Carl August (Die Gartenlaube 1873/19)

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Textdaten
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Autor: A. Sr.
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Titel: Carl August
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 315
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[315] Carl August, der fürstliche Freund Goethe’s, war nicht nur ein ungewöhnlicher, über seiner Zeit stehender Regent und ein umsichtiger, tapferer Feldherr, was sein schwieriger, mit großer Gewandtheit ausgeführter Rückzug von 1806 beweist, er war auch ein liebenswürdiger Gast, ja, ein einfacher Hausfreund, frei von aller fürstlichen Grandezza. So kehrte er gern in der wahrhaft adeligen Familie des Präsidenten v. Z. ein. Hier neckte er sich besonders gern mit der liebenswürdigen und schlagfertigen Frau des Hauses. Ein Husar pflegte ihn da anzumelden, oft kurz vor seinem Eintreffen. So im Sommer 1825.

Die Familie v. Z. lebte auf ihrem ländlichen Gutssitze zu V. Es war ein schöner, warmer Tag, und die zahlreiche Familie sowie ein Gast, eine jener ungewöhnlichen Frauen aus dem damals schon fast ausgestorbenen Kreise in Weimar, bewegten sich heiter, behaglich in den schattigen Gängen des Parkes, als der bekannte rothe Husar Vormittags nach elf Uhr anritt und ein paar Zeilen brachte, welche den Großherzog von Weimar für ein einfaches Mittagsbrod anmeldeten. „Mein Gott,“ rief die Hausfrau, welche sonst nicht gleich das Concept verlor, „ich habe fast gar nichts im Hause, und gegen ein Uhr will der Großherzog kommen. Um zwei Uhr erwartet er bei uns das Mittagsbrod.“

Die eben noch im großen, schönen Parke gar bewegliche, heiter lebendige Gesellschaft wurde plötzlich stumm, und Jeder zog sich bedenklich in das Haus, in sein Zimmer zurück.

In dem Speisegewölbe prasentirt sich ein Küchen-Solitär – aber ein einziger – ein Rehrücken: – sonst, da und dort – nur Neigen, Ueberreste für das gerade heute sehr bescheidene Mittagsmahl der Hausgenossen. Und ein Großherzog will heute hier zu Mittag essen. Arme Hausfrau!

Gegen ein Uhr kam der alte fürstliche Herr, wie gewöhnlich in seiner grünen, einfachen Pikesche auf der sehr schlichten, harten Jagddroschke mit den zwei russischen Rappen. Der hochbejahrte, noch gar rüstige Herr war hier wie ein alter Bekannter, aber stets ritterlich gegen die Frauen. So saß er später auch mit einem Herrn v. F., den er mitbrachte, an der Tafel, um welche die ganze Familie versammelt war. Die Suppe war abgetragen; der Diener brachte den Rehrücken, diesen Retter in der Noth, und begann an einer Nebentafel zu tranchiren; aber er hatte kaum drei oder vier Stückchen gelöst, als unter dem ungeschickt geführten Messer der Braten vom glatten Teller ausrutscht und in das Zimmer fährt. So lag der einzige Braten des Hauses am Fußboden. Nur die paar von ihm schon abgeschnittenen Stückchen waren gerettet. Was sollte da, auf dem Dörfchen ohne Fleischer, bei den uns bekannten Speisevorräthen geschehen, jetzt noch geschehen? – die Frau des Hauses zuckte zusammen; sie wurde roth und bleich – doch nur einen Augenblick verlor sie die Geistesgegenwart.

„Walther,“ so hieß der Diener, „traget schnell den verunglückten Braten hinunter und lasset Euch den andern geben!“ rief sie und bat den Großherzog um Verzeihung wegen des nun zu erwartenden Aufenthaltes.

Sie schien ruhig; aber was mochte die arme Hausfrau bestürmen! Würde die Köchin so klug sein und die Absicht der Herrin verstehen, den verunglückten Braten säubern, neu zurichten und anständig zurückschicken?

Der Großherzog schien nichts zu bemerken, scherzte und erzählte allerliebst. Da brachte endlich der Diener wirklich den neu zugestutzten Rehrücken wieder und begann von Neuem zu tranchiren. Der Großherzog aber drückte die Hand der Frau Präsidenten und sprach ganz harmlos:

„Liebe Lonny,“ so hieß die Frau des Hauses, „ich bitte mir von der ersten Edition aus.“ Er hatte die Kriegslist der Hausfrau bemerkt, während die übrige Gesellschaft die ihr unbegreifliche Geschichte ängstlich abwartete.

Als später der fürstliche Herr Abschied nahm, schüttelte er der Frau des Hauses die Hand und rief lächelnd:

„Wie gut, liebe Lonny, daß es auch Esel in der Welt giebt! Ohne Ihren geschickten Speisemeister käme ich nicht so stolz auf Sie und nicht so wohl zufrieden mit mir nach Hause.“ Gar rüstig bestieg der Greis seine einfache harte Droschke und fuhr rasch hinweg.
A. Sr.