Brausejahre

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Textdaten
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Autor: Auguste von der Decken
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Titel: Brausejahre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23–49, S. 373–376, 389–394, 405–408, 425–428, 451–455, 466–470, 483–486, 498–500, 512–514, 530–534, 547–548, 558–560, 578–582, 594–595, 618–619, 630–634, 646–648, 664–667, 680–683, 698–699, 706–708, 724–727, 741–743, 758–760, 774–776, 790–792, 808–811
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Kurzbeschreibung:
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[373]
Brausejahre.
Bilder aus Weimars Blüthezeit. Von A. v. d. Elbe.

„Er ist da, Christel! er ist da!“ rief ein frisches hübsches Mädchen, indem es rasch die Thür eines Kämmerchens aufstieß und mehr springend als gehend eintrat.

In dem kleinen Schlafzimmer herrschte noch Dämmerung; das halbe Licht eines Novembermorgens vermochte nicht viel Helle zu verbreiten; kaum erkannte man ein einfaches, weißumhangenes Bett und einige binsenbeflochtene Stühle.

„Aber wie finster ist es noch bei Dir, Langschläferin!“ fuhr die Eintretende fort; sie ging an das Fenster, schlug die Vorhänge zurück, betrachtete fröstelnd den ersten langsam herabflatternden Schnee und trat an das Bett. Eine jugendliche Mädchengestalt richtete sich eben halb empor, öffnete groß die Augen und sagte:

„Wie früh kommst Du, Gustchen, eben graut der Tag, Tante Barbara hat noch nicht angeklopft.“

Auguste von Kalb, die Besuchende, zog einen Stuhl an die Bettkante, setzte sich und ergriff die kleine weiße Hand der Freundin.

Die beiden jungen Mädchen waren sehr verschieden; so frisch, üppig, brünett und lebhaft Gustchen Kalb erschien, so zart, blond und sanft war Christel Laßberg; ihre blauen Augen schimmerten halbversteckt unter schweren Lidern und langen gekräuselten Wimpern; das weiche Oval des Gesichtes, die ruhige Unbeweglichkeit der mattgefärbten Züge bildeten einen Gegensatz zu der lachenden, beweglichen Erscheinung der Andern.

Die frühe Morgenstunde hatte Auguste nicht verhindert, sich festlich zu kleiden, und der weiße Musselinanzug, nach der Mode des Jahres 1775 mit Falbeln ausgeputzt, sowie ein durch die schwarzen, leichtgepuderten Locken geschlungenes gelbes Band stimmten vortrefflich zu dem Roth der bräunlichen Wangen.

„Ich habe Dir unendlich viel zu erzählen!“ sagte sie hastig, mit den Fingern der Freundin spielend. „Gestern Nachmittag, nachdem Du fortgegangen warst, kam ein Expresser von meinem Bruder, welcher meldete, daß er und sein Gast die Nacht durch fahren und heute früh bei uns ankommen würden.“

„Ah! heute?“ sagte Christel, indem sie sich etwas mehr aufrichtete.

„Ja, ja! und sie sind da! Wer höre mich ruhig an, denn ich muß Dir von einer sehr wichtigen Unterredung mit Papa erzählen. Kaum war des Boten Brief eine halbe Stunde in Papas Händen, so ließ er mich rufen. Als ich eintrat, sah ich, daß die Eltern augenscheinlich eine wichtige Besprechung gehabt hatten. Frau Mama saß auf dem Thron am Fenster, und Herr Papa in seinem gelbblumigen Hausrocke ging im Zimmer umher und ruckte so arg mit dem Kopfe, daß der Haarbeutel bald über dem rechten, bald über dem linken Ohre erschien, und das hat immer etwas zu bedeuten. Ich stand und machte meinen Knix, küßte Papa die Hand und fragte, was er befehle?

Er räusperte sich, ja, er klopfte mir die Wange, und Mama wurde roth. Endlich sagte er: ‚Gusta, mein Kind, Dein Bruder kommt zurück und wird einen Gast mitbringen, der ein Freund Seiner Durchlaucht unseres allergnädigsten Herzogs ist, – daher eine Ehre für uns, ihn zu empfangen; man muß ihm das Haus angenehm machen, hörst Du, Gusta! Jugend gesellt sich gern zur Jugend, Dir wird es also dann und wann obliegen, den jungen Mann zu unterhalten.‘ – Mein Herz klopfte vor Vergnügen bei diesem Auftrage! – ‚Nun aber erheischt es meine Vaterpflicht, Dich zu warnen; dieser Doctor Wolfgang Goethe soll ein wilder, unbändiger Jüngling sein, absonderlich gefährlich für jedes wohlgebildete Frauenzimmer; hüte Dich also, nicht zu Denen zu gehören, von welchen er in Büchern schreiben kann! Hüte Dich auch, keinen Gedanken an die Möglichkeit ehelichen Bündnisses aufkommen zu lassen; denn trotzdem er der erwählte Freund unseres Herrn Herzogs Durchlaucht sein soll, ist er nur ein Frankfurter Bürgerssohn und die Verbindung mit einem solchen für ein adliges Fräulein nimmermehr zulässig.‘

Ich schwieg ergeben lauschend, der Papa fuhr, das Haupt bedächtig wiegend fort:

‚Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird dieser Herr Wolfgang Goethe für die nächste Zeit der einflußreiche Freund Seiner Durchlaucht werden. Als unser gnädigster Fürst im Winter mit dem Prinzen Constantin und Herrn von Knebel in Paris war, besuchten sie auf der Durchreise den jungen Goethe in Frankfurt. Nachher trafen sie sich wieder in Mainz und ein absonderliches Wohlgefallen an dem Doctor bestimmte unsern Herrn Herzog, ihn zu sich einzuladen; mein Sohn wurde jetzt beauftragt, ihn abzuholen; man estimirt ihn also auffällig genug; er wird hier sehr in seiner Assiette sein –‘

Papa räusperte sich: ‚Ich bin ein alter Mann,‘ fuhr er in kläglichem Tone fort, ,meine Amtspflichten werden mir täglich lästiger, die Art und Weise der jetzigen Regierung stimmt nicht mehr zu mir, ich sehe mich nach einem Nachfolger um! Aber es ist mir nicht gleichgültig, wer meinen Platz einnimmt; das Glück des Landes hängt von der würdigen Besetzung dieses hohen Postens ab; meine Pflicht ist es, dem Herrn Herzoge einen tüchtigen Mann vorzuschlagen. Dein Bruder ist bereits Kammerjunker und hat mich in meinen Geschäften oftmals unterstützt, in [374] seine Hände möchte ich mein Amt niederlegen. Dieser Wunsch muß mit Delicatesse behandelt werden; Du, Gusta, bist aber vielleicht im Stande, durch den Günstling für Deinen Bruder zu wirken; man darf kein Mittel gering achten, das Familienwohl zu fördern! Politesse also, mein Kind, Zuvorkommenheit, aber in den angedeuteten Grenzen!“

Ich verneigte mich mit einem: ‚wie der Herr Papa befiehlt!‘ und verließ nach seinem Winke das Zimmer?

Was sie von mir wollen, sehe ich klar genug, Christel, der Speck soll ich sein, um für den Bruder die Maus zu fangen; ich soll seinetwegen mit Doctor Goethe liebäugeln, pah! ich weiß, was ich will, und werde mein eignes Vergnügen bedenken: ist er schön, gefällt er mir, wie sein ‚Weither‘, so gehorche ich, wie weit, das ist meine Sache.

Ich schaute, als ich die Treppe hinanstieg, in’s Gastzimmer, da war Alles auf das Beste hergerichtet; ein Wachslicht auf dem Leuchter und zwei Flaschen Wein, wenn sie in der Macht kämen. Als ich an das Fenster trat und in den Hof hinaus sah, bemerkte ich, daß man sehr gut in mein Stübchen im Seitenflügel blicken könne; also kann ich auch sein Fenster übersehen. Und nun rathe, Christelchen, warum ich nicht gleich her kam, um Dir Alles zu erzählen; rathe, was ich Wichtiges zu beschaffen hatte?“

Das stille, blonde Mädchen lächelte; „nun?“ fragte sie entgegen ohne sonderlichen Eifer.

Auguste ertrug die Ruhe der Freundin schwer:

„Rathen wirst Du es doch nicht, Du harmlose Taube!“ rief sie, „so wisse denn: ich kramte mein Zimmer um! Vor das bewußte Fenster trug ich mein Nähtischchen, auch das Spinnrad, Stuhl und Bank; ich schürzte die Vorhänge etwas höher, rieb die Scheiben klar, und ersah; mir eine Ecke, von der aus ich auch ungesehen hinüberspähen; konnte; dann nahm ich ‚Werther’s Leiden‘, sein himmlisches Buch, bei dem wir so oft süße Thronen weinten, und setzte mich, in Vorgefühlen schwelgend, auf den neuen Platz. Daß ich in dieser Nacht, wo er jeden Augenblick ankommen konnte, nur halb schlief, wirst Du begreifen! Endlich, als kaum der Tag graut, tönt ein Posthorn, ich höre das Knarren der schweren Hausthür, des Bruders Stimme auf dem Corridore, Thüren werden geschlagen, Koffer werden die Treppen herauf geschleift. Bebend vor Kälte und Erwartung stürze ich im Dunkeln an’s Fenster – da wird drüben das Zimmer hell – man hat Licht angezündet? –“

„Und Du hast ihn gesehen?“ rief Christel, sich rasch aufrichtend und mit flüchtigem Roth übergossen.

„Zwei Schatten habe ich gesehen, welche sich die Hände schüttelten, dann ging mein Bruder hinaus und die Treppe hinab nach seinem Zimmer; und nun kommt das Beste: er trat an das Fenster und sah sich um; aber das Licht stand hinter ihm, ich gewahrte nur eine Silhouette und auch die nur kurze Zeit und undeutlich, aber getrost, heute werde ich ihn ordentlich sehen! Christel, begreifst Du meine Freude? Mit ihm, dem Dichter des Werther, unter einem Dache!“

Es war schwer zu fragen, ob Christel begriff oder nicht; sie hatte die Arme über den Kopf gelegt, die großen blauen Augen mit träumerischem Ausdruck hinauf in die Falten des weißen Bettumhangs gerichtet. Als sie die Antwort schuldig blieb, wurde Auguste ungeduldig.

„Du bist stumm wie ein Fisch!“ rief sie, „warum sitze ich noch hier? Vielleicht kann ich ihn am Fenster sehen, es ist hell genug! Adieu mein kleiner Fisch, mein Goldfisch!“ fügte sie tändelnd hinzu, indem sie eine gelbblonde Locke der Freundin um den Finger rollte, rasch Christel’s weiße Stirn küßte und ebenso lebhaft, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer eilte.

Die Zurückbleibende machte keinen Versuch, ihren munteren Gast länger festzuhalten; unbeweglich lag sie da, wie geistesabwesend. Dieser seltsame Zustand hatte sich in ihrer Kindheit oft bis zur Erstarrung gesteigert; jetzt überfiel er sie mehr wie waches Träumen; Fühlen und Denken flossen in einander. Ein süßes unklares Schauen, dem sie sich nicht entreißen mochte, trug sie weit über alle Wirklichkeit hinaus, bis sie gewaltsam aufgerüttelt oder durch zufälliges Geräusch geweckt, wieder zu sich kam und verwundert, manchmal weinend um sich blickte.

Christine von Laßberg war die einzige Tochter des weimarischen Obersten Maximilian von Laßberg. Ihre Mutter, eine Schwedin, war bei der Geburt dieses jüngsten Kindes gestorben. Ihre Brüder, bedeutend älter als sie, hatten sobald wie möglich das Haus verlassen; der alte Oberst war als einer der tyrannischsten Hausväter bekannt, und deshalb fühlten sich die Kinder nicht wohl in der Heimath.

Nach dem Tode seiner leidenschaftlich geliebten Frau nahm er seine unverheirathete Schwester, Tante Barbara, in das Haus, eine vortreffliche alte Dame, welche mit der zärtlichsten Sorgfalt die schwache kleine Nichte aufzog. Anfänglich wollte der Oberst nichts von dem Töchterchen wissen; er hatte einen eigensinnigen Grimm auf das blasse Kind geworfen; nach und nach aber, als er bemerkte, wie ähnlich Christine ihrer schönen, blonden Mutter wurde, gewann er Theilnahme, ja eine stolze Freude, an dem Mädchen. Sie war jetzt siebenzehn Jahre alt und ohne alle Beschränkung aufgewachsen. Weder Vater noch Tante hinderten sie in ihren Neigungen, und harmlos genug waren ja dieselben.

Ihre Freundschaft mit Auguste von Kalb war mehr durch die Verhältnisse, als aus Uebereinstimmung entstanden. Die Häuser der Eltern lagen neben einander, ebenso die Gärten, letztere nur durch eine Stachelbeerhecke getrennt, in der das unbändige Gustchen, stets die Besuchende, manches Stück ihrer Kleidung hängen ließ. Sowohl der alte Kammerpräsident wie der Oberst waren zu hochmüthig oder zu eigensinnig gewesen, um eine Verbindungsthür herstellen zu lassen.

Sie waren Leute der alten Zeit; sie lebten in ihren abgesonderten engen Schneckenhäusern, aus denen sie kaum hervorkrochen, um sich an einem allgemeinen, öffentlichen Interesse zu sonnen. Die Nachbarschaft hatte dazu gedient ein gewisse Spannung zwischen den beiden Häusern zu bilden, welche ihre Nahrung in einem ähnlichen Streben und gehässigen Beobachtungen gefunden hatte. Der Kammerpräsident von Kalb war Excellenz und gründete darauf Ansprüche, welche dem alten, derben Haudegen Laßberg übertrieben vorkamen. Den Kalbs schien alles zu gelingen, während es bei Laßberg vielen Kummer und Verdruß gegeben hatte. Seine Frau war früh gestorben, seine Söhne hatten in Unfrieden das Haus verlassen; die Kalb’schen Söhne dagegen waren gut untergebracht; der jüngere, als Kammerjunker beim weimarischen Hof angestellt, hatte sich vor drei Jahren mit einer reichen Frau vermählt.

Wo man vergleicht, ist der Neid nicht fern; die beiden Herren waren echte Vergleichsbrüder; sie konnten eine Schaar vom Glück begünstigter Leute unbeneidet vorüber gehen sehen, sowie aber dem einen von ihnen Gutes geschah, wurde der andere verdrießlich. Bei dem alten, zeitweise unbeschäftigten Laßberg hatte sich nachgerade eine bittere Stimmung festgesetzt, welche in schlimmen Stunden den Groll über das Schicksal auf den Nachbar übertrug.

Am 3. September dieses Jahres 1775 war die Mündigkeitserklärung des neunzehnjährigen Karl August erfolgt. Die Herzogin Mutter hatte ihm freudig die Geschäfte der Regierung übergeben, sich selbst in das Privatleben zurückziehend. Ihr Einfluß auf den Sohn und ihre Sorge für denselben blieben aber unablässig rege. Sie glaubte den kräftigen, unbändigen Jüngling am leichtesten durch eine Heirath zu zähmen, und vermochte ihn, sich am 3. Oktober mit der reizenden Landgräfin Luise von Hessen-Darmstadt zu vermählen. Das junge Paar war seit vier Wochen in Weimar und der Hofstaat für dasselbe eingerichtet.

Anna Amalie hatte ihrer Schwiegertochter zwei junge schöne Hofdamen abgetreten, die anmuthige, neckische Adelaide von Waldner und die verständige Henriette von Wöllwarth; sie selbst war vorderhand ohne Gesellschaftsfräulein. Diese Stellung bei der allverehrten Herzogin wünschte Laßberg für seine Tochter.

Zufällig hatte Anna Amalie sich tadelnd gegen ihn über Auguste Kalb ausgesprochen und der Oberst die Gelegenheit ergriffen, nach einem väterlich bescheidenen Lobe der Tochter, Christel als Hofdame zu empfehlen. Er wagte sich offen mit seinen Wünschen hervor, da er jetzt wußte, daß „die gefallsüchtige Kalb“; nicht vorgezogen werden würde.

Die Herzogin hatte sich unbestimmt geäußert, Laßberg sah, daß alles auf einen persönlichen Eindruck der Tochter ankomme, und erbat sich die Ehre, sein Kind auf dem nächsten Ball der hohen Frau vorzuführen. Anna Amalie bewilligte diesen Wunsch freundlich. Seitdem gab es keinen andern Gedanken, kein anderes Gespräch im Hause des Obersten, als Christel’s Aussichten, als [375] den Festabend, als die vortreffliche Herzogin und den Putz des jungen Mädchens. Tante Barbara mußte natürlich ihr Pflegekind begleiten; sie war nie so geschäftig, so ängstlich bedacht auf die Mode, so freudig und unruhig zugleich gewesen.

Auch Christel dachte seit dem Morgenbesuch der geschwätzigen Freundin mit unbeschreiblicher Wonne und laut klopfendem Herzen an ihre Aussichten, und diese Gedanken waren es, welche sie in eine tiefe Träumerei versenkten.

Sie hatte seit einigen Jahren Bertuch’s Bilderbuch aus der Hand gelegt und statt dessen mit leidenschaftlich erregten Gefühlen „Götz von Berlichingen“ und jetzt „Die Leiden des jungen Werther“ gelesen.

Jetzt kam Er, der Schöpfer jener Gestalten, für die ihre empfängliche Seele glühte, Er, dessen Ruf schon jetzt die Jugend begeisterte und dem Alter ein bedenkliches, staunendes Kopfschütteln abnöthigte, Er, der Freund des Herzogs, Kalb’s geehrter Gast, der als „gefährlich“ geschilderte Hausgenosse der Freundin. Ein Meer von Gedanken, von Möglichkeiten, Ahnungen und Hoffnungen fluthete über sie herab. Sie sollte, sie mußte ihm begegnen, wenn sie vor der Herzogin auf dem Ball erschien.


2.

Bald nachdem Auguste Kalb von ihrem Besuch im Morgenzwielicht zurückgekehrt war, schritt, vom Fürstenhause über den Markt kommend, ein kräftiger junger Mann dem Hause des Kammerpräsidenten von Kalb zu.

Er war von mittlerer Größe und breitem, knochigem Bau, sein dunkelblondes Haar trug er an den Schläfen in zwei Locken gerollt, nach rückwärts mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden. Hell und fest blickte er um sich, und die kräftige Nase, sowie ein energisch geprägter Mund gaben dem Kopfe, trotz aller Jugend und aufblitzenden Leidenschaftlichkeit, etwas Fertiges, Charaktervolles. Ueber dem röthlich violetten Rock mit Stahlknöpfen, der Schooßweste und dem kurzen schwarzen Beinkleide trug er einen weiten dunkelblauen Mantel zum Schutz gegen das Schneestauben des Novembermorgens. In der Hand hielt der rüstig Zuschreitende eine Hetzpeitsche mit Hirschhorngriff, welche er, dann und wann einen Jagdpfiff ausstoßend, lustig über zwei ihn begleitende Rüden schwang, die allemal mit hohen Sprüngen lind kurzem Freudengebell antworteten.

Vor der Einfahrt des Kahl’schen Hauses angekommen blieb er stehen; mit vergnügtem Lächeln sah er den von Straßburg erwarteten Landauer Staatswagen an, in welchem diesen Morgen der Kammerjunker mit dem Gaste gekommen war.

„He Philipp!“ rief der Nahende, „bist Du auch mit da? Das ist schön, was macht Dein Herr?“

Die am Wagen beschäftigten Leute traten respektvoll zur Seite, der angeredete junge Diener kam mit dem Hute in der Hand heran.

„Ja, ja, glücklich angelangt, Durchlaucht!“ sagte er schmunzelnd. „Soll ich meinen Herrn Doctor holen? Er ist oben im Gastzimmer.“

„Laß nur, Philipp!“ rief der Herzog Karl August, denn er war’s, und die breite Treppe hinanspringend, öffnete er die Thür des ihm bezeichneten Gastzimmers und stürmte hinein.

Goethe trat ihm entgegen, leuchtende Freude im Antlitz – aber so groß war der Adel dieser Erscheinung, so herrlich die blühende Schönheit dieses Auserwählten unter den Menschen, daß der Herzog einen Augenblick wie gebannt stehen blieb, in Anschauen verloren.

Dann stürzte er auf ihn zu, ihn leidenschaftlich umarmend und ein Mal über das andere jubelnd: „Bist Du da? Habe ich Dich endlich in Weimar, mein Wolf! Mein einziger Freund!“

„Mein theurer, gnädiger Herr!“ entgegnete der Andere, „Sie kommen zu mir? Kalb versprach mir, mich zu Ihnen zu führen.“

„Glaubst Du, ich hätte darauf warten können, Herzensbruder? Gestern erhielt ich durch den Boten die Kunde Deines Kommens, heute laufe ich natürlich selbst her, um zu sehen, ob Du wirklich da bist. Wie wohl wird mir bei Deinem Anblick! Ich athme auf, und Pläne freudigen Lebensgenusses strömen mir zu. Ach, ich habe zu viel Hofluft ertragen müssen!“

„Ich glaubte, Eure Durchlaucht hätten über den Wonnen des Honigmondes alles Andere vergessen?“

„Vergessen, wohl gar Dich? Bleibe mir damit und mit Deiner Durchlaucht vom Halse! Hast Du vergessen, daß wir Brüder sein wollten? Denkst Du nicht mehr an den göttlichen Abend in Frankfurt? Leute, welche per Durchlaucht reden und mir Reverenzen schneiden, habe ich genug. Mich verlangt nach einem Genossen, einem Vertrauten, der nicht unter mir, nach einem Freunde, der neben mir steht, von dem ich gewinnen mag an Lebensfreude und –“ setzte er plötzlich ernst hinzu – „an Weisheit!“

„Mein Fürst!“

„Still! Sag’ Karl, oder ich verlasse Dich und gebe Dir eine Audienz im Kreise meiner stirnfaltenden Räthe.“

„Nun denn, Karl, warum der Spott: von mir Weisheit lernen zu wollen? Von mir, den man einen Ausbund jugendlicher Thorheiten, einen Tollkopf, einen Schwärmer nennt!“

„In Deiner Tollheit, Deiner Schwärmerei liegt Weisheit; die große Weisheit der Wahrheit und Naturwärme, die ich oft mit Diogenes’ Laterne suche und nicht finde.“

„Wie! Du vermissest Wahrheit und Wärme? Sei gerecht, Karl, ein Wort nur, einen Namen halte ich Dir entgegen – Luise!“

Eine flüchtige Röthe streifte die Stirn des Herzogs, und leise seufzend entgegnete er:

„Der Name sagt viel. Aber diese erste Stunde sei dem freudigen Willkommen geweiht! Reiche mir das Glas, schenk’ ein: ein Freudengruß Deinem Hiersein!“

Die Gläser klangen, sie schüttelten einander die Hände, und wie ein Willkommengruß von oben theilte plötzlich die Sonne Schneewolken und Morgennebel, glitzerte auf den letzten Flocken, die wie feines Silber in der Luft tanzten, und strahlte warm in das Zimmer und über die freudig bewegten Jünglinge.

Karl August ergriff zuerst wieder das Wort:

„Es verdrießt mich, daß ich Dich nicht bei mir aufnehmen kann. Du weißt, das Schloß ist vor vier Jahren abgebrannt, und wir sitzen mit Sack und Pack im Fürstenhause. Ganz oben die Kanzlei, meine Gemahlin in der Bel-Etage, unten Damen, Cavaliere, Dienerschaft, was weiß ich, wer alles. Ich habe meinen alten Hofmarschall Witzleben bis zum Verzweifeln gedrückt, daß er mir ein Quärtier für Dich schaffen soll, er windet sich wie ein Wurm und schwitzt vor Angst und Diensteifer, aber ein resoluter Kehraus wird nicht gehalten; so muß ich meinen Gast bei Andern unterstellen. Ich hoffe aber, Du sollst es nicht schlecht haben bei diesen Kalbs; sie sind abhängig von mir, eigennützig, und darum windelweich. Der Kammerjunker wird Dich wie einen jungen Gott tractirt haben? Aber er weiß auch warum! Dann giebt es hier eine Tochter im Hause –“

Goethe lächelte und sein feuriges Auge schweifte zum Fenster hinüber; der Herzog fing den Blick auf.

„Ah, das weißt Du, schon?“ rief er. „Gustchen wirft wohl gar Angeln aus, laß sehen!“

Lebhaft sprang er auf, der Freund folgte, und Beide spähten vorsichtig durch das Fenster.

Ein gar anmuthiges Bild zeigte sich ihnen. Vergoldet vom Sonnenschein, eingerahmt von weißen, bauschenden Vorhängen, neben sich in der Fensterbank ein blühendes feuerrothes Geranium, saß Gustchen Kalb, eine Näherei auf dem Schooße; sie ließ eben den blitzenden Fingerhut so eifrig auf der Scheerenspitze tanzen, als ob es nichts Interessanteres auf der Welt gäbe. Ihre runde Wange brannte, die Augen leuchteten in freudiger Erregung, denn sie hatte eben die lauschenden jungen Männer bemerkt.

„Gut gemacht!“ rief Karl August überrascht, „fürwahr ein schönes Bild! Wie wird meinem Dichter? Ich glaube, sein Quartier gefällt ihm schon.“

Goethe zog den Freund vom Fenster zurück.

„Das Mädchen ist reizend,“ sagte er warm, „der erste Eindruck könnte nicht günstiger sein; was werde ich unter der schönen Hülle finden?“

Der Herzog lachte und zuckte die Achseln.

„Du wirst sehen und – siegen!“ rief er mit komischem Pathos; „aber jetzt zu etwas Anderem. Ich möchte Dich bald einführen, Dir’s wohnlich bei uns machen; Du mußt Menschen und Verhältnisse kennen lernen. Da ist vor allen Dingen meine Mutter. Ich gestehe Dir, daß sie eine kleine Pique auf Dich hat, weil Du gegen unsern alten Wieland Deine stachligen Verse losgelassen hast; aber sie ist versöhnlich, alles Große, Edle zieht sie an, steht mit ihrer herrlichen Natur in harmonischer Wechselwirkung. [376] Du wirst sie kennen und verehren lernen, wie ich es thue; zu ihr führe ich Dich bald. Meine Frau hast Du gesehen –“ Karl August stockte.

„Und bewundert!“’fügte Goethe hinzu. „Die Herzogin ist die reizendste, anmuthigste Dame, die ich kenne.“

„Später von ihr!“ rief der Herzog ungeduldig, „sehen sollst Du sie auch; wen kennst Du sonst noch hier? Ah, meinen Exmentor Görtz; der Graf möchte gern Luisens Oberhofmeister werden, aber ich habe vor der Hand der Schranzen genug. Auch meinen Bruder Constantin kennst Du; er ist und bleibt der weiche, schwärmerische Gemüthsmensch, dabei aber eigensinnig und sehr bestimmt für seine achtzehn Jahre. Eine zärtliche Neigung ist auch schon bei ihm eingezogen. Caroline von Ilten heißt seine Schöne, ein sechszehnjähriges blondes Kind, aber doch erwachsen genug, um die Liebe und Aufmerksamkeit des Prinzen mit leidlicher Grazie entgegen zu nehmen. Constantin wohnt mit seinem biederen Knebel, der noch als Hofmeister fungirt, in Tiefurt, kaum eine Stunde von hier. Was möchtest Du sonst von Weimar und seinen Menschen wissen, ehe ich Dich hinaus führe?

Goethe zögerte dann sagte er:

„Ich sah bei einem Doctor Zimmermann, den ich mit Lavater in Straßburg traf, unter vielen Silhouetten, die wir beurtheilten, diejenige einer jungen Man aus den hiesigen Hofkreisen. Das Gesicht hatte, trotz der Unvollkommenheit des Bildes, einen so entzückenden Ausdruck von Liebe und Güte, daß es sich mir unauslöschlich einprägte; ja es verfolgte mich, und ich träumte mehrere Nächte nach einander von dieser Frau. Ein Gesicht, das, sanft und zärtlich im Ausdruck, die Welt klar sieht wie sie ist, aber stets durch’s Medium der Liebe. Von ihr mochte ich hören, sie kennen lernen!“

„Und wer ist es? Wie heißt sie?“ fragte der Herzog gespannt.

„Es ist die Frau des Oberstallmeisters von Stein, geborene von Schardt.“

„Wie! Die Stein? Lottchen Schardt?“ rief Karl August überrascht.

Goethe erschrak. „Habe ich mich geirrt, verdient sie meine Bewunderung nicht?

Der Herzog entgegnete ernst:

„Die wird allgemein verehrt; Männer und Weiber nennen sie die bedeutendste Frau unseres Kreises, und gewiß haben sie Recht; für mich ist sie zu ruhig und – erschrick nicht, Freund – zu alt! Das ist ein abscheulicher Fehler, der täglich schlimmer wird!“

Goethe lächelte. „Vielleicht findet man doch nur bei einem gewissen Alter reifen, seelischen Reiz. In welchen Verhältnissen lebt die Dame?“

„Die Dame war lange Hofdame meiner Mutter, dann heirathete sie vor jetzt vierzehn Jahren den Oberstallmeister. Drei ihrer Kinder leben, sie muß dreiunddreißig Jahre alt sein; schön war sie wohl nie, aber es fehlt ihr nicht an Anmuth. Ihr Wesen hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Gesunder Verstand, Wahrheit und Gefühl sprechen aus jedem ihrer Worte, dabei ist sie graziös und freundlich, von tadellosem Tacte und immer gleich an Milde und ruhiger Würde.“

„So habe ich sie mir gedacht!“ rief der junge Dichter mit von Freude und Begeisterung strahlenden Blicken. „Ich brenne vor Verlangen, sie zu sehen! Wo kann ich sie finden?“

„Gemach!“ rief der Herzog. „Steins sind auf ihrem Gute Kochberg, näher bei Rudolstadt als bei Weimar, kaum in vier oder fünf Stunden zu erreichen. Gegen Weihnachten kommen sie zu uns. Neulich waren sie hier, um Luisen vorgestellt zu werden, da habe ich ihre Rückkehr mit dem Oberstallmeister besprochen; bist Du aber gar zu ungeduldig, so will ich in den nächsten Tagen mit Dir hinüber reiten. Laß sehen, heute haben wir Dienstag; am Freitag ist der erste Ball im Stadthause, da dürfen wir nicht fehlen; aber am Sonntag können wir frühzeitig zu ihnen reiten. Stein ist immer begierig, mir seine jungen Pferde zu zeigen, dann hast Du die Frau allein; gelegentlich hoffe ich auf einen Gegendienst von Deiner Seite“ – der Herzog hatte die letzten Worte mit einem verlegen schelmischen Ausdruck vorgebracht, welcher Goethe stutzig machte; er wollte eben eine Frage anknüpfen, als die Thür bescheiden geöffnet wurde und Philipp’s intelligentes Gesicht hereinschaute.

„Der Kammerjunker von Kalb wünscht meinen Herrn Doctor zu besuchen,“ sagte er.

Goethe sah den Herzog an; „soll uns recht sein!“ rief derselbe. Der Kammerjunker trat ein. Er war ein gut aussehender Mann in der Mitte der Zwanzig; nicht ganz so feurig und frisch wie die Schwester, sah er ihr hoch ähnlich, nur war ihre kecke Selbstgefälligkeit bei ihm hinter schlauer Zurückhaltung versteckt.

Sein Anzug war mit Sorgfalt gewählt, sein Kopf wohl frisirt und gepudert und sein Benehmen so respektvoll wie möglich.

Nachdem er dem Herzoge mehrere tiefe Verbeugungen gemacht hatte, welche derselbe mit einem raschen: „Guten Morgen, Kalb!“ und kurzem Kopfnicken beantwortete, wandte er sich an den Gast, ihm eine wohlgesetzte Begrüßungsrede des Kammerpräsidenten, seines Vaters, überbringend, welche mit der Bitte schloß, ganz und gar über hie Kräfte des Hauses verfügen und bestimmen zu wollen, wen man zum Diener einladen solle.

Er hatte noch nicht ganz geendet, als der Herzog rasch einfiel. „Mich vor allen Dingen! Ich will einmal gemüthlich außer dem Hause essen; dann könnt Ihr den Hofrath Wieland, meinen freundlichen Hildebrand von Einsiedel, Bertuch, Oberforstmeister von Wedel, Musäus –“

Halb mitleidig, halb lachend sah Goethe, wie bei Aufzählung der Namen welche kein Ende nehmen wollten, das Gesicht des Kammerjunkers immer länger und betretener wurde; er fiel also dem Herzoge, der in seiner heiteren Laune nichts bemerkte, in die Rede und sagte:

„Ich möchte mich, wenn Eure Durchlaucht nichts dagegen haben, vor allen Dingen dem Hausherrn präsentiren.“

Karl August erklärte sich einverstanden; er gebot dem Kammerjunker voran zu gehen und sie anzumelden; Kalb eilte fort.

„Wir wollen uns einen ungebunden lustigen Mittag machen, lieber Junge!“ sagte der Herzog, des Freundes Arm ergreifend. „Und nun komm, der alte Perrückenstock wird sehnlichst unser harren!“

[389] Die Familie saß in zwangloser Weise beim Frühstück, und ein allgemeiner fluchtartiger Aufstand, durch des Bruders Meldung veranlaßt, brachte diesen in große Verlegenheit.

Der alte Kammerpräsident, aus dem Kanapee aufgescheucht, entfloh mit flatterndem Schlafrock um die Ecke in die Thür eines Nebenzimmers. Er zerbrach im Verschwinden seine Thonpfeife, die funkensprühend in das Zimmer zurückflog. Seine Gemahlin, ebenso nachlässig gekleidet und mit einer Filetarbeit an der Decke des Frühstückstisches beschäftigt, brachte ein bedenkliches Klirren und Schwanken des Geschirrs hervor, der Milchtopf fiel um und ergoß seinen Inhalt; ein wohlgenährter Mops saß zornig aufrecht und kläffte wüthend die Ruhestörer an. Gustchen hielt, was zu halten war, drückte dann die Mutter wieder in ihre Ecke und hüllte sie in eine Mantille. Zur Seite wurde eine zweite Frühstücksstunde gestört, die Frau Leonore Kalb ihrem Kindchen bereitete; die junge Mutter beschäftigte sich erröthend mit ihrem Anzuge, während das kleine Wesen schreiend und zappelnd die Fortsetzung des Mahls begehrte.

Fürst und Dichter traten lächelnd unter diese Gruppen. Nach und nach beruhigten sich Lärm und Aufstand.

Die Kammerpräsidentin empfing den Besuch mit rasch wiedergewonnenem Anstande; Frau Leonore entfloh mit ihrem Kleinen; der Mops leckte die Milch, und Gustchen sowie der Bruder unterstützten die Mutter in höflichen Formen und artigen Reden.

Nach einiger Zeit kam auch der Vater in gewählterem Anzuge, doch mit aufgeregtem Schwenken des Haarbeutels wieder zum Vorschein; er suchte mit einer Menge unterthäniger Floskeln den vorhergehenden Eindruck gut zu machen und die geehrten Gäste von ihrem Werth und der ebenso unwürdigen wie zerknirschten Persönlichkeit ihres submissest ersterbenden Wirths zu überzeugen. Karl August’s frische Natürlichkeit ertrug dergleichen nicht lange; er fuhr kurz dazwischen und sagte, was er von seinen „unterthänigsten Knechten“ wollte.

„Sie müssen mir den Doctor gut halten, Präsident!“ sprach er bestimmt. „Sie müssen ihm nach Kräften unser Weimar angenehm machen. Er muß sich frei bewegen, thun und lassen können, was er mag; geben Sie ihm einen Hausschlüssel und die Kost auf seinem Zimmer, wenn er es befiehlt. Wünscht er Ihre Gesellschaft, so wird er zu Ihnen kommen; größtentheils wird er wohl bei mir im Fürstenhause sein. Diesen Mittag essen wir bei Ihnen; – Ihr Sohn sagt, daß Sie eingerichtet sind,“ fügte er freundlich zur Hausfrau gewandt hinzu – „und die Damen werden sich hoffentlich nicht ausschließen! Wir werden dann auch Ihre Frau begrüßen, Kammerjunker, die wir diesen Morgen in den süßesten Pflichten störten, und wollen munter und guter Dinge zusammen sein. Einige Winke, wen ich gern hier sehen würde, habe ich schon fallen lassen.“

Mit diesen Worten stand er auf. Alles folgte seinem Beispiele; Goethe brach eine halblaute neckische Unterhaltung mit seiner reizenden Nachbarin ab, um gleichfalls dem Kammerpräsidenten und seiner Gemahlin einige Worte zu sagen, während der Herzog sich jetzt Augusten nahte:

„Ich glaube, Frau von Werthern geborene Münchhausen ist eine gute Freundin von Ihnen?“

Gustchen sah erstaunt zu ihm auf; er aber fuhr eilig fort:

„Es freut Sie gewiß, die schöne Frau einmal zu sich einzuladen, und es würde mir angenehm sein, Ihre Freundin am heutigen Mittage hier zu sehen; gehen Sie gleich selbst zu ihr, dann wird sie gewiß kommen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich rasch um und ging. – Karl August und Goethe verließen bald darauf das Haus, um sich nach dem Witthums-Palais zur Herzogin Anna Amalie zu begeben, welche der Herzog gern für den Freund gewinnen wollte.



3.

Der alte Oberkämmerer von Göchhausen galt für den wunderlichsten Sonderling in ganz Weimar. Unverheirathet, wohlhabend, in seiner Jugend kränklich, hatte er eine ängstliche Selbstpflege, einen Cultus der Gewohnheit und Regelmäßigkeit sich zur Lebensaufgabe gemacht. Was nicht in nächster Beziehung zu seiner Person stand, existirte für ihn nicht. Er besaß ein eignes Haus an der Breiten Gasse, wo er mit Ursula, seiner Wirthschafterin, und Rohrmann, seinem Bedienten, seit etwa zwanzig Jahren in immer gleicher Weise lebte, sich auch einbildete, nie anders leben zu können. Seine Geschäfte nahmen wenig Zeit in Anspruch. Die Acten wurden jeden Morgen Rohrmann überantwortet und jeden Abend wieder abgeholt; nur einmal in der Woche mußte er in die Kanzlei, um dem Herzoge Bericht abzustatten und seine Befehle entgegen zu nehmen. Wenn er zu Hofgesellschaften befohlen wurde, ging er hin, denn er hätte es der Würde eines [390] Barons Louis Wilhelm von Göchhausen durchaus unangemessen gefunden, nicht bei Hof zu erscheinen; dies waren aber auch die einzigen Gelegenheiten für ihn, mit Menschen zu verkehren.

Außerdem widmete er den ganzen Tag seinen beiden einzigen Leidenschaften: der Ordnungsliebe und der Reinlichkeit, Tugenden, welche in seiner Uebertreibung Untugenden wurden und neben einer großen Sparsamkeit ihn ganz beherrschten.

Es konnte keine Tageseintheilung regelmäßiger sein als die des Oberkämmerers. Rohrmann erschien im Winter und Sommer um sechs Uhr, trug auf einem Teller ein Glas Wasser und sagte: „Guten Morgen, Herr Baron, es ist Aufstehenszeit!“

Dann erhob sich Herr von Göchhausen, trat unbedingt mit dem rechten Fuße zuerst auf die Erde, hustete dreimal – er wäre lieber erstickt, als daß er es sich ein viertes Mal gestattet hätte – und nahm den Schlafrock. Nun wurde der ganze Mann in möglichst gründlicher Weise gewaschen, gebürstet, gebadet, gerieben und abgespült. Dann legte er silbergraue Beinkleider, feine Strümpfe und Schuhe an, eine graue langschößige Weste, folgte, wohlgefältelte breite Jabots, ein steifes weißes Halstuch bis dicht unter die Ohren reichend, sodaß sich der kleine Kopf kaum wenden konnte; ein gleichfalls silbergrauer Rock mit breiten Taschen und glänzenden Knöpfen vervollständigte den Anzug, welchen eine gepuderte Perrücke mit zierlichem Zopf und großen Seitenlocken, sowie ein betreßter dreieckiger Hut krönte. Dann nahm der Baron seinen hohen Stock mit silbernem Knopf und schritt der Hausthür zu, um Punkt acht Uhr auf die Breite Gasse hinaus zu treten und seine erste Morgenpromenade zu beginnen. Auch die Promenade hatte ihren gewiesenen Weg und ihr ganz bestimmtes Ziel, das war die kleine Schleuse am Schwansee, auf welche er dreimal mit dem Stocke schlug und, wie nahe Arbeiter gehört haben wollten, dazu sprach: „Baron Louis Wilhelm von Göchhausen ist dagewesen!“ Dann wandte er sich und kehrte nach seinem Hause zurück. Frau Ursula hatte jetzt eine Milchsuppe und einige Schnitte Weizenbrod bereit, die er mit besonderen Feierlichkeiten genoß.

War der Tag in strengster Gleichmäßigkeit hingebracht, so erschien Abends neun Uhr Rohrmann wieder mit einem Glase Wasser und sagte: „Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!“ – Worauf der Oberkämmerer sich sofort erhob und unter dem Beistande seines Dieners das Lager suchte.

In diese wohlgeordnete Häuslichkeit paßte ein fremdes-Element sehr heilig, und doch war es dem alten Herrn beschieden, ein solches bei sich aufzunehmen.

Es war etwa etliche Tage vor Goethe’s Ankunft in Weimar, als der Baron Göchhausen ungewöhnlich erregt in seinem Arbeitsstübchen auf und ab schritt. Er hielt die Bewegung zu dieser Stunde für ungesund und zürnte sich selbst deshalb, noch mehr aber der Veranlassung seiner Unruhe.

„Es geht nicht! Es geht nicht, und es geht nicht!“ murmelte er auf- und abschreitend in verschiedener Betonung vor sich hin. „Seit ihr Brief da ist, Wallungen, Unruhe, Zerstreutheit; wie soll das werden? Es reibt mich auf! – Selbsterhaltung – Nothwehr! O ihr schrecklichen Weiber! Und in einer halben Stunde!“ seufzte er stehen bleibend, die Stirn trocknend und den Blick mit verzweifelndem Ausdruck auf eine dicke silberne Taschenuhr, welche an seinem Schreibtisch hing, richtend, die eben halb acht wies. Einen Augenblick nur zögerte er noch, dann setzte er sich an den Tisch, ergriff einen langen Gänsekiel und begann zu schreiben.

„Ich werde ihr sagen,“ murmelte er, „daß meine Gesundheit mir verbietet, Besuch zu empfangen, daß sie Mitleid haben soll mit einem leidenden Greise, daß ich sie anflehe, mir den Embarras nicht aufzuladen; mit diesem Briefe schicke ich Rohrmann zur Post.“

Das Billet war gefaltet, der alte Herr klingelte und Rohrmann’s große knochige Gestalt erschien in der Thür; der Versuch eines Lächelns erhellte das pergamentartige Gesicht, als sein Herr voll überredender Güte zu ihm sprach:

„Seh Er diesen Brief, Rohrmann, derselbe muß in die Hand eines jungen Frauenzimmers gelangen, das um acht Uhr mit der Gothaischen Post ankommt. Sie will uns besuchen, heißt Luise von Göchhausen, und Er weiß selbst, Rohrmann, “ fügte er, seine, schwimmenden Aeuglein mit kläglichem Ausdruck nach oben kehrend, hinzu, „daß ich zu leidend bin, um Damenbesuch anzunehmen; wende Er also diese Incommodität von Seinem armen Herrn, und sag Er der Person mündlich, daß sie partout wieder abreisen müsse!“

Rohrmann verschwand und der Baron athmete erleichtert auf. Er begann wieder ruhig und behaglich zu werden, konnte still sitzen, schob die Feder hinter das Ohr und studirte jetzt, da er die Gefahr als beseitigt ansah, mit Muße zwei vor ihm liegende Papiere. Der Anmeldebrief seiner Nichte lautete:

„Karlsruhe, den 15. Oktober 1775.

      Theurer Oheim, Vormund und Gevatter!

Es hat sich in dieser mit Gott hinschleichenden Zeit begeben, daß Ihrer submissest Unterzeichneten Nichte – wie Einliegendes ausweist“ – der Stuhl vor die Thür gesetzt worden. Selbige schaut sich um in der weiten Welt und gewahrt, daß ihr verehrter Oheim in Weimar der Einzige ist, welcher gegründete Ansprüche, an ihre Person zu erheben hat. In edlem Gerechtigkeitseifer und nach dem Spruch: gebt Jedem das Seine! ist sie entschlossen, ihr Dasein dem Wohl und Penchant des ihr unbekannten, aber verehrten Herrn zu widmen.

Morgen verlasse ich Karlsruhe – das keine Ruhe mehr für mich bietet – am zweiten November mit der Gothaischen Post in Weimar anzukommen! – Bis dahin Geduld, o Sehnsucht!

Ergebenst und gehorsamst, cher oncle, Ihre devoteste

Luise von Göchhausen.“

„Das muß ein übermüthiger Satan sein,“ murmelte der alte Herr, nachdem er den Brief wieder gelesen hatte, dann nahm er das zweite Schreiben vor; es war ein großes mit markgräflichem Siegel versehenes Document und enthielt die Entlassung der Hofdame Luise von Göchhausen aus dem Dienste Ihrer Durchlaucht der Frau Markgräfin von Baden.

„Was mag sie nur für kniffliche Sachen angezettelt haben?“ fragte sich der alte Herr kopfschüttelnd. „Eine solche Hexe sich in’s Haus nehmen, brrr!“

In diesem Augenblicke ging unten die Glocke der Hausthür; „Rohrmann schon wieder da?“ dachte der Baron erstaunt und lauschte. Leichte Schritte eilten die Treppe herauf; der Oberkämmerer erbleichte, ein Zittern befiel ihn, ängstlich blickte er auf die Thür – sie wurde geöffnet und herein trat ein rasches kleines Frauenzimmer.

Sie war es! Die unabwendbare, gefürchtete Nichte, Luise von Göchhausen stand vor ihm. Und wie! Spöttischen Ernst in den geistreichen Augen, ein ironisches Lächeln um den großen Mund auf dem leichtgepuderten Haare einen weißen Musselinhut und über den braunen Reiserock ein grasgrünes Mäntelchen geworfen. Die ganze kleine Gestalt, etwas verwachsen, schien zu sagen: ja, sieh mich nur an! übersehen sollst Du mich nicht!

„Da bin ich, cher oncle!“ rief sie munter und griff nach seiner Hand, um sie zu küssen.

„Hast Du meinen Brief nicht bekommen?“ stotterte er.

„Gewiß, mein theurer Oheim!“ entgegnete das junge Mädchen, „und sein Inhalt beflügelte meine Schritte; den Leidenden zu pflegen, zu unterhalten, wird meine künftige Lebensaufgabe sein!“

Ein Schauder überlief den Oberkämmerer. „Ich kann das nicht acceptiren,“ sagte er nach Festigkeit ringend.

Luise trat zurück. „Warum nicht?“ fragte sie.

„Weil, weil –“ stammelte er, „weil ich Dich nicht kenne – und –“

„Nicht kenne?“ betonte sie scharf; ein tiefer, trauriger Ernst sank wie ein Schleier über das lustige Gesicht „Der einzige Bruder meines Vaters, mein Vormund, mein Pathe kennt mich nicht? Großer Gott, wer kennt mich denn? Dann bin ich ganz allein und verlassen auf der Welt!“

Eine augenblickliche Pause trat ein; dem alten Baron brach der Schweiß aus, es erschreckte ihn furchtbar, daß er für ein Wesen außer sich sorgen solle, ja vielleicht Theilnahme dafür gewinnen könne. Er wollte diesen ersten selbstlosen Anwandlungen entfliehen und polterte heraus:

„Warum macht Sie unnütze Streiche? Warum wird Sie fortgejagt?“

Wie Sonnenschein flog es bei diesen Worten über die Züge des Mädchens.

„Es war ein sehr guter Spaß, cher oncle,“ sagte sie, ein Auflachen kaum unterdrückend. „Um Vieles möchte ich den nicht ungeschehen machen!“

„So trag’ die. Folgen!“

[391] „Ich muß wohl.“

„Ich weiß nicht, was Du beginnen willst, denn in meinem Hause ist kein convenabler Aufenthalt für Dich. Du kannst ja nach Frankreich zu den Verwandten Deiner Mutter gehen.“ Aufathmend nach diesem Auskunstsmittel ließ er sich wieder in seinen Sessel vor dem Schreibtische gleiten.

Luise hockte zu seinen Füßen, auf einem Actenkasten und sagte: „Wie ist es möglich, daß mein Oheim von dem Ableben aller jener Verwandten nichts weiß?“

„Ein Sachwalter hat Dein kleines Vermögen unter Händen – an ihn schickte ich Alles, was von Dir einlief, nur Deinen letzten Brief bekam ich von ihm zurück,“ stotterte er.

Sie sah ihn verächtlich an. „Gut!“ sprach sie endlich ernsthaft, „kann ich nicht bei Ihnen bleiben, so, muß ich mich allein durchschlagen. Die Straße, in welcher Sie wohnen, hat mir gefallen, es wird irgendwo, etwa gegenüber, ein Zimmerchen zu vermiethen sein; dahin ziehe ich und arbeite, weil ich sonst kein Brod habe; ich werde Putzmacherin und schaffe mir ein Schild an, auf dem mit großen Buchstaben zu lesen ist: Luise von Göchhausen, Nichte, Mündel und Pathe des Herrn Barons Oberkämmerer von Göchhausen, bittet um gütigen Zuspruch als – Putzmacherin!“

Empfindlicher hätte sie ihn nicht treffen können; seinen Namen preisgeben, das vertrug er nicht! Er putzte das Licht und wandte es, um ihr Gesicht anzusehen: ob sie ihren Vorschlag ernstlich gemeint habe. Er saß da in seinem abendlichen grauen Ueberwurfe, mit den dicken Locken, den hervortretenden Augen und der langen Schreibfeder hinter dem Ohre, wie ein grau bestaubter Käfer, der prüfend sein Fühlhorn ausstreckt.

Sie dagegen glich mit ihrer kleinen, kecken Gestalt und in ihrem grünen Mäntelchen einer lustig zirpenden Grille.

„Oder,“ fuhr sie unbekümmert fort, „wenn es hier einen Hofbäcker giebt, könnte ich in seinem Laden verkaufen; vielleicht würde das seine Kundschaft vergrößern!“

Dem Baron Und Oberkämmerer schauderte es. Er rieb sich die Stirn und rang seine wohlgepflegten Hände. Sie ließ ihn, mit lachenden Seitenblicken, in selbstgeschaffenen Leiden zappeln.

Endlich sagte er_ „Mir geht ein Licht auf; eine wahre Inspiration! Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin Wittwe hat die bisherigen Hofdamen der jungen Herzogin Luise abgetreten und sieht sich nach einem Gesellschaftsfräulein um. Wenn ich meinen Einfluß aufbiete, hoffe ich Dir die Préférence zu verschaffen!“

Luisen gefiel dieser Vorschlag. Der Ruf der Herzogin Anna Amalia, als einer muntern und geistvollen Dame, war nach Karlsruhe gedrungen, und die Verhältnisse des weimarischen Hofes waren in den dortigen Kreisen oft besprochen; ja, sie hatte die jungen Herrschaften, Karl August und Luise, schon im Herbste dort gesehen. Eine Stellung bei der Herzogin sagte ihr allerdings besser zu, als der Aufenthalt im Hause des ungastlichen Oheims.

„Sie denken, daß es möglich wäre, Onkel?“ fragte sie rasch.

„Ja, ja!“ versetzte er, sein Haupt schüttelnd, soweit die hohe Cravatte dies zuließ. „Wenn nur nicht – dieser Abschied – Deine Bêtisen! Davon darfst Du nicht sprechen. Der Herzogin werde ich sagen, ich habe Dich aus väterlicher Attention aus dem badenschen Dienstverhältnisse enlevirt; so giebt es für uns Beide mehr Lüstre.“

Das junge Mädchen lächelte fein. In diesem Augenblicke schlug es von der Stadtkirche neun Uhr, und gleich darauf trat Rohrmann mit dem Glase Wasser und der allabendlichen Rede: „Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!“ in das Zimmer.

Der kleine Oberkämmerer fuhr wie von einer Wespe gestochen empor; hatte er kurze Zeit seiner Nichte einige Theilnahme zugewandt, so war er jetzt wieder der alte pedantische Egoist.

„Gute Nacht! Gute Nacht!“ rief er forteilend seiner Nichte zu;


4.

Das Gastmahl im Hause des Kammerpräsidenten von Kalb nahm einen sehr befriedigenden Verlauf.

Mit dem Aufwande aller zu Gebote stehenden Mittel war im besten Zimmer die Tafel hergerichtet. Die Kammerpräsidentin hatte mit ihrer Schwiegertochter die nöthigen Küchenanweisungen gegeben und die Dienerschaft angeleitet, während Gustchen für eine gefällige Außenseite und den Schmuck des Ganzen sorgte. Jeder grüne Zweig, den der November noch im Garten gelassen hatte, fiel unter ihrer Scheere, ja sie entäußerte sich sogar einiger Blüthen ihres dunkelrothen Geraniums, um zierliche Sträuße für den Herzog und Goethe zu binden, und gab sich dabei der Hoffnung hin, einen, vielleicht beide Sträuße zu sich zurückkehren zu sehen.

Die gewünschten Gäste waren alle erschienen. Der Herzog hatte seinen Platz neben der Frau vom Hause und der jungen und reizenden Frau von Werthern, die, auf seinen Wunsch von Augusten eingeladen, mit Freuden gekommen war.

