Bilder aus dem Gefängnißleben

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Autor: Max Ring
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Titel: Bilder aus dem Gefängnißleben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, 30, S. 357–360, 414-416
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[357]
Bilder aus dem Gefängsnißleben.
Von Max Ring.
I.

In meiner Stellung als Gefängnißarzt hatte ich häufig Gelegenheit, einen Blick in das Leben und Treiben der Verbrecherwelt zu thun, da ich vielfach mit den Gefangenen in Berührung trat. Das Inquisitoriat zu G…… ist ein großes Gebäude, welches weit mehr Aehnlichkeit mit einem Palaste, als mit dem Aufenthalt von Verbrechern hat. Eine Reihe von stattlichen Flügeln im gothischen Geschmack schließen mehrere freundliche Höfe ein; selbst an Garten fehlt es nicht, wo die Bewohner zu gewissen Stunden freie Luft schöpfen dürfen. Allerdings benimmt ihnen eine dreißig Fuß hohe Mauer jede Aussicht in’s Freie und auf Flucht. Große, mit festen eisernen Schlössern versehene Thore sperren die Anstalt von der Außenwelt ab; sie öffnen sich nur für diejenigen, welche mit einer besonderen Einlaßkarte versehen sind, oder zu dem Beamtenpersonale gehören. Wir treten ungehindert herein und werden wohlthuend von der hier herrschenden Ordnung und Reinlichkeit überrascht. In einer grünen Laube, welche sich an die Wand des Gefängnisses anlehnt, finden wir zu unserer Ueberraschung ein anmuthiges Mädchen von achtzehn Jahren und mehrere fröhliche Kinder, welche sich ungestört ihren Spielen überlassen und uns mit lautem Jubeln begrüßen. Es ist dies die Familie des Gefängnißinspectors, welche sich bereits an den Anblick des hier herrschenden Elends gewöhnt hat, und von dem täglichen Schauspiele weiter nicht berührt wird. Ihr munteres Aussehen, ihr frisches Lachen bildet einen eigenthümlichen Gegensatz zu der sonstigen traurigen Umgebung. Noch schärfer tritt der Contrast hervor, wenn man bedenkt, daß kaum hundert Schritte davon der kleine Hof liegt, wo heute gerade die Zimmerleute mit dem Aufschlagen des Blutgerüstes beschäftigt sind, auf dem morgen in der Frühe der schwere Verbrecher enden wird, dessen Gesundheitszustand ich vor seinem Tode noch einmal zu prüfen habe. Die Kinder sehen ohne Bewegung den Arbeitern zu, und erhaschen mit wahrer Freude ein Stück Holz, das beim Absägen des Schaffots herabgefallen ist, und welches sie jetzt ohne Bedenken zu ihren Spielen verwenden. Das liebliche Mädchen beschäftigte sich unterdeß mit Lesen; vielleicht war es irgend ein gefühlvoller Roman, den sie in der Hand hielt, und in den sie dermaßen vertieft war, daß sie kaum meinen Gruß zu bemerken schien.

An der verschlossenen Hauptthür, vor der zwei Schildwachen mit geladenen Gewehren auf und ab gingen, fand ich bereits den dienstthuenden Gefängnißwärter, in dessen Begleitung ich die täglichen Krankenbesuche abstattete. Zunächst hatte ich die Aufgabe, die neu hinzugekommenen Gefangenen zu untersuchen. Es war ein ziemlich bedeutender Transport angelangt, von jedem Alter und aus allen Ständen, Kinder, welche frühzeitig ihre Verbrecherlaufbahn angetreten, und Greise, die mit einem Fuße bereits im Grabe standen; Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Benehmen nach den besseren Classen der Gesellschaft angehörten, Männer und Frauen, denen der Stempel des Elends und des Lasters auf die Stirn gedrückt war. Sie warteten auf mich in einem geräumigen Saale, um nach dieser nothwendigen, ärztlichen Inspection in die verschiedenen Zellen gesperrt zu werden, welche sie bald längere bald kürzere Zeit zu bewohnen haben.

Durch eine längere Praxis glaubte ich bereits eine gewisse Uebung erlangt zu haben, um den Anfänger von dem bereits verhärteten Bösewicht zu unterscheiden; aber gern gestehe ich ein, daß ich mich selber oft in dieser Beziehung getäuscht sah. Ich habe schwere Verbrecher kennen gelernt mit dem Aussehen von wahren Biedermännern und besonders unter den Frauen wirklich unschuldige Gesichter mit sanften Zügen und höchst bestechendem Aeußeren angetroffen, die nichts desto weniger die größten Verbrechen begangen hatten. So erinnere ich mich noch heute einer Giftmischerin, die ihren Mann mit Hülfe ihres Geliebte umgebracht hatte. Man konnte sich, abgerechnet ihre von der Gefängnißluft gebleichten Wangen und ihre von Gewissensbissen und Sorgen um ihr Schicksal angegriffenen Züge, kein sanfteres und freundlicheres Wesen denken, und doch hatte diese Frau mit wahrhaft dämonischer Bosheit nicht allein ihren Gatten ermordet, sondern sogar längere Zeit den Verdacht auf mehrere schuldlose Personen ihrer Umgebung hinzulenken gewußt, und das Gericht so lange irre geführt, bis ein Zufall sie als Thäterin unwiderruflich bezeichnete und dem strafenden Arm der Gerechtigkeit überlieferte.

Obgleich ich keineswegs einen gewissen Werth der Physiognomik bestreiten will, so möchte ich doch vor Irrthümern und voreiligen Schlüssen warnen. Eine eigentliche Verbrecher-Physiognomie habe ich nur selten gefunden, und trotz meiner vielfachen Erfahrungen möchte ich ihre Existenz noch immer bezweifeln. Manche Aerzte glauben auch bei Leichenöffnungen noch besondere anatomische Veränderungen im Innern des Verbrecherkörpers und als diesem ausschließlich eigen entdeckt zu haben; dazu gehört besonders das rauhe und haarige Herz, cor villosum genannt. Dasselbe besteht in einer Rauhigkeit der Herzoberfläche, wahrscheinlich eine Folge der fortwährenden Reizung und dadurch bedingten, entzündlichen Ausschwitzung. Aber jeder Arzt wird wohl ähnliche Zustände auch bei den unschuldigsten Personen angetroffen haben, die nichts weniger als Verbrecher waren. Eben so wenig dürfte die Zergliederung des Gehirns uns einen Aufschluß geben, warum ein Mensch [358] zum Dieb und Mörder wird. Hier stehen wir an den Grenzen unserer Kunst, und wer irgend wie sich mit dem Gegenstande beschäftigt hat, der wird zu dem Resultate gewiß gelangt sein, daß nicht angeborene, physiologische Schädelbildungen und Organveränderungen, sondern äußere Verhältnisse, Jugendeindrücke, schlechtes Beispiel und Verführung die Hauptfactoren sind.

