Besuch der Blindenanstalt in Steglitz

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Textdaten
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Autor: Gustav Schubert
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Titel: Besuch der Blindenanstalt in Steglitz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 349–352
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Besuch der Blindenanstalt zu Steglitz.
Von Gustav Schubert.

Es gab eine Zeit – und sie gehört verhältnißmäßig noch nicht sehr lange der Vergangenheit an –, wo diejenigen Individuen der menschlichen Gesellschaft, welchen die Natur einen der fünf Hauptsinne vorenthalten hatte, Blinde und Taubstumme, auf Grund irriger Anschauungen Seitens der Vollsinnigen von der Cultur ausgeschlossen, ja in vielen Fällen von ihren gefühllosen Mitmenschen gehaßt und als „Gezeichnete“, an denen sich irgend ein Strafgericht Gottes vollzog,[1] gemieden und verstoßen wurden. Die Humanitätsbestrebungen der neueren Zeit ist es vorbehalten [350] gewesen, auch auf diesem Gebiete Bahn zu brechen, seitdem man zu der einfachen Erkenntniß gekommen war, daß der Blinde ein ebenso bildungsfähiger wie bildungsbedürftiger Mensch ist. Auf Grund dieses für die Blinden wie für die Nationalökonomie wichtigen Satzes entstanden besondere Bildungsanstalten, deren erste Anregung wir unseren westliche Nachbarn, den Franzosen, zuerkennen müssen. Valentin Hauy, Lehrer in Paris, sprach zuerst den großherzigen Gedanken aus, daß der Blinde, den man bis dahin als wissenschaftlicher Bildung wenig oder gar nicht zugänglich zu erachten gewöhnt war, auf die Theilnahme an dem Gemeingute der Civilisation Anspruch zu erheben berechtigt sei. Auf persönliche Anregung Hauy’s gründete der gelehrte Professor Dr. Zeune 1806 die preußische Central-Blinden-Anstalt. Nachdem dieselbe circa siebenzig Jahre segensreich gewirkt und schließlich in ihren äußeren Einrichtungen den Anforderungen nicht mehr genügen konnte, wurde ein Neubau beschlossen. Es darf als ein höchst glücklicher Gedanke bezeichnet werden, daß das neue Gebäude, welches Anfangs dieses Jahres beendet wurde, nicht wieder inmitten des Häusermeeres der Residenz erstand, sondern nach dem sieben Kilometer südwestlich von der Stadt gelegenen Dorfe Steglitz verlegt wurde.

Um der neuen Anstalt einen Besuch abzustatten, begeben wir uns nach dem Potsdamer Bahnhofe und benutzen von hier einen der fast stündlich abgehenden Züge. In circa fünfzehn Minuten ist das Ziel erreicht. Das Dorf Steglitz hat sich während der letzten Jahre bedeutend vergrößert und verschönert. Zu den prächtigsten Bauten gehört jetzt, abgesehen von einigen recht geschmackvollen Villen, die neue königliche Blinden-Anstalt. Dieselbe liegt, wenige Minuten vom Bahnhofe entfernt, in dem ehemaligen Schloßpark an der Rothenburger Straße. Auf dem acht Morgen großen, mit alten prächtigen Bäumen bestandenen Grundstücke erheben sich die drei aus rothem Ziegelstein aufgeführten Gebäude, denen durch den dahinter sanft aufsteigenden Wald mit seinem frischen Grün ein malerischer Hintergrund verliehen wird.

Das in der Mitte befindliche Hauptgebäude hat eine Front von fünfundfünfzig Meter und ist mit allen praktischen Erfindungen der Neuzeit, sowohl in Bezug auf die innere Einrichtung, wie auf das Blindenwesen, versehen. Hierzu hat der Anstalts-Director Rösner, im Auftrage der königlichen Regierung, Reisen nach den größeren Instituten Deutschlands und des Auslandes unternommen, mit Kennerblick das Beste und Erprobteste studirt und in der neuen Anstalt zur Geltung gebracht. Dieselbe ist keine Heilanstalt für Augenkranke, sondern eine Unterrichts- und Erziehungsanstalt; diejenigen Blinden, welche dem Institut zugeführt werden, sind sämmtlich unheilbar.

