Bilder aus dem Ehestandsleben im Orient

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Autor: Heinrich von Maltzan
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Titel: Bilder aus dem Ehestandsleben im Orient
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19–20, S. 308–311, 324–326
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bilder aus dem Ehestandsleben im Orient.
Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.
Nr. 1. Eine Todtschlägerin. – Frauenfeindschaft in vielweibigen Ehen. – Zauberei als Mittel, eine Nebenbuhlerin hinwegzuräumen. – Wie sich ein Magier zu helfen weiß. – Hochzeit und Brauttoilette im Orient. – Scene mit dem Schnupftuch. – Eifersucht arabischer Ehemänner. – Die Rache eines geschiedenen Ehemannes.


Vor einigen Monaten stand vor dem Gericht in Algier eine hübsche junge Kabylin, etwa achtzehn Jahre alt, deren für eine Landbewohnerin feine und zarte Züge das Herz der Zuschauer zum Mitgefühl stimmten und selbst auf die Richter nicht ohne Eindruck blieben. Was hatte diese Schöne verbrochen? „O, eine Kleinigkeit!“ würde ein Eingeborener geantwortet haben. Sie hatte nur ihre Mitgattin mit einer Axt todtgeschlagen. Das klingt allerdings schrecklich, wenn man es so trocken und ohne die begleitenden Nebenumstände aussagt. Aber in Wirklichkeit war die Angeklagte mehr zu bedauern, als zu verdammen. Sie war ein Opfer der traurigen Umstände geworden, welche nicht selten die Vielweiberei im Gefolge hat.

Tessalit, so hieß die junge Kabylin, war noch ein halbes Kind, als sie an einen Mann verheirathet wurde, der sich bereits einer älteren Ehehälfte erfreute. Letztere, Chadidscha genannt, wird als eine wahre Xanthippe geschildert. Gegen ihren Mann wagte sie freilich nicht allzu derb aufzutreten. Darin verstehen die Kabylen keinen Spaß. Sie mußte es dulden, daß dieser eine zweite Frau nahm, welche ihr an Schönheit und Liebenswürdigkeit überlegen war, und folglich von dem Gatten mehr geliebt wurde, als sie. Aber der armen Tessalit schwur sie Rache. Dazu fand sich eine gute Gelegenheit, als bald darauf der Ehemann wegen einiger falschen Begriffe über „Mein und Dein“ zu fünf Jahren Gefängniß verurtheilt wurde. Tessalit ahnte, was ihr bevorstand, und floh deshalb zu ihrem Vater. Aber der Gatte ließ sie durch einen seiner Brüder zurückbringen. Als sie kam, wies ihr zwar ihre liebenswürdige Mitgattin die Thür, was ihr sehr willkommen gewesen wäre, wenn sie dadurch die Möglichkeit zur Rückkehr zu ihren Eltern erlangt hätte. Aber nein! Die Xanthippe wußte, daß sie es dort gut hatte. Sie sollte es aber schlecht haben. Darum zeigte sie derselben die Thür und zwang sie, vor dem Hause und zwar im ummauerten Hofe zu bleiben und auch die kältesten und regnerischsten Nächte dort unter freiem Himmel zuzubringen. Sie sah sie nur als ihre Gefangene an, an der sie ihr Müthchen kühlen konnte. Die Zeugen melden von einer Reihe haarsträubender Mißhandlungen, denen die Aermste nun unterworfen wurde: tägliche Schläge, Brennen mit glühenden Kohlen, Hungerleiden und dergleichen mehr. Endlich faßte sich Tessalit ein Herz und machte einen Fluchtversuch. Aber Chadidscha kam ihr nach, überfiel sie mit einem Beil und versetzte ihr damit einige Hiebe. Da indeß der Zorn ihre Hand unsicher machte, so behielt das Opfer doch Kraft genug, ihr das Beil zu entwinden und sich mit demselben gegen die Wüthende zu wehren. Dabei fiel der tödtliche Schlag, der dem Dasein der Xanthippe ein Ende machte. Es war kaum mehr als Nothwehr. Das Gericht faßte es freilich als einen Todtschlag, jedoch unter mildernden Umständen begangen, auf, und verurtheilte sie zu einem Jahr Gefängniß. Nach europäischen Begriffen mag dies hart scheinen. Aber sie konnte ihrem Schöpfer danken, daß sie nicht vor ein arabisches Gericht gestellt worden war, denn ein solches urtheilt nur nach der Thatsache, daß man überhaupt den Tod eines Menschen verursacht hat, und hätte ihr Vergehen wie Mord bestraft.

Dergleichen traurige Ereignisse sind leider in den vielweibigen Ehen keine Seltenheit, wohlverstanden bei den Orientalen. Wie es damit bei den Mormonen und den Secten, welche dem Manne gestatten, mehrere sogenannte „Seelenbräute“ zu besitzen, hergeht, weiß ich nicht zu sagen. Möglich, daß die Mystik über die Eifersucht siegt. Aber die Orientalinnen wissen nichts von Spiritualismus und sind sehr materiell eifersüchtig, äußern auch diese Eifersucht oft auf sehr materielle Weise, wenngleich nicht gerade immer mit Axt und Beil, Gift und Dolch, was übrigens auch keineswegs selten ist.

Bei solchen Gesinnungen ist es manchmal ein Glück, wenn diese Schönen an irgend einem Aberglauben hängen, den sie ihren Rivalinnen gegenüber zur Hülfe rufen; dann wenigstens geschieht den letzteren dabei nur eingebildetes Leid. Ich erinnere mich eines Fekihs[1] aus Marokko, der aber in Dschedda in Arabien lebte und ein ziemlich gutes Geschäft mit dem Ausbeuten des Aberglaubens im Allgemeinen und der abergläubischen Praktiken in Ehestandssachen im Besonderen machte. Dieser Mann wurde vielfach von eifersüchtigen Gattinnen besucht, die ihn gut bezahlten, damit er ihren Rivalinnen einen Schabernak zufüge, und manchmal mehr als einen Schabernak, wenigstens in der Absicht. Ich hatte ihn in Algerien gekannt; als ich ihn in Dschedda wiedertraf, lud er mich in sein Haus ein, um mir verschiedene Raritäten zu zeigen, mit denen er nebenher Handel trieb. Was mir unter seinen Merkwürdigkeiten am meisten auffiel, war eine Anzahl höchst ungestalter kleiner Wachsfiguren, so roh wie die Götzenbilder von Völkern, die auf der tiefsten Kunst- und Culturstufe stehen. Es war übrigens unverkennbar, daß sie weibliche Wesen vorstellen sollten. Ich fragte ihn, was wohl der Zweck dieser Figürchen sein könne. Diese Frage setzte ihn in einige Verlegenheit; daran merkte ich, daß es sich wohl um irgend einen Aberglauben, von seiner Seite natürlich nur um eine Betrügerei handele, die er doch nicht einem Europäer [309] gegenüber eingestehen mochte. Zum Glück überhob mich jedoch die Ankunft eines Kunden aller weiteren Fragen. Dieser Kunde war ein junger Mann, der, wie ich bald merkte, nur als Beauftragter seiner Schwester, der Gattin eines angesehenen Arabers, kam. Er schien ziemlich aufgeregt und mit dem Fekih unzufrieden, so daß er diesen gleich am Anfang mit einem Wortschwall von Vorwürfen überschüttete. Darüber vergaß Letzterer gänzlich meine Anwesenheit, und so wurde ich gegen seine Absicht Zeuge einer der sonderbarsten abergläubischen Handlungen, die ich jemals gesehen habe. Es war viel von einer „Puppe“ die Rede, mit welcher der Fekih versprochen hatte, irgend welche mysteriöse Dinge vorzunehmen. Aber dieses Versprechen schien er nicht gehalten zu haben. Wenigstens sagten dies die Worte des jungen Arabers:

„Du Schurke!“ so rief er, „Du Betrüger! Du hast das Geld meiner Schwester genommen und doch nicht Deine Zusage gehalten.“

Der Magier schwur bei Allem, was dem Muselmanne heilig ist, daß er es doch gethan habe. Aber der Araber wollte Näheres wissen.

