Brausejahre

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Textdaten
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Autor: Auguste von der Decken
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Titel: Brausejahre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23–49, S. 373–376, 389–394, 405–408, 425–428, 451–455, 466–470, 483–486, 498–500, 512–514, 530–534, 547–548, 558–560, 578–582, 594–595, 618–619, 630–634, 646–648, 664–667, 680–683, 698–699, 706–708, 724–727, 741–743, 758–760, 774–776, 790–792, 808–811
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Kurzbeschreibung:
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[373]
Brausejahre.
Bilder aus Weimars Blüthezeit. Von A. v. d. Elbe.

„Er ist da, Christel! er ist da!“ rief ein frisches hübsches Mädchen, indem es rasch die Thür eines Kämmerchens aufstieß und mehr springend als gehend eintrat.

In dem kleinen Schlafzimmer herrschte noch Dämmerung; das halbe Licht eines Novembermorgens vermochte nicht viel Helle zu verbreiten; kaum erkannte man ein einfaches, weißumhangenes Bett und einige binsenbeflochtene Stühle.

„Aber wie finster ist es noch bei Dir, Langschläferin!“ fuhr die Eintretende fort; sie ging an das Fenster, schlug die Vorhänge zurück, betrachtete fröstelnd den ersten langsam herabflatternden Schnee und trat an das Bett. Eine jugendliche Mädchengestalt richtete sich eben halb empor, öffnete groß die Augen und sagte:

„Wie früh kommst Du, Gustchen, eben graut der Tag, Tante Barbara hat noch nicht angeklopft.“

Auguste von Kalb, die Besuchende, zog einen Stuhl an die Bettkante, setzte sich und ergriff die kleine weiße Hand der Freundin.

Die beiden jungen Mädchen waren sehr verschieden; so frisch, üppig, brünett und lebhaft Gustchen Kalb erschien, so zart, blond und sanft war Christel Laßberg; ihre blauen Augen schimmerten halbversteckt unter schweren Lidern und langen gekräuselten Wimpern; das weiche Oval des Gesichtes, die ruhige Unbeweglichkeit der mattgefärbten Züge bildeten einen Gegensatz zu der lachenden, beweglichen Erscheinung der Andern.

Die frühe Morgenstunde hatte Auguste nicht verhindert, sich festlich zu kleiden, und der weiße Musselinanzug, nach der Mode des Jahres 1775 mit Falbeln ausgeputzt, sowie ein durch die schwarzen, leichtgepuderten Locken geschlungenes gelbes Band stimmten vortrefflich zu dem Roth der bräunlichen Wangen.

„Ich habe Dir unendlich viel zu erzählen!“ sagte sie hastig, mit den Fingern der Freundin spielend. „Gestern Nachmittag, nachdem Du fortgegangen warst, kam ein Expresser von meinem Bruder, welcher meldete, daß er und sein Gast die Nacht durch fahren und heute früh bei uns ankommen würden.“

„Ah! heute?“ sagte Christel, indem sie sich etwas mehr aufrichtete.

„Ja, ja! und sie sind da! Wer höre mich ruhig an, denn ich muß Dir von einer sehr wichtigen Unterredung mit Papa erzählen. Kaum war des Boten Brief eine halbe Stunde in Papas Händen, so ließ er mich rufen. Als ich eintrat, sah ich, daß die Eltern augenscheinlich eine wichtige Besprechung gehabt hatten. Frau Mama saß auf dem Thron am Fenster, und Herr Papa in seinem gelbblumigen Hausrocke ging im Zimmer umher und ruckte so arg mit dem Kopfe, daß der Haarbeutel bald über dem rechten, bald über dem linken Ohre erschien, und das hat immer etwas zu bedeuten. Ich stand und machte meinen Knix, küßte Papa die Hand und fragte, was er befehle?