Schon beim Eintritt durch die Gartenpforte umfängt uns das sichere Gefühl des Wohlbefindens und glücklicher Zufriedenheit, welches bei eingehenderem Studium nur gehoben und gekräftigt wird. Das Institut (Internat), welches für hundert Zöglinge Raum gewährt, zählt augenblicklich erst circa die Hälfte. Die meisten der Blinden verbleiben in derselben von dem sechsten, resp. siebenten Jahre bis zu ihrer Confirmation, besonders Befähigte indeß bis zum neunzehnten und zwanzigsten Jahre, und genießen entweder die Benefizien einer der vierundzwanzig Freistellen, oder zahlen sechshundert Mark jährliche Pension. Fragen wir zunächst nach den Ursachen der Blindheit, so ergiebt sich die ebenso überraschende wie zu beherzigende Thatsache, daß die meisten der Zöglinge nicht zu den Blindgeborenen sondern zu den Blindgewordenen gehören. Die ersteren sind höchst selten und zu den letzteren liefert, was auch von anderer Seite oft warnend mitgetheilt worden ist, die Augenentzündung der Neugeborenen (Ophthalmia neonatorum) ein bedeutendes Contingent. Wir enthalten uns absichtlich der diese Behauptung bestätigenden statistischen Tabellen, rufen aber an dieser Stelle allen Müttern und Kinderpflegerinnen zu, bei jedem eintretenden Augenübel der Kleinen nicht den Weisungen einer angeblich klugen Nachbarin oder quacksalbernden Alten zu folgen, sondern sofort die energische Hülfe eines tüchtigen Arztes in Anspruch zu nehmen.

Ein erheblicher Procentsatz der Blinden verdankt sein mangelndes Augenlicht der Nachlässigkeit und, wir wollen milde urtheilen, der Unwissenheit der Eltern. Manche der Schüler des königlichen Blinden-Instituts erzählen uns die Veranlassung ihrer Blindheit. Der Eine weiß noch ganz genau, wie er an einem schönen Sommertage eine Glasflasche auf einem Steine zerschlug, deren Stücke ihm beide Augäpfel zerrissen und ihn in dunkle Nacht hüllten; ein Anderer wollte in kindlicher Neugier das Innere einer kleinen Steinkugel (Murmel) untersuchen, wobei ihm beim Zertrümmern derselben ein Splitter in das rechte Auge fuhr, dessen unheilbarer Zustand sich in kurzer Zeit auch auf das linke übertrug; ein blondlockiger Knabe verlor sein Augenlicht während einer Schulstunde, indem ihm sein Nachbar aus Unvorsichtigkeit einen Schlag gegen die Stirngegend versetzte. Doch forschen wir nicht weiter nach den Ursachen des Uebels! Bei dem reichen und tiefen Gemüthsleben aller Blinden ist es eine erklärliche Erscheinung, daß der Einzelne nicht gern von seiner Blindheit spricht, und – wir legen Allen, die mit Blinden verkehren, dies an’s Herz – nicht bedauert und bemitleidet sein will. Begleiten wir jetzt unsere kleinen Freunde, die sich von unserer Uhrkette, unsern Händen und Kleidern durch Betasten mit den Fingerspitzen gern eine Vorstellung machen, auf ihrem Tagewerke und ihrer Tagesfreude! Morgens sechs Uhr, beziehungsweise einhalb sieben Uhr, ertönt eine weithin schallende Glocke, welche Alle zum Aufstehen ermahnt. Unter specieller Beaufsichtigung des betreffenden Anstaltspersonals geschieht dies sofort. Nach beendigter Morgentoilette und nachdem die Erwachsenen ihre Betten in Ordnung gebracht haben, begeben sich Alle hinunter in den Speisesaal. Einzelne finden den Weg durch Corridore und Treppen mit einer Sicherheit, welche die durch das ganze Gebäude angebrachten Leitstangen für sie überflüssig macht. Befreundete wandern Arm in Arm, und es gewährt einen unbeschreiblich rührenden Anblick, wenn ältere Schüler Neulinge auf den rechten Pfad führen.

Endlich befinden sich sämmtliche Zöglinge auf ihren bestimmten Plätzen, die Mädchen links, die Knaben rechts; auf ein gegebenes Glockenzeichen erheben sich Alle, um nach einem kurzen Gebete ihr Frühstück einzunehmen; es besteht in süßem Kaffee und zwei „Schrippen“ im Gewichte von hundertsechszig Gramm. Unter freundlichen Gesprächen verfliegt eine halbe Stunde, worauf sich sämmtliche Schüler und Schülerinnen durch gesonderte Ausgänge nach ihren Zimmern begeben. Der Gang nach dem Speisesaale wird im Laufe des Tages zum Einnehmen der Mahlzeiten viermal unternommen.

