Bilder aus dem dritten deutschen Turnfeste zu Leipzig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bilder aus dem dritten deutschen Turnfeste zu Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 588-589
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[588]
Bilder aus dem dritten deutschen Turnfeste zu Leipzig.
1. Scene aus dem Festzuge.

Wir hoffen, in den vor uns liegenden, besonders wichtige oder belebte Momente des Festes vergegenwärtigenden Bildern denjenigen unserer lieben Leser, welche nicht Zeugen jener festlichen Tage waren, eine willkommene Gabe zu bieten; für die Theilnehmer an jenem großen Feste aber sollen diese Darstellungen Gedenkblätter sein, bei deren Anblick die Erinnerung an die in der Feststadt verlebten schönen Tage immer wieder warm und belebend die Seele durchzieht.

Die begeisterndste Erinnerung wird immer dem großen Festzuge am Montage bleiben. Eine stattliche Armee war es, die sich da aufgestellt hatte, aber es war nicht das Volk in Waffen, es war ein Volk in Liebe, ein Brudervolk! Wenn man diese von begeisterter Freude gehobene Schaar sah, so mußte man sich erstaunt fragen: ob dies Söhne und Enkel derselben Vorfahren seien, die vor Zeiten um geringer Ursachen willen im allerhöchsten Auftrage einander nach Leben und Eigenthum trachten mußten?

Ja, sie sind es, aber der große Festzug beim dritten deutschen Turnfeste war gewissermaßen die Verkörperung aller der Einheitsideen, die uns in Lied und Wort schon so oft vorgeschwebt und uns begeistert haben.

Eine glühende Sonne schien auf den unendlichen Festzug hernieder, ohne jedoch dessen Theilnehmer ermatten zu können. Fanden sich doch auch überall Mundschenken und liebliche Mundschenkinnen in Menge, welche den Vorüberziehenden einen Labetrunk kredenzten. Mit Dank und Jubel wurden immer diese erfrischenden Liebesgaben aufgenommen, und wenn sich durch dergleichen Zwischenfälle auch die Ordnung des Zuges an einzelnen Stellen auf Augenblicke zu lösen schien, so wurde sie doch stets rasch genug wieder hergestellt. Mit einem begeisterten Hoch! oder einem käftigen Gut Heil! dankte man den freundlichen Gebern oder den schönen Geberinnen; man schwenkte ihnen zu Ehren die Fahnen, und dann wurden im Sturmschritte die im Zuge entstandenen Lücken rasch wieder ausgefüllt.

[589]
Die Gartenlaube (1863) b 589.jpg

Ein Labetrunk im Festzuge.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolph Geisler.

Eine solche getreu der Wirklichkeit entnommene Scene vergegenwärtigt unser Bild. Die freundliche Hebe am Fenster wird so Manchem der Theilnehmer am Zuge noch vor der Seele schweben, ebenso wie der gemüthliche Hausherr, dessen Kellerreichthum an rheinischem Rebensafte an jenem Tage dem hier vertretenen Alldeutschland gewidmet war. Einer der jugendlichen Turner fühlt sich entweder von der eigenthümlichen Tracht oder wohl auch von den frischen Lippen eines hübschen Landmädchens aus der Altenburger Gegend so angezogen, daß er im Sturmlauf auch noch ein Kußattentat versucht.

Wir mußten uns begnügen, hier nur eine Episode aus dem gewaltigen Festzuge wiederzugeben, denn wo wäre es möglich, in so engem Rahmen ein umfassenderes Bild der allgemeinen Begeisterung zu liefern; die einundzwanzigtausend Theilnehmer des Zuges werden davon zu erzählen wissen und ebensowohl sie, als alle Diejenigen, welche jene herrlichen Tage mitfeierten, bewahren in der Erinnerung einen Reichthum von Eindrücken, der sich wohl fühlen, aber kaum durch Wort und Bild wiedergeben läßt.


[603]
2. Die Preisvertheilung nach dem Wettturnen.