Wir kehren zu unseren Gefangenen zurück, mit deren Untersuchung ich beauftragt bin. Nebenbei werfe ich einen Blick auf die daneben liegende Liste, und wo dieselbe nicht genügenden Aufschluß gibt, erhalte ich denselben durch directe Fragen und den Bericht des Gefangenwärters. Zu meiner nicht geringen Überraschung entdeckte ich darunter einen alten Bekannten, mit dem ich als Knabe dieselbe Schule besucht hatte, obwohl wir später wenig oder gar nicht in Berührung kamen. Schon damals in seiner frühen Jugend zeigte S……k eine große Fertigkeit im Nachahmen fremder Handschriften; auch verrieth er kein gewöhnliches Zeichentalent, weshalb ihn seine nicht unbemittelten Eltern zum Kupferstecher bestimmten. Gerade seine Kunst, in der er eine gewisse Höhe erreicht hatte, sollte ihm zum Verderben ausschlagen. Durch eine leichtsinnige Heirath gerieth er in Schulden, da er bald eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte. Die Noth stieg immer höher, zum Theil durch seine Schuld, indem er als ein leidenschaftlicher Kartenspieler seine oft nicht unbedeutenden Verdienste am Spieltisch wieder sitzen ließ. Hier machte er auch die Bekanntschaft eines bankerotten Kaufmanns, der sich an ihn hängte und nach und nach eine vollkomme Herrschaft über den mehr schwachen als verderbten Mann erhielt. Als seine Verzweiflung über wiederholte Verluste ihn keinen Ausweg erblicken ließ, alle Hülfsmittel erschöpft waren, die Seinigen zu verhungern drohten, benutzte der Versucher eine schwache Stunde, und beredete den leichtsinnigen und von Verlegenheiten aller Art gedrängten Kupferstecher zur Nachahmung ausländischer Cassenanweisuugen. Dieselben wurden von ihm so täuschend nachgemacht, daß eine geraume Zeit verging, ehe man sein Verbrechen entdeckte. Eben im Begriffe, mit seiner Familie und einer nicht unbedeutenden Summe, der Frucht seiner betrügerischen Arbeit, sich nach Amerika einzuschiffen, um dort ein neues Leben zu beginnen, wurde er von der Polizei ergriffen und in das Gefängniß abgeliefert, wo eine langjährige Zuchthausstrafe ihn erwartete. Ich erfuhr aus seinem eigenen Munde die Geschichte seiner Verführung, die allerdings von herzzerreißenden Umständen begleitet war, da ihn vorzugsweise die Noth der Seinigen und die Angst vor einigen unbezahlten Wechseln, welche sich in den Händen von unbarmherzigen Blutsaugern befanden, zum Verbrecher gemacht hatten. Nichts desto weniger war er schuldig, und der Richter durfte auf die allerdings hier vorhandenen mildernden Umstände kaum Rücksicht nehmen. Ergreifend war die Schilderung, welche er mir von seiner Lage entwarf, ehe er dem Versucher Gehör schenkte.

„Ich hatte buchstäblich,“ sagte er unter Thränen,“ keinen Heller in der Tasche. Wir wohnten in einer elenden Dachkammer, und waren schon seit drei Tagen hungrig zu Bette gegangen. Am meisten jammerten mich die armen Kinder, die nach Brod schrieen, bis sie vor Erschöpfung umsanken und zu ihrem Glücke einschliefen. Ich sah mich um, ob es noch etwas zum Versetzen gebe, aber mein Handwerkszeug, selbst das letzte Hemde war bereits ins Leihhaus gewandert. Am andern Morgen sollte ich in das Schuldgefängniß wegen einiger unbezahlter Wechsel abgeholt werden, und um das Maß voll zu machen, hatte uns der Hauswirth mit der Exmission wegen rückständiger Miethe gedroht. Ich wollte mir das Leben nehmen, aber der Anblick meiner schlafenden Kinder hielt mich zurück. So saß ich dumpf brütend, als Ruhwald, so hieß der bankerotte Kaufmann, mich aufsuchte und mir den Vorschlag machte. Er kannte meine Noth und hatte nur so lange gewartet, bis ich weder aus noch ein wußte. Jetzt rückte er mit seinem höllischen Plan heraus und versprach mir unter der Bedingung, daß ich darauf einginge, zu helfen. Ich hätte unter solchen Umständen einen Pact mit dem Teufel selbst geschlossen, nur um meinen unschuldigen Kindern Brod zu verschaffen. Am nächsten Morgen schon saß ich bei der Arbeit, die ich mit Zittern bei verschlossenen Thüren fortsetzte. Ich wußte, daß ich ein Verbrechen beging, aber was sollte ich thun?“

Ich unterließ es, den Niedergedrückten durch wohlverdiente Vorwürfe noch mehr zu demüthigen, vielmehr suchte ich ihm Muth einzusprechen. Auch gelang es mir später durch meine Bemühungen, sein Loos einigermaßen zu erleichtern. Da er eine vorzüglich schöne Handschrift schrieb, so wurde er auf dem Bureau mit Abschreiben beschäftigt, und somit den gewöhnlichen schweren Handarbeiten überhoben. In seinen Mußestunden durfte er sogar seine Kunst betreiben, womit er, da er sehr geschickt und fleißig war, so viel verdiente, daß die Seinigen davon, wenn auch dürftig, leben konnten.

Im schroffsten Gegensatze zu diesem leichtsinnigen Verbrecher stand jener hartgesottene Bösewicht, welcher zunächst an die Reihe kam; eine gedrungene Gestalt mit einem kurzen, stierartigen Nacken, auf welchem ein großer struppiger Kopf saß. Das rothe gedunsene Gesicht zeigte eine widerliche Mischung von Frechheit und Bösartigkeit. Auf den ersten Anblick erkannte ich einen Habitus und alten Kunden aus der Verbrecherwelt. Er benahm sich wie Einer, der bereits im Gefängniß zu Hause ist. Ohne meine Aufforderung erst abzuwarten, zog er schnell den Rock aus, da die Untersuchung bei entblößtem Körper vorgenommen wird.

„Guten Morgen!“ rief mir der freche Mensch mit grinsendem Munde zu, wobei er eine Reihe von scharfen, spitzen Zähnen zeigte, die einem Wolfe anzugehören schienen. „Bin wieder einmal da, Herr Doctor!“

„Sind Sie gesund,“ forschte ich, ohne seine weitern Auslassungen zu beachten, „oder fehlt Ihnen etwas?“

„Freilich,“ antwortete er jetzt mit kläglicher Stimme, „bin ich krank, und deshalb wollte ich Sie bitten, mich sogleich auf die Krankenstube zu schicken.“

„Und worüber klagen Sie?“ fragte ich ihn scharf anblickend.