Nach dem sehr richtigen Grundsatz, den Blinden in beständiger Thätigkeit zu erhalten und nicht einem schädigenden Hinbrüten zu überlassen, ist die Unterrichtszeit mit den entsprechenden Erholungspausen auf den ganzen Tag vertheilt. Der Unterricht zerfällt in drei Theile: 1) Lehrgegenstände der Volksschule mit Ausschluß des Zeichnens, 2) industrieller Handarbeitsunterricht und 3) ein eventuell bis zu höchster Vollendung führender Musikunterricht. Wenn schon nach dem Ausspruch eines bedeutenden Pädagogen beim Unterrichten und Erziehen vollsinniger Kinder „wie beim Ausbrüten der Kücklein Stille und Wärme nöthig ist“, so tritt diese Anforderung in erhöhtem Maße an den Blindenlehrer heran. Eine Blindenclasse, in der stets Knaben und Mädchen auf getrennten Plätzen gemeinschaftlich unterrichtet werden, bietet dem Besucher einen eigenthümlichen und zugleich erfreulichen Anblick. Zwar lachen dem Lehrer nicht fröhliche Kinderaugen entgegen, denn die Augenhöhlen der Schüler sind entweder geschlossen oder zeigen nur starre, pupillenlose Augäpfel, aber trotzdem stellt das Ohr, dieses zu erstaunlichen Leistungen fähige Organ, zwischen Lehrer und Schüler ein so inniges Band des Verständnisses, der Freundschaft und Anhänglichkeit her, wie es nicht schöner gedacht werden kann. Der Lehrer ist das erleuchtende und erwärmende Gestirn, zu dem sich das liebebedürftige Kindergemüth gleich wie die Blume zur Sonne hinneigt. Doch mit welchen Schwierigkeiten ist der Unterricht verknüpft!

Erfahrungsmäßig entstammen die meisten blinden Kinder den ärmeren Bevölkerungsschichten, wo in gar vielen Fällen den Eltern unter dem Drucke harter Arbeit und niederdrückender Sorgen Luft und Befähigung für ihre natürlichen Erzieherpflichten verloren gehen. Das unglückliche Wesen verbringt in Folge dessen seine ersten Lebensjahre in dumpfem Stillsitzen; an Stelle der lebensvollen Entwickelung, wie wir sie bei dem sehenden Kinde beobachten, tritt hier ein todtes Vegetiren. Die königliche Blinden-Anstalt erhält nicht selten Schüler, die leiblich und geistig auf [351] einer unglaublich niedrigen Stufe stehen. Manche sind nicht im Stande zu gehen, etwas zu ergreifen oder selbstständig Nahrung zu sich zu nehmen. Der erste Unterricht hat daher zunächst die doppelte Aufgabe, das Kind leiblich und geistig zu entwickeln. Behalten wir zunächst die leibliche Erziehung im Auge, so tritt hier in überaus fruchtbringender Weise das Turnen, respective Gymnastik ein. Es ist wohl einleuchtend, daß darunter nur eine besondere Auswahl der Uebungen zu verstehen ist, die der Sehende ausführen kann. Die allen Blinden eigenthümliche schlaffe Haltung, Zaghaftigkeit und Unbeholfenheit weicht durch methodische Ausbildung in der Gymnastik (Freiübungen und Geräthturnen) einem frischen, kräftigen und selbstbewußten Wesen, welches sich in vortheilhaftester Weise in der jungen Seele wiederspiegelt.

Die geistige Erziehung entbehrt von vornherein des Hauptcanals aller seelischen Eindrücke, des Auges; sie ist deshalb genöthigt, sich an die vier andern Hauptsinne, Gefühl, Gehör, Geruch und Geschmack, zu wenden. In Bezug auf den ersteren gilt der Satz: „Die Fingerspitzen des Blinden sind seine Augen.“ Auf dem Wege des Fühlens und Tastens werden ihm alle Formvorstellungen übermittelt; deshalb wird der Ausbildung des Tastsinnes und seines Werkzeuges, der Hand, die größte Aufmerksamkeit gewidmet.

