Pariser Bilder und Geschichten/Die Kaffeehäuser

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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Die Kaffeehäuser
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 311-315
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Pariser Bilder und Geschichten.
Die Kaffeehäuser.
Von Ludwig Kalisch.


Paris zählt mehr als zweitausend Kaffeehäuser. Man darf sich darüber nicht wundern. Dem geselligen Franzosen, der die Weinhäuser nicht kennt, sind sie ein Bedürfniß. Sie sind in Paris ein doppeltes Bedürfniß, da sie bei dem ungeheuren Umfang der Stadt als Zusammenkunftsorte dienen. Man kann sich dort auf halbem Wege begegnen, manche Angelegenheit besprechen, manches Geschäft erledigen, ja, sogar dringende Correspondenzen besorgen; denn in jedem Pariser Kaffeehause werden dem Consumenten die Schreibmaterialien unentgeltlich verabreicht. Welche Bequemlichkeit die Pariser Kaffeehäuser bieten, sieht man erst recht, wenn man einige Zeit in London zugebracht. London hatte im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert seine Kaffeehäuser, und die Bedeutung derselben für den geselligen Verkehr war so groß, daß ihnen Macaulay in seinem Geschichtswerk eine besondere, höchst interessante und belehrende Abtheilung widmet. London hat jetzt nur wenig Kaffeehäuser, wo man noch oben [312] drein keinen Kaffee, sondern nur schlechten Thee trinkt, wo man sich gegenseitig todt schweigt und seinen Nachbar nur bemerkt, wenn er einem die „Times“ in’s Gesicht stößt oder auf die Hühneraugen tritt.

Leider aber wird jetzt in den Pariser Kaffeehäusern auch nicht mehr ausschließlich Kaffee oder ein sonst unschuldiges Getränk genossen. In den jüngsten Decennien hat der Genuß des Absynths selbst in den vornehmsten Kaffeehäusern so sehr überhand genommen und bereits solche Verheerungen angerichtet, daß dieses Uebel allgemeine Bestürzung erregt und die Federn der bewährtesten Publicisten in fortwährender Thätigkeit erhält. Um die Größe dieses Uebels zu ermessen, muß man bedenken, daß es in Paris und dessen Weichbild neben den Kaffeehäusern an achtzehntausend Schenkwirthschaften giebt und daß in jeder dieser Wirthschaften eine größere oder geringere Quantität Absynth verabreicht wird. Die Presse thut alles Mögliche, um von dem Genusse dieses Getränkes abzuschrecken. Man hat den Absynthtrinkern unzählige Male gesagt, daß der Absynth den Menschen früher oder später in eine körperliche und geistige Ruine verwandelt, daß eine sehr beträchtliche Menge der in den Spitälern und Privatheilanstalten verpflegten Fallsüchtigen sowie in den Irrenhäusern behandelten Patienten demselben ihr Uebel zuzuschreiben hat. Auch haben die Experimente, die mit dem Absynth gemacht werden, dessen zerstörende Wirkung auf’s Unzweideutigste bewiesen. Man goß vor dem Publicum in eines der zwei Glasgefäße, in welchem kleine Fische herumschwammen, sechs Tropfen Blausäure, in das andere eben so viel Tropfen Absynth, und die munteren Thierchen starben schneller in diesem, als in jenem Gefäße. Einige Tropfen Absynth genügen, einer Katze epileptische Krämpfe zuzuziehen. Trotz alledem giebt es Tausende und aber Tausende, die den mehr oder weniger langsamen Vergiftungsproceß täglich mit sich vornehmen.

Das Absynthtrinken hat in den Pariser Kaffeehäusern mit dem Tabakrauchen zugenommen und zwar unter dem Empire. Vor dem Staatsstreiche wurde in wenig Pariser Kaffeehäusern, und auch dort nur in den dafür bestimmten Estaminets (Tabaksstuben) geraucht. Jetzt giebt’s in Paris kein einziges Kaffeehaus mehr, in welchem nicht fortwährend Pfeifen, Cigarren und Cigaretten qualmten. Mit der außerordentlichen Verbreitung in den Pariser Kaffeehäusern ist dort die Artigkeit mehr oder minder verschwunden, und es bestehen in Paris nur noch wenige Kaffeehäuser, wo der traditionelle gemessene Ton herrscht, und diese sind just die am wenigsten besuchten. Die äußere Eleganz steht nicht immer in geradem Verhältniß zur Vornehmheit, und das kleine schmucklose Café Tortoni ist bei weitem besser besucht, als das Grand Café oder das Café de la Paix, obgleich beide letztere an prachtvoller Einrichtung alle anderen Kaffeehäuser übertreffen.