„Hast Du sie vergiftet?“ frug er.

Der Fekih betheuerte, es gethan zu haben. Ich schauderte. Wer war hier vergiftet worden? Jedoch mein Schrecken sollte sich bald legen, denn die Sache war nicht so gefährlich, wie sie lautete.

Der Araber fuhr fort zu fragen: „Hast Du ihr einen Dolch in’s Herz gestoßen?“

Statt aller Antwort hob der Zauberer einen Schleier, der ein kleines Figürchen, ganz den oben geschilderten Wachsbildern gleich, bedeckte. Es stellte gleichfalls eine Frau dar, was man trotz der Plumpheit der Ausführung deutlich sah. Diese kleine Frau von Wachs war mit einem grünlichen Safte überzogen. Das sollte wahrscheinlich das Gift sein. Außerdem hatte sie eine Stecknadel in der Brust stecken, das war der in’s Herz gestoßene Dolch!

Der junge Araber beobachtete scharf die Puppe und überzeugte sich, daß sich Alles so verhielt, wie der Zauberer gesagt hatte.

„Wie lange ist sie schon in diesem Zustande?“ frug er.

„Ich habe sie,“ so lautete die Antwort, „gleich nachdem die Scheicha (Frau eines Scheichs) hier gewesen, vergiftet und zwei Tage später erdolcht.“

Der Kunde schaute sich die Sache nochmals höchst aufmerksam an. Da er aber keinen Fehler entdecken konnte, so wendete er sich unwirsch davon weg. Er ging eine Zeitlang aufgeregt im Zimmer auf und ab, wobei er die Augen trostlos gen Himmel wandte und immer vor sich murmelte:

„Es hat doch nichts geholfen!“

Endlich aber blieb er wie in einem Paroxysmus von Zorn vor dem Zauberer stehen, packte ihn bei der Schulter, schüttelte ihn derb und schrie:

„Sage mir, Schurke, warum hat es nichts geholfen?“

Der Fekih hatte Mühe, sich den Händen des Wüthenden zu entringen. Jetzt neue Betheuerungen seiner Unschuld, wenn überhaupt hier von Unschuld die Rede sein konnte. Er hatte das ganze grauenhafte Mysterium, gerade so wie es die Bezahlende befohlen, ausgeführt. Warum hatte es noch nichts geholfen? O, das war leicht zu erklären! Zum Werke der Magie gehört Zeit. Es waren ja erst acht oder vierzehn Tage verstrichen. Geduld, Geduld und wiederum Geduld (der ewige Endreim aller Zauberer) sei hier vor allen Dingen von Nöthen. Durch Hast, Ungeduld und aufgeregtes Wesen werde aber Alles verdorben. Ja, jetzt habe der junge Mann durch seinen Ausbruch von Wuth eigentlich schon das ganze Werk zunichte gemacht. Diese letzten Worte brachten einen tiefen Eindruck auf den Araber hervor. Es war ein sehr kluger Kniff von Seiten des Magiers. Denn da Zorn und Ungeduld das Werk der Magie zerstören sollten, so wurde nun der junge Mann lammfromm und bat in den flehentlichsten Ausdrücken, der Fekih möge doch das Zerstörte wieder herstellen. Das war eine Gelegenheit, Geld zu erpressen, und sie wurde auch wirklich mit Erfolg ausgebeutet. Der Araber zahlte und nahm dafür das Versprechen beim Weggehen mit, das nächste Mal werde Alles gelungen sein.

Was war das Hexenwerk, das hier gebraut wurde? Ich hatte zu viel mit Arabern verkehrt und auch über ihre abergläubischen Praktiken schon zu Mannigfaches gehört, um lange im Zweifel darüber zu bleiben. Die Wachsfigur stellte die Nebenbuhlerin und Mitgattin der Schwester des jungen Arabers dar. Vermittelst gewisser Zauberformeln behauptete der Magier die Macht zu haben, Jener alles das in Wirklichkeit (aber ohne körperliche Annäherung) zufügen zu können, was er am Bilde symbolisch ausgeführt hatte. Das Bild hatte er mit Gift überzogen; folglich mußte diejenige, deren Abbild die Wachsfigur vorstellen sollte, an Gift sterben. Er hatte es erdolcht; also mußte ihr ein Gleiches geschehen. Starb sie dennoch nicht, so geschah es nicht etwa, weil der Zauber nicht wirkte, sondern lediglich deshalb, weil die Bedrohte Gegenzauber gebrauchte. Und wer war der Hexenmeister, dessen sie sich hierzu bediente? Kein anderer, als der Fekih selbst. Dieser unparteiische Mann pflegte nämlich stets die Verfolgten davon zu benachrichtigen, was gegen sie im Werke sei, und da diese eben so abergläubisch waren, wie ihre Verfolgerinnen, so wandten sie ansehnliche Bestechungssummen auf, um den Zauber zu paralysiren. So betrog er beide Theile. Aber sein Ansehen als Magier wuchs dadurch ebensosehr, wie seine Casse sich füllte, denn jeder Theil suchte den andern an Geschenken zu überbieten. Ein schlauer Betrüger! Indeß zürnen wir nicht allzusehr mit ihm! Wäre er und sein Hexen-Hokuspokus nicht, wer weiß, wie viel Gräuelthaten dann an menschlichen Leibern, statt, wie jetzt, an Wachsfiguren, ausgeführt würden!

Es ließen sich noch viele Beispiele anführen, um die traurigen Folgen der aus der Vielweiberei entspringenden Eifersucht zu zeigen. Indeß wäre es ein Irrthum, zu glauben, daß, weil der Koran dem Muselmann gestattet, mehrere und zwar vier legitime Gattinnen und daneben so viele Sklavinnen als Kebsweiber zu besitzen, wie er versorgen kann, auch wirklich die Mehrzahl von dieser Erlaubniß Gebrauch macht.

