärkte scheinen bald nach ihrer Einrichtung wieder in’s Stocken gerathen zu seyn. – A. ist auch der Wohn- und Geburtsort des rühmlich bekannten Malers Sauter. – Die Pfarrei hat neben dem Pfarrer zwei Pfarrcaplane und einen Gottesacker-Caplan. In die Pfarrei gehören außer Aulendorf 39 Dörfer, Weiler und Höfe, darunter ein großer Theil aus dem Oberamte Saulgau. Über die Zeit der Entstehung fehlen die Urkunden. Ritter Berchtold v. Kyngsegk wird als Stifter der Pfründen zu St. Martin bezeichnet, er starb 1366. Indeß kommt die Pfarrstelle Alidorf schon im Jahre 1236 vor, aus Veranlassung eines Streits zwischen dem Kloster Weingarten und verschiedenen Pfarrstellen, und der Caplaneien wird in der Gottesdienst-Ordnung von 1370 ihrer gedacht. Der Sprengel war schon damals sehr ausgedehnt. Nach jener Kirchen-Ordnung und einer Urkunde des Bisthums Constanz 1390, welche beide in dem gräfl. Archiv zu Aulendorf aufbewahrt sind, waren schon damals an der Kirche ein Pfarrer und 3 Caplane angestellt, und die Herren von Königsegg übten schon lange das Patronat-Recht aus. Die Pfarrei war reichlich dotirt und der Pfarrer oder Kirchherr, Rector ecclesiae., hatte bischöfliche Rechte, namentlich durfte er seine Caplane entlassen. Die dritte Caplanei ging wahrscheinlich in den Zeiten des 30jährigen Kriegs ein. Dagegen stiftete 1755 der Graf Carl von Königsegg die Gottesacker-Caplanei, mit der Verpflichtung für den Caplan, neben nöthiger Aushülfe bei den pfarrlichen Verrichtungen vorzüglich für den Unterricht der Schuljugend und für Beförderung der Kirchen-Musik zu sorgen. Die Einkünfte des Pfarrers und der beiden Caplane| bestehen hauptsächlich in dem ihnen im ganzen Pfarrbezirk gebührenden Zehenten. Der Gottesacker-Caplan dagegen lebt von den Zinsen der Stiftungs-Capitalien. Die theils durch Grundgefälle, theils durch Capitalien reich dotirte Kirchenpflege, welche ihren guten Zustand hauptsächlich den Stiftungen der Grundherrschaft verdankt, hat die Baulast an den beiden Kirchen, am Gottesacker-Caplaneihaus und am Schulgebäude. Die Gebäude der 3 Pfarr-Geistlichen haben diese auf eigene Kosten zu erhalten. Sämmtliche Filiale, mit Ausnahme von Münchenreute und Esbach, welche eigene Schulen haben, gehören in die Schule nach Aulendorf. Der Lehrer an dieser wird von der Grundherrschaft ernannt und besoldet. Mit derselben ist eine Industrie- und eine Zeichnungs-Schule verbunden, in welcher die Kinder unentgeldlichen Unterricht genießen.
An Stipendien und Stiftungen besitzt der Ort:

1) die Königsegg-Montfort’sche Stiftung, ein Capital von 1250 fl. im Jahr 1686 von der Gräfin Maria Anna von Königsegg, geb. Gräfin von Montfort, gestiftet, um mit den Zinsen arme Kinder, die ein Handwerk erlernen wollen, zu unterstützen;

2) das Königsegg’sche Stipendium für Studirende, ein Capital von 1000 fl., 1666 von Waldburga Eusebia, Gräfin von Königsegg-Aulendorf, vermacht;

3) die Bregenzer’sche Stiftung von 800 fl. Capital, von dem Rentmeister Franz Joseph Bregenzer in Aulendorf 1786 für Schulprämien, oder zu Anschaffung von Papier, Federn etc. für arme Kinder;

4) die Sonntag’sche Stiftung von 1200 fl. Capital, gestiftet von Joh. Georg Sonntag, Oberamtmann zu Aulendorf, 1766 zum Schul-Unterricht für arme Kinder;

5) die Mutulo’sche, Blumische und andere kleine Armenstiftungen.