Emilie von Werthern, gewöhnlich Milli genannt, war mittelgroß und zart gebaut, ihr lebhaftes, blitzendes Auge, die dunkle, feingezeichnete Braue, die kleine gebogene Nase, der zarte, leidenschaftlich zuckende Mund, das rasch wechselnde Farben- und Mienenspiel machten ein höchst anziehendes Ganze. Man nannte sie kokett und tadelte ihr Suchen und Haschen nach jedem Vergnügen; doch ließ sich zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie mit einem viel älteren, rohen Manne verheirathet und kinderlos war. Ihrer ganzen Anlage nach eine echte Enthusiastin, schien sie zu Allem fähig, wenn ihr Gefühl angeregt wurde. Für und wider Partei nehmend, auflodernd, bebend und jubelnd, liebeselig sich, anschmiegend, war sie zugleich schwankend in ihren Neigungen, zaghaft und zusammensinkend wie ein verlöschendes Strohfeuer. Eine solche Frau übte eine große Anziehungskraft auf den jungen, lebhaften Herzog. Auch dem heutigen Mittage brach die Unterhaltung zwischen den Beiden selten ab.

Dem Herzoge gegenüber saß Goethe zwischen Gustchen Kalb und Wieland. Auguste hatte sich glänzende Erfolge von dem heutigen Mittage versprochen, es blieb aber bei einigen flüchtigen Artigkeiten von Goethe’s Seite, und sie war genöthigt, sich mit den ihr verehrten rothen Geranien zu begnügen oder ihrem andern Nachbar, dem Oberforstmeister von Wedel, ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Goethe’s Theilnahme wurde durch die Bekanntschaft mit Wieland in Anspruch genommen. Obgleich beide Männer im Alter, in der äußeren Erscheinung, im Denken und Leben durchaus verschieden waren, auch schon auf dem literarischen Kriegsfuß gestanden hatten – so fanden sie Beide bei diesem ersten persönlichen Zusammentreffen doch, so viele gleiche Interessen, daß sie sich eifrig mit einander beschäftigten.

Der Hofrath Wieland zählte damals zweiundvierzig Jahre, seine zarte Gestalt, das Saubere, Wohlgepflegte der ganzen Erscheinung hatte ihm den Beinamen „die zierliche Jungfrau“ erworben, ein Titel, auf den er einigen Werth legte. Seit drei Jahren von der Herzogin Mutter nach Weimar berufen, hatte er unter Aufsicht des Grafen Görtz die Erziehung Karl August’s geleitet. Er galt wegen seiner heiteren Milde, seiner freundlichen Herzensgüte und auch als achtbarer Vater einer zahlreichen Familie bei seinem Zöglinge und besonders bei der Herzogin Anna Amalie außerordentlich viel. Man schätzte ihn als Menschen und Dichter gleich hoch und hatte den gegen ihn gerichteten Angriff Goethe’s dem jüngeren Manne übel genommen.

Wieland gegenüber, an der andern Seite der Frau von Werthern, saß der junge Hildebrand von Einsiedel, im Pageninstitute zu Weimar erzogen, seit vier Wochen aber vom Herzoge zum Hofrath ernannt. Welch ein feines, träumerisches Gesicht! welch ein Ausdruck poetischer Versunkenheit in den tiefen, dunklen Augen! Welch zierlich anmuthige Gestalt mit nachlässiger Haltung! Zerstreut spielten seine Finger mit einigen Brodkrumen oder bogen die herabhängenden Enden seiner weißen, spitzenbesetzten Cravatte in kleine Falten. Seine künstlerische Begabung war nicht unbedeutend; er liebte leidenschaftlich die Musik, spielte Violoncell mit Meisterschaft, componirte und sang, auch versuchte er sich in der Poesie, fertigte Gelegenheitsgedichte und dramatische Sachen. Die Bekanntschaft mit dem vielbesprochenen Goethe interessirte ihn, und er folgte mit großer Aufmerksamkeit der Unterhaltung ihm gegenüber.

Neben Einsiedel auf der andern Seite saß der Pagenhofmeister Musäus, jetzt Professor am Gymnasium. Ein vierzigjähriger, heiterer, harmloser Mann, aller Uebertreibung und Gefühlsschwelgerei abgeneigt; er hatte Mancherlei geschrieben und beschäftigte sich jetzt damit, die Volksmärchen der Deutschen zu sammeln und auf seine Art zu überarbeiten. Lebhaft betheiligte er sich an den literarischen Streitfragen und polemisirte eifrig gegen Lavater, dessen Lehren damals die Gemüther beherrschten und auch in Weimar enthusiastische Anhänger fanden.

[394] Endlich wurde das Mahl aufgehoben Und darauf die Unterhaltung in Gruppen vertraulich weiter geführt.

Der Herzog sprach noch, an einem Fenster stehend, mit Frau von Werthern, als Wieland mit gerötheten Wangen und begeistert blitzenden Augen uu ihnen herantrat.

„Welch ein Mensch!“ rief er lebhaft. „O mein theurer gnädiger Herr! Was soll ich Ihnen sagen? Wie ganz dieser Wolfgang beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn bin, seit ich mit diesem herrlichen Jünglinge geredet habe! Ja, meine Seele ist seit dem heutigen Mittage so voll von Goethe, wie ein Thautropfen von der Morgensonne!“

Karl August lächelte vergnügt.

„So ist es recht, mein alter Mentor,“ entgegnete er. „Liebt Euch, vertragt Euch und laßt mich mit in Eurer Liebe froh sein!“

Goethe trat in den Garten hinaus; es wurde ihm – umringt von dem jubelnden, aufgeregten Kreise, als dessen Mittelpunkt er sich fühlen mußte – zu eng und warm im Saal.

Gustchen Kalb huschte mit einem Gluthblick an ihm vorüber. Draußen schien es den beiden Erhitzten milder geworden zu sein.

Einladend lag der Garten da, beglänzt von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne. Das Bosquet war durchsichtige kahl; rothe und gelbe Blätter flatterten an den Zweigen oder tanzten im Luftzuge auf dem Rasen.

Goethe fühlte, daß er seine hübsche Nachbarin während des Mittagsessens vernachlässigt habe, und deshalb folgte er ihr rasch.

Nach wenigen Schritten hatte er sie eingeholt und fragte jetzt geschickt das Blatt wendend: warum sie ihn fliehe?

Das junge Mädchen entgegnete schmollend: „O, um Ihnen nicht lästig zu werden!“

Sie sah recht frisch und anziehend aus in diesem Augenblicke, mit dem verdrießlich schelmischen Zug um den vollen Mund und dem unter gesenkten Wimpern hervorblitzenden Auge.

Goethe lachte und antwortete: „Soll man Ihnen glauben, daß Sie sich dieses zutrauen? Ich will Ihnen zum Trost sagen, daß dem nicht so ist. Sie sind reizend, Gustchen, und wenn Sie sich mir entziehen, so laufe ich Ihnen nach durch die halbe Welt und hole Sie ein.“

„Versuchen Sie’s!“ rief sie neckisch und flog durch die blätterbestreuten, raschelnden Gartenwege. Er folgte ihr, und obgleich sie nicht schnell und gewandt lief, so dauerte es doch einige Minuten – vielleicht wollte er es so – bis er sie einholte.

In einem kleinen Tannendickicht fing er sie, hielt sie mit beiden Armen fest, und versicherte, er werde sie nicht eher loslassen, als bis sie zur Strafe für ihren Zweifel und den Gedanken an die Möglichkeit, ihm lästig zu werden, sich mit einem Kuß ausgelöst habe.

Gustchen wand und wehrte sich freilich, aber ein Blick in seine Augen machte sie gefügig, und sie erwiderte den Kuß des schönen Jünglings mit warmer Hingabe. Dann begann sie auf’s Neue zu fliehen, und wer weiß wie oft sich das lohnende Spiel mit Haschen und Pfandgeben noch wiederholt hätte, wäre nicht plötzlich Christel Laßberg am Fenster des Nachbarhauses erschienen. Auguste war einen Augenblick erschrocken, trat aber dann mit Goethe unter das Fenster der unerwünschtem Lauscherin; hinauf nickend und winkend rief sie, in einer Anwandlung gutmüthiger Rücksicht für die Freundin, Christel möge in den Garten kommen. Gustchen führte den Genossen durch die Stachelbeerhecke.

„Was soll ich mit andern Mädchen?“ rief er halb zürnend, „genug, wenn ich Sie habe, liebes Gustchen; das blasse Mondscheingesicht am Fenster gefiel mir nicht.“

„Wir machen ihr ein Vergnügen,“ versetzte sie ihres Vortheils wohlbewußt; „das arme Ding lebt da wie im Käfig und ist so träumerisch und harmlos, daß wir plaudern können, was wir wollen, wenn wir bei ihr sind.“

Am Brunnen vor der Gartenstube traf man sich. Auguste hatte die Freundin nicht falsch beschuldigt; Christel erschien wortkarger und in sich versunkener denn je. Sie saß theilnahmlos und uns niedergeschlagenen Augen auf einer Stufe zur Seite.

Die Blicke des erregten jungen Mannes kehrten unbefriedigt von dieser farblosen Knospe zu der strahlenden Blüthe an seiner Seite zurück. Nach wenigen Versuchen, Christel mit in die Unterhaltung zu ziehen – welche alle an ihrer scheuen Einsilbigkeit scheiterten – vergaß man ihrer Nähe und gab sich einem Geplauder hin, das durch den gewährten Kuß an Wärme und Ungezwungenheit gewann und beide Theile gleich gut unterhielt.

Endlich, als es bereits anfing zu dämmern, hörte man im Nachbargarten verschiedene Stimmen, dann den Herzog laut nach Goethe rufen, worauf das junge Paar zur Gesellschaft zurück eilte.

[405]
5.

„Kind, liebe Milli, ich will Dich nicht kränken,“ sagte eine würdige, alte Dame, welche in der Ecke ihres kleinen Sophas saß. Und sanft die thränenfeuchten Wangen der vor ihr knieenden Frau von Werthern streichelnd, fuhr sie fort: „Ich weiß, daß sich viel zu Deiner Entschuldigung anführen läßt, und habe mich deswegen nie in Eure häuslichen Verhältnisse gemischt. Ja ich weiß, liebes Milchen, daß die Sitten immer lockerer werden, daß es wenige junge Frauen in Weimar giebt, welche nicht ihre ‚Geschichte‘ haben. Sie wollen ihren süßen Liebesrausch mehrmals genießen. Es giebt so viele böse Beispiele um Dich her, Du bist lebhaft, jung und hübsch“ – ein schwerer Seufzer entrang sich hier der alten Dame – „mein Sohn ist vielleicht nicht immer gegen Dich, wie er sein sollte: sieh Emilie, deshalb, aus allen diesen Gründen, welche mein armes Mutterherz beängstigen, nur deshalb rede ich jetzt so mit Dir.“

Das gekränkte junge Weib war wie geknickt mit gefalteten, vor die Augen gepreßten Händen auf das Kissen zu den Füßen der Mutter hingesunken.

Die alte Frau von Werthern hatte es bis jetzt schonend vermieden, mit ihrer Schwiegertochter deren eheliches Verhältniß zu besprechen. Sie fürchtete die festere Gestalt des Ausgesprochenen. Jetzt aber hielt sie eine Warnung für nothwendig, da man Emilien beschuldigte, sie trachte die junge Ehe ihres Fürsten zu stören, sie kokettire mit dem Herzoge, sie dränge sich in die Gesellschaft der Männer. Ihre Gegenwart bei dem Kalb’schen Herrendiner, ja, daß sie am Mittwoch Abend wieder zum Tanz dort gewesen und Karl August nicht von ihrer Seite gekommen sei, regten die alte Dame schmerzlich auf.

Es hatte immer ein inniges Verhältniß zwischen Emilien und ihrer Schwiegermutter bestanden; Alles wurde bisher zwischen ihnen besprochen, nie aber das Nächste, der Sohn und Gatte. Ob Frau von Werthern diesen Sohn liebte? Er stammte aus der ersten Ehe ihres Mannes und war von zu roher Art, als daß eine edle Frau an ihm hätte Gefallen finden können. Die Rücksichten, welche er auf seine Stiefmutter nahm, waren durch Eigennutz bedingt; das Vermögen seines Vaters reichte nicht aus, seine kostspieligen Neigungen zu befriedigen. Die Mutter war sehr wohlhabend, freigebig dazu, kein Wunder, daß er jetzt auf ihre Zuschüsse, später auf die reiche Erbschaft speculirte.

Nach dem Ausbruch verletzter Gefühle von Seiten der jungen Frau ließ die Matrone ruhig eine Zeit der Sammlung verstreichen; sie hatte besänftigend ihre Hand auf die dunklen Locken der vor ihr Knieenden gelegt und blickte mit unendlichem Mitleid auf sie herab.

Als Emilie das schmerzerfüllte Auge zur Mutter empor schlug, hätschelte diese sie wie ein Kind und sagte:

„Ich weiß ja, mein Milchen, daß er nicht gut mit Dir ist; ich weiß, daß er Schuld hat; aber wenn er auch fehlte, so möchte ich doch meinen Liebling davor bewahren.“

„Gute, gute Mutter!“ stammelte die junge Frau, sich an sie schmiegend.

„Laß uns ohne Heftigkeit die Verhältnisse besprechen,“ fuhr die alte Dame milde fort. „Ich sagte Dir schon, daß ich nichts von den groben Beschuldigungen glaube, die von Uebelwollenden ersonnen werden. Aber die Pflichten einer jungen Frau reichen weit und sind fein gesponnen; sie gleichen einem zarten, luftigen Schleier, in den ihr ganzes Wesen sich hüllen soll; entsteht nur ein kleiner Riß in dem kostbaren Gewebe, so zerrt die plumpe Hand der Menschen daran, und ohne daß die Trägerin es will oder weiß, ist ein Stückchen nach dem andern von dem feinen Stoff zerfetzt. Sie steht zuletzt da, bloß und schutzlos allen Angriffen ausgesetzt. Daher hülle Dich vorsichtig ein, mein Herzenskind, laß keine Seele ahnen, wie wenig Dein Gatte und Dein einsames Haus Dich befriedigen, und halte Deinen guten Namen unantastbar rein!“

„Und mein Glück, mein Lebensglück!“ jammerte das junge Weib leise.

Die Matrone hatte nur an das Sollen, nicht an das Wollen und Begehren eines glühenden jungen Herzens gedacht.

„Die Pflichterfüllung wird Dich glücklich machen!“ sprach sie zum ersten Male in einem strengeren Tone.

Emilie richtete sich auf. „O, mein Leben ist jammervoll öde!“ klagte sie. „Mutter, ich wollte, ich wäre todt!“

In der vorigen Weise fuhr die Greisin fort: „Du weißt, wie ich Dich liebe! Mein Herz hängt nur an Dir, aber ich möchte Dich zehnmal lieber im Sarge sehen, als Dich wirklich einer Pflichtverletzung schuldig wissen; das würde mich elend machen und schmerzbeladen in die Grube stürzen.“

Emilie schauderte. „Nie, nie will ich Ihnen den Kummer bereiten!“ rief sie leidenschaftlich. „Ich schwöre es bei meiner ewigen Seligkeit! Nie sollen Sie sich meiner schämen; eher sterben als das!“

[406] Eine lebhafte Umarmung folgte.

„Wohlan, mein Kind,“ sagte endlich die Mutter, „so will ich Alles versuchen, um auf meinen Sohn zu Deinen Gunsten zu wirken. Er soll in Dir meine alleinige Erbin respectiren und, was er von mir wünscht, nur durch Dich, erlangen, vielleicht wird das ihn zügeln.“

Nach und nach bewegte sich die Unterhaltung der beiden Frauen in ruhigeren Bahnen.

Die alte Dame ließ sich von Haus und Garten und einer neuen Einrichtung erzählen, welche vom Rittmeister getroffen war.

Er hatte Geld gebraucht und gefunden, daß in dem der Mama gehörigen und von ihr für das junge Paar hergerichteten Hause einige Zimmer entbehrlich wären. Die junge Frau hatte sich beschränken müssen, und ein Miether war in der Person des Bergraths Moritz von Einsiedel eingezogen.

Der neue Hausgenosse – Bruder des jungen Hofraths Hildebrand von Einsiedel – war ein Mann von sechsundzwanzjg Jahren, ruhig, verschlossen, solid in jeder Hinsicht. Seine Anstellung im Bergfache hielt ihn oft Monate lang von Weimar entfernt; der Rittmeister nannte ihn seinen Philister, oder auch gar seine Schlafmütze. Einsiedel ließ sich durch keine Neckerei stören; er lächelte melancholisch und schwieg. Eifrig mit chemischen und mineralogischen Studien beschäftigt, zeigte er sich selten in Gesellschaften, tanzte gar nicht und bekümmerte sich um das schöne Geschlecht, sehr wenig.

„War der Bergrath nicht bei Kalbs?“ fragte die Matrone. „Es ist sonderbar, daß man immer den jüngeren Bruder vorzieht.“

„Hildebrand ist einmal gut angeschrieben beim Herzoge. Ich glaube, Moritz ist ihm zu verständig, zu brav.“

„Man sagt, er sei steif und langweilig in Gesellschaften?“

„Er ist kein Geck, aber er hat mehr Geist in seinem Auge, als ein Dutzend anderer Männer zusammen.“

„Es ist schade, daß ich ihn so wenig kenne; da er bei Euch wohnt, interessire ich mich für ihn.“

„O, er verdient Ihr Interesse, theure Mama!“

„Ist er artig gegen Dich?“

„Nein, er beachtet mich gar nicht, er ist immer beschäftigt; wir wechseln selten ein Wort.“

Die alte Dame fühlte sich von dieser Seite nicht beunruhigt. „Eine kleine Verehrung aus der Ferne von ihr,“ dachte sie. „Er ist zu beschäftigt, zu hypochondrisch, um einer jungen Frau gefährlich zu werden. Wenn ich nur über den Herzog ruhig sein kann, ist alles Andere nebensächlich.“ Ruhiger trennten sich die beiden Frauen.

Am Nachmittage klirrten schwere Schritte im Vorzimmer der alten Frau von Werthern, sie kannte dieselben genau und erhob sich ein wenig, um den eintretenden Sohn zu begrüßen.

Der Rittmeister von Werthern war groß, breitschultrig und etwa vierzig Jahre alt. Seine rothen und aufgedunsenen Züge, die unstäten Augen, das plumpe, derbe Auftreten sprachen von zügellosem Leben. Er schüttelte die Hand der alten Dame so heftig, daß ihr Mund sich schmerzlich verzog, und fragte dabei, wie sich seine verehrte Mutter befinde?

„Gut, mein Sohn,“ entgegnete sie. Ich freue mich, Dich wieder zu sehen; habe die Güte, Dich zu mir zu setzen, und erzähle mir von Deiner Reise und wann Du zurück gekommen bist.“

Der Rittmeister warf sich auf einen Stuhl und stieß den Mops, der sich an ihn schmiegte, mit seinen gewaltigen Sporen plump zur Seite, daß er heulend entfloh. Dann sprach er, sog sam seinen schwarzen Bart streichend:

„Diesen Morgen in einem Trabe von Rudolstadt; habe dann gegessen, und da bin ich. Möchte ’ne Geschäftssache mit Ihnen abreden, ist ein wenig eilig. Machte nur deshalb den scharfen Ritt und riskirte den Hector – denn, um kurz zu sein, Sie werden von einem Soldaten keine lange Vorrede erwarten, Frau Mutter – ich bedarf eines Darlehns von Ihnen, um einen ausgezeichneten Handel abzuschließen. Es steht da eine Fuchsstute in Rudolstadt, in die ich keineswegs verliebt bin. Ein kapitales Thier, ganz Pferd, knochig genug für einen Reiter wie ich, aber dabei elegant; süperbe Nachhand, ein Schweifträger erster Qualität, hoch von Hals und Widerrist, Sattellage und Nieren comme il faut, gute Zäumung, ganz rein und trocken von Knochen, sechs Jahre alt; der Preis ist mäßig, und ich könnte es mir nie vergeben, wenn ich diese Gelegenheit, ein brillantes Geschäft zu machen, ungenutzt vorübergehen ließe. Stein reflectirt für des Herzogs Stall auf den Gaul, doch hat er erst einen Boten herüber geschickt; währenddem habe ich den Fuchs vorläufig bis morgen früh für mich angebunden. Ich weiß, bei Ihnen werden gewiß zwanzig Louisd’or flott zu machen sein; sobald ich das Geld habe, sitze ich wieder auf.“

Die alte Dame hatte still und unbeweglich zugehört; sie fütterte ihren Mops mit etwas Zuckerbrod und wiegte jetzt nachdenklich den Kopf.

„Die Geldgeschäfte werden mir mehr und mehr lästig,“ sagte sie ruhig, „da habe ich denn an diesem Morgen mit Emilien ausgemacht, daß sie meine Casse führen, nachsehen, größere Ausgaben bestimmen, kurz, mein Finanzminister sein soll. Ich kann nicht gleich, da es kaum getroffen, gegen unser Abkommen handeln; es wird also ganz auf Deine Frau ankommen, ob wir die erwünschte Gefälligkeit für Dich haben können.“

Der Rittmeister starrte sie an; seine Stirnader schwoll und heftig rief er: „Das ist ein Weibercomplot gegen mich! Was soll das bedeuten? Emilie, diese kleine Putznärrin bei dem Gelde! Wollen Sie lauter Unterröcke dafür kaufen?“

„Ebenso gern wie Pferde,“ sagte die Matrone gelassen.

Werthern sprang auf. Stampfend und klirrend lief er im Zimmer umher. Dann blieb er vor der Mutter stehen und fragte, sich gewaltsam beherrschend:

„Dahinter steckt etwas. Sagen Sie’s kurz, woran ich bin. Wollen Sie mich zu irgend etwas zwingen? Oder wollen Sie mich nur demüthigen und beleidigen?“

„Du hast richtig errathen, daß ich etwas Besonderes bezwecke,“ erwiderte sie. „Ich kenne Deine Bedürfnisse, kenne Deine Schätzung des Geldes und hoffe Deiner Frau zu neuem Ansehen bei Dir zu verhelfen. Du wirst mir zu gleichgültig gegen Milli; Du kümmerst Dich gar nicht mehr um sie; meine Bitten haben Dich nicht zu ihr zurückgeführt, vielleicht thut es mein Geld. Du siehst, ich spiele mit offnen Karten und hoffe mein Spiel zu gewinnen.“

„Hat sie zu klagen gewagt, diese Thörin?“

„Man braucht mir Eure Verhältnisse weder zu erzählen noch zu klagen; ich kenne sie, die ganze Stadt kennt sie. Alle Welt sieht, daß jedes von Euch seinen eignen Weg einschlägt, und das ist keine Ehe, wie sie sein soll.“

„Was geht’s die Welt an, ob wir mit einander auskommen? Ich will Freiheit! Emilie scheint sich gut zu amüsiren; mir kann eine zimperliche Frau, welche sich an mich hängt und mir vorlamentirt, nichts helfen; lassen wir sie also!“

„Denkst Du nie an Deine Pflicht, diesem jungen, schönen, Dir anvertrauten Geschöpfe gegenüber?“

Der Rittmeister zuckte die Achseln. „Frau Mutter, ich bin eilig!“ rief er, „die Moral ein anderes Mal! Verlangen Sie, daß ich meine Frau auf offenem Markte küsse, oder was soll es sein? Handeln wir!“

„Gut,“ antwortete die alte Frau mit schmerzlichen: „Ernst, ich sehe, daß ich heute den rechten Weg eingeschlagen habe, mit Dir zu verkehren. Die zwanzig Louisd’or sind zu Deiner Verfügung, wenn Du mir Dein Wort giebst, während der nächsten zwei Monate Deine Frau in jede Gesellschaft zu begleiten, in welche sie zu gehen wünscht – also während dieser Zeit Dich nie über einen Tag von ihr zu entfernen.“

„Sträflich langweilig! Aber wenn es nicht anders sein kann und mir damit das Geld geschenkt ist, so bin ich im Stande, der süperben Fuchsstute das Opfer zu bringen.“

Die Mutter stand auf und ging, an ihren glänzend ausgelegten Nußbaumschrank; nachdem sie ein paar Reihen ausgeschrieben und das Geld abgezählt hatte, legte sie den sonderbaren Contract ihrem Sohne vor; dieser Unterzeichnete ernsthaft und mit langen, schwerfälligen Buchstaben seinen Namen und strich das Geld vergnügt ein.

Spöttisch auflachend rief er: „Sie wird mich nicht von ihrer Kontusche los! Die ganze Stadt soll Wunder schreien über einen so verwandelten Ehemann!“

Sein Dank war kurz und gleichgültig; er hatte sich ja das Geld verdienen müssen.

Möglichst rasch empfahl er sich und polterte mit Säbel und Sporen klirrend zum Hause hinaus.

Die alte Dame sah ihm tief betrübt nach.


[407]
6.

Den nächsten Tag brachte Goethe größtentheils bei dem Herzoge im Fürstenhause zu; es drängte ihn, der Herzogin Luise seine Aufwartung zu machen, deren Bild ihm im Glanze idealer Reinheit und edelster Weiblichkeit vorschwebte.

In einem hübsch ausgestatteten Salon des ersten Stocks im Fürstenhause saß um die Mittagsstunde Luise von Hessen-Darmstadt mit ihren beiden Hofdamen Henriette von Wöllwarth und Adelaide von Waldner. Die Herzogin war eine schlanke, fast magere Gestalt und achtzehn Jahre alt; ihr ernstes blaues Auge, ihre matte Gesichtsfarbe, die stille Gleichmäßigkeit ihrer Züge und ihres Benehmens gaben ihr etwas knospenhaft Unentwickeltes. Sie trug nach dem Zeitgeschmacke ein weißes Battistkleid, einen goldenen Gürtel, lange Filethandschuhe ohne Finger und ein umgestecktes Spitzentuch, ihr hellbraunes Haar war mit einem goldenen Kamme aufgenommen.

Die blühende, lachende Adelaide von Waldner sah neben der Fürstin wie eine Rose neben einer Lilie aus. Henriette von Wöllwarth dagegen, die, mit einem Papagei tändelnd, am Fenster stand, wäre schwer mit einer Blume zu vergleichen gewesen; sie hatte etwas durchaus Reales in ihrer stattlich schönen Gestalt und dem gescheidten, kräftig geformten Gesichte; der Blick, welchen sie jetzt auf die beiden Jüngeren richtete, schien zu sagen: „Arme Kinder, Ihr langweilt Euch entsetzlich, wenn man Euch nur helfen könnte!“

In diesem Augenblicke meldete der Lakai:

„Seine Durchlaucht der Herr Herzog und Doctor Goethe!“

Luise winkte erröthend, und die beiden jungen Männer traten rasch ein. Der Herzog eilte auf seine Frau zu, küßte mit einer gewissen linkischen Befangenheit ihre Hand, und rief strahlenden Auges, den Freund überblickend: „Da hast Du unsern Gast, Luise!“

Die Herzogin verneigte sich, ein „Willkommen“ flüsternd, der Herzog stellte Goethe den Hofdamen vor, und die kleine Versammlung setzte sich.

Die vielleicht nicht ganz geschlossene Thür aufstoßend fuhr jetzt plötzlich ein großer, langhaariger Hühnerhund in’s Zimmer und auf seinen Herrn, den Herzog, zu. Adelaide kreischte leise und faßte ihr Kleid zusammen, an dem der Hund vorbei rannte; die Herzogin blickte erschrocken und mißbilligend; Goethe stand auf, um das Thier hinaus zu lassen; der Herzog aber rief:

„Laß doch die Diana hier! Kusch Dich Alte, hier zu mir!“

Der Hund, sich umsehend, legte aber freundlich seines großen Kopf auf den Schooß der jungen Herzogin, worauf diese mit allen Zeichen des Widerwillens den Hund von sich abwehrte.

Karl August rief ihn jetzt streng zu sich, das Thier gehorchte, der Friede schien hergestellt, aber eine gewisse Mißstimmung war durch dies Vorspiel in den kleinen Kreis gedrungen.

Luise besann sich so weit, Goethe nach seiner Reise zu fragen, und dieser berichtete, wie er in Begleitung des Kammerjunkers von Kalb recht angenehm gefahren sei. Der Herzog sagte inzwischen halblaut zu Adelaide von Waldner: ob sie die Einladung zu Kalbs, zum Abendtänzchen, angenommen habe? was die Kleine, rosig erglühend, mit strahlenden Augen bejahte. Henriette von Wöllwarth hatte für diesen Abend den Dienst bei der Herzogin, und man sah es ihr an, daß sie ungern dem lockenden Tanzvergnügen entsagte.

Luise schien das leise Hin und Her, das Geplauder der Drei nicht zu bemerken; es entspann sich zwischen ihr und Goethe ein Gespräch, aus dem heimische Erinnerungen heraus klangen, die freundliche Bande zwischen den beiden Süddeutschen knüpften. Endlich fragte sie, ob er heute bei Tafel sein werde? und schien angenehm von seinem Ja berührt.

Als die Herren wieder in des Herzogs Zimmer allein waren, konnte Goethe sich nicht enthalten, seinen Gefühlen der Verehrung für die Herzogin Worte zu leihen.

Er Nannte ihr Wesen, von Anmuth und Würde getragen, ganz fürstlich und meinte, es werde einem neben ihr wie in der Kirche.

„Du hast Recht,“ sagte Karl August seufzend, „eine dumpfe, kühle Atmosphäre umgiebt sie, in der einem fröstelt!“


Der andere Gast in den Mauern Weimars, Luise von Göchhausen, hatte inzwischen das heißerwünschte Ziel in nicht allzulanger Zeit erreicht. Der Herr Oberkämmerer Baron von Göchhausen hatte seinen wichtigen Leibes- und Amtssorgen eine Stunde abgewonnen, um der Herzogin-Wittwe Amalie seine Aufwartung zu machen und ihr das junge Fräulein vorzustellen. Er wurde mit seiner Nichte gnädig empfangen, und die hohe Frau hörte sein Lob des Mädchens, die gefühlvoll vorgebrachten Versicherungen seiner „Tendresse“ für das einzige Kind des verstorbenen Bruders mit Theilnahme an.

Auf seine Bitte, die junge Dame als Gesellschaftsfräulein anstellen zu wollen, antwortete die hohe Frau mit dem Wunsche, das junge Mädchen öfter und allein zu sehen – ein sehr natürliches Begehren, da Luise bei diesem ersten Besuch fast nur durch ihr beredtes Mienenspiel sprechen konnte.

Man kam überein, daß Fräulein von Göchhausen am Donnerstag Nachmittag allein zur Herzogin kommen solle. Dieselbe hatte sehr wohl das helle Licht in den lebhaften Augen, die kaum verhaltene Heiterkeit um den Mund bemerkt und war einigermaßen gespannt, zu erfahren, was hinter den wenig harmonischen Zügen, diesem halb drolligen, halb ernsten Ausdruck versteckt liegen möge. So wartete sie mit Ungeduld auf den Tag, der ihr vielleicht eine passende Gefährtin bringen sollte. –

Der Donnerstag Nachmittag kam, die Herzogin saß in ihrem Wohnzimmer an der Staffelei; sie führte nicht ohne Geschick den Pinsel und beschäftigte sich gern mit der Kunst.

Anna Amalie, erst sechsunddreißig Jahre alt, war noch immer eine schöne Frau. Ihr lebhaft sprechendes Gesicht mit den großen dunklen Augen zeigte noch viel jugendliche Frische, und der Puder deckte kaum das glänzende Braun ihres reichen Haars, dessen zahllose Löckchen von einem goldenen Reif zusammen gehalten wurden.

Nachdem sie eine Weile eifrig gemalt hatte, hielt sie inne; der zu erwartende Besuch beschäftigte ihre Gedanken und zog sie von der Arbeit ab. Sie hatte einen Brief der Markgräfin von Baden erhalten, welche Luise warm empfahl, aber zugleich andeutete, daß sie „ensilirter“ Possen halber Karlsruhe habe verlassen müssen.

Endlich wurde das Fräulein von Göchhausen angemeldet.

Anna Amalie begrüßte die Eintretende gütig, sie beschloß jedoch die Wahrheitsliebe der ihr so warm Empfohlenen auf die Probe zu stellen und fragte zuerst: ob sie sich wohl bei ihrem Oheim fühle?

Mit einem Lächeln verhaltener Spottlust entgegnete Luise daß man alten Leuten Absonderlichkeiten zu gut halten und für jegliche Art von Gastfreundschaft dankbar sein müsse.

„Haben Sie die Markgräfin ungern verlassen?“

„O, außerordentlich ungern! Die Frau Markgräfin war stets die Huld selbst gegen mich. Hätte es nicht sein müssen, nimmer würde ich ihren Dienst ausgegeben haben.“

„Aber Sie folgten den Wünschen Ihres Oheims? Man muß das an Ihnen loben!“

„Eure Durchlaucht dürfen sich nicht in mir täuschen, so schwer es mir wird, den Oheim Lügen zu strafen; ich war gezwungen, Karlsruhe zu verlassen.“

„Wie das? Erzählen Sie, ich bin begierig, mehr zu hören. Was ließen Sie sich zu Schulden kommen?“ .

Luise berichtete nun des Näheren, wie sie in Karlsruhe, von den Zudringlichkeiten eines alten Prinzen und Verwandten der Herrschaften verfolgt, sich habe hinreißen lassen, demselben unter Beihülfe ihrer treuen Kammerfrau – der Schulzin – Possen zu spielen, und wie ihre Entlassung eine der Lage angemessene Nothwendigkeit gewesen sei.

„Als die Zeit meines Scheidens herankam,“ schloß sie ihren Bericht, „nahm ich bewegten Abschied von den hochverehrten Herrschaften und fuhr mit meiner Getreuen den schönen Rheinstrom hinunter. Ich machte einen Strich durch alle Weinerlichkeit, die ebenso wenig für mich, paßt wie ein verliebtes Abenteuer, und gewann die Ueberzeugung, daß die Welt allerorten schön ist, und in dieser Ueberzeugung empfehle ich mich der Gewogenheit Eurer Durchlaucht.“

Mit diesem offenen Geständniß hatte der ehrliche kecke Geist des Mädchens gesiegt: das Vertrauen der Herzogin war gewonnen.


[408]
7.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Am 7. November 1775 Abends. Um mich ist Alles still, aber in mir wogt es; die Gedanken drängen und pochen und möchten hinaus; ich sehne mich, an das Herz einer Mutter zu flüchten, der ich mein ganzes, volles Vertrauen geben könnte. Aber ich habe Niemanden so nah, so lieb, und die Gedanken müssen doch fort von meinem Herzen, das sie erdrücken. So will ich versuchen zu schreiben, was mich bewegt; Werther schrieb ja auch!

Da steht es, ich sehe es an; – ist denn eine Aehnlichkeit zwischen Werther und mir? Ich bin ein thörichtes Kind; mein Vater sagte mir es heute, als ich nach jenem Besuche nicht von der Brunnenstufe weichen wollte. – Welche Stunden süßer Träumerei! Ich hatte keinen größeren Wunsch als: Wolfgang Goethe kennen zu lernen! – O, wie mein Herz schlug, als die Hoffnung lebendige Gewißheit wurde! – Um Mittag liehen Kalbs von Tante Barbara silberne Löffel, und wir hörten, daß sie eine Gasterei hätten, daß sogar der Herzog bei ihnen esse. Vater wurde ärgerlich und sagte: wenn sie nicht einmal ausreichend Löffel besäßen, wäre es Unsinn und Uebermuth, einen Fürsten zu Tisch zu bitten. Ich schaute in Kalbs Garten; da kam plötzlich Gustchen in großem Putz gelaufen, und ihr folgte ein Mann. Das war „Er“, ich wußte es gleich! Er trug sich wie Werther; frei wallendes Haar und schlanke Glieder; war es Werther? Nein! Eher ein Götz, so männlich und stark, ein Götz im Wertherkleide; oder lieber ein König in geringer Tracht, den man meint schon mit Krone und Scepter im Goldmantel auf dem Thron gesehen zu haben. Gustchen hatte den Muth, ihn zu necken, mit ihm zu schäkern, fort zu laufen; es ist häßlich, wenn Gustchen läuft, und er beeilte sich vielleicht deshalb, sie einzuholen. Bald waren sie nahe unter meinem Fenster, bald hier, bald dort, zwischen den Bäumen mit goldnen und rothen Blättern. Sie kamen zu mir in die Laube, und da präsentirte Gustchen ihn mir mit vielen komischen, förmlichen Reden; er lachte dazu; aber als sie ihn pries und ihm viele hochtönende Titel gab, unterbrach er sie und sagte: „Welch’ üble Meinung geben Sie dem Fräulein von meiner Eigenliebe, wenn Sie ihr einreden, ich lasse mir all den Ruhm gefallen!“ – Dann wandte er sich zu mir und bat sehr artig um Vergebung, daß sie in unsern Garten eingedrungen wären.

Von Dem, was er sprach, weiß ich nicht viel mehr; ich fühlte seinen Flammenblick bis in mein verwirrtes, bebendes Herz hinein. Ich saß ihm fast zu Füßen und hätte ewig so sitzen mögen. Dann und wann, wenn er mit Auguste sprach, wagte ich es, ihn anzusehen; o, wie brannte sein Bild sich in meine Seele! Plötzlich ertönte aus Kalbs Garten ein Ruf. „Das ist der Herzog!“ sagte er und stand auf; sie grüßten mich, ich war schwindelnd wie im Traume, hätte ihn halten mögen und konnte weder ein Glied noch die Lippen bewegen; Gustchen schüttelte und küßte mich, „Kind, schlafe nicht ein!“ rief sie und sprang fort, dem Herrlichen nach. Ich aber saß da, bis Vater kam und mich ein thörichtes Ding nannte, weil ich am kalten Novemberabend am plätschernden Brunnen saß.

Am 8. November. Auch heute habe ich ihn gesehen; wieder war er mit Gustchen am Nachmittage im Garten; sie sang ein Lied und lachte dann überlaut; wie häßlich das klang! Ich nähte an meinem Kleide zum Balle und dachte, ob es möglich wäre, daß ich schön sei? Die Frage verfolgte mich peinlich; ich mußte mir Auskunft suchen. Als Barbara, wie es ihre Gewohnheit ist, mich auskleidete, fragte ich sie:

„Sage aufrichtig, Tante Barbara, bin ich schön oder häßlich?“

Sie blickte mich erstaunt an, nahm meinen Kopf in ihre lieben alten Hände, küßte mich auf Stirn und Mund und flüsterte:

„Schön wie ein Engel, mein Herzenskind!“

Ein Schauer der Freude überlief mich. – Schön wie ein Engel! – Warum soll ich mich nicht darüber freuen? Wird „Er“ mich häßlich finden? – Still, still! Der Ball kommt, und dann will ich versuchen, mit ihm zu plaudern wie Gustchen; nein! so wie sie kann ich nie sein!

Am 10. November Morgens. Heute ist der Tag! Heute! Ich kann nichts weiter sagen.

Mittags. Der Friseur ist eben dagewesen, mein Kopf ist fertig; aber wie schwer er ist, wie er schwankt! Der Puder stäubt umher, sowie ich mich bewege; ich müsse mich ruhig halten, sagte der Mann, sonst verderbe ich alles. Wie bleich ich aussehe! Tante wollte mir Schminke auflegen, aber ich litt es nicht; das Schminken ist eine Lüge, und damit gehe ich nicht vor sein Auge. Gustchen war derselben Meinung; sie freilich ist roth genug!

Nachts. Da bin ich wieder! Gottlob! Es ist vorbei! Für immer! Ich gehöre nicht unter die Menschen, ich bin verloren, hülflos, allein, wie ein Tropfen im Meere. – O, die elende, unbehülfliche Scheu! Ich habe mich meines Daseins geschämt und mich gesehnt, weit, weit weg zu sein. Und dann wieder das Glück, ihn ungehindert aus verborgener Ecke zu sehen, zu bewundern! Wie er stürmt und fliegt im Tanze, wie fest er den Arm um die Tänzerin schlingt, wie sein Auge leuchtet und seine Brust sich hebt in der Lust des Lebens und der Freude; o, wer so mit ihm genießen könnte!

Die Herzoginnen redeten mich gütig an, aber ich wußte nichts zu entgegnen; er stand in der Nähe, und ich wagte nicht, das Auge aufzuschlagen. So ließen sie mich stehen, und ich ging mit Tante Barbara in einen Winkel. Ich sollte tanzen, aber mein Vater hat vergessen, mich es lehren zu lassen, so konnte ich es nicht. Gustchen lachte, und mein Vater brummte in den Bart, nur Barbara nahm sich meiner an.

Rasch gingen die Stunden vorüber; ich sah nur ihn, ich suchte ihn mir wieder und fand seine herrliche Gestalt bald unter der Menge. Es kam eine Lust des Schauens über mich, die mich ganz vergessen ließ, wo ich sei; wie ein Geist fühlte ich mich um ihn schweben, leicht, frei, ohne Bangigkeit. Da trat mein Vater mit gerunzelter Stirn auf mich zu, er war zornroth im Gesicht, und seine Augen funkelten; ich erschrak, denn ich wußte, was das bedeute.

„Mir scheint, Du bist hier überflüssig,“ stieß er hervor. „Man mag und will Dich nicht; der alte Laßberg braucht dergleichen nicht zweimal zu hören. Er geht, er geht mit Kind und Kegel, für immer; er hat ausgespielt, er ist weggeworfen!“

So redend zog er mich heftig durch den Saal dem Ausgange zu; Tante Barbara hielt sich mit gefalteten Händen neben mir; meine Kniee bebten vor Schreck, die Lichter tanzten vor meinen Augen, ich konnte nicht mehr, ich stand still und war zum Umsinken. Da stürmte und wirbelte ein lustiges Paar heran; ich fühlte einen Anstoß der Tänzer und lag plötzlich auf dem Boden. Meine Augen waren geschlossen, mein Körper war schlaff, aber ich konnte hören und begreifen, was um mich her vorging. Seine Stimme war es, die ich hörte, sein Arm war es, der mich hielt, ich fühlte, ich wußte das.

„Schade!“ sagte er. „Das arme Kind! Wie eine geknickte weiße Rose.“

Dann riß mein Vater mich an sich, der Tanzmeister rief: „fortfahren!“, die Musik begann kräftig auf’s Neue, und weiter rauschte das wilde Leben des Balles, aus dem ich verschwunden, für das ich verloren war. Mein Vater hatte mich hinausgetragen, er wartete keine Sänfte ab, sondern hieß mich mitgehen. Erschlug seinen Mantel um mich, legte den Arm um meine Schulter und führte mich so nach unserm Hause. Keines sprach, aber im Vater tobte der Zorn, das fühlte ich. Tante Barbara hat mich wie immer ausgekleidet; sie hat mich geküßt und zärtlich getröstet, dann ist sie fortgegangen, ich aber mußte mein belastetes Gemüth diesen Blättern anvertrauen.

Was wird es weiter geben? Daß ich nicht zur Herzogin komme, ist klar, ich fühle es selbst, daß ich nicht dazu passe; aber er, er! Werde ich ihn Wiedersehen? wo? wann? werde ich je den Muth finden, mit ihm zu sprechen? Ach, und ohne ihn wie öde, wie traurig ist das Leben! Ja er ist meine Sonne; alles Nacht, kalte schwarze Nacht ohne den Strahlenden, Herrlichen! Aber da dämmert schon der Tag; o, der graue, einsame Novembertag meines ganzen künftigen Lebens!

[425]
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Am 11. November Abends. Heute Morgen ist die ganze Hofgesellschaft auf dem Eise gewesen, ich sah die bunte lachende Schaar zurückkommen. Mir war, als seien sie Alle aus einer andern Welt. Er ging wieder neben Gustchen. Nachher kam diese und sagte mir, daß die Herzogin ein anderes Hoffräulein gewählt habe. Sie erzählte mir, daß ihr Bruder und Goethe Nachmittags zum Prinzen Constantin nach Tiefurt führen, und daß sie dann wichtige Dinge mit mir überlegen wolle.

Der Nachmittag kam und nie werde ich jene Stunde vergessen. Wir saßen, weil es trotz dem Froste sonnig war, wieder am Brunnen. Vater hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen; ich kenne das, wenn er einen schweren Groll zu überwinden hat, schließt er sich ein; Tante Barbara hielt noch ihren Mittagsschlaf. Gustchen war sehr zärtlich; sie ließ meine Hand nicht los und sagte mir, daß sie glücklich sei eine Freundin zu haben, der sie Alles anvertrauen könne.

„Wie findest Du ihn?“ begann sie dann.

Ich erröthete so sehr, daß mir die Thränen in die Augen traten und meine Hände bebten.

„Ah!“ sagte sie, „Du antwortest beredt genug; wie hübsch Du bist, wenn Du roth wirst und etwas Leben in Deine Mienen kommt; sähe er Dich so, dann würde er Dich nicht fade nennen. Also Du findest ihn entzückend?“

Gefoltert wandte ich mich ab.

„Er ist sehr schön!“ stotterte ich.

„Wer denn? Wir haben noch keinen Namen genannt,“ spottete sie jetzt. „Aber laß nur, alle Mädchen in Weimar sagen heute: Er! und wissen, wen sie meinen. Ja, Wolfgang Goethe hat es gestern allen angethan; Jung und Alt hat er bezaubert, der himmlische Mensch. Und nun höre wohl zu, kleine Maus, er ist mein, mein, wenn ich ihn will – was sagst Du dazu?“

Ich glaubte, ich stammelte einen förmlichen Glückwunsch und fühlte dabei, daß ich sehr blaß und schwindlig wurde.

Auguste fuhr fort: „Du gratulirst mir schon, so weit sind wir noch nicht, denn ich bin noch im Ueberlegen, wie ich’s nehmen soll.“

Ich fragte, warum sie denn noch schwanke, da sie ihn doch so liebenswürdig finde?

Gustchen lachte: „Du bist ein Kind, ein pures Kind,“ sagte sie. „Wenn eine Liebelei Ernst wird und man an eine Heirath denkt, so braucht man dazu einige kleine Nebendinge außer dem entzückenden Epouseur. Ich bin nicht einmal im Klaren über sein Vermögen; in den vier bis fünf Tagen unserer Bekanntschaft hat er nichts darüber geäußert. Dann soll sein Großvater ein Schneider gewesen sein, und eine solche Verwandtschaft darf ich meiner Familie nicht bieten. Da er nicht von Adel ist, würde ich mein Recht auf die Hofgesellschaften verlieren. Die Gunst, in der er beim Herzoge steht, läßt sich verwerthen, aber darauf ist nicht zu rechnen. Fürstengunst kommt heute und geht morgen.“

Ich hatte stumm ihren Ueberlegungen, die mich eisig durchkälteten, gelauscht; endlich fragte ich: „Aber hat er denn schon ernstlich um Dich geworben?“

„Mit Hand und Mund hat er geworben, mein Zuckerpüppchen!“ lachte sie, „wenn auch nicht mit dürren Worten und Heirathsplänen. Aber ich darf es auch, will ich ihn abweisen, nicht dahin kommen lassen, denn wenn er uns zürnt, kann das meiner Familie Nachtheile bringen. Ich muß also jetzt meinen Entschluß fassen und klug sein.“

„Solche Sachen verstehe ich nicht,“ sagte ich kurz. „Ich kann Dir keinen Rath geben.“

Aber sie wollte auch keinen Rath; sie erzählte mir, was er ihr gesagt, es war viel Artiges – aber ich fand nicht die Herzenswärme darin, welche seine Augen ausstrahlten, nicht die Gluth und Leidenschaft seines Werther’s. Ich sprach es Augusten aus, sie aber spottete, meine eigenen Worte wiederholend: „Solche Sachen verstehst Du nicht! Ich kann es nicht leugnen, daß ich sehr in ihn verliebt bin,“ fuhr sie fort. „Er ist der schönste und bedeutendste Mann in ganz Weimar; es mag unverständig sein, aber ich will die Sache weiter gedeihen lassen; mag es auch zu einer Heirath kommen!“

Gustel hat mir ein Gedicht von ihm dagelassen, davon schreib ich mir hier den Schluß:

„Ach, aber ach! Der Jüngling kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Zertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut sich noch:
‚Und sterb’ ich denn, so sterb ich doch
Durch ihn, durch ihn,
Zu seinen Füßen doch!‘“



[426]
8.

In dämmeriger Sonntagsfrühe brach der Herzog mit dem Freunde auf, um seiner Ungeduld genug zu thun und mit ihm nach Kochberg, dem Gute des Oberstallmeisters von Stein, hinaus zu reiten. Ein Reitknecht mit Frühstücksvorräthen in den Holstern folgte.

Der Thorwärter mußte seinen Morgenschlaf abschütteln und das streng geschlossene Gatterthor der Stadt öffnen, dann trabten sie draußen in den Morgennebel hinein. Sie ritten schon lange schweigend neben einander, als mit wundervoller Farbenpracht die ersten Sonnenstrahlen durch glitzernde Reif- und Nebelgebilde brachen. Das siegreiche Tagesgestirn warf leuchtende Blicke der Huld über die starre Fläche. Die feinen Eiskrystalle an Gräsern und Zweigen schimmerten in blendender Pracht, das geringste Gebüsch glich einem Märchenwalde, die hohen weitästigen Tannen wurden zu zauberischen Pyramiden. Während die Sonne höher stieg, den Nebel zertheilte, unterwarf und des Himmels zartes Blau durchglühte, blieb die Ferne noch in weichen Farbentöuen. Gerade stieg der Rauch aus den zur Seite liegenden Gehöften auf und gewann, gegen die klare Himmelsbläue gesehen, rosige Tinten.

Der Herzog nahm das Gespräch auf: „Wir haben in den nächsten Tagen noch einen Gast zu erwarten; ich glaube, ich erwähnte desselben nur flüchtig. Es ist auch so recht eigentlich kein Gast, denn ich habe ihn zum Kammerherrn ernannt. Noch vor meinem Regierungsantritt lernte ich in Bayreuth den etwa dreißigjährigen Siegmund von Seckendorf kennen, der früher in sardinischen Diensten stand. Er hat Deinen Werther in’s Italienische übersetzt, dichtet, componirt und schien mir in den Kreis zu passen, welchen ich mir zur richtigen Erfassung eines frohen, gesunden Lebensgenusses zu bilden trachte. Hoffentlich wird der gewandte, vielseitige Mann Dir gefallen. Möchte er sich mit uns einleben!“

„Ich bringe ihm eine reine Empfindung entgegen und hoffe alles Gute,“ sagte Goethe schlicht. „Mir thut es nur leid, wenn ich sehe, daß Du zwischen Dich und die Herzogin immer mehr Leute stellst.“

Das freudig belebte Gesicht des jungen Fürsten verfinsterte sich. „Ich kann mit ihr zu keinem Verständniß, keinem rechten Herzenston kommen. Mein Verlangen geht nach einem frischen, schönen, schnellkräftigen Wesen. Luise ist so verschlossen, so formvoll, so talentlos; eine Aureole der Langeweile umgiebt sie, ein Parfüm der Correctheit, das mir zuwider ist.“

„Ein Weib kann, um begehrenswerth zu erscheinen, in allen Zügen und Formen des Wesens weich sein. Besitzt sie auch nicht Deine rastlose, geistesdurchleuchtete Lebensfülle, so ist sie doch eine tief innerliche Natur, eine reizvolle Knospe, die für Dich zu erschließen Dir hohen Gewinn bringen wird. Du darfst nur nicht Nachlassen, Dich um sie zu mühen.“

„O Mentor!“ rief der Herzog mit leichtsinniger Fröhlichkeit. „Wenn die Kühle wüßte, welch ein Sachwalter sie vertritt! Dir schenkte sie vielleicht ein Lächeln, das heißt, wenn die Dehors und ihre langnasige Oberhofmeisterin, die Gianini, es allergnädigst gestatten möchten. Pah, mich fröstelt, laß uns den Gäulen die Sporen geben!“

Die Pferde griffen munter aus; gegen neun Uhr wurde in Berka gefrühstückt und gefuttert, dann ging es mit frischer Lust über Blankenhayn auf Kochberg zu.

Bald nach elf Uhr langte man vor dem überbauten Thorweg an, der auf den Gutshof führte.

Die Herren ritten ein.

Ein breiter mit einzelnen Ulmen besetzter und von Gebäuden umgebener Wirthschaftshof nahm sie auf. Geradeaus, vom Hof durch einen Graben getrennt, lag das schloßartige Herrenhaus; überschritt man die Grabenbrücke, so führte eine breite von zwei kleinen Thürmen flankirte Treppe auf einen inneren mit Steinplatten belegten Hof, den die von der Herrschaft bewohnten Baulichkeiten einschlossen.

Als die Reiter vor der Grabenbrücke hielten, waren sie bereits von dem Oberstallmeister von Stein bemerkt worden, der zu ihrer Begrüßung herbeieilte. Der Herzog stellte seinen Begleiter vor und erfuhr, daß auch Rittmeister von Werthern mit Gemahlin als Gäste anwesend seien. Man fand die Gesellschaft in einem behaglich erwärmten Salon, wo die Damen den Eintretenden von einem Frühstückstisch entgegen kamen. Der Herzog küßte beiden Damen die Hand, erwiderte den Gruß Werthern’s und führte der Hausfrau seinen Freund zu.

Dieser hatte sogleich die schlanke Frauengestalt vor sich mit prüfenden Blicken überflogen.

Ja, sie war es! Das waren die weichen, durchgeistigten Züge, die ihn in ihren unvollkommnen Umrissen schon so wunderbar gefesselt hatten und ihn nun doch, anmuthbelebt, wie ein ganz Neues, Unerwartetes überraschten. Da war weder Fülle noch Farbenreiz, weder Jugend noch Regelmäßigkeit der Züge, aber mehr als alle vollkommene Schönheit, eine seelische Innigkeit des Ausdrucks, - die unwiderstehlich – den, der solche Sprache verstand - zu diesem Weibe hin zwang.