„Ich habe ein großes Armgeschwür, das mir schreckliche Schmerzen verursacht.“

In der That erblickte ich auch am linken Oberarme ein bedeutendes und stark entzündetes Geschwür, welches vielen und übel aussehenden Eiter absonderte. Bei dem Befühlen desselben verzog der Gefangene sein Gesicht auf das schmerzlichste, obgleich ich so sanft als möglich dabei verfuhr. Ich merkte sogleich seine Absicht, mich zu täuschen, und diese Meinung wurde noch mehr durch die eigenthümliche Form und das Aussehen des Geschwüres bestärkt. Bald zweifelte ich keinen Augenblick länger, daß dasselbe künstlich hervorgebracht sei, um damit mich irre zu führen und noch einen besonderen Nebenzweck zu verbinden. Zu diesem Behufe legen die Gefangenen häufig ein Stück brennenden Schwamm, den sie sich trotz aller Aufsicht zu verschaffen wissen, auf irgend einen Theil ihres Körpers, oder sie entfernen die Oberhaut durch Reiben mit einem rauhen Ziegelstück, das sie von der Wand abbrechen. Die so gebildete Wunde verstehen sie durch allerhand scharfe Flüssigkeiten, Salzwasser und im Nothfalle durch ihren eigenen Urin in ein Geschwür zu verwandeln, wodurch sich mancher unerfahrene Arzt täuschen läßt. Ihre Absicht dabei ist, nach der Krankenabtheilnng versetzt zu werden, entweder blos deshalb, weil es dort mehr Freiheit, besseres Essen und schonendere Behandlung gibt, oder weil ihnen daran liegt, mit einem Mitschuldigen ungestört zu correspondiren, ihre Aussagen zu verabreden und gemeinschaftliche Pläne zu schmieden. Dies war auch hier der Fall; zum Glück durchschaute ich sogleich das fein ausgesonnene Stückchen und verhinderte die Ausführung durch meine bestimmte Erklärung, daß die ganze Krankheit eine künstlich gemachte sei. Es handelte sich hier, wie ich richtig vermuthete, um einen gefährlichen Einbruch mit bewaffneter Hand, wobei mein angeblicher Patient die Hauptrolle übernommen hatte.

Einer seiner Mitschuldigen lag im Krankensaal an einem wirklichen nicht unbedeutenden Leiden. Um mit diesem zusammenzukommen und denselben für den bevorstehenden Termin zu einer gleichlautenden Aussage zu veranlassen, hatte das besagte Individuum, ohne den sich selbst zugefügten Schmerz zu beachten, dies Geschwür an seinem Arme künstlich hervorgebracht. Ueberhaupt gehört das Simuliren von Krankheiten zu den gewöhnlichsten Erscheinungen im Gefängnißleben, und es ist wirklick erstaunlich, mit welcher Kenntniß der Symptome die Gefangenen dabei verfahren. Sie ahmen die verschiedensten äußeren und inneren Leiden täuschend nach, besonders Nervenkrankheiten, Krampfanfälle, und ich habe Exemplare der hinfallenden Sucht gesehen, welche durchaus der Wirklichkeit nichts nachgaben.

Man wird diese Erscheinung ganz natürlich finden, wenn man daran denkt, daß der größte Theil der Gefangenen von dem Augenblick ihrer Einsperrung an nur an ihre Befreiung denkt. All’ ihr Sinnen und Trachten ist auf diesen einzigen Punkt gerichtet, ihre ganze geistige Thätigkeit erhält dadurch eine Spannkraft und [359] Elasticität, die der freie Mensch nur selten erlangt. Der Gefangene hört das leiseste Geräusch, er gewöhnt sich im Finstern zu sehen; er erfindet eine eigene Zeichensprache, durch die er sich mit seinen Schicksalsgefährten unterhält, er denkt die verwegensten Pläne zu seiner Flucht aus, und erschrickt vor keiner Gefahr. Die furchtbarsten Schmerzen lernt er mit Leichtigkeit ertragen; seine Geduld und Ausdauer übersteigt alles Denken; die ekelhaftesten und grauenvollsten Wege halten ihn nicht ab, und selbst den Tod scheut er nicht, wenn es sich darum handelt, frei zu werden. Die Hingebung eines Märtyrers, der Muth eines Helden, der Scharfsinn eines großen Denkers wird weit öfter hinter Kerkermauern gefunden, und wer wissen will, zu welchen ungeheueren Anstrengungen und Opfern sich der Mensch zu erheben vermag, der braucht nur die Annalen der Criminalgeschichte zu durchlesen.

Doch ich kehre von diesen allgemeinen Betrachtungen zu der speciellen Anwendung zurück, indem ich die kleine Gallerie aus der Verbrecherwelt weiter vorzuführen gedenke. Unzufrieden mit meinem Bescheide und augenscheinlich niedergedrückt verschwand der angebliche Patient, um einem ehrwürdigen Greise mit grauen Haaren Platz zu machen. Mit Recht fragen wir uns verwundert bei seinem Anblick, wie dieses Patriarchenhaupt zu einer derartigen Umgebung und Gesellschaft paßt? Das Alter flößt uns unter allen Verhältnissen und selbst noch im Gefängnisse eine gewisse Achtung ein, wir sehen mit Ehrfurcht auf die silberweiße Locke und wollen oder können nicht an seine Schuld, oder gar an ein Verbrechen glauben; noch dazu, wo uns, wie hier, auch die äußeren Gesichtszüge nur Vertrauen einflößen. Höchstens dürfte der schlaue, seitwärts gerichtete Blick auffallen, womit das Auge in unbemerkten Momenten wie der Fuchs aus seiner Höhle hervorschielt, mit einer Mischung von Pfiffigkeit und Scheinheiligkeit. Dennoch haben wir es mit dem Nestor der Spitzbubenwelt zu thun, mit einem Manne, dessen Name unter den Verbrechern mit der größten Achtung genannt wird. Wir erblicken hier das Haupt einer zahlreichen Spitzbubenfamilie, deren Mitglieder die verschiedenen Zuchthäuser bevölkern helfen. Seine Lebensgeschichte besteht in einer fortlaufenden Kette von Diebstählen und Verbrechen aller Art: als Knabe von kaum zehn Jahren war er bereits ein gewandter und vielversprechender Taschendieb, als Jüngling und Mann ein gefürchteter Einbrecher und jetzt als Greis ein bekannter Diebshehler. In alle größere Untersuchungen finden wir seinen Namen verwickelt und mehr als zwei Dritttheile seines Lebens hat er im Gefängnisse zugebracht. Dieser alte Gauner ist doppelt durch seinen Einfluß und sein Beispiel gefährlich, da er für seine jüngeren Standesgenossen überall, wo er mit ihnen in Berührung kommt, förmlich den Lehrer spielt und ihnen Collegien liest über die beste Art, einen Einbruch zu vollführen, das gestohlene Gut zu verbergen und durch Leugnen, falsche Zeugen, Beweis des Alibi sich loszuschwindeln.

Für derartige Subjecte dürfte besonders die Einzelhaft in aller Strenge anzuempfehlen sein, um den Neuling auf der Verbrecherbahn vor Ansteckung zu hüten; sie sind die Pest der Zuchthäuser, und mancher Sträfling, der noch zu bessern ist, wird durch sie erst vollkommen ausgebildet. Bei einer stattgefundenen Haussuchung hat die Polizei einen bedeutenden Vorrath von gestohlenen Sachen in seiner Wohnung entdeckt, ein unterirdisches Gewölbe, das an kostbaren Gegenständen dreist mit dem ersten Magazin der Hauptstadt wetteifern konnte. Wahrscheinlich wird er diesmal sein Leben im Gefängnisse beschließen, da er bereits ein hoher Siebziger ist. Mit ihm zugleich ist der würdige Sohn dieses würdigen Vaters und sein Enkel eingezogen worden, ein hoffnungsvoller Knabe, dessen früh gereiftes Wesen den angehenden, gefährlichen Verbrecher verräth. Wir haben es hier mit einer ganzen Generation zu thun, in der das Laster sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt.