Sieh nach!“ ruft der Lehrer dem Kinde in verschiedenen Unterrichtsstunden zu.

„Ich muß doch ‚nachsehen‘, welche Personen im Zimmer sind“, hören wir den Blinden sagen, indem er die Anwesenden betastet. Um seine Mitschüler zu erkennen, genügt oft ein leichtes Streichen über die Kleidung derselben; bei näherer Bekanntschaft bestimmt er den Namen des Betreffenden sogar nach den Athemzügen oder dem Geruch. Wenden wir uns zu den Unterrichtsgegenständen, bei denen die Vermittelung der Hand eine große Rolle spielt! In der königlichen Blindenanstalt kommen mehrere Systeme des Lese- und Schreibunterrichts zur Anwendung, die entweder die Communication mit den Sehenden oder mit den Blinden bezwecken. Für letztere ausschließlich ist die französische Punktschrift (Braille’s System) eingeführt, eine sinnreiche Erfindung des Pariser Blindenlehrers Braille. Zur Herstellung derselben dient eine Tafel in Großoctavform aus Zink- oder Eisenblech. Mit Hülfe eines messingenen Lineals und stumpfen Stahlstiftes drückt der Blinde in das eingespannte Papier Punkte und zwar von rechts nach links, diese Punkte, welche in zwei Reihen von einem bis sechs anwachsen

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a b c d etc.

, erscheinen auf der untern Seite des Blattes erhaben und werden dann, nachdem dasselbe herumgedreht, von links nach rechts gelesen. Das zweite System ist eine Blauschrift, für Blinde zu schreiben, aber nur von Sehenden zu lesen. Zur Ausführung dient eine ähnliche Tafel, wie die oben genannte; in dem über dem Papier liegenden Messinglineal sind kleine Oeffnungen mit verschiedenen Richtpunkten angebracht, innerhalb deren die Buchstaben mit einem spitzen Stahlstift zur Darstellung gelangen; durch abfärbendes Blaupapier entsteht auf dem darunter befindlichen weißen Papier eine Schrift, die mit einer telegraphischen Depesche in Druckbuchstaben große Aehnlichkeit hat. Wie groß ist nicht die Freude der Angehörigen, von dem bisher zu Allem unfähig gehaltenen blinden Kinde den ersten Brief zu erhalten! Ein drittes System, welches alle Schüler erlernen, führt den Namen „erhabene Uncialschrift“; die Buchstaben erscheinen auf starkem Papier reliefartig und werden von den Schülern der Anstalt theilweise durch Druck in einer eigens dazu eingerichteten Druckerei hergestellt. In diesem Systeme sind auch die meisten Werke, welche zum Lesen für Blinde bestimmt sind, ausgeführt: Lesefibeln, Bruchstücke der Bibel, belehrende Aufsätze etc. Punktschrift und Reliefbuchstaben werden mit den Fingerspitzen gelesen. Es ist beklagenswert, daß derartige Literatur bisjetzt noch recht schwach auf dem Büchermarkte vertreten ist, doch wird auch hierin die Neuzeit nicht zurückbleiben.

Unentbehrlich ist die Hand ferner in der Arithmetik, Geometrie, Geographie und Naturgeschichte. Im Rechnen hat jeder Schüler eine sogenannte russische Rechenmaschine (auf Draht gezogene Holzkugeln), mit welcher die ersten Zahlenbegriffe gewonnen werden; hieran schließt sich später das schriftliche und Kopfrechnen, bei welchem manches gleichaltrige sehende Kind in Bezug auf die Resultate in der Concurrenz erliegen würde.

Viele Blinde haben außerordentliches Talent für Rechnen und Mathematik, welche Erscheinung auf das vorzügliche Gedächtniß, eine Hauptkraft derselben, zurückzuführen ist. Die Geometrie hat Körper und tastbare Zeichnungen, die Geographie Reliefkarten als Anschauungsmittel. Es ist äußerst interessant zu sehen, mit welcher Sicherheit und Schnelligkeit die Schüler den Lauf der Flüsse oder der Gebirge verfolgen, mit welcher Freude sie die durch erhabene Metallbuchstaben markirten Städte „zeigen“. Großes Vergnügen pflegt der naturgeschichtliche Unterricht zu bereiten. Hier vermitteln die Fingerspitzen die Erkenntniß der Thierformen (Modelle oder ausgestopfte Exemplare), Pflanzen und Steine. Wie weit sich das botanische Wissen erstreckt, geht daraus hervor, daß viele Blinde die ihnen vorgelegten Pflanzen bis auf die Staubgefäße zu bestimmen vermögen; reicht die Fingerspitze nicht aus, so helfen Geruch und Geschmack nach.