Der Hausherr hatte auf dem Frühstückstische Couverts für die Neuhinzukommenden bereit legen lassen. Der Herzog setzte sich zu Milli von Werthern, Goethe gewann einen Platz an der Hausfrau Seite und konnte nun ihr zartes Profil, das so lange schon in seinen Gedanken lebte, genau studiren.

„Und was verschafft uns denn das Vergnügen dieses charmanten Zusammentreffens?“ fragte Karl August, den Madeira an die Lippen führend, mit schelmischem Augenzwinkern seine Nachbarin.

„Die neue Fuchsstute!“ lachte Frau von Werthern, indem sie ihren Gatten ansah.

„In der That, Durchlaucht,“ erklärte Herr von Stein beflissen, „ist jener capitale Gaul wohl nicht ganz unschuldig an der Ehre dieses Besuchs.“

„Natürlich hätte ich den Fuchs lieber geritten,“ sagte Werthern, „da sie aber mit wollte und ich ja gerade des Gauls halber ein brillanter Ehemann bin – das Nähere erlassen mir wohl die Herrschaften – blieb mir nichts anderes übrig, als die Mähre einzuspannen, denn ich mußte Stein neidisch machen und sie nochmal vorreiten. Und da sind wir!“

Emilie hatte erröthend und mit gesenkten Blicken die unzarten Anspielungen ihres Gatten hingenommen. Dem jungen Fürsten schwoll das Herz, er erbarmte sich ihrer und lenkte rasch das Gespräch auf andere Dinge.

Dann kamen die drei Stein’schen Knaben in den Salon, um dem Herzoge ihren Diener zu machen; man scherzte Mit ihnen und besonders Goethe wußte die Kinder bald an sich zu fesseln.

Nach dem Frühstück brannte den Pferdeliebhabern der Boden unter den Füßen. Werthern war glücklich, seine neue Errungenschaft, die er eigentlich dem Herzoge und Stein weggeschnappt hatte, jetzt in vortheilhafter Weise vorführen zu können; er witterte etwas von der Möglichkeit eines guten Geschäfts und stürmte hinaus, um rasch satteln zu lassen.

Der Herzog fragte Milli, ob sie nicht von der Passion ihres Mannes angesteckt sei, und bat sie mit auf den Hof zu kommen. Sie war einverstanden und schlüpfte in eine purpurrothe Sammetjacke mit schwarzem Pelzbesatz, die ihr vortrefflich stand; so schloß sie sich den hinausgehenden Männern an.

Goethe aber bat Frau von Stein, ihm zu gestatten, daß er bei ihr im Zimmer bleibe, da seine Liebhaberei für Pferde nicht sonderlich groß sei. Sie bewilligte freundlich seine Bitte und führte ihn in ein kleines nach dem Garten gelegenes Wohngemach. Hier saßen sie zusammen in der tiefen Fensternische und plauderten bald lebhaft.

Während draußen der vielbesprochene Fuchs und nach ihm die bevorzugten Insassen des Stein’schen Stalls in allen Gangarten vorgeführt, kritisirt oder bewundert wurden, schlang sich drinnen wie aus feinen, goldenen Fäden ein Band, das zwei edle, nach Verständniß ringende Menschenseelen dauernd verknüpfen sollte. Da die beiden älteren Knaben zu ihrem Hofmeister zurückgekehrt waren, spielte der kleine dreijährige Fritz, gleich einem Symbol jenes Bandes, von einem zum andern. Sein kindliches Geschwätz, seine Ansprüche füllten harmlos eine gedankenvolle Pause oder gaben mit einem drolligen Einfall der Unterhaltung eine andere Wendung. Was hatte Goethe dieser Frau alles zu sagen! Nie war er sich so innerlich reich erschienen wie in ihrer Nähe.

Dann traten die Fragen des praktischen Lebens an die Hausfrau heran; ein Diener kam und wollte wissen, welches Gedeck, welches Silber, welchen Wein sie heute dem Herzog zu Ehren bestimme?

[427] Frau von Stein erhob sich, um mit einer Entschuldigung den Gast zu verlassen; er bat, sie begleiten, ein bischen mit hausvatern zu dürfen; mütterlich gütig willigte sie ein; lief doch auch Fritzchen durch Küche und Keller mit, warum sollte sie dem neuen jungen Freunde nicht willfahren? Es war Alles so zweifellos sicher, was sie und wie sie’s that! Wie gern fügte er sich dem Zauberbanne dieser Natur ein!

Jetzt ging es von den fächerreichen, geschnitzten Leinenschränken mit der hochgeschichteten Haushaltswäsche zum Speisezimmer mit seinen Silber-, Glas- und Porcellanvorräthen, von da zur Wirthschafterin in die Küche, und sogar mit einem Laternchen in den Weinkeller, wo sie ihm die Sorten wies, Werth und Verwendung erklärte, und von wo er ihr die Flaschen für den Mittagsbedarf herauf tragen durfte. Wie freute ihn die geordnete Fülle des lange bestehenden Hauses!

Dann schlug sie vor, ihm den Park zu zeigen. Sie hüllte sich in einen Shawl und führte ihn von dem quadernbelegten Hofe durch einen Gang über eine gedeckte Brücke, auf der sie den Schloßgraben überschritten. Ein freier Platz, jetzt weißbestäubt von Reif und Schnee, lag vor ihnen, zur Seite ein schöner Gartenpavillon mit breiter, vasenbesetzter Treppe, hinter dessen Säulen man Glasthüren schimmern sah; rechts lag eine Grotte mit mächtiger Epheuwand, deren dunkles Grün noch nicht ganz vom Schnee bedeckt war. Weiter hin ging es zu einem Karpfenteiche, auf dem eben Herr Kästner, der Hauslehrer, mit Karl und Ernst das Eis versuchte. Von hier aus zogen sich zahlreiche kleine Gräben durch die Anlagen, von weißen Brücken überwölbt; hügelig dehnte sich der Park, mit alten Bäumen bestanden, weit hinaus, sodaß es bald mehr ein Wald als Garten schien, in dem man lustwandelte.

Sie kehrten nun in’s Haus zurück, und bald darauf rief eine kräftig geschwungene Glocke die ganze Gesellschaft zur Tafel.

Nach Tisch fand der Herzog Gelegenheit, den Freund zur Seite zu nehmen und zu fragen: ob seine Erwartungen erfüllt wären.

„Uebertroffen, hundertmal übertroffen, mein lieber gnädiger Herr!“ rief dieser warm. „Ein solches Weib kann Einen aus allen Strudeln empor halten. O, ich möchte in dreifachem Feuer geläutert werden, um ihrer Liebe werth zu sein!“

„Nimm Dich in Acht!“ lachte Karl August, „die Liebe zu einer Frau ohne Schönheit soll die dauerhafteste sein! Uebrigens wird es Dir nach dem, was Du mir eben gestanden hast, nicht unerwünscht kommen, daß wir noch ein paar Tage bleiben; ich habe zu morgen mit Stein eine Jagdpartie verabredet; Wertherns wollen in der Frühe zurück, da er Dienst hat.“

Es war Goethen, als solle er dem Herzoge um den Hals fallen, solch ein Gnadengeschenk war ihm diese Hoffnung, solches Glücksgefühl gab ihm die Aussicht auf die nächsten Tage.

Glückseliges Drängen und Verlangen des glühenden jungen Dichterherzens, dem sich mit einer neuen Liebe eine neue Welt aufthat!


9.

Es war Anfang Februar und das Treiben der Wintervergnügungen flott im Gange, als der Rittmeister von Werthern eines Abends, mit Emilie aus einer Gesellschaft vor seinem Hause ankommend, in ironischem Tone sagte:

„So, meine heißgeliebte Gemahlin, da wären wir!“ Er schloß die Hausthür auf, ließ sie eintreten und fuhr fort: „Eben elf Uhr; solch ein angebrochener Abend ist schändlich langweilig; ich gehe noch in den ‚Erbprinzen‘, mit Dero Permiß, meine Gnädige!“

Eine Entgegnung nicht abwartend, schloß er hinter seiner Frau das Haus zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und stampfte pfeifend durch den Schnee dem erwähnten Wirthshause zu.

Emilie ging im Flure an einen Tisch, auf welchem ein kleines Oellämpchen brannte, um ihr daneben stehendes Licht an demselben zu entzünden und damit ihr Schlafzimmer aufzusuchen. Sie hatte sich in der Gesellschaft sehr gut amüsirt; vom Herzoge war sie wie immer ausgezeichnet, die anderen Männer folgten denn hohen Beispiele, sie war, das fühlte sie, die gefeiertste Dame ihres Kreises, und doch kam sie leer, verwirrt, tief innerlich unbefriedigt zurück. Jetzt wieder, als sie daran dachte, daß Werthern nichts für sie gehabt habe, als Ironie und Kälte, durchschauerte sie’s so schmerzlich, daß ihre Hand bebte, als sie den Docht ihres Lichts dem des Lämpchens näherte, und siehe da, der starre Docht des Lichts verlöschte die schwache Flamme der Lampe!

Das war damals, wo es keine Zündhölzer gab, eine große Unannehmlichkeit.

Ein leiser Angstruf entfuhr ihr, sie fürchtete sich im Dunkeln und dachte zugleich mit Schreck an das Gezänk ihres Mannes, wenn er, spät nach Hause kommend, das gewohnte brennende Lämpchen nicht an seinem Platze finden würde. Was beginnen? Ihr Mädchen schlief auf dem Boden, des Dieners Quartier lag am Pferdestall auf dem Hofe. Hier unten gab es nur ihren Miether, den Bergrath von Einsiedel, und allerdings, durch die Fugen seiner Stubenthür schimmerte noch Licht; sie wußte, daß der fleißige Forscher bis spät in die Nacht hinein arbeitete, aber um die Welt hätte sie nicht an sein Zimmer klopfen und ein Fünkchen Licht erbitten mögen.

Sie entschloß sich also im Dunkeln die Treppe hinauf zu tappen und den Zorn ihres Mannes über sich ergehen zu lassen, und so schritt sie in der Richtung vor, in welcher auf dem dunklen Flure ihrer Meinung nach die Treppe liegen mußte.

Die Richtung war aber verfehlt; sie stieß an den Korb mit Holz, der neben einem Kamin stand, und klappernd fiel der überhäufte Korb um. Bebend vor Schreck lehnte sie daneben an der Wand, als die Thür ihres Hausgenossen sich öffnete und der Bergrath von Einsiedel mit dem Lichte in der Hand heraustrat. Er sah sich mit seinem ruhigen Blicke suchend um.

„Ach, Sie sind es, Frau von Werthern,“ sagte er in artigem Tone. „Ihnen ist das Licht verlöscht; warum haben Sie mich nicht gerufen, ich bin ja so gern zu Ihren Diensten.“

Nach diesen Worten zündete er ihr Licht und auch das Lämpchen an. Sie war an den Tisch herangetreten, ihr Mantel lag neben dem Holzkorbe, ein Spitzentuch, das sie um den Kopf getragen hatte, war zurückgefallen, ihre Wangen brannten und ihre schönen Augen erhoben sich mit demüthig innigem Ausdrucke zu den seinen. Er sah sie mit bewegten Mienen an; sie las in seinen Blicken, daß er sie reizend finde. In Gesellschaften wurde sie weniger tief von diesem Tribut männlichen Wohlgefallens berührt, weil sie daran gewöhnt und dies die übliche Münze im Kleinhandel der Koketterie war. Hier aber, in nächtlicher Stille und Einsamkeit, diesem ernsten Gelehrten gegenüber, der ihr bisher scheinbar gar keine Beachtung gegönnt hatte, berührte sie dieser Ausdruck seiner Züge bis in’s tiefste Herz hinein. So standen sie ein paar Sekunden, ohne daß es Beide recht wußten, im stummen Anschauen neben einander.

Endlich sagte er mit unsicherer Stimme:

„Darf ich Ihnen eine gute Nacht wünschen?“ verneigte sich und ging.

Sie hauchte: „Ich danke Ihnen!“ nahm ihren Mantel über den Arm und stieg die Treppe hinan.

Er folgte ihr – die Thürflinke in der Hand – mit seinen Blicken.

Da – fast war sie oben angekommen – fiel ihr das Licht vom Leuchter, rollte ein paar Stufen hinunter und erlosch. Sie schrie laut auf, und er stürzte vor, es aufzuraffen und ihr noch einmal anzuzünden.

Der Treppe gegenüber lag ihre Zimmerthür; er öffnete sie, und Beide standen jetzt neben dem runden Tisch vor ihrem kleinen Kanapee. Er setzte ihr Licht auf den Tisch und sagte lächelnd:

„Jetzt sind Sie in Sicherheit. Sind Sie recht froh gewesen heute Abend? Ich glaube, man ist jetzt lustig in Weimar.“

„Ein tolles Treiben, von Einem zum Andern,“ entgegnete sie mit dem Tone der Abneigung, die sie in der That in diesem Augenblicke und diesem Manne gegenüber für die rauschende Geselligkeit empfand.

„Was haben Sie in der nächsten Zeit vor?“ fragte er weiter.

„Morgen, am Sonntage, Schlittenfahrt nach Tiefurt zum Kaffee, Abends wahrscheinlich noch Tanz. Montag am Morgen bei Steins Theaterprobe; Abends Gesellschaft bei Oberhofmarschall von Witzleben. Und am Dienstage ist ja die große Maskerade.“

[428] „Ich möchte auch einmal vergnügt sein und mit Ihnen tanzen, obgleich ich´s kaum noch kann –“ sagte er, verloren in ihren Anblick, und fast wie zu sich selbst sprechend. „Verrathen Sie mir Ihr Costüm auf der Redoute, und verschmähen Sie mich nicht, wenn ich komme, um eine Tour zu bitten.“

Sie sagte ihm, daß sie als maurische Fürstin erscheinen werde, und versprach mit strahlendem Lächeln, soviel mit ihm zu tanzen, wie er möge.

„Gut denn!“ rief er, indem er rasch ihre Hand an seine Lippen zog, „so will auch ich einmal froh sein und in derselben Weise glücklich, wie es Andere sind!“ Mit diesen Worten stürmte er fort.

Seltsam bewegt ja mit laut klopfenden Pulsen ging Emilie zur Ruhe und suchte vergebens, der Bewegung Herr zu werden, welche diese unerwartete Begegnung verursacht hatte.

[451]
10.

Am Dienstag Nachmittag stand Luise von Göchhausest- in; ihrem .-^4-kleinen-Zimmer im - Wittthumspalais - neben einem Tisch, auf dem ihre alte Schulzin eben das von ihr gefertigte Maskeraden- costüm für die junge Herrin ausbreitete. Luise ’ war klug genug zu wissen, daß sie sich nicht wie schlankgewachsene, schöne Mädchen kleiden dürfe; ebestso wußte sie, daß man ihre kleine Gestalt, - Ihre schiefe Schulter unter allen Verhüllungen heraus erkenne; es.kam für sie also nur darauf an, etwas Drolliges, Originelles zu erfinden. Sie hatte einen feuerrothen Domino gewählt, und um dieser Wahl etwas Charakteristisches zu geben, wollte sie ein „Flämmchen“ vorstellen. Sie hatte sich eine spannenlange Flamme malen und diese an einem goldenen Reif befestigen lassen, welchen sie um den Kopf trug, dazu nahm sie nur eine schwarze Florbrille und keine.Maske; wozu diese Unbequemlichkeit, zu erkennen war sie ja doch!

Sie fand, indem sie jetzt ihren Stirnreif vor dem Spiegel umprobirte, daß die Flamme ihr nicht übel stand, das kecke Ge-- sichtchen sah koboldartig, aber Pikant darunter hervor.

„Hör mal, Altsche,“ sagte sie jetzt überlegend zur Schulzin, „der Herzog hat ehgestern in Tiefurt und gestern Abend bei Witzlebens wiederholt versichert, ich werde nicht auf die Maskerade kommen, er spielt mir also, davon sei überzeugt, irgend einen Possen.. Ich war diesen Morgen in der breiten Gasse. Onkel Wilhelm geht auch zu der’Hofmaskerade, er sagte, daß er ein sehr würdiges Costüm bereit habe. Ich stellte ihm vor, daß er von meiner herzoglichen Portechaise profitiren und den Thaler für seine Sänfte sparen könne; wenn er meinen Trägern eine Kleinigkeit gäbe, wäre das ausreichend. Er solle auch zuerst hinbefördert werden. Dies alles leuchtete ihm sehr ein. Nun müsse ich mich ’ aber bei ihm ankleiden, sagte ich, denn sonst könne ich die Portechaise nicht dorthin bestellen. Er war’s zufrieden, und ich hoffe, wir .ziehen so den Kopf aus der Schlingel So. wie es dämmert, nimmst Du meine Garderobe und gehst voran. Um fünf Uhr entläßt mich die Herzogin, dann folge ich Dir unbemerkt; wenn also der Herzog irgend einen Schabernack Plant, mir die Thür zunageln oder sonst einen Unsinn machen will, ist der Vogel ausgeflogen.“

DA,Ö je, wie Du klug bist, Kind,“ sagte die alte Zofe mit vor Bewunderung ’glänzendem Augen.

„Der Träger sind wir doch sicher?“

. nIch habe sie bestellt, sie ließen noch niemals warten; nun muß ich natürlich noch vorgehen und sagen, daß sie zu unserm Onkel kommen.“ / „Thue das! Und – mir liegt doch sehr daran auf dem Balle zu seist – wie wär’s;- Wenn wir eine Viertelstunde sväter die Portechaise nach der breiten Gasse bestellten, die der Ober- kämmerer gewöhnlich nimmt? denn sieh nur den aufgelösten- Schnee, ) gehen könnte ich in Ballschuhen keinenfalls. Läßt uns also die Hofportechäise auf Ordre des Herzogs im Stich, so kann die ge-

miethete erst Onkel und dann mich hintragen.“

„Das ist ganz vernünftig bedacht, aber Du wirfst seinen Thaler hinaus.“ ; . ’ > „Lieber das, als meine Wette mit dem ’Herzoge verlieren.“

Die Schulzin ging, um die beiden verschiedenen Sänften zu bestellen, und machte sich dann heimliche unter einem großen Regenschirm, mit dem in ein Tuch geschlagenen Anzug ihrer Dame auf den Weg zur Wohnung des Herrn von GöchhaUsen.

Zur festgesetzten Zeit standen Oheim und Nichte festlich ge- kleidet im Zimmer des alten Herrn.

, ,,Wie findest Du mich, Luise?“ fragte er, indem et sich’ selbstgefällig von oben herunter beäugelte.

Er stellte einen Malteserritter in Gala vor; über weißen Seidenschsthen mit rothen Hacken trug er Weiße seidene Strümpfe und ein ebensolches Beinkleid; ein Wams von schwarzem Sammet mit Kette und Kreuz, ein großer weißer Mantel mit dem achtspitzigen [454] rochen Ordenskreuz und ein Barett mit wallenden Federn vervollständigten die kostbare Tracht. Etwas komisch sah allerdings die kleine magere Gestalt des alten Mänmeilts und das rötliche Gesicht mit den vorstehenden wasserblauest Augell in diesem Pomp aus.

Lllise versicherte ihm jedoch, daß er seinem Namen und seiner Stellung alle Ehre mache, was ihu sehr zu freuen schien.

Gleich daralls meldete Rohrmann die Anknnst der Hosportechaise.

„Bitte, benutzen Sie dieselbe znerst, lieber Onkel,“ sagte die Nichte artig, „Ehre dem Ehre gebührt!“

,.1:.on t.mlbutt.. ries der Alte,. „ich habe auch wenig ^tmt: für dies Warten, es regt meine Nerven ans)“

Rohrmalm legte noch einen Pelzmantel über den dülmell, weißwollenen des Maltesers; er winkte seiner Nichte einen Kuß zn und verließ das Zimmer.

Unten hatte Ursula diensteifrig die kurze Strecke des Straßen- pstasters mit etlichen Strohmatten belegt. Jetzt hielt sie einen mächtigen Regenschirm über das sederlluickende Haupt ihres Gebielers, so wurde er von den beiden alten Dienstboten in die Sauste. gepackt. Es rann von den Dächern; auf der Erde standen dunkle Wasserpfützen, in denen sich das schwache Licht der über den Straßen an Stricken hangenden Oellaterltell spiegelte, ein hohler Wind sllhr llm die Ecken, aber in der kleineu Stadt herrschte, iu Aulaß der Redollst, eich lebhafteres Treiben als sonst.

Die Portechaise schwankte jetzt ch gewohnter Weife davon, ulld Rohrmalln kehrst mit Urflila, stolz auf dell vornehmen uud vorllehm beförderteu Gebieter, ius Halls znrück. Bald darauf kam auch die Miechsportechaise und brachte Luife als Flämmchen glücklich auf die Maskerade.

Das Fest war schon im bestell Gange, als sie anlangte. Alle möglichen und unmöglichen Zeiten und Nationen hattell ihre Vertreter und Vertreterinnen geschickt. Fast alle waren in einer ganz bestimmten Charaktermaske erschienen , viele sehr unkenntlich und vermummt, alldere in vortheichasstm Putz und nur mit kleiner Flormaske versehen. Es war auch üblich, sich ill zurückliegenden Zimmern, wo Dominos, . Masken und Eostünte zu habell waren, im Laufe des Abends umzukleiden und so ganz- unerwartet wieder zu erscheinen, die Bekannten zu necken uttd allerlei Scherze ius Wert zu setzen. Dies alles wurde mit der größten Wichtigkeit, ja einem wahren Feuereifer betrieben.

Lttise von Göchhausen suchte tust ihren scharfen Augen nach dem Herzoge; sie brannte darauf, sich ihm vorzuführen und ihn mit dem Verlust seiner Wette zu necken. Endlich gewahrte sie einen germanischen Häuptling mit dem Bärenfell auf der Schulter, geschnürten Sandalen und einem hohen Helm mit Adlerstttichem Es war eine sehr stattliche Maske, und obwohl dieselbe eine das Gesicht völlig deckende Larve mit langem Bart und großer Nase trug, glaubte sie doch den Herzog zu erkennen. Der Germane unterhielt sich angelegentlich mit einer schönen, maurischen Fürstin, die, nllr wenig maskirt, sehr kenntlich als Milli von Wertherlt war.

Sie drängte sich an ihn herall, haschte nach seiner Hand und schrieb seinen Namen hinein. Sowie er ihrer ansichtig wurde, geriet er in Erstallnen, vergaß seine Verpuppung und ries mit einem deutlich llnter der Maske hervortönenden Gelächter:

„Ei der Teufel, da ist sie ja wirtlich! Diese dmmllen Kerls, nnd ich hatte sie doch so gellau iufstuirt!“

„Vermutlich dero Banditen, dellen ich mit meinem Flämmchen nach Haufe geleuchtet habe!“ .sagte sie spöttisch knstand. „Gestatte also, wilder Krieger!“

„Arlnill, direct aus dem Teutoburger Walde,“ schaltete er ein.

„Nun denn, Armin, Fürst der Cherusker, gestatte, daß ich armes.Flämmchen nebelt Dir weiter brenne.“

„Aber wie, ilt aller Kobolde Nachen, hast Du vortrefflichstes Feuerzeug, meine wohl drejfjrteu Sänftenträger ihrer Pflicht, ihrem schuldigen Gehorsam abwendig genlacht?“

„Deine Palaukiltbesörderer , o edler Germane?“ fragte sie erstaunt.

„Null ja, die Hofportechaifemellte.“

„Himmel! Haben Durchlaucht denen arge Austrage für mich gegeben?“ rief sie mit plötzlichem Erschreckell, indem sie sich angstvoll suchend uach ihrem Onkel, dem elegalltell Malteser,- umschaute.

„Still hier mit Deinen Titeln, Flalltme, halt Maskenordntlng ; aber komm ilt eilt Nebenzintmer, es scheint etwas guer gegallgell zu seilt, was wir atlsklären müssen.“-

Sie drängten sich znsammen aus dem Gewühl. Iu eittem Willkel angekommen sagte er:

„Ist nicht , nachdem Ihr zehn Schritte im Gallge waret, Dein Sitz zusammen gebrochen, der Portechaiseltbodeu heraus ge- sallett, habeu sich darans Deine Träger nicht in Trab gesetzt, dadurch Dich genötigt mit durch delt Schmntz zu lallsen, uud Dich, bei sest geschlossener; Thür, trotz alle Deilteln Geschrei, ttt den Portechaisenstall getragen, den sie hinter Dir verriegelten?“

„Alles dies Schreckliche muß welchem armen Onkel, dem Oberkämmerer von Göchhauseu gescheheu sein!“ ries Luise, indem sie ihre Hände halb lachend, halb weinend zusammen schlug.

„Deu Kukuk auch , das wäre Pech ! Dett also haben sie beim Wickel genommen, der kam in der Hofportechaife?“

„Ia, Dnrchlancht, er, und ich bitte dringend, ihm so schnell wie möglich Hülse zu senden!“

Der Herzog eilte sort, und Lllise ging mit beschwertem Gewissell obwohl sie sich unschuldig sühlte, die Herzogin Mutter aufztlfllcheu.

Sowie der Herzog vorhin die schöne Mattritt verlaffen hatte, war ein anderer Mann zu ihr heran getreten und hatte sie nm den Tanz gebeten. Es war ein Bednitte, mit weißem Matttest Waffen im breiten Seidengürtel und bräunlicher Maske.

„Wir find Landsleute, schöne Zoraide,“ stüsterte er mit innigem Tone, „wohnst Du auch jetzt in der Alhambra, stammst Dn doch aus den heißen Gefilden Afrikas so wie ich, der Wüste Sohn. Welch ein Glück, Dich plötzlich im fernen Nordelt ztt stnden!“

Bei diesen Worten legte er feinen Arm um ihre seine Taille, zog sie sest an sich und stog mit ihr in delt Reihen der Tällzer dahin.

Goethe hatte sich ilt der Tracht eines Eremiten möglichst nnkenntlich gemacht; sein eigentliches Eostüm war das eines Troubadours; jetzt stoß ein weißer Bart von einer rtmzelvollelt Maske herab, und die Kaptlze seiner dunklen Kutte deckte seine brauueu Locken Er wußte, daß Frau von Stent als Rittersrau konlmeu werde, er wollte sie, die ihu auch als Troubadour ver- mutete, necken und ihr dann ein zärtliches Gedicht geben, das er in der Nachmittagsstunde für sie hingeworfen hatte. Jetzt spähte er mit prüfenden Blicken nach ihr atts.

„Suchst Dn mich, würbiger Vater?“ lispelte plötzlich eine fanfte Stimme an feinenl Ohre, und ein rnnder Frauenarm schob sich in den seinen.

„Also hast Dn mich doch erkannt, Geliebteste?“ entgegnete er.

„Wie sollte ich nicht?“ fragte die Ritterfrau dagegen, nnd ging an feinem Arttte mit ihm weiter.

Es beglückte ihn, daß die Thettre ihn unter der Hülle herattsgesttttden hatte, daß sie ihm die Gtlnst schenkte, sich ztt ihm zu gesellen. Er sprach zu ihr von der Sympathie ihrer Seelen; von der Seligkeit, sich im Schwarttt der großen Menge abznsondern, hier sich verstättdnißvoll nah zu fühlen, unter der .Maske nllbeobachtet zu feilt.

„Mein Herz ift doch immer bei Ihnen, Liebe, Einzige, die mich glücklich macht, ohne mir weh zu thlln,“ sagte er zärtlich. „Doch auch nicht ohlle Schuterz lebt sichs in Deiner Nähe, denn Du leidest nicht immer meine Liebe, und meine ganze Seele ist doch voll voll Dir.. Sieh, diese Zeilen schrieb ich Dein ge- denkend.“

„Gieb!“ lispelte seine Gesährtim Er steckte ihr echt Papier zu, welches sie in ihrer an einer Kette herabhängenden Tasche barg.

Er sichr sort: „Die Liebe zu Dir hält mich über dem Wasser, elend war. ich als Hosmann! Mich wunderst daß nicht die Meisten gar Kröten mld Basilisken werden; das Gekriech, die Liebedienerai hört nicht ans. Oft dellke ich, allch der Schmutz ist glänzend, welln die Sonne darauf scheint, und uehlne Alles hin; ich seh.s aber als Vorbereitung an, und mir dllrch Dich bin ich gestählt und dauere aus.“

Illdem er so mit ernster Elupstndung zu seiner Begleiterin redete,. erstarrte er plötzlich. Er gewahrte die Herzogin Lllise, die als Vestalin prächtig llud edel in langen, goldgesämllten Gewällderll dasstlud, gauz kenntlich , nur mit eitler Ftorbrille. Ulld neben ihr eine Rittersran, ähnlich der, welche er am Arm sührte, [455] aber völlig“ bekannt für ihn nach Haltung und Formen:’ Auch sie trug nur eine kleine Halbmaske, sodaß er den weichen, fein-geschweiften Mund, das zarte und runde Kinn der angcbcteten Frau ganz deutlich erkannte. Za, sie war’s, Charlotte von Stein!

Aller wem hatte er denn sein tiefstes Herz enthüllt, wer hatte sich an ihn gedrängt, sein Gedicht empfangen? Rasch wandte er sich zu seiner Dame, aber diese, ihn scharf: beobachtend. Hatte ihte Doppelgängerin erkannt, und leise, während er sich ganz in’s .StAunen versenkte, hatte sie ihren Arm aus dem seinigen gezogen und war im Gewühl verschwunden.

Er suchte ihr nachzueilen, aber das Gedränge war/augenblicklich zu -groß, des Tanzmeisters Commando hemmte ihn, sneu antanzende Paare kamen ihm’entgegen. Einmal glaubte er noch ihr schwarzes Sammetmützchen in der Ferne- zy sehen. Dann hieß es:

„Nicht so stürmisch, heiliger Mann!“

„Was führt Dich aus. Deiner stillen Klause unter die fröhliche Menge?“

„Hüte Dich, in die Fallstricke der Welt zu fallen und den jungen Schönen nachzulaufen!“

Als er sich endlich am Ausgange des Saals befand, als er die Freiheit fand, sich in den Nebenzimmern umzusehen,, war die Gesuchte nirgends zu finden.

Verdrossen und nicht mehr aufgelegt, den beabsichtigten Scherz mit der Geliebten auszuführen, ging er sich umzukleiden, und fand sich in dem schönen Costüm eines Troubadours in geschlitzter, Seide, mit zurückgeschlagenem Spitzenkragen und dem an kirsch-rothem Bande umgehängten Saitenspiele, bald wieder im Saale ein.

Die Gesuchte stand noch imme^neben der herrlichen Vestalin.

Er flüsterte Frau von Stein zu, daß er ein Ausgeraubter, ein Betrogener/sei, >er> bat sie, ihn lind zu behandeln, damit er sich, innerlich verwändet, an ihrer heilenden Nähe wieder Herstellen könne.

„Armer Bertrand de Born!“ sägte sie laut, „also unter die Räuber seid Ihr gefallen? Nun tröstet Euch mit der LehrchH daß wir Kleinode nicht -.in dieser bunten ünll gefährlichen Welt -ostest- vorzeigen dürfen, und daß Vorsicht stets noth thut.“

Zn diesem Augenblicke, während die Instrumente zu einem neuen Contretanze gestimmt wurden, kam ein Bauer mit einer pausbackigen ganzen Larve vor dem Gesichte auf die Herzogin Luise zu und forderte sie zum Tanzen auf.

Die hohe Frau dankte und sagte auf das Andrängen des Fremden’: „Ich tanze mit keinem Unbekannten.“, .

„O, erhabene Römerin,“ rief der Mann mit fremdlautender Fistelstimme, „weshalb kommst Du denn auf das Fest der Gleichheit, der Narrheit, der Lustigkeit, wenn Du von alle Dem nichts „Ich komme als Zuschauerin, lästiger Fremdling,“ entgegnete sie hoheitsvoll.

„Dil wirst dem Leben und das -Leben wird Dir gleichgültig bleiben, wenn Du nur von fern zu stehen wagst Noch einmal bitte ich Dich, sündige nicht gegen die Gesetze dieses Festes!Genieße diese seltsame Welt wie sie ist und wirf Dich mit mir in ihre Strudel!“

„Nein; geh’, Zudringlicher!“

,/Höchmüthiges Weib!“ sagte der Bauer mit gereizter, nicht mehr verstellter Stimme, und lüftete für einen Augenblick die Maske – es war der.Herzog-; „Dacht’ ich es -döch,“ führ er ärgerlich fort, „als ich Dich so steif hier angenagelt sah, daß Du unsere Fröhlichkeit, unsere Späße unter Deiner Würde findest!“-- „Mein Gemahl sollte zufrieden mit mir sein, daß wenigstens ich es weiß, was man seiner Stellung schuldigst!“ -rief’ die Herzogin ebenfalls in bitterem Tone. .

„Ho, ho! also ich weiß es nicht? Hör’ meinen Grundsatz: nur Der hält ängstlich dick äußere Form der Würde fest, der sie nicht wirklich behaupten kann!“

Goethe hörte mit Bedauern diesen-Wortwechsel; rasch legte er seine Mandoline zur Seite, trat zur Herzogin Heran und bat sie, ihrem Gemahle zu beweisen, daß sie auch mit den Fröhlichen genießen könne, indem sie mit ihm tanze. ’Zögerndfolgte sie feiner Aufforderung, worauf der Bauer mit der Nitterfrau sich anschloß.

Als Goethe die Herzogin wieder an ihren Platz zurückführte, schritt eine kokett gekleidete französische Bäuerin mit hoher, weißer Flügelhaube Und bauschigem, geblümtem Kleide, am Arme eines eleganten Coeurkönigs, in dem man Mchlper Herrn von Seckendorf erkannte, an ihm vorüber.

’ Sich auf ihrem höhen Absätze wendend, sah sie sich nach ’ihm um’ und. flüsterte die ersten Reihen’’ seinds im Jrrthum verschenkten Gedichts mit spöttischem Ton ihm zu/.’D „Sag’, was will - das Schicksal uns bereiten?

Sag’, wie band es uns so ganz genau?

Ach, Dü warst in abgelebten Zelten Meine Schwester oder meine FraN!“

Erregt fprafig zer ihr nach; mit einer -ihm mir allzu wohlbekannten Geberde warf sie ihm eine Kußhand zu und flog mit ihrem Eävalicr in der Tanzcolonne davon. Es war Auguste von Kalb!

Neben dem Herzoge aber stand jetzt das Flämmchen.

„Hoher Herr!“ fügte es ,litstig, „wie Du Dich auch verstecken magst, mein Spürsinn findet Dich heraus. Beruhige mich, haben die Schergen Deines Zorns oäs unschuldige Opfer aus dem Portechäisenstalle erlöst?“

- „Sei getrost, edelmüthige Flamme, das Opfer liegt in seinem Bette und trinkt Camillenthee, um sich von seinem Abenteuer zu erholen.“

„Und mein Titel, der Gewinn meiner Wette?“

„Wahrlich, Du hast Dich an Heldenmut!) dem Armin-lebend bürtig bewiesen, so heiße also von heute an – Thusnelda!“

[466]
11.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Januar 1776. Es hat eine schwere Zeit auf unserm Hause.

gelastet. Vater war düsterer und bitterer als jemals vorher; nach dem unglücklichen Ballabend ist er tagelang nicht aus seinem Zimmer gegangen. Tante Barbara mußte ihm das Essen in die Vorstube setzen, und zum Dienst meldete er sich krank. Als dann gegen Weihnachten mein Bruder sich mit dem Vetter Wrangel ansagte, und beide junge Männer aus ihrer kursächsischen Garnison herüber kamen, konnte er nicht wohl umhin, wieder am Familientische zu erscheinen, er that’s und ich glaube, er ist seitdem weniger finster.

Gustchen war viel bei uns und vergnügte sich mit dev beiden Officieren, die sie. auch hinaus zu locken wußte: damit sie ein paar willfährige Tänzer mehr habe, wie sie mit kecker Zuversicht eingestand.

Ich bin so recht versunken; ohne Saft und Kraft, und viel gescholten. Alle zerren und necken an mir- ich aber kann’s nicht ändern, ich muß still im Schatten weiter träumen. Sie halten mich aber doch für abwesender, als ich bin. Dicht daneben saß ich, als Erich Wrangel zu meinem Bruder sagte:

„Es gefällt mir gerade an ihr, daß sie so rührend einfältig ist, wie ein junges, weißes Täubchen, dem mün den Hals umdreht, ohne daß es Arges merkt.“

Mein Bruder lachte und vertheidigte mich; es war nur aber 1 > zu gleichgültig, um darauf zu achten. Ja- für ihre Spräche bin ich einfältig, und von der meinen wissen sie nichts; die versteht nUr Er, mein hoher, erhabener Dichter. Daß er fort ist aus meiner Nähe, daß ich ihn nicht sehe, nicht höre,, das ist’s was mich lahm, träumend und einfältig macht! Er zog in die Belvedere-Allee, und so ist meine Sonne untergegangen.

Im Februar. Gustchen muß doch die Heirath nicht wollen; neulich zuckte sie die Achseln, als von ihm die Rede war, und sagte: „Er wird langweilig!“ -– Er! Das ist zum Lachen. Er j langweilig; lieber Himmel, ich glaube, Auguste verliert den Verstand!

I Sie machte sich auch viel mit dem Vetter zu schaffen, und als sie hörte, daß er ein großes Majorat zu erwarten habe, sagte sie:

„Schatz, sei-brav und tritt ihn mir ab, ich sehe, sie wollen Ihn mit Dir zusammen thnn, aber Gräfin, .reiche Gräfin sein, Paßt besser für mich als für Dich; Du träumst ja doch Dein.4 Leben hin!“

Ich entgegnete ihr, daß sie meinetwegen alle Grafen der Welt heirathen könne, daß ich aber weder für mich nvch für-jie ^ über den Vetter Erich verfüge.

„Bist Du doch vielleicht in den hübschen, blonden Jungen > verliebt?“ fragte sie lauernd; aber ihr Prüfender Blick fand michZ kalt wie Eis. Nun sind die Beiden längst fort, und Auguste ^ kommt seltener.

Am 14. Februar. Heute ist hier im Hause etwas Wunder- >! bares geschehend -^ Das Hoffräulein der Frau Herzvgin-Mutter ist hier’ gewxsen und hat es erreicht, mit Vater zu sprechen. Er hö.rie höflich zu, und ich weiß doch, daß er innerlich gegen die “ Göchhausen gewüthet hat. Die kleine Dame fing es sehr geschickt an, ihn zu versöhnen. Nachdem sie viel Artiges von der Herzogin Ä ausgerichtet, sprach sie so gütig über mich, daß ich ganz beschämt wurde. Endlich kam sie au^ den unglücklichen BällabenvF-nn welchem ich.vorgestellt wurde, und mit voller Unbefangenheit sagte sie:

„Wenn der Herr Oberst seine Husaren dem LandesherrN in der’Manege vorführt, so denke ich,c sie müssen etwas reiten -können?“

„Den Stock auf die Kerls,, wenn fie’s nicht können,“ brummtW mein Vater.

„Ebenso erwartet die Frau Herzogin, daß ein junges FräuleinA welches ihr auf einem Balle vorgeführt wird, etwas tanzen kann.“ ’“

„Ah, war es das?“ fragte er aufathmend.

’ Sie wurden nun sehr bald einig, daß ich bei dem Hof-tanzmeister Unterricht haben müsse. Fräulein von Göchhausen empfahl sich; sie reichte meinem Vater die Hand zun: Kuß hinauf, und er neigte wirklich seinen grauen Schnurrbart darüber^ Hätte das nie gedacht! Tante Barbara lächelte mich selig M; es war, als hätte uns das kleine Fräulein die liebe Sonne im Pompadour ’ in’s Haus getragen. Und ich? O, wie bin ich glücklich, :daß ich nun doch zu ihm, in den Kreis, in dem er Leitstern und § Herrscher ist, eintreten darf! [467] Am 16. Februar. Der Hoftanzmeister AdaM Aulhoru ist hier gewesen. Welch “’lein redseliges, behendes Männlein! Er wäre mir zuwider, wenn er mir nicht zu so Großem verhelfen sollte. Wie verlegen und linkisch fühlte ich mich, als er mich eiw paar Versuche machen ließ! Er aber sagte, ich sei biegsam wie ein Schilfrohr, das im Winde schaukelt, und zierlich, wiefeine Libelle, die über den Wellen dahin schwebt.’ Vater sch iw lächeln^nnd die,’güte Barbara schlug .außer sich vor Freude in die Hände.

Am 17. Februar. Nun ist’s aus; nun ist alles aus,! Wie ein Aschenregen sinkt düstere Trauer über das Leben ; kein Mund darf mehr lächeln, kein Herz mehr freudig klopfen; wenn die ’sanne scheint, ist’s Lin Jrrthmn. Der> Edelste, Herrlichste, den Gott in diese Zeit gestellt hat, er ist dem- Verderben verfallen! Ja so l lst es, es kann nicht anders sein! Dies kann Gustchen nicht gelogen haben, sie hat es mir, von seiner Hand geschrieben, gezeigt. Er hat alles in ahnender Seele voraus gewußt, im WertherMeschilderl; jetzt wird sein prophetisch Vorempfinden zur schrecklichen Wahrheit an ihm selbst! O, könnte ich mich in seinen Weg werfen, könnte ich ihn anflehen umzukehren, oder könnte ich ein Sühnopfer für ihn sein!

Auguste hat mir ein Abenteuer mit ihm auf der Maskerade erzählt. Goethe machte ihr eine-glühende Liebeserklärung - “Wer er hielt sie für eine Andere, für -Wie Frau des Oberstallmeisters, die er anbetet. - O, mir ahnte das längst Ich schrie auf, als Auguste dies Schreckliche ’aussprach. Es ward dunkel vor meinen Augen, ich sank im Stuhl zurück. Auguste, beachtete das nicht, sie plauderte weiter; lange Zeit hörte ich nichts von dem, was sie sagte, .endlich konnte ich wieder- begreifen. <-)Sie berichtete, wie sie den Abtrünnigen schlecht behandle, wie sie Juchts von,Hm wissen wolle; daß jetzt der gewandte Kammerherr Siegmund von Seckendorf ihr huldige, ihr nicht ganz gleichgültig sei, daß sie aber sehen wolle, welche Position er am Hof finde, ehe sie ihm Hoffnung auf ihre Hand gebe.

Endlich stammelte ich: ob sie mir das Papier zeigen könne, auf dem seine Liebeserklärung für die Andere stehe. Me zog es sogleich hervor.

„Das führe ich als Waffe gegen ihn bei mir!“ sagte sie schadenfroh. ,-Damit will ich ihm noch oft die Hölle heiß machen.“

„Gieb!“ *baj ich.

Sie reichte es mir; ich raffte mich mit ganzer Kraft zusammen; ich las und versuchte zu begreifen. Ja, er beschrieb seine Gluth/seine Zärtlichkeit. Gustchen lachte Höhnisch; sie wagte es, über ihn zu lachen! Das sollte sie nicht! Verzweiflung erfaßte mich, ich mußte ihn vor dem Hohn dieses Mädchens schützen – und zerriß, ehe sie es hindern konnte, das Papier in kleine Fetzen. Gustchen schrie gellend auf und überhäufte mich mit Vorwürfen.


12.

Acht Jahre lagen zwischen der Zeit, da Goethe, ein unreifer Jüngling, krank und muthlos seine Studien in Leipzig beschloß und zu seiner Wiederherstellung in das elterliche’Häus nach Frankfurt heimgekehrt war. Unter den zahlreichen Erinnerungen an Leipziger Bekanntschaften blieb auch ein anmuthiges Mädchenbild in seinem Gedächtniß bewahrt. Damals war die von ihm in anonymen Gedichten Gefeierte kaum dem Kindesalter entwachsen, aber als Künstlerin bereits angestaunt und angebetet. Jetzt war sie aus der holden Knospe zur -voll entwickelten Blüthe, aus der viel versprechenden Anfängerin zur Meisterin in der Kunst des Gesanges emporgewachsen.

In den oberen Räumen des stillen, von weitem Park umgebenen Häuschens, welches der Leipziger Kunstgärtner Probst verwaltete, hatte sie damals.ihr zurückgezogenes Heim aufgeschlagen. Schon nahte der Frühling, aber düster schauten noch die kahlen Bäume des Gartens in die Fenster hinein.

Die Sängerin saß am Clavier, sie hielt die Stirn mit der Hand bedeckt und war in Träumerei versunken!, Endlich fanden sich ihre Finger auf den Tasten, leise irrten sie darüber hin, bildeten eine sanfte, traurige Melodie und gingen dann in ein Gebet aus Hasse’s Oratorium ul OLlvariÜ“über. Jetzt begann sie auch ’zu singen, und mit immer größerer Macht und Innigkeit klang ein Flehen um Erlösung aus den Banden schweren Leids von den jungen schönen Lippen.

Während dieses ergreifenden Liedes öffnete sich leise die - S’tnbenthür und ein rundes-Mädchengesicht, von blondem-Haar umrahmt, schaute mit freundlichem Ausdruck herein. Als die Sängerin geendet hatte, eilte die Lauscherin auf ihre Freundin zu.

Es war Wilhelmine Probst, die Tochter des Kunstgärtners.

„ReHardt war ja nur kurze Zeit bei Dir/’ sagte sie neu--gierig, „er rannte unten im Flur,Wie-toll an mir vorbei, habt )Jhr Euch.gezankt?“

„Es ist die alte Geschichte, Mienchen, er bat um Liebe, der arme Junge.“

„O Himmel, also doch! Wie bin ich froh, kein Mann zu Min und Dich also innig lieben zu dürfen so viel ich mag!“ rief das dicke kleine die hohe )GWalt der Freundin umfassend.

„Ja freilich,“ lächelte Corona und küßte sie auf die Stirn, „wärst Du ein Jüngling, müßte ich Dich; von mir entfernen.“

„Wie alle,“ seufzte die Kleine. - „Arme CoRitn^Kgebunden und doch frei; schmerzlich gefesselt an einen Entsetzlichen §und doch mit sehnendem Herzen allein gelassen!“

„Sei still, Mienchen, Du weißt, es schmerzt mich, daran erinnert zu werden; wir dürfen nicht davon sprechen,“ bat die Sängerin mit einem tiefen Seufzer.

In ’diesem Augenblicke hisrten die’MädcheWschritte auf der Treppe, denen ein starkes Anpvchen an die Thür folgte. Gleich ’ darauf öffnete sich dieselbe und ein-großer, schöner Mann erschien, auf der Schwelle. Sein dunkles Auge durchflog den Raum/aber -der Blick haftete, während er sprach, über den Köpfen der erstaunten Mädchen im Leeren.

„ Bist Du die Sängerin Corona Schröter?“ fragte er.

„Ich bin’s!“ entgegnete diese, dem Unbekannten) der sie duzte,. erstaunt einen Schritt entgegen tretend. „Was wollen Sie?“

Der Mann zog langsam eine schwarze Sammetschleife aus seinem Busen und sagte: „Du weißt, von wem ich komme, entferne Deine Gefährtin, damit ich Dir die Worte unseres Meisters überbringe.“ -

Corona war erbleichend zurückgetreten.’ bittend//

„Wieder von ihm? Muth, Corona!“ > flüsterte die) kleine/i Freundin und verließ das Zimmer.

„Was befiehlt er mirH/.-fragte jetzt die SäUgerin bebend und legte die Hände ans ihre Brust.

„Er läßt Dir sagen, daß eine Forderung an Dich ergehen wird, Leipzig zu verlassen, daß er Dir befiehlt, jener Forderung zu folgen.“

„Ich soll Leipzig verlassen! Wohin soll ich gehen?“ ’ „Das wirst Du zur rechten Zeit erfahren;, mir liegt nur ob, Dir seinen Befehl auszurichten, Dir, -demselben zu gehorchen.“

„Ist er hier?D^- Da er Sie schickt, wird er also mcht selbst zu mir kommen?“

„Wir haben nichts zu fragen, nichts zu antworten; Gehorsam ist unsere einzige Pflicht!“ , Nach diesen Worten entfernte sich der Unbekannte und ließ Coropa, in. einem Taumel - von Bestürzung und Neugier zurück. Stärker denn je fühlte sie sich unter dem Druck eines fremden, sie gänzlich unterjochenden Willens.

Der Unbekannte hatte mit starken Schritten das Haus verlassen ; er verfolgte eine den Garten kreuzend? Allee und erreichte einen an der Gartenmauer sich hinziehenden ’GayaZ Als er -sich in demselben umsah, kam ein großer hagerer Mann auf ihn zu. -Schwer konnte man sagen, ob der Fremde alt oder jung sei. Er /> trug schwarzen Sammet, die feinsten Brüsseler Spitzen und bot in seiner vornehmen, ernsten Erscheinung das Bild eines Hofmannes.

„Hast Du Corona gesehen?“ fragte er den herankommenden / Jüngeren.

„.Ja, Herr Graf.“

„Und willfährig gefunden?“

„Durchaus. Ich staune Deine Macht an, mein hoher Meister. Wie hast Du nur dies stolze Weib gezähmt?“

Nach kurzer Pause entgegnete der Graf- „Herrschaft über Andere erringt nur Der, welcher sich zuerst selbst beherrscht. Aus der Ueberwindung meines sinnlichen Jchs ward ich ihr Herr, i .Aber ich werde Dir noch bessere Beweise meiner Kraft geben. .

Deinem völligen Gehorsam sollen sich nach und’ nach beseligende Geheimnisse erschließen.“ [468] Sie verließen in lebhaftem Gespräche mit einander den Garten. – –

Etwa zu derselben Morgenzeit, in der gestern der junge Componist Ncichardt zu der Angebeteten gesprungen war, schritt heute Goethe’s elastische Gestalt durch die Kieswege des Zier- gartens auf das Gärtnerhaus zu. Vielleicht war eine ähnliche Ungeduld in ihm, wie gestern in dem liebesehuenden Musiker.

Corona trat ihm in ihrer edlen Schönheit imponirend ent- gegen – und empfing denselben Eindruck von seiner Persönlich- keit. Als er seinen Namen nannte - flog ein warmes Roth über ihre bewegten Züge, und sie streckte ihm erfreut wie einem alten Bekannten beide Hände entgegen.

„So bin ich also nicht ganz vergessen?“ fragte er mit leuchtendem Blicke.

„Sie haben dafür gesorgt, daß man Sie nicht vergessen konnte, Sie herzerschütternder Poet! Wie haben Sie meine ganze Seele mit’ Ihrem Werther erfaßt! Und wie deutlich ist mir dabei das Bild des schlanken Studenten wieder lebendig geworden!“

Sie fragte, was ihn her führe, und er richtete ihr den Auf- trag des Herzogs und Anna Amaliens aus, die, sich nach einer echten Künstlerin sehnend,’ beschlossen hätten ^ sie unter vortheil- haftett Bedingungen für Concerte und Komödien nach Weimar zu berufen.

Corona wechselte, während er sprach, in großer innerer Be- wegung die Farbe. So hatte also doch ihr geheimnißvoller Ge- bieter vierundzwanzig Stunden früher gewußt, was ihr bereitet wurde! Sie erfuhr, daß Goethe gestern Abend angekommen sei; sie bat ihn, sich zu besinnen, wann und wo er von seinem Vor- haben gesprochen habe. Er versicherte, dasselbe sei zwischen den Herrschaften und ihm ein Geheimniß geblieben, und fügte lachend hinzu, um ihren sichtlichen Ernst, der ihn seltsam berührte, zu zerstreuen:

„Soll man Dich nichk.auf’s Schmählichste beraüben, Verbirg Dein Gold, Dein Weggehn, Deinen Glauben!“

Er gedachte nicht eines Briefes an Lavater,/dem er vor mehreren Wochen – entzückt von des Herzogs Absicht – ge- schrieben Hafte, daß man die holde Künstlerin, welche er einst schwärmerisch verehrt, auf seinen Rath nach Weimar berufen wolle.

Ihr Benehmen bei seinem Vorschlage erschien ihm rätsel- haft; sie beruhigte aber sein mißmuthiges -Erstaunen mit einer unbedingten Zusage.,^ Er ging- oft zu ihr, und sie kamen bald überein, daß Corona im Herbste nach Weimar übersiedeln solle.

Als nach langem Geplauder an einem der nächsten Tage Goethe ’endlich Abschied nehmen mußte, sagte er: „Ich harre des Herbstes mit Sehnsucht, der mir in Ihnen die Freuden des Frühlings und Sommers bescheeren soll; aber jetzt, da ich scheide, geben Sie mir ein kleines Andenken, ein Pfand, holde Freundin - welches mir Ihr Kommen verbürgt.

Schenken Sie mir die Sammetschleife, die Sie stets während dieser beglückenden Zeit unseres Wiedersehens getragen hüben.

Dieser Schmuck gefällt mir ohnehin nicht an Ihnen; er scheint mir ein Fleck auf Ihrem reinen Bilde.“

Er streckte die Hand nach der erbetenen Gabe aus, die ihm unbedeutend und nur in seinem Sinne werthvoll erschien.

Die Künstlerin aber erblaßte, trat zurück und legte die Rechte schützend über ihre schwarze Schleife. Mit bebender Stimme ent- gegnete sie: „Fordern Sie nicht dies Band, ich kann es Ihnen nicht geben Eine fremde Hand darf es nie – niemals berühren !?


13.

Eine frisch gestärkte weiße Zipfelmütze über dem röthlichen, alten Gesichte, sorglich in ein weißwollenes Neglige verpackt, die Häiide resignirt über seinem Bäüchlein auf der Bettdecke gefaltet, so lag der Oberkämmerer von Göchhausen seit dem entsetzen- bringenden Maskeradenabend - in seinem weißumhängten Bette, der schweren Folgen für.seine Gesundheit harrend, die da kommen sollten, aber nicht kamen.