Von den Männern, deren Untersuchung jetzt beendet war, ging ich zu der Abtheilung der Frauen über. Unter diesen fiel mir zunächst ein junges, blühendes Mädchen auf mit rothen, frischen Wangen und blauen, treuherzigen Augen. Sie schien sich ihrer Lage zu schämen und hielt ein Tuch vor das Gesicht, um ihre Thränen oder vielmehr ihr Gesicht vor den Uebrigen zu verbergen. Unmöglich konnte das achtzehnjährige, so schuldlos aussehende Kind ein Verbrechen begangen haben. Auf mein Befragen erfuhr ich ihr Geschick. Liebe und Eifersucht hat sie in’s Gefängniß geführt. Sie war die Verlobte eines Tischlergesellen, der sie um ein anderes Frauenzimmer verlassen hatte. In einem Anfalle von Raserei lauerte sie dem Ungetreuen auf, als er unter ihrem Fenster vorüber ging, und goß eine Flasche mit Schwefelsäure über sein Gesicht. Die Folgen, welche sie wahrscheinlich nicht berechnet hatte, waren schrecklich, denn der Tischler verlor ein Auge, welches die brennende, ätzende Flüssigkeit sogleich zerfraß, außerdem trug er noch vielfache Verunstaltungen davon. Eine mehrjährige Zuchthausstrafe wird ihr Loos sein und sie kann sich glücklich schätzen, wenn sie eben so rein aus dem Gefängnisse kommt und sich auch dann noch die Scham bewahrt hat, die ihr jetzt zur Ehre gereicht. Einige freche Ladendiebinnen stehen daneben und lachen über die Zerknirschung der Aermsten; es sind schlechte Dirnen, welche selbst in diesem Augenblicke noch mit den männlichen Gefangenen kokettiren und wo möglich ein Verhältniß anzuknüpfen suchen, das sie nach ihrer Entlassung fortzusetzen gedenken. Selbst im Gefängnisse verleugnet sich nicht die weibliche Natur, und Liebeshändel aller Art gehören trotz der strengen Aufsicht und Sonderung der Geschlechter zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Es ist übrigens wunderbar, mit welcher Treue und Aufopferung oft derartige Dirnen an dem Geliebten hängen; sie pflegen ihn, wenn er krank ist, besuchen ihn in der Gefangenschaft, wirken für seine Freilassung und Flucht mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln und verbergen ihn oft mit eigener Gefahr vor den Nachspürungen der Polizei. Mehr als ein heroischen Liebespaar ist mir gerade in der Verbrecherwelt aufgestoßen; ein Beweis, daß unter allen Verhältnissen das Herz und seine Gefühle gedeihen können.

Unter diesen Ladendiebinnen findet man wohl auch dann und wann Einzelne, die sich durch ihre elegante Toilette und feineres Benehmen auszeichnen, selbst Frauen und Mädchen den besseren Ständen angehörig zählen nicht gerade zu den Seltenheiten. Es ist dies ein ziemlich allgemein verbreitetes Verbrechen unter dem weiblichen Geschlecht, sogar Damen, die sich in den besten Verhältnissen befinden, machen sich oft kein Gewissen daraus, ein Stück Band, Spitzen oder Seidenstoff verschwinden zu lassen. Man sollte fast dabei an einen angeborenen Diebstrieb glauben, obwohl die verführerische Gelegenheit wohl das Meiste thut.

Aber wer ist jene schlanke, junonische Gestalt mit den edlen, bleichen, von Sorgen oder Krankheit angegriffenen Zügen, welche sich mir jetzt vorstellt? – Ihrem Aeußeren nach sollte man sie für eine Fürstin halten, welche sich zufällig in das Gefängniß und in solche Gesellschaft verirrt hat. Welches Verbrechen hat diese stolze Frau begangen, deren ganze Haltung mir unwillkürlich das größte Interesse einflößt? Die Gewohnheit, mit Verbrechern aller Art zu verkehren, hat mich noch nicht so abgestumpft, um nicht die innigste Theilnahme für diese trauernde Schönheit zu empfinden, aus deren dunkeln, großen und verweinten Augen mir ein tragisches Geschick entgegenleuchtete. Ihre Geschichte ist eben so kurz als erschütternd.

Marie N…. ist die Tochter einer durch Unglück und mannigfache Schicksalsschläge heruntergekommenen, einst reichen und geachteten Familie. Sie hatte, so lange ihr Vater im Wohlstande lebte, bessere Tage gekannt und eine sorgfältige Erziehung genossen. Nach seinem Tode sah sich ihre Mutter genöthigt, durch Vermiethen von möblirten Wohnungen sich und die Ihrigen zu ernähren. Ein junger Baron, der sich bei ihr einquartierte, machte Marie’s Bekanntschaft, versprach ihr die Ehe und täuschte das leichtgläubige Herz des armen, unerfahrenen Mädchens. Sie wurde Mutter und verlangte nicht für sich, sondern nur für das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug, die Erfüllung seines Versprechens und die Herstellung ihrer Ehre durch eine Heirath. Der gewissenlose Verführer wies sie unter dem Vorwande ab, daß nach den bestehenden Gesetzen die Ehe zwischen einem Adligen und einer Person aus dem niederen Bürger- oder Bauernstande nicht zulässig sei. Zu dem ersteren gehörte die Mutter Marie’s, da sie Zimmervermietherin war. Von Verzweiflung erfüllt und um ihre Schande vor der Welt und den Ihrigen zu verbergen, wurde sie zur Verbrecherin und tödtete ihr Kind. Sie verfuhr dabei mit einer Umsicht und einer seltenen Ruhe, so daß auch nicht der geringste Verdacht längere Zeit auf sie fiel. Durch einen Zufall wurde die That ruchbar und Marie eingezogen. In den späteren Verhören gestand sie offen ihr Verbrechen ein, ohne jedoch, trotz wiederholter Aufforderung, den Namen des Verführers zu nennen; dies war ihre einzige Rache. Ohne ihr Zuthun wurde derselbe später ermittelt und der Herr Baron spielte bei den öffentlichen Verhandlungen des interessanten Processes die ihm zukommende, erbärmliche Rolle. Richter, Geschworene und Publicum sahen [360] ihn als die eigentliche moralische Ursache der That an, für welche die Unglückliche mit lebenslänglicher Zuchthausstrafe büßen sollte, während der verächtliche Urheber ungestraft davon kam. Bei dieser Gelegenheit erhoben sich die geachtetsten, juristischen Stimmen gegen ein Gesetz, welches wie ein Spott auf die garantirte, bürgerliche Gleichheit aller Stände klingt.