Bei den Bauern und Beduinen, denen die Frauen das Feld bestellen und das Vieh weiden helfen, also als Arbeiterinnen nützlich sind, herrscht die Vielweiberei aus ökonomischen Gründen, bei den Pascha’s und andern Vornehmen als Luxus. Bei letzteren ist ein zahlreicher Harem das Aushängeschild ihres prahlerischen Reichthums. Aber beim Mittelstande und überhaupt den städtischen Bürgern finden wir sehr viele einweibige Ehen. In einzelnen Städten, wie zum Beispiel in Algier, besteht sogar die Gewohnheit, daß sich der Mann den Eltern der Braut gegenüber verpflichtet, seiner Gattin keine Gefährtinnen zu geben. Es war das ohne Zweifel ein Hauptgrund jener glücklichen häuslichen Verhältnisse, welche, nach dem einstimmigen Urtheil aller alten Algierer, vor 1830 in ihrer Vaterstadt herrschten. Seitdem hat die Sittenverderbniß sehr überhand genommen. Das Gute, was die Franzosen besitzen, kam nicht nach Algier, wohl aber das Schlechte, denn die Einwanderer waren meist der Auswurf. Daher ein allgemeiner Verfall der Sitten seit jener Zeit, daher die Angst und das Bangen jedes mit Töchtern gesegneten Vaters, bis er dieselben glücklich unter die Haube gebracht hat. Ist ein Mädchen zwölf Jahre alt, so hegen die Eltern keinen andern Gedanken, als es schleunigst an den Mann zu bringen. Aber diesen Wunsch dürfen sie nicht etwa äußern. Die Initiative muß, wie bei uns, vom Freier ausgehen, doch nicht direct, sondern auf Schleichwegen. Dazu dient ihm eine eigene Classe von Weibern, gewerbsmäßigen Ehevermittlerinnen, meist ehrwürdigen Matronen, die eine ganze Liste von Ehestandscandidatinnen führen. Diese verstehen es sehr gut, ihre Waare anzupreisen. Da kein Mann ein Mädchen sehen darf (seine Schwester natürlich ausgenommen) so haben die Vermittlerinnen gewonnenes Spiel, wenn sie ihre Schützlinge so schön wie möglich ausmalen. Da aber eine selbst noch so blühende Beschreibung doch nicht immer den Zweck erreicht, die Männer in den Gegenstand derselben, der ihnen ja nicht zu sehen gestattet wird, verliebt zu machen, so muß ein anderes Lockmittel herhalten, das Geld. Alle diese Mädchen sind reich, wenn man die Mütterchen hört, und auf diesen Zopf pflegen die Araber mit seltener Leichtigkeit anzubeißen. Aber ebenso leicht fügen sich die Enttäuschten nachher in ihr Schicksal. Nur Einer sagte mir einmal in einem schwachen Augenblick: „Ich wußte wohl, daß man mir ein Gänschen aufgeschwatzt hatte, aber ich glaubte, es sei wenigstens ein goldnes Gänschen.“

[310] Ist es der Vermittlerin gelungen, einen Bräutigam einzufangen, so findet meistentheils sehr bald die Ceremonie des Fatiha statt, das heißt, der Ehecontract wird von zwei Notaren vor dem Kadi verlesen und dann das erste Capitel des Koran, Fatiha genannt, in der Moschee für das neue Paar gebetet. Dies ist eigentlich der wirkliche juristische Eheschluß, denn später findet keine religiöse Ceremonie, kein gesetzlicher Act mehr statt. Der Mann verpflichtet sich dadurch zur Zahlung der Morgengabe, welche die Eltern der Braut in Empfang nehmen und für sie verwalten. Das hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, daß der Muselmann seine Frau kaufe. Das ist nun zwar unrichtig, aber die Araber selbst tragen dazu bei, dieses Gerücht zu beglaubigen. Nicht selten wurde ich von Arabern gefragt, ob ich verheirathet sei und wie viel ich für meine Frau gegeben habe. Sie selbst hielten gar nicht hinter dem Berge mit der Summe, welche die Ehehälfte (wie sie sich ausdrückten) sie gekostet hatte. Die Summen schwankten zwischen vierzig und achtzig Thalern, und dabei wurde stets in Anschlag gebracht, ob die Braut Jungfrau oder Wittwe gewesen. Auch hörte ich nicht selten den Ausruf: „Das war zu theuer!“ oder „Das war ein gutes Geschäft!“ etc. Es ist dem Europäer deshalb sehr zu verzeihen, wenn er zu dem Glauben kommt, daß die Orientalen ihre Gattinnen käuflich erwerben.

In der Stadt und bei wohlhabenden Orientalen ist übrigens die Morgengabe ein Nichts neben der meist reichen, oft sehr reichen Aussteuer, welche die Eltern der Braut bestreiten. Die Aussteuer aber ist den Frauen bei Weitem das Wichtigste bei der ganzen Sache. Von welcher Pracht diese oft ist, konnte ich mich einmal im Laden eines algierischen Schneiders überzeugen. Da lag ein Dutzend vollständiger Anzüge, jeder aus Weste, Jacke und sehr stoffreichen, bauschigen Beinkleidern bestehend, alle von schweren gewässerten Seidenstoffen (moiré antique), weiß, blau, gelb, von allen Farben, mit Goldstickereien beladen. Aber dies war nicht das Prächtigste. Daneben bemerke ich ein großes Paket von anderem, noch viel kostbarerem Stoff, so daß ich unwillkürlich zu der Frage kam, ob wohl der arabische Schneider etwa auch Meßgewänder mache? Es war nämlich Gold- und Silberbrocat, silber- und golddurchwirkter Atlas, zu Kirchenschmuck geeignet. Der Schneider sah mich schmunzelnd an und sagte:

„Ja, ja, diese Stoffe tragen allerdings die Papas (katholischen Priester), aber bei uns wäre es Schande für einen Mann, Gold- oder Silberstoff zu tragen. Wir schmücken damit unsere Heiligthümer.“

Letzteres Wort spielte auf die doppelte Bedeutung der Wurzel „Haram“, die zugleich „Heiliges“ (Verbotenes, Unnahbares), und „Frauen“ bedeuten kann, an. In der That waren diese Stoffe von einem Hause in Lyon bezogen, das gewöhnlich nur Lieferungen an die Kirche macht. Und von diesem Meßgewandstoff wurden auch die Anzüge gewählt, Alles für eine und dieselbe Braut! Daneben dann noch die vielen andern Toilettengegenstände, welche Frauen machen, oder die man fertig im Laden kauft, der viele oft sehr kostbare Schmuck, und der Augenzeuge all’ dieser Pracht wird sicher gestehen, daß den Arabern für ihre Bräute nichts zu gut ist.

Leider sind sie nicht zufrieden damit, die Braut durch Schmuck und Kleiderpracht zu putzen, sie wollen auch noch ihre natürliche Hautfarbe verschönern. Zu diesem Zweck hat sich ein eigenes Gewerbe gebildet, das von alten Weibern ausgeübt wird, welche man „Hananna“ nennt. Das Wort kommt von Henneh, einer Pflanze (lawsonia inermis), mit deren Saft den Mädchen Hände und Füße röthlich gefärbt werden. Dies ist gewöhnlich die erste Operation, welche die Hananna vornimmt, nachdem sie die Braut auf den Marterstuhl gesetzt hat, auf dem sie nun vier bis fünf Stunden aushalten muß, um am ganzen Körper geölt, gesalbt, parfümirt, dann im Gesicht erst weiß, wie Kreide, und auf den Wangen roth, wie Mohnrosen, geschminkt zu werden. Darauf folgen andere Toilettenmysterien, wie das Färben der Nägel mit einem bräunlichen Kraut, der Augenränder und Lider mit Antimonium, das Schwärzen und Verlängern der Augenbrauen etc. Bis dahin kann man noch von einer gewissen, wenn auch hyperbolischen Nachahmung der Natur reden. Was aber nun folgt, ist eitel phantastische Kunst. Gold ist ein Metall, das der Araber, je seltener es in seinen Cassen weilt, desto lieber sieht. Damit er dessen geliebten Schimmer nun auch auf dem Angesicht seiner Braut finde, nimmt die Hananna ein Stück dünnsten Goldblechs, schneidet davon zwei Dreiecke und klebt diese auf die Wangen der Braut; auf der Stirn befestigt sie drei alte, meist werthvolle Münzen vom feinsten Zechinengold, auf der Unterlippe ein goldenes Sternchen und auf dem Kinn eine Goldblume.