Wir übergehen die übrigen Unterrichtsgegenstände, Religion, Geschichte, Physik, Sprache, und wenden uns zu einer Disciplin, die in der Erziehung des Blinden, ja für das ganze Leben desselben von eminentester Bedeutung ist: der Musik. Der Director des königlichen Blindeninstituts, Rösner, eine anerkannte Autorität, sagt darüber, „Organ“ XIV, 54: „Der Musikunterricht ist ein Hauptlehrgegenstand unter den Unterrichtsobjecten der Blindeninstitute, denn Natur, Neigung, Bedürfniß verweisen den Blinden auf die Musik. Ein richtiger und gründlicher Musikunterricht hat gerade hier die erfreulichsten Resultate darzulegen, derart, daß wir die Musik der Blinden nicht blos als eine angenehme Unterhaltung und eine ihrem Zustande angemessene Zerstreuung und Vergnügung in vielen einsamen Stunden ihres Lebens, auch nicht blos als ein mit Naturnothwendigkeit gefordertes Surrogat für die der Blindheit verschlossenen Reize und Freuden in den Gestaltungen der Sichtbarkeit erachten und behandeln können, sondern sie als ein wesentliches, die ganze Persönlichkeit des Zöglings veredelndes Bildungselement anzuerkennen genöthigt sind.“

Was dem Sehenden der Anblick einer Frühlingslandschaft, das ist dem Blinden das Anhören der Musik; ihren Klängen folgt er wie der Vogel dem Lockrufe. Der Musikunterricht des königlichen Instituts umfaßt Gesang, Instrumentalmusik und Theorie. Da den Blinden die Notenschrift nur in beschränktem Maße zu Gebote steht, so muß hier das Gedächtniß und ein sehr weitgehender theoretischer Unterricht eintreten; durch letztern erklären sich auch Leistungen, wie der Vortrag Bach’scher Fugen und schwerer contrapunktischer Compositionen auf der Orgel und dem Claviere. Für die „Königin der Instrumente“ hat das Institut schon bedeutende Virtuosen ausgebildet, von denen mancher als wohlbestallter Organist sich eine Existenz gegründet hat. Schreiber dieser Zeilen hörte von einem fünfzehnjährigen Schüler in der Aula der Anstalt eine Toccate von Bach mit großer Klarheit und Sicherheit vortragen; als er, um dem jungen Künstler eine Freude zu machen, eine Phantasie über einen bekannten Choral vortrug, hatte sich hinter ihm mit Blitzesschnelle ein Auditorium gesammelt, wie es dankbarer und aufmerksamer nicht leicht gefunden werden dürfte. Die blinden Kinder hatten mit feinem Ohre die oftgehörte Toccate von der neuen Pièce durch mehrere Etagen hindurch zu unterscheiden gewußt.

