Blätter aus einem diätetischen Recept-Taschenbuche - Für Hustende

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Blätter aus einem diätetischen Recept-Taschenbuche - Für Hustende
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 715-716
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Blätter aus einem diätetischen Recept-Taschenbuche.
1. Diätetisches Recept für Hustende.


Der Husten (d. i. ein gewaltsames, krampfhaftes, rasches und starkes, stoßweises und tönendes Ausathmen) ist niemals eine Krankheit, sondern stets nur eine außergewöhnliche Erscheinung, welche durch Reizung der die Luftwege (also: den Kehlkopf, die Luftröhre und Lungen) auskleidenden (Schleim-) Haut erzeugt wird. Diese die Empfindungsnerven jener Schleimhaut treffende Reizung und mit ihr der Husten kann schnell vorübergehend sein, z. B. wenn sie durch Staub, Rauch, Flüssiges oder Festes, was in die unrechte Kehle (Luftröhre) gekommen ist, durch schädliche Luftarten u. dgl. veranlaßt wird. Dagegen ist der Husten in der Regel einige oder längere Zeit andauernd, wenn die Reizung eine Folge irgend eines Krankheitsprocesses dieses oder jenes Athmungsorganes ist. Also nicht blos bei Lungenschwindsucht, sondern auch bei einer Menge anderer Leiden und Ungehörigkeiten im Athmungsapparate findet sich Husten ein und zwar in den meisten Fällen zum Vortheil des Kranken, weil nur durch ihn Unnützes (Schleim, Eiter, Blut, Wasser) aus den Luftwegen geschafft werden kann. Trotz dem nun, daß der Husten eher etwas Gutes als Schlimmes ist und gar nicht selten zeitlebens ohne allen Nachtheil besteht, so ist doch jedem Hustenden, aber weniger des Hustens, als des den Husten veranlassenden Krankheitsprocesses wegen, eine gewisse Vorsicht anzurathen. Die bei Hustekrankheiten zu beobachtenden diätetischen Regeln sind kurz in folgendes Recept zu fassen:

Rec. Gleichmäßig warme 1) und.
reine 2) Luft bei Tage und bei Nacht, –
Ruhiges, tiefes Einathmen 3) und
langsames Ausathmen. 4) –
Ruhe 5) in jeder Hinsicht. –
Milde, nahrhafte Kost. 6) –
Mäßig warmes Verhalten. 7) –

S. Je zeitiger und strenger diese Regeln, zumal bei Kindern, beobachtet werden, desto eher weicht der Husten.

Ad 1) Warme Luft zum Athmen ist die hauptsächlichste Heilbedingung bei allen Krankheiten im Athmungsapparate, die mit Husten einhergehen. Diese warme Luft (von + 15–16° R.) muß nun aber gleichmäßig ebenso in der Nacht (im geheizten Schlafzimmer), wie am Tage eingeathmet werden. Kalte rauhe Luft, zumal bei Ostwind und wenn der Hustende vorher im Warmen geathmet hatte, ist der allergrößte Feind für kranke Athmungsorgane. Deshalb muß auch ein jeder vom Husten Heimgesuchte, wenn er durch die Verhältnisse im Kalten zu athmen gezwungen ist, durchaus einen Respirator (s. Gartenl. 1855, Nr. 8) vor dem Munde tragen, und wäre es selbst im Schlafe. Kleine Kinder, sobald sie nur einige Male gehüstelt haben, müssen gleich im warmen Zimmer gehalten werden (zumal im Winter) und zwar solange, bis keine Spur von Hüsteln mehr zu merken ist. Dadurch werden alle die dem Kinde gefährlichen Hustekrankheiten (Bräune, Keuchhusten, Lungenentzündung) verhütet. Das Heraus- und Hereinlaufen in’s Zimmer, aus der warmen Stube auf den kalten Saal, ist hustenden Kindern streng zu untersagen.