Die übrigen Gefangenen boten kein besonderes Interesse mehr dar, und da die Untersuchung bald beendet war, begab ich mich zuerst in den allgemeinen Krankensaal der Anstalt, um die daselbst liegenden Patienten in Augenschein zu nehmen. Hier herrscht, wie sich das von selbst versteht, mehr Freiheit als sonst im Gefängnisse, und trotz aller Aufsicht lassen sich nicht verschiedene Mißbräuche verhindern. Die Reconvalescenten vertreiben sich die Zeit mit Erzählungen, Karten- und Würfelspiel. In jedem Gefängnisse gibt es einen oder mehrere Erzähler, die einen gewissen Ruf besitzen. Den Stoff seiner Geschichten nimmt er meist aus alten Ritter- oder Räuberromanen, welche in jeder Leihbibliothek zu finden sind. Letztere spielen eine große Rolle in der Verbrecherwelt, und die kühnen Thaten eines Rinaldini, Schinderhannes und des bairischen Hiesel haben schon manche jugendliche Phantasie zur Nacheiferung angespornt und entflammt. Selbst Sue’s „Mysterien aus Paris“ sind bereits in unsere Gefängnisse gedrungen und erfreuen sich dort eines wo möglich noch größeren Beifalls, als bei dem Publicum der gewöhnlichen Lesewelt. Man glaubt nicht, wie nachtheilig derartige Bücher gerade auf diese Menschenclasse wirken, die sich gleichsam an solchen Romanhelden ein Beispiel nehmen und in ihnen ihr Ideal sehen. Ich selbst habe einen würdigen Mann gekannt, der mir gestand, daß er, durch derartige Schriften in seiner Jugend verlockt, sich ernstlich mit der Idee herumtrug, ein Räuber à la Rinaldini zu werden, zum Glück aber bald davon wieder zurückkam. Deshalb sollte vorzugsweise darauf hingearbeitet werden, derartige schlechte Bücher, welche noch immer von der ungebildeten Menge mit Heißhunger verschlungen werden, durch eine gesunde Volksliteratur zu ersetzen.

[414]
Nr. 2.[1]

Daß alle Karten- und andere Spiele im Gefängnisse streng verboten sind, versteht sich ganz von selbst; nichtsdestoweniger wird kein Verbot öfter übertreten. Zu Würfeln werden die übrig gebliebenen Brodkrumen benutzt und die Augen darauf mit einem Besenreis gezeichnet. Schwieriger ist die Herstellung der Karten, aber auch dafür sorgt der Scharfsinn. Der gefangene Mann reißt von den Hemden ein Stück Leinwand ab, das zuerst in Salzwasser steif gemacht und dann in kleinere Theile zerstückelt wird. Mit Hülfe von Ruß, Ziegelmehl und im Nothfalle selbst von Blut, werden die nöthigen Zeichen und Figuren in rohen Umrissen gemalt. Während des Spieles muß einer stets aufpassen und, sobald der Gefängnißwärter oder ein Beamter sich nähert, verschwinden die Karten mit Blitzesschnelligkeit, und die Gefangenen sitzen mit den unschuldigsten Mienen von der Welt wieder da.

Im Krankensaale selbst fand ich gerade heute mehr Patienten als sonst, da trotz aller Sorgfalt der Skorbut, eine leider häufig vorkommende Geißel der Gefangenen, mit ungewohnter Stärke wieder einmal ausgebrochen war. Die Krankheit entsteht in Folge der Einschließung, aus Mangel an frischer Luft und durch den Genuß einer mehr einförmigen und nicht allzu nahrhaften Kost. Sie äußert sich in Gestalt einer allgemeinen Säfteentmischung und Blutverderbniß durch zahllose blaue Flecke und bald größere, bald kleinere Blutaustretungen, besonders des Zahnfleisches und der weicheren Körperstellen. Wenn auch in der Mehrzahl der Fälle heilbar, so fehlt es doch öfters nicht an tödtlichem Ausgange durch vollständige Erschöpfung der Lebenskraft. Unter diesen Patienten dauerten mich am meisten einige politische Gefangene, welche sich noch dazu nur in Untersuchungshaft befanden und, vom Skorbut ergriffen, jetzt mitten unter den verworfensten Verbrechern lagen, in einer Gesellschaft von Leuten, welche meist zu dem Auswurf der Menschheit gehörten. Ich suchte, so viel es in meinen Kräften stand, ihre wahrhaft bemitleidenswerthe Lage zu verbessern und trug wenigstens Sorge, daß diese höchst gebildeten und ehrenwerthen Männer, welche schwer für ihre Ueberzeugung litten, abgesondert von den Uebrigen zusammengelegt wurden. Mehr vermochte ich nicht zu thun, da in dem Gefängnisse eine zwar gerechtfertigte, aber oft entsetzliche Gleichheit herrscht und ohne Ansehen der Person, des Bildungsgrades und selbst des Verbrechens verfahren wird. Dies ist ein Uebelstand, der besonders schwer solche Personen trifft, welche sich vorläufig nur in Untersuchungshaft befinden und häufig als vollkommen unschuldig später entlassen werden müssen. Sie leiden trotz aller Humanität, die man ihnen angedeihen läßt, unter solchen Verhältnissen nun doppelt. Wer entschädigt sie aber für all’ die überstandenen Qualen, wenn sie oft erst nach Monaten, selbst nach Jahren von aller Anschuldigung freigesprochen werden? Wer ersetzt ihnen ihre verloren gegangene Gesundheit, die täglichen Demüthigungen, die schlaflosen Nächte und all’ die Verluste an Geist, Körper und Vermögen? – Hier sollte das Gesetz und die Richter, als Ausleger desselben, mit besonderer Vorsicht verfahren und nur unter den gravirendsten Umständen die oft leicht ausgesprochene und schwer wieder gut zu machende Verhaftung beschließen. – Während ich noch im Krankensaale mit den Patienten beschäftigt war, ersuchte mich ein Wärter, den ebenfalls aus politischen Gründen verhafteten Grafen R.....lach auf seiner Zelle zu besuchen, indem dieser sich krank melden ließ. Derselbe hatte, in’s deutsche Parlament nach Frankfurt gewählt, nach der Auflösung desselben an den Sitzungen und Beschlüssen des sogenannten Rumpfes Theil genommen, weshalb er gegenwärtig unter der schweren Anklage des Hochverrathes stand, worauf bekanntlich nach dem Gesetze die Todesstrafe erfolgen soll. Bis jetzt war ich dem Grafen nie näher getreten und war daher auf seine Bekanntschaft gespannt, da ich bereits so viele und so verschiedene Urtheile über ihn gehört hatte. Während die Einen ihn für einen hirnverbrannten Schwärmer oder ehrgeizigen Demagogen verschrieen, sahen Andere in ihm einen der edelsten Männer des deutschen Vaterlandes, einen politischen Märtyrer voll der seltensten und vorzüglichsten Eigenschaften. Ich fand einen hohen, schlanken Mann von höchstens dreißig Jahren, mit echt aristokratischen Zügen, welche um so mehr bei der mir bekannten Gesinnung auffallen mußten. Sein ganzes Wesen drückte einen hohen Grad von Biederkeit und wohlthuendem Idealismus aus, welcher allerdings mir an Schwärmerei zu grenzen schien.