Aulendorf – in alten Urkunden Alidorf, Alendorf, Hallendorf – ist unstreitig ein sehr alter Ort. Die oben und S. 78 angeführten, hier aufgefundenen römischen Alterthümer machen es wahrscheinlich, daß hier einst eine römische Niederlassung war. Der Ort gehörte vermuthlich zu dem Untergau Schussengau, er erscheint übrigens im zehenten Jahrhundert als Besitzung der Welfen und wurde 935 mit Wolpertsschwendi,| Fronhofen etc. dem Grafen Rudolph aus dem Welfischen Stamme gegen Andelfingen und Enslingen (im Thurgau) von seinem Bruder Conrad, Bischof von Constanz, vertauscht; siehe Heß Monum. Guelf. p. 9, Neugart Episc. Const. p. 282 und Gerbert, Hist. silvae nigrae Tom. I. 66 und 250. Im eilften Jahrhundert erscheinen eigene Edle von A. als Welfische Ministerialen. In Kloster Weingarter Urkunden kommt 1080 ein Sigebotho und Herimannus de Aligedorf vor. Nach Weissenauer Urkunden schenkt um’s J. 1152 Bernardus miles de Alidorf, ministerialis ducis Henrici, einen Hof in Lingoldiswilar; ein Ortolfus de Alidorf steht als Zeuge unter den Welfischen Ministerialen, Urkunde vom Jahr 1172, und ein Fridericus und Ulricus de Alidorf in einer Urkunde von 1222, Gerbert s. n. T. III. n. 85. Vergl. auch Michelwinnenden. Zu welchem Stamme diese Herren v. A. gehört haben, darüber mangeln urkundliche Nachrichten; sehr wahrscheinlich aber ist es, daß sie Eines Stammes mit den alten Herren von Otterswang waren; siehe Otterswang. Noch im Jahr 1172 schenkt Manegoldus de Otofeswank dem Kloster Weissenau ein Gut zu Hallendorf (Aulendorf), und ebendahin 1189 dessen Tochter mit ihrem Gatten, einem Grafen von Aichelberg, und ihrem Sohne Egino die Lehensherrlichkeit über einen Hof daselbst. Vielleicht waren sie Abkömmlinge der Untergaugrafen vom Schussengau. Wie und wann die von Königsegg in den Besitz von Aulendorf gekommen, ist, wie schon bemerkt worden, unbekannt; vielleicht waren sie eines Stammes mit den von Aulendorf und Otterswang. Im Jahr 1381 verkaufte die Wittwe Eberhards von Hüttenreute ihre dortigen Güter an Ulin von Küngsegg seßhaft zu Alidorf. Dies ist die älteste bekannte Urkunde über den Aulendorfischen Besitz der von Königsegg; Von dieser Zeit findet man sie auch fortwährend darin. Der Ort bildete mit seinen Zugehörungen eine eigene Herrschaft; siehe oben. Nach der Verheerung und Entvölkerung des 30jährigen Kriegs wanderten auch in dem Königseggischen Gebiete viele Fremde aus Tyrol und der Schweiz| ein, welche die verlassenen Güter gegen Vorschüsse an Baumaterialien und Geld und gegen Erlaß aller Abgaben für mehrere Jahre zur Urbarmachung übernahmen. Der franz. Revolutionskrieg lastete so schwer auf der Grafschaft, daß dieselbe, nach einer genauen Berechnung, vom Aug. 1796 bis Ende 1801 einen Schaden von 658.653 fl. erlitt. Von der Schulden-Übernahme der Landschaftskassen auf die K. Staats-Kasse ist schon bei Saulgau, S. 229, Nachricht gegeben. Der Geschichte von Aulendorf verdient noch beigefügt zu werden, daß in frühern Zeiten ungefähr 20 jüdische Familien in Aulendorf ansäßig waren und 1 eigenen Lehrer, Gottes-Acker und Arzt hatten, 1693 wurde ihnen, vermuthlich in Folge der unaufhörlich vorgekommenen Klagen und Streitigkeiten, der Schutz aufgekündigt und das Königseggische Gebiet zu verlassen befohlen.