Wie in Paris jeder Stadttheil seine eigene Physiognomie hat, so haben auch die Kaffeehäuser, je nach dem Stadtviertel, ihr eigenthümliches Gepräge. So unterscheidet sich auf den Boulevards fast jedes Kaffeehaus von dem anderen durch den Charakter seiner Besucher. Die Kaffeehäuser in der nächsten Nachbarschaft der Theater werden fast ausschließlich von dramatischen Schriftstellern, Schauspielern und Theaterrecensenten besucht. Hier werden die Pläne zu neuen Stücken entworfen, pikante Situationen berathen und über die Personen eines hervorzubringenden Vaudevilles verhandelt. Bekanntlich haben die leichten dramatischen Musenkinder, die in Paris erzeugt werden, gewöhnlich zwei, nicht selten sogar drei Väter. Der Eine liefert den Stoff; der Andere macht den Dialog, oder liefert das attische Salz, um diesen genießbar zu machen. So ist z. B. das Café des Variétés, das sich an der Seite des Theaters gleichen Namens befindet, der Vereinigungspunkt dramatischer Dichter, oder vielmehr Vaudevillefabrikanten, und sonstiger Leute, die am Karren des Thespis beschäftigt sind.

Der Fremde weiß die Physiognomien der Pariser Kaffeehäuser nicht zu unterscheiden, und ahnt nicht, daß dicht neben einem Kaffeehause, das von der soliden tugendhaften Bourgeoisie besucht wird, sich ein anderes befindet, dessen Stammgäste weder solid, noch tugendhaft sind. Es giebt auf den Boulevards viele Kaffeehäuser, in welchen das andere Geschlecht sich zahlreich einstellt. Die ungeschminkte Tugend besucht diese Kaffeehäuser niemals, weil dort das geschminkte Gegentheil allzustark vertreten ist. Manche Kaffeehäuser haben eine specielle Kundschaft, die ihr ganzes Leben hindurch dem Etablissement treu bleibt. So wird das Café de la Régence fast ausschließlich von Schachspielern besucht. Hier vereinigen sich täglich die ausgezeichnetsten Schachspieler von Paris, und wenn irgend ein berühmter Jünger des Palamedes nach der Hauptstadt kommt, unterläßt er es gewiß nicht, sogleich dieses Kaffeehaus aufzusuchen, wo man unausgesetzt den größten Scharfsinn anwendet, um die Könige ohnmächtig zu machen, ohne sich der Anklage des Majestätsverbrechens auszusetzen. Das Café de la Régence hat zu seinen Stammgästen den berühmten Schachspieler Philidor gezählt, dessen Bildniß dort aufgehängt ist und mit innigster Verehrung von seinen Nacheiferern betrachtet wird. Hier hat auch vor mehreren Jahren der Amerikaner Murphy jene großartigen Schlachten geschlagen, in welchen die Ritter fallen, ohne zu verbluten.

Ist nun das Café de la Régence der Sammelpunkt der Schachspielvirtuosen, so ist das Café Manoury bekannt durch die Virtuosen im Damenbrettspiel, welches eben nur diese Virtuosen nicht langweilig finden. Was aber das Dominospiel betrifft, so ist dasselbe die Leidenschaft besonders der kleinen Bourgeoisie, und es giebt in Paris kein einziges Kaffeehaus, wo nicht mit den schwarzäugigen Knochen unaufhörlich geklappert und gerasselt würde.

Es giebt auch in Paris, an der Ecke des Boulevard und der Rue Montmartre, ein Kaffeehaus, in welchem sich Pariser und auswärtige Diamantenhändler versammeln und sehr bedeutende Geschäfte abschließen. Dort werden geschliffene und rohe Diamanten in großer Menge ausgekramt. Die Besucher dieser Diamantenbörse unterscheiden sich gar sehr von ihrer kostbaren Waare, besonders in Bezug auf den Schliff.

Daß manche Kaffeehäuser ein Publicum von einer specifisch politischen Färbung vereinigen, kann man sich leicht denken. Seit vorigem Jahre haben die in der Wolle gefärbten Bonapartisten das Café de la Paix zu ihrem Rendezvous gewählt. Das Crethi und Plethi des Bonapartismus schimpft hier weidlich auf die Männer des vierten September, auf den Präsidenten der Republik, auf die Republik und die Republikaner, auf die Legitimisten und Orleanisten und wiegte sich vor dem Ableben des Ex-Kaisers in der süßen Hoffnung, sobald wie möglich den Mann von Sedan im Triumph nach Paris zurückführen zu können.