Während am Montag (3. August) die durch große Massen in ganz vorzüglicher Weise ausgeführten Freiübungen der Turner bei dem Publicum den lautesten Beifall hervorriefen, war der darauffolgende Tag (4. August) für das eigentliche Wettturnen bestimmt. Hierzu hatte man nicht solche Aufgaben gewählt, deren Erfolg von langen Exercitien abhängig gemacht wird, sondern es waren die einfachsten, aber gleichzeitig auch wieder für Kraft und Gewandtheit wichtigsten Uebungen, welche überhaupt eine möglichst allgemeine Betheiligung zuließen.

Schon früher haben wir die Einzelnheiten und die Erfolge jenes Wettkampfes im Laufen, Hoch- und Weitsprung, sowie im Steinstoßen eingehender beschrieben. Unser Bild zeigt den Augenblick der Verkündigung der Sieger und die Vertheilung der Preise an dieselben. Es war in der That ein unvergleichlich erhebender Act, als der Festpräsident Th. Georgii aus Eßlingen nach einer kräftigen Eingangsrede die Sieger der unabsehbaren, aufmerksam lauschenden Menge nannte und vorführte. Nicht waren es glänzende Preise von edlen Metallen, welche hier vertheilt wurden, denn davon ist man, und zwar mit vollem Rechte, bei den großen Turnfesten ganz abgekommen, aber die Kränze, welche der Festpräsident den kräftigen Männern und Jünglingen auf das Haupt setzte, waren diesen wohl ebenso werth, als wenn es goldene Geschmeide gewesen wären. Die Ehre des Sieges ist ja unbestritten der höchste und unvergängliche Preis. Den Leitern unserer Turnfeste schweben sicher die Einfachheit und der unbestreitbare Nutzen der olympischen Spiele vor, auf denen ja auch meist nur Kränze, aus den Zweigen des Oelbaumes gewunden, vertheilt wurden.

Die dem Untergange schon nahe Sonne beleuchtete mit glühenden Farben die markigen Gestalten der Sieger auf dem am Steigerhause angebrachten hohen Vorbau; war es doch gleichsam, als wollte das freundliche Gestirn des Tages auch zur Verherrlichung der Auserwählten beitragen. Der Festpräsident Georgii überlieferte hierauf noch die aus dem Geburtsorte Jahn’s als Gabe gesandte junge Eiche, so wie den mächtigen Strauß, von Alpenrosen und Edelweiß gebunden, den die braven Söhne der Alpen als Zeichen der Liebe und der steten Hülfsbereitschaft den anwesenden Turnern aus Schleswig-Holstein gewidmet hatten. Bis hinab zu den äußersten Grenzen Deutschlands fühlt man die Schmach, welche dem edlen nordischen Bruderstamme zugefügt wird und wie gern würde man zu seiner Befreiung Blut und Leben statt der Blumen hingeben!

Als die Sieger der Wettkämpfe jetzt den Balcon verließen und wieder herabstiegen, wurden sie von einem nicht endenwollenden Jubel empfangen. Von allen Seiten umringte man sie, kräftige Turngenossen hoben sie auf ihre Schultern, und im Triumphzuge wurden sie so umhergetragen. Alles drängte sich herbei, um die Gefeierten in der Nähe sehen zu können. Man drückte ihnen die Hände und jauchzte ihnen Beifall zu. Hauptsächlich schaarten sich die Landsleute der Betreffenden um sie, die sie ja jetzt mit doppeltem Stolze die Ihrigen nennen konnten. Aber nicht allein, daß [604] sie die Helden des Tages wurden, ihr Ruhm ist in der heimathlichen und auswärtigen Turngenossenschaft für immer begründet, und das Prädicat „Sieger beim großen Turnfest zu Leipzig“ wird ihnen ein mächtiger Freibrief für alle turnerischen Kreise sein.

Jener Alpenblumenstrauß ist seiner schönen Bestimmung gemäß mit hinaufgezogen gen Norden. Der junge Eichbaum aus Jahn’s Geburtsorte Lanz aber hat seinen Platz vor der neuen Turnhalle in Leipzig gefunden, wo er hoffentlich noch künftigen Geschlechtern ein immer frisches Erinnerungszeichen an das herrliche Fest sein wird.


[605]
Die Gartenlaube (1863) b 605.jpg

Die Preisvertheilung auf dem Leipziger Turnfest durch den Präsident Th. Georgii.
Nach der Natur aufgenommen von H. Leutemann.