Der Herzog hatte gleich am andern Tage den Oberhof- marschall von Witzleben zu Göchhausen geschickt, um sein Bedauern über ein unglückliches Mißverständniß ausdrücken zu lassen, dessen Opfer er geworden sei. Dann sandte er ihm seinen Leibarzt Doctor Friedrich Hufeland, der nach einer Untersuchung seines^ Zustandes unumwunden erklärte: Herr von Göchhausen sei durch- aus gesund, er möge ruhig zu seinen früheren Lebensgewohnheiten zurückkehren. Vier Wochen im Bett sich auszuruhen und mögliche^ schlimme Folgen abzuwarten, schien dem alterirten Äemüthe des Scheinpatienten sicherer, und so lag er seitdem gottergeben da.

Jeden Morgen kam der Kammerherr von Seckendorf, um nachÄ seinem Befinden zu sehen und Serenissimus Bericht abzustatten.

Auch Graf Görtz kam oft, und so machte sich’s bald, daß ein kleiner Kreis von Gesinnungsgenossen vor dem Krankenlager des höchst gefunden alten Herrn sich zusammen fand: Es gab längst int Stillen eine Verbindung Solcher, die dem wilden Genietreiben am Hofe abhold waren, die dem zurückhaltenden Benehmen der jungen Herzogin lebhaft zustimmten und schon das Wesen’ der Herzogin-Mutter zu zwanglos schalten.

Graf Görtz Hatte früher vergeblich versucht, der Mutter den ihr so ähnlichen Sohn zu entfremden, ihn in andere Bahnen zu lenken, ihm die Exklusivität seiner Lebensstellung recht an’s Herz zu legen. Karl August dürstete aber vor allen Dingen danach?

recht mit ganzer Kraft und Seele Mensch zu sein, und hieraW den Stand des Fürsten als seinen eingeborenen Beruf treu aus- zufüllen. Daß er nicht Mensch mit andern sein, daß er die Liebe nicht begehren, sich der Freundschaft nicht in die Arme werfen- Jugendlust nicht genießen sollte, wie Andere auch, das vermochte der Erzieher ihm mit aller Mühe nicht beizubringen.

- Im großen Uhrwerke des menschlichen Verkehrs finden die hemmenden Gewichte immer ihren Platz! Bald gründete Görtz eine Partei. Es gelang ihm sogar, leise Zeichen der Zustimmung?

von den geachtetsten Männern der Stadt, dem Minister von Fritsch und dem - Oberhofmarschall von Witzleben, zu erlangenMZ Seckendorf war anfänglich als Eindringling vermieden, man hatte erwartet, er werde als Literat und Componist den Genies und ihrem Treiben in die Arme werfen. Denn war.

aber nicht so. Er hatte mit Vorsicht alle äußeren Punkte seiner Stellung geordnet und zeigte sich jetzt als ein Hosmann von feiner Form und kühler Zurückhaltung.

Luise von Göchhausen war am Morgen nach der Maskerade - zu ihrem Oheim geeilt, um in wirklicher Besorgniß nach ihm zu sehen. -Rohrmann und Ursula empfingen sie mit“rücksichtslosem Zorne. Sie wollten ihr den Weg in’s Allerheiligste des leidenden Gebieters versperren, aber Luise, unerschrocken wie immer, drang durch und versuchte, wenigstens den Alten von ihrer Unschuld zu überzeugen. Da sie dies Bemühen mit zähem Eifer fortsetzte, tagte es endlich in dem Begriffsvermögen des Oberkämmerers, und er fing an, sie gnädigst alle Tage ein Stündchen auf dem Stuhle vor seinem Bette zu dulden.

Trafen sich die mißvergnügten Hofherren bei Göchhausen, den sie seit jenem Abenteuer innerlich zü den Ihren zählten, so Waren sie sämmtlich zu loyale Vasallen der Krone, um att das gesalbte Haupt selbst zu rühren. Längst hatten sie sich ein will- kommenes Object ihres Zorns in Goethe ausersehen, von dem alle begangenen Tollheiten, alles wilde, tadelnswerthe Genie- treiben ausgehen sollte. Graf Görtz besonders war es, der nicht aufhören konnte, auf diesen „Verderben des allergnädigsten Herrn“^ hinzuweisen.

„Dieser Mensch,“ sagte er eines Tages, als er mit Secken- dorf bei dem Patienten zusammentraf, „der in seinem Götz den Aufruhr gepriesen, im Werther den Selbstmord vertheidigtem!) jetzt sich sogar mit dem alten Magister Faust beschäftigen soll, : welcher im Bündniß mit dsttr Teufel stand 7–,dieser frivole Seribent’ vergiftet mit seinen laM Grundsätzen das jugendliche Gemüth unseres allergnädigsten Herrn.“

„Es ist nicht zu verkennen,“ nahm Seckendorf das Wort, „daß die wunderlichsten Dinge hier durch den Gebrauch sanetionirt werden. Ich habe sehr bald gesehen, daß meine rothen Absätze und meine Hofmanieren hier Contrebande sind.. Hetzpeitschen, Reitstiefel und Polnische Schnürenröcke, wallendes Haar und die sogenannte Werthermontirung, das sind die Requisiten zu der Farce, die dieser Günstling uns nach seinem Sinne aufführen läßt!“

„Ja, er und wieder er!“ rief der Hofmarschall in rücksichts- loser Bitterkeit. „Wie werden wir ihn los, diesen Stein des Anstoßes?“

Hier wurden die drei Männer- durch ein leises Kichern in ihrer Nähe erschreckt. Sie blickten zur Seite und sahen Luise [470] von Göchhausen, die, hinter ihrem großen Fächer hervor.blinMnd, offenbar längst als Zuhörerin ihrer Unterredung an der Eingangs^ thür gestanden hatte. ’sie kam näher, nickte ihrem Oheim zu und sägte: „Also unser schoner.FNeur mißfallt den Herren? Aber-ist er’s denn nicht, der unserer, engbrüstigen Geselligkeit den eigentlichen Leb’enZödem ^einblast? Ja, er regiert, giebt Rcgenwetter und ^Sonnenschein und-’ hat auch“ mehr Lebensart und/’G.eschaftsklugheit -als alle Hofschranzen und politischen Kreuzspinnen zusammen--genominen in Leib und. Seele. “So lange Karl August lebt, richten die Pforten der Hölle’nichts gegen ihn aus!“

? HU hatte offenbar in’-der Heftigkeit mehr gesagt,- als siel wollte; ihre klugen Augen flammten, und sie stand in ihren’kleinem Hackenschuhen fest“ da.

„Kind, Kind/ü-nste.Du- mich alterirst!“ rief Göchhausen. ’/ Der Kqmmerherr verbeugte sich artig gegen- die Dame, schob ihr einen Stuhl hin und sagte mit feiner Ironie:

„Das schöne Geschlecht erbarmt sich gern des Gescholtenen^ besonders wenn es sich um einen verführerischen jungen^Herzens-stürmer handelt; ein überaus liebenswürdiger Zug!“

„Es mag auch die Sympathie der’Eingewanderten für einander sein/deUen das strenge Behüten eines convenablen Tons am hiesigen Hose ’wenistGgH-sh.er-zen lietzt-AggHMt Graf mit mehr Bitterkeit „Lediglich Ueberzeugungssache, meine Herren!“ rief das Hofftäulein- ünerschrocken^W Göchhausen war längst, entsetzt“ über die, Aufregung,t-in sei.n Kissen zurückgesunken; tastend suchte er seine Pulsschläge zu zählen.

Ddbeiden ändern Herren verbeugten sich stumm gegen’.die Bertheiöigsrin des abwesenden Dichters, und traten vom Beitel zuruck, M dem LuiUjctzt, Mit Erkundigungen- nach dem ErgchHi’ des Patienten, Platz nahm. Dann räumte sie das Feld, da sie wohl fühlte, daß die eben ausgetauschte, ernste Meinungsverschieden’-j heit einer weiteren /unbefangenen Unterhaltung nicht günstig sei.

[483] Abends war ein kleiner auserlesener Kreis bei der Herzogin Anna Amalie versammelt. Gdethe wollte den von Lavater so warm empfohlenen Schweizer Christoph Kaufmann einführen, -Lavater hatte diesen jungen Mann „Gottes Spürhund“ genannt und hinzugefügt: er sei ein Mensch, der nach seiner äußeren Ausrüstung und den Gesetzen der Physiognomik zu Folge Alles könne !

Der Herzog, Frau von Stein, Luise von Göchhausen, Wieland und Hildebrand von Einsiedel waren bereits zugegen. Man saß um einen Tisch, auf dem einige Wachskerzen brannten und verschiedene Bücher und Silhouetten umher lagen. Die Damen schürzten Filet oder strickten; Luise leitete daneben die einfache Bewirthung mit Wein, Brod und Fleisch, Kuchen, Aepfeln und Nüssen. Sie Hatte soeben, bevor Goethe kam, noch erregt von ihrer Begegnung am Nachmittage beim Oheim, von der Abneigung gesprochen, die män in gewissen Kreisen gegen den Dichter hege. Die kleine gescheidte Person war keine milde Natur; sie lebte vielfach im Katnpfe, und es fiel ihr nicht ein, die zu schonen, welche ihr feindlich gegenüber standen.

Der Herzog lachte laut auf. „Es ist der Neid,“ sagte er spöttisch, „der ekle Brodneid, der sich allerorten breit macht. W ich einen neuen Ankömmling in meinen Hundezwinger lasse oder meinen Schranzen einen Besseren vorziehe, es giebt das gleiche Gekläff; aber den Herrn fallen sie Beide nicht an. ’sie zausen sich nur unter einander, und Der, über den sie jetzt Herstürzen, ist den schäbigen Kerls gewachsen, das glaubt mir!“

Wjeland, der in seiner schönen Wärme für Goethe jeglichen Angriff auf den Freund als persönliche Beleidigung nahm, nannte den Hofmarschall den schiefsten, allerschwächsten und der Natur mißlungensten Menschen, den es je gegeben.

„Nur immer radical vorwärts, mein tapferer Oberonsänger!“ lachte die Herzogin zufrieden. „Sie wissen, daß auch mir der Graf zuwider ist,’denn er lögte es darauf an, mir meinen Sohn zu entfremden.“

Ein warmer Blick mütterlicher Liebe traf den neben ihr sitzenden Karl August. Dieser ergriff ihre volle weiße Hand und küßte sie herzlich, dann sagte er: „Das wird weder dem Görtz noch sonst Jemandem gelingen. Uebrigens ist der Hofmarschall mir doch mit einer gewissen Treue attachirt, wie so eine Art Hausspitz.“

Wieland schnitt ein Gesicht, sagte aber nichts, da in diesem Augenblicke Dvctor Goethe mit seinem Gaste angemeldet wurde.

Aller Blicke, Aller Herzen öffneten sich ihm und flogen ihm entgegen!

„Da bringe ich den Empfohlenen,“ sagte er, seinen Begleiter dem Herzoge und der Herzogin vorstellend.

Es war der’Unbekannte, welcher in Leipzig Corona auf-Mesucht hatte. , Christoph Kaufmann, anscheinend in den Zwanzigern, war ein blühender, kräftiger Mensch in Schweizertracht.

Herzog und Herzogin begrüßten freundlich die Gäste, man machte ihnen Platz am Tische, und sie setzten sich zu den Uebrigen.

Der’Herzog begann den Ankömmling über Lavater zu fragen, und Kaufmann pries ihn in begeisterten Wdrten.

„Sie haben bei ihm die Grundsätze der Physiognomik studirt?“ fragte der Herzog.

„Er hat sie an mir studirt? Nach einer Normal- oder Idealform bilden sich alle Gesetze. Er hat dieselbe in mir verkörpert gefunden. Ich bin das ,Urphänomeist und ausersehen, Jahrhunderte zu überdauern.“

Man sah sich erstaunt an. Die Göchhausen bot dem „Ur-phänomen“ mit Lachen ein Glas Wein, „Ich danke Dir, Lichtkernchen,“ sagte er ernsthaft, „ich genieße nur Urstoffe, Wasser oder Milch.“

Kaufmann entwickelte seine Theorie-vom menschlichen Lichtkernchen, Er schilderte, wie das körperliche. Häusel VW . innen eiygehe und zuletzt als dünner Beleg ein Feuerrad umfange. Wie aus diesem sich Fühlfäden nach rückwärts ausstreckten zu den lichtstarken Genossen der Vergangenheit, um mit denselben zu verkehren.

„Alle Wetter, das wäre!“ rief der Herzog halb spöttisch, halb neugierig angeregt. „Sind Sie denn solch ein Feuerrad mit glacöledernem Ueberzuge, das mit anderen, äußerlich zu Gründe gegangeney starken Lichtleibern wieder in Verbindung treten kann? Oder zu Deutsch: bilden Sie sich ein, mit Verstorbenen communicirm zu können?“ ^ Feierlich neigte der Fremde den schönen.Kopf zur Bejahung.

„Ich. hoffe,“ sagte er schwärmerisch bewegt/ „bald so weit himmlisch umgebildet zu sein. Schon ein Jahrhundert arbeite ich daran.“ .

„Ein Jahrhundert!“ rief der Herzog staunend, „wie alt halten Sie sich denn?“

,, Ich stand mit eineM früheren Menschenalter in Verbindung und bin bestimmt, in einem späteren fortzuwirken!“

Alle sahen sich fragend, lächelnd, ungläubig an. Der Wundermann fuhr fort: .

„Als Gottes Spürhund ziehe ich durch die Lande und suche reine, kindliche Menschen, die ich wittere mit meiner ihnen verwandten Kraft -^ durchsichtig wie Glas seid Ihr alle meinem Auge! – Den Reinen muß ich helfen, ihren Lichtkern in die Schwingungen des Feuerrades zu bringen und sie hierauf dem Meister zufiihren.“

„Also verschiedene Grade giebt es in Ihrer seltsamen Wissenschaft?“

„Ja, verschiedene., .Willst Du, o Fürst, den ersten Meister ’aller Zeiten in diesem Wissen kennen lernen?“

„Lavater?“^fragte die Herzogin gespannt und nahm diese Frage von aller Lippen. .

„Nicht er! ’Ex kann nur ahnend fühlen, wo ein.Sturmbrand-des Lichts im erdklebigen Stoff gefangen weilt. Nein, ein Höherer, ein ungebundenes Feuerrad geistigen Wirkens, vom aschirdnen Stoff knapp umschlossen, das alle Dimensionen durch -glüht, er ist’s, den ich meine!“

„Und wer wäre das?“ fragte der Herzog gespannt.

„Meine Lippen dürfen seinen Namen nicht .nennen! Frage das schönste Weib, welches Dir während dieses Jahres Rundgang begegnet ^^Asie trägt als Stempel seiner Herrschaft eine schwarze Sammetschleife vor dem Busen diese -ist auserkoren zwischen Dir und ihm zu vermitteln.“ .

Des jungen Fürsten Augen blitzten.

„Der lichtreiche Unbekannte scheint nicht so gleichgültig gegen hübsche, erdklebige Schalen zu sein, wie man solchem Ueberwinder derselben zutrauen sollte!“ rief er scharf mit lautem Auflachen. „Ich gestehe, daß vorläufig solche ,Schalensi mir sehr wohl gefasten, mögen sie nun- von innen heraus, in Ihrem Sinne, mein Prophet, düUn oder dick sein.“

„Du täuschest Dich selbst,“ erwiderte Kaufmann. „Kannst Du ein Auge schön finden, aus dem Dir keine verständnißreiche Seele als- Lichstern entgegen strahlt? Denk die schönste Form von. innen .verdunkelt, geistig umnachtet, und Dich schaudert, ihrer Reize ftoh zu werden.“

Der Herzog verstummte sinnend; es lag Wahres in dieser Behauptung des Fremden.

Hildebrand Einsiedel knüpfte eine Frage nach der schönen Leibeignen des Lichtfürsten an, bei der Goethe verständnißvoll vor sich hinlächelte. Kaufmann aber brach auf, ungezwungen Wie bisher Nur nach seinem Belieben handelnd, und überhörte weitere Anreden. Er sagte, er dürfe einem einzelnen Thun nicht mehr Zeit und Kraft gönnen; wichtige. Arbeiten warteten ihrer Erledigung.

„Nun,. Sie werden doch heute Abend nicht viel mehr thun, wir haben Halbzehn Uhr,“ sagte die Herzogin mit einem Blick auf ihre Rococopendule.

nIch schlafe nie, ho.he Fryu,“ entgegnete der wunderliche Mann. „Wer, dem Lichtkern zum Wachsthum verhelfen will, darf der grobfaserigen Masse keine Herrschaft einräumen.“-

„Entsetzlich!“ rief Amalie urid schlug staunend die Hände zusammen. „Sie schlafen nicht, Sie Aermster, da müssen Sie ja krank werden.“

[484] „Ich bin nie krank, ja ich vermag jeden Kranken zu heilen, der Vertrauen zu mir faßt.“

Er verbeugte sich und verließ mit würdigen Schritten das Gemach. Man athmete auf, als der Druck seiner wunderlichen Persönlichkeit aufhörte.

„Da hat uns Lavater einen närrischen Kauz gesandt!“ rief der Herzog. „Aber interessant ist solcher Gesell doch; ich werde mich näher in seine Theorien einweihen lassen.“

„Man weiß nicht, ob’s der Mühe werth ist,“ sagte Goethe.

„Allerdings, Ungereimtheiten hat er vorgebracht,“ lachte Luise von Göchhausen, „die hundert Elephanten nicht wegschleppen können!“

„Alles in Allem,“ sagte Wieland, „ist man hungrig geworden auf etwas Natürliches, Lustiges, Irdischhandgreifliches.“

Das war nach der ungesunden Aufregung das einzig richtige Gefühl.




14.


Der Herzog Karl August hatte sehr bald erkannt, daß sein genialer Freund nur mittels eines ernsten Lebensberufes dauernd in Weimar und an seine Person zu fesseln sei. Mochte Goethe noch so wild mit ihm darauf los wüthen, wenn es galt im Ballsaal, auf dem Eise, oder zu Pferde der vollen Jugendlust genug zu thun, niemals machte er ein Hehl daraus, daß er Besseres brauche, daß er nicht ohne geregelte Beschäftigung leben könne. Aber auch in dem jungen Herzoge lag ein fester Grund edler Pflichttreue. Ihm würde kein Freund genügt haben, welcher seine volle Befriedigung aus der Dinge Oberfläche geschöpft hätte, und so begriff er auch des Andern Bedürfen.

Längst sann er also darüber nach, was er zu bieten habe, wie er Goethe’s Stellung in Weimar festigen und durch einen Beruf ausfüllen könne. Er wußte, daß er mit der Anstellung dieses vielbeneideten und vielgescholtenen Fremdlings einen Sturm im Kreise seiner Beamtenwelt heraufbeschwöre; aber er war Mannes genug, seinen Willen durchzusetzen.

Seit zweiundzwanzig Jahren war der Minister von Fritsch der gewissenhafte Leiter der Regierung; dieser, der von Goethe nichts als eine flotte, geniale Außenseite kannte und seine Zuhörerschaft im Conseil stets gemißbilligt hatte widersetzte sich auf das Ernstlichste seiner Anstellung im Staatsdienste. Ja er bat, wenn dieselbe stattfinden solle, um seinen Abschied.

Der Herzog erklärte aber, daß sein Beschluß, den Doctor Goethe in sein Geheimes Conseil einzuführen, feststehe, und bat, daß sein Minister sich mit dieser Maßregel aussöhne. Nachdem auch die Herzogin Anna Amalie, welcher Fritsch während ihrer Regentschaft treu zur Seite gestanden, sich bittend an ihn wandte, gab der alte Staatsmann nach, und Goethe’s feierliche Einführung in’s Conseil als Legationsrath wurde zur Thatsache.

So war dem Herzoge nun der Besitz des Freundes gesichert.

Goethe, dieser menschenkundige, umfassende Geist, wußte sich auch bald durch sachlich ernste Ruhe, durch respectvolle Unterordnung unter die erfahrenen älteren Beamten, eine gute Stellung im Conseil zu verschaffen und die praktischen Fragen und Sorgen der Regierung kennen zu lernen.

So wie diese Angelegenheit geordnet war, sann der Herzog darauf, des Freundes äußeres Behagen noch fester zu begründen, [485] als bisher. Die beschränkte Wohnung in der Belvedere-Allee konnte auf die Dauer nicht genügen.

Bertuch’s Gartenhaus am Stern hatte Goethen einst besonders wohl gefallen; an einem Wege gelegen, der nicht weit vom Thor sich an den Wiesen der Ilm hinzog, mit einem freundlichen Blick auf die Stadt, einem baumreichen, aufsteigenden Garten war es ein gar freundlicher Sommersitz. Diesen Garten tauschte der Herzog für den Freund ein, und beglückt ging Goethe daran, sich mit Philipp das neue Heim einzurichten.

Es war im Mai, die Bäume grünten und blühten, die Wiesen an der Ilm schimmerten, mit zahllosen gelben Blumensternen besäet, in satter Smaragdfarbe; der Fluß schien klarer und munterer als bisher an den Baumwurzeln des Ufers dahin zu rauschen, der Himmel wölbte sich in dem tiefen Blau eines köstlichen Frühlingstages, die Vögel jubilirten in den Zweigen, und Spaziergänger zogen in Schaaren aus dem Stadtthor und den Weg an Goethe’s Gartenhause vorüber. Eine schlanke, vornehme Frauengestalt mit einem kleinen Knaben an der Hand war unter ihnen. Goethe hatte sie von seinem Altan aus bemerkt, er eilte hinunter und kam ihr freudestrahlend an seinem Gartenpförtchen entgegen; die schlanke Frau folgte seiner Einladung und trat mit dem Kinde bei ihm ein. Er nahm den Kleinen auf den Arm, herzte ihn und erzählte, daß in seinem Garten prächtige Blumen für den lieben Jungen gewachsen seien, die er alle pflücken dürfe. Der kleine Fritz von Stein lachte hell auf vor Vergnügen und zappelte, um zur Erde zu kommen, damit er hinaus auf die Terrassen unter die blühenden Bäume laufen könne.

Hinter dem hellgetünchten kleinen Hause befand sich ein gegen Staub und unberufene Gaffer wohlgeschütztes Plätzchen. Knospendes Jelängerjelieber rankte an der Hauswand hinauf, eine Bank und ein Tisch standen daran; vor sich hatte man den schattigen und doch sonnig durchleuchteten Garten. Freundliche Lichter hüpften unter den bewegten Zweigen über Blumen und Moos, und unter ihnen das jauchzende Kind in seinem Sammeleifer, die Händchen voll grüner Herrlichkeiten.

Die beiden Menschen am Hause, die sich so wohl verstanden, hatten noch wenig gesprochen, sie schwelgten in der wonnigen Natur und in dem Glücke des Zusammenseins.

„Ich fühlte eine heiße Sehnsucht nach Dir, und da sah ich Dich kommen, es war eine schöne Erfüllung!“ sagte Goethe mit tiefem Gefühle.

„Der gestrige Abend bei Baron Reinbabens lag mir schwer im Sinn,“ entgegnete Charlotte von Stein, ihre weiche Gemüthsstimmung bemeisternd. „Ich wollte einmal ruhig mit Ihnen unsere, Ihre Lage erwägen, deshalb kam ich heute.“

„Ich habe auch die Nacht durch manches Knäulchen Gedankenzwirn auf- und abgewickelt.“

„Ich dachte mir’s. Sie wissen, daß ich Sie schätze, Sie lieb habe wie einen jüngeren Bruder, oder älteren Sohn! – Aber warum dies große, warme Gefühl, das in meinem Herzen erstanden ist, da es eben am Zuschließen war, in irgend eine irdisch übliche Form gießen? – Genug, daß mich Ihr Wohl wie etwas Eignes interessirt; daß ich sogar ohne Bedenken, wenn wir allein sind, Formen, übliche Trennungszeichen menschlicher Beziehungen als überflüssige Schranken zwischen zwei Seelen, die [486] so tief verbunden sind, fallen lasse; daß ich Dir das schwesterliche Du gebe, und es mit süßer Freude von Dir annehme. Dies Alles, mein Wolfgang, mein Freund, gehört aber^nicht vor den Richterstuhl der tadelsüchtigen, ewig mißverstehenden Menge, die ja für unsere tiefe Sympathie kein Organ hat, die Alles, was uns reinigt und begeistert, mit dem Maß unwürdiger Koketterie oder Liebelei mißt und danach abthut. Also, thörichter, un- vorsichtiger Liebling! Sei auf Deiner Hut vor dieser spitzzüngigen großen Welt und hüte Deine glühenden Dichterworte vor Denen, die sie nur mit Spott aufnehmen.“

Sie hatte warm und mit Anmuth gesprochen; er hielt schön lange ihre linke Hand zwischen seinen beiden Händen gefangen; während sie, in der Rechten einen blühenden Fliederzweig schwingend, mit graziösem Tändeln ihre Worte begleitete, sah er ihr glücklich lächelnd in das feine, bewegte Antlitz. Sie fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Die Herzogin Luise, bedrückt von ihres Gatten sichtlicher I Kälte gegen sie; Dir anfänglich mit Wohlwollen entgegenkommend, hat jetzt den Einflüsterungen des Grafen Görtz Gehör geschenkt, sie hält Dich für ihren Rivalen, für den Verführer ihres Gatten, der ihr sein Herz entfremdet, und sieht Dich mit eifersüchtigem Uebelwollen an.“

„Mich? Der ich sie so herzlich verehre?“ rief Goethe erstaunt.

„Ja, es ist so. Wie unwillkommen Du den Beamten im Conseil warst, ist Dir kein Geheimniß geblieben- Der Boden ist also unsicher und glatt unter Deinen . Füßen und Vorsicht, wohl- überlegtes Auftreten ein Gebot der Klugheit. Diese Ber- mummüngen, diese, geistreichen, improvisirten Scherze, wie gestern Abend, sind in solchem Kreise nicht erlaubt.“

„Erlaubt ist, was gefällt!“ lachte er.

„Erlaubt ist, was sich schickt,“ entgegnete sie bestimmt.

Auch er ward jetzt ernster.

„Sollen wir denn immer und überall entsagen und uns beschränken?“ rief er unmuthig. „Der Herzog hat mich an sein Geschäft gebunden; aus der Liebschaft ist eine Ehe geworden!

Ich habe hier zu Wieland, Knebel, Einsiedel und Anderen eine gute, reine Stellung, Mein Freund Herder wird noch herkommen, so bin ich gedeckt und biete allen Hofschranzen die Spitze. Ich will und bedarf kaum mehr, wenn Du mich nicht los läßt, Be- liebteste, denn die Sicherheit meines Verhältnisses zu den einmal Erwählten, mir Gegebenen kann ich nicht entbehren.“

,-Du darfst und wirst nie an mir zweifeln,“ sagte sie innig: „Was ein treuer Mensch dem Andern sein kann, bin ich Dir immerdar! Laß mich Dir eine Stütze sein, geliebter Freund!

Verstehe Meine Ruhe, wenn wir zusammen unter Menschen sind; ich darf ja nicht zeigen, wie hoch ich Dich halte!“

Er küßte ihre Hand wiederholt und dankte ihr mit flammen- den Liebesworten. Eine frische Männerstimme rief jetzt seinen Namen, er sprang auf und eilte dem Herzoge entgegen.

„Ah !“ lachte Karl August schelmisch, „gewiß ein ästhetisches Conseil, das ich störe ? Bitte um Verzeihung, bin aber verteufelt gern mit von der Partie und sehe nicht ein, warum ich mich an diesem goldenen Frühlingstage ennuyiren soll.“

Er setzte sich zu den Beiden, die ihn artig begrüßten.

Das Gespräch wandte sich bald auf Christoph Kaufmann.

Goethe erzählte, daß Kaufmann bei einem Manne, den er seinen Herrn und Meister nenne, in Kassel sei, daß er aber mit dem Gedanken umgehe; noch einmal nach Weimar zurück zu kehren.

„Und wie heißt der Mann, bei dem dieser wunderliche Gast sich aufhält?“

„Graf von Saint Germain; er ist ein berüchtigter französischer Abenteurer. Landgraf Friedrich von Hessen, der, den Mäcenas spielt und die üppige französische Wirthschaft führt, zieht solche.

Geister au. Uebrigens giebt es auch Leute genug, die auf des Grafen Wunderthaten und übernatürliche Künste schwören.“

, „Ich möchte auch nicht Alles ablehnen, was nicht klar vor mir liegt,“ sagte der Herzog mit sinnendem Ausdruck, „und jenes ofterwähnten Meisters Bekanntschaft würde mich höchlich ergötzen. Görtz soll an den Hofmarschall von Bischofshausen in Kassel schreiben und wegen jenes Grafen Saint Germain, den Du als Protector Kausmann’s nanntest, anfragen.“

„Das wird dem sehr gelegen kommen,“ sagte Goethe trocken Frau von Stein sah ihn befremdet an, dann ftagte sie: ) „Sie scheinen einen Wunsch oder gar die Absicht jenes Wunder- mannes vorauszusetzen, hierher zu kommen? Wie verstehe ich den Argwohn des Dichters diesen phantastischen Leuten gegenüber?

Hat Ihr Prophet Lavater nicht unter Kausmann’s Silhouette geschrieben: ,Er kann, was er will!! . Hat er ihn nicht für einen außergewöhnlich begabten Menschen erklärt?“

„Allerdings hat er das!“ rief Goethe auflachend, „als Beweis, daß auch Propheten ixren können.“

„Nun, streiten wir nicht,“ sagte der Herzog besänftigend. ’ „Ich für meinen Theil lasse diese curiösen Adamssöhne noch nicht fallen; wir wollen auch nicht übersehen, daß sich in unserer Zeit ’ Mancherlei für sie regt. Man rüttelt von allen Seiten an Pforten, die in dunkle Tiefen der Natur führen, und vielleicht wird sich hier oder da ein lichter Spalt aufthun. Mit einem jener Ab- ’ sonderlichen in nähere Berührung zu treten, könnte mich baß gaudiren!“

„Nur in der Kunst keine Dunkelheiten und dem Leben ab- gewandte Spitzfindigkeiten!“ rief Goethe erregt. „Mein Bestreben, n§ meine unablenkbare Richtung ist: dem Wirklichen eine poetische ’ Gestalt zu geben; wer das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen sucht, verirrt sich vom Ziel abwärts. Und sonach ist mir alles dämmerig Unnatürliche verdächtig/’ „Wenn man sich seltsame Käuze in der Nähe ansieht, ist man ihnen und ihrer ganzen Richtung ja nicht mit Haut und Haaren verfallen!“ lachte der Herzog; damit stand er auf und fragte, ob Frau von Stein ihn mit dem Freunde zurück begleiten werde?

Die kleine Gesellschaft schlug, unter fortgesetztem Geplauder, den Weg zur Stadt ein. Es begegneten ihnen öfter ehrerbietig grüßende Spaziergänger?! die, obwohl die Sönne schon im Sinken war, doch noch auszogen, den schönen Abend im Freien zU genießen.

>WKDa kommen ein paar bekannte Damen,“ sagte Frau von Stein >1 zu den lebhaft redenden Männern. „Es ist Auguste Kalb mit der kleinen Laßberg, die so lange krank war.“

„Klein nennen’sie die?“ flüsterte der Herzog, „sie ist ja eine schlanke Elfe und viel größer als das dicke Gustchen.“

Man trat den jungen Mädchen entgegen; und Frau von Stein fragte nach Christels Gesundheit. Mit niedergeschlagenen’ Augen i stammelte diese, daß es ihr wohl gehe.

Der Herzog neckte Auguste mit den „Flammenküssen“ der scheidenden Sonne, die, „ihren Lilienteint umwerbend, Unheil an- richten würden“.

Gustchens warme bräunliche Haut färbte sich höher bei diesem 1 leicht erkenübaren Spott, und sie wehrte sich in lebhafter Weise.

Goethe vermied es seit jenem Redoutenabend, ihr Artigkeiten zu erzeigen, er wandte sich also zu der eben Genesenen und sagte ihr einige theilnehmende Worte. Hohe Gluth wechselte mit Todten- blässe auf den feinen Zügen des bebenden Mädchens, und sie f vermochte sichtlich kein Wort der Erwiderung hervor zu bringen- Unter ihren beinah geschlossenen Wimpern quollen Thränen hervor, und gleich darauf mußte Frau von Stein die Schwankende in ihren Armen auffangen.

Die Herren erschraken, man sprach davon, sie nach Goethe’s Hause zu tragen, eine Sänfte zu holen und dergleichen mehr.’ I Bäld aber richtete sich Christel mit großer Selbstbeherrschung auf, versicherte, indem ihre Farbe wiederkehrte, ihr sei Wohl, und ver- abschiedete sich hastig von der Gesellschaft, indem sie den Arm ihrer: Begleiterin nahm.

Die beiden Männer sahen sich erstaunt und kopfschüttelnd, an, und Goethe sagte: „Welch seltsamer Windzug, der Freundschaft führt diese beiden Seelen zu einander? Wie kommt’s, daß gerade die sich ihre - Gefühle geben? Gustchen eine derbe und bis auf den Grund hohle Natur, und daneben diese fest geschlossene Knospe, diese Sensitive, die bei jeder Berührung erzitternd in sich selbst zurück schreckt, süßleidender Sentimentalität hingegeben. Nur die leeren Häuser stehen offen und die reichen sind geschlossen.!“

[498]
15.

Die alte Frau von Werthern war in der letzten Zeit mit dem Betragen ihrer Schwiegertochter außerordentlich zufrieden gewesen.

Emilie hatte es sogar neuerdings abgelehnt, in dem Goethe’schen Singspiel „Erwin und Elmire“ – von der Herzogin Amalie in Musik gesetzt – die Hauptrolle zu übernehmen, zu der man sie, neben Mademoiselle Rudorf, auf den besonderen Wunsch des Herzogs bestimmt hatte. Sie zog sich erst zurück, nachdem schon ein Paar Proben abgehalten waren, und brachte die Gesellschaft in einige Verlegenheit. Sic schützte aber Unwohlsein vor, und in der That konnte man ihr glauben, so seltsam bewegt, wechselnd in Farbe und Ausdruck wie jetzt, war sie früher nie gewesen. Auguste von Kalb trat nach einigen koketten Winkelzügen für sie ein und machte nun mit dem Kammerherrn von Seckendorf das zweite Paar.

Ließ auch Emiliens Verfahren an Rücksichtnahme einiges zu wünschen übrig, so verzieh ihr die Schwiegermutter in dem tröstlichen Gefühl, daß sie den bösen Zungen, die ihre Beziehungen zu dem jungen Fürsten bespöttelten, diesmal keine Ursache zu schlimmen Bemerkungen gebe. Auch daß Emilie viel zu Hause blieb, still für sich in der Gartenlaube saß, sich höchstens von dem ungefährlichen Bergrath von Einsiedel vorlesen ließ, diente zur Beruhigung der alten Dame. Sie empfand es als ein um so größeres Glück, daß Milli plötzlich so verständig geworden war, als ihr Gatte sie ärger denn je vernachlässigte.

Der Rittmeister hatte mit der Fuchsstute ein gutes Geschäft gemacht und schwamm im Ueberfluß; die Zeit der contractlichen Rücksichtsnahme für seine Frau war überstanden, er lebte jetzt also um so wilder, war oft Tage und Wochen lang auf Nachbargütern, zu dienstlichen Ritten oder Jagdpartien entfernt und bekümmerte sich wenig um beide Damen.

Emilie schien die Empfindlichkeit über ihres Mannes Benehmen abgelegt zu haben. Wenn er früher Tage lang nicht nach Hause kam, oder Abend für Abend in’s Wirthshaus ging, hatte sie sich schweigsam mit Thränen in den Augen abgewandt. Jetzt fand er sie immer gleichmüthig gestimmt. Raffte er sich zu einer Art Entschuldigung über sein Ausbleiben, seinen Lebenswandel zusammen, so pflegte sie zu entgegnen: er solle doch ja nach seinem Gefallen leben und ihretwegen sich nicht beunruhigen. Kurz, sie machte es jetzt beiden Theilen recht und war ihm eine so bequeme Frau, daß er anfing, sie auf seine Weise gern zu haben.

Es war an einem warmen Junitage, als Emilie mit ihrer Filetarbeit in der verschnittenen Lindenlaube saß, welche ihr den kleinen Stadtgarten so angenehm machte. Dies Fleckchen hinter dem von Häusern eingeschlossenen Hofplatz, eingehegt von einer Nachbarmauer, an zwei Seiten von andern Gärten umfaßt, war trotz seiner Enge, seiner Ein- und Abgeschlossenheit ein Paradies für die junge Frau geworden. Ein Paar schmale, von Buchsbaum und Lavendel begrenzte Wege, ein alter hoher Apfelbaum voll Staar- und Sperlingsgezwitscher, einige Taxusfiguren, ein Beet mit starkduftenden Narcissen und etwas Gebüsch gab die ganze Herrlichkeit ab. Die Lindenlaube war auch mehr einem Vogelbauer ähnlich, als einem Aufenthalt im Freien, sie hatte eine ringsum laufende Bank und einen runden, den mittleren Lindenstamm umfassenden Tisch, an dem Emilie jetzt ihr Nadelkissen zu einer endlosen Filetarbeit festgeschraubt hatte. Sie ließ aber oft die Hände sinken und schaute ungeduldig nach der kleinen Lattenthür, die auf den Hof führte; es war ersichtlich, daß sie Jemand erwartete.

Endlich öffnete sich das Pförtchen, und Moritz von Einsiedel trat in den Garten; das hübsche Gesicht der jungen Frau wurde bei seinem Erscheinen von einem hellen Roth der Freude übergossen. Er kam zu ihr in die Laube, küßte ihr die Hand und setzte sich neben sie; ein Buch, das er mitgebracht hatte, auf den Tisch legend.

„Sie sehen ernster aus als sonst, Herr von Einsiedel,“ sagte Emilie, ihn ängstlich beobachtend. „Habe ich irgend etwas gethan, das Sie verdrießt? Als Sie gingen, waren Sie mit mir zufrieden, weil ich die Rolle der Elmire auf Ihren Rath abgegeben hatte.“

„Es war verständig von Ihnen, daß Sie mir folgten; seien Sie ferner vorsichtig, auch wenn ich nicht da bin, Sie zu warnen.“

„Müssen Sie schon wieder verreisen?“ rief sie erschrocken.

Er seufzte, sah sie an und murmelte gepreßt: „Ja, auf lange Zeit.“

Sie schrie fast auf: „Gehen wollen Sie? Um Gottes willen, was haben Sie vor?“

„Ich komme, dem Rittmeister die Wohnung zu kündigen, da ich ganz fort will,“ sagte er hart und trocken.

Emilie war sichtlich keines Wortes mächtig, endlich brach sie in Schluchzen aus. Sie legte ihren Kopf in beide Hände und weinte laut, während ihr Körper krampfhaft bebte.

Diesen rückhaltlosen Ausbruch der reizbaren Frau hatte er nicht erwartet. Auch seine Farbe wechselte; er flehte sie an, sich zu beruhigen, er wolle ganz, ganz rückhaltlos offen gegen sie sein, dann müsse und werde sie ihm Recht geben. Er zog ihr die Hände von den Augen, küßte ihre thränenfeuchten Finger, sprang dann plötzlich auf, machte einen raschen Gang durch den kleinen Garten und kehrte beruhigter zu ihr zurück.

Sie erwartete ihn bleich mit weitgeöffneten, fragenden Augen.

„Was treibt Sie fort,“ stammelte sie, „warum wollen Sie mir das anthun? Sie wissen ja, wie glücklich ich war, wenn Sie mir vorlasen, mit mir plauderten! Ich war nicht mehr vergnügungssüchtig, nicht mehr anspruchsvoll. Diese Laube war meine Welt. Ich konnte jetzt meine Schwiegermutter und Werthern zufrieden stellen, aber nur, weil ich glücklich war durch den Verkehr mit Ihnen.“

Es lag etwas Schlichtes, Rührendes in ihren Worten und in der demüthigen Weise, in der sie sprach.

Er setzte sich ihr gegenüber; ernst und doch voll Milde und Liebe sah er das bebende junge Weib an, dann sagte er mit tiefem Athemzuge:

„Ich fühlte lange, daß ein rettender Entschluß für uns Beide gefaßt werden müsse. Täglich konnte ich Sie weniger entbehren, Emilie. Seit dem Winter fingen plötzlich meine Gedanken an, sich nur auf Sie zu richten. Ich war nicht mehr derselbe, ich konnte nicht bei meinen Büchern aushalten. Immer dachte ich daran, wie ich Ihnen begegnen könnte. Seit einigen Wochen trafen wir uns täglich. Anfänglich ergab auch ich mich dem Reiz dieses Verkehrs ohne Gegenwehr, dann ward mein Zustand, wenn [499] ich nicht bei Ihnen war, ein peinvoller Kampf. Wohin führte uns diese Neigung, der wir uns überließen? – Es ward nichts zwischen uns ausgesprochen, aber wir wußten, wir fühlten Beide, bei jedem Blick, jedem Laut, jeder Berührung, wie theuer wir einander waren.– Ich bin kein gewissenloser Phantast, Emilie’; ich will uns nicht in’s Elend stürzen. Ich bin ein Mann, der ernst mit sich und seinen Leidenschaften ringt. Fest sagte ich mir: bis hierher und nicht weiter! Dann fragte ich mich: was thun? Wie der gefährlichen, der wachsenden Empfindung, ent- gegentreten oder ihr entrinnen? Da bot sich mir die nöthige Umkehr in der Form einer jahrelangen Trennung. wurde kürzlich von einer Compagnie zur Ausbeutung afrikanischer Gold- bergwerke ein günstiges Anerbieten gemacht. Unter anderen Verhältnissen würde ich meine Stellung hier nicht aufgeben, jetzt thue ich es Ihres-, unsertwegen, Emilie,. Es ist ein rettender Ausweg, den ich mit blutendem Herzen, aber getrieben von der Nothwendigkeit einer Trennung einschlage.“

„Das überlebe ich nicht!“ stöhnte sie mit verzweiflungsvollem Ausblick. „Verlassen von Ihnen, was soll ich anfangen? O, könnte ich mich, doch von Werthern scheiden lassen!“ - „Scheiden, scheiden!“ rief er, das Wort aufgreifend. „Scheiden, ja, das wäre nichts als ein äußerliches Bethätigen- des innerlich längst Geschehenen.“

„O sagen Sie mir, was ich thun solllpJch gehorche Ihnen/ ich will nichts, als mich Ihnen unterwerfen. /Soll ich zu Werthern gehen und ihm sagen, was ich wünsche? Vielleicht wird er,’mich schlagen, aber was schadet das! Die Mutter –“^sie stockte plötzlich, ward roth und blaß, sagte noch einmal: „Die Mutter“/Ei und brach dann wieder in Thränen aus.

„Nun?“ fragte er gespannt. ’ „Glauben’ Sie, daß Frau von Werthern Ihnen wesentliche Hindernisse inchenMeg^legen’kaun?“

„Meine Schwiegermutter,“ stammelte Emilie,/“s,ist ein Engel; sie ,besitzt alle die Tugenden, welche ihrem Stiefsohne fehlen. Sie öffnete-mir ihre Arme, nahm mich in ihre-Obhut und ward meine Freundin. Was sie vermochte,- hat -sie ’für mich gethan.

Dafür forderte sie nur, daß ich den bösen Schein meide, daß ich einen Schleier über mein trauriges häusliches Verhältniß werfe und meinem, ihrem guten Namen jedes Opfer bringe. Mit den heiligsten Eiden’habe ich ihr diese Schonung zugeschworen. ^Jch.

würde sie entsetzen, wenn ich ihr von einer Scheidung sprechen wollte, Das war es, was eben wie mit Bergeslasten auf mich fiel!“

Nach einer für beide Seelen inhaltschweren Pause sagte er: „Sie haben Recht, eine ’ Scheidung ist etwas Verletzendes für alle Theile. Auch ich bange davor, dies Verfahren über Sie kommen zu sehen.“

„Aber was dann?“ ’ „Ich wähnte sagen zu können: bis hierher und nicht weiter!

Aber eine neue Stunde bringt neue Gewalten in’s Spiel; treibende, fordernde, herzbewegende Empfindungen. < Eben war ich noch Herr der Verhältnisse, sicher die Wogen meines Lebensstrom es-theilend -D jetzt schlagen mir die Sturzwellen über dem Kopfe zusammen.“

E nQ daß ich Sie mit mir in diese Noth bringe!“

„Emilie! Noth? Ist das, was ich für Sie empfinde, nicht trotz Allem – Seligkeit?“

„Moritz, also doch? Also wirklich?“ jubelte sie. / /’///Ich bin wie aus einem Kerker an’s Licht gestiegen. Ver- graben in meine Wissenschaft, suchte und fand ich nur in ihr Zweck und/Ziel. Plötzlich schmückt sich in der Liebe zu Dir das Leben mit ungeahntem Reize. Ich weiß, ich fühl’s jetzt: Mann und Weib können sich hienieden das Höchste sein Und geben!“

^ „Oder das fürchterlichste Elend bereiten,“ sagte sie jammernd.

„Ja, Du hast Recht! Es ist eine Grausamkeit, Dich, liebstes Wesen, Dich, für deren Wohl- H mein Vaterland aufgebe, hier in dieser unwürdigen Lage hülflös zurückzulassen, seiner, des Rohen Gewalt preisgegeben!“

Emilie stöhnte in--,wortloser Qual.

Er schwieg, tiefbewegt-und schaute rathlos vor sich hin.

„Wäre ich doch todt;“ seufzte sie, „und läge daheim auf dem elterlichen Gut in der düstern Fawiliengruft!“

„Ja, es wäre, besser für Dich!“

Es wär ein Seufzer der Verzweiflung und zugleich der Resignation, mit dem er diesen herben Ausspruch that.

/ “Sie /bedeckte ihr Gesicht mit den Händech sah dann plötzlich wie von einem Entschluß erfaßt auf und.’ffagte: „Ich will keine Eclat machende Scheidung, aber ich will Trennung; ich bleibe nicht bei ihm! Mein guter, treuer Bruder, der jetzt das elterliche Gut bewirthschaftet, verheirathet mit einer Jugendfreundin von mir, hat mir versprochen, daß er mich auf- nehmen wolle, wenn Werthern mich schlecht behandle. Ich war schon oft in Leitzkau bei den Geschwistern. Sie kennen meine Liebe und Rücksichtnahme für die herrliche alte Frau hier und billigen diese Empfindung. Ich will zu ihnen, ihnen meine Lage schildern’, um ihren Beistand flehen, sie sollen mich für den traurigen Rest meines Lebens bei sich behalten.“

„Wird Deine Schwiegermutter diesen Plan der Trennung billigen?“- - „Ich nehme keinen-Abschied von ihr; ich theile ihr meine Absicht nicht mit! Wenn sie mich wiedersehen will, muß sie auf das Gut kommen.“

„Armes Kind, wie wirst Du es ertragen, ohne Zweck und . Ziel, in der Einsamkeit begraben Dein Leben hinzubringen! O, ? könnten wir wenigstens die kurz gemessene Zeit vorher bei einander sein! Dann nähmen wir Beide eine glückselige Erinnerung mit in unsere-Verb’aststnng!“’ Sie griff dieses Wort auf, sie versicherte ihm, er werde als Gast ihres Bruders willkommen sein; sie malte Hm aus, wie abgeschieden und sicher vor Späherblicken man in Leitzkau lebe, wie M/Mschwister^ihnen ein paar Tage SeligkeikDein paar Tage unbefangenen Sehens, Verkehrens, sich Liebens gönnen würden: s „Und sollte auch der Tod am Ende einer solchen Himmels- wonne lauern,“’--rief ffie leidensch’aftlich, „er würde mir willkommen I sein! Was gäbe es denn noch Höheres, Herrlicheres in dieser Welt zu erleben, als die genossene Seligkeit mit Dir? Dann Wüßte ich, weshalb ich geboren wurde, und wollte gern scheiden!“

Sie verfolgten ihren Plan und beschlossen, Weimar zusammen zu verlassen.

Emilie meldete sich bei ihren Geschwistern, und der Bergrath kündigte seinem Hauswirth die Wohnung, löste seine Beziehungen und richtete Alles zur Abreise ein.

Als die junge Frau über ihre angegriffene Gesundheit klagte, rieth die Mutter selbst zu einem Landaufenthalte beim Bruder.

Da eben der Hof einen begünstigten Theil der Gesellschaft zu längerem Besuche auf der Ettersbürg einlud, wo mancherlei Lustbarkeiten stattfinden sollten, und auch Emilie dieser Aus- Zeichnung gewürdigt ward, trieb die sorgliche alte Dame selbst ihre Schwiegertochter, bald nach Leitzkau abzureisen, um sich die Anstrengungen der Ettersburger Fsten nicht aufzuerlegen. Sie war entzückt von dem Verhalten ihres verständigen, folgsamen Kindes, das die Freuden der Hofgesellschaften aus Rücksichten, und wie sie meinte auf ihr Zureden, opferte, und hoffte, daß sich so nach und nach immer mehr ihre gefährlichen Beziehungen zu dem jungen Herzoge lösen würden.

Herr von Einsiedel zog aus dem Werthern’schen Hause fort; W beabsichtigte die letzte Nacht im Gasthofe zuzubringen.

Der Rittmeister war vor ein paar Tagen abgereist, um eine große Höfjagd in Sondershausen mitzumachen.

Emilie hatte sich den Wagen ihres Bruders zur Stadt be- stellt, sie wollte am andern Tage Weimar verlassen; diesen letzten .

Abend verlebte sie bei . ihrer Schwiegermutter in deren wohnlichem Stübchen, aus dem sie sich so oft Trost und Liebesbeweise ge- holt/n hatte.

„Du bist wirklich sehr nervenschwach, wein liebes Mnd,E.

sagte die alte Dame beim Abschiede in ermunterndem Tone zu der Weinenden. „Es ist die höchste Zeit, daß Du hier fort und auf das Gut kommst. Ich empfinde ja mit Dir, mein Schäfcheü, aber um so mehr lobe ich Dich und halte Dich in Ehren! / Du wirst es nie bereuen, Deiner alten, besten Freundin gefolgt zu sein.“

Das war zu viel Güte von Seiten der arglosen Frau!

Emilie warf sich, ergriffen von Trennungsschmerz, ihr zu Füßen, umfaßte ihre Kniee und schluchzte laut.

Frau von Werthern erschrak. „Welche Scene, mein: Kind!’ ^ Keine Exaltation, ich bitte; auch meine Nerven ertragen das nicht: .

Steh’ auf und geh’, wir sehen uns hoffentlich bald und frischen Muthes Wieder!“

EmW sprang auf, noch einmal umfaßte sie die Mutter, küßte sie leidenschaftlich und stürzte wortlos hinaus. [500] Am ändern Morgen stand der Leitzkauer Wagen, bepackt mit ein päar Koffern / vor Emiliens Hause. Erfüllt von wider-streitenden Empfindungen, warf die Flüchtende, die auf Nimmerwiederkehr Scheidende, sich hinein. Sie hatte mit Einsiedel die Abtehe getroffen, daß er zu Fuß die Stadt verlassen und draußen, an der kleinen Schleuse des Schwanensees, zu ihr in den Wagen steigen solle. Sowie sie das Thor hinter sich hatte, richtete sich all ihr Denken auf ihn. Dine wallende Freude und Spannung erfüllte ihr leichtbewegliches Gemüth, ünd> den Lederv.orhang der Kutsche zurückschiebend, legtesieflchweit hinaus, um nach dem Ersehnten auszuspähen; Da schritt vor dem Wagen /ein Mann auf die kleine Wiesenschleuse zu; das mußte er sein! -’./Sie! gebot dem alten . Kutscher i aus der Heimath, bei dem Herrn drüben anzuhalten. Der Mann nickte gehorsam, schlug auf seine Gäule und fuhr äuf die vor ihm befindliche Gestalt zu; jetzt hielt er dicht neben dem Wanderer. Emilie bog sich weit heraus, um ebenso rasch erschrocken zurück zu fahren.

Es war der Oberkämmerer von Göchhansen, welcher; von seinem Krankenlager erstanden- den gewohnten Morgenspaziergang machte und jetzt an der Schleuse stand; sie zerstreut aus seinen wasserblauen Augen anstarrend, schlug er mit-dem Stock auf das Holz und sagte pathetisch : > „Lopis Wilhelm von Göchhausen ist hier gewesen!“

Dann wandte er sich ab und schritt davon. Auf der ändern Seite des Wagens aber wurde ln diesem Augenblicke die Thür aufgerissen; mit raschem Satz sprang Moritz von Einsiedel zu der Geliebten herein!

[512]
16.

Ist das ein TM rief. Kart August, sich im abendlichen Waldesschatten ckus mioosigdm Gründe dehnend. „Man möchte ihn immer weiter leben und dann nochmals von vorn anfaNgeyd He, reich Mir die Feldflasche, Wedel, laß sie füllen und kreisen) denn >)Jhr werdet alle durstig.sein.“

Und es war in der That ein Tag, wie Man ihn nicht schöner denken konnte. Des Herzogs „zappelnde Frühlingsungeduld“ zu, befriedigen, war . man mit einer Gesellschaft fröhlicher Jagdkumpane Tages zuvor aus Weimar aufgebrochen.

Ueber Berka und Stadt Ilm ging’s zk Pferde- nach Ilmenau, wo die Besichtigung der wieder in Angriff zu nehmenden Bergwerke Hauptanlaß des Kommens und der landesherrlichen Sorge war, da die arme Bevölkerung Verdienst brauchte.