Er saß auf seinem einfachen Bette, das in einer Matratze, einem Keilkissen und einer wollenen Decke bestand; neben ihm eine jüngere Dame nicht auffallend schön, aber desto geistreicher aussehend. Die zärtlichste Liebe, welche fast an Anbetung für ihn grenzte, strahlte aus ihren tiefen, blauen Augen. Er stellte mir dieselbe als seine Gemahlin vor und sie richtete mit der Angst eines liebenden Herzens die Bitte an mich, den Gesundheitszustand des Gefangenen zu untersuchen und die nöthigen Anordnungen zu treffen. Einige Fragen reichten hin, um mir die Ueberzeugung zu verschaffen, daß ich es mit einem unbedeutenden Leiden zu thun hatte, und ich freute mich, die etwas übertriebenen Besorgnisse der Gräfin durch meine beruhigenden Worte zu verscheuchen. Ihre vorher bleichen Wangen belebten und färbten sich mit einem feinen, rosigen Hauch, wodurch ihr Gesicht einen lieblichen Reiz erhielt. Voll Dankbarkeit ergriff sie meine Hand, und als ich diese zurückzog, fühlte ich eine heiße Thräne darauf. Bald war ich mit dem Grafen in ein interessantes Gespräch verwickelt, das mich meine beschränkte Zeit vergessen ließ. Er gab mir ein lebendiges Bild von den politischen Vorgängen, den Parteien und Führern in der Paulskirche, er schilderte mit großer Frische die Ereignisse, die verschiedenen Intriguen, Scenen und zuletzt den blutigen Straßenkampf, welchem die Ermordung des Fürsten Lichnowski und Auerswald’s vorangegangen war. Mit größter Unparteilichkeit beurtheilte er die hervorragendsten Persönlichkeiten und Charaktere auf beiden Seiten; eben so wenig war er blind gegen die begangenen Fehler seiner Partei, die er einer eben so scharfen als wahren Kritik unterwarf. Je länger ich ihn reden hörte, desto mehr lernte ich sein gesundes Urtheil, sein gediegenes Wissen und vor Allem die Ehrenhaftigkeit seiner Gesinnungen und Festigkeit seines Charakters schätzen. Zuweilen mischte sich auch die Gräfin in unser Gespräch und sie zeigte sich in jeder Beziehung ebenbürtig eines solchen Gatten.

Von den allgemeinen Verhältnissen kamen wir auch bald auf die besonderen Schicksale des Grafen, welche in mehr als einer Beziehung mir interessant erschienen. Er war schon einmal von den Geschworenen seines Kreises von dem ihm zur Last gelegten Verbrechen freigesprochen worden, wogegen die Staatsanwaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde erhob. Von Neuem vor andere Geschworene gestellt, erklärte sich die Mehrzahl der zuständigen Richter für incompetent und verfügte die Freilassung des Grafen. Das Obergericht zu R..n leitete hierauf gegen die Richter, welche nur ihrer Ueberzeugung gefolgt waren, eine Untersuchung im Disciplinarwege ein und bestrafte einige durch Versetzung, andere derselben durch Entlassung aus dem Staatsdienste. Der Graf selbst wurde von Neuem verhaftet, da er trotz des dringenden Rathes seiner Freunde sich im Gefühle seiner Unschuld nicht zur Flucht entschließen wollte. Seine Angelegenheit wurde so zum dritten Male einem ganz fremden Schwurgerichtshofe überwiesen, ungeachtet die bedeutendsten Rechtsgelehrten diese Maßregel als eine ungesetzmäßige betrachteten. [415] Die ganze Provinz sah mit Spannung dem Ausgange des Processes entgegen, während er selbst mit wahrhafter Seelenruhe sein Schicksal erwartete. Die liebenswürdige Gräfin, die er gegen den Willen seiner Familie geheirathet hatte, da sie als arme Bürgerliche und noch dazu als eine getaufte Jüdin mit doppelten Vorurtheilen zu kämpfen hatte, war sogleich herbeigeeilt und theilte jede ihr gestattete Stunde im Gefängnisse mit ihrem Gatten. Niemals habe ich in meinem Leben ein ähnlich schönes Verhältniß zwischen Eheleuten kennen gelernt. Zwei reizende Kinder, ein kräftiger Knabe und ein holdes Mädchen, waren mit ihr gekommen, um den gefangenen Vater zu besuchen und durch ihre Gegenwart aufzuheitern. Dies thaten sie in der artigsten Weise und ihr kindliches Geplauder, ihre zärtlichen Liebkosungen, ihr heiteres Lachen waren ganz dazu geeignet, jede traurige Stimmung zu verscheuchen.

Beim Anblick dieser glücklichen Familie vergaß ich ganz und gar, daß ich mich im Gefängnisse befand, ich glaubte vielmehr, Zeuge der schönsten Häuslichkeit zu sein, nur wenn ich zufällig den besorgten Blicken der Gräfin begegnete, erinnerte ich mich wieder, daß das Beil des Henkers noch immer drohend über dem edlen Haupte ihres Gatten schwebte. Ich gelangte immer mehr zu der Ueberzeugung, daß überall, wo die Liebe wohnt, selbst im Kerker das wahre Glück zu finden sei. Seitdem wiederholte ich öfters meine Besuche in der Zelle des Grafen und ich darf wohl sagen, daß ich die Stunden, welche ich in seiner Gesellschaft und in der seiner liebenswürdigen Familie zubrachte, zu den genußreichsten und angenehmsten zählte. Wie ich später erfuhr, hatte die Gräfin einen eben so kühnen, als klug erdachten Plan zur Flucht ihres Mannes ersonnen, wobei sie mit einem seltenen Muthe und mit wahrhaft heroischer Aufopferung zu Werke ging. In meiner Eigenschaft als Beamter durfte sie mich nicht in’s Vertrauen ziehen, aber das hielt sie nicht ab, mich mit immer gleicher Freundlichkeit zu behandeln. Die Ausführung unterblieb hauptsächlich wegen des seltsamen Ausganges, den der Proceß des Grafen nahm. Zum dritten Male vor ein Schwurgericht gestellt, sprachen die Geschworenen über den Angeklagten ihr „Schuldig“ aus, wogegen die Richter von Neuem sich incompetent erklärten und die sofortige Freilassung des Grafen beschlossen, ohne Furcht und Scheu vor der Regierung, welche durchaus den Grafen verurtheilt wissen wollte. Jetzt riethen seine Freunde und auch ich ihm zur schleunigen Abreise, um sich nicht neuen Verfolgungen auszusetzen. Auf unser wiederholtes Drängen eilte er in Begleitung seiner Frau über die Grenze nach der Schweiz, wo er noch gegenwärtig in den angenehmsten Verhältnissen lebt, einer von den Wenigen, die ihrer Ueberzeugung unter allen Verhältnissen treu geblieben sind. Ergreifend war der Abschied für mich, die Gräfin händigte mir noch eine goldene Kapsel zum Andenken ein, welche das gemeinschaftliche Bild der mir theuren Familie enthielt.