Bis dahin bleibt die Braut im Hemde sitzen. Jetzt erst wird sie in die kostbaren Gewänder gekleidet und mit Schmuck behangen. Der Schmuck der echten Algiererinnen ist fast nie falsch und von einem Reichthum, der uns ganz außer allem Verhältniß zu den Mitteln der Leute scheint. Aber die Sache erklärt sich, wenn man weiß, daß sie oft auf diese Weise ihr Capital verwahren. Die strengen Moslems dürfen kein Geld auf Zinsen geben. Statt es nun im Kasten einzuschließen, kaufen sie Schmuck dafür. Auf Façon sehen sie nicht, und so können sie im Nothfall den Schmuck fast immer wieder für den Ankaufspreis veräußern. So kommt es, daß oft anscheinend ganz ärmliche Leute Diamanten besitzen. Mit diesen schmücken sie vorzugsweise ihre Bräute. Sie sind meist nur roh geschliffen und grob in Silber gefaßt; aber man findet ganze Diademe, Halsbänder, Armbänder, Fuß- und Beinringe, sowie eine große Anzahl Fingerreife mit diesem edlen Steine reich besetzt, oft in Familien, die nach unseren Begriffen in bescheidenen Verhältnissen leben. Eine deutsche Dame, der ich die obige Beschreibung der Brauttoilette verdanke (denn wir Männer sind natürlich von solchem Anblick ausgeschlossen), erzählte mir, daß an jedem der acht Festtage einer Hochzeit, deren Zeugin sie in Algier gewesen, die Braut in einem andern Schmuck prangte, am ersten in Diamanten, am zweiten in Rubinen, am dritten in Smaragden, den einzigen wirklich geschätzten Edelsteinen. An den folgenden erschien sie mit Amethysten, Topasen, Opalen etc. Aber das galt mehr als ein buntes Spielwerk. Auf jeden Finger steckt man so viel Ringe, als er nur halten kann, und zwar (wenigstens bei vornehmen Leuten) stets nur von einer einzigen Juwelenart, wie man denn überhaupt es gern vermeidet, Steine verschiedener Farben zugleich zu tragen.

Der wichtigste Moment ist für die Braut die sogenannte „Scene mit dem Schnupftuch“. Dabei denke man jedoch nicht an das traditionelle Schnupftuch, das die Sultane ihren Odalisken zuwerfen sollen. Das Schnupftuch ist hier vielmehr ein Geschenk, welches der Bräutigam seiner Vermählten machen muß, wenn er sie zum ersten Mal entschleiert sieht und nachdem sie ihm ihren Namen genannt hat. Diesen hat er nämlich bisher eigentlich noch nicht wissen dürfen. Ist er zum ersten Mal mit ihr allein, dann erst darf er darnach fragen, und dies sind stets die ersten Worte, welche ein neues Paar wechselt. Schüchtern und mit kaum hörbarer Stimme (so schreibt es die Sitte vor, und das haben ihr Mutter und Tanten gehörig eingetrichtert) haucht die Schöne ihren Namen hin. Zum Dank dafür reicht ihr der Mann ein kostbares Tuch, in das gewöhnlich irgend ein Schmuck eingewickelt ist.

Nach dem ersten kurzen Beisammensein der Brautleute stimmt auf ein vom Manne gegebenes Zeichen der zahlreiche Chor von Verwandtinnen und Freundinnen, die während der ganzen Scene vor der Thür des Hochzeitsgemachs stehen geblieben sind, das sogenannte Sugharit (in der gewöhnlichen Sprache Jujuh geheißen) an, jene überaus hohen Kopftöne, die dem Geheul junger Schakale gleichen, und welche, wenn sie auch nicht melodisch sind, doch jedenfalls den Zweck erreichen, im ganzen Stadtviertel gehört zu werden und diesem das glückliche Ereigniß ankündigen.

Acht Tage dauern nun die Lustbarkeiten, das Festessen, Singen, Tanzen (doch nur von gewerbsmäßigen Tänzerinnen), Jubel und Freude ohne Ende, d. h. für die Gäste; denn die Braut ist dabei nicht zu beneiden. Den Morgen bringt sie in den Händen der Hananna, die sie schminkt und putzt, zu, und dann muß sie von Mittag bis Mitternacht auf einer Estrade sitzen, um sich von den Besucherinnen angaffen zu lassen; denn natürlich dürfen sie nur Frauen sehen. Jedes Geschlecht hat bei den Muselmanen sein Vergnügen getrennt. Einen größeren Contrast giebt es übrigens nicht, als der zwischen dem Alltagsleben und dem Hochzeitsjubel bei diesen Völkern. „Jeder Hochzeiter ist für acht Tage ein Sultan“, sagen die Araber und nicht ganz mit Unrecht. Das Beste bei der Sache ist, daß die Brautleute für alle Auslagen [311] durch die vielen Geschenke, welche die Hochzeitsgäste ihnen machen, oft mehr als entschädigt werden.

Mit solchem Jubel und unverhältnißmäßiger Pracht wird ein Bund eingeleitet, der doch (mit wenigen später zu erwähnenden Ausnahmen) im besten Fall bei diesen das Weib so tiefstellenden Völkern nur ein gefühlsarmes Nebeneinanderleben, nicht jedoch ein inniges Herzensverhältniß, ein Seelenbündniß sein kann. Indeß, wie viele Fälle giebt es nicht, wo das „gelbe Gespenst“, die Eifersucht, dazwischen tritt und das Band in furchtbarer Weise zerreißt! Oben war nur von der Eifersucht der Frauen auf einander die Rede, die bei der Vielweiberei eine so große Rolle spielt. Aber leider wüthet sie selbst bei den Ehen, die nicht vielweibig sind. Nur ist es hier hauptsächlich die Eifersucht des Mannes, welche verheerend auftritt. Gewöhnlich denken wir Europäer uns die Eifersucht wie eine chronische Krankheit, die jedoch von Zeit zu Zeit von acuten Anfällen unterbrochen wird, das heißt wie einen dauernd mißmuthigen Zustand, der sich hie und da zu Zornesausbrüchen steigert. Unter den Arabern paßt dies nur auf die rohesten Menschen. Bei der gesitteten Classe sind die Zornausbrüche unterdrückt und selbst der Mißmuth wird mit großer Verstellungskunst verleugnet. Aber der Zorn wüthet im Innern und ruht nicht, bis er sein Ziel getroffen hat. Der Araber, den die Eifersucht ergriffen hat, läßt die Frau, welche sie hervorrief, oft lange Zeit hindurch gar nichts merken. Nach seinem Sittencodex ist sie willenlos, eine Entschuldigung von ihrer Seite leerer Schall. Dennoch verurtheilt sie sein Stolz als dem Tode verfallen, wenn sie ein Denkmal seiner Schande ist. Aber ihr Tod bildet nur ein Nebenmoment. Das Hauptziel ist der Tod des Nebenbuhlers. Dieser ist nicht leicht in’s Werk zu führen, weil auch hierin die heuchlerische Sitte einen Umweg erheischt. Ein Araber würde sich schämen, einzugestehen, daß er einen Mann ermordet habe, weil derselbe bei seiner Frau Glück gefunden. Das hieße ja die Thatsache seiner Schande in die Welt posaunen. Wie aber diesen Zweck erreichen, ohne sich nach den kitzligen Ehrbegriffen dieses Volkes die geringste Blöße zu geben? Darauf giebt folgender Vorfall Antwort, der sich vor etlichen zwanzig Jahren in Algerien ereignet haben soll.