Nach einem Abendtanz im Schießhaufe, wo sich die Mädchen und Burschen der Nachbarschaft versammelten, denen die Cavaliere in ihren ’ Jagdkleidern sich fröhlich, gesellten, hatte MN die Nacht in Ilmenau zugebracht, um heüte in aller Frühe die Hirschjagd zu beginnen. Jetzt lag eine ganze „Strecke“ der edlen Thiere unter den Bäumen.

Ein junger Spießer ward eben aüsgeweidet, .er sollte von einem.gewandten Jagdgehülfen am abseits lodernden Feuer für die Abendmahlzeit gebraten werden.

Man befand sich zu fern von Menschenwohnungen-um ein Nachtquartier aufzusuchen; hatte es doch auch Reiz, die laue Frühlingsnacht im Freien zuzubringen.

Das Bretterhaus auf dem M nahen „Gickelhahn“ sollte dem Herzog als Nachtquartier dienen, für die ändern Jäger waren Laubhütten unter den Bäumen aufgeschlagen.

Auch Goethe war am Morgen mit von Ilmenau hinausgezogen, ihn reizte das Jagdvergnügen aber nicht; die Anspannung, welche dasselbe erforderte, hinderte ihn, sich der Naturbetrachtung in seiner Weife hinzugeben, und nahni ihm die Sammlung, welche er draußen in Wald und Feld begehrte, Mit der Skizzenmappe und dem Bergstock wunderte er, dem Stande der Sonne folgend, die waldigen Berge hinan. Zuvor war die Abrede getroffen, daß er sich gegen Abend in der Nähe des Gickelhahns, wo Hallali geblasen werden sollte, zum gemeinschaftlichen Abendessen wieder einfinden wolle. So hatte er einen schönen Tag, nach, seinem- Sinn, einen Tag recht am Herzen der Natur, den er schlendernd, beobachtend, zeichnend zubringen wollte, vor sich, und tauchte tief aüfathmend in wohligem Freiheitsgefühl in das Meer von Grün ein, das ihn wie mit duftigen Wogen umfing.

Das Zeichnen war ihm eine Herzenssache, eine Beschäftigung, auf die er immer wieder mit Vorliebe zürückgriff.

Hier stieg er auf elastischem Moosteppich, dort durch raschelnd dürres ’Winterlaub, über Steingeröll oder ausgefahrene Geleise der Holzfuhrleute und Köhler hinan. Der Rain war mit jungen Erdbeerblüthen bedeckt; dort schwankte noch die letzte Weiße Anemone auf zartem Stengel im Lustzuge; auf sonniger Waldwiese mischten sich wilde blane Salbeidolden mit Klee und. weißen Sternblumen. An -feucht dämmerigen Stellen schossen diM frischgrünen Düten der Maiglöckchen Mit ihren duftigen Blüthen ans, und Brombeer- und Himbeerranken kletterten im Unterholz.

Lautschallend pickte der Specht, der Kukuk rief, Käfer und Schmetterlinge schwirrten lustig umher) Ä Endlich hatte er die freie l l Höhe des Berges erreicht, zu dem er aufstieg. Er stand über den bewegten. Wipfeln, die zu ihm heraufstrebten, und schaute tief in saftgrüne Waldweiden, wo scheue Rehe ästen. Andere Bergeshäupter im köstlich grünen Waldmantel standen um ihn her. In blauer, sonnendurchglühter Ferne fand sich ein Durchblick zur feldbebauten Fläche, in der er einen Wasserfaden verfolgen und einen Kirchthurm erkennen konnte-Begeistert flammte sein Blick über das großartige Stück friedvollen Naturlebens, das vor ihm ausgebreitet lag, und er begann umherzü-spähen, wo er das Plätzchen finden könne, nach dem er sich für seinen Stift sehnte. Die schlichte Natur schien ihm nicht zu genügen. Ihm kaum bewußt, verlangte sein plastischer Trieb nach Staffage, nach Menschenspüren und menschlichem Wirken.

Da sah er rechts in der Ferne, wie eingetaucht in grüne Wipfel, das ragende Hirschgeweih einer Försterei und beschloß, seine Schritte dorthin zu lenken. Er dachte. dabei an ein frisches Glas Milch und stieg abwärts der wohlgemerkten Stelle zu.

Nach viertelstündigem rüstigem Wandern lichtete sich der Wald, und die bräunlichen Holzwände der Försterei wurden zwischen den Stämmen sichtbar.

Die Lage des Hauses übertraf seine Erwartungen; es stand auf einer Bergwiese, von der aus nach der einen Seite hin sich ein freier Blick in’s Land darbot; zur ändern Seite des schlichten Holzbaues erhob sich ein schönbewachsener Fels, von dem ein Wässerchen herabsickerte Und an welchen sich ein Wald mit niederem Unterholz anschloß.

Er wählte sich im Gebüsch einen Platz, nahm seine Mappe auf die Kniee und begann das friedlich hübsche Bild zu zeichnen.

Da Plötzlich vernahm er eine Helle Kinderstimme, und aus dem Hause hervor lief ein kleines Ding im Hemdchen mit bloßen Füßen quer über die Wiese dem Walde zu. Gleich hinterher sprang die leichte Gestalt eines schlanken Mädchens; es holte den kleinen Flüchtling ein, neigte sich, redete zum Guten, hob das Kind auf den Arm und wandte sichrem Hause zu. [514] Dem Zeichner stel sein voriges Gelüst nach einem Glase Milch ein, er stand rasch aus und besalld sich neben denl Mädchen, bevor es noch mit dem Kinde die Hansthür erreicht hatte. Als sich die beidell Blondköpfe llach ihm mllwalldten , ward er überrascht voll der wunderbaren Schönheit des älteren. Er glaubte llie eilt so frisches, idealschölles Angeficht gesehet zu habeu. Aus großen blatten Angell schallte sie ihn sragend alt.

Er sagte, daß er als Zeichner komme, drüben am Waldes- rande sein Geräth habe und mll eine Eaguickung bitte. Sie hieß ihn sich aus die Ballk setzell, sie wolle nur die kleine Schwester hineintragen, dann bringe sie ihm, lvas er wünsche.

Einige Mimlten saß er allen auf der ruhgezimmerten Batck, nnter delt dnftendelt Goldlackstöckell, die im Fellsterbrette standen. Der Hmtd fegte zutraulich die kalte Schttauze allf seilt Kuie und ließ sich delt Kops krallen.

Bald kam das Mädchell mit Brod und Schinken, sie hielt einen Krug in der Hand und eilte zttltt Stalle, um frische Milch zn lullen; behende war sie auch damit znrück. Sie nahm die Kleine alif delt Schoost, fetzte sich zum Gaste, nöthigte ihn zuzugreifet und plauderte mit ihm und dellt Kinde.

„Mein Lellchelt rannte mir weg,“ fagte fie. „Gelt, Schatze^, wolltest dem Vater llach? Aber durch dell wildell Wald, wo die grosten Hirsche silld, kaml kleilt Leltchen noch nicht lausen!“

„Ihr Vater ist hier der Förster?“ sragte Goethe, „er mußte wohl des Herzogs Treibjagd mitmachen, und so sind Sie allein geblieben?“

Das Mädchen bejahte ; es erzählte von seilten Geschwistern, die alle schon answärts wären, daß ihre Mntter vor einem Jahre gestorben sei und daß sie mm das Kleiltste groß zu ziehen habe; dabei herzte sie das Killd, und mall sah, es war ihr keine schwere Pflicht.

Goethe sand, daß er von hier auf den Wald, der vor ihm empor stieg, auf die Ferltficht zur Seite und eilt Stück vom Felsen einen höchst malerischen Blick habe und seine Zeichnmtg viel be- gnemer auf dem Tische vor der Försterei altsertigen könne, als drüben unter den Bättmell, lltit der Mappe aus den Knieen.

Als er diesem Meinung attssprach, stelle sich seitte junge Wirthin sichtlich und ries: sie habe sich immer gewünscht, zu sehen, wie eilt Bild gemacht lverde.

Das Kind spielte, während er jetzt zeichnete, zu seilten Füßen mit dem Hnltde, und Gretchell, das ältere Mädchen, kam und ging, sah dem Zeichner über die Schulter, staunte seine Geschicklichtet alt und plallderte dabei voll Natürlichkeit und Anmttth.

Goethe betrachtete mit echter Künstlersrende ihre tadellofe Schönheit; ihr ntatlblottdes Haar hing in zwei dicken Zöpfelt lang über den Rücken herttllter, die weichen, regelmäßigen Züge konnten nicht lieblicher fein. Elldlich bat er fie, sich ihm gegenüber zu fetzell, er wolle sie zeichnen. Sie hatte nichts dagegen, fie müsse nur erst ihre Kuh füttertt; darauf uahm sie ihreu Strickftrttnlpf und setzte sich uach seiner Altgabe.

Als sie damt des Weitereu hilt und her redetell, erzählte sie ihm, daß sie siebellzehlt Jahre alt, und - nlit hellem Erröthelt sügte sie hinzu, daß sie einem junget Ehirtlrget unten in Ilmenau verlobt sei; sie könne aber den Vater noch nicht verlassen, und ihr Bräutigam habe allch noch keine sichere Brodstelle, deshalb dürse alt Heirath noch nicht gedacht werdell.

„Ia,“ sagte sie überlegend, „wenn der Herzog delt Iohaltn späterhin sest anstellen wollte, könnte mein Vater - ilt ein paar

Jahren vielleicht mit einer guten Magd oder einer Tante von nns fertig werden, allzu bald verlaffe ich ihn und mein Lenchen aber nicht.“

Als sie so erzählte und sich dabei einmal zur Seite wandte, rief sie plötzlich: „Ach, der Hansel!'.' und eilte iu's Haus.

Goethe war überrascht ihrem Blicke gesolgt; er sah einen Eapitalhirsch, vorsichtig äugeud, drüben aus dem Walde alls die Wiese tretet. Das stolze Thier hob und seukte langsam deu Kops mit deltt mächtigen Geweihe, das wie eine hohe, vielzackige Krolle über der Stirn ausragte. Dauu schritt es sicher und vornehm langsam, hier und da wieder Umschau haltend, unter den breitästigen Buchet hervor.

Gretchet trat mit einiget Kastanien in der Schürze ans dem Hause, ries dem Hnltde ein „Kusch !“ zu tlltd ging dem Auköluntliug entgegell. Der Hirsch blieb mit stolz gehobenem Kopfe, bereit zlt fliehen, aber noch vertrauend, auf feittem Flecke stehen.

Das Mädcheu hielt die Schürze allf und rief das schölle Thier mit Schmeichelnamem Es solgte langsam, ängend, dann aber ruhig aus der Schürze freffend, wobei seine Frenttdin ihm die Backe klopste. Als die Kastanien verzehrt waren, kam sie zurück, während der Hirsch im Walde verschwand.

Mit .Vergnügen hatte der Dichter dell Vorsall beobachtet. Gretchet erzählte ihm, iudem sie mit heiterem Lachen ihre schweren Zöpfe zurückwarf : ihr schöner Hansel komme schon seit langer Zeit sast täglich. Znerst habe sie ihm sein Lieblingssntter auf die Wiefe geworfett, jetzt nehme er's zutraulich aus ihren Händen. Sie habe nur eine große Angst, daß der Herzog einmal hier im Reviere jagen werde ttltd daß dann der .prächtige Gesell daran glanbelt tltüsse.

Währeltd sie noch hill und her pltttlderten, kam der Förster nach Hanse. Er berichtete von der beendeten Jagd, und Goethe sah jetzt, daß die Soltlle niedrig stalld.

Als Förster Slevoigt erfuhr, daß der Gast zu des Herzoge Gesolge gehöre, erbot er sich, ihm die kürzesten Fußpfade zu weifen, auf denen er voll hier aus zum Gickethahn gelangen könne, und meinte, daß er gner durch den Wald, bei rüstigen Znschretet, in einer. Stunde dort sein werde.

Goethe brach auf und reichte mit herzlichem Danke Gretchet die Hand. Er wurde vom Vater eine Strecke Wegs begleitet und mit Jagdgeschichtelt nuterhalten, auf die er nur zerstreut lauschte. Das schöne Mädchen ltltd das Idyll dieses Tages erstillten seilte Gedanken!

Nachdem er sich von dem gesälligen Führer verabschiedet hatte und Rnhe salld, die elttpsaltgettelt Eindrücke zu verarbeitell, sestigte sich ilt ihm der Entschltlß, die Försterei nie wieder ansztlsttchelt, auch den anderen Mäunern nichts von Gretchet Slevoigt ztt sagen; sie war von einer zu wtluderbaren Schönheit! Besonders wünschte er sie vor dem Herzoge zu hüteu. Gretchelt hatte schon ihren Weg gewählt; mochte sie still wie eine Wunderblunte aus der grünen, von keinem sremdell Fllße entweihten Waldwiese weiter blühen, bis ihr Geliebter sie schützend an sein Herz nahm ! Leise sang er vor sich hin : .

„Ittt Walde sah ich ein Blütttleitt stehtt, Wie Stertte leuchtend die Aettglein schön, Ich wollt' es brechen, da sagt es sein: ,Soll ich zum Wetten gebrochen sein?“'

[530]
17.

Die Festlichkeiten auf der Ettersburg waren zur allseitigen Zufriedenheit abgelaufen. Die Hofgesellschaft kehrte nach Weimar zurück und bereitete sich auf neue gesellige Freuden vor, als eine Trauernachricht für kurze Zeit eine ernste Gemüthsstimmung unter den lustigen Weltkindern verbreitete.

Es langte von den Verwandten Emiliens von Werthern auf Leitzkow die Anzeige ihres plötzlichen Todes in Weimar an, und lief bald als Neuestes, Schreck verbreitend, von Mund zu Mund.

Die junge reizvolle Frau, bewundert und beneidet, der Ausgelassensten Eine, plötzlich dahingerafft, mitten aus dem blühenden Leben fort – es war erschütternd für alle jene fröhlichen, lebenslustigen Gemüther, die kaum jemals an ein Ende solcher guten Zeit gedacht hatten, oder doch nur an ein ganz fernes, das sich lange vorher mit grauen Locken und lebensmüder Hinfälligkeit ankündigt. Das Ergreifendste aber war ein leises Gerücht, als sei die Nachricht, daß Emilie am Schlagfluß gestorben, nicht wahr, als habe sie gewaltsam und von eigner Hand geendet.

Der so plötzlich verwittwete Rittmeister von Werthern hatte die Trauerkunde nicht einmal so früh erhalten, um zur Beerdigung hinüber zu reisen. Er schien nicht sonderlich betrübt, was Niemanden Wunder nahm, da das Verhältniß des Ehepaares zu einander kein Geheimniß geblieben war.

Der Herzog ließ es sich nicht nehmen, die alte würdige Frau von Werthern persönlich aufzusuchen. Er hatte so manche frohe Stunde mit der hübschen Milli vertändelt, hatte einen pikanten Reiz in dem Kokettiren mit ihr gefunden, daß er jetzt in seinem warmen, ehrlichen Herzen sich recht erschrocken und betrübt fühlte. Mochte sein eigentliches Liebesempfinden bei jenem Verkehr auch kaum gestreift sein, so war es doch die beste Cameradschaft gewesen, welche jetzt von der rauhen Hand des Todes so plötzlich getrennt wurde. Er fand die alte Dame, bei der er seinen Besuch zuvor hatte ansagen lassen, gefaßter als er fürchtete. Sie kam ihm mit der feinsten Form entgegen; und bald waren diese beiden Menschen in einer ernsten Unterhaltung.

„Mein armer Liebling,“ sagte Frau von Werthern mit bebender Stimme, „ist früh hinweggerafft; wie sollte aber ich darüber klagen, da für mich ja ein Wiedersehen so nahe liegt. Was mich betrifft, so will ich Eurer Durchlaucht nicht verhehlen, daß ich Gottes gnädige Fügung bewundere. Jetzt darf ich es wohl aussprechen, daß dies liebenswürdige Geschöpf nicht glücklich war; ach, und sie hätte es so sehr verdient! – Wenn ich hinzufüge, daß einer jungen schönen Frau, die ohne Schutz und Stütze von Seiten ihres Gatten dasteht, Gefahren drohen, werden Eure Durchlaucht mich gewiß verstehen. Wir sind mehrmals überein gekommen, daß der Tod besser sei als ein Verirren vom rechten Wege. Sie wollte so gern brav und tugendhaft bleiben meine kleine leichtlebige Töchter; jetzt ist sie allen Versuchungen entrückt; wohl ihr!“

„Ich fühle den Vorwurf, der in diesen Worten liegt, verehrte Frau,“ entgegnete der Herzog tief bewegt. „In seiner ganzen Schwere verdiene ich ihn aber nicht. Es war zwischen uns immer nur auf eine flüchtige Unterhaltung abgesehen; ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nie etwas gethan habe - und hoffentlich nie gethan hätte - was Emilie mit ihrem Gewissen in einen Conflict hätte bringen können. Außerordentlich bedaure ich in diesem Augenblicke mein Verhalten, da ich fürchten muß, daß es Ihnen Anlaß zu Besorgnissen gegeben hat.“

Frau von Werthern konnte dies nicht in Abrede stellen, war aber in ihrem loyalen Herzen gerührt, ja geradezu ergriffen von der Offenheit und Güte ihres jungen Landesherrn; sie gab diesen Empfindungen Ausdruck, und man trennte sich beiderseits mildbewegten Gemüths.

Karl August fühlte sich heute weich gestimmt. Nie war ihm bisher in seiner jungen Ehe das Bedürfnis gekommen, mit Luisen [531] Une Verständigung zu suchen, setzt aber empfand er Verlangen Darnach. Verheirathet, ehe er den Wunsch empfunden, hatte er den Besitz der liebenswürdigen Frau bis jetzt nicht zu - schätzen Wwußt. Es war nicht das Rechte zur rechten Zeit gewesen. Aber sollte sich nichts nachholen lassen? Getrieben von einenn warmen MMpulse, verließ er die milde alte Trau mit dein guten Vorsatz, Ämnal bei seinem jungen Weibe anklopfen zu nvollen.

Seine Gemahlin trauerte wie er; sie hatte’ gleich nach ihrer Rückkehr von-der Ettersburg Nachricht vonn Tode ihrer geliebten Schwester – der Großfürstin Paul in Petersburg – erhalten, Und ihm fiel ein, daß er sie in den letzten Tagen nur flüchtig und dann mit verweinten Augen gesehen habe. Mitleidige Sympathie und eine größere Gleichstimmung als je zuvor ließen ihn mit erwartungsvoll pochendem Herzen ihrer Thür nahen.

Luise saß in tiefes Schwarz gekleidet, die Hände im Schooß gefaltet, das feine, bleiche Haupt gesenkt, in ihrem Ziminer, dem Borlesen ihrer Gesellschaftsdame, des Fräuleins Henriette von Wöll-Warth, lauschend. Es war ein Gesang aus Klopstock’s eben erschienenenn Messias, den Henriette mit kräftig ernster Stimme und einem gewissen monotonen Pathos vortrug.

Als der Herzog, den man nicht gewöhnt war um diese Stunde? hier zu sehen. Plötzlich eintrat, blickten sich beide Dannen erschrocken nach ihm um und erhoben sich gleichzeitig zur Begrüßung; Luise sank müde wieder auf ihren Stuhl zurück, das Hosfräulein machte eine tiefe Verbeugung.

Karl August reichte seiner Frau mit thcilnahmsvollenn, zärtlichenn Ausdruck seiner lebhaften Augen die Hand; Luise senkte ihre Blicke, die sie nur flüchtig erhoben hatte, sogleich wieder und verharrte in einer matten Apathie.

MMich jetzt zu dein Hoffräulein wendend sagte der Herzog einfach: „Ich möchte mit meiner Frau allein seinn.“

Henriette sah ihn erstaunt annK> so ernsthaft und ruhig war ihr Gebieter nie gewesen; sie wiederholte ihre Verbeugung und verließ das Zimmer, nvorauf er ihren.Platz einnahm.

Jetzt blickte auch die Herzogin fragend zu ihnn auf.

Als er schwieg und – wie stets, von ihrer Erscheinung, ihrenn Ausdruck erkältet – nicht gleich das rechte Wort finden konnte, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, rief sie: „Ist etwas Besonderes geschehen? Ist wieder eine Trauer-n botschaft gekommen?“

„Nein,“ entgegnete er ernsthaft, „ich dächte, nvir hätten Beide genug.“ - „Wir?“ fragte sie, und lehnte sich mit kühler Gereiztheit zurück. „Bis jetzt hast Du an nnneinem Verlust, der nnnich so tief schmerzt, nicht diesen persönlichen Antheil genommen.“

Er ward verlegen. Niemals sonst – nur ihr gegenüber, die es hätte vor Allen verstehenn sollen) ihn behaglich zu stimmenn ^ hatte Karl August mit einer Aiiwaiidlung von Verlegenheit zu t kämpfen. Und da etwas Derartiges seiner freimüthigen Natur fern lag, seinem Blut ein fremder Tropfen war, dessen er sich s gewöhnlich in derber Weise entledigte, tvard dieser lästige Einfluß, der von ihrer Persönlichkeit auf ihn ausging, eine der Ursachen jener traurigen Entfremdung, welche zwischen ihnen bestand.

Karl August hatte in seiner geraden Arglosigkeit in der That > gar nicht daran gedacht, daß er kaum Theilnahme von seiner Frau bei dem Verluste einer Coeur-Dame erwarten könne, die, ihrer ganzen Art nach himmelweit von Luisen verschieden, dieser gewiß sehr wenig sympathisch gewesen nvar. Was sollte er jetzt sagen? Sollte er Plötzlich über den Tod der ihnn nnnnbekannten Schwägerin mit ihr klagen, oder sollte er seinen von dem ihren so’ verschiedenen Herzenskummer ihr verrathen? Sein gerader Charakter verschmähte Alles, was einer Verstellung ähnlich sah, und so erwiderte er ihr nach kurzer gedankenvoller Pause: wie er ja über den Tod der Schwester ihr sein Bedauern längst ausgesprochen, wie sie keiiiein eigentlichenn Schmerz von ihm erwarten könne, da er die Verstorbene nie gesehen habe, und wie er jetzt betrübt zu ihr komme, um ihre Theilnahme an dennn Tode der kleinen Werthern –- der ihin nahe gehe – zu suchen, bei deren trefflicher alter Schwiegermutter er eben gewesen sei.

„Die kleine Werthern?“ sagte Luise kühl, „ja, ich hörte, daß sie plötzlich irgendwo auf dem Lande gestorben sei, Das mag einer so lebenslustigen Person schwer geworden sein; da sie es aber einmal Überständern hat, wüßte ich nicht, was mein Gemahl in ihr oder nnit ihr verloren haben könnte?“

Sie sprach das in der allerruhigsten, gleichgültigsten Weise.

Sie hätte ihnn um die Welt nicht verrathen mögen, welche pein-vollen Stunden eifersüchtiger Sorge sie der hübschen Verstorbenen halber schon dürchlittein, wie oft sie sich gekränkt gefunden, wenn sie gesehen, daß Emilie es verstand, den Herzog zu erheitern, und wie viele Male sie die Leichtigkeit und Grazie jenes jungen Weibes zu besitzen gewünscht hatte. Sie that aber jetzt, als habe sie nnie geahnt, daß der Herzog Milli bevorzuge.

Er begriff diese Arglosigkeit nicht, die er für volle Nichtbeachtung seiner selbst nahm.

„Wenn ich froh und lustig bin,“ sagte er jetzt in verdrießlichem Tone, „willst Du nichts davon hören; wenn mich etwas betrübt, ist Dir’s einerlei; ich möchte wissen, wann wir uns ein-, mal in derselben Empfindung begegnen, und ob wir uns jemals verstehen werden?“

Dieser Vorwurf berührte das Herz der jungen Frau aus das Schmerzlichste, da er die Wahrheit traf; die Wahrheit, welche sie anerkennen mußte, so sehr sie auch darunter litt. Was sollte sie aber thun? Wie konnte sie nnit ihm über den Tod einer Frau trauern, deren Hinscheiden ihr doch die größte Erleichterung verschaffte! Sie war viel zu rein, viel zu stolz, sich mit der Lüge einer solchen Trauer zu beflecken, und fand in ihrem hülflosen Ungeschick keinen anderen Ton, als den kühler Gleichgültigkeit.

Ihre. geringe Anlage für nnnnbefangene, liebenswürdige Gefühlsäußerungen nvurde aber unter den ihr. beschiedenen Verhältnissen weder geweckt noch gepflegt. Karl August besaß nicht die Zartheit und Consequenz, um ihr Empfinden heraus zu locken und zu schonen. Ihre scheue Zurückhaltung, ihr Festhalten an der anerzogenen strengen Form langweilten ihn ; er wollte heitere, ankömmliche, derbe Menschen! – Wagte sie sich einzelne Male mit leisen Symptomen ihres Empfindungslebens hervor, so beachtete er dieselben, an stärkere Reizungen gewöhnt, gar nicht, verschüchterte sie, widersprach ihr und beging täglich Dinge, die sie – wemn sie es gewagt hätte, ihn streng nach ihrennn Sinne zu beurtheilen – Rohheiten und Tactlosigkeiten genannt haben würde. Sie liebte ihn aus Pflichtgefühl – eine davon abweichende Neigung wäre dieser Natur nicht möglich gewesen – und empfand es stets als Schmerz, ihnn ihre Liebe nicht zeigen zu können. Aber ebenso wie ihr Sein einenn Druck auf ihn ausübte, so empfand sie in seiuer Nähe die Scheu der zarten Seele vor der Möglichkeit einer von ihnn ausgehenden harten Berührung.

Auch diesmal fanden Beide keine Verständigung.

Der Herzog ließ sich, halb aus Aerger und Eigenwillen, jetzt noch lobender über die Verstorbene Und betrübter über den Verlust aus, welchen er mit ihr erlitten, als er vorher gewollt hatte. Er sagte mehr, als er empfand, sagte, daß er Milli gern gehabt habe. Luise ärgerte ihn nnit ihrer kühlen Passivität, mit der er nichts anznfangen wußtc. Hätte er sie doch aufstacheln, beleben, einmal zur Heftigkeit reizen, bis auf den Grund zur vollsten Offenheit erschließen können! –

Sie war ein Wesen, das er nicht begriff ; ihr schweigendes Zurückweichen hielt er für Trotz, ihr stilles Dulden für Kälte, er glaubte, es liege nur an ihrem mangelhaften guten Willen, sich ihm so warm und offen zu geben, nvie er sie zu finden begehrte.

Als er sie jetzt wieder so weit in. sich verscheucht sah, daß sie bewegungslos nnit nniedergeschlagenen Augen dasaß, kein Wort sprach, kaum zu hörenn schien, sprang er auf, murmelte zwischen zusammen gebissenen Zähnen: „Automat!“ und stürzte fort.

Er fühlte sich so sehr in seinenn innerstern Gleichgewicht gestört, daß er aus eigener Kraft kein Behagen miederfinden konnte und sich mächtig gedrängt fühlte, ein Aussprachen mit dem ver-ständnißvollen Freunde zu suchen. Unverweilt eilte er nach Goethe’s Gartenhaus am Stern hinaus, um sein Herz (vor dem Getreuen auszuschütten. Es war eiin schöner, warmer Sormnierabend; Goethe begoß seine neben denn Häuschen gelegenen Blupnenfelder. Sowie er, sich von seiner Arbeit aufrichtend, dem heransüürmenden Herzoge in’s Gesicht sah, las er in dessen erregten Zügen, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse. Prüfend uiü’ fragend senkten sich seine Blicke in die Augen des Ändern.

„Komm, Wolfgang,“ sagte der Fürst gereizten Tones, „laß Deine Blumen und schenke mir die Wohlthat einer liebevollen Linderung meiner Herzensdürre.“

Er nahm Goethe’s Arm und zog ihn unters die Bäume, auf schattigen Terrassenwegen hinan, auf denen sie int der Stille und [532] 532 Einsamkeit eines Waldpfades mit einander allein waren und wo nichts des. Herzens, freie Sprache hinderte.

„Und ’nun –so schloß Karl August, sein ehrliches Be- , kcnntniß – „nun komme ich zu Dir, um eiüen gesunden Athem- ’ zug zu / thun, /des. Grimms ledig zu werden Und mich mit mir selber zurecht zu finden. O- warum sind doch zwei so verschiedene Naturen an einander gekettet!“

„Und die Fürstin ist so verehrungswürdig,“ sagte Goethe mild. -,Mitleidig.sehe ich sie auf ihrer einsamen Höhe; ohne Talente, ohne Wirksamkeit auf Andere, abgeschlossen, schwerlebig, aber rein und klar wie Bekgwässer.“

„Und ebenso unangreiflich, unter den Händen kühl ver- rinnend. Man kann ebensogütMasser mit der Scheere schneiden- wie Eindruck auf diese Natur machen! Dagegen das arme Ding, die Milli! Ein immerwährendes Schillern, Reizen, Ausweichen und Entgegenkommen; ein Spielzeug in lustig wechselnden Formen?

Sie war mir nicht so werth wie Du, ich habe sie kaum recht lieb gehabt,. aber sie?wird. mir in jeder Gesellschaft fehlen, und mein Herz kommt mir leer vor, wie ein ausgeblasenes Ei.“

„Könnte man doch in dasselbe die rechtmäßige Bewohnerin, Dein Weib, triumphirendchinein führen! Fände sich doch eine Hülfe, Euren Mißklang zur Harmonie zu lösen! Aber Alles bleibt bei der!

Herzogin in verschlossener Knospe. Das Zugeschlossene schließt > Alle zu, das Offene öffnet, vorzüglich wenn Hoheit in Beiden wohnt- Trotz Allein ist Luise ein Engel!“

„Ho ho!“ rief der Herzog und sah den Freund scharf an.

„Das war ein starker Ausdruck! Gehst Du zur feindlichen Partei über?“


18.

Der Herbst kam.. Es wär beschlossen, in Tiefurt ein Ernte- fest zu. begehen; der ganze Hnfkreis sollte – zu einer ländlichen Maskerade ausstaffirt – dort erscheinen und sich in ungebundener Weise ergötzen. Das kleine Kammergut Tiesurt, an beiden Ufern der Jlm gelegen, gehörte der Herzogin-Mutter, die hier dem Prinzen Konstantin mit Knebel’ seinen Wohnsitz angewiesen hatte, aber selbst oft auf Wochen. Mit Thusnelda draußen war. Sie ließ dann nach ihrem -Ginn arbeiten und bessern und die Umgebung mehr und Mehr verschönern. Wieland, der- hier oft bei seiner Gönnerin weilte, nannte den Park einen so holden Zauber, daß er ihn gegen das allerbrillanteste Stück der Feenwelt nicht ver- tauschen möchte!

Das Schlößchen, eigentlich nur ein zweistöckiges Wohnhaus mit fünf Fenstern, in der Front und einem Wirthschaftsgebäude, wurde von prächtigen Kastanien beschattet; wilder . Wein deckte das Nebengebäude und die Mauer, welche denDekonomiehof ab- sonderte? Unten wohnte Knebel mit seinem Prinzen und einem Kammerdiener. Auf’ der andern Seite des Flurs lagen ein paar Gastzimmer, von denen das beste vorwiegend für den Herzog be- stimmt wär. Aden befanden sich die Gemächer der Herzogin, der Göchhäusen und einige Gesellschaftsränme.

Die Herzogin Luise hatte: zu dem heutigen Feste mit ihrem Hofstaat absagen lassen; nur Henriette von Wöllwarth, die dienst- freie Hofdame, durfte erscheinen. > Luise hielt sich seit jener un- erfreulichen Berührung mit ihrem Gemahl, unter dem Vorwande in Trauer zu sein,- streng abgeschlossen und brütete in Trostlosig- keit über der fürchterlichen Bitterniß jenes Bekenntnisses Karl August’s: der Neigung für die Verstorbene. Luisens reine Natur konnte darüber nicht hinauskommen; sie nahm die übermüthige Knabenlaune. ihreI Gatten für ebenso heiligen Ernst, wie solcher ihr ganzes Empfinden beseelte, und zog sich tief verletzt immer mehr von ihm und iy sich selbst zurück.

Die Herzogin Amalie war recht erleichtert, daß Luise mit ihrem Hofpersonal- ihr harmlos lustiges Fest nicht stören werde.

Es hatte zwei Uhr geschlagen, um drei erwartete man die Gäste aus Weimar. Alles war vorbereitet, und die Herzogin ging in ihr Schlafzimmers um. Toilette zu- machen. Die Göchhäusen stieg mit ihr die Treppe hinan, da ihr kleines Gemach nicht weit von dem der Herzogifi lag.

„Komm mi/: zu mir herein, Thusnelda,“ sagte Amalie, „Du wirst immer noch: fertig.“

Das Hoffräulein trat mit in das Zimmer der Herrin.

Demoiselle Kotz ebne, die hübsche Kammerfrau der Herzogin, hielt deren ländlichen Putz bereit- Während sie ihr den Püder/auz dem.Haar bürstete, dasselbe mit rothen Bändern in zwei starke Zöpfe, flocht und sie stattlich als Wirthin und Pachterssrau heraus- ’ staffirte, plauderke’ die Herzogin mit der Vertrauten.

„Deine/Schulzin schläft diese Nacht natürlich/im Wirth- schaftshallse,“: sagte sie zunächst zu der Göchhäusen. „Sd/leid inir’s thut, Kotzebue,“ fuhr sie dann fort, „Sie müssenAuch - : dahin; wir brauchen: hier - jedes - Winkelchen für dw Gesellschaft.

Ihre Kammer wird Damengärderobe. Für den Herzog, für Goethe, t Wieland, Einsiedel und Steins sind unten die Zimmer fertig, sie bleiben ein paar Tage hier.“

Thusnelda Göchhinffen schlüpfte in ihr Gemach, wo die- ° Schulzin sie eilig in ein drolliges kleines Bauernmädchen Um- wandelte.

Der Herzog, Konstantin Goethe, Wieland und Einsiedel hatten sich, in ihrem / ländlichen Putze einander belachend und neckend, schon auf dem Rasenplatze vor dem Hause eingefunden.

- Mölch eine Maskerade bei Hellem Tage, im Sonnenscheine, zwischen grünen Bäumen und anderen Wirklichkeiten,, ist ein Götterspaß!“ rief der Herzog mit jugendlicher Heiterkeit. „Nie sah ich einen würdigeren Erbonkel, als hier unsern liebwerthcsten Gevatter Wieland. Ein gediegeneres Prachtstück von einem Dorf- ältesten kann man sich nicht denken!“ fügte er, den Hofrath halb umarmend, hinzu. „Und unser süßer Constautin sieht aus, als wolle er, von seiner Lina angelächelt, ein weiß Lämmlein am Seideybande auf die elysische Weide von CamillenblumeM und -Ü Rosenblättern führen! Der schlanke Prinz schnitt ein Gesicht und wandte sich ab, ihm war es so durchaus Ernst mit seiner sentimentalen Gemüths- läge. Er empfand tiefer äls der burschikose ältere Bruder und Itrachtete voll heiliger Scheu darnach, die lebhaften Regungen- seines jungen Herzens zu verhüllen.

Mittlerweile fuhren die ersten Wagen der Stadtgäste in der Allee herauf, und zugleich trat Anna Amalia mit der Göchhäusen, Herrn und Frau von/Stein und Knebel, Alle in ländlichem Putz, vor die Thür. Die beiden^Wteins sollten Hofknecht - und Magd .

vorstellen, die Göchhäusen war Kleinmädchen – wie sie selbst sagte? Kükenlise –, Knebel aber galt für den Hausherrn und Pachter/ und spielte eine recht würdige Figur mit seinem breitschößigen Rocke und den rothen Tragbändern auf weißem Hemde. - , Die Gäste, welche mit. ihren Rollen und dem Festprogramm s vertraut waren, fuhren unter Winken und freudigen Zurufen am Schlosse vorbei auf den Pachthof, wo jeder Wagen mit Musik empfangen wurde. Ihnen schloffen sich einzelne Gefährte an- die Gäste brachten, welche am Erntezuge nicht betheiligt waren.

Wieland hatte sich mit zu den Hausgenossen gesellt, während der Herzog, Constantin, Goethe und Einsiedel, durch ein Mauer- pförtchen nach dem Wirthschaftshofe schlüpfend, dort die Ankömm- linge begrüßten und ihren Festzug ordneten.

Es währte nicht langes so war Alles bereit. Blasend schritten einige Dorfmusikanten voran, denen der ganze Aufzug folgte.’..

Zuerst kam der mit vier Pferden bespannte Erntewagen, auf dein ° Auguste von Kälb und Henriette von Wöllwarth mit dein Ernte- kränze saßen; bunte Bänder flatterten und Blumengewinde hingen von oben herunter. Auf dem vordersten Sättelpferde ritt der Herzog als erster, auf dem andern Goethe als zweiter Fahr- knecht. Mit Rechen- Sicheln, Garben, grünumwundenen-Schäfer- stäben, Netzen, Körben und anderen Geräthen folgte nun eine erlesene Schaar jugendlicher Theilnehmer; Alle in ländlich buntem Anzüge, phantastisch herausgeputzt.

Man nahm Aufstellung; während die Musik ein lustiges ^Stückchen blies, stiegen die Reiter ab- halfen den beiden. Mädchen vom Wagen und trugen den Erntekranz zü dem Herrn und der Herrin. Es folgte ein Anreden- .und Antwortenspiel, welches, von Hildehrand von Einsiedel verfaßt, munter von den Betheiligten vorgetragen, Sinn und Zweck der Auffahrt darthat und die Ge- - -sellschaft angenehm unterhielt. Den Schluß machte die Auf- forderung der Herrin: zum Danke für die Erntemühen Be- wirthung und Tänzchen.anzunehmen.

Der Herzog als Großknecht antwortete für die klebrigen: die Einladung freue sie herzlich. Das Spiel war zu Ende- und eine angenehme,, heitere Unterhaltung folgte.

[547] Weißgedeckte.Tische standen im Fluge unter den Kastanien des Tiefurter Parkxs und füllten sich, als der Erntezug r zu Ende war, mit Tassen, Kuchenkörben und Kaffeekannen; die ^’dörfliche Musik verstärkte sich zur herzoglichen Capelle, nahm in k einem Seitengebüsch Aufstellung, und die Gäste begrüßten sich Wachend und scherzend in zwanglosem Verkehr. Man fand Platz, wie man ging und stand, die bäuerlich gekleideten Damen schenkten Melbst den Kaffee ein, und alle ließen sich’s wohl sein.

So scheinbar unwillkürlich und absichtslos sich die Gäste KMuch zusammen gefunden hatten, so waren sie doch sämmtlich M Leute aus der großen Welt, verknüpft durch verstohlene Beziehungen ° unter einander, oder getrennt-Hürch Antipathien, die größtentheils k. von ändern geahnt und berücksichtigt wurden und so Jeden zu Jeder Wührten, wie der Zug des Herzens es forderte.

Hier saß der schöne Wedel, als stämmiger Jägersmann, neben Henriette von Wöllwarth, der er seit einiger Zeit huldigte, und die ihm heute in ihrem grünen Rock und ihrem knappen Mieder, k Mit dem klugen, frischen Gesicht unter der grünbebänderten Haube, p besonders gut gefiel. Sie benahm sich auch nicht so kühl, wie er sie sonst gefunden hatte, und er begann, sich ihr gegenüber mit ernsthaften Plänen zu tragen.

Ein neues Brautpaar in.-seiner Nähe, erhöhte, seine Lust zu K einem gleichen Vorgehen. Es. war dies Karoline Jlten’s ältere ^ Schwester mit ihrem Bräutigam, dem Lieutenant von Lichtenberg; dieser, sonst ein rauher Mann und ganz Husar, that heute als ^ Schäfer recht zart und lieb mit seiner Schäferin.

Prinz Constantin war bei der Rollenvertheilung zur Führung der Schäferpaare bestimmt; da aber die Herzogin seine ernsthafte ^Neigung für KarolW/nicht: billigte, hatte sie ihm eine andere MDamx gegeben und das betrübte Linchen als Fischeriu mit Herrn von Seckendorf verbunden. Constantin ließ nun den Kopf hangen, gestattete seinen Augen emen Verkehr, der ihm persönlich abgM schnitten war, und konnte seinen Mißmuth kaum verbergen, so sehr auch Fräulein von Klinkowström, das er führte; sich um seine . Aufmerksanckeit bemühte.

Der Herzog flatterte unstät umher; er war. durchaus nicht schwermüthig, solche Stimmung lag seinem heitern, derben Wesen fern, ihm fehlte aber der rechte Anreiz zum Fröhlichsein, , Wenn er an Luise dachte, geschah es mit dem Gefühl der Erleichterung, daß sie nicht da sei; Milli war auch halb vergessen, aber er neckte hier und da unbewußt schärfer als sonst, er blieb nicht lange auf demselben Platz, ihn verlangte darnach sich aus-zutobeu, toll lustig zu sein, die Stunde zu nutzen und zu genießen.

Dort saß die jung vermählte Schwägerin der Frau von Stein, Sophie von Schardt, geborene Gräfin Bernstorf aus Holstein; ein zartes, liebliches Weib, der die süße Kinderseele aus den großen, fragenden Augen blickte.

Hier versuchte Frau von . Stein, Goethe zu dem braunen Trank zu überreden, der ihm zuwider war. Die ließ sich dann -M während er ihr die Kaffeekanne ahnahm und sie der blonden Karoline von Ilten darreichte – an seiner Seite festhalten.

„Ihr Getränk mag ich nicht,“ sagte er und fügte mit innigem Blick hinzu: „überlassen Sie die Hebepflichten den Misels, die sich was drauf wissen, zwischen den Gästen herum zu Hüpfen, und gönnen . Sie mir ein Viertelstündchen Wohlsein in Ihrer Nähe. Schier Hab ich einen Pik auf mich, daß ich Ihnen so gut bin, da Sie mir immer aus dem Wege gehen, wie soll ich’s aber ändern?

„So . lassen Sie’s.beim Alten,^ sagte sie herzlich. „Ich weiche Ihnen- nicht mehr aus, als ich muß; Sie wissen, daß man sich in der guten Gesellschaft nicht absvndern und ausschließen darf; sind wir mit einander allein, dann können wir uns in unsere Plauderei versenken.“

„Dich sehen, liebste Frau, ist für mich. Alles!“ . flüsterte er, sich zu ihr. neigend. „Du bist die einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gflbt, welche mich glücklich macht.“

„Die Herzogin winkt!“ rief sie sich erhebend und eilte, von Amalien einen Auftrag entgegen.zu nehmen und auszurichten, dann aber, auf den Wunsch der hohen Frau sich neben, sie zu setzen.

Der Herzog ließ sich jetzt neben Goethe nieder.

„Da sie Dir doch abspenstig gemacht ist, deren Farben Du innerlich trägst,“ sägte er neckisch, „kannst Du Jeden hier dulden, Wenn ich nur wüßte, hei, ^welchen schönen Augen ich mich, herum lügen und trügen soll! .Gustchen .ist heute nicht Bauer- Mädel wie’s sein muß – die macht einem das Liebeln bequem ; Vielleicht komme ich nachher bei der Hüpferei besser, vorwärts.“

Der Kaffee war getrunken, die Musik spielte einen Ländler. Der Herzog sprang auf, wählte Auguste von Kalb und war mit ihr der Erste und Unermüdlichste auf dem grünen Plan. Auch Goethe warf sich der Lust des Tanzes mit frohem Jugendmuth in die Arme.

Als sich die Freunde in einer Pause wieder trafen, rief Karl August: „Mein nußbraun Mädel hat mich angewärmt, sie spielt die Gurli pompös, und da es heut Maskerade ist, hah ich so natürlich ein Durcheinandrium von Unsinn uyd Zärtlichkeit geschwatzt, ’ daß ich beinah mir selber glauben könnte!“

„Ja!“ erwiderte Goethe mit. freudigem Auflachen, „man muß den Lebensrausch im geselligen Strudel vor sich her peitschen und die sinkende Lust immer wieder aufjagen!“

Und vorwärts ging es, diesem Grundsätze getreu, sowie d,ie Musik aufls Neue intonirtc.

„Eben habe ich mit Thusnelda gewalzt,“ sagte der Herzog, sich die erhitzte Stirn trocknend, worauf er Goethe’s Arm nahm und einen schattigen Bosquet-weg mit ihm verfolgte.

„Der Hafer, sticht düs kecke Ding; sie ist noch eitel Ueber-muth ihres glücklichen Entrinnens halber, damals im Winter. Es käßt mir keine Ruhe, ich muß ihr einen Streich. spielen. Diesmal soll sie mir nicht entkommen, denn alle Chancen sind für.-chich. Hör’, sie soll für diese Nacht ihr Quartier einbüßen; es ist Niemand im Hause, der ihr aushelfen kann, und ich sehe sie schon demüthig kümmerlich M. einem Winkel hocken. Morgen früh wollen wir dann die übernächtige Bäuerin abfassen, sie in’s Grüne schleppen und mit ihr einen Rundtanz auf dem thauigen Rasen halten!“ Er brach in ein übermüthiges Gelächter aus. .

Als Karl August sich anschickte zur Gesellschaft zurückzukehren, sah er seinen Bruder, in zärtlichem, Gespräch mit dem geliebteiM Linchen, den Laubengang heraufkommen; sowie das vertiefte Paar seiner ansichtig.wurde, errötheten Beide lebhaft., Karolincheu zog den Arm aus dem ihres Cavaliers und schlüpfte in den nächsten abzweigenden Weg, Constantin aber blieb stehen und erwartete den Herzog, .

„Na, mein Junge,“ sagte dieser herankommend, „werden da wieder verbotene Früchte genascht?“

„Du hast. gut redeil, Karl.“ entgegnete der Prinz bitter, „Dir ist so früh das süße Eheglück gewährt, daß Du ein sehnendes Herz gar nicht zu begreifen.weißt und eines Unglücklichen nicht noch obenein spotten solltest,“

Der Herzog war nicht aufgelegt, sentimentale Regungen zartsinnig zu behandeln. . Kurz auflachend, sagte er: -^Tröste Dich, Kleiner, das Glück, eine Gemahlin zu habenist nicht so groß.“

„Da würde ich gewiß anderer Ansicht sein,“ entgegnete Constantin innig.

„Vielleicht hat Luise noch eine wohlerzogene, vermögliche Prinzeß Cousine, mit der man Dich versorgen könnte.“

„Ich danke!“ rief der Andere kurz und folgte seiner holden Freundin.

Wieder, war : eine Weile getanzt, als die Paüse. eintrat, welche dem Abendessen voranging, das gleichfalls an den Tischen unter den Kastanien eingenommen werden sollte. Der Herzog hatte – vielleicht m einem Anfall neckischer Laune gegen den Freund/-^./sich zu Frau von Stein gesellt und/diese-zwischen sich und Knebel eingefangen, worauf Goethe der Aufforderung Hildehrand’s von Einsiedel willfahrte, mit ihm durch die Anlagen A,gehen.

Sie waren achtlos des Weges auf emen Hügel mm Park gelangt, von dem aus sie einen schönen Rundblick hatten und [548] auch die Dorfstraße hinauf sehen konnten, an der Gehöfte zerstreut im Grünen unter Bäumen und Büschen lagen.

Auf der Dorfstraße kam ein bestaubter ? Reisewagen durch ausgefahrene GeleisL daher geschwankt; ein Frauenkopf neigte sich’ x heraus; zwar war die Entfernung noch zu groß, um Gesichtszüge zu unterscheiden- er schien aber jung und änmüthig:

„Komm, Hildebrand- die schöne Reisende müssen wir begrüßen!“ rief Goethe; derbe Lebenslust kam über ihn, mit einem Satze sprang er von oben über die Hecke auf den Pachthof, riß von dein festlich geputzten Erntewagen, was er an Blumenguirlanden fassen konnten und rannte über den Hof zum Thor hinaus üüf die Landstraße. Einsiedel that ihm alles nach.

Da standen nun die idyllisch geschmückten schönen WnAUKe> die Arme voll Blumen, mit lang nachschleppenden Gewinden, und warteten tief athmend, bis der Wagen herankam..

„Laß uns sie au singen, “flüsterte Goethe dem Gefährten zu und stimmte sein Lied vom Haideröslein an, Einsiedel sa’ng mit:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Haiden.
War so jung und morgenschön,
Röslein,’Röslein, Rösleiü roth,
Röslein ans der Haiden!“

Indem sie laut jauchzend die letzten Reihen wiederholten, stürmten sie den müden Pferden entgegen, die--verdutzt stehen - blieben. Die jungen Männer warfen ihre Blumengewinde in und über den Wagen und Mauten hinein.

Zwei halb erschrockene, lächelnde Mädchengesichter tauchten hinter dem Ledervorhang auf. Es war Corona mit ihrer Freundin, der blonden Gärtnerstochter; die aus Leipzig kamen und knacks’ . Weimar übersiedelten. ^ .

Goethe’s Wiedersehenssreude in diesem Augenblicke begeisterter Stimmung war hinreißend feurig; er küßte wiederholt der schönen Sängerin’die Hand und-bat sie, auszusteigen Mnd an dem .Fest theilzunehmen; daß,sie willkommen Heo, wolle, er verbürgest:

„Er. hatte aber nicht init der weiblichen Eitelkeit gerechnet, die in- diesem Falle das -Schicklichere traf. Corona erklärte, daß es unmöglich sei, in ihren bestaubten Reisekleidern vor den: festlich geputzten.Hofkreise /zw Erscheinen->’ .-nNun, dann-geleiten wir Sie-ein Stück Weges!“ rief Goethe, entschlossen. Er hatte des Gefährten nicht geachtet; ein fragender Blick Corona’s zur Seite belehrte ihn über sein Versäumniß. Sogleich bat er die Unachtsamkeit zu verzeihen und stellte den Hofrath und Kammerherrn von Einsiedel vor.

Beide-sahen sich sekundenlang groß an; es spiegelte sich der Eindruck, den sie auf einander machten, in ihren leuchtenden Blicken.

„Sie sind uns ein hochwillkommener Gewinn, schöne Künstlerin!“ rief der junge Hofmann begeistert. „Möchte-Ihr’ Sein in unserem’Kreise diesem festlich sonnigen Tage gleichen, an dem uns das Glück zu Theil wird, Sie zu empfangen!“ .

„Sie fallen aus der Rolle, mein .dörflicher Galan!“ erwiderte Corona lächelnd, „oder sind in diesem glücklichen Landstriche Alle, bis auf Fischer und Bauern herab, poetisch gebildete Leute?“

Bevor man ihr antworten konnte, trat grüßend ein Lakai heran und meldete:’ er - sei/vo’n -der Herzogin aus’gesandt, die beiden Herren zu suchen; man erwarte sie an der Abendtysil.----Nur ungern trennten sich die jungen Männer vowderMönen.-Reisenden. Mit einem allseitigen: ,auf baldiges Wiedersehen in Weimar! schied man von einander..

„Corona ist da!“ rief Goethe dem Herzoge’zw, ein. Wort/ das mit verheißungsvollen: Klange an den Tafeln wiedertönte. Hildebrand von Einsiedel aber setzte sich still an seinen Platz, er war sehr zerstreut und wortkarg gegen seine Nachbarinnen-.!-Der Abend brach endlich herein; Windlichter, und . bunte Lämpchen im Parke halfen der Mondsichel ein magisches Halblicht verbreiten. Man-erhob sich, noch ein Tänzchen-ward versucht, dann aber drängten die älteren Personen zum Aufbruche; die Wagen sichren vor, mancher-Händedrnck wurde gewechselt, hier und da ein verstohlener Kuß im Bosquetschatten und das schöne fröhliche Fest war zu Ende.

Den sortrollenden Wagen nachsehend, standen die Hausgenossen und Gäste, welche hier Quartier bekommen, hatten, vor der Haüsthür.

„Komm, .Thusnelda, ich bin todtmüde,“ sagte die Herzogin zu ihrer Getreuen, „wir wollen uns zur Ruhe begeben// ?

- Das Hoffräulein schickte sich an, mit einigen ihrer drolligen Knixe und : „Gute Nacht! Gute Nacht!“ rufend, der Gebieterin zu folgen?

„Seien Sie nicht grausam, Tuselchen,“ sagte der Herzog bittend, „uns schon jetzt zu verlassen; gehen Sie noch einmal mit durch den Park, ich kann noch nicht in’s heiße Bett; lassen Sie uns noch plaudern, kritisiren; dumme Schnacke machen. Wer versteht, das besser als-Sie??’Um unsere Tugend nicht in Gefahr zu bringen:,//soll Freund Wolf uns begleiten. Gelt, wir geben ein lustiges Kleeblatt?“

„Bist Du-nicht allzu müde, so thue ihm den Willen,“ sagte die Herzogin gütig. „Aberhöre, poltere nicht in Deiner Kammerwenn Du herein kommst, ich muß Ruhe haben!??

Die Göchhausen war bereit, des Herzogs Wunsch zu erfüllen/ sie verabschiedete sich von ihrer Gebieterin; die anderen Hausgäste zogen sich in ihre ^Zimmer ^zurück, und das kleine Hoffräulein wanderte lachend am Arme des jungen Fürsten, Goethe auf ihrer ändern Aeite, in/Lew: Park hinaus.