In Folge des jüngsten Krieges sind in Paris mehrere Kaffeehäuser verschwunden, die eine mehr als hundertjährige Vergangenheit hatten und ein historisches Interesse gewährten. Ich muß hier besonders das Café Procope erwähnen. Dieses Kaffeehaus, das im Jahre 1689 von dem Sicilianer Procope gegründet wurde, bildete im vorigen Jahrhundert den Sammelplatz der großen Schriftsteller, der kleinen Schöngeister und der Selbstherrscher der Kritik. Diderot, d’Alembert fanden sich hier täglich ein, nicht selten auch der hypochondrische Jean Jacques. Hier spitzte Piron seine Epigramme zu, und hier horchten Alle auf die Stimme des damaligen literarischen Weltbeherrschers Voltaire, der seine Witzpfeile nach allen Richtungen abschnellte. Das Café Procope wurde von vielen Fremden besucht, denen man den Tisch zeigte, an welchem der Verfasser der Henriade zu sitzen pflegte. Das berühmte Kaffeehaus ist aus Mangel an Kundschaft vor Kurzem eingegangen, und wer weiß, in welcher Rumpelkammer sich jetzt der historische Tisch befindet.

Ein anderes Kaffeehaus, unstreitig das eigenthümlichste von Paris, war das Café des Aveugles. Dasselbe befand sich in einem unterirdischen Geschoß des Palais Royal und verdankte seinen Namen dem Orchester, das allabendlich hier spielte. Es bestand nämlich aus lauter Blinden. Sie kamen jeden Abend mit dem Omnibus aus der Blindenanstalt und geigten, flöteten und posaunten ihre altfränkischen Stücke. Zwischen diesen musikalischen Leistungen, die sehr solide Ohren voraussetzten, ließ sich auch eine andere Musik hören, die noch viel solidere Ohren voraussetzte, da sie wie ein heftiges Donnerwetter in die Gehörorgane schmetterte. Ein als Wilder costümirter Mann in Tricot und mit einer hohen bunten Federkrone auf dem Kopfe erschien alle zehn Minuten gleich einem Deus ex machina und schlug fünfzehn Trommeln auf einmal. So plötzlich wie er kam, verschwand er auch wieder und ließ das Publicum, das fast ausschließlich aus Provinzialen und Ausländern bestand, verblüfft und betäubt zurück. Zum Schlusse producirte sich ein Bauchredner und sprach verschiedene Dialoge. Während mehrerer Menschenalter wurde dieses Programm ohne die geringste Abänderung allabendlich ausgeführt. [314] Am Ende aber gab es in diesem Kaffeehause mehr Blinde als Sehende und fast mehr Trommeln als Ohren. Durch die Belagerung von Paris ward es vollends zu Grunde gerichtet und genöthigt, seine Pforten zu schließen. Die Blinden unternehmen nicht mehr ihre abendlichen Omnibusfahrten, und was aus dem Wilden mit den fünfzehn Trommeln und dem Bauchredner geworden, das wissen die Götter.

Vielleicht wissen die Götter auch, was am Ende aus den vielen Sängern und Sängerinnen wird, die sich jeden Abend in den Cafés-chantants, und zwar während der schönen Jahreszeit in den Elysäischen Feldern und während der rauhen im Innern der Stadt hören lassen. Gar viele dieser lyrischen Künstlerinnen haben eine dunkle Vergangenheit. Unter Ersteren aber giebt es manches verfehlte Genie, manchen Conservatoriumsschüler, von dem man sehr viel erwartete und der den Erwartungen so wenig entsprach, daß er statt der erhofften hunderttausend Franken jährlicher Gage sich mit dem hundertsten Theil begnügen muß und statt, wie er sich einst geschmeichelt, vor gekrönten Häuptern zu singen und von feinen mit Glacéhandschuhen bekleideten Händen applaudirt zu werden, seine zerbrochenen Triller vor der kleinen Bourgeoisie spinnen muß und von Händen bekatscht wird, die niemals Handschuhe getragen und nur oberflächlich gewaschen sind. Indessen kommt es auch vor, daß in diesen Anstalten ein bedeutendes lyrisches Naturtalent entdeckt wird, welches seinen eigenen Werth nicht kennt, von dem glücklichen Entdecker herangebildet wird und dann auf den größten Scenen Europas die Kunstfreunde in Flammen setzt.