Scheich Walid, der Häuptling eines Stammes, war mit einer jungen Frau vermählt, die er leidenschaftlich liebte. Liebte sie ihn wieder? Er glaubte es, glaubte es lange, bis er sie eines Tages auf freiem Felde (denn auf dem Lande herrscht selbst bei den Arabern eine gewisse Ungezwungenheit) mit einem ihm unbekannten Mann im Gespräch und zwar in sehr freundschaftlichem Gespräch ertappte. Er verrieth mit keiner Miene, daß er sie belauscht habe. Nur erkundigte er sich unter der Hand nach jenem Mann und erfuhr, daß er ein Vetter seiner Frau sei. Nun ist das Verhältniß zwischen Vetter und Base bei den Arabern immer ein höchst eigenthümliches. Man hält es für sehr wünschenswerth, daß sie sich heirathen, ja in vielen Familien sieht man sie, gleichsam von selbst, wie Braut und Bräutigam an. Sie sind nahe genug verwandt, um (bei nicht sehr strengen Stämmen) unbehelligt verkehren zu können, und dennoch entfernt genug, um sich mehr zu sein, als Bruder und Schwester. Dieser Umstand reizte Sidi Walid’s Eifersucht auf’s Höchste. Hätte er seine Frau gefragt, so würde er erfahren haben, daß sie mit ihrem Vetter aufgewachsen und ihn von je her wie einen Bruder betrachtet habe. Statt dessen gab er nur der Eifersucht Gehör. Er beschloß, sich an Beiden zu rächen, zu rächen auf blutige Weise, und da er diesen Entschluß bei kaltem Blut zur Reife brachte, so fand er ein teuflisches Mittel, Beide zu verderben und zwar ohne anscheinend auch nur den Finger aufzuheben.

Er bewog seine Frau, ihren Vetter zum Nachtmahl einzuladen. Dieser kam. Dabei konnte es nicht an Vertraulichkeiten zwischen den Verwandten fehlen. Waren sie auch unschuldig, dem Manne dienten sie zum Vorwand. Als der Vetter fort war, sprach Scheich Walid zu seiner Frau:

„Ich sehe, daß Du eine Neigung zu Deinem Vetter hast. Ich kann Dir deshalb nicht gram sein; denn Vetter und Base sind füreinander bestimmt. Ich will Dir vielmehr Gelegenheit geben, Deine Neigung zu befriedigen. Ich lasse mich von Dir scheiden.“

Bei diesem Worte wollte die Frau eine Einwendung machen. Aber sie sah, daß ihr Mann fest entschlossen war. Sein Wille schien eisern – der eines Weibes gilt bei diesem Volke nichts. Sie wußte, daß ihr nichts übrig blieb, als stillschweigend zu gehorchen.

Der Mann fuhr fort:

„Bist Du von mir geschieden, so wird Dein Vetter ohne Zweifel um Deine Hand anhalten. Heirathe ihn dann! Aber versprich mir Eins: Wenn ich nach einem Jahre an Eurem Zelte vorbeikomme, so eile zu mir heraus und empfange mich in derselben Weise, wie Du mich zu empfangen pflegtest, als ich noch Dein Gatte war.“

Die Frau leistete unbefangen dieses unvorsichtige Versprechen. Sie wurden jetzt geschieden. Da aber ihr Vater inzwischen gestorben war, so blieb ihr keine andere Zufluchtsstätte als das Haus eben jenes Vetters, der jetzt das Oberhaupt ihrer Sippschaft war. Dieses innige Zusammenleben führte wirklich zur Liebe und im Laufe der Tage zur Ehe. Als dies Scheich Walid hörte, entbrannte seine Eifersucht mit doppelter Gluth. Dennoch wartete er ein Jahr. Stets dachte er an das ihm gegebene Versprechen. Als das Jahr vorüber war, ritt er an der Behausung seines Nebenbuhlers vorbei. Da ihn seine ehemalige Gattin sah, erinnerte sie sich ihres Versprechens, kam auf ihn zu und empfing ihn in der alten Weise. Aber ihr neuer Ehemann war nicht fern. Er sah das freundliche Benehmen seiner Frau gegen Den, der einst ihr Gatte gewesen war, und die Eifersucht erfaßte diesmal ihn. Die Leidenschaft machte ihn so wüthend, daß er auf seine Frau zurannte, sie packte und sogleich vor ein Familiengericht stellte, das ihr Todesurtheil aussprach. Bei kaltem Blute wurde sie einige Tage später als Ehebrecherin getödtet. So hatte es Scheich Walid gewollt. So hatte er alle seine Zwecke erreicht. Seine Ehre war im Blute Derjenigen gesühnt worden, die, wie er annahm, sie geschändet hatte. Der Rival fiel auch bald darauf, denn es fand sich ein Bluträcher in der Person eines eben von der Pilgerfahrt nach Mekka zurückgekehrten Bruders der Getödteten, der nicht an ihre Schuld glauben wollte. So wurde er auch an Diesem gerächt, und das ohne eine Hand zu rühren. Außerdem aber konnte Scheich Walid auch noch die Mitgift behalten und die Morgengabe, die er seiner ehemaligen Frau gegeben, zurückverlangen, denn die Familie des Nebenbuhlers hatte seine einstige Gattin als Ehebrecherin erklärt, und diese Erklärung besaß in diesem Falle rückwirkende Kraft. Es war ein Meisterstück von Schlauheit, aber leider auch von blutdürstiger List und Tücke, das Scheich Walid vollbracht hatte.

[324]
Nr. 2. Ein orientalischer Pantoffelheld. – Die provisorischen Anstandsehen der Pilgerinnen in Mekka. – Abenteuer einer Pilgerin, die zweimal denselben Mann heirathet. – Eine Liebesintrigue in Cairo. – Philemon und Baucis im Orient.


Hat eine Frau oder ein Mädchen Unehre auf ihre Familie gebracht, so muß sie, nach dem Sittengesetze dieser Völker, sterben. Die Familie selbst vollzieht das Urtheil. Dieser Grundsatz ist so tief eingewurzelt, daß sogar die Franzosenherrschaft in Algier nicht vermocht hat, ihn auszurotten. Ich erinnere mich eines Falles, wo ein junger Kabyle vor Gericht stand, weil er seine Schwester getödtet hatte. Er wurde zum Tode verurtheilt. Aber alle seine Landsleute sahen ihn wie einen Märtyrer an, weil er nach ihrer Ansicht nichts Unrechtes, sondern nur seine Pflicht gethan hatte. Zum Glück übrigens kann man die Thatsache verbürgen, daß diese Leute nur sehr schwer und nur durch die unwiderleglichsten Gründe von der Schuld einer der Ihrigen zu überzeugen sind. Deshalb trifft auch den Gatten, der seine Frau wegen angeblicher Untreue tödtet, oft die Rache von deren Familie, das heißt immer, wenn die directen Beweise der Schuld fehlen. Wie selten sind aber diese Beweise beizubringen! Man sieht, die arabische Sitte trägt ihr eigenes Correctiv in sich, welches verhindert, daß das Blutvergießen überhand nehme.