Man löschtch-ebenMine -der-bunten Lampen nach der andernfalls, die Dienerschaft’räumte die-Tusche fort und verschwand>auf dem Wirthschaftshofch ’.Diq lustigen Drei tauschten in unerschöpflicher^ Laune kernigen -Blödsinn“ gegen ’einander aus, untermischt mit treffenden Witzen, und das Wortgefecht, das Necken und Scherzen’ wollte kein Ende nehmen. Endlich standen sie wieder vor der offenen Hausthür und traten ein, die Letzten, welche noch wach waren. Zwei Wachskerzen brannten auf einem Seitentische. Der Herzog überreichte mit einem zierlichen Complimente seiner Dame die eine und Goethen die andere. Dann sagte er mit ironischer Betonung:

„Wir wünschen dem süßen Fräulein, das wir morgen noch als ,Kükenlise? sehen werden, eine entzückende Nacht!“

„Die Kükenlise verschwindet mit Hans und Peter, den Großknechten, - denen ich gleichfalls gute Nacht wünsche!“ entgegnete das junge Mädchen, die Treppe hinauf steigend.

„Sie verschwindet nicht!“ lachte der Herzog /.-nund macht morgen früh, in selbiger Gestalt, mit uns ein Tänzchen auf dem Rasen!“ - Er reckte sich dabesi blies das Licht der Göchhausen aus^ Und folgte rasch dem voran gegangenen Freunde:- . „Ich werde auch so meine Kammer finden!“ rief sie ihm nach^ Ein schallendes Gelächter und das Geräusch des Zuschließens der Thür folgte.

Auf die Treppe fiel ein schwacher Mondstrahl; die Göchhausen stieg guten Muthes hinauf und bog leise, um -die Herrin nicht zu stören, in/ den jetzt ganz finsteren Gang, an dem ihr Zimmer lag.

-Sie fuhr mit den Händen an der Wand hin, um tastend ihre Thür zu finden – aber da, wo,-ihre Thür ganz sicher sein mußte, wwsic immer gewesen alles glatt, kein Holz, kein Schloß, kahle ebene’Wand!

Es überlief/,sje kalt, wie bei einem Spuk. Wo war ihre Kammerthür geblieben j tastete noch, einmal – vergebMsM Sie kehrte zur Treppe zurück, um sich in dem matten Lichtschimmer zu erholen, sich zu besinnen;- gewann die Ueberzeugung, daß sie verkehrt gegangen,“sei, sich geirrt habe, und ging nochmals zurück, umwüffs- Neue zu suchen und- ebenso’ vergeblich umher zu tastest.,-iJetzb ward ihr klar, daß ihr so oder so ein’^Streich gespielt worden,’ dH/ die. Artigkeit der jungen Männer eine List gewesen sei-,- daß Mgn, sie iw eine Falle W-ockt habe. Sie entschloß sich also,, in einem Lehnstuhle^ oder auf ’eistem Sopha der Gesellschaftszimmer zü übernachten,/suchte die Thüren, fand sie aber sämmtlich abgeschlossen. .

Was -blieb ihr: übrig? Es war Niemand im Hause, den sie wecken oder belästigen mochte; fröstelnd Und. müde setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe. Pläne, sich an den’ beiden Schelmen zu rächen/besonders dem Herzoge über kurz oder lang’ einen gossen zu spielen, stiegen in ihr auf, dazwischen nickte sie öfter: ein, raffte sich wieder zusammen, um nicht hinunter zu fallen, und erwartete mit Sehnsucht den ersten Tagesschimmer.

Als sie dann in dem Gange, der nach ihrer Kammer führte, etwas erkennen konnte, machte, sie sich auf, den geheimnißvollen Grund ihres Ausgeschlossenseins zu erkunden.

Siehe dq – ihre Thür war zugeMäuert!

[558]
19.

Nach dem Schloßbrande 1^4 hatte man, um dem Kuustbedürfnisse des Hoses, besonders der Herzogin Anita Aillalie, zu genügen, zuerst iiil Fürstenhanse ails einer kleinen Bühne srailzösische Stücke gegebell. Als dann ^Goethe die Leitung der gesellschaftlichen Frelldelt in die Hand nahm, wurde in dem Saale eines Hanfes ait der Esplanade eine größere Bühne ansgeschlagen ^ und schon im vorigen Winter zu verschiedenett Anfführungen dentscher Stücke beltntzt. Es spielte da vor einer gewählten Gesellschaft wer irgend Talent besaß, gewöhnlich aber gaben die Kammersängerinnen sowohl iiil Singspiele wie auch iiil Drama die Hauptrollen.

Mit dem Eintreten Corona Schröters erhielt die Theater-. lnst llene Nahrniig. Die Künstlerin richtete sich mit ihrer trelien Wilhemline hällslich ein lilid trat bald unter großein Beifall in Concertelt und Hofgesellschafteit ans.

Iit derselbeit Weise wie iiit vorigelt Jahre solgtelt auch in dieseiit Winter die geselligen Freudeit, gleich einelli Fries bnliter Märchengestalten, einander aus dein Fuße. Alle die künstlerisch wirksamen Menschen ersannen täglich Nelles und sandelt voll allen Seiten Beisall und Berständniß für jeden geistreichen und poetischen Gedankelt.

Wie die einsame Trauerweide iii eiiieiii Garteit voll blühet-^ der Blumen, voll fruchttragender Bätiiiie stund die Herzogin Lnise zwischen der lebenssrohen Menge. . Entschiedener noch als . im ersten Winter ihrer Ehe mied sie die Frenden der Geselligkeit. Immer noch unter deiii Vorwande der Traner um den Tod der

Schwester, immer noch im schwarzen Kleide, war sie nicht zu bewegeli, in größere Kreise zu gehen, und schielt selbst kleiite Gesell- schafteit widerwillig zu besuchen.

Dem Herzoge ward dieses Wesen aber so nnverständlich und so nllbegliem , daß er bereitwillig den nnansgesprochenen Wunsch der Gattin ersüllte tilld sich, wo es attgiitg, vvit ihr f^m hielte Er wußte, daß die stillschweigende Trenntillg zwischen ihnell seit Emiliens Tode und der sich daran knüpsellden peinlichen Unterredung datire; aber er, dem gänzlich entsallelt war, was er eigentlich Verletzendes gesagt hatte, begrisf nicht, wie Luise sv lauge zürueit konnte.

Mittlerweile suchte er sich aus jede alldere Weise schadlos zu halten lind machte verschiedenen Damen der Gesellschaft deii Hos. Keilte aber vermochte ihn danernd zu fesselil. Anguste Kalb war ihm zu entgegenkommend, die Göchhauseit zu wenig schöii, Adelaide Waldner ztl kindisch, Karoliue Ilten zu verliebt iit seiiieii Bruder, die liebliche Sophie von Scharcht, die junge Schwägerin der Steiil , zlt harmlos und tugendhast. Endlich illteressirte ihll die ehrliche, frische Henriette von Wöllwarth, doch sah er, daß er seinem treuen Ktimpalt Wedel damit arg in.s Gehege komme, und so mußte er auch hier zurücktreten.

Goethe hatte sich entschlossen, auch den Winter über in seineiii Garteithatise aiit Sterit anszndatiern. Er meinte, das alte Hans lasse sich reparireit lind das Gärtchen an der Ilm sei ihm gar zu lieb. Dann dichtete er mit Moos lind Werg Feilster nnd Thüren tiitd richtete sich mit seinem Philipp ilt dem engen Neste wohnlich ein. Man betrat das Hans durch etile vom [559] Garten herein führende Thür; unten hauste der praktische Famulus; .s eine schmale Treppe führte in deu oberen Stock, hier schlössen sich U zwei Stuben mit einem Altane und zwei kleine Seitencabinete dem engen Flure au.

In dem größeren Zimmer mit schlichtester Einrichtung saßen Mitte December der Herzog und Goethe in traulichem Gespräche beim knisternden Holzfeuer des großen Kachelofens.

Karl August klagte endlich dem Freunde die fortdauernde Trennung von seiner Frau, über die er bislang geschwiegen, weil er Goethe auf Seiten der Herzogin gesehen und sich dadurch verletzt gefühlt hatte.

„Solche Maulerei und thörichte Pikirthcit, die kein Ende finden kann, ist mir unausstehlich,“ sagte er jetzt rückhaltlos.

„Du weißt, wir hatten im Sommer etwas wie einen Zank, ich mag wohl zu derb geworden sein, ein paar unbedachte Worte hingeworfen haben! Ich schwöre Dir aber, daß ich von der ganzen Geschichte nichts Genaues mehr weiß; und sie spinnt sich D daraus einen Trauermantel, den sie sammt ihrer Duldermiene gar nicht wieder los wird. Diese Sentimentalität ist mir zu arg!“

Goethe vertheidigte die Herzogin mit warmen Worten.

„Wußt’ ich’s doch im Voraus, daß Du ihr Advocat sein würdest!“ rief Karl August unzufrieden. „Deshalb habe ich Dir auch nichts wieder von unserem Zwist gesagt; nun aber kommt im Januar ihr Geburtstag heran; der Besuch des Cousin Ferdinand von Braunschweig ist in Sicht, da muß Luise doch ihre Trauer- störe abthun, repräsentireu und aufhören mir ein grämliches Gesicht zu schneiden, sonst heißt es in der Verwandtschaft, wir leben wie Katze und Hund zusammen.“

„Besinne Dich, womit Du sie beleidigt hast; bei Milli’s Tode fand Eure Entzweiung statt? Wenn ich Arzt sein soll, muß ich genau den Sitz des Uebels kennen.“

Der Herzog beichtete; so gut er sich jener Unterredung noch entsann, suchte er sie wieder zusammen zu stellen.

„So glaubt sie also Deine Liebe verloren zu haben?“ rief Goethe bewegt, „so trauert sie um ihr verlorenes Eheglück? Und Du bist nicht davon ergriffen, bist nicht in tiefster Seele gerührt?“

„Rührung hin, Rührung her!“ knurrte der Herzog unwirsch.

„Setze sie mir zurecht, weine meinetwegen mit ihr, aber mach’ sie s wieder entgegenkommend und vernünftig.“

„Sie verhält sich stolz und ablehnend gegen mich, sie hält mich für feindlich gegen sie gesinnt, und ich verehre sie doch so innig. Aber laß mich überlegen, ich will versuchen ein Festspiel L zu erdenken, das, auf sie gemünzt, ihr vielleicht zu Herzen geht.“

Einige Wochen später ward die lustige Welt von Weimar durch die Nachricht lebhaft in Bewegung gesetzt, Goethe habe zum Geburtstage der Herzogin Luise ein neues Drama gedichtet, Seckendorf die darin vorkommenden Lieder in Musik gesetzt, Aulhorn werde Ballets arrangiren, und nun solle es an ein Vertheilen der Rollen, an unterhaltende Proben und an alle jene Vorbereitungen gehen, die oft ergötzlicher sind als der Festabend s, selbst. Die Jugend zeigte sich, wie immer, voller Bereitwilligkeit, und das Unternehmen ward mit allen Kräften in Angriff genommen.

So kam der festliche Tag, der 30. Januar heran.

Der Herzog hatte seiner Gemahlin durch die Oberhofmeisterin Gräfin Gianini sagen lassen, er hoffe sie an ihrem Geburtstage in farbiger Gesellschaftstoilette zu sehen.

Am Morgen des Tages ließ er bei ihr aufragen, wann sie ihn empfangen wolle.

Sie ließ erwidern, daß sie immer für ihn bereit sei.

Er ging also mit einem Schmuckkästchen, das ein Halsband von Türkisen enthielt, etwas unbehaglich gestimmt – denn seit jenem unliebsamen läts-ü-tsts hatte er nie versucht sie allein zu sehen – zu ihr in den grünen Salon.

Luise war heute weiß gekleidet, sie sah aber ebenso bleich und niedergeschlagen aus wie immer, und sowohl ihre beiden Hofdamen, wie auch die Oberhofmeisterin waren zugegen. Damit war jede Möglichkeit einer intimeren Erörterung abgeschnitten.

So sehr nun Karl August auch Versöhnung wünschte, athmete er doch erleichtert auf, als es jetzt noch nicht zu der halb gefürchteten Aussprache zwischen ihnen kommen konnte. Diese Frau hatte ein Etwas in ihrem Wesen, das ihn beklemmte, und stets fühlte er sich ihr gegenüber in einer fremden Atmosphäre. Er übergab mit einem kurzen Glückwunsch sein Geschenk, küßte seine Gemahlin auf die Wange, nahm zu einer kurzen, gleichgültigen Besuchs- unterhaltung mit den Damen Platz und war froh, als die Ge- burtstagscour der Gratulanten das Zimmer derart anfüllte, daß von einer persönlichen Berührung nicht mehr die Rede sein konnte.

Nach einem Hofdiner in den üblichen Formen sollte zum Abend die Aufführung des lange vorbereiteten Festspiels folgen.

Der Saal, in welchem an der einen kürzeren Seite die Bühne aufgeschlagen worden, prangte heute in besonderem Schmuck.

Tannengewinde und Treibhauspflanzen, reichlichere Beleuchtung als sonst, Fahnen, Inschriften und Festons bildeten ein heiter einladendes Ganze.

Die Mitglieder des Hofes, welche nicht als Darsteller im Stück beschäftigt waren, umgaben die in weiße Seide gekleidete junge Herzogin, an deren Halse der ihr vom Herzoge verehrte Schmuck glänzte, und eine befohlene große Gesellschaft füllte alle übrigen Znschauerplätzc.

Eine Fcstouvcrtüre, unter Leitung des Capellmeisters Wolf, von den sechsunddreißig Mitgliedern der Capelle vortrefflich aus- geführt, eröffnete das Spiel.

Dann trat Karoline von Jlten, unmuthig als Amor gekleidet, hinter dem Vorhang heraus, ging auf die Herzogin zu, überreichte ihr einen Theaterzettel – während die Gesellschaft durch Lakaien mit Zetteln versorgt wurde – und trug, zaghaft stockend, neben gereimten Glückwünschen, die Bitte vor, das folgende Spiel, von Amor selbst ersonnen, sich wohl gefallen und zu Herzen gehen zu lassen.

Der Komödienzettel lautete: Festspiol zu Ehren des Geburtstags Ihrer Durchlaucht, der Herzogin Luise von Lachsen-Weimar-Eisenach, am 30. Januar 1777.

Lika, ein Drama mit Gesang und Hanz.

Baron Sternthal…………………. Sr. Durchl. Herzog Karl August.

Lila, seine Gemahlin …… Demoiselle Corona Schriller.

Marianne, seine Schwester …. Frl. Heimelte von Wöllwarth.

Schwestern der Lila …… Auguste von Kalb ’ ’ !Frl. Adelaide von Waldner.

Graf Altcnstcin … … ; . Oberstallmeister von Stein.

Gras Friedrich, sein Sohn …. Obersorstmeister von Wedel.

Doctor Verazio………………… . Legationsrath Goethe.

Der Oger,[1] der Dämon, Feen, Spinnerinnen, Gefangene.

Das Stück handelte von einem durch Mißverständnisse ge- trennten Ehepaare und ging mit Phantastischen Erscheinungen, Tänzen und Chören ergötzlich vorüber. Lila, die aus Irrthum und Wahn den Verstand verloren hat und stets Trauerkleider trägt, wird durch Doctor Verazio-Goethe hergestellt und mit ihrem Gemahl wieder vereinigt. Zuletzt singt sie:

„Ich habe Dich, Geliebter, wieder,
Umarme Dich, o bester Mann!
Es beben alle nur die Glieder
Vom Glück, das ich nicht fassen kann!“

Lebhafter Beifall folgte. Die Idee, der trübsinnigen jungen Herzogin ein Spiegelbild vorzuhalten, wurde auch recht wohl verstanden, doch hütete man sich, laut davon zu sprechen.

Welchen Eindruck die Herzogin selbst empfangen haben mochte, war schwer zu beurtheilen. Sie behielt stets in voller Selbst- beherrschung die Haltung ruhiger Würde. Wie üblich erhob sie sich nach dem Spiel und sprach mit den vornehmsten Personen ihres Kreises. Auf ein warmes Lob des Stückes und der hübschen Vorstellung von Seiten ihrer lebhaften Schwiegermutter antwortete sie mit edler Ruhe, daß es eine geschickt arrangirte Darstellung gewesen sei, die recht unterhaltend gewirkt habe. Dann fragte sie ablenkend, als eine Schaar Lakaien die Stuhlreihen forträumte und die Capelle sich anschickte auf der Bühne Platz zu nehmen, ob man noch zu tanzen beabsichtige. Die Herzogin Anna Amalie verneinte und sagte, so viel sie wisse, solle nur ein Souper an kleinen Tischen folgen.

Eine der andächtigsten Zuschauerinnen war Christel von Laß- berg an der Seite ihrer Tante Barbara gewesen. Ihre großen blauen Augen weiteten sich immer mehr, und immer lebhafter zuckte die innere Erregung in ihren zarten Gesichtszügen, je Phantastischer sich die Handlung entwickelte. Es schien ihr, als [560] lebe sie selbst zwischen diesen Spllkgestaltem diefeil Feeii, Spinnerinnen und Gefangenen, die sämmtllch deni Winke des Magns Goethe gehorchten

Nach einer langen und schweren Krankheit ilil Frühjahre hatte Christel ihr Trallimebell iil aller Stille sortgesührt. Da ihr Ullgeschick, sich in der großen Welt zu bewegen, noch dasselbe war, mußte sie sich iil diesem Jahre noch voil aller Geselligkeit serll haltell und durste mlr hellte ausnahmsweise der Eimadung zllr Gebllrtstagsseier der Herzogill solgell. Welch eilte Fülle voll Bilderll mld Eilldrückell empfing sie wieder iiii tiessteil Heiligthiim ihrer Seele! Wieköstlich schien es ihr, ml- beachtet dell Herrlichenin seiner Sicherheit und Schönheit als Meister des Spiels wirken und waltell zu sehen!

Zwischen den Coulissen stehend, erwartete Wedel seiile Partnerill Marianlle-Hellriette von Wöllwarth die jetzt zu ihm trat. Wie hübsch nlld stattlich sie ill der rosensarbenen Tracht der Feellkönigin alls- sah! Cr bot ihr zärt- lich dell Arm, um sie die Stufen des Po- diunis hiulluter ill dell Saal zu sichren. Null ist das hüb-

sche Spiel und ,Liebeildürfel wieder vorbei, thellre Ma- riamle!“ sagte er mit theatralisch wehmüthigem Pathos. „Ich fürchte, es wird mir uicht gelingen, diese Maske abzulegen diese vortrestliche Auge- wohllheit wieder los zu werden Wie wäre es, wenn auch Sie.s versuchten deuSchein zur Wirklichkeit zu erheben?“

Unter solchen halb scherzhast gesprochenen, halb ernsthast gemeinten Worten sührte er Henriette nuter die herzn drängende, beglückwünschellde Menge.

Die Tische zum Souper waren im Saale allsgestellt; Lllisens Hosmarschall Graf Görtz hatte es gar eilig, die für dell Tisch der Herzogin bestimmten Personen zu benachrichtigen; die übrige Gesellschaft setzte sich nach Willkür und Neigung zu einallder.

Hildebraild von Einsiedel, der nur im Chor beschästigt ge- wesen, sührte Lila-Corona zu Tisch. Goethe, der sich von Frau voll Steiii getreullt sah, welche an die Tafel der Herzogin befohlen war, nahm mit Adelaide voll Waldner und einigen Paaren von der Schanspielergesellschaft an lustiger Tafelrunde Platz. Im Stillen hatte er gelwsst, heute auch mit all dell Tisch der Herzogin Luise gewünscht zu werden, da er es doch war, welcher ihr Fest verherrlichte. Er erwartete verständnißvolle Rührung in ihrem ernsten Auge zu lesen und war verstimmt, daß es ihm nicht geglückt war, der hochverehrtell Frall lioch vor dem Souper zu uahen. Mit Ungeduld stogeil seiile seurigen Blicke zu der fürstlichen Tasel lind suchten nur einelil Allgeuaufschlage voll ihr zu begegnen.

Sie saß ruhig mld edel da ill ihrem Kreise anscheinend nllberührt von Allein, was gescheheil lind was noch um sie geschah.

Endlich erhob sich das herzogliche Paar, die ganze Gesell- schaft solgte, und nun schlvß nvch eine letzte ungezwungene Unterhaltung die Frenden des Abends.

Es währte nicht lange, so nahte Goethe der Herzogin. Cr stand jetzt dicht all ihrer Seite; sie schien ihn aber nicht zu belilerkeii mld sprach angelegentlich mit der Gräsill voll Wertherll voll Neuheiligen

Da sah der Herzog des Fremldes Ver- langen und kanl ihm in seiner resoluten Weise zu Hülse.

Er bot der Grästll den Arm, rief: „Dll mllßt die schöne Frau anch mir einmal gönnen, Luise!“ mld sührte die Dame ill eisrigem Gespräche davon. Die Herzogin wandte sich halb mld wollte an Goethe vor- über aus die Geheim- räthiil von Bechtoldsheim zugehen; er aber vertrat ihr den Weg ulld sagte, während hohe Röthe über seine schöneilZüge stammte: „Bill ich denn wirk- lich bei Eurer Dnrch- laiicht in Ungnade gefallen?“

Luise maß ihn mit einem großen Blick: „Wünschen Sie et- was, Herr Legationsrath?“ fragte sie eisig.

„In!“ erwiderte er jetzt sest, „ich wünsche zll wissen, womit ich Ellre Durchlaucht be- leidigte?“

Um ihre Mund- winkel zlickte es wie Weineil, und sie flüsterte: Halten Sie mich für so schwerfällig im Begreisen, daß ich dell Siml Ihres Festspiels sticht erfaßt haben sollte? Oder glatlbeu Sie, daß

es einer Fürstin, eiiler Frau gleichgültig sein kann, wenn sie vor der ganzen Gesellschaft als eine geisteskranke Thurm hingestellt wird?“

„Durchlaucht! Herzogin! Ulli Gottes willeil, diese Aus- sassuilg?“ ries er in tiefstem Erschrecken.

,, Still!“ raliiite sie ihm zu „Verschlimmern Sie nicht Alles durch noch einen Eclat!“

Gras Görtz trat ill diesem Allgenblicke heran, er sagte höhnisch, aber in snbinissester Haltung: „Eill reizender Anblick, wie der Dichter aus höchster Hand seinen Lorbeer empfängt!.'

Die Herzogin entgegnete gefaßt: ,,Die Verfe des Herrn Legationsrath Goethe waren ill der That charmant; führen Sie mich an meinen Wagen, Graf!“

[578]
20.

Nach jener Abfertigung durch die verletzte junge Herzogin hatte Goethe eine unruhige Nacht unter Selbstvorwürfen zugebracht.

Er konnte nicht sagen, wie der Herzog, dem er sogleich Luisens Aeußerungen mitgetheilt: „Das ist ja eine verflucht sensible Närrin!“

Er sagte: „Die Frau hat Recht, und ich begreife meine Verblendung nicht!“

Am andern Tage in aller Morgenfrühe wanderte er, um sich Rath und Trost zu holen, durch den knisternden Schnee am „Stern“ nach Stein’s Hause hinüber.

Er fand die Freundin noch mit Mann und Kindern am Frühstückstische und ward von allen herzlich als Hausfreund empfangen. Karl trug ihm einen Stuhl an den Tisch, der kleine Fritz kletterte auf seinen Schooß, Charlotte reichte ihm die Hand zum Kuß und ließ ihm eine Tasse Chocolade bringen, da er den Kaffee stets verschmähte.

Der Oberstallmeister, welcher sich in seiner Rolle als Graf Altenstein und später in seiner Verkleidung als Oger recht wohl gefallen hatte, rief vergnügt:

„Na, Doctor, schon ausgeschlafen? Wohl geruht auf den Lorberen?“

Charlotte dagegen fand kein lobendes Wort für ihn, und Goethe fühlte, daß sie eine Kritik im Rückhalt habe, die sie ihm für eine ruhige Stunde des Alleinseins spare.

Der Hausherr besorgte die Unterhaltung in seinem Sinn und plauderte nach Herzenslust: „Unsere verehrte Frau Herzogin sah reizend aus in der weißen Toilette, mit dem geschmackvollen Cadeau des Herzogs, dem Türkisen-Collier! Herzog Ferdinand, unser hoher Gast, der sie noch nicht kannte, äußerte sich nach dem Souper vertraulich zu mir: ‚Bester Oberstallmeister,‘ sagte Höchstderselbe, ‚das ist ja eine merveilleuse Person; distinguirt, voll Contenance und Schick.‘ Heute wird die maskirte Schlittenpartie den hohen Gast angemessen unterhalten. Ich habe die Ehre, die Herzogin Mutter zu fahren. Durchlaucht der Herzog fährt die Gräfin Werthern, blauer Schlitten, die Kohlfüchse davor. Herzogin Luise mit Prinz Ferdinand, silberne Muschel mit den neuen Schwarzen. Du hast Dein Costüm doch parat, Frau? Janitscharenmusik voraus, wir alle als Türken hinterdrein, ein ganzer Harem entschleiert, süperbe! In Belvedere nehmen wir eine Chocolade, darauf giebt’s ein kleines Concert. Nach dem Souper Rückfahrt mit Fackeln. Auf Ihr Penchact ist auch Rücksicht genommen, Doctorchen! Excellenz von Witzleben hat die feinste Spürnase [579] sür ein kleines Herzensfaible; Sie kommen mit der Schrötern lind anderer Ingeild im einen viersitzigen Schlitten. Es giebt aber noch tausend Dinge im Stall zu arrangirell,'. fügte er ans- stehend hinzu. „Welchen Schlitten bevorzugst Du, Charlotte? Der Oderhofmarschall voil Witzleben wirb Dich sahreu. Cs ist der mit dem Schwan für die kleinen Schimmel, der rothe mit der Tigerchecke und der Mohrenkopfschlitten mit dem großeil Dllukel- brannen noch znr Verfügung; überlege Dir, was zu Deiner

Toilette paßt.“

Cr grüßte leicht und eilte, um seine Geschäste zu besorgell, hinaus.

Der Hauslehrer solgte gleich daraus mit den beideu ältereil Knaben. Frau voll Stein nahm Fritzchen all die Hand und llid den Freund ein, mit ill ihr Zimmer zu kommen. Während Fritz lilit seinen Bauhölzern und Soldaten in der einen Fensternische ^ lte, saß Charlotte mit Goethe gewohnter Weise iil der andern. „Ich sehe es delitlich in Ihren bewegten Miellen, lieber ....r.olf,“ hnb sie teilnehmend an, „es ist etwas geschehen, was Sie guält; reden Sie, berichten Sie mir, was vorgesallen ist, dann will ich auch sagen, was ich für Sie auf dem Herzell habe.“

Anfathnlend theilte Goethe der vertranten Seele sein Miß- geschick niit. Cr gestand ihr, daß er wisse, wie sehr er die Herzogin verletzt habe, statt sie - wie er llie anders gewollt lind gedacht - in mildester Weise über ihre selbstgewählte trübe Lage aiiszllklären und sie wie Lila versöhlit liiid beglückt ill den Kreis der Ihren znrück zu sichren. Warm, hinreißend, bilderreich

sprach er sich über sein Mißgeschick ans. Ulld wieder gewann die ruhig lauscheude Freulidiu einen tiesell Blick ill das glühende, ..mch hohen Zielen ringende Herz des Dichters.

„Du siehst, liede Seelensührerin,“ fahr er fort, „daß ich er einmal Deiner bedarf. Ich gebe ja sollst nichts aiif das Gerede der Lellte, wenn es mit meinem für recht Erkannten im Widerspruch steht, und packe die Sticheleien geduldig anf, weiß ich doch, daß alles mir Versuche und Vorbereitungen sind. ie.r aber, wo es sich um eine Andere handelt, wo ich verletzt versöhnt habe, an alt mich das Geschehniß aiis das Bängste.“ Sie hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen; als er sie nnn, nach einein Urteilsspruch verlangend, nlit fragenden Aiigen ah, reichte sie ihm voll Theilnahme die Hand und seuszte: „Armer Freuild!“ Daun fuhr sie fort:

„Wenn Ihr Männer nicht gar so ficher gewefem wenn Ihr zll uns gekommen wäret, Rath zu holen! Vorher war das unter Euch eiile geheime Wichtigkeit, eine Selbstgewißheit. Als ich null aber das Spiel sah, erkailnte ich den lillgehenren Mißgriss! Ich wnßte ganz gellan: das vertrug Luise nicht; das hätte auch ich nicht vertragell! Ich koullte Luisens Gesicht nicht sehen, aber ans der Art, wie sie hastig und zitternd den Fächer bewegte, wie sie sich eisrig und gezwungen in den Pauseu unterhielt, erkannte ich ihre tiefe Gemüthserregung. Mit Bedanern fühlte ich, daß auf lauge hinaus viel verdorben fei..“

„Wenn ich sie nur allein sprecheil, ihr erklären könnte - wirke mir das ans, Charlotte!“

„Das gerade wird die Herzogin ängstlich vermeiden. Es würde auch nichts helseil. Sie ist, zwallzig Jahre alt gewordeil, in ihrer einmal fest geprägten Eigenart schwer zu ändern. Daß sie Dir gestern Abend ihre Seele einen Augenblick erschlossen hat, schmerzt sie heute vielleicht mehr als alles Uebrige ; sie ist ja eine so ties innerliche Natllr! Sie lebt ganz einsam in der Welt nnd findet alle Formen, allen Verkehr zu leicht; sie desitzt keilie Freundin und sehnt sich, wie ich glanbe, nach keiner, weil sie die Wonne, ihr Herz ansznthnn, nicht kennt.“

„Im wenn ich nicht in ihre Seele sähe und so warm für sie fühlte, hätte sie mich schon oft erkältet!“ rief er zustimmend.

„Aber Dn kannst uns bei ihr heraushelseu, liebste Lotte; sag, was wir thun können!“ suhr er erregt sort.

„Versuchen kann ich^s diestil Abend in Belvedere,“ entgegnete Charlotte nachdenklich, „aber mir ahnt, daß es nichts helseil wird.“ Goethe küßte mit dankbarer Innigkeit ihre Hand, klagte, daß er bei der Schlittensahrt wenig voii ihrer lieben Gegenwart gelließen werde, und verließ sie, wie iminer, mit der Empfindung, daß etwas in ihm in^s Gleiche gerückt sei.

Zu Hause angelangt, hörte er, daß obeu der Herzog auf ihu warte, er spraug hinauf mld fand Karl Angnft nllgeduldig im Zimmer hin- und hergehend.

„Kommst Dn endlich t“ ries er ihm elltgegell. „Mir läßt diese dumme Geschichte mit Luise keine Rühe. Ich bin gewiß kein Poltron, aber zu ihr sprechen, sie begütigen, dafür fehlt mir absolnt die Courage. Noch vor ihrer Stubenthü^. würde ich auf der Schwelle Kehrt machest! Ich bin auch gründlich erbost auf fie. Dies Versöhmlngsspiel voll gesterll war das Aenßerste, was ich lloch für sie thnn konnte! Weist sie die vergünstige Alissa.ssmlg meines glilen Willens ab,. so tst nilsere Trenliung ihre Schuld. Irgend Iemand kann ihr in meinem Anstrage ein Ultimatum stelleil! Cntweder oder! Ich werde sie laüfell lasten, .wenn sie nicht andere Saiten anfzieht; nur soll sie dann nicht mir unser Zerwürsniß in die Schuhe schiebeil.“

Goethe erzählte ihm, daß er von der Stein komme,. deren Verlnittelung er in Anspruch gellomnlell und deren Znsage, einen Verslich wagen zu wollen, er empfangen habe.

„Es ift eigentlich viel zu viel Mühe, die man sich um sie ^ giebt,“ brummte der Herzog halblaut. „Uebrigeus, wenn die Stein es. einmal unterninimt, kannst Dn ihr sagen, daß sie anch für mich rede.“

Am Nachmittage falld die Schlitteufahrt, bei hellem Winter- ^ sonnellschein, der in blälilichen Lichtern über den Schnee glitzerte, statt.

Voran führ die herzogliche Capelle in phantastisch türkischem Ausputz;...dann kamen zwei Vorreiter. Zunächst solgte die Herzogin Lnise niit dein Gast in der Silbernlnschel, Beide in buntem, türkischem Costüm, sie fast nlldlirchsichtig verschleiert ; die beiden herzoglichen Mohren standen in reicher Livree hintenans; daranf kam der Herzog mit seiner Dame, seine Läuser zu beidell Seiten des Schlittens mit schellengeschmückten Stäben, dann die Herzogin ^ Allna Amalie, mit ziirückgeworselleln Schleier liild eiileiii brillanten.-. flinkelndell Tlirbail, von dem ein Reiherblisch keck alisstrebte. Sie ^ selbst frisch, lachend und ost munter mit dem Oberstamlleister ^ plandernd.

Hierall schloß sich nun dem Range nach die ganze Hos- ^ gesellschaft, in kleineren einspännigen oder mehrsitzigen. Schlitten. ^ Die Müsik spielte ihre lnstigsten Weisen, die Schellen klingelten, die Peitscheil knallten, die Zlischaner janchzten, wo der prächtige Aufzug vorübertam, und die helle Soilile brach sich mit Regen- bogensarben in deiii schillernden Gemisch .. von frischem Schnee, bunten Stoffen liild glänzendein Geschmeide.

So ging es ..lustig die gerade Kastanienallee zum Belvedere- schloß hinauf!

Bald trat das iin italienischen Stil ausgesührte zweistöckige Hauptgebäude delitlich hervor, vom tiesblaneil, lichtdurchflutheten Frosthimmel sich scharf abhebend.

Zahlreiche Lakaien und Stallbediente unter Führung des Castellans empfingen die vorfahrenden Schlitten und leiteten die Gäste in den Speifesaal, wo eine dampfende Chocolade die Gesell- schaft an den Marmorkaminen lilit loderndem Holzsener versammelte.

Nach einer durch zwanglose Unterhaltung belebten Rnhestliilde begaiiil iiii angrenzenden Gemach die Musik; Corona, sowie die Rudorf, dann Beide zusammen, trugen unter lebhastein Beisall beliebte Arien vor.

Man brachte Licht lind der Tanz ..fing an. Anna Amalie sagte lachend zllr Göchhansen:

„Spring Dich warm, Thllsilelda, um für den Rückweg ein- znheizen! Wir wollen keine Neige iin Glase lassen!“ und eilig trat sie mit Stein zum Colltretanze an.

Die Herzogin Lnise kolinte dem Erbprinzen, dem Vetter ihres Gemahls, dell Ehreiltanz nicht weigern; auch mit dem Herzoge ging sie zum folgenden Meilnett. Sie gab sich Mühe, den Allschein einer zwischen ihnen waltenden Mißstimmung zu vermeiden, und das Ehepaar uuterhielt sich in den Pansen über oberflächliche Dinge mit der bestell Miene von der Welt. Karl Alignst sühlte dabei aber ganz gellan, wie er iiiit ihr dran sei; sie waren anderthalb Jahre verheiratet, und wenn iiil eigellt- lichen Sinne auch nicht durch .Liebe verbunden, doch klar über ihre beiderseitige Charakterrichtling mld die Art sich zu geben.

Nach diesem Menuett erklärte die Herzogin gegen ihre Um- gebllng, sie scheue wegen der kalten Rückfahrt im offenen Schlitten die Erhitzung lind wolle nicht mehr tanzen.

Sogleich fanden sich einige ältere oder ihr besonders ergedeile Persollell, die sich um sie schaarten; zu diesen gehörte Frau voll ^ Stein, der es gelang, den Lelmsessel dicht am Sopha neben der . Herzogin eiliznnehnlem [580] Goethe sah, während er Eorolla zum Walzer holte, wie günstig sich seiner Fürsprecherin die Gelegenheit darbot. Er warf der angebeteten Frau einen stammenden Blick hinüber und mußte fich zusammennehmen, um nicht zerstreiit zu erscheinen.

Aber auch Charlotte von Stein, so bereitwillig sie jelle Alis- gabe übernommeil, so lebhast sie gewünscht halte, das .Ungeschick der Männer anszligleichell , sühlte sich plötzlich zerstreut, als sie Goethe in seiner türkischen Tracht, prächtig wie ein Pascha, mit der schönen Sängerin znm Tanze gehen sah.

Eiile Bitterkeit stieg

im ihr ans, die ihr

Empfinden dem Lni-

seils ähnlich machte.

Sie bekämpfte jedoch

dies Unwillkürliche,

das sie völlig zu läh-

men drohte, liild be-

gann , sich anfraffend,

eiste oberflächliche Un-

terhaltling lilit der

Herzogin. Als die

Umfitzenden benlerk-

tem daß für sie angen-

blicklich das Ohr der

hohen Frau nicht zn-

gänglich sei - man

hielt ohnehin Fran

voll Stein für die

nächste Frellndin -

stand Einer nach dem

Andern aus und trat,

nm dem Tanze zu- zuseheil, in die osfelle Flügelthür des Saals.

Diese Wendling der Dinge hatte die Parlamentärin er- wartet und kam zur Sache :

„Dnrchlaucht ha- bell einen Unglück- lichen gemacht,“ slü- sterte sie, sich der Herzogin znneigend. „Der Legationsrath Goethe hat mir ge- standeil, daß er unter Onalen der Rene uud des Bedauerlls die

Nacht schlaslos hin.-

gebracht habe uud nichts inständiger be- gehre und von Höchst- Ihrer Gnade erflehe, als seinen Mißgriff ausgleichen, irgend etwas thun zu dürfen, erlangen!“

„Geschehenes läßt sich nicht ändern. Ich wüßte nicht, wie hier etwas gut zu machen wäre,“ entgegnete die Herzogin, sich strasser ausrichtend und bleicher werdend.

„Läßt sich auch nichts ungeschehen machen, so ist Begnadigen doch das schönste Vorrecht der Fürsten. Darf ich dem renigen Dichter, welchen fein Genius auf Irrwege lockte, den Trost der Vergebung im Anftrage meiner Gebieterin fpenden?“

„Ich denke, der Herr Legationsrath wird sich gern mit der Gnade meines Gemahls begnügen.“

„Warum soll dies zweierlei sein? Warum trennen Enre Durchlaucht Ihre Getrenen ill zwei Heerhansen? Goethe ist HöchstIhnen ebenso ergeben wie Seiner Durchlaucht dem Herzoge. Er beklagt schmerzlich das Vorurlheil, als wirke er ungünstig anf feinen hohen Herrn; er möchte versöhnen, in.s Gleiche rücken, die ihm verehrlingswürdigsten Menschen innig verbiiideii -“

Stelldichein.

.il.l.l, dem ^t^ematde v.m ^oi.eri .ll ^m

nm Enrer Durchlaucht Vergebung zu

,,Stößt aber auf Schwierigkeiten, die“ - Luise schwieg und wandte sich mit schmerzlich zuckeuder Lippe ab.

„Durchaus uicht, Herzogin! Keineswegs; auch Seine Dnrch- lancht der Herzog beklagt vorgesallene Störungeil, verletzende Be- rührllngen und wünscht nichts lebhafter -“ „Ah, Parlamentären!“

„Ia, Enre Dnrchlaucht; uellnen wir es so; ich spreche in doppeltem Austrage, und alls der Fülle meines betrübteil Herzens

dazu. Seieii Sie ver- söhnlich , seieu Sie gnädig und gütig für zwei Herzell, die in Liebe und Berehrling sür Sie glühen -“ „Liebe? -Liebe bietell Sie in sei- nem Austrage? Weil er die kokette Wer^ theru entbehrt, keinen interessanten Ersatz stlldet, deshalb, als Lückenbüßer, als Al- mosen - sein Weib! - Großer Gott, was sage ich? Aber mag.s sein. Meine Liebekalln ebenso weilig ans ihrem Grabe erstehen, wohinein er sie ge- bettet hat, als seine tiesbetrauerte ,Liebste.. Ich bin deshalb nicht wahnsinnig wie Lila, aber ich hin eine Frau, die ein seinelnpstnden- des Herz hat liild allf ihre weibliche Würde hält. Ich bin liild bleibe sein Weib, sein gehorsames Weib; ich werde ihm nie, was er voil mir, von mei- ner Stellullg zu sor- deru hat, versagen; melden Sie ihm das anch, aber liiein Herz, das nicht begehrte, das bleibt ihm für alle Zeit verloren!“

Sie stand rasch auf, trat vor nach dem Salon, gewann in kürzester Frist Be- herrschllng ihrer be- bendell Glieder, ihrer schmerzlich verzogenen Mienen und solgte wenige Minuten später, als der Walzer zu Ende war, deln Erbprinzen von Brannschweig zum Souper.

Kleinere Feste stillten die solgendell Tage. Unterdessen war der Gründonnerstag herangekommen.

„Willst Dn übermorgen nlit znr Allerhahnjagd nach der Wartblirg, Wolsgang?“ sragte der Herzog Karl Anglist Goethe, indem er in dessen Garten trat, wo der Dichter eifrig mit Spaten nlld Hacke ackerte. Der steißige Natnrfrellnd stellte seinen Spatell znr Seite, klopfte sich die Erde von den Fingern und blickte aiis leuchtenden Augen den Freuud herzlich an.

„Sie wissen, mein lieber gnädiger Herr,“ erwiderte er, „das Grülldeil und Aliserchallen ist mehr meine Sache, als das Zer- stören. Wenn da im dämmerigen Morgeilgrniieii, iiii reineil Gottessrieden der Natur, solch eiil prächtiger, großer Vogel seiiie Liebestöne ausstieße, das ganze Geschöpf eitel Lnst iilld Freudig- keit, würde ich meine Büchse hernnter thnn liiid sagen: lebe nnd genieße! so unwaidmännisch das auch wäre.“ [582] [594] [595] [618] [619]

[630]
22.

In Weimar eilte Karl August sofort Goethe aufzusuchen; gegen den Freund wollte er sich aussprechen, das stand fest! Aber – er hatte Goethe’s Urlaubsgesuch ganz vergessen – das Gartenhaus am Stern stand leer, Goethe war Tages zuvor nach Ilmenau abgereist.

Welche Wandlung in seinem Empfinden! Eigentlich war ihm jetzt Goethe’s Abwesenheit gar nicht unlieb. Der Freund hätte ihn auslachen, verspotten, möglicher Weise verhindern können, auf Saint Germain’s Vorschläge einzugehen. Das, was er selbst dem Grafen entgegnet hatte, wollte er jetzt nicht gern auch von einem Andern hören, denn er schwelgte in der Hoffnung, Außerordentliches gefunden zu haben und noch erleben zu sollen! Das heimliche Ausspinnen der empfangenen Eindrücke hatte ihm schon die Freiheit der Auffassung geraubt, er wünschte glühend keine Enttäuschung zu erleben und ward täglich froher, als der Mond sich rundete, die Jagdeinladung vom Landgrafen eintraf, der Freund aber noch nicht zurückkam.

Im Schloßpark zu Barchfeld spazierten einige Tage später zwei fürstliche Herren. Der Landgraf Adolf von Hessen-Philippsthal-Barchfeld, ein stattlicher Officier, der in holländischen Diensten stand, unterhielt sich im Gehen mit seinem Gast, dem Herzog Karl August. Derselbe war, nur von seinem Reitknecht begleitet, zu Mittag von Eisenach aus angekommen, der Jagdeinladung des Landgrafen endlich Folge zu leisten.

Graf Saint Germain befand sich als Gast, sammt einigen anderen Herren vom Kasseler Hofe, in Barchfeld. Ohne einer früheren Begegnung zu erwähnen, hatte er sich dem Herzoge vorstellen lassen und in seinem Benehmen den Hofmann, den Cavalier und geistreichen Gesellschafter herausgekehrt. Allerdings waren ihm bei Tafel scheinbar absichtslos Andeutungen entschlüpft, die auf weit zurückliegende Lebensverhältnisse hindeuteten. Fast erschrocken suchte er dann diese Mittheilungen zu bemänteln, wie Jemand, der sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit oder zu großen Offenherzigkeit ertappt, und da keiner der Herren nachforschte oder erstaunt schien, ließ auch Karl August die Dinge gehen, glühte [631] aber vor Neugier, uach Tisch seinen Wirth im Vertraueu zu srageu, was von dem merkwürdigen Manne eigentlich zu halteu sei.

Die ersehnte Stnnde, sich ungestört über Samt Germain zn erkundigen, war jetzt endlich gekommen Die Herren unterchielten sich zwauglos, wo und wie sie wollten.

.Der Herzog gesellte sich seinem Wirthe. Er nahm den Arm des würdigen, etwas steisen Herrll und war froh, daß sich keiner der anderll Gäste ihnen anschloß. Lebhast sagte er , als sie mit einander eine Allee hinab gingell:

„Ich bitte Ellre Liebden dringend, mir nähere Anskllnst über den merkwürdigen Mann zu geben, der hellte mit uns speiste,. ich meine den Grusen Saint Gerlnaill!“

„Ah der!“ erwiderte der Landgras und nahm die Thonpseise ans den Zähnen; „ja, der ist merkwürdig genllg.“

„Null, in wie feru? Woher stammt er? Was ist er? Was hat's aus sich mit seinem übernatürlichen Alter?“

Der Landgras lächelte, blieb stehen, sah dem Anderll sast erschrocken ill die Angen und sprach mit gemächlicher Rühe:

„Eure Liebdell verlangen etwas viel und obendrein aus einmal. Ia, wer alle die Fragen beantworte könnte.!“

„Nun General, so beantworten Sie wenigstens eine!“ rief der Herzog nlit brennender Ungeduld.

„Welche, Myuheer?“

„Welche Sie wolle, bleibe wir bei dem Alter!“ „Darüber können wir Gewisses nicht sagen. Thatsache ist, daß der Gras Details weiß, die eigentlich llnr Zeitgenossen in der Weise berichten können. Es ist in Kassel jetzt Mode, respectvoll seinen Angaben zu lauschen und sich über gar llichts mehr zu wllndern. ^ Der. Graf ist kein Renommist, kein zlldrillglicher Schmarotzer; er ist ein Mann aus der glltell Gesellschaft und für die gute ^ Gesellschaft, den an sich zu sesselu Iedell ersreut. Wenn er auch bei dem Ehes unseres Hauses, dem regierenden Lalldgraseu Friedrich dem Zweiten nicht sonderlich angeschrieben ist, derselbe nennt ihn ^ einell Mucker und Moralisten so steht er doch mit viele bedeutenden ^ Männern in naher Beziehung und übt einell llnerklärtichell Eindruck aus audere. Mein Vetter., der Laudgras Kart von Hessen ist ihm sehr gewogell, sie treibe eifrig Freimaurerei und allerlei dunkle Künste ^ mit einander; Lavater schickt ihm Auserwählte. Er kann mit ver- ^ schiedellell Stimme und aus verschiedene Entsernunge sprechen, schreibt jede Handschrift, die er einnlal gesehe, tänsched nach, soll mit Geistern und übernatürliche Wesen verkehren welche ans seinen Rns erscheinen, ist Arzt und Geognost und besitzt, wie ver- sichert wird, ein nntrügliches Mittel, das Leben zu verlängern ^ Gründe genug, dell Malm auznstanuen“

Mit äußerster Spallullug hatte der Herzog alle diese Mit- ^ theilungen von den Lippe des bedächtig redenden Landgrasen vernommen. In der That hätte Saint Germain dell nenznge- willnendell Iüllger an keine bessere Adresse weisen können, als an die des Landgrasen Adolf.

Mit einem wahren Fieber änßerster Spannung harrte der Herzog Karl August auf die weitere Annäherung des Wnnder.- mannes und auf das ihm in Anssicht gestellte Abenteuer. Er brauchte nicht lange darauf zu warte; sich dem Schlaffe wieder zuwendend, sahell die beidell Männer den Vielbesprochenen nlit dem Marguis de Luchet, dem Illtelldalltell des Theaters und der Capelle, Güustlillg des allem Französischen zugethanell Lalldgraseu Friedrich von Hesseu-Kassel, daher kommen

Es machte sich sehr natürlich, daß der Margllis mit dem Landgrasell Adols vorallsging, während der Herzog, sich zu Samt Germaiu geselleud, folgte.

„Nuu, Graf?“ fragte Karl August und sah dem Begleiter forschend in das erllste Gesicht.

„Sind Eure Durchlaucht heute Abend zu llnserem Wagllisse bereit?“

„Mit Leib und Leben!“ ries der junge Fürst. ,,Sagen Sie nur, was ich thlln soll!“

Ein befriedigtes Lächeln slog wie matter Sonnenschein über die düsteren Züge des Wnndermanns, dann hüb er an:

„Es ist meine bislang versänmte Psllcht, Serenissimns darauf auflnerkfam zu machen, daß wir einem nicht gallz gesahrlosen Unternehmest entgegen gehen. Ein Wagniß ist's, Sie ill das Reich unterirdischer Mächte einzuführen, welches nur mir ossen steht. Einem sterblichen Menschen dort Zlltritt zu verschassen, der weder mit den Gesetze jener geheimnißvollen Welt vertraut ist, ^

uoch surchtbare Möglichkeiten zu benrtheilen vermag, bleibt stets bedenklich. Ellre Dnrchlancht dürfen nie vergeffen, daß von meiner l Seite nur der eine Beweggrund vorliegt: Sie von dem Zn- fammenhallge meines Wefens mit höhere Regionen zu überzengen nnd dadllrch Ihre Hingabe für mich. ------ das heißt für meine

edlen Bestrebungen - zu gewinnen. Ich sühle, daß ich Ihnen diese Probe schnldig bin, .nlld ich werde dieselbe ablege, koste es was es wolle ! Der Zweifel muß zwischen uns aufhören, er muß vernichtet werden! Er hindert Sie, den Tempel der Erkenntniß nnd Vvllendung zu betreten, zu dem Sie an meiner Halld ge- lallgell sollen. Um null bei dem beabsichtigten Unternehmen einige Sicherheit für Sie und für mich -- denn auch ich wage viel! - zn finden, müffen Ellre Dnrchlancht sich genan meine Vorschristen merken, genall meinen Angaben und Forderungen Folge leisten. Sie werden mit verhüllten Angen den geheimnißvollen Ritt in den Vorhos des Hörselberges machen; Sie werden, wenn wir der Venns gegenüber stehen, kein Wort sprechen, damit wir nicht die gräßlichen Schemen der wilden Jagd ansschenchell, welche nns zweisellos zu Tode hetzen würden. Stumm schanen Sie die Schrecken nnd die Herrlichkeit der Tiese, stumm kehre Sie all meiner Hand znrück. Möglich, daß die gefangene Hnldgöttill den Heros in ^ Ihnen ahnt, der, gleich denl verlorenen Tanhänfer, ihr Seligkeit bereiten könnte, möglich, daß sie die rührende Sprache der Ge- berdell an Sie richtet, daß sie Liebe, Licht, Freiheit erfleht; da heißt es stark bleibell , denn eine Unmöglichkeit ist's , sie dnrch rasche That zu gewinnen. Vielleicht gelingt dies - wenn Sie es begehren sollten -- alls einer späteren Stnse unser.es Empor- strebens.“

Er hatte dies Alles halblallt, rasch und eindrillglich gesprochen, nlld Karl Allgllst fühlte wieder, wie bei jelleln erstell Znsammen- treffen sich von einem Schwindel dnrchrieselt, in welchem das, was er bisher für möglich, das was er für nnmöglich gehalten hatte, zn einem nntrennbaren Chaos ill einander stoß. Seine mstige Spott- sncht, sein derber Hllmor waren zum Schweigen gebracht; er wollte fragen , aber wo anfangen , da das beabsichtigte Unternehmen iln Gallzell ein so dllrchans sragwürdiges war? So brachte er nnr die bescheidene Crknlldigllng uach der Zeit ihres Allsritts hervor.

„Um ueull Uhr geht der Moud aus,“ erwiderte der Gras mit der Mielle eruster Ueberlegung. „Wenn Sie etliche Lllflvoltell vertrage, so könnell wir binnen einer halben Stuude anl Fuße ^ der Wartburg oder. des Hörselberges sein.“ „Lnslvoltell?“ sragte der. Herzog erstaunt. „Ah, ich vergesse! Dnrchlancht wissen uicht, daß, während Sie nur die Elnpfindnug haben, im Kreise zu reiten, wir mit jeder Wendung Meilen zurücklegen; alls andere Art kann ich die ^ Gnnst allßerirdischer Fortbewegung keineln Sterblichen verschaffe. Unser geehrter Wirth, der Herr Landgraf, wird sich nach dem Souper mit dell anderen Herren an dell Spieltisch setzen ; während l mall sich in das Eavagllote vertiest, bemerkt mall unser Ver- schwinden kaum, und binnen ein bis zwei Stuude silld wir, ^ well Alles glücklich geht, wieder aus dem Berge zurück. Bis Mittermacht liegt das wilde Heer unter dem Banne; wecken wir es mit keinem nnvorsichtigen Lallte, so sind wir nllgesährbet.“ Der Herzog konnte zu alledem nur stanneud dell Kopf schütteln Gegell acht Uhr setzte mall sich im Speisesaale znnl Souper. Es wollte Karl August bedüllkeu, als ob der Gras weniger unter- haltend sei als am Mittage; ein Zng feierlichen Ernstes lag zwischen seinen dnnklen Brauen, und fest geschlossen waren die schmalen Lippen, verstohlen blickte er mehrmals aus seine Uhr.

Der Herzog besalld sich ill peinlicher Ausregung. Was sollte nlit ihm geschehen? In welches Unternehmen hatte er sich ein- gelassen? War er. das Opser eines unerhörte Betrllges oder der Anserwählte des erhabensten Geistes? Diese Fragen, innerlich zum hnndertsten Male anfgeworfen, zerstreuten ihll immer wieder bei jedem Gespräche, aus das er einzngehen versllchte.

Endlich wurde die Tafel anfgehoben, plalldernd, rauchend trat mall in das Spielzimmer. Die Partien fanden sich znfammen, der Herzog und Graf Saint Germaill lehnten ab.

Ein paar Angellblicke standen sie noch hillter dell Stühlen der Spieler, dann, als diese sich in ihr Borhaben vertiestell, . winkte der Wundermann mit seinell gewaltigell Angell, und unter dem Einslnsse einer seltsamen Empstndung, halb von Bangigkeit, halb von jubelnder Lust, folgte der abenteuerfüchtige junge Fürst dem Voranschreitenden alls dem Schlosse.