Jedes Café-chantant hat eine kleine Bühne, oder wenigstens eine Estrade, auf der nicht nur Sänger und Sängerinnen, sondern auch Schauspieler und Schauspielerinnen ihr Talent zum Besten geben. Es leben in Paris Hunderte, ja Tausende solcher Künstler untergeordneten Ranges. Auf welche Weise enden dieselben? Diese Frage ist schon oft aufgeworfen, aber von Niemandem beantwortet worden. Sie gleichen darin den Spatzen, die man überall in großer Menge sieht und von denen ebenfalls kein Sterblicher weiß, wie sie ihr Leben beschließen. Paris ist ein Ocean. Man kann hier auf tausendfache Art spurlos zu Grunde gehen. Die Verschwundenen lassen keine Lücke zurück.

In den Pariser Vorstädten giebt es sehr viele Kaffeehäuser, wo Getränke von höchst räthselhafter Mischung verabreicht werden, wo der Kaffee weder von Java, noch von Martinique stammt, wo man den Traubensaft erst tausend widrigen Proceduren unterwirft, bevor er der Kundschaft dargeboten wird, und wo in den geistigen Getränken alle Geister herrschen, nur kein guter. Diese Anstalten bilden die Zufluchtsstätten der Armuth und des Elends. Sie sind schlecht beleuchtet und die ganze Einrichtung, wenn hier von Einrichtung die Rede sein kann, entspricht vollkommen dem Stande und dem Zustande der Besucher. Und dennoch gehören diese Anstalten nicht zu den widrigsten. In den alleräußersten Stadttheilen von Paris findet man Kaffeehäuser, in denen neben der Armuth auch das Verbrechen einkehrt. Dort wird der Kaffee, wie man das ekelhafte Gebräu nennt, nicht in Tassen, sondern in dicken Näpfen und der Wein in irdenen Töpfen servirt, und zwar gegen augenblickliche Bezahlung. Die Solidität der Gefäße hat den Grund in der beständigen Gefahr, der sie ausgesetzt sind; und der Wirth hat auch die allertriftigsten Gründe auf die Entrichtung der Consumtion nicht einen einzigen Augenblick zu warten. Er kennt seine Kundschaft und weiß, daß gar Mancher von ihr mit der Themis sehr über den Fuß gespannt ist. Die schmutzigen Hände, welche den Napf oder den Topf ergreifen, haben schon mit falschen Schlüsseln um Mitternacht Zimmer- und Schrankthüren geöffnet, oder sich gar mit Blut befleckt. Mehr als einer dieser Kunden hat einen Theil seines Lebens zwischen dicken Mauern zugebracht und dort auf’s Bitterste bereut – nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Der Wirth taugt nicht mehr als die Kundschaft; das Etablissement wird daher von Polizeigehülfen überwacht, die sich in allerlei Verkleidungen unter die Gäste mischen. Diese ihrerseits sind fortwährend auf der Hut und betrachten mit Mißtrauen jedes fremde Gesicht, das sie gewahr werden.

Manche dieser Kaffeewirthschaften dienen zu Spielhöllen und suchen sich in den entferntesten und ödesten Stadtteilen, und dort in halbverfallenen Häusern, zu verstecken. Sie werden aber früher oder später doch entdeckt. Das Nest wird dann ausgehoben und das lose Gevögel in feste Käfige gethan.

Ich habe vor mehreren Jahren eine der oben erwähnten Spelunken besucht und werde niemals den Eindruck vergessen, den dieselbe auf mich machte. Das Etablissement bestand aus einem sehr weiten, sehr hohen Raume, dessen unbekleidete steinerne Mauern von Ruß angeschwärzt waren; ich vermuthe, daß sich in derselben ehemals eine Schmiedeesse befunden. Männer und Weiber verschiedenen Alters saßen auf hölzernen Bänken an langen schmutzigen Tischen, und jedes Individuum hatte einen Topf mit Wein vor sich. Auf den Gesichtern dieser Kundschaft malten sich alle Grade der Verkommenheit. Die Männer waren fast ausschließlich in Blousen mit schlecht zusammengeflickten Lappen gekleidet; die Frauen trugen sämmtlich als Kopfbedeckung ein baumwollenes, über der Stirn geknüpftes Tuch, dessen ursprüngliche Farbe selbst das geübteste Auge nicht mehr entdecken konnte. Ekelhafte Ausdünstungen und Tabaksqualm verpesteten die Luft, so wie der Gesang der Einen, das Geschrei der Anderen und das Klappern der Töpfe das Ohr beleidigten. Die sehr zahlreiche Gesellschaft gehörte größtentheils zum Stande der Chiffonniers, der Lumpensammler, dem letzten aller Stände, in welchen sich alle Hungerer und Lungerer, alle verfehlten Menschen und sehr oft bestrafte Verbrecher flüchten.