Sollte man es für möglich halten, daß bei einem Volke, welches der Frau eine so tiefe Stufe anweist, dennoch Ehen vorkommen, in denen die Gattin das Scepter oder, wie wir sagen, den Pantoffel schwingt? Schwerlich, würde ein Europäer denken. Dennoch ist es unzweifelhaft, daß der Pantoffelheld auch unter orientalischen Ehegatten gefunden wird. Es giebt, wie überall, so auch im Orient zweierlei Arten solcher Helden. Die Einen sind es aus Liebe, die Anderen aus Furcht vor häuslichem Unfrieden, vor der bösen Zunge ihrer Xanthippe. Ich kannte eine sehr hochgestellte Persönlichkeit, die vom Volksmunde allgemein als ein Opfer dieser letzterwähnten Art von Pantoffelherrschaft bezeichnet wurde. Es war Niemand Geringeres als der erste Minister eines wohlbekannten orientalischen Fürsten. Dieser Mann beherrschte seinen Souverain und dessen Land fast auf unumschränkte Weise. Er war im eigentlichsten Sinne des Wortes Despot und Tyrann, überall, aber nur nicht in seinem eigenen Hause. Dort herrschte mit eisernem Scepter die gestrenge Dame, welche er seine Gattin nannte. Diese hohe Frau erfreute sich, vermöge ihrer Geburt, einer Ausnahmsstellung, wie sie nur selten Orientalinnen zu Theil wird. Sie war nämlich eine Prinzessin, Schwester des regierenden Herrn. Es war eine ungeheure Gunst, daß sie ihre Hand einem Unterthan gereicht hatte. In einem solchen Falle, wie dem ihrigen, findet eine völlige Umkehrung des gewöhnlichen Eheverhältnisses der Orientalen statt. Alle Herrschaft in Haus und Familie, die sonst der Mann tyrannisch führt, geht unter diesen Umständen auf die Frau über. Der Mann einer Prinzessin ist ihr demüthiger Sclave; er darf keine zweite Frau, keine Sclavin als Favoritin haben; er darf seine Gattin selbst nur nach vorher eingeholter Erlaubniß besuchen. Diese läßt ihn gern seine niedrige Abkunft fühlen. In dem genannten Falle war diese Abkunft, wie so oft bei orientalischen Würdenträgern, wirklich eine sehr tiefe. Der Minister war nämlich ursprünglich einer jener weißen Sclaven, wie sie als Knaben an orientalische Höfe kommen und dort nicht selten glänzende Carrière machen. Er hatte es weiter gebracht, als die Meisten, die höchste Ehre im Staatsdienste errungen, ja er war Schwager des Fürsten geworden. Kein Mensch hätte es gewagt, auch nur die leiseste Anspielung auf seinen einstigen Sclavenstand zu machen, selbst der Fürst that es nicht. Nur in seinem eigenen Hause mußte er sich täglich als „Sclave“ anreden hören; seine Gattin hatte für ihn keine andere Bezeichnung. Sie sandte ihm ihre Befehle durch die Eunuchen und nicht selten kam es vor, daß die Ankunft eines solchen schwarzen Boten eine ganze Ministerconferenz in Verwirrung brachte. War er in der wichtigsten Berathung, so ließ sie ihn oft plötzlich rufen. Er gehorchte, aber sie, um ihre Macht fühlen zu lassen, ließ ihn Stunden lang im Vorgemach warten, um ihm später irgend etwas ganz Unwichtiges zu sagen. Und zu derselben Zeit wartet unten vielleicht eine wichtige Staatsangelegenheit auf ihn. Einmal hatte sie die Grille, daß er nicht zu Hofe gehen solle. Als er eben, umringt vom Personal seines Ministeriums, in den Wagen steigen wollte, erschien plötzlich der verhängnißvolle Eunuche, murmelte ihm einige Worte in’s Ohr und die Folge war – daß Seine Excellenz plötzlich ein Fieber bekommen hatte und deswegen heute zu Hause bleiben mußte. Seinen Untergebenen konnte dieses Verhältniß nicht verborgen bleiben; aber sie freuten sich darüber und lachten sich in’s Fäustchen, als sie sahen, wie ihr Tyrann seinen Meister gefunden hatte, der sie für alle von ihm erlittene Unbill rächte. So oft der Eunuche erschien, ging jedes Mal ein heimlicher Freudenschauer durch die Schaar der Beamten.

Solche bevorzugte Stellung, wie sie diese Dame in der Ehe einnimmt, ist freilich im Islam eine große Seltenheit. Indeß giebt es auch für minder Vornehme Gelegenheit, wenigstens zeitweise dem Gatten gegenüber die überlegene Rolle zu spielen. Hierzu bietet die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina den Anlaß. Die Vorschrift will, daß kein erwachsenes weibliches Wesen diese Wallfahrt mache, ohne von ihrem Manne begleitet zu sein. Leider ist dies jedoch nicht immer leicht zu erfüllen. Trotz der Vielweiberei giebt es doch im Orient stets eine Menge Frauen, die keinen Schatten von einem Gatten besitzen: nicht etwa alte Jungfern (dieses bei uns so blühende Institut ist dort fast unbekannt), sondern junge Wittwen und namentlich unzählige Geschiedene. Diese Personen, besonders die Wittwen, sind oft mehr bei Casse, als die verheiratheten Frauen. Da nun, wer im Orient zu Geld kommt, gewöhnlich keinen lieberen Gedanken kennt, als den, nach Mekka zu pilgern, so geschieht es, daß gerade unter dieser Classe von Weibern sehr viel wallfahrtslustige sind. Nun sollen sie aber nicht ohne Eheherrn reisen; woher jedoch einen solchen in der Geschwindigkeit nehmen? In [325] Persien, wo der schiitische Ritus den Abschluß einer Zeitehe (und zwar auf kürzeste Zeit; eine Stunde ist das Minimum) sehr erleichtert, soll es vorkommen, daß eine Wittwe mit irgend einem untergeordneten Manne, etwa einem Diener, einen Contract schließt, wonach dieser nur für die Dauer der Reise den Ehemann spielt. Indeß wird es den Frauen in ihrem Vaterland meist schwer, einen solchen provisorischen Tugendwächter zu finden. Was machen sie also? Sie begeben sich dennoch auf die Reise. Sie wissen, daß sie den Erwarteten (der nicht immer ein Ersehnter ist) in Mekka oder Medina finden werden. In diesen beiden Städten hat sich nämlich ein Geschäft ausgebildet, welches darin besteht, daß Männer, deren ehelicher Himmel nicht das vollzählige Viergestirn aufweist, gegen gute Bezahlung fromme Pilgerinnen für die Dauer der Wallfahrt in denselben aufnehmen. In diesem Fall wird die Ehe ganz regelmäßig geschlossen und nach beendigter Pilgerfahrt ebenso gesetzmäßig wieder gelöst. Meist sind diese Ehestandsverkäufer arme Teufel, Fremdenführer (denn dieses Geschäft blüht in Mekka), die wir Lohnbediente nennen würden. Sie stehen also gewöhnlich auf einer viel tieferen gesellschaftlichen Stufe, als die Damen, welche sie mit ihrer Hand beglücken, und diese würden sich schämen, zu Hause solche Eheherren zu besitzen. In sehr vielen Fällen sind die provisorischen Gatten denn auch nichts, als die unterthänigen Diener ihrer Zahlmeisterinnen. Ich kannte einen alten Fremdenführer in Mekka, einen kleinen verschrumpften Greis, der längst über das Alter hinaus war, wo man sich noch nach einer Gattin sehnt, und der dennoch mit dem Heirathen von Pilgerinnen ganz lucrative Geschäfte zu machen pflegte. Dieser Biedermann war während drei Viertheilen des Jahres Wittwer, während der Pilgermonate aber erfreute er sich eines vollen Viergespanns legitimer Gattinnen. Diese zahlten so gut, daß er das ganze übrige Jahr bequem davon leben konnte, behandelten ihn jedoch fast immer ziemlich verächtlich. Seine Thätigkeit beschränkte sich übrigens auf deren Begleitung auf der Straße und zur Moschee. In ihre Zimmer ließen ihn die Frauen, obgleich sie vor dem Gesetz seine Gattinnen waren, gar nicht hinein.