  • 2) Aachmühle, eine Mahlmühle mit 13 k. Einw., an der Schussen, über welche hier eine Brücke führt, Filial v. A. Zu derselben gehört noch eine tief unten an der Schussen liegende Nebenmühle, die Beimühle.
  • 3) Ebisweiler, ein k. W. auf einer Anhöhe, ganz auf der Oberamtsgrenze, mit 29 Einw., Filial v. A. Den großen und kleinen Zehenten bezieht hier die K. Hofkammer, mit Ausnahme von 2 M., welche der Kirchenfabrik zehenten. Die übrigen Verhältnisse wie bei A. – E. gehörte schon in frühern Zeiten zur Gemeinde Aulendorf, mit Ausnahme eines Hofs, der zu dem vormals Landvogtei’schen Amt Geigelbach und mit diesem unter die österreichische Landeshoheit gehörte. Graf Carl Seyfried, der im Jahr 1735 von dem Grafen Leopold von Sponeck das Grund-Eigenthum dieses Hofs erkauft hatte, erwarb auch im Jahr 1749 die hohe, niedere und forsteiliche Gerichtsbarkeit über denselben von Österreich, das sich aber die Landeshoheit und das Besteuerungs-Recht vorbehielt. Dieser Hof gehört übrigens dermalen noch zu der Gemeinde Geigelbach, Oberamts Saulgau, und der Ort ist somit unter 2 Gemeinden und 2 Oberämter getheilt; siehe Oberamt Saulgau, S. 154.|
  • 4) Musbach, ein k. W. mit 143 Einw., Filial von Ebersbach, Oberamts Saulgau; den großen Zehenten bezieht der Staat, den kleinen und Blut-Zehenten die Pfarrei Ebersbach. M. liegt an der Vicinalstraße von Waldsee nach Saulgau, ganz vom Oberamt Saulgau eingeschlossen. Es hat eine Capelle zum heiligen Nicolaus und eine Schule, welche die Gemeinde wegen weiter Entfernung von Ebersbach 1755 auf ihre Kosten errichtet hat. Zu gleicher Zeit stiftete Joh. Georg Amann, Ortsvorsteher zu M., ein Capital von 1100 fl., von dessen Zinsen wöchentlich in der Gemeindekirche eine Messe gelesen und der Überschuß zur Unterhaltung der Kirche und des Schulhauses verwendet werden solle. Im Jahr 1832 ließ die Gemeinde ein ganz neues geräumiges Schulhaus erbauen. M. hat eine besuchte Schildwirthschaft, eine Eisenhandlung und Mahlmühle. Die Einwohner sind betriebsam und größtentheils wohlhabend. Im Jahr 1808 wurde hier eine Güter-Arrondirung vorgenommen, wodurch Jedem seine Grundstücke in einem ununterbrochenen Zusammenhang zugetheilt wurden. Seitdem hat sich Feldbau und Viehzucht sehr gehoben und einen festen Wohlstand begründet. In frühern Zeiten besaß das Stift Buchau hier mehrere sogenannte Cornelier-Güter. Sie wurden aber nach und nach von den v. Königsegg erworben, namentlich durch einen Tauschvertrag 1788, wodurch Königsegg auch den Ort Grodt, Oberamts Biberach, erhielt, dagegen an das Stift Buchau das Amt Bierstetten und die Vogtei Reinhardsweiler überließ; s. Saulgau. Auch das Kloster Baindt besaß einst 3 Lehenhöfe in Musbach, sie wurden aber nebst 2 Höfen zu Haslanden und einem Hofe bei Ebenweiler 1723 von Graf Carl Seyfried gegen Abtretung der 2 Höfe zu Unter-Rauhen, des Hofs zum Poppenmayer und eines Hofs zu Hemetsweiler eingetauscht.
  • 5) Ramsenhof, ein Hof mit 9 k. Einw., welcher zur Erleichterung der oben erwähnten Güter-Vereinigung neu erbaut wurde, und daher ganz die Verhältnisse von Musbach theilt.
  • 6) Wannenberg, ein zehentfreier gräfl. Cameralhof mit 3 k. Einw., mit einem schönen durch sorgfältige Nachzucht| mit Schweizerstieren veredelten Rindviehstamme und einer Käserei.