Ad 2) Reine Luft zum Athmen ist ebenfalls bei allen Husteübeln ganz unentbehrlich. Vorzüglich unterhält Staub aller Art, sowie der Tabaksrauch, die Reizung zum Husten. Deshalb sollten Hustende, die in staubiger, rauchiger Luft arbeiten müssen [716] (wie Müller, Bäcker, Kürschner, Spinner, Steinmetzger, Schleifer, Maurer, Fuhrleute, Cigarrenarbeiter u. s. w.), Mund und Nase durch einen Respirator oder eine dünnseidene Binde verschließen. Daß das Einathmen reizender Gasarten (von sogen. sauren und scharfen Dämpfen) beim Husten ängstlich zu vermeiden ist, versteht sich wohl von selbst. Was das Tabakrauchen betrifft, so ist dieses, zumal im Freien, nicht so schädlich, wie das Athmen in einer mit Tabakrauch geschwängerten Luft.

Ad 3) u. 4) Das Athmen (der warmen, reinen Luft) sei stets ein ruhiges und gehörig tiefes. Was immer das Athmen sehr beschleunigt (wie angreifende Gemüths- und Körperbewegungen, erregende Leidenschaften und Genüsse u. dgl.), oder was der gehörigen Ausdehnung der Lungen hinderlich ist (wie beengende Kleidungsstücke), muß vermieden werden. Dagegen sollte jeder Hustende seinen Brustkasten langsam, aber recht ordentlich ebenso ausdehnen, wie auch verengern lernen, also ruhig und tief einathmen, sowie langsam und kräftig ausathmen.

Ad 5) Ruhe in jeder Hinsicht, und zwar in körperlicher, geistiger, gemüthlicher und geschlechtlicher Beziehung, ist deshalb jedem Hustenden dringendst anzuempfehlen, weil ein durch irgend welche Erregung veranlaßter stärkerer Blutandrang nach dem Athmungsapparate, besonders nach den Lungen, die Hustekrankheit sehr leicht verschlimmern kann. Es ist deshalb Alles zu vermeiden, was stärkeres Herzklopfen, beschleunigtes Athmen, Hitze und Unruhe erregt. Vorzüglich sind hustende Kinder vom Herumtollen und von jedem Echauffement abzuhalten.

Ad 6) Die Kost sei zwar nahrhaft, aber mild und reizlos. Alle erhitzenden, die Nerven erregenden Gewürze und Getränke, wie starker Kaffee und Thee, Spirituosa aller Art, können schaden, zumal wenn sie starkes Herzklopfen und jagenden Athem veranlassen. Die Hauptnahrung des Hustenden sei Milch und Fleischbrühe; übrigens ist bei sonst guter Verdauung nicht gar zu ängstlich strenge Diät zu halten. Ganz unnützer Weise fürchten sich Viele vor fettigen, sauren und salzigen Nahrungsmitteln. Ja im Gegentheil, sollte ein Hustender wirklich an Lungentuberkeln leiden, dann ist ihm Fett und Salz gerade recht dienlich.

Ad 7) Mäßig warmes Verhalten des ganzen Körpers, sodaß keine Erkältung irgend eines Körpertheiles, besonders der Füße, des Rückens und der Achselhöhlen stattfinden kann, ist jedem Hustenden dienlich. Darum kann gar nicht genug auf warme Füße gehalten werden; auch ist ein dünnes Flanell- oder seidenes Jäckchen, auf dem bloßen Leibe getragen, von ganz besonderm Vortheile. Bei Kindern ist das Warmhalten der Füße, des Rückens und des Bauches ganz unerläßlich.

Was die Beschaffenheit des Hustens betrifft, ob er bellend, pfeifend, gellend, dumpf, rauh, hohl, kurz oder tief, locker, rasselnd, trocken, würgend u. s. w., darauf kommt fast gar nichts an, da bei den verschiedensten Hustearten ganz dasselbe ursächliche Leiden und umgekehrt bei, ganz derselben Beschaffenheit des Hustens sehr verschiedene Krankheiten vorhanden sein können.