Daß ein solches Verhältniß zu einem bleibenden Bunde führt, soll nur sehr selten vorkommen. Diese Art von Ehemännern pflegt nur für die Reize des Beutels empfänglich zu sein. Indeß wurde mir ein Fall erzählt, wo von Seiten des Mannes wenigstens der Wunsch vorhanden war, das Verhältniß zu einem dauernden zu gestalten, nicht aber von Seiten der Frau. Diese, eine stolze, junge Wittwe aus Bagdad, hatte das Unglück, ihren gemietheten Eheherrn rasend verliebt in sich zu machen, so daß dieser, als die Zeit des Scheidens kam, nichts davon wissen wollte. Nach dem Buchstaben des Gesetzes konnte sie ihn nicht zur Scheidung zwingen. Aber sie besaß andere Mittel. Durch die schönen Augen ihres Geldbeutels wußte sie die ganze Zunft der Fremdenführer zu gewinnen, so daß diese das Benehmen des Mannes als eine Schmach für ihr Gewerbe erklärten und diesen zwangen, der Frau ihren Willen zu thun. Damit war aber seine Liebe noch nicht ausgelöscht. Sie blieb vielmehr so heftig, daß er ihr nachreiste. In ihrer Heimath, Bagdad, konnte sie nicht ausgehen, ohne diesen unbequem gewordenen Menschen sich ihr nachschleichen zu sehen. Blickte sie zum Haremgitter heraus auf die Straße, unfehlbar sah sie den Schmachtenden ihrer Thür gegenüber aufgepflanzt. Dies wurde ihr so lästig, daß sie, um mehr Schutz zu haben, der Werbung eines höhern Officiers Gehör gab. Aber auch der neue Ehebund schreckte den Verliebten nicht ab. Endlich klagte sie ihrem Manne ihr Leid. Das half. Schon am folgenden Tage war der Anbeter nicht mehr zu sehen. Sie war indeß doch neugierig zu erfahren, was aus ihm geworden. Aber sie fürchtete sich ihren Mann zu fragen. Lange blieb sie im Ungewissen. Da begegnete ihr eines Tages, als sie aus dem öffentlichen Bade nach Hause ging, ein Trupp türkischer Soldaten, in dessen letzter Reihe sie eine klägliche, abgehärmte Gestalt in Rekrutenuniform gewahrte, die ihr bekannt schien. Es war wirklich ihr unberufener Liebhaber und einstiger Gemahl, den ihr jetziger Mann mir nichts dir nichts unter die Soldaten gesteckt hatte. Jetzt aber begann das Gegenstück dieses Liebesromans: die Frau fühlte sich plötzlich von Mitleid bewegt über den, der aus Liebe zu ihr so viel leiden mußte. Das Mitleid führte zu einem wärmeren Gefühl. Ihr neuer Gatte war ihr auf einmal verhaßt geworden und sie beschloß, ihm die Hölle so heiß zu machen, daß er sich von ihr scheiden lasse. Diesen Zweck erreichte sie denn am Ende auch, mußte jedoch in den Händen des Officiers manche ihrer goldnen Federn lassen, denn auf’s Rupfen verstehen sich die türkischen Officiere vortrefflich. Nun war sie frei, aber der Liebhaber, der jetzt auch ein Geliebter geworden war, diente in der türkischen Armee. Sie wollte ihn loskaufen. Zum Unglück aber speculirte der Oberst des Regiments selbst auf die Hand der immer noch schönen und wohlhabenden Geschiedenen. Da machte sie sich nach Constantinopel auf, reichte dort bei Hoch und Niedrig Bittschriften ein, bestach rechts und links, bis sie endlich die Befreiung ihres Anbeters erkauft hatte. Damit reiste sie nach Bagdad zurück. Jetzt sollte der Abschluß des Romans durch eine Heirath erfolgen. Dazu konnte es jedoch leider nicht kommen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Hauptperson fehlte. Der Liebhaber war nicht mehr in Bagdad. Er war desertirt und Niemand wußte, wohin. Nun versank die Frau in Schwermuth und um sich zu trösten, unternahm sie abermals eine Wallfahrt nach Mekka. Dort mußte sie sich natürlich wieder nach einem Anstandsgatten als Tugendschild und Beschützer umsehen. Man verschaffte ihr bald einen solchen, und als sie ihn zu sehen bekam, fand es sich, daß es der Deserteur von Bagdad war. Diesmal soll die Verbindung keine bloße Anstandsehe geblieben sein. Dieses Stückchen ist vielleicht nicht wahr, aber jedenfalls „gut erfunden“, da es ein rechtes Bild von orientalischen Eheschicksalen giebt. Es ist eine Lieblingsanekdote der Fremdenführer, da es ihren Stand ehrt. Man könnte ein Lustspiel daraus machen, aber nur ein türkisches.