Minder günstig gestaltete sich das Schicksal der übrigen politischen Gefangenen aus jener Zeit, welche meist zu langjährigen Strafen verurtheilt, das Loos der gemeinsten Verbrecher theilen müssen und häufig zu Arbeiten verwendet werden, deren sie vermöge ihrer Bildung und selbst wegen der Natur ihrer Verschuldung überhoben sein sollten. Oft äußerte ich darüber mein Bedenken vor mir befreundeten Richtern und sie stimmten mir bei, wenn ich für politische Verbrecher die Verbannung als die einzige entsprechende und zweckmäßige Strafe vorschlug, wobei ich freilich nicht an das pestartige Cayenne dachte.

Noch ein schwerer Gang war mir zu thun übrig, den zum Tode Verurtheilten, der morgen mit Anbruch des Tages hingerichtet werden sollte, in seiner Zelle zu besuchen. Unterwegs kam ich an der Gefängnißkirche vorüber, welche offen stand, da heute ausnahmsweise an einem Wochentage Gottesdienst stattfand. Ich konnte nicht vorbeigehen, ohne einzutreten. Ein trübes Licht fiel durch die matt geschliffenen Scheiben. Zu beiden Seiten saßen die Sträflinge, doch so, daß sie nicht miteinander in Berührung kommen durften. Außerdem war eine gehörige Anzahl von Aufsehern vorhanden, um jede verdächtige Annäherung zu vermeiden. Es war eine seltsame Gemeinde, welche sich hier vereinigte, um ihrem Gott zu dienen. Welch’ ein Ausdruck in den verschiedenen Physiognomiken, welch’ eine Gallerie von wechselnden Gestalten; hier die tiefste Reue und Zerknirschung, die an Verzweiflung grenzte; dort der finstere Trotz, der lästernde Hohn, oder der unverbesserliche Leichtsinn. Wie nachlässig hielt dort der freche Bursche das Gesangbuch, darüber hinauf zu dem Chore schielend, wo die Frauen ungesehen hinter dem Gitter ebenfalls ihre Andacht verrichteten. Sein Nachbar war ein junger Mensch mit blonden Gesichtszügen, der aus Leichtsinn nur gesündigt hat; er blickte mit tiefer Andacht in sein Buch und dachte wohl dabei mit Rührung der Zeit, wo er mit seinen frommen Eltern noch zur Kirche ging und nicht einschlafen konnte, bevor er gebetet hatte. Grimmig schaut der Wilde dort mit geballten Fäusten vor sich nieder, seine aufgeworfenen Lippen umspielt ein höhnisches Lächeln über den ganzen Pfaffentrug und das Gaukelspiel, wofür er die Religion hält; er selber glaubt nichts mehr und verachtet diejenigen unter seinen Schicksalsgefährten, welche sich jetzt an den Himmel anklammern, als ausgemachte Heuchler und Dummköpfe. Der schwarze Krauskopf in der Ecke wirft während des Gebetes einem entfernten Cameraden Blicke des Einverständnisses zu und sucht sich ihm durch Zeichen bemerkbar zu machen. Irre ich nicht, so verabreden sie ihre Flucht, oder eine falsche Aussage vor dem Richter, um sich loszulügen. Dennoch wurde ich von einer tiefen Andacht hier ergriffen und mit einer nie gekannten Rührung lauschte ich dem wunderbar fesselnden Gesange der Sträflinge. Erschütternd klang die Predigt des Geistlichen, der jetzt die Kanzel bestieg. Er schien von seiner Aufgabe erfüllt zu sein, in diesen erstorbenen Herzen den göttlichen Funken wieder zu erwecken und das Saatkorn des Heils auf solchen steinigen Boden auszustreuen. Als er im Verlaufe der Rede des zum Tode verurtheilten Delinquenten erwähnte und diese Gemeinde aufforderte, für seine Vergebung den himmlischen Richter zu bitten, da der irdische keine Gnade haben darf, da sah ich manches trockene Auge sich mit Thränen füllen, manche trotzige Lippe erbeben, die Wangen erbleichen und ein leises Schluchzen wurde hörbar in der stillen Kirche. Gerade im Gefängnisse hat die Religion mit ihrer segnenden, heilenden und tröstenden Kraft eine erhabene Aufgabe zu erfüllen, die allerdings meist durch übertriebenen Eifer, zelotische Strenge und pietistische Richtung nicht besonders gefördert wird.

Beim Herausgehen aus der Kirche begegnete ich noch einem seltsamen Zuge. Auf den Armen einer blassen Frau wurde ein weinendes Kind zur Taufe getragen; es war von der gefangenen Mutter im Kerker geboren und sollte jetzt in Gegenwart von Verbrechern in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufgenommen werden. Welche Schicksale hat diese arme Menschenpflanze ferner zu erwarten? – Es steht vielleicht am Anfange der fürchterlichen Laufbahn, welche der Hinzurichtende morgen gewaltsam beschließen wird. Mit diesen Gedanken noch beschäftigt, trat ich in die dunkele Zelle. Der Delinquent saß zwischen zwei Wächtern, welche ihn von nun an bis zum letzten Augenblicke nicht mehr verlassen dürfen. Sein Gesicht war blutleer, eine aschgraue Todtenfarbe lagerte bereits auf seinen eingefallenen Wangen, gespenstisch flackerten seine Augen wie Irrlichter umher. Niemals werde ich diesen hoffnungslosen und doch nach Hülfe ringenden Blick vergessen. So schonend als möglich suchte ich mich meines Auftrages zu entledigen, um seinen Gesundheitszustand, wie es das Gesetz forderte, zu constatiren. Ich nahm seine Hand und fühlte den Puls, der in unzählbaren Schlägen mir die innere Angst verrieth und wie ein zu Tode gehetztes Pferd dahinkeuchte. Trotzdem bestrebte sich der Verurtheilte, mir und den Wächtern gegenüber einen erheuchelten Muth zu zeigen, indem er mit Aufwand seiner letzten Willenskraft matt zu lächeln versuchte. Es war dies noch ein Rest menschlicher Eitelkeit, die man bei den meisten Verbrechern selbst im Augenblicke des Todes findet; sie setzen eine Art Ehre darein, wenigstens mit Muth und ohne Zeichen von Feigheit zu sterben. Besonders war dies früher der Fall, wo aus den Hinrichtungen noch ein öffentliches Schauspiel gemacht wurde und der Delinquent gleichsam eine Rolle spielte. Durch die neue Einrichtung fällt dieser Grund fort, und ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Verurtheilten jetzt weit angegriffener und niedergedrückter dem Tode entgegengehen.

Der Verbrecher, der morgen hingerichtet werden sollte, war keineswegs von seiner Geburt zu einem ähnlichen Geschick bestimmt. Seine Eltern hatten ihm eine angemessene Erziehung gegeben, aber von Jugend auf zeigte er einen deutlich ausgesprochen Hang zur Verschwendung und zum liederlichen Leben, wobei es ihm vollkommen gleichgültig war, wie und womit er denselben befriedigte. Oefters hatte er seinen Eltern und Anverwandten bedeutende Summen entwendet, um diese mit seinen Spießgesellen, und besonders in Gesellschaft von ausschweifenden Frauen, zu verjubeln. Der strenge Vater hatte vielleicht allzu streng jeden möglichen Besserungsweg für den verlorenen Sohn angewendet; er gab ihn zum Militair, [416] weil er von der strengen Mannszucht sich einen Erfolg versprach, aber auch hier verfiel sein Sohn in seine früheren Fehler.