.lo .o lw .o ..o l.lo^. oo wo .l.lo .l.^o -..to .l.w .wo .loo -....o .wo ^ wo ^oo ..l.w ^o

[632] Als sie in den hell im Glanze des Vollmondes daliegenden Garten traten, schlug es vom Thurme die neunte Stunde.

„Gut,“ murmelte Saint Germain, „nun vorwärts!“

Quer den Park durchschreitend und denselben durch ein Seitenthürchen verlassend, gelangten sie auf eine Wiese, wo hinter dichtem Gebüsche ein Mann zwei Pferde hielt. Das eine trug statt des glatten englischen Sattels einen ungarischen Bock. Saint Germain bezeichnete dem Herzoge dies als für ihn bestimmt; da er mit verhüllten Augen reiten werde, könne er die Zügel nicht selbst führen und habe sich also am Sattelknopf zu halten.

Er warf dem Herzoge dann eine Kapuze über den Kopf, die nur Luftlöcher zum Athmen hatte, aber die Augen fest verhüllte, und half ihm beim Aufsitzen. Gehorsam setzte der blinde Reiter sich fest in dem geschweiften Sattel und ließ sich willenlos entführen. Er fühlte, daß auf seiner Seite der Graf ritt und sein Pferd am Zügel leitete. Bald setzten sie sich in Galopp; eine eigenthümlich schwindelnde Empfindung bemächtigte sich des Herzogs, als er so, ohne zu sehen, ohne Zügel zu fassen, in die Nacht hinaus jagte.

„Sitzen Sie fest!“ raunte ihm jetzt der Graf zu, „wir erheben uns zu einer Luftvolte, die uns um Meilen weiter führt.“

Es geschah, sie sausten im scharfen Kreise rundum. Schlugen wirklich die Pferde nicht mit den Hufen auf? Die Kapuze verhüllte das Ohr; es war dem jungen Fürsten in der That, als ob er fliege. So dauerte der Ritt nicht länger als eine halbe Stunde, und schier erschreckend vernahm er die Worte des Magus: „Wir sind am Ziele, dort liegt der Hörselberg!“

Man half ihm vom Pferde, er fühlte steinigen Boden unter sich, man führte ihn bergan. Er spürte, daß Gebüsch seine Hand streifte, und stützte sich, als man Halt machte, mit der Hand auf einen Felsblock; deutlich sah er im Geiste die bekannte Stelle, wo unter einer Felskante, die längs des sich steil in’s Thal absenkenden Berges hinläuft, des engen Hörselloches Spalte klafft. Man führte ihn noch ein paar Schritte weiter.

[633] „Treten Sie vorsichtig hinunter und stehen Sie fest“ flüsterte der Graf ihm zu; er that’s, sein Fuß berührte Leitersprossen; der Führer hielt ihn, und dann stiegen sie Beide langsam in die Tiefe.

Dumpfe Kellerluft, wie sie nur unter der Erde herrscht, umfing sie, sie standen auf festem Boden, und der Graf löste seinem Begleiter die hüllende Kapuze.

Karl August sah sich in einer trüb beleuchteten Höhle, in der das braunrothe Licht einer Pechfackel sich an hohen, nicht von Menschenhand gemeißelten Wölbungen brach. Dunkle Schlagschatten lagen in den Winkeln und fuhren in raschem Wechsel hin und her, sowie ein Luftzug die Flamme der Fackel bewegte.

Der Graf faßte die Hand seines Schützlings und schritt mit ihm vorwärts, ein felsiger Gang that sich auf, den man verfolgte, dann umfing sie eine geräumige Halle, von der sich Seitengrotten und Gänge in die Tiefe abzweigten; wieder steckten ein paar Fackeln in den Felsspalten, von denen der Graf die eine ergriff, worauf er vorsichtig leuchtend voranschritt. Ein starkes Rauschen schlug an das Ohr des Herzogs, und feuchte kühle Luft strömte ihm entgegen; der Gang wandte sich jetzt plötzlich, rohe Stufen führten zu einer Plattform empor. Er stand starr, staunend. Zu seinen Füßen ein wildes Bergwasser, schäumend, in Cascaden vorüber rauschend, drüben, jenseit des Wassers, eine Felswand — in der eine Stelle sich plötzlich erhellte. Es war, als thue eine Nische sich auf, von rosigem Licht erfüllt. In derselben stand ein goldenes Ruhebett, Purpurdecken waren darüber gebreitet, der Boden mit Rosen bestreut.

Auf dem Bette lag sanft hingelehnt eine Gestalt, sie richtete sich auf; „Frau Venus!“ raunte der Magus, aber der Herzog hätte dieser Weisung nicht bedurft.

Ja, das war ein Weib und doch eine Göttin! Unter einem strahlenden Diadem fiel aschblondes Haar herab und wallte in losen Wellen um den ganzen Körper, welchen ein weißes, griechisches Gewand hüllend umschloß und doch in seinen schlanken, vollen [634] [646] [647] [664] [666] 

„Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Graf,“ erwiderte eine scharfe Stimme.

„Sind Sie jetzt überzengt, daß ohne Befeitigung des Favorit hier kein Ranm ist für ulls und uobele Paffionen?“ „Ich bin es; dieser Poet dominirt Alles...' „Sehen Sie, wie Recht ich hatte!“

„Kansnlalm insinnirt mir, daß Goethe Serenissimns ernüchtert, daß er Abneigung, Mißtraue gegen höhere Wissenschaften in dem Herzoge erweckt.“

,,Er ist uns Beidell gleich sehr im Wege!“ ries Görtz be- sriedigt. „Stehen wir nicht an, alle Minen gegen ihn springen

zn lassen!“

„Er scheint der hoheitsvollen, schönen Herzogin zu hmdige?“ „So? - Hm - eigentlich hat er eine andere Amour uud Poussage.“

„Aber er verehrt sie doch?“ „Iawohl, wie wir Alle.“

„Einerlei, hier muß angeknüpft werdell; diese Stllrnl- llnd Drllngjllgend verträgt starte Dosen ; hier kann ich auch dell kleinen harmlosen Baron gebranchen!“

Ihre Pläne weiter erwägend, bogen sie in einell Seitegang.

Der Fremde, hier sich gauz sicher mld nnbemertt wähnend, nahm auch die Maske ab lind plauderte so mit femellt Begleiter.

Znr Gesellschaft zurückkehrend, nllhörbar über einell Rasell- platz daherkommend, kreuzte jetzt Goethe mit Eorolla am Arm den Weg der beidell Herren.

Ein Augeublick allseitigen Stutzeus; die Maskeu in beider Hand stvgell vors Gesicht, - und nlit bebendem Arm zog die Sängerin dell Freulld vorbei.

„Er; großer. Gott!“ murmelte sie.

Das Paar hatte jetzt dell hellerlelichteteu Platz vor dem Ht.lnse, wo sich die Gesellschaft ill buuteln Durcheinauder be- wegte, erreicht.

„Wer war der schwarze Domino, Corona?“ fragte der Dichter.

„Ich weiß nicht - kenne ihn nicht,“ murmelte sie, wie ihm schielt, in peinlicher Verlegenheit.

Sie ward gleich daraus voll verschiedenen Personen nlnringt nnd machte sich von Goethe los.

Dieser ging Frall voll Stein allszllsnchen, um volt iln: ein gutes Wort über sein Gedicht lilld sein Spiel als Niklas zu hören. Alt ihrer Seite vergaß er bald alles Andere.

Die Sammetschleife verborgen ill der Halld haltend, begab fich Lllise voll Göchhansen zur. Gesellschaft zurück.

Es war ost in ihren Kreisen besprochen worden, daß Eorona, ill Folge eines dnnkten Verhältnisses, stets eine schwarze Sanlntet- schleise, gewissermaßen als Orden trage. Diese Thatsache ließ sie überzengt sein, daß die schölle Sängerin einem Gebot, das mit jenem Zeichen an sie gelangte, gehorchen werde.

Sie fand Eorona, die als Dortchen leicht kenntlich war, bald ilt dem Kreis verschiedener Verehrer, die mit ihr über ihre Rolle, ihren Gefang, den Verlans der Allfführung fprachen.

Rasch zu ihr hindnrchschlüpseltd, wies sie ihr die Schleise ilt halbgeöffneter Hand und rannte ihr zn: „Ein hochwichtiger Allstrag !“

„Himmel, auch Sie ilt seinem Bann!“ slüsterte Corona er- schlucken tlnd verließ sofort ihre Bekaltuteu, um mit der Göchhauseu zur Seite zu tretelt.

„Unser Meister,“ sagte Luise wichtig, ,,gebietet, daß Sie sich lluverzüglich zum Herzoge begebeu und ihm Folgendes allsrtchten : .Diejenige, welche Dein Herz ersehnt, harret Deiner in der Lanbe hinter dellt Amor!.“

„Gllt,“ entgegnete Corona, mit feiertich entschlossenem Ton, „ich gehorche nnverzüglich mld werde den Herzog bald sinden.“

Sie ging und die Göchhansen fpionirte sehr erheitert mld überzengt, daß Karl Angnst einer solchen Lockung nicht wider- stehen werbe, dem weiteren Verlallf ihres Schaberllacks nach.

Der Herzog scherzte mit Angnfte von Kalb und Adelaide voll Waldner, die, in lichte Dominos gehüllt, sich neckend an feine Ferselt geheftet hatten.

Corona winkte ihll mit bittender Geberde zu sich ; er entrann seinen hübschen Plagegeisterlt mld trat zu ihr mit der Frage nach ihren Wünschelt.

Ernsthaft sprach sie. ,, Unser Meister laßt Eller Dnrchlancht ausrichte: Diejenige, welche Ihr Herz ersehnt, harre Ihrer in der Laube hillter dem Amor!“

Der junge Fürst stieß einen Frendenlallt ans. „Endlich!“ ries er begeistert, „endlich hat er sich meiner Selmsttcht erbarmt!“

Und sogleich schlug er die zu der bezeichneten Lanbe führende Allee ein.

Die Göchhanse, wohl überzengt, daß der Herzog einer Liebes- lockung nie widerstehen werde, aber doch überrascht von der außer- ordeutlicheu Wirkung ihrer List, vermochte kaum so rasch zu folge, ^ wie der Herzog vorauseilte.

Jetzt hielt er, wie beklemmt von den Schläge feines Herzens, athemlos vor Spannung, neben delst lieblichen Marmvrgebilde all, welches innlitten eines Kranzes von Länlpchen stand.

Er drückte die Hand beschwichtigend auf die Brust - seine listige Verfolgerin erreichte eben die Seitenwand der Laube - daun raffte er sich ans, mnrmelte in änßerster Gemüthsbewegung: ,,himlnlische Frau Venns!“ und trat, scharf in das Innere des ^ grünen Heiligthmns lngend, in die Lanbe.

Eine Gestalt, in hellem Domillo, sprang von der Bank ans ttltd ihm elltgegen; es war zu dnllkel, nln Gesichtszüge zu unter- scheiden; das Wesen schlang die Arme tml seinen Hals und küßte ihn inbrünstig. Ein helles Gelächter an seiner Seite machte den Herzog zuerst stutzig er machte sich los, vielleicht auch uur, tml srei auszuathnlen.

„Nur zwei!“ sagte die „Göttin“ mit bedallerudem Ton nnd heiserem Baß.

„Die Kickenliese läßt grüßen!“ rief Ltlise von Göchhansen tmd entsloh, glückselig über das Gelingen ihres Possenspiels.

„Donnerwetter, was ist das? Wen haben wir hier?“ slnchte der Herzog.

„Ach, Dnrchlancht?“ ries der Oberkälnnlerer kleinlant llnd enttänscht. ' „Bitte tanselldmal um Entschuldigung!“

„Psui!“ machte der Herzog, „werde mich waschen müssen! Wie kommen Sie in aller Welt zu solchem Zärtlichkeitsraptns?“

Nach einigen znrückhültenden Redensarten, voll beiden nn- verständlich eingekleidet, da keiner nlit der Farbe herans wollte, gillg der Herzog, enttänscht und aus seine Widersacherin scheltend, schließlich aber doch über sein seltsames Mißgeschick lachend, dnrch die Allee znr Gesellschaft znrück.

Bald daraus trat ein schlanker Malm, ill einen schwarzen Domillo gehüllt, zu dem Obertämmerer ill die Lande.

Delt Anlalls des kleine Mannes znr Wiederlwlung seiner Zärtlichkeit wehrte der Kommende mit starkem Arm ab; dann nahm er mit würdig , aber halblaut . gesprochenen Worten den Barmt von Göchhansen in Eid und Psticht und händigte ihm schließlich, ztlr Belohnung, ein Päckchen volt seinem wttudervvlleu „Lallglebellsthee“ ein.

Mittlerweile wareu alls Kies- und Raseuplätzett vor dem Hause verschiedeue Tische gedeckt, an deuell sich die Gesellschaft, wie der Zusall es sügte, zum Adeltddrod zusammen gesttndett hatte. Lakaien liesen ad und zu, Gläser klirrten, Gelächter ertönte hier . nnd dort und viele Stimme schwirrte durcheinauder.

Es gad für dell Herzog, der. aus der dämmerigen Allee ktml, i ein hübsches und belebtes Bild, aus diese bald heller, dald minder hell beleuchtete Gruppe zu blicken, die sich's in der lauen, duft- . erfüllte Sommernacht wohl sein ließen. Windlichter standen alls delt Tischen, zahlreiche Lämpchelt hingen in den Bännlen, mld sarbige Papierlaternen, ansländischen Prachtblüthen ähnlich, schwebten da und dort an tlnsichtbaren , von einem Zweige zum anderen gezogenen Fäden über den Hätlpterlt der fröhlich tafelnden Gäste. Umschan haltend, lehnte Kart Angnst im Schatten an einem Baumstamm und beobachtete die Gruppen vor sich.

An dem nächsten Tische saß seine Gemahlin ; der Neid mußte es ihr lassen, daß sie sehr lieblich anssah! Ueber ihr schwebte eine Kette von lichtstrahlenden rothen Kelchen ; sie trllg einen himmelblanen Domillo, dessen znrückgeworsener Capnchon Kops mld Hals srei ließ, eine leichtgepuderte Locke siel zu jeder Seite des zarteu Gesichts aus den Nacken herab und eilt weißer Roseukrauz lag ill dem ansgebanschtell Haar. Zn semem Erstauueu gewahrte er Goethe, in seinem knappen Fischercostüm jngeltdlich und schött, Luiselt gegenüber und lebhast zu ihr redeud, was sie ohne Abwehr, wenn auch mit der ihr eigenen Znrückhaltung, geschehen ließ. An der Seite der jungen Herzogin saß Frau von Stein, die sich hier nnd da an dem Gespräch betheiligte. Die Herzogilt Amalie, der Geheilnrath von Fritsch, Baron Reinbaben, Wieland und einige alldere Personen besanden sich noch an dem Tische.

lo :w [667] Seine erste Empfindung war Befriedigung, daß es dem Freunde gelungen sei, sich Luisen so weit zu nahen; seine zweite Erstaunen, Luise so ankömmlich zu sehen, sein endliches und überwiegendes Gefühl aber wieder jene Art von Eifersucht, seltsamerweise nicht auf die Frau – diese war ihm mit der Zeit zu gleichgültig geworden, sondern auf den Freund, mit dem er in letzter Zeit so wenig frei verkehren konnte, der ihm so absprechend erschien und nun, ihm entfremdet, sich dem feindlichen Theile zuwandte.

„Ist Luise ihm mehr, als ich ihm bin?“ fragte sich Karl August ärgerlich.

Als er dann, ganz gegen seine arglose Natur, noch verdrießlich hierüber nachsann und ungern seinem Wolfgang den Vorwurf der Treulosigkeit machen wollte, trat der lustige Kumpan Wedel, welcher ihn mit seinen in jedem Licht geübten Jägeraugen erspäht hatte, heran und bat ihn mit an seinen Tisch zu kommen, wo ein munterer junger Kreis, wie der Herzog ihn gern habe, beisammen sitze. Ohne sonderliche Lust folgte Karl August, war aber bald, inmitten der Gesellschaft, ebenso ausgelassen wie die Andern.

Vielleicht hätte er ganz den verstimmenden Eindruck vergessen, welchen er von seinem dunklen Beobachterposten mit hinweg genommen, wären ihm später nicht zufällig Worte zu Ohren gekommen, die jenen Eindruck festigten, sodaß er mehrerer Tage bedurfte, um einigermaßen wieder er selbst und ganz klaren Gemüths zu werden.

Die Gesellschaft war nämlich aufgebrochen, ein buntes Durcheinander, das hier und da in ein Gedränge ausartete, entstand. Der Herzog, in einem Wortgefecht mit der Göchhausen, die in der besten Laune über ihren wohlgelungenen Streich triumphirte, sich aber durchaus nicht in die Karten sehen ließ, war zurückgeblieben. Sein kleiner Widerpart entrann und er gerieth allein und unbemerkt hinter ein voranschreitendes Paar. Er erkannte Goethe’s Stimme, welche zu Frau von Stein sagte:

„Luise ist doch ein unendlicher Engel! Ein blinkender Stern! Ich konnte mich nicht enthalten einige Blumen aufzuheben, die ihr vom Busen fielen, und sie in der Brieftasche zu bewahren, die auf meinem Herzen ruht. Ich habe meine Augen hüten müssen, nicht zu oft über Tafel nach ihr zu sehen. Die Götter mögen uns Allen beistehen!“

Karl August war nicht so gleichmüthig, sich bei einer solchen Gelegenheit mit der Rolle eines stummen Hörers zu begnügen, aber zu edel geartet, zu herzlich für den Freund gesonnen, um Uebles in dessen Verehrung für Luise zu finden.

Ein paar große Schritte brachten ihn an Goethe’s Seite, wo er mit merklicher Ironie ausrief:

„Du scheinst meine frostige Gemahlin als Deine Muse zu feiern? Glück zu! Wird aber Deinen Versen nicht sonderlich bekommen!“ Worauf er bitter lachend abbrach.

„Meine Muse wird immer nur ‚die Wahrheit‘ sein, so hoch ich auch Ihre Durchlaucht verehre!“ entgegnete Goethe ernst, dann fügte er bewegt hinzu: „O lieber gnädiger Herr, wo haben Sie Ihre Augen, daß Sie den Reiz des Weibes nicht gewahren, welches Ihnen gehört?“

„Meine Augen sahen jüngst in die helle, lichte Sonne und sind blind für alles Andere!“ rief der Herzog mit Nachdruck. [680] [681] Vor ihr stand die dicke, kleine Frerlndin, ihr, wie so ost scholl, vergeblich Trost znsprechend.

„Es muß sein; und wenn er alles weiß, wird es besser mit mir werden!“ seufzte Coroua. ,,Sorge Dich nicht um mich, ..Niuchen, ich muß es übersteheu! Und laß uns allem, wenn er kommt, denn was wir in dieser Stunde miteinander ansringen, darf Niemand, auch das trenste Freundesherz nicht, theilem“

Bald daranf ln.rten sie Einsiedels Schritt auf dem Hansstnr. Wilhelmine fprang hin ihm zu öffnen und schlüpste dann, mit einem tranrigen Blick aus die Freundin, hinans.

Unbezwsngliche , Ihr Herr und Tyrann, der Spender jeller nn- heimlichen Sammetschleise ist, und was er Ihnen ist.“

„Wir. sind zu diesem Zwecke heilte beisammen,“ erwiderte sie mit dem tiefsten Ernste. „Was er mir ist? O Einsiedel! - Er ist - mein Gemahl!“

Sie sank znrück und bedeckte ihr Angesicht mit den Händell.

,,Corona!“ schrie er ans, ,,Sie, Sie vermählt? Das ist also jenes Hinderniß! - Schrecklich! -“

Er ging lnit starken Schritten in dem kleinen Zimmer allf uud ab und trat wieder vor sie hin. Ihr mit sanster Gewalt

..^pottvögel.

Nach dem Oelgelnälde voll Eharlotte Hampel.

Corona erhob sich und streckte dem Kommenden die Hand entgegen ; ihre Glieder bebten, und sie mußte sich niedersetzen, um uicht hiuzusiukeu.

Er eilte aus sie zu, preßte ihre Hand an Lippen und Herz uud sah sie mit dem warmen Blick besorgter Liebe an.

„Wie bleich, Corona!“ slüsterte er; bewegt aber fuhr er fort: „Was werden Sie mir Großes, Trennendes zu sagen haben? O, ich schwöre Ihnen im Voraus: ich uehme es mit jedem Feinde, jedem Hiuderuisse aus! Sobald ich nur weiß, um was es sich handelt, bin ich znr That bereit.“

„Ich danke Ihnen für diesen Enthnsiasmtls der Liebe, der Ihrer still . träumerischen Art seltsam, aber herzbestrickend läßt. Armer Freund! Sie und ,Er., welch ein ungleicher Kamps! Armes unschuldiges , vertraueudes Kiud, möchte ich sageu, wenn ich Sie mir Ihm gegenüber denke!“

„Corona! schonen Sie mein männliches Selbstgefühl nnd .sprechen Sie es endlich ans, wer. dieser Er, dieser Gewaltige,

die Hände von den tränenfeuchten Angen nehmend, sah er sie liebevoll an und bat:

„Erzählen Sie mir Alles; sagen Sie mir, wie Sie ihm verchnnden wnrden und wer er ist!“

„Ia,“ entgegnete sie, sich ansrasfend, „das Furchtbare ist ansgesprochen , es wird mich erleichtern, Alles erklären, Ihnen ans tiesster Seele beichten zu können.“

Er setzte sich zu ihr, nahm dann und wann ihre Hand nnd lanschte mit ganzer Hingabe ihren Worten. Eorona hllb an:

„Als ich zwöls Jahre alt war., kam ich mit Eltern und Ge- schwistern nach Leipzig und sang ein paar Jahre darans in dell großen Concerten. Der tressliche Capellmeister Hiller bildete mich ans, und ich lebte von ganzem Herzen ilt der .iNtlsik. Ich mußte mich anstrengen, denn ich sah eine hochbegabte, Alles verdnllkemde Rivalin mit mir um die Gttust des Publicums riugelt ; Sie wissen, wen ich meine: Delndiselle Schmehling, die jetzige Frau -.Natu. Diese Anspornung, Tüchtiges zlt leisten, erhob mich und bewahrte

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mich vor Tälldeleieii. Ich hatte nur Herz liiid Silln für das Eine: groß zu werden ill meiner Kniist!

..Nein Bater saild ein anderes günstiges Ellgagemeilt und zog mit der Familie fort, ich blieb, für die Collcerte allgestellt,. in Leipzig. - Sie werben es nicht für eitle Prahlerei halten, ...^ lieber Freund, wenn ich erwähne, daß mir voil manchen Seiten gehuldigt wurde. Der Cnthusiasinus des Iünglings und das ernstgemeinte Werben des Mannes kam mir entgegen, aber mein Herz schwieg, ich hielt mich selbst für kühl, für unfähig, mich dein vielgepriesenen Gesühl der Liebe zu erschließen. Wieder war es meine Kunst, voil der ich überzeugt war, daß sie mich ganz alisflille.

Da, kaiiiii ein Jahr vor meinem Scheiden aus Leipzig, stel mir iil eiiieiil Coucert ein schlanker Mann in schwarzer Saliiiiiet- lleidllng alis, der mich iiiit seinen dnnklen Angen unablässig ver- solgte. . Die Angst und Pein, welche ich linier seinen Blicken liti, steigerte sich derartig, daß e^ mir schwer wurde, meine zweite Arie zil Ende zil singen.

Noch beklommen von jenem Eindruck, schloß ich mich zum Nachhansewege einer bekannten Familie ail und hatte, als die Freriude mich verließen, nur noch ein kllrzes Gäßchen bis zu meiner Wohnung zil durchschreiten. Als ich hier einbog, trat eine Gestalt ans mich zn, ill der ich zu lileinein unaussprechlichen Schrecken ^ den imponirenden Fremdest erkannte.

Er redete mich an und lobte meinen Gesang; ich verstand anfänglich in großer Verwirrung kannl, was er sagte, und erschrak zugleich über dies mir so sremde Gesühl von Angst und Schen.

Er begleitete mich, ohne daß ich es ihm zu wehren vermochte, s . bis zu meinem Hause lind bat beim Abschied , mich morgen be- slichen zu dürsen. Obwohl ich überzeugt war, daß ich die Bitte uicht gewährt, wußte ich doch, daß er koillilleil würde.

Die Nacht verbrachte ich schlaflos und unter dein Druck einer beklemmenden Spannung, wie in Erwartung eines großen liild folgenschweren Ereignisses^ eines über mir schwebenden Verhäng- ilisfes. O, wie haben sich meine damaligen bösen Ahnungen be- stätigt! Aill andern Morgen wartete ich mit Zittern alif seinen ^ . Besuch und sah ihn gegen Mittag bei mir eintreten.

Es entspann sich nun ein ganz wunderbares Verhältniß. Mir ward uie wohl in seiner Nähe, ich sehnte mich ilie llach seinem Kommen, aber ich mußte seine Nähe dulden, denn die Krast ihn abzuweisen besaß ich nicht.

Zergrübelt habe ich mir den Kopf, um herauszufinden, worin feine Macht bestehe, die er vom ersten Augenblick an über mich gewonnen hatte.

Er war weder jung iioch schön, aber alles an ihm trug das Gepräge der Vornehmheit, Sicherheit, Herrschgewißheit. Ich, sonst nicht ohne Selbstgesühl, kam mir in diesem Verhältniß vor , wie die Sclavill dein Sultan gegenüber, wie der Vogel iiil Bann der

Schlange, kurz wie ein gauz willenloses liild hülsloses Wesen.

Er sagte mir nach einigen Wochen - nichts von Liebe oder Leidenschaft - nein, nur, daß er wünsche, mich sein zu nennen. Und ich, erschrocken, aber nicht überrascht, ich - willigte ein!

Weshalb ich.s that, das blieb mir selbst ein Räthseb Als er gegangen war, regte sich meine alte Selbstständigkeit, ich schalt mich, ich zürnte mir, ich beschloß mein Iawort zurückzunehmen, ihn nie mehr zu empfangen, keine Ueberredung zu dulden; als er aber kam, Pläne entwarf und mich seine ch erehrte Braut'. nannte, schwieg ich und benlichte mich, seineil Wünschen nachzn- kommen.

Ist es Ihnen nie geschehen, Hildebrand, daß Sie schier nn- willkürlich Dinge thatell, Worte sprachen, die Sie eigentlich nicht

thnn, nicht sagen wollten? Mir ist dies Mißgeschick oder diefe Schwachheit dem Grafen gegenüber oft begegnet. Ich weiß nicht zll sagen, was mich trieb oder hinriß, aber ich ging immer weiter, als meine Absicht war. Soll ich.s Furcht nennen? War.s Eitel- keit, die ihm genügen wollte? Oder war es Beides und der zwingende Einslnß seiner Persönlichkeit dazu?

Der merkwürdige Mault besaß ein fast überuatürliches Wisseit. Er kannte alle Länder und vermochte aus das Lebhasteste von be- deutenden Menschen lind fernliegenden Verhältnisten zu erzählen; ja manchmal schien sein genaues, persönliches Kennen sich ans längst Vergangenes zu beziehen, sodaß ich ihm mit starrem Schrecken znhörte. Die Gedanken las er mir von der Stirn, beantwortete Fragen, die ich noch nicht ansgesprochell, war plötzlich dicht neben

mir,. ohne daß ich sein Kommen gehört, und beschästigte..so aus-. schließlich meine Gedanken, daß ich doch manchmal glaubte, ich liebe ihn.

Er hatte mir gesagt, daß er in Dresden wohne, aber Franzose sei, Gras Saint Germain heiße, iiiid daß er .wünsche, da ich hier weder eine eigene, noch eine seinein Range ebenbürtige Familie besitze, die uns eine Hochzeit rüsten könne, sich still mit mir iil Dresden zu vermählen. Ich solle vortänstg meinen Colltraet uicht lösen, sondern, bis er sein Hans eingerichtet und gewisse Hindernisse beseitigt habe, wieder nach Leipzig zurückkehren.

Ich ging in meiner Bezaliberung und Willenlosigkeit alls seine Vorschläge ein lind reiste mit ihm nach Dresden.

Wir kamen gegen Abend ail liild stiegen vor einem düsteren Hanse der Vorstadt ab. Pierre, sein französischer Kammerdiener, den ich schon srüher mit ihm in Leipzig gesehen hatte, empfing nns. Wir fanden in einem großen Zimmer mit weißgetünchten Wänden einen blnlnengeschmückteil Altar, aus .deln reiche Arm- lenchter lnit brennenden Kerzen standen, Vorkehrungen, die, ob- wohl sie mir nicht unerwartet kommen konnten, mich lnit plötzlicher Angst erfülltem

Der Gras sührte mich in ein anstoßendes Cabinet, wo ich meine Toilette ordnete; der Brantkrailz lag für mich bereit.

Als ich in das große Zimmer zurückkehrte, standen ein Geist- licher am Altar und zwei würdige, mir sremde Herren als Zengen bereit. Die heilige Ceremonie begann sogleich; ich ward dem Grasen angetraut und sand, trotz innersten Widerstrebend anch hier, in der letzten Minnte, nur das von mir verlangte Ia!

Nach der Trauung geleitete mich mein Gemahl in das Cabinet zurück, umarmte mich, bat mich, da ich zitterte und ties ergrissen war, der Ruhe zu pstegen, die Reise habe mich angestrengt, er wolle sich dem geistlichen Herrn und seinen Freunden, den Zellgen, empfehlen, ich solle, wenn ich mich erholt habe, ihn im anstoßenden Zimmer erwarten, wo wir mit einander sonpiren würden.

Nach kurzer Zeit kehrte ich ill das große Zimmer zurück. Der Altar nlit deil Armleuchtern war fortgenommen, dafür stand ein Eßtisch lnit zwei Converts inmitten des Raums, ein Paar Lehnsessel daneben und irgendwo znr Seite ein mattbrennendes Licht. Ermüdet wie ich war, setzte ich mich in einen der Sessel nnd wartete.

Ich besaild mich in zu großer Erregung um schlafen zn können, aber ein Gefühl von Schwindel kam über mich.

Mein Blick war starr aus die große, weiße Wand vor mir gerichtet, und mechanisch versolgte ich die schwebenden Schatten, welche bei dein schwacheil Licht jener einen herabgebrannten Kerze darüber hinsnhren.

Plötzlich dichteten sich jene Schatten, ich erkannte die Umrisse einer Gestalt ------ sie glitt, mit schleppendem Kleide aus dem Estrich

wandelnd, heran. Es war eine Frau , doch in sremder Tracht. Als sie mir gegenüber stand, sah sie mich bekümmert am hob die Hände wie klagend und sagte liiit Iammertönen:

.Armes Weib! Armes Weib !. - damit schritt sie vorüber.

Ich wollte anfspringen, schreien, aber ein kaltes Entsetzen lähmte meine Glieder.

Scholl. solgte der Ersten eine Andere. Sie war nicht wie ihre Vorgängerin gekleidet, mich sahen mich noch bleichere Gesichts- züge an, dnnkles Haar stel über ihre Schultern.

,Auch Dn verloren?'. sagte sie liiit schneidendem Ton. ,Allch Du von ihm verlockt?. Sie riß ihr Tuch heruuter und ich sah ein rothes Mal ail ihrem Halse.

Mit einem Angstschrei, der mich selbst entsetzte, schlng ich vom Stuhl zu Boden.“

Einsiedel war aufgesprungen und stalld ihr gegenüber; er hatte die Arme untergeschlagen , lim sein laut pochendes Herz, seine zitternden Nerven zusammenzupressen, jetzt ries er:

„Dn träumtest, Eorolla! Dies war keine Wirklichkeit!“

„Höre nur weiter,“ sagte sie matt. „Als ich die Angen wieder össllete, stand er, mit seiileii gespannten Miellen, seinem eisigen Blick, über mich geneigt.

Ich sprang anf, wehrte ihn ab und wars mich ihm, von Todesangst getrieben, um Gnade stehend, zu Füßen.

Er verschränkte die Arme nnd.. sah mit einem spöttischen Ansdrnck des Trinmphes aus mich nieder.

,Grästn Saint Germain bist und bleibst Dm.. sagte er kühl. ,Da.s Wie, darüber läßt sich handeln.. [683] Und wir handelten, Hildebrand, wir handelten, aber seine erste Bedingung breche ich jetzt. Ich mußte ihm schwören, nie unsere Verbindung und meine Erlebnisse zu verrathen, nie das Liebeswerben eines anderen Mannes anzunehmen, stets ihm zu gehorsamen und, als Zeichen meiner Treue für ihn, diese schwarze Sammetschleife zu tragen.

Da hast Du mein Geheimniß! Auch die treue Wilhelmine kennt es nur halb.

Nachdem ich jene mir von ihm vorgeschriebenen Bedingungen mit den heiligsten Eiden beschworen hatte, gab er mich äußerlich frei und gestattete mir, in derselben Nacht mit einem von ihm herbei geschafften Wagen allein nach Leipzig zurück zu reisen.“

„Teufel von einem Mann!“ rief Einsiedel aus. „Was konnte ihm daran liegen, diese Komödie, dieses Bubenstück mit Dir auszuführen? Denn daß Alles Lug und Betrug war, glaube ich fest. Ich meinte, er habe Dich doch, trotz äußerer Kühle, mit heißer Leidenschaft geliebt. Er habe Dich besitzen wollen. Wenn das aber abgeschlossen ist, wozu die Mühe, Dich zu umgarnen?“

„Dieselbe Frage habe ich mir anfänglich oft vorgelegt. Vielleicht ist in ihm etwas von der Jagdlust des Raubthiers, welches sich an den Qualen der Beute freut; dem das Erhaschen, Zappelnsehen eine Wollust ist. Und dann: er konnte mich in meiner Abhängigkeit gebrauchen! Wie oft habe ich nicht von ihm Befehle empfangen und befolgt, an deren Ausführung ihm vielleicht etwas lag! Ich war stets sein willenloses Werkzeug für geheime Intriguen und bin in Folge meiner Stellung als Künstlerin mit vielen einflußreichen Leutn in Berührung gekommen. Ja, ich gehorchte ihm, denn ich zitterte und zittere noch, ihn zu erzürnen! Ich bin wie ein hülflos flatternder Schmetterling in seiner starken Hand: er gönnt mir Luft zum Athmen so lange es ihm gefällt; drückt er die Hand zu, ist Alles alls.

Sein vor Zeugen ihm angetrautes Weib bin und bleibe ich, in eine Scheidung wird er nie willigen; lehne ich mich gegen ihn auf, so kann er Rechte geltend machen, an die nur zu denken mich mit Entsetzen erfüllt!“

Hildebrand von Einsiedel, der Poet und Idealist, der feine Hofmann und doch so treue kindliche Mensch, war nicht gemacht, die Geliebte aus diesem Netz geheimer Ränke zu befreien. Wäre er aber auch ein Haudegen, ein energischer, welterfahrener Mann gewesen, Corona’s grenzenlose Angst vor ihrem Gebieter, ihre Furcht, nur an die Kette zu rühren, die sie umschlossen hielt, würden seine Thatkraft gelähmt haben.

Sie wollte weiter nichts, als ihm begreiflich machen, daß an eine eheliche Verbindung zwischen ihnen Beiden nicht zu denken sei, und Hildebrand’s weichem, passivem Charakter gegenüber glückte ihr dies Vornehmen bald.

Er gelobte ihr Schweigen und endlich, doch nach manchem Kampf — Entsagung.

Sie versprach, ihn ewig als Freund, als Bruder zu lieben. So schieden sie, auf einer neuen Stufe ihres Verhältnisses zu einander angelangt. [698] [699] [706] [707] Goethe starrte zu Boden; er wußte recht gllt, wer .ihn hicl- los sein wollte , wer stets gegen ihu mtrlgulrte. Dies aber .war doch ein gewagtes Spiel. Wer konnte einell solchen Brief ver- fasten, so täuschend gemacht? .Das war eine im Betrllg geübte .^and ! .Datauchte ihm plötzlich das Deinste Gannergesicht ans, das er je, wenn auch nur einmal stüchtig , llemich als Eorona so sehr erschrak, in Tiesnrt gesehen.

„Hat der Landgras Adolf Ew. Dnrchlancht nicht gesagt, daß der Wllndermalm Saillt Germain ein besonderes Geschick besitze, jede Handschrist nachzuahmen?“ .

Der Herzag starrte ' ihn an : „Saint Germain ? wie kommst Dn aus den? Welchen Grund sollte er haben, mich mit Dir zn entzweien?“

„Dem im Trüben stschen zu wollen. In Kastel findet er keine dauernde Stellung, vielleicht möchte er meinen Platz ein- nehmen. Ich weiß, er hat sich all verschiedenen deutschen Hösell festzusetzen verslicht.“

„Und wenn .anch, vermag er den Bries in Deine Tasche zn . .zaubern?“

„Der Bries war nicht iil meiner Tasche.“

„Woher. kam er denn zu Göchhauselt?“

Eine Palise solgte; endlich sprach Goethe gepreßt:

„Meine Partnerin Corolla steht ill Verbilldnllg mit dem Grasen, wie wir wissen.“

„Ilt, durch Kanflnann. Sollte sie allf sein Geheiß den Brief .verloren haben.? Komm, hin zu ihr!“ .

Goethe raffte den Brief anf, erklärte sich einverstanden mld schritt nlit denl Fürsten durch dell dämmerigen Abend der Stadt zn. Schweigend, aber innerlich beschäftigt, krellzten sie die Straßen .4; .und standen bald vor der Thür der .Sängerin.

Millchell Probst öffnete auf ihr Anpochen das Wohnzimmer, ^ ein Licht in der. Hand, und lebhaft erschreckend, als sie die Herren sah.

„Corolla ist krank vom Fest gekommen,“ sagte sie nlit weiner- licher Stimme.

Ans dem Nebenzimmer hörte mall ein kralnpshastes Schluchzen. Der Herzog ließ sich nicht abweisen. „Hier... .handelt es sich mll höhere Rücksichten, glltes Kind, als die Schonung eines hysterischen Allsalls!“ sagte er barsch llnd trat mit dem Freunde ein. Er nahm das Licht aus des Mädchens Hand mld ging. den kläglichen Tüllen nach; Goethe solgte.

Gleich darauf standen sie vor Corona, die noch im Gefell- schaftskleide sich mit th.ränenüberströmtem .Angesicht von einem s. .kleinen. ^Ruhebett ausrichtete. . Sie starrte die Männer an nnd ^ zuckte sichtlich zusammen, als sie Goethe gewahrte.

.„Kennen Sie ..diefen Brief, Eorona?“ sragte der Herzog nnd hielt ihr das zusammengefaltete Schreiben entgegen.

. Die Sängerin verhüllte ihre Augen und begann auf's Nene zll schmchzen.

„Das. ist das Schuldbewußtsein!“ ries der Herzog triiimphirelld. „Arme^ Corolla ! Was hat .Sie dazu .bewogen gegell mich . .so häßlich zu illtrigllirest?“ sprach Goethe milber. Das schöne Mädcheu raug die Hände: ,,.O, ich bin ein willenloses Werkzeug des Schrecklichen!“ . ,,Saint Germans?“ ries der Herzog. ... „Ia!“ hauchte Corolla und verhüllte ihr Gesicht. „Also doch!“

.„Ich war davon überzeugt und freue mich, mein Fürst, daß Sie diese Warnung empfangen“

,,Ist der Gras hier? Mit wem steckt er zusammen? Hat er Ihnen selbst das Schreiben gegeben?“

„Nein; Gras Görtz in seinem Anstrage. Mit diesem hält er. zusammen“

„Aha!“ ries der Herzog mit einer gewissen Schadenfreude; das war Ielnand, den er. erreichen und strafen konnte.

,,Verzeihllng ! Gnade! Sie wissen nicht, wie elend ich bst^ wie ich zu dem gezwungen wllrde, was ich so ungern that!“ jammerte Corona, glitt vom Sopha herab alls ihre Kniee und hob flehend die Arme empor.

. Si^ sah in ihrer Erregung so schön aus,. es srellte dell Herzog so sehr, den Druck von seinem Gemüthe abwersen zu können .den Freund gerechtfertigt ^ finden, daß er der Flehenden gnadig die Hand reichte, sie sogar bat, .sich zu beruhigen, er werbe sich und ihr scholl .Frieden verschasfell vor dem Uebelthäter, werde

scholl auszuräumen wissell, fle solle, der so sichtlicher Reue, seiner mld Goethe's voller Vergehnllg gewiß. sein

Nachdem sie Schommg und Verschwiegenheit gelobt hattell, gingen die beiden Frennde Arm ill Arm davon.

Die Oual, aus einander gerissen zu werdell, war ihnen vor.- ahnend zu Theil geworden,. deshalb enlpsalldell sie wärmer deml je für einander.

„Die Schelme konnten leicht ihren Zweck erreichen,“ sagte der Herzog jetzt nachdenklich. „Ich war in meinem Sinnen^ schlössen, Dich nie wieder .zll. sehen, da Irrthnnl mir mmlöglich schien Als Dn aber, vom Abendgold mllslossen, über ^mir ans dem Altall standest und mich riefst, hörte alles Denken mld Wollen alls, da' mein Herz mich zu Dir riß!“

„Heil diesem edlen, die Wahrheit erkennenden Herzen!“ rief Goethe bewegt.

Daml überlegten sie gemeinschaftlich, wie die Lage zu klären, wie allfzllrällmen und zu strafen sei.

Der Herzog ließ am andern Morgen den Grasen Görtz zlt sich bescheiden und mahnt ihu schars ill^s Gebet.

Karl Augnst konnte ill solchen Fällelt schonungslos herb sein,. mld der Uebelthäter käm arg ilsts Gedränge. Der Fürst sagte ihm gerade alls dell Kops, er habe den gesälschtell Bries ans Goethes Spur geworfen mld , nur mll dies zu kömlell, dell allf- fälligen Schritt gethall, mit der Herzogiu ihm gegellüber zu tallzell. Er habe ihll glaubeu machell wollen, daß Goethe der Herzogin bei der tour ck^ uulin dell Brief zuzustecken beabsichtigt.

Letztere Beschuldigung war richtig, die erstere nicht ganz nlld mlr aus Schommg für Corona llmgesormt.

Immerhin besalld sich. der Graf in einer großen Verlegenheit. Er kannte die Rücksichtslosigkeit seines jungen Gebieters, sein strenges Rechtsgesühl, das tlicht lnit sich markten ließ, mld begrisf, daß er nie wieder zlt Gunst mld Glladell kommen werbe.

Er wählte also ein ill solchen Fällen beliebtes Mittel, dell Kops aus der Schlinge zu zieheu; er spielte den Gekränktelt ulld bat um seine Entlassung.

„Gehell Sie ilt des Tensels Namen salnmt Ihren Helfers- helserll, und je eher. je lieber!“ ries der Herzog und verabschiedete . feilsten alten Mentor in vollem Zorne.

Goethe, der bei seinem glltell .Gewissen mld der baldigen Ausklärung jenerIntriglle nicht so tief berührt worden war wie der Herzog, versllchte dell hohen, herzlich geliebten Fremld zu be- ruhigen

Er erinnerte daran, wie er ihll stets vor Saillt. Germain gewarnt, mld beglückwünschte ihn .zu der Krise, welche eine so gesunde Reactiou hervorgerufen habe.

„Wir silld wie schwimmende Töpse, die sich all einander stoßen“ sagte er, mit der ihm eigenen Ueberlegellheit sein Thema.. ill reslectirender Weise behandelnd. „Ulld dem Menschen ill seinem zerbrechlichen Kahll ist ebell deshalb das Ruder ..ber Eillsicht ill die Halld gegeben, damit er nicht der Willkür der Wellen sondern .dem Wollen seiner Ueberlegmlg Folge leiste. Das ist jetzt ge- schehell, mein lieber gnädiger Herr, mld somit kömlell Sie fagell, daß Sie durch alle jelle Erfahrungen einen Fortschritt. gemacht haben!“

„Ich glanbe Dir, daß Saillt Germain ein Betrüger nlld Erzschllst ist,“ sagte der Herzog lebhast. „Wissen möchte ich aber doch, wie er es allgesangen hat, mich in den Hörselberg zu führen, nnd wer seine Vemis war! Letztere. Frage könntest Dlt mir ^jetzt beantworten, da keine Gesahr mehr ist, daß er Macht über mich bekommt.“

„Weml Sie Ihren Frieden nlit der Herzogilt geschlossen haben, oder weml sollst eine Wendling eintritt! Und für jene erste Frage wird sich auch wühl noch die Antwort finden,“ er.- widerte Goethe schelmisch atlsweichelld, sodaß Karl August sich^ weml auch murrend lilld widerstrebend, sügte.

Bei einer späteren Gelegenheit trug Goethe nlit. ...einem heimlichen Lächeln - dem Herzoge die Bitte vor, den Heilgehülfen Iohtmll Bernstein in Ilmeuan als Wundarzt für die Berg^ . kllappenschaft anzustellen ^.

Cr war mittlerweile ill Imlenall und bei Gretchell gewefen, hatte genaue Eillficht von allen Verhältnissen genommen mld [708] [724] [726] 

Das Schlittschuhlalisen war, zum Theil dllrch Klopstock.s begeisterte Odell, Mode geworden liiid mir wenige Personell des Hoskreises schlosseil sich voil dieser reizvollen Bewegung alls. Es wurden Schliltschnhpolonaisen ansgesührt, Onadrillen verbucht oder Hand in Haud Reiheu- und Schlallgenläiise gehaltem

Dann versammelte man sich ail einem mit Bmiken und einem Windosen versehenen Bretterhänscheii , das 'liiii Ufer hergerichtet war, plallderte, lachte, ersauil ueue Uebungen und ging liiit frischen Kräften an das leideltschaftlich . betriebelle Verguügen.

Eben fuhr wieder die ermüdete Ingend nlit erhitzten Wangen nlld lenchtenden Angen am Büstetzelt zllsaillilleil.

Da ertlallgell ein paar schmetternde Trompetenstöße, und ganz nnerwartet kam ein Maskenzng herallgelausem Die sackeltrageudell Husarell bildeten eine hellbeleuchtete Gasse, durch welche diese Ueberraschung, mit freudigen Ah.s! und schmeichelhaften Zuruseu begrüßt, daher flog.

Es war eine Kosakenhochzeit, die man darstellte. Der Het- mann, mit geschwllngener Knute voran, dirigirte das Ganze, dann solgteil Mllsikanteit mit Trompeten, Pauke und Trommel, die einen seltsamen Lärm inl Lunsen ausführten. Hieranf das Brautpaar mit Kränzeil liiid Sträußen tomisch ausgeputzt, darauf die Eltern uud Hochzeitsgäste. Dieser Zug sührte einen .scherzhaften, wilden Eistallz allf nild fand großen Beifall ; es waren die gewandtesten Länfer aus der Gesellschaft, die sich eben, anßerhalb der Belelichtliilg, im Wagelt oder Gebüsch den Maskenpntz übergeworfen hatten.

Deit Bräntigam machte Siegmund voll Seckendorf, die Braut Auguste von Kalb. Etiles der nächsten Paare war Christel voil Laßberg lnit ihrem Vetter, dem Grasen Erich Wrangel, der wieder in ihrem Hanse zum Bestich war; den Kosaken-Hetiilann machte Goethe.

Als liiait nach Beendigung des Tanzes auf den Verfamm- ltlngsplatz zufuhr, glitt Seckeudorf, seine Partnerin alt der .Hand haltend, zum Herzoge heran.

Dieser elltpstiig ihn lachend lind lobend:

,,Sie waren Beide vorzüglich, liiid die Ueberraschung ist prächtig gelungen! Ich hatte keilte Ahlttillg voit Ihrem samoselt Witz!“

„Sollten wir Dtlrchlancht vielleicht noch eine Ueberraschung bereiten können?“ ries der Bräutigam. „Hier stelle ich Eurer Durchbricht Fräulein Auguste voit Kalb als iiieiite Braut, und uicht allem iiil Spiel, soudern in Wirklichkeit vor!“

„Ah!“ machte Karl Angnst, „endlich! Das ist ja ein.wahres Gaiiditiill: .Gtlsichen kommt unter die Haube; lta, sie wird froh feilt!“

„Das siiid wir Beide, Durchlaucht,“ sagte Augtiste empstitdlich.

„Eh natürlich, er hätt.s soiist ja lassell können. Frent mich aber recht ftir Sie Beide, und nun kommen Si heran, daß ich Ihre Gestlndheit nlit einem vollen Glase heißen Ptinsch ausbringe. Das neue Brautpaar lebe hoch, hurrah!“

Em Tüsch, und fämintliche Anwesende rieselt mit: hurrah, hurrah !

Daun ging es ait ein Umdrängen, Glückwünschen, Hände- schütteln und Besprechen des neuen Ereignisses. Die Meisten hatten sich.s lange gedacht , daß es so kommen müssen Andere verlangten Einzelheiten, kuüpfteu unter sich Mtlthmaßultgen an nnd machten spöttische Bemerkungen, sowie sie den Rücken wandten.

Dies alles widerte Goethe alt; nltmnthig warf er seine Knute in die Ecke. Sein Blick schwerste über die eiltsailie, moitd- beglänzte Fläche des Sees, er bot einer zusällig uebeu ihm stehenden Dame die Hand und sagte:

,,Komlnell Sie, Fräulein von Laßberg, lassen Sie uns dieser tollen Komödie den Rücken wenden!“

Sie legte stiiiiiiii und beseligt ihre Hand in die seine, und langsam glitten sie zusammen über die Eisbahn.

,,Die Höflichkeit des Herzens ist in der besten Gesellschaft so selten, wie die Polizei des Gewissens!“ sprach er ernsten Tons.. „Mit Verdrnß sehe ich, wie man kaum heimlich Witzboldereien ans der Glücklichen Unkosten^ losläßt nud- ihnen Rübchelt schabt. Zndem bin ich kein Verehrer Ihrer Freundin, die als schüchterne Braut in meinen Augen eine lächerliche Farce spielt. Wie wird dies Wesen atis Seckendorf wirken, der eben anstng sich zur Natur uud Wahrhastigkeit zu bekehren?“

„Sollte die Liehe nicht immer veredeln?“ wagte Christel zaghast zu eiitgegiieil.

Er sah znr Seite auf seine Begleiterin; vielleicht blickte er fie jetzt zum ersten Male mit etwas wie Intereffe an. Das Mond- licht spiegelte. sich m ihren ernsten Angen, die mit seelenvollem Alisdrnck alls ihn schallten, ihre schlanke Gestalt hob sich vortheil- hast in dem hellblallen Kosakenjäckchen, er sand sie hübsch, aber zll bmmenhast zart, um ein rechtes Gesallell all ihr zu haben. Ihr ganzes Wesen erinnerte ihn an seine überwundene jugendliche Sentimentalität.

Vor acht oder zehn Jahren hätte sie mir vielleicht gefährlich werdell können - und doch nicht, ich liebte immer mehr das Naive - dachte er und erwiderte:

„Die Liebe, gewiß; aller was ift denn zwischen den Beiden ^ Liebe? Sie können sich einander gehranchen, das ist Alles! Man erkennt ja Niemand an als Deil, der lins nützt.“

Seiiie Worte thaten Christel weh, sie waren in dem iin- bewnßten Verlangen, ihrer Gefühlsschwelgerei entgegen zu treten, herber gesagt, als er's meinte. Schwermüthig antwortete sie:

„O, wie öde ist das Leben, wenn ich es aus jenem Gesichts- pnnkte ansehe! Man sollte es von sich wersen, wenn es ohne reine, gewaltige Empstndnugen ist!“

„Sie sind ja kurz damit sertig, mein Fräulein. Ich will Ihnen zu Ihrer Ermnthigung erzähleil, was mir herlte meine Mtltter schreibt - eine prächtige alte Frau, die viele Meuscheu gern habeil und Frau Aja nennen; sie sagt: Suche keine Dornen, mein Sohn, hasche die kleineu Freuden; silld die Thüren niedrig, so bücke Dich; kannst Dn deit Stein aus dem Wege stoßen, so thn.s, ist er zu schwer, geh. um ihil herliin, .so wirst Du alle Tage etwas stnden, das Dich sreut!“

„Ia, wer das könnte, so leichten Sinnes wäre!“

„Ich antworte wieder mit Frau Aja.s Worten: Wer wird sich grämen, daß nicht immer Vollmond ist, und daß die Sonne jetzt nicht so warm macht wie iin Inli? Nnr das Gegenwärtige. gut gebrauchen und gar nicht darau gedacht, daß es anders sein könnte, so kommt lnan am besten durch die Welt, und das Durch-. kommen ist doch die Hauptsache!“

„Ach, ost ist es sehr schwer!“ senszte sie leise.

Man kam eben wieder bei der Gesellschaft an, und Goethe. war im Grunde sroh, die trübe Gesährtin zu verlassen. Ihu hatte das Zusammensein nicht von dem Unbehagen entlastet, welches jene Verlobung ihm . verursachte.

Christel war nicht gauz uuberechtigt, vorahueltd Sorge uud Schmerz zu empstndell. Sie wußte längst, daß ihr Vater sie mit dem reichen Majoratsherrll, ihrem Vetter Erich Wrangel, zu ver- binden wünsche, und hente hatte sie delt sie beängstigeitdeit Eilldrnck gewonnen, daß Erich sie liebe und liiii sie zu werbell beabsichtige. Die plötzliche Verlobung Aligustens mit denl Kammerherrn von Seckendors mußte - davou war sie überzeugt - den alteil Herrn slirchtbar aufregen und lnit eifersüchtigem Zorn erfüllen. Er würde in sie dringen, jene bessere Partie nicht ansznschlagen, nnd konnte sie dem Vetter, denl sie wie ihrem Brnder gut war, eine Neignltg henchelit, die sie nicht für ihn empsand? Eilt Herz geben, welches ein Anderer völlig anssüllte? Konnte sie eine Ehe ohne Liebe eingehen? Nie! Niemals!