Selbst der Bräune- und Keuchhusten (s. Gartenlaube 1859, Nr. 8) sind nicht so charakteristisch, daß man sie nur einem und zwar einem ganz bestimmten Krankheitszustande zuschreiben könnte. Auch das durch den Husten aus den Athmungswegen Herausbeförderte (der Auswurf) hat keinen besondern Einfluß auf die Behandlung der Hustekrankheit. Er mag herrühren, der Husten, woher er will, eine Beschaffenheit haben, welche er will, und was immer für einen Auswurf mit sich führen, immer sind die obigen Regeln streng zu beobachten. Nur ein einziges ausgezeichnetes Mittel besitzt die Heilkunst gegen den Husten und dieses ist das Morphium, ein Mittel, welches seinen Namen vom Gotte des Schlafes, Morpheus, hat und das der schlafmachende, schmerzlindernde Bestandtheil des Opiums ist. Es wirkt dieses Mittel betäubend auf die Nerven und das Gehirn, dadurch aber den Hustenreiz lindernd und so den Husten mindernd. Natürlich kann es niemals die dem Husten zu Grunde liegende Krankheit im Athmungsapparate heben; es ist und bleibt also nur ein Linderungsmittel, aber bei allen Hustkrankheiten.

Es muß nun aber in gewissen Fällen der Husten durchaus mit Hülfe von Morphium gelindert werden, weil er bei größerer Heftigkeit und längerer Dauer mannichfache und nicht unbedeutende Nachtheile haben kann, die natürlich nur vom Arzte zu bemessen sind. – Es ist äußerst komisch, daß die homöopathische Heilkünstelei, welche Husten durch ihre Heilmittel zu lindern durchaus nicht im Stande ist (denn mindert sich der Husten bei homöopathischer Behandlung, dann hat dies stets nur die Natur und das diätetische Verhalten gethan), doch eine Unmasse der allerverschiedensten Arzneien dagegen empfiehlt. So passen nach Dr. Clothar Müller’s Haus- und Familienarzte (s. S. 78–83) bei trocknem Husten 8 Heilmittel, bei krampfhaftem 5, bei lockerem 8, bei krächzendem 5, bei pfeifendem 4, bei heiserem 5, bei Kitzelhusten 8, bei Stickhusten 6, bei Bellhusten 5, bei Brechhusten 6, bei Abendhusten 7, bei Nachthusten 11, bei Frühhusten 8, bei Husten mit schleimigem Auswurfe 7, mit blutigem 7, eitrigem 8, übelriechendem 5, wässerigem 6, zähem 6, grünlichem 5, grauem 4, salzigem 7, bitterem 3, süßlichem 2, fauligem 7, und bei sauerem Auswurfe 3 Heilmittel; bei Husten durch Bewegung erregt, passen 7 Mittel, durch Sprechen erregt 4, durch das Freie 4, durch Essen 9, durch Liegen 4 Mittel. Und trotz aller dieser Mittel greifen die Bastard-Homöopathen, wie sie Hahnemann nennt, doch da wo’s gilt, zum Morphium in allopathischer Dose. Pfui! über diese Unredlichkeit!

Der Husten wurde früher für das sicherste, wenn nicht gar einzig sichere Zeichen einer Brustaffection und für das constanteste Symptom der wichtigsten Lungenkrankheiten, namentlich der Lungenentzündung und Lungenschwindsucht, angesehen, allein ganz mit Unrecht, denn es kann jede Brustkrankheit entstehen, zur Gesundheit oder zum Tode verlaufen, ohne daß der Kranke nur ein einziges Mal gehustet hat. Es sei dem Leser deshalb hiermit gerathen, nur dem Arzte zu trauen, welcher den kranken Körper genau untersucht (d. h. behorcht, beklopft, befühlt, besichtigt u. s. w.), zumal wenn Husten, der ja bei so ganz verschiedenen Leiden auftritt, vorhanden ist, niemals aber dem Arzte, welcher, wie die Homöopathen, nur nach der Beschaffenheit des Hustens curirt.

Bock.