Das in der Musik gestellte und mögliche Pensum für Blinde ist ein sehr hohes; bei Erreichung desselben hören wir von einem Gesangchor unter Begleitung aller Streich- und Blasinstrumente einen Theil der Haydn’schen „Schöpfung“ oder Fragmente des „Paulus“ von Mendelssohn. Vielen Blinden dient die Erlernung eines Instruments als spätere Erwerbsquelle. – Von besonderer Wichtigkeit ist der industrielle Handarbeits-Unterricht, derselbe hat die Aufgabe, die Zöglinge mit technischen Fertigkeiten auszurüsten, um sie durch eine nützliche Beschäftigung in vielen langen, einsamen Stunden vor der geisttödtenden Langeweile und dem entsittlichenden Müßiggange zu bewahren und ihnen als brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft eine Existenz zu sichern. Folgende Beschäftigungen dienen vielen Blinden zu ihrem späteren Fortkommen: Seilerei, Korbmacherei, Flechten von Tuchleisten, Stroh, Schilf, Binsen, gespaltenem Rohr und Draht, Fischnetzstrickerei, Rohrstuhlbeziehen, Bürstenbinderei, Cigarrenwickeln, Pianofortestimmen und Aufziehen von Claviersaiten; für weibliche [352] Blinde außerdem: allerlei Strick- und Filetarbeit, Anfertigung von Bekleidungsgegenständen und Luxussartikeln, Spinnen, Häkeln, Perlenarbeit etc. Wir verlassen jetzt das mühevolle Gebiet des Unterrichts, auf welchem außer dem Director drei wissenschaftliche Lehrer, zwei Musiklehrer, ein Handarbeitslehrer, eine Handarbeitslehrerin mit dem größten Segen unterrichten, und folgen unsern jungen Freunden auf ihre Erholungsstätten. Bei ungünstiger Witterung machen sie entweder Spaziergänge in den langen Corridoren oder halten sich in ihren Wohnzimmern auf; hier spielen sie Schach, Domino, „Tivoli“; jüngere Zöglinge erfreuen sich an Holzsoldaten oder bauen sich eine kleine Stadt auf, ganz in der Weise eines vollsinnigen Kindes. Ein interessantes Bild entfaltet sich an schönen warmen Tagen in dem Anstalts-Park. Es ist ein weitverbreiteter Irrthum, daß Blinde des Lichtes entbehren können. Nichts ist ihnen nöthiger als Sonnenschein und Tageslicht, und die Blinden des Königl. Instituts versäumen gewiß keine Minute der Freiheit, das Lehrgebäude zu verlassen, um in den herrlichen Anlagen Erholung und Erfrischung zu suchen. Durch das mit großer Sorgfalt gepflegte, eingezäunte Grundstück führen breite mit Steinen eingefaßte Wege; Stufen und Vertiefungen sind auf das Gewissenhafteste vermieden, so daß die Zöglinge sich ungehindert und frei bewegen können. Von keinem Sterblichen wird wohl das Herannahen des Frühlings mit so großer Aufmerksamkeit und inniger Hingabe beobachtet, als von unsern Blinden. Die Faust’sche Frage: „Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?“ durchzittert auch die Brust des in ewige Nacht Gehüllten und sucht eine Beantwortung. Ergötzt er sich auch nicht an dem sprossenden Grün der Bäume und Sträucher oder den lachenden blumigen Wiesen, seinem Ohr erschließen sich tausend Reize. Er empfindet voll und ganz den Aufruf des Dichters:

„Horch, wie es in den Wipfeln rauscht,
Horch, wie’s im stillen Thale lauscht!
Dir schlägt das Herz, Du merkst es bald,
Der liebe Gott wohnt in dem Wald,“

nicht minder Goethe’s Wort:

„Doch ist es Jedem angeboren,
Daß sein Gefühl hinaus und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt.“

Wie lauschen die auf ihren Spielplätzen sich sonnenden Knaben und Mädchen dem Vogelgesang! Sie erkennen aus den einzelnen Vogelstimmen nicht allein den Sänger und seine Art, sie unterscheiden sogar seinen Freuden- und Angstruf und erkundigen sich nach dessen Ursachen. Verschiedene Zugvögel bestimmen sie nach dem Geräusch des Fliegens; sie kennen die Bäume, auf denen wilde Tauben brüten. – Die herrliche Lage des Parkes bietet indeß noch vielerlei andere Vergnügungen für das Ohr. Aus dem ziemlich weitentfernten „Grunewald“ wird bei günstigem Winde das Rothwild gehört; vorüberbrausende Züge zweier Bahnen und deren Signale dienen zu Zeitbestimmungen; Glockengeläute aus entlegenen Ortschaften, Kanonen- oder Gewehrschüsse aus den Berliner Exercirplätzen oder das weithintönende Pfeifen der Locomotiven geben zu Unterhaltungen reichen Stoff. – Wir verabschieden uns ungern von den einzelnen Gruppen, vergessen aber nicht, den fleißigen Turnern am Barren und Reck, desgleichen einigen guten „Schützen“ auf der Kegelbahn, deren Gäste bis zum Aufsetzer nur aus Blinden bestehen, einige Worte der Anerkennung zuzurufen. Wir scheiden mit dem Bewußtsein, eine Stätte kennen gelernt zu haben, wo manches Herz aufgerichtet, manche Seele gerettet, wo das Leid vergessen und in Freude umgewandelt wird. Möge die Anstalt im Dienst der Humanität noch weiter blühen, wachsen und gedeihen!

  1. Vergl. Joh. 9, 1–2. Vom Blindgeborenen.