Als nach der Rückkehr zum Bretterhänschen Goethe .sich von Christel verabschiedet hatte, trat sogleich der Better Erich zn ihr und bat sie, auch lnit ihm noch ein paar langsame Fahrten zn machen. Er erklärte sich aber auch sogleich bereit, sie nach Hanse zu begleiten, als sie über Müdigkeit klagte.

Die Gesellschaft besand sich ohnehin im Ausbruche, und so ließen Beide ihre Schlittschnhe abschnallen, er reichte ihr den Arm, welchen sie zerstreut annahm, und dann begaben sie sich, ziemlich abgesondert von dell Uebrigen, aus den mondhell be- leuchteten Heimweg.

„O liebe Eoüsine!“ begann nach einigen Schritten der junge Mann mit warmem Tone , „welch ein glückliches, heiteres Leben habe ich während der ganzen Urlanbszeit alt Deiner Seite gesührt! Welch ein köstliches Fest war dies wieder! Mir ist, als sollte ich ans einem Himmel scheiden, wenn ich ilt wenigen Tagen abreise! Könnte ich.s mit der Gewißheit, meines Engels Herz gewonnen zu haben, so würde ich beseligt von hinnen gehen, aber diese Gewißheit sehlt mir noch. Ehristinchen, liebes Ehristinchen, sag. mir.s osten, wie Dn für mich empstndest! Warnm bist Dn manchmal so schen und kühl gegen mich ? Was dl.lrf ich uon Dir hoffen?“



so^ [727] [741] [742] 7^

Goethe lächelte still für sich. Er hegte die Hoffmtng , bald wieder ganz offen zu dem Freunde reden zu können und ihn von einer Leidenschaft zu heilen, welche er als Hanpthemmniß seines Eheglücks ansah.

Bernstein später zur Seite nehmend, trug er ihm Grüße für seine Braut aus und bat, daß mall ihll davou in Kelmtuiß setze, wann der Hochzeitstag bestimmt sei.

„Sie werden sich hier in der Kirche von Ilmenan tranen lasseil?“ sragte er.

„Zu dieilell, Herr Legatiousrath , die Förstereien aus dem Walde silld hier eingepsarrt.“

„Nnn denn, alls Wiederfehn an Ihrem Freudentage!“

Goethe kehrte mit dem Herzoge nach Weimar znrück. Dieser erwähnte, da es nun die Zeit der vorjährigen Abentener war, wieder mehrfach „seiner Venns“ und redete sich sogar nochmals in Zorn gegen delt Freund , der sie ihm neidisch vorenthalte, - der es nicht gut mit ihm meine, --- nicht zu ihm stehe - der es liebe, Geheimnißkrämerei zu treiben.

Goethe ließ alle diese Vorwürfe über sich ergehen, endlich sagte er:

„Ich hoste, mein lieber gnädiger Herr, daß Sie die Ersehnte binnen wenigen Wochen wiedersehen werden, und bin überzeugt, daß ich nicht vergebens aus Ihr großes Herz zähle, welches dann, wenn alle Verhältnisse am Tage liegell, mir gewiß Recht geben wird.“

Er brauchte nicht lange aus eine Einladllng des Bräntigams ^ zu warten. Bernstein schrieb ihm, seine Hochzeit sei aus den dritten Mai sestgesetzt, die Trauung stnde Mittags zwölf Uhr ill der Kirche von Ilmenan statt und er sei der glücklichste Meusch auf der Welt.

Mit diesem Briese ging Goethe zum Herzog.

„Ich möchte zur Hochzeit reitest, mein Fürst,“ sagte er ver- gnügt. „Wenn Sie mit wollen, ist's nln so besser. Es giebt ^ gewiß eine lustige Wirtschaft, unendliche Bratwürste lind eitlen flotten Tanz mit frischen, hübschen Mädels, welchem ich nicht ans dem Wege gehe.“

Karl Angnst erklärte sich sosort bereit, nlit von der Partie zn sein; dergleichen Freuden reizten ihn, und itl bester Lanne sagte er:

„Da kriegt man die Schöne dieses verliebten Pflasterschmierers anch zu sehen; na, so gewaltig viel wird nicht daran sein!“

Goethe bezwang ein Lächeln und tras die näheren Ver- abredungen für den Ritt.

In heiterer Stimmnug und unter herzlichem Geplauder legten die beiden Freunde am dritten Mai, nur begleitet von einem Reitknechte, den langen, aber in aller Frühlingsherrlichkeit prangenden Weg durch das schöne Thüringerland znrück und be- .fanden sich bald llach els Uhr angesichts ihres Reiseziels.

Als sie in das Städtchen einrttten, länteten die Kirchen- glvckell, und alsbald begab sich der Herzog mit Goethe uach dem Gotteshause.

Sie standen unter andern Zuschauern nahe. der Kirchenthür, als aus dem mit Tannenzweigen bestreuten Wege unter Orgel- klang der sestliche Zng zu der hochgelegenen Kirche heraufkam.

Vorau ging der Förster, recht stattlich und würdig, eine alte Verwandte des Bräutigams führend, dann folgten paarweife sech.^ frische Brantjungfern in ihrem besten ländlichen Putz, und jetzt endlich kam das Bralttpaar.

Goethe beobachtete mit klopfendem Herzen den Freund; wie würde sein Wagniß ausfallen?

Sowie der Herzog Gretchen - schön und lieblich im Schnlncke der Braut - erblickte, verfärbten sich seine Züge, er griff mit einem Laut der Ueberraschung nach des Freundes Arm, starrte das Mädchen mit weitgeöffneten .Angen an und murmelte:

„Bei alleu Göllern, sie ist es!“

Dann warf er einen zornflammenden Blick auf Goethe, stieß deffen Arm von sich und knirschte zwischen den Zähnen hervor:

„Wie konntest Du mir das thnn?“ wandte ihm den Rücken nnd schritt erzürnt davon.

Goethe eilte ihm nach, sobald er es, ohne Aufsehen zu erregen, konnte, und holte ihn auf der andern, menschenleeren Seite der Kirche ein.

Mit dem tiefsten Ernste fagte er:

„Jetzt höre mich, Karl; ich habe mich Dir nie so nahe ge- stellt, wie Dtl fordertest, weil ich volt Dir über mein Verdienst empfing. Heute bin ich Deiner Liebe werth, heute handle ich als

treuer Frettttd,. und Du grollst? Besinne Dich, siel^ mein Thun im rechten . Lichte , Karl! Laß Dein besseres Ich in Dir Herr werdeu ! Ich bewahrte Dich und jeues schöne, schuldlose Mädcheu vor einem Verhältnisse, das zu Eurem beiderseitigen Elende führen mttßte. Sieh^ doch ein, daß ich als rechtschaffener Mann, als Dein wahrer Frennd nicht anders konnte!“

„Diefer widerwärtige Bernstein, mir die Mittel zu feiner Heirath abznschwindeln!“ rief der Herzog grimmig die Hand ballend, ohne Goethe anzusehen und offenbar in der Lanne, nach einem Gegenstande zu fachen, an welchem er feinett Zorn atts- laffeu könne.

Es rührte Goethe, daß bei aller Ergriffenheit die Liebe des^ Frenudes für ihu so groß war, daß er sich fofort ittftiuctiv uach eitlem andern Objecte als Ableiter feines Ingrimms. nmfah.

„Dlt irrst Dich, Freuud,“ erwiderte er herzlich, „diefer Chirurg hat Dir wefeutliche Dieuste geleistet; er war lauge mit ihr verlobt; ja sie ging nur aas die bewaßte Komödie eilt, weil man sie glaaben machte, daß sie Dich damit bestimmen könne, ihren Verlobten anznstellen.“

„Also sprachst Dn nlit ihr über den Hörselberg?“

„Ia, sie hat mir die ganze Geschichte unter Thränen der Beschämung gebeichtet, weil sie aus meinen Fragen entnehmen konnte, daß sie sich aus eine ziemlich thörichte Angelegenheit ein- gelassen habe. Ich sagte Dir schon, daß der Gras sie seinen Zwecken dienstbar machte unter dem Vorwande, Deine Gunst für ihren Verlobten zu gewinnen. Er hatte sie aus einem Jahr- markte in Ilmenan kennen gelernt lind ihr sein Unternehmen als ein harmloses Festspiel vorgestellt. Von Ruhla, wo sie bei Ver- wandten war, holte er sie selbst im Wagen am zweitett Mai gegen Abend ab. Er teilte ihr mit, daß sie nach Eisenach fahren würden; sie glaubte ihm, denn sie war zum ersten Male itl der Gegend; aus Einzelnheiten entnehme ich aber, daß sie keine nördliche, sondern eine südliche Richtung einschlngen, was ja zn Deinem kurzen Ritt passen würde. Er brachte sie für die Nacht in ein bescheidenes Gasthans und empfahl ihr, sich znrück- gezogen zu halten. Sie gehorchte gern, da sie fürchtete, Bekannten zn begegnen. Am dritten war er Morgens ein paar Stnnden bei ihr, sie für ihre Rolle einznüben. Gegen Abend kam er wieder und brachte ihr einen großen Mantel mit Kapnze, den er über ihr helles Costüm legte; sie gingen dann durch einen Wald- weg znr halben Höhe eitles Berges lttld stiegen auf einer Leiter itt einen Schacht oder ein Loch hinnnter. Saint Germain hatte eine Laterne znr Hand und führte sie über einen Steg in die Nische, wo sie das goldeue Ruhebett und andere Vorkehrungen sand. Dann leistete ihr Pierre, der Kammerdiener des Grasen, der schon ntit ihnen gefahren war, längere Zeit.Gefellschaft, er redete ihr ermutigend zu und zündete hier und da Fackeln att; was fich weiter begab, weißt Dlt. Nach Dir verließ Gretchen mit Pierre die Höhle und wurde atn andern Morgen in aller Frühe nach Ruhla zurückgefahren.“

„Das füße Geschöps wirklich lebend, und nun doch verloren!“ mnrmelte Kart Angnst. „Gieb mir zn, daß Ihr, Dn und das Geschick, mir gransattt mitgespielt.“

„Armer Frennd! Es kann sein, daß der Mensch zu Zeiten dnrch das Schicksal gräßlich gedroschen wird; aber wenn es reiche Garben trifft, so zerknittert es nur das Stroh, und die Körner springen lustig heraus!“

,,Weisheitskrätuer,“ sagte der Herzog bitter und spöttisch.

Iu diesem Augenblicke stiltttnte die Orgel in der Kirche, nachdem sie - während der Tranntlgseeremvnie - geschwiegett, die feierliche Melodie zu dem Liede au:

„Nun danket alle Gott!“ welches die Versammlung drinnen mitsang.

„Wäre es nicht recht, uns da zu betheiligen?“ sprach Goethe innig, mit einem Wink nach der Kirche.

Der Herzog laltschte; die zornige Spannung in seinen Zügen ließ nach , er nmschlang plötzlich mit beiden Armen den Frettttd, drückte ihn fest atl seine Brust und ries:

„O Dn redlicher Warner, Dn getrelter Eckart!“

„Gnt mein ich^s gewiß, und besser ist^s mir zu folgen, als jenem Mephisto Saint Germain!' Nun aber kommen Sie, Gretchen wird sich hochgeehrt fühlen, nlit Eurer Durchlaucht an ihrettl Ehrentage den Reigen zu erössnen. Ich hoste, wir können nns jetzt mit gutem Gewissen unter die Glücklichen mischen?“ [743] [758] [759] 

Der Herzog ging; es war Sonnabend, er wnßte, daß die Freunde zur Matinee bei der Göchhallsen waren, und wollte irgend ein Fest in Vorschlag bringen, um mit seiner Gemahlin zusammenzutreffen lind in zwangloser Weise eiiie verständigende Unterredung mit ihr hercheizuführen. Er hatte sie so lauge uicht iu ihrem Zimmer ausgesucht und scheute sich davor.

Kart .August erkuudigte sich, was man für heute Nachmittag vorhabe, und ob mall vielleicht zu morgen eineil Ansflng be- absichtige? Er stelle was man wolle znr Verfügung, da er all einem so köstlichen Frühlingstage nicht im Hanse sitzen möge, zumal nicht an einem Sollutag-Nachmittage.

Alsbald schwirrten Pläne verschiedenster Art hin und her. Eine Fahrt llach Iena, nach Zwätzen, Blirgaii, llach der Schneide- liiühle kam ill Vorschlag. Dem Herzoge war dies Alles nicht recht. Er wußte, daß, wenn Luise sich betheilige, sie mit ihren Hofdamen in einem Wagen fahre, und daß in denl bnnten Ge- wimmel einer Landpartie bei knrzein Allfenthalte inl Gasthanse oder im Freien an ein nnbeachtetes Aussprechen nicht zu denken sei. Endlich sagte er:

„Ich will Sonntag Mittag in Belvedere ein kleines Diner gebeli, nachher können wir im Part prmneniren liild lins, so gli es gehen will, linterhi.mem“

Man wanderte. sich inl Stilleil, daß der Herzog selbst einen solch zahmen Plail entwarf, der ..sollst nicht nach seinem

Geschmacke gewesen wäre, Goethe aber lächelte verständnisvoll llnd ersrent.

Karl August besahl Seckendorf, den Oberhosmarschall von Witzleben zu benachrichtigen und die Liste der Einzuladenden von ihm später in Elnpsang zu nehmen.

Bald daraus schlug die übliche Stiiilde zum Aiisbrnch. Nur Eiuer blieb bei der Göchhauseu zurück, um, wie er sagte, seineu Priuzeu zu erwarten; dieser Eiue war Knebel.

Cr lehnte sich behaglich iil deiil kleineu, nlit buntem Kattuu überzogenen Sopha der Hosdame zurück iind bat sie, ihil lloch etwas bei sich ^ll dmdell.

„Warllm nicht, mon ^amnrnckc. ?“ sagte sie ill ihrer heitereu Weise; „discutirull wir! Aber blasell Sie mir nicht Trübsal!“ „Etwas derart wird doch als Vorspiel kommen“ „So stecke ich geistig Baumwolle in die Ohreil.“ „Verschließen Sie Ihren Geist meinetwegen, thnn Sie nnr Ihr Herz ans.“

„Sie halten sich also geradezu für bemitleidungswürdig nnd appelliren all mein Gemüth? Wer hat Ihllen ansgebnndell, daß ich nlit solcher Schwachheit behastet bin?“ sragte sie schalkhast. „Eill Bischen davon hat doch wohl Ieder abgekriegt?“ „Ans nieinen Theil ist zum Glück nicht allzu viel gekommen. Ich lasse dell lieben Gott einen glitell Mann sein lind Iedell vor seiner Thür fegen. Müssen Sie mir aber absolnt etwas voll Ihrem Staube zukommen lassell, so will ich sehen, welche Schalen ulld Absälle Ihrer Wesenheit derselbe enthält. Flöten Sie los; ich stimme die Klageposaune für den Refrain liiid werde nach einigen Patlfeil schon richtig eiilfallen.“

„Sie filld tinverbefferlich spöttisch, Thusnelda, und fast sollte einem der Math alisgehen, mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu lvageu, aber ich weiß doch, daß hinter der stachligen Außellseite ein rechtschaffenes Herz wohnt.“

„Löcken Sie wider den Stachel!“ sagte sie feierlich. Cs war zu bewundern, daß er nicht bei dem Aublick ihrer drolligen Miene ill Lachen ansbrach; es schierl ihm aber gar nicht darnach zu Mnth.

„Ich fühle mich oft entsetzlich einsam, nilbefriedigt nild iin.- glücklich,“ sagte er niit dem tiefsten Ernst.

„Eill ebenso nenes wie tragisches Geständniß ,“ entgegnete sie, seineil Ton nachahmend.

„Wie sangen Sie es nur au, gleich mir vereinzelt, ebenso wellig durch eiile große Berufspsticht erhobeil, weder lnit Glücks- gütern noch mit Annehmlichkeiten .gesegnet, sich den stets heitern Sinn zu bewahren?“

,,Ah, Sie wollen ein moralisches Recept?“ „Neimen Sie.s, wie Sie mögen; ich habe oft schon die Cmpstndung gehabt, mich an Ichneil ausruhten zii können; Ihr leichtlebig Wesen hat mich befreit, Ihre Heiterkeit strich angesteckt. Ia, wenn die Theorie von der Crgänzling etwas taiigt, passen wir besonders gut zlisaiilmeil.“

Der Sollntag Mittag versammelte eine aliserlefene Gefell- schaft inl Ciilpfaiigsfaale des Belvedereschlosses. Cs waren nur Personell befohlen, von denen der Herzog wnßte, daß sie seiner Gemahlin zusagten. Kart August hatte sich endlich den Entschluß abgerungen, eine Versöhullug mit Luife zu sucheil; dieser Vorsatz ließ aber eiil beklemmendes Gesühl ill seinem Gemüthe entstehen, lind voll Spannung ging er deiil Zusammensein entgegen.

Hätte er einen andern Alisweg gewiißt, so würde er den- selben gewählt habeil; denn noch immer sprach llichts in seinem Herzeil für die sanfte, hoheitsvolle Fran. Es war nur das Unter. liegen seiner Gegengründe; er gab lediglich den Vorstelligen

seiner Mntter und seines trenell Freulldes llach. Augenblicklich ohne Herzeusidol, war es mehr ein verdrosseues Sichfügeu, als eiil eigenes Verlangen, deiil er Rechnung trug: Zugleich aber lag ihm darail, von Lliisell nicht abgelehnt zu werden; er sühlte, daß es dann zu einem dauernden, nie anszngleichenden Brnche kommen

müßte; daß, wenn er jetzt keine Uebereinknnst erzielte, seine Mannes- ehre, sein Selbstgefühl so empstndlich verletzt sein würden, daß er den Schlag nie verwinden könnte. Deshalb die Spannung nnd die rücksichtsvolle Answahl der Gäste; seine Gattin sollte erheitert werden, sollte guter Lanne sein, dann hostte er sie zu versöhnen.

Unter den Eingeladellen befalld sich als Beichtvater nlld Freund Lliistns auch der Generalsnperintelldel.lt Herder, dessen Anwesenheit dem jungen Fürsten von vornherein ein-seierlich ge- spaiilites Gesühl gab.

Als die Gesellschaft versammelt war und der Herzog mit seiner Gemahlin, seiner Mntter und Constantin eintrat, lim deil sich tief verneigenden Kreis zu begrüßen, hatte er nicht die Cmpstndung, zii seiileiil Vergnügen gute Freunde bei sich zii eiilpsangen, wonach er Verlangen getragen, sondern nur die, einem Eeremoniell, einer Rücksicht zu gellügeu, als derell Vestalldtheil er die blasse Frau an seiner Seite allsah. Er streifte sie mit einem verdrießlichen Seiten- blicke und wurde sich lilit wahrem Schmerz wieder einmal der völligen Verschiedenheit ihrer beiden Natllren bewlißt.

Das Diner verlies unter den üblichen Formen; nach demselben wnrdeil die Flügelthürell des Empsangssaals geöffnet, welche alif

„Sie denken: hier .ein fünftes Rad aiil Wageil und da eins, giebt znfammeri einen leidlicheu Karreut Es gehört aber doch lloch mehr dazu.“

„Der nahe Anschluß an ein fröhliches Weib würde mir wohlthull, Luise; sollte ich diese beglückeude Ergällzung meines unbefriedigteil, trüben Ichs in Ihlleu gesunden haben? Köllnteil . Sie mich mit allen meinen düsteren Lannen lieben, mir Ihre Hand reichen?“

„Zll jedem Contretanz, Frennd Knebel, gern, aber nicht znr ^ Ehe, dazn ist Thllsnelda Göchhansen nicht gemacht. Ich muß meine Rolle allein alisfpieleil , lind, Hand ansts Herz, Camerad, Sie lieben mich auch gar nicht!“

Er sah sie erschrocken ail und stammelte: „O ja, o doch!“

„Flaufen , alter Frelilld , reden Sie sich keinen Unsinn ein, ich weiß besser, wen Sie lieb haben, als Sie selbst es zu wissen scheinen. .Werden Sie doch Ihrem Singvogel , Ihrem hübschen Rlidelchen nicht liiigetren! Der Mensch ist thöricht, der sich srei- willig in eine sremde Maske zwingt! Frenell Sie sich, daß ich nicht so lillverllünstig bin, Ihnen mit einem geschllichzten Ia rnn deii Hals zil sallen. Es wäre ein wahrer Iammer für Sie, wenn Sie mich heirathen müßten. Sie können nicht recht znm Entschmß kommen, sich Ihrer Liebstell zu erklären; Sie meinen, daß die bürgerliche Sängerin für den ritterlichen Lndwig von Knebel nicht recht paßt, Sie wollen sich vor der Versnchllng retten mid kommen deshalb zu mir. Schönen Dank, edler Herr, nnd alls Dankbarkeit diesen guten Rath: solgen Sie Ihrem Herzen, dann wird Ihnen wohler!“

„Lnise!“

„So heißt die Rudorf, ich bin Ihre ganz ergebene Collegin Thllsnelda!“

„Nnn denn, Thllsnelda, geschlechtsloser Dämon, der Sie sind, soll ich Ihnen zürnen oder danken für deil Rath?“

„Ich denke, Ihr erleichtertes Gemüth sagt Ihllen, was ich verdiene! Aber gute Freunde wolleil und können wir bleiben!“

Sie hielt ihm ihre kleine Hand hiil, iil die er herzlich lind iil der That mit einem erleichterten Gesühl einschlng. [760]

[774]
31.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Im December 1778. Erich will wiederkommen; er will das Weihnachtsfest mit uns verleben, wie in den vorigen Jahren. Welch eine Zeit steht mir bevor! Was soll ich ihm entgegnen, wenn er seine Werbung erneuert, wenn mein Vater davon Kenntniß erhält? Ich werde Erich’s trauriges Gesicht sehen, er wird an meiner Güte, meiner Aufrichtigkeit zweifeln – o, wie soll ich mich retten? Wie soll ich ausweichen, ohne Schmerz zu bereiten, ohne delt wahren Zustand meines Herzens zu verrathen?

Er ist mit meinem Bruder Max angekommen. Vater war zur Post gegangen und brachte sie, so heiter gelaunt wie selten, gleich in’s Wohnzimmer. Erich eilte auf mich zu; ich vermochte es nicht, ihm einen Schritt entgegen zu gehen. Es schien mir, er wolle die Arme ausbreiten, mich zu umfangen, ich aber wich zurück und reichte ihm die Hand. Und doch, als ich ihn ansah, wie gut gefiel er mir! Das offene, frische Gesicht, das blonde, gelockte Haar, die stattliche, schlanke Gestalt, als ob ich seine Schwester wäre, wallte ihm mein Herz entgegen, und ich hätte ihn ebenso gern umarmt wie Bruder Max. Er aber meint es nicht so, das sehe, das fühle ich aus jedem Blick und Wort!

Die Beiden durcheilen die Stadt, Besuche zu machen; es geht in unserem Hause jetzt fröhlicher zu als sonst. Täglich kommen Gäste und Einladungen von allen Seiten. Ich muß mich putzen, muß mitgehen, tanzen, lächeln und immer und immer Erich’s Entgegenkommen zurückweisen, obwohl ich doch weiß, es hilft nichts, er will endlich ein Ja auf seine Frage.

Und Er, mein hoher Gebieter, dem ich jetzt oft nahen darf, ihm – ach, das fürchte ich – ihm bin ich nichts, als das Veilchen am Wege, das sein Fuß achtlos zertritt! Aber sind Liebe, Bewunderung, Anbetung keine starken, selbstständigen Empfindungen? Was ist gegen diesen jauchzenden Lebensodem meiner Brust, der mich so viele Jahre lang schon erhält, das schwächliche Gefühl mühsam abgezogener Gegenliebe? Halb Eitelkeit und halb Dankbarkeit. Und so manches Herz mag sich damit begnügen?

Nein, ich kann diese Alltagskost nicht nehmen, nicht geben! Goethe behandelt mich wie alle anderen Mädchen; er tanzt fast an jedem Ballabend mit mir, sagt mir hier und da auch etwas Gutes, Artiges; mehr empfangen die Anderen auch nicht.

Gestern Abend, als wir vom Schlosse heimkehrten, nahm Vetter Erich so entschieden meinen Arm, Vater und Max folgten so langsam, daß ich mit Zittern fühlte: jetzt schlägt die große Prüfungsstunde!

„Christel,“ sagte er weich, „endlich mußt Du mir näher angehören. Meine scheue Taube, flieg mir nicht wieder davon. Sieh, geduldig wartete ich auf Deinen Wunsch Jahr und Tag. Jetzt hoffe ich auf Dein Jawort, jetzt halte ich’s nicht länger aus. Deines Vaters Segen habe ich; was zaudern wir? Die Welt hält uns längst für einig, und warum wollen wir unser Glück, unser wonniges Zusammensein, nicht noch reizvoller genießen? O Christel, sage ja, sei endlich mein!“

So etwa sprach der gute Vetter; armer, lieber Erich! Ich habe Dir wohl recht unzusammenhängend geantwortet? Es ist auch gleichviel, was ich sagte.

Wir waren nah am Hause und traten ein. Tante Barbara kam uns mit Licht entgegen; dann standen wir plötzlich alle in der Wohnstube. Vater nahm meine und Erich’s Hand, fügte sie in einander und sprach feierlich:

„So gesegne denn Gott Euren Bund, meine Kinder! Mir erfüllt sich ein großer Wunsch. Du, liebe Tochter, verschönst mir die letzten Tage eines vielgetrübten Lebens! Mit Zuversicht lege ich Dich in die Arme dieses tugendhaften Jünglings, an dessen Seite Dir ein glückliches Loos beschieden sein wird. Ein Leben, geheiligt durch das Gebet Eures Vaters!“

Er war so beredt, so gerührt, wie ich ihn nie zuvor gesehen.

Wir umarmten uns Alle unter einander, oder vielmehr, sie umarmten Alle mich.

Ich war starr, wie früher so oft, und weiß nicht, wie ich mit Barbara in meine Kammer gekommen bin. Die gute Alte kleidete mich aus, wie sie es jeden Abend thut, und sprach vielerlei zu mir; ich hörte nur Ton und Worte, den Sinn begriff ich nicht; in derselben Starre brachte ich die halbe Nacht zu, während der anderen Hälfte saß ich aufrecht und weinte. O, was soll aus mir werden?

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Crtragen kann ich's nicht so, ich mnst eiiieu Versuch zu meiner Rettullg wagen und mit meinem Vater sprechen. Gesaßt bin ich alis feilten fürchterlichsten Zorn, ja, wenn er will, kann er mich tödten.

Ich ging zu ihm in sein selten betretenes Zimmer. Er kam mir liebreich eutgegem „..Nein Kind ist bleich,“ sagte er liild saßte ^lliich am Kiull. ,,Frisch aus und mllilter, kleine Grafeubrautt Die gallze Stadt wird Dich beileideu, bist auch lleidenswerth ! Ist ein Staatsjunge, Dein Erich, mir fast lieber als mein eigner Sohil. Aller Verdruß und Grimm, den ich im Leben zlt schluckeu gekriegt, wird jetzt wett gemacht!“ „Vater - Vater!“ stammelte ich. „Was soll das Gejammer?“ „O, ich bitte Dich aus Herzeusgruud!“ „Na - briug mir keinen Unsinn vor!“ ..,Vater, höre, rette mich! Ich liebe Erich nicht, ja ich schandere vor einer Ehe. mit ihm , ich könnte ebenso gut Brnder Ma.r heirathen!“

„Flauselt, Hirngespinste! Warst immer ein absouderliches Ding! Jetzt aber, Fräulein Narrethei, ist^s Zeit, die Schrullen nnd Romangeschichten abzuthun, sollst geht darau dreier Menschen Lebensglück zu Grunde.“

Er sprach sehr ernst, aber nicht so zornig wie sonst. Ich sagte ihm noch einmal recht eindrillglich, daß ich in Verzweistung über meinen Brantstaud sei; ich bat ihil, mich nicht zil vermähleu, mich bei sich zu behalten

Erst suhr er mich au: ob ich einen Andern liebe? Ich erbebte und sprach in einem voil der Herzeilsangst ein- gegebenen Wortstrom dagegen. Er wars sich dann plötzlich - wie ein Baum , der gefällt wird - alif einen Stuhl am Tisch, nahm den Kops in die Hände und stöhnte laut. „Es ist zu viel,“ murmelte er, „zwingen - zwingen kann ich sie nicht! Geh, schick Erich sort, aber dann ist von Freude ilt meineln Lebeu nicht mehr die Rede.“

Das ergriff mich fnrchtbar; ich sah sein Lebeu voll .Ent- täuschungen und Kummer klar vor mir; es war mir jetzt gleichviel, was aus mir werde, wenn nur aus seiilelt .öden Psad noch ein Sonnenstrahl stel! Ich warf mich vor ihm auf die Kniee, tmlfaßte ihn und bat, er möge getrost seilt, ich wolle seinen Willen thtln.

So nehme ich also mein Leid und eine tranrige Lebenslüge allf mich! ^....^

Er ist jetzt mit Ma.r in seine Garnison zurückgekehrt nlld nusere Hochzeit ist auf den Herbst angesetzt, so habe ich also noch länger als ein halbes Jahr Frist. Was kann sich in der Zeit alles zutragen! Diese Spanne Zeit will ich leben, frei feilt, ihu sehen! Vielleicht stndet sich doch noch ein Entrinnen!

Im Februar .1^9. Die gauze Stadt ift in Aufregung, ein glückliches Ereigniß bewegt alle Gemüther, die Frau Herzogin Luise hat eine Prinzessilt geboren. Sie soll sehr schwach sein uud der Herzog sehr ärgerlich, da er ganz fest auf einen Erb- prinzen gerechuet hatte.

Gesellige Lustbarkeiteu gab es in letzter Zeit weiliger, ich als Braut hätte mich auch ausschließe dürseu. Aber wie dauu ihn sehe, ihu, der trotz allem meiner Seele Entzücken ist tlltd bleibt? So habe ich mitgemacht, was sich mir bot.

O, dieser Herrliche, wie hoch steht er über allen anderen Männern! Wie viele bewultderitde Angen blicke zil ihm empor; wie tmcheirrt, wie herrschend schreitet er durch die Menge! Nnr wenn ich ihn nie gesehen hätte, könnte ich Erich lieben.

Er arbeitet jetzt mit Bertnch, den herzoglichen Hosgärtnerm nnd vielen Gehülsen, um einen Park am User der Ilm altznlegen. Dahin richten sich nun die Schritte aller Spaziergänger. Ieder will das rüstige Schaffen und Werden beobachte; Viele aber wollen auch, wie ich - ihn fehelt, das sühle, das weiß ich ! Und köstlich ist.s, wie er leuchtenden Blicks ilt freier blauer Frühlings. lnft dasteht, anordnet, den Eindruck beschreibt, den das Fertige machen wird, selbst zum Grabscheit greist, Gesträuche beschneidet und ganz Leben und Fener ist für die Sache, der er sich hingiebt. Er adelt alles, was er angreift; mir erscheint jetzt Wege ziehen nltd Bälime pflanzen wie eine neue Art Poesie.

Ich lebe im dämmernden Schwindel so hin, bin jeden Abend ilt Verzweistung über de vergangeneil Tag, der mich dem Herbste näher sührt. Vater spricht ost von unserer Hochzeit; Tante Barbara schasst viel Leinezeug herbei, Erich schreibt von Liebe und Sehnsucht, und ich - o, was soll ich bei alledem, das mich fremd ansieht, srelud, verwirrend und trostlos!

Inni. Karoline voit Ilteu ist mir iit letzter Zeit Frenndin geworden , sie leidet ja ihren Liebesschmerz wie ich. Prinz Constalttiit ist jetzt, um voll der Gelieblell entsernt zu werden, auf Reisen geschickt, die, wie man meint, Jahre danern können. Das arme Linchen ist nntröstlich, und doch wie glücklich kann sie sein, da nur die Ungtlnst der Berhältnisse sie trennte. Sie sagte mir, daß Goethe voll Theilnahme für sie sei und sie ost herzlich tröste, obgleich er auch von ihrer Heirath mit dem Prinzen ab- gerathen habe. So weiß sie es selbst nicht, soll sie ihm gut oder böse sein; seine Gewalt über alle Gemüther, seine Herrlichkeit erkennt sie an, und wir sprechen ost über ihn.

Inli. Cs wird eine nene Aufführung geplant, ein Stück ist es, das er vor zwei Jahren gedichtet hat. Viele Personen kommen darin vor, und ich bin auch zur Mitwirkung ansgesordert.

Ich sagte zn; nur dies noch! Ihn täglich in den Proben sehen, ihn declamiren, anordnen hören, nein, ich kann nicht daraus verzichte! Vater runzelte die Stirn und sagte: ,,Weuu Erich nnr zufrieden ift, daß Du die Narrenspoffelt mitmachst?“

Ich nahm die Verautwortung aus mich. Uusere Hochzeit ist aus den ...5. August festgesetzt, am ^9. kommt Erich. Am ^. soll zur Rückkehr der Herzoge Amalie, die verreist. ist, jeues seltsame Stück: „Der Triumph der Empstndsamkeit“, ausgesührt werden. Das ist also mein Letztes!

Nur genießen bis so lange; nur ihn sehen! Nie werde ich es mehr, wenn ich mit Erich in seine Garnison gehe. Hinter dem ^5. liegt das gallze Dasein schwarz und öde. Es sind noch zweinuddreißig Tage bis dahin!

Die Probelt nehmen ihren Fortgang, jetzt nur noch zwanzig Tage! Ost snche ich mir eine versteckte Ecke, sehe ihn an und präge sein Bild fest in meine Seele.

Großer Gott, nur noch neu Tage, und daun - Tante Barbara tadelt mich, daß ich mich nicht um meine Ausstattung kümmere. Hente sagte sie.

„Christel, wie bist Du jetzt so vergnügungssüchtig !“

Dieseu Nachmittag ist Probe bei der Stein ; um Alles möchte ich nicht sehleu! ^^^^^

Was habe ich geseheu, erlebt! - O Eleud, grausames Eleud!

Das Stück war dtlrchprobirt, in den Zimmern ward es warm, man össuete die Thüreu zlt der Terrasse; die Gesellschaft zerstreute sich, spazierte draußen aus den neuen Parkwegeu, ver- theilte sich ill den Zimmern.

Ich saß allein im Eckcabiltet , wo es dämmerig war, uud .konnte vom ostenen Fenster aus ihn mit Frau von Stein aus der Terrasse hiu und her gehe sehe; delu und wann drang ein Wort voll ihm zu mir; es war so schöu!

Endlich setzten sie sich unter meinem Fenster nieder. An- fänglich wollte ich eisstehen, aber seine Nähe berauschte ulld bannte mich, daß ich in meine alte Starrheit verstel und mich nicht rühre konnte. Sein Kops mit den dtlnklen Locken ragte etwas über die Bank des ostenen Fensters hervor, an dem ich saß; ich hätte sein Haar küssen können, ohne daß er^s merkte; aber ich vermochte kein Glied zu bewegen. Mir war so ver- schleiert zu Mnth von seliger Empstndung, daß selbst seine Rede mich nicht weckte, sie rauschte wie ein süß murmeluder Bach au meinem Ohre dahin.

Dann antwortete Frau von Stein, dabei erholte ich mich, sodaß ich verstaud, was er nun sagte, obwohl seine Stimme ge- dämpft war und einen wunderbar zärtlichen Klang hätte.

„Ich werde müde an delt Menschen und habe keine Sprache mehr für sie, wenn ich nicht eine Weile mit Dir bin, lieb Gold; entziehe Dich mir nicht, sonst schließt sich meine Natur wie eine Blume, wenn die Souue sich wegwendet.“

„Ich dars meine Pstichten als Wirthin nicht vernachlässigen.“

„Hast Dn nicht auch Pflichte der Liebe? Du weißt, daß Niemaltd da ist, der Dich heißer liebt als ich, daß Keiner Dich mehr bedarf.“ [776] [790] [791] [792] [808] [810] ichter Freude er- ^ziehen , und der Sohn und Erbe kommt hostentlich später.“

Nach einer Pause sagte der Herzog, indem er mit großeu Schritten den engen Raum des Altaus durchmaß:

„Deichst wohl, das stete Tröpfeln höhlt den Stein? Nnll, einen Stein fühle ich hier in meiner lillkeu Seite just nicht. Und Du magst Recht haben, daß den schmerzlichen Drang, mich nach all dein Herzbewegenden anzuschließen, ein Weib am besten stillen könnte. Sind es doch Weiber, voil deileil der Schmerz ausgeht. Erst die Lügnerin, die wiedererstandeile Milli, und nun dies arme Wasserjüngsertein ! Das war ein wunderbarer Tag! Also, Luise heißt die Summe Deines Trustes? Nach ihr sehen kann ich ja morgen.“

„Thnn Sie das; und gebe Ihnen Gott eiiie glückliche Stliilde!“

Seit der Gebllrt der kleinen Prinzessin war die Herzogin Lnise weniger zurückhaltend ; sie liebte es jetzt, mit andereil jungen Müttern über die Pflege und das Gedeihen kleiner Kinder. zn reden, umgab sich nicht mehr so ängstlich abschließend nlit ihren Hosdamen liild hatte sich besonders in Freuudschaft - so viel sie deren geben koiiilte und bedurfte - Frau von Stein angeschlossen. Sie correspoudirte mit ihr , wenn sie nicht an demselben Orte waren, nild sah sie ost bei sich.

Frau von Stein empfand .von je her eine liebevolle Ver- ehrmlg für die edle, sittenstrenge jlillge Fürstin und hatte es ost versucht, ihr naher zu treten. Sie ging daher jetzt mit Vergnügen ans die Artigkeiten Luisens ein lind solgte am Morgen nach denl Todestage der armen Christel von Laßberg einer Ans- sorderung der Herzogin, sie zu besuchen.

Die beiden Daiiieil saßen im Gesellschaftssalon all den offenen Flügeltüren , die auf Terrasse und Part hinausführten. Die Wiege der kleinen Prinzessin, welche jetzt siebeil Monate alt war, stand znr Seite, und sriedlich schlummerte das liebliche kleine Wesen iil den weißen Kissen.

Frau von Steiit erzählte ausführlich voll den gestrigen Er- eignissen, voll denen nur unvollkommene Kemltniß in die Ein- samkeit der hohen Frau gedrungen war.

Schwermütigen Blicks lauschte diese dem Bericht der Ver- trautem die wohl wußte, daß Emilie von Werthern iil der. Herzogin ein gallz anderes und viel größeres Interesse wachrufen mußte, als die arme kleine Laßberg. So verweilte sie auch lällger bei der Schilderung von Emilien.. Rückkehr mit allen daraus bezüglichen Nebennlnständem

Die.-' Herzogin hing ihren Gedanken nach und hörte endlich kaum noch aus das Geplauder der Freundin.

Also Milli, welche sie sich ill dein nächsten Verhältniß zn ihrem Gatten gedacht hatte, ließ sich damals von einem andern Liebhaber entführen? Sie mußte diesem schon zu jener Zeit sehr nahe gestanden haben, da sie ihm srelidig iil die ungewisse Ferne solgte. Mit Beschämung stel ihr die Stunde ein, in der sie voll eifer- süchtigen Stolzes, ilt reizbarer Allswallnltg jenen großen Riß zwischen sich und deiil Herzog herbeisührte , der ltoch heute uicht gauz geschlossen war.

Wie ost hatte sie sich seitdem gesagt. die Möglichkeit einer rechten Liebe zu ihrem Gemahl sei mit Milli von Werthern im Erbbegräbniß zu Leitzkau eiltgesargt! Und ltuu war diese Milli erstanden, unter Umständen, die Karl August sreisprachett! So hatte sie also, in ungerechtem Trotz und falschem Scheine solgeltd, drei Jahre lang ihr Herz dem verschlossen, der eiil geheiligtes Recht auch aus ihre Liebe besaß! O, wie sollte sie diese Pslicht- vertetzung, dies tranrige Mißverständest wieder gut macheu ? Wie follte sie ihren Gemahl von der für ihn aufwallenden warmen Empfindung überzengeil?

„Meine liebe Stein,“ sagte sie plötzlich, „hörten Sie vielleicht, wie der Herzog die Rückkehr der Werthern ausnahm?“

„Er schalt aus den Betrug, und nlit Recht.“

„Im das ist's! Wollte die Frau durchaus ihre Ehe lösen, so mnßte sie es voll mutiger Offenheit iiild iii loyaler Weise thuii.“

„Die Scheidung soll jetzt, wie ich höre, eingeleitet werden, uud Herr von Eiusiedel bewirbt sich tiiii eiiie Altstemillg. Diesen Morgen kanteten auch leider die Nachrichtelt über deil Zlistaitd

der trestlicheit alten Frau von Werthern, die Milli jetzt pstegt, äußerst bedenklich.“

Iit dieseiii Atigeltblicke meldete . der Lakai den Wagen der Frau Oberstamlteister.

Beide Daliieil erhobeu sich. Luise war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt,. um die Frenndill noch zurückhalten zu mögen ; sie schlug jedoch vor, man solle den schöneren und längeren Weg über die Terrasse und durch den Park nach dem vorderen Host. platz wählett, wo der Wagen am Portal hielt.

Wenige Minuten , nachdem die Damen durch die Terrassen. thür deit Salon verlassen hatten, trat der Herzog, aus dem vordern Schloß kommend, ilt das leere Gemach.

Er hatte, als er vom Pserde stieg, mit Befriedigung gehört, daß Frau voit Steiit bei seiner Gemahlin sei: noch immer empfand er eine unbestimmte Schen vor dem Alleinsein mit Luisen. Jetzt, da er Niemand im Zimmer sand, athmete er erleichtert ans.

Er hatte sich Goethes neue Erittitertiug vielsach überlegt; die Liebeleien, welche sein Herz anderweitig gesesselt hatten, waren sämmtlich ill Nichts verslogen. Milli, Gretchen und alle die Franen und Mädchen, die seine Phantasie beschädigtem denen er vorübergehend huldigte, ließeit ihm keinen tieseren Eindrtlck zurück. Der Fretiitd tras doch vielleicht die Wahrheit, wenn er sagte, daß Luise die Reizendste voit allen sei. Vielleicht gelang es ihm anch, noch ihre Kälte zu besiegeit und mit ihr sich zu einem uubesattgett tranlicheit Bunde zu vereinigen, wie er es so lebhast begehrte. Der Versuch dazu mußte noch einiital gemacht werden, hierin hatte Goethe Recht.

Als der Herzag sich iit dem leeren Salon umsah, tras sein Blick aus die Wiege, in der sein Kind schlies. Er sühlte sein Herz lebhafter schlagen in einer plötzlichen und natürlichen Regnug für dies kleiite Geschöps, an dem er bislang so wenig Theil genommen hatte. War es doch sein und zugleich ein natürliches Band zwischen ihm und Lnise! Er schämte sich , ein so gleichgültiger Vater ge- wesen zu sein, und sretite sich , daß er hier ganz unbeachtet der sich lebhast regenden Herzeitsempstltdultg solgelt konnte.

Er schlng die Umhänge des Bettchelts zurück rlltd lteigte sich über das Kiud. Aber das war ja kein rötliches Fröschlein mehr! Weiß, rund und reizvoll in jeder Form lag ein kleines Engelsbild vor ihm. Jetzt schlug es ein Paar lachende blatte Angen aus, hob das Köpschen aus dem Kiffen und griff nach seinen Wangen. Er beugte sich tiefer und bedeckte das zarte Gesicht mit vorsichtigen Küssen.

„Du liebes, süßes Geschöps,“ murmelte er, „uud ich wußte kaum von Dir und kümmerte mich nicht um Dich!“

Als er sich jetzt wieder empor. richtete, streckte die Kleine ihre Arme höher nach ihm ans. Er hatte nie eilt kleines Kind be- rührt, nun aber, als das hülslose Wesen ihn anlachte und allerlei drollige Latite plapperte, umfaßte er es, hob es heraus, drückte deit weichen kleinen Körper innig ait sich und erwiderte das wortlose Geplauder des Kindes auf feine Weise.

„Du beklagst Dich, armes Caroliltcheu,“ sagte er zärtlich, „daß Du solch eilten schlechten Vater hast, der sich gar nicht nm Dich kümmert, und Du bist doch eilt so hübsches Prinzeßchem wie litait sich nur wünschen kann. Ia, ja, armes Diltg, das soll lttiit besser werden, wir sind jetzt gute Freunde, Du bist mein Schützchen, mein Herzenskind, und sollst es bleiben!“

Wer weiß, wie lauge der junge Vater, dieser ersten liebe- vollen Regung solgeltd, sich noch der Unterhaltung mit seinem Kinde hingegeben, wenn nicht eine weiche, zitternde Frauenstimme dicht hinter ihm „Karl!“ gertlseu hatte.

Er sah sich um, Luise staltd da und sah ihn sreuudlich au. Sorgsaiit legte er die Kleine wieder in ihre Wiege, dann trat er ties bewegt aus seine Frau zu:.

„Vergieb mir,“ sagte er, ihre Hand ergreisend, „daß ich Ench Beide vernachlässigte. Wie das möglich war,. weiß ich ill diesem Augenblicke wirklich nicht zu sagen.“

,,O, ich wollte ja Dich um Vergebung bitten! Eben bin ich mir bewußt geworden, daß ich Dir mit meiner Eifersucht ans Milli bitteres Unrecht gethan, daß ich in allen den Jahren ohne rechten Grund verschlossen liiid kalt gegen Dich gewesen hm..'...

,,Lnise, liebes Weib! So sollen mir uns endlich wirklich angehören?“ ries er, sie beglückt iil seine Arme schließend.

. . Inniger. als es je geschehen, zärtlicher als in der ersten Zeit ihrer Ehe sandeit sich ihre Lippen, iimsaßten sie sich gegenseitig.

1 [811] Dann saßen sie Hand in Hand an der Wiege ihres Killdes lind fingen nun an, wie ein Brautpaar, welches sich llach vielen Hindernissen vereinigt, ihre Herzen zu erschließen.

„Mich kennst Du,“ sagte Kart August in seiner schlichten, offenen Weise, „ich habe es nie verstanden, mich zu verstecken, mich besser zu machen, als ich bin; ich habe ost gefühlt, daß Dir meine Art mich zu geben nicht gllt geung sei, vermochte meine Natnr aber nicht aus dell Kops zu stellen.“

„Vergieb, wenn ich Dich je dergleichen fühlen ließ! Snche mich zu entschnldigen. Ich fühlte immer, daß wir uns nicht ver- standen. Ich konnte Dir nichts sein, nichts mit Dir theilen, nnd das bedrückte mich nnsäglich! Jetzt weiß ich, daß es Besseres giebt, als höstsche Form, als Glanz und Gepränge --“

„Und das wäre, Luise?“

„Eiu häusliches Glück, Dein Beisall, Deine Liebe.“ „Also wirklich? Dn könntest schlicht und herzlich sein?“

„Ich möchte es lernen. Lange fürchtete ich, daß meine ab- geschlossene Existenz auf Dich nicht wirken könne; in tiefer Ver- zweistung grübelte ich über mich felbst. Zerstrenende Arbeit ist ja ein den Prinzessinnen gänzlich versagtes Glück, so saß ich nnd sank immer mehr in nnthätige Schwermnth. Da schenkte Gott mir das Kind, unsern kleinen Engel! Mit Earolinchen fange ich llen an zu leben und hoste nun auch Dich zu gewinnen; das ist ein Segen über mein Verdienst!“

„Dn hast mich ost durch kühle Strenge von Dir entsernt, Lnise; vielleicht konntest Dn nicht anders? Dann wieder empsand ich auch Respect, weil Deine Individnalität von einer besonderen Eonsegnenz und Ueberzengungstrene getragen wnrde. Versuchelt wir.s uuu, wie weit wir Ieder dem Andern auf seinem Wege ans Liebe entgegen kommen können!“

Als der Herzog am andern Tage dem Freunde die gute Nachricht volt der eudlichen, wahren Vereinigung mit seinem Weibe brachte, als er sich einen glücklichen Gatten und Vater nannte und sich in hoher Gemüthserregung an Goethe.s Brust warf, seierte der Getreue mit ihm ein Fest der innigsten Genugtuung.

„Mag Luise kein aus den Wolken herab gesenktes Ideal sein,“ ries Karl Angnst begeistert, „als welches ich sie ost ansah - Gott sei Dank, daß sie es nicht ist! Aber eines der heerlichsten Geschöpfe, wie diese Erde sie selten hervorbringt, alls der wir Alle entsprossen, das ist sie!“

In der nächsten Zeit hielt der Herzog sich uuausgesetzt bei den Seineu in Belvedere aus und feierte jetzt recht eigentlich seine Flitterwochen.

Dann aber, im Spätherbste, glaubte er, daß seiner rastloseu Natur das häusliche Behagen dauernd nicht gesund sei. Er wollte nicht, daß die neue, süße Kost ihu übersättige, und so schlug er Goethen eine Reise vor.

Dieser ging mit Freuden aus den Platt eitt. Konnte er doch nach einer neuerlichen leidenschaftlichen Utiterredung tnit Fran von Stein in kein ruhiges Geleise tnit ihr kommen. Immer wieder brach sein erregtes Gesühl durch und wurde stets ans's Neue von ihr zurückgewiesen; das gab ein seltsam verstörtes Ztt- sammensein.

„Lassen Sie uns einen abenteuerlichen Zng in die Schweiz machen, lieber gnädiger Herr,“ bat Goethe. ,,Das Anschauelt

der großartigen Natnr, ein Aufenthalt in dem mit Gottvertrauelt uud Herzenseinfalt gesegnetett Lavater'scheu Familienkreise wird nns wohlthnn und einen reinen Natursiuu in uns stärken. Ge- wiß wird eine neue Epoche Ihres und meines Lebens von dieseltt notwendigen Abschnitt anfangen!“

„Ia, Dll hast Recht, mein Wolf, ein solcher Abschluß mit der Vergangenheit ist gut! Neugeboren werden wir heimkehren,“ sagte der Herzog zustimmend. i

Mit ernstem Sinnen entgegnete Goethe: „Die Zeit, welche ich seit dem November 1775 hier ittt Treiben der Welt zubringe, getratte ich noch nicht abschließend zu übersehen. Gott helle weiter und gebe Licht, daß wir uns nicht selbst zu viel im Wege stehen, lasse uns vom Morgen zum Abend das Gehörige thnn ttnd gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Möge die Idee des Reinen immer lichter in uns werden!“

Es bleibt nicht viel hinzuzufügen , da die „Weimarschen Bransejahre“ mit der. Schweizerreise, nach welcher der Herzog sowohl wie Goethe in ruhigere Bahnen lenkten, ihr Ende erreichten.

Das treue Freundesverhältuiß zwischen Goethe tlnd Karl August blieb ungetrübt bis an ihr Ende; auch die Herzogin Lnise erkannte endlich in Goethe einen stets aufrichtig ergebenen Freund, dem sie später dankbar zugethau war. Die kleine am 9. Febrnar 1779 geborene Prinzessin starb 1784, im Jahre 1789 ward dem damals eng verbundenen Paare Ersatz zu Theil in einer andern Prinzessin, Caroline Lnise - der Mntter der Herzogin Helene von Orleans -, welcher noch zwei Prinzen solgtett.

Die Herzogin Alltalie erhielt sich lange ihre lebensvolle Frische und blieb nnzertrennlich von ihrer muntern Thnsnelda.

Prinz Eonstantin, endgültig von seiner Ingendliebe getrennt, knüpfte aus seinen Reisen weit unpassendere Verbindungen an, die den Seinigen manche Verlegenheiten bereiteten, und starb jung.

Knebel vermählte sich später mit Lnise Rudors, der be- scheidenen Sängerin, zog sich vom Hose zurück und lebte glücklich mit ihr in ländlicher Stille.

Corona Schröter. wagte es nie, sich zu vermählen; Einsiedel blieb ihr treuer Freuttd, doch zog sie später mit ihrer Wilhelmine nach Ilmenan. Von dem Grasen von Saint Germain hörte man die wnnderbarsten Gerüchte; in Weimar ward er .nie mehr gesehen.

Wedel heiratete bald nach der Schweizerreise die längst ge- liebte Henriette von Wöllwarth und wurde mit dem verständigeu Mädchen äußerst glücklich.

Emilie von Werthern erlangte die Scheidung von ihrem Gemahl, beerbte ihre Schwiegermutter, die das alte Testament zn Entiliens Gunsten znfällig nie geändert hatte, und verband fich endlich legal mit Moritz von Einsiedel, der eine Wiederanstellung durchsetzte. Ihr gewesener Gemahl, der Rittmeister von Werthern, heiratete ein Fränlein von Ziegesar in zweiter Ehe.

Als die Altensteiner Höhle unweit Liebenstein und Barchseld entdeckt wttrde, wußte der Herzog Kart August, in welchen ,,Hörselberg“ Saint Gerntain ihn einst geführt hatte, und lachte jetzt herzlich über sein jugendliches Interesse an des Wustder- luaultes Persönlichkeit. Stets rechnete er aber dies Abenteuer zu seineu ergötzlichsten Erinnerungen.


  1. Oger, ein dem Rübezahl vergleichbarer böser Dämon, der namentlich Gcmüthslranke in seine Gewalt zu bekommen sucht.