Ich hatte mich in einem Winkel an einen Tisch gepflanzt und dachte nur daran, wie ich mit Glimpf wieder in’s Freie kommen könnte, zumal sich viel neugierige und verdrossene Blicke auf mich richteten, als ein alter Mann, der mir gegenüber saß, auf’s Lebhafteste meine Aufmerksamkeit erregte. Er trug einen alten schwarzen Leibrock und einen alten Seidenhut, der bereits stark in’s Roth schillerte. Aber nicht nur durch seine Kleidung, sondern auch durch seine Physiognomie zeichnete er sich vor den übrigen Gästen aus. Das Elend hatte in seinen Gesichtszügen stark gewühlt; doch verriethen dieselben einen Mann, der nicht zu dieser Gesellschaft paßte. Er wurde auch von seiner Tischnachbarschaft mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt. Sie nannten ihn „Docteur“. Sein Nachbar zur Rechten ersuchte ihn um ein Mittel gegen ein hartnäckiges Halsleiden, worauf der Alte erwiderte, er würde ihm ein solches verschreiben. In seiner Aussprache glaubte ich einen leichten deutschen Accent wahrzunehmen. Ich hatte mich nicht getäuscht. Auf meine Frage, ob ich einen Landsmann in ihm gefunden, antwortete er sogleich in deutscher Sprache, und ich erfuhr von ihm, daß er wirklich Arzt sei, daß er in Heidelberg das Doctorexamen trefflich bestanden und sein Diplom erhalten habe. Ich bat ihn, mit mir in’s Freie zu gehen. Er zögerte einen Augenblick, willigte aber endlich ein, und zu meinem Erstaunen sah ich jetzt, daß er Holzschuhe trug.

Sobald wir die abscheuliche Kneipe verlassen hatten, sagte ich ihm, daß keine blöde Neugierde, sondern eine aufrichtige Theilnahme meinen Wunsch veranlaßt, mich ungestört mit ihm zu unterhalten.

„Sie sehen in mir eine Menschenruine,“ begann er, indem er die tiefgefurchte Stirn zusammenzog; „aber seien Sie fest überzeugt, daß keine schlechte Handlung mich in den Abgrund gestürzt, in welchem sie mich sehen. Es hat mir weder an Wissen, noch an gutem Willen gefehlt, mir eine geachtete Stellung zu erwerben, sondern an Muth und Gewandtheit. Mit geringen Mitteln, aber voll Hoffnung kam ich nach Paris und zweifelte nicht, bald ein glänzendes Ziel zu erreichen. Ich hatte nicht bedacht, daß in dieser Weltstadt das Wissen und das Talent allein nicht genügen, daß man eine außerordentliche Energie besitzen müsse, um sein Talent und sein Wissen geltend zu machen. Meine Geldmittel waren bald erschöpft. Ich war daher genöthigt, meine Möbel zu verkaufen, meine Wohnung in der Rue Vivienne zu verlassen und ein möblirtes Zimmer im Faubourg St. Denis zu beziehen. Auch dort gelang es mir nicht, eine Praxis zu erwerben. Statt nach allen Enden und Ecken zu laufen, mir Eingang in viele Familien zu verschaffen, mich von Freunden empfehlen zu lassen und mich selber zu empfehlen, blieb ich zu Hause oder studirte in den Bibliotheken, sowohl um meinen Wissensdrang zu befriedigen, als auch meine traurige Lage zu vergessen. Dieselbe erregte nach und nach in mir ein unbezwingliches Schamgefühl, das mich menschenscheu machte. Dadurch sank ich immer tiefer, und seit Jahren lebe ich abgeschieden in diesem [315] Stadttheile unter verworfenem Gesindel. Ich bin ein morsches Wrack, das der brausende und tobende Ocean an eine öde Küste geschleudert.“

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich von dem Unglücklichen, daß er schon seit einer Reihe von Jahren nicht mehr den schmutzigen Stadttheil verlassen, aus Furcht, Jemandem zu begegnen, der ihn früher gekannt, und daß er seinen Namen geändert, damit man ihm niemals auf die Spur komme. „Meinen wahren Namen,“ schloß er mit einer eigenthümlich schmerzlichen Betonung, „meinen wahren Namen wird man selbst nach meinem Tode nicht erfahren.“ –

Ich sah diesen Mann nicht wieder. Was ist aus ihm geworden? Vielleicht weiß es Niemand; vielleicht hat es Niemand wissen wollen.