Um einer Dirne ein Geschenk zu machen, entwendete er einem Cameraden eine Uhr, und wurde deshalb hart bestraft und, was weit schlimmer war, in die zweite Classe der Ehrlosen gestoßen. Dies schien einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zuhaben; er ging in sich und diente fortan mit solcher Auszeichnung, daß er wieder zurückversetzt und sogar um einen Grad befördert werden sollte. Während des Feldzuges in Schleswig-Holstein hatte er bei vielen Gelegenheiten einen seltenen Muth und ein entschieden militairisches Talent bewiesen. Er wäre vielleicht, da es ihm auch nicht an der nöthigen Bildung fehlte, ein brauchbarer Soldat, sogar unter andern Verhältnissen ein Held geworden. Der allzu schnelle Frieden vereitelte diese Aussichten, und ein unglücklicher Streit, den er in der Trunkenheit mit einem Vorgesetzten hatte, brachte eine neue Bestrafung zu Wege. Seitdem waren wieder alle seine guten Vorsätze verschwunden; er überließ sich von Neuem den früheren Ausschweifungen und zwar so arg, daß er mit Schimpf von seinem Regimente fortgejagt werden mußte.

In dieser Lage getraute er sich nicht dem erzürnten Vater unter die Augen zu treten; er irrte längere Zeit herum, bis er bei einem Förster im Walde als Jägerbursche ein Unterkommen fand. Das Leben sagte ihm zu; die Bewegung im Freien, die Lust an der Jagd, das Auflauern der Wilddiebe entsprach vollkommen seiner Neigung zu einem mehr herumschweifenden, thätigen Leben. Auch hier legte er vielfache Proben seiner natürlichen Tapferkeit und Verwegenheit ab. Alles wäre gut gegangen, und der junge Mann vielleicht noch ein tüchtiger Jäger geworden, wenn er nicht auch hier bei seinem Besuche in der benachbarten Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen wäre. Um die sich mehrenden Ausgaben zu bestreiten, ließ er sich verleiten, einem Wildhändler heimlich das von ihm geschossene Wild zu verkaufen, und somit seinen Brodherrn zu betrügen. Sein Vergehen wurde entdeckt, und er den Gerichten übergeben. Ein sechsmonatlicher Aufenthalt im Gefängnisse war der Wendepunkt seines Schicksals; er hatte dort mehrere Verbrecher von Profession kennen gelernt, deren gelehriger Schüler er jetzt wurde. Sie versahen ihn mit den nöthigen Anweisungen, ertheilten ihm Unterricht und weiheten ihn so vollständig in die Mysterien ihres schändlichen Gewerbes ein, daß der Lehrling bald zum Meister vorrückte.

Sein Muth, seine persönliche Tapferkeit, Bildung und Schlauheit gaben ihm bald eine hervorragende Stellung in der Gaunerwelt; hier fand er Gelegenheit, seine Talente und Eigenschaften zu verwenden, die ihm wahrscheinlich in einem Kriege eine ehrenwerthe und glänzende Stellung verschafft hätten. Auch fand er unter seinen Genossen die Achtung und Anerkennung, welche ihm die Gesellschaft versagen mußte. Bald leitete er die kühnsten Diebstähle, Einbrüche und Raubanfälle, welche die Aufmerksamkeit der Behörden im höchsten Grade erregten. Bei einem Ueberfall einer einsam gelegenen Mühle, deren Bewohner sich zur Wehre setzten, erschoß er mit eigener Hand den Eigenthümer. Ein Preis war auf die Entdeckung des Thäters gesetzt, und mit Hülfe eines bereits bestraften Verbrechers, der jetzt im Dienste der Polizei stand, gelang es, den Mörder zu ergreifen. Nur ein halbes Jahr hatte die ganze Laufbahn gedauert, die jetzt auf dem Schaffot ihr Ende finden sollte. Aus den Acten ging noch eine vollkommen erwiesene, merkwürdige Thatsache hervor, daß der Verurtheilte wenige Tage nach dem von ihm vollbrachten Morde mit eigener Lebensgefahr ein Kind vor dem Ertrinken gerettet hatte. Welche Widersprüche in einer Menschenbrust! Sein Vertheidiger hatte diesen Umstand in einem eingereichten Gnadengesuche geltend gemacht; nichts desto weniger wurde dasselbe zurückgewiesen und die Hinrichtung anempfohlen. –

Ich hatte so eben die Untersuchung beendet, und stand im Begriffe, den Unglücklichen zu verlassen, als eine schluchzende Frau in anständig bürgerlicher Kleidung in die Zelle trat.

„Mutter!“ schrie der Gefangene auf, und all seine mühsam errungene Fassung brach vor diesem Anblick zusammen.

Sie sank auf den Sessel hin, welchen ihr mitleidig einer der Wärter hinstellte, und bedeckte ihr schmerzenvolles Gesicht mit den abgemagerten Händen.

Es herrschte ein furchtbares Schweigen in der Zelle, eine wahre Todtenstille. Leise schlich ich mich fort, um nicht Zeuge der nun folgenden, erschütternden Scene zu sein. Ich sagte dem Verurtheilten nicht ein Lebewohl, da ich doch am Morgen des nächsten Tages ihn zum Schaffot begleiten mußte. So blieb er allein mit seiner Mutter; der Vater war, ihm fluchend, vor einigen Monaten gestorben; aber die Mutterliebe brachte Versöhnung, Ruhe und Frieden in dies elende, von Todesangst gequälte Herz. Wie ich später hörte, verlangte der Delinquent, nachdem ihn die Mutter verlassen, den Zuspruch des Geistlichen, welchen er bisher anzunehmen hartnäckig verweigert hatte. Er wurde dann ruhiger und schlief sogar noch einige Stunden, oder schien wenigstens zu schlafen. Welche Träume mögen einem solchen Schlummer zu Theil geworden sein, welche Gedanken ein solches Erwachen begleitet haben! – Als der Beamte ihn abzuholen kam, fand er ihn bereits angekleidet; mit langsamen, aber festen Schritten betrat er den Hof und sah das verhängnißvolle Gerüst, wo der Scharfrichter mit seinen Gehülfen ihn erwartete. Gefaßt hörte er die nochmalige Verlesung des Todesurtheils aus dem Munde seines Richters. Mit bewegter Stimme nahm er von diesem und von den übrigen Beamten Abschied. Seinem Wärter trug er, wie ich deutlich hören konnte, noch einen Gruß an seine abwesende Mutter auf. Jetzt bestieg er das Schaffot, seine Lippen schienen sich noch einmal zu bewegen, wie zum letzten Gebet; dann kniete er nieder, die Knechte befestigten das Haupt auf dem Block. Der erste Strahl der aufgehenden Sonne spiegelte sich in dem funkelnden Beil, das mit einem dumpfen Hiebe den Lebensfaden zerschnitt. Ich aber entfernte mich erschüttert und doch nicht von der Zweckmäßigkeit der Todesstrafe überzeugt.



  1. Erster Artikel siehe Nr. 26.