Daß in einem Lande, wo die Frau so tief gestellt ist, wo sie keine Erziehung genießt, wo man ihr keinerlei Vertrauen zeigt, auch ihr Charakter und ihre sittliche Würde oft leiden, wird man begreiflich finden. Indeß ist dies nicht in dem Grade der Fall, wie man vielleicht annehmen möchte. Beispiele von Untreue kommen allerdings vor, jedoch stets nur durch Schuld des Mannes, wenn er seine Gattin in ungebührlicher Weise vernachlässigt. Namentlich geschieht dies in den vornehmen Ständen, wo die Harems oft so zahlreich sind, daß auf jede einzelne Bewohnerin derselben wenig Rücksicht genommen wird. Manche sucht sich deshalb auf verbotene Weise zu entschädigen. An Vermittlerinnen, die ihr einen Liebhaber verschaffen, fehlt es nicht. Wie jedoch mit diesem zusammenkommen? Die Harems der Vornehmen sind fest verschlossen und von der schwarzen Schaar der Eunuchen treu bewacht. Hier giebt aber gerade die eifersüchtige Sitte den besten Ausweg an die Hand. In vielen Ländern des Orients nöthigt diese Sitte die Frauen zu einer so dichten Verschleierung, daß man sie eher eine „Gesichtsverpackung“ nennen kann. Eine so verschleierte Frau kann an ihrem Bediententroß, ja an ihrem eigenen Eheherrn vorbeigehen, ohne erkannt zu werden, außer allenfalls an ihren Kleidern. Diese vertauscht sie deshalb mit dem Costüm einer Frau von niedrigem Stande, und dazu giebt das Bad die beste Gelegenheit. Pomphaft gekleidet und dicht verschleiert, gefolgt von Sclavinnen und Eunuchen, begiebt sich die vornehme Frau in das öffentliche Frauenbad. Die Eunuchen lagern vor der Thür und erwarten die Rückkunft der Herrin, die gewöhnlich erst in einigen Stunden erfolgt, denn das Bad ist im Orient ein langwieriger Proceß. Inzwischen gehen die Frauen niedrigen Standes unbeachtet und unbegleitet ein und aus. In der Tracht einer solchen, die sie im Bade angezogen, verläßt auch die Vornehme das eben betretene Local, geht unerkannt und unbehelligt mitten durch die Schaar ihrer Wächter und begiebt sich in das von der Vermittlerin bestimmte Haus, wo sie den Liebhaber erwartet. Dies soll namentlich in Cairo sehr oft vorkommen, wo die übliche sehr dichte Verschleierung und das bescheidene, aber auch gut verhüllende Costüm der Fellahat (Bäuerinnen) die Täuschung sehr erleichtern.

Selbst Europäer kommen zuweilen dazu, mit einer vornehmen Cairierin eine solche Intrigue anzuknüpfen. Ich kannte einen in Cairo wohnenden Engländer, welcher einem ähnlichen Verhältnisse einen eigenthümlichen Einblick in die von der europäischen so verschiedene Denkungsart der Orientalinnen verdankte. „Von Liebe,“ sagte er, „war von Seiten meiner Schönen keine Rede. Sie suchte nur Zerstreuung, weil ihr Mann sie vernachlässigte, und auch dies nur so lange, als die Vernachlässigung [326] währte; denn so lange fühlte sie sich nach ihrer Privatmoral nicht zur Treue verpflichtet.“ Nachdem die Intrigue einige Monate gedauert hatte, erschien eines Tages die Schöne freudestrahlend vor ihrem Geliebten und meldete ihm auch sogleich den Grund dieser Freude.

„Denke Dir,“ sprach sie, „ich bin so glücklich, die Liebe meines Mannes wiedergewonnen zu haben. Ich komme deshalb, Dir dies zu sagen, damit Du Dich mit mir über dieses glückliche Ereigniß freuen mögest, aber zugleich auch, um von Dir Abschied zu nehmen, denn jetzt würde es unrecht sein, wenn wir uns in Zukunft noch sähen.“

Man kann sich denken, welchen sonderbaren Eindruck solche Sprache auf einen Europäer, der von der Liebe ganz anders denkt, hervorbringen mußte. Aber der Engländer, obgleich er nun erkannte, daß er nur die traurige Rolle eines Lückenbüßers gespielt hatte, machte doch gute Miene zum bösen Spiel, gratulirte ihr zum Friedensschluß mit dem Gott Hymen und fragte nur, um nicht allzu gleichgültig zu erscheinen, ob sie denn jetzt plötzlich Liebe für ihren früher so schnöde verrathenen Gatten empfinde, und ob er denn gar nicht mehr hoffen könne, sie jemals wieder zu sehen, worauf die Schöne folgende naive Antwort gab:

„Ob ich meinen Mann liebe? Natürlich! Wenn er mich wieder liebt. Ich war ihm nur untreu, weil ich mich von ihm verlassen fühlte. So lange er mich aber liebt, brauche ich keinen Ersatz. Sollte er jedoch abermals anfangen, mich zu vernachlässigen, so kann auch unser Verhältniß wieder von Neuem angeknüpft werden.“

Einer deutschen Leserin wird eine solche Denkungsart mit Recht verdammlich und wahrscheinlich auch unbegreiflich vorkommen. Aber man bedenke die von der unsrigen so abweichende Erziehung der Orientalinnen und ihre Stellung zu den Männern, ehe man einen Stein auf sie wirft. Der Orientale, welcher das Weib knechtet und es nicht viel anders behandelt, als einen schönen Vogel im Käfig, der kann vom Weibe auch keine würdige Denkungsart verlangen. Indeß, wie erwähnt, gehören solche Erscheinungen, wie die obigen, zu den ausnahmsweisen Absonderlichkeiten, wie sie das unnatürliche Haremswesen der Vornehmen mit sich bringt.

Im Mittelstand finden wir dagegen zuweilen die schönsten ehelichen Verhältnisse, wie sie selbst in Europa nicht besser gedacht werden können. Als ein Beispiel einer solchen glücklichen Ehe kann ich die Familie eines alten Mufti anführen, den ich im Jahre 1852 in Algier kennen lernte. Er besaß nur eine Frau, mit der er bereits die goldene Hochzeit hätte feiern können, wäre eine solche Feier dort üblich. Sie hatte ihm von ihrem sechszehnten Jahre an bis zu ihrem fünfzigsten eine große Anzahl von Kindern geboren, von denen noch achtzehn lebten, darunter über ein Dutzend Söhne, die ich alle kannte und deren Aeltester vom halben Jahrhundert nicht mehr fern war; der Jüngste war noch ein Jüngling. Alle diese Söhne sprachen mit einer seltenen Ehrfurcht von ihrer hochbetagten Mutter, freilich nicht oft und dann auch nur andeutungsweise, denn von Frauen überhaupt spricht der anständige Orientale fast nie; aber bei dem bloßen Namen „Mutter“ kam es wie ein frommer Schauer über sie. Der alte Mufti selbst sprach absolut niemals von seiner Frau, und zwar aus Achtung, denn je mehr der Orientale seine Frau achtet, desto mehr scheint es ihm eine Entweihung, ihrer im Gespräch zu erwähnen. Aber mir entging doch nicht das innige Verhältniß, in welchem er mit ihr lebte. Oft, wenn ich in dem den Männern vorbehaltenen Theile seines Hauses mit ihm und seinen Söhnen den Abend zubrachte, schlich sich der Alte plötzlich davon, um erst in einer Stunde wieder zurückzukehren. Frug ich nach seinem Verbleib, so genügte das einzige Wort „Imah“ (Mutter), bei dessen Klang plötzlich eine feierliche Stille eintrat, um mich aufzuklären. Der gelehrte Mufti verschmähte es nicht, einen Theil seines Abends bei seiner ihm an Bildung natürlich sehr nachstehenden, aber an Charakter vielleicht doch ebenbürtigen Gattin zuzubringen: eine Seltenheit bei Moslems, aber desto erfreulicher. Man sah die alte Frau nie. Sie schaltete wie ein unsichtbarer guter Geist im Hauswesen, aber ihr Ruhm, als einer exemplarischen Gattin und Mutter, war in der ganzen Stadt verbreitet. Dieses alte Paar war wirklich wie Philemon und Baucis. Als der Mufti hochbetagt starb, überlebte ihn seine Frau nur um wenige Wochen. Wie ich ihre Söhne fragte, woran sie gestorben, schüttelten sie nur die Köpfe und sagten: „Sie wollte eben dem Vater folgen.“

  1. Fekih, eigentlich Schriftgelehrter, Gesetzkundiger, aber oft für Magier, Astrolog etc. gebraucht.