Er räusperte sich, ja, er klopfte mir die Wange, und Mama wurde roth. Endlich sagte er: ‚Gusta, mein Kind, Dein Bruder kommt zurück und wird einen Gast mitbringen, der ein Freund Seiner Durchlaucht unseres allergnädigsten Herzogs ist, – daher eine Ehre für uns, ihn zu empfangen; man muß ihm das Haus angenehm machen, hörst Du, Gusta! Jugend gesellt sich gern zur Jugend, Dir wird es also dann und wann obliegen, den jungen Mann zu unterhalten.‘ – Mein Herz klopfte vor Vergnügen bei diesem Auftrage! – ‚Nun aber erheischt es meine Vaterpflicht, Dich zu warnen; dieser Doctor Wolfgang Goethe soll ein wilder, unbändiger Jüngling sein, absonderlich gefährlich für jedes wohlgebildete Frauenzimmer; hüte Dich also, nicht zu Denen zu gehören, von welchen er in Büchern schreiben kann! Hüte Dich auch, keinen Gedanken an die Möglichkeit ehelichen Bündnisses aufkommen zu lassen; denn trotzdem er der erwählte Freund unseres Herrn Herzogs Durchlaucht sein soll, ist er nur ein Frankfurter Bürgerssohn und die Verbindung mit einem solchen für ein adliges Fräulein nimmermehr zulässig.‘

Ich schwieg ergeben lauschend, der Papa fuhr, das Haupt bedächtig wiegend fort:

‚Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird dieser Herr Wolfgang Goethe für die nächste Zeit der einflußreiche Freund Seiner Durchlaucht werden. Als unser gnädigster Fürst im Winter mit dem Prinzen Constantin und Herrn von Knebel in Paris war, besuchten sie auf der Durchreise den jungen Goethe in Frankfurt. Nachher trafen sie sich wieder in Mainz und ein absonderliches Wohlgefallen an dem Doctor bestimmte unsern Herrn Herzog, ihn zu sich einzuladen; mein Sohn wurde jetzt beauftragt, ihn abzuholen; man estimirt ihn also auffällig genug; er wird hier sehr in seiner Assiette sein –‘

Papa räusperte sich: ‚Ich bin ein alter Mann,‘ fuhr er in kläglichem Tone fort, ,meine Amtspflichten werden mir täglich lästiger, die Art und Weise der jetzigen Regierung stimmt nicht mehr zu mir, ich sehe mich nach einem Nachfolger um! Aber es ist mir nicht gleichgültig, wer meinen Platz einnimmt; das Glück des Landes hängt von der würdigen Besetzung dieses hohen Postens ab; meine Pflicht ist es, dem Herrn Herzoge einen tüchtigen Mann vorzuschlagen. Dein Bruder ist bereits Kammerjunker und hat mich in meinen Geschäften oftmals unterstützt, in [374] seine Hände möchte ich mein Amt niederlegen. Dieser Wunsch muß mit Delicatesse behandelt werden; Du, Gusta, bist aber vielleicht im Stande, durch den Günstling für Deinen Bruder zu wirken; man darf kein Mittel gering achten, das Familienwohl zu fördern! Politesse also, mein Kind, Zuvorkommenheit, aber in den angedeuteten Grenzen!“

Ich verneigte mich mit einem: ‚wie der Herr Papa befiehlt!‘ und verließ nach seinem Winke das Zimmer?

Was sie von mir wollen, sehe ich klar genug, Christel, der Speck soll ich sein, um für den Bruder die Maus zu fangen; ich soll seinetwegen mit Doctor Goethe liebäugeln, pah! ich weiß, was ich will, und werde mein eignes Vergnügen bedenken: ist er schön, gefällt er mir, wie sein ‚Weither‘, so gehorche ich, wie weit, das ist meine Sache.

Ich schaute, als ich die Treppe hinanstieg, in’s Gastzimmer, da war Alles auf das Beste hergerichtet; ein Wachslicht auf dem Leuchter und zwei Flaschen Wein, wenn sie in der Macht kämen. Als ich an das Fenster trat und in den Hof hinaus sah, bemerkte ich, daß man sehr gut in mein Stübchen im Seitenflügel blicken könne; also kann ich auch sein Fenster übersehen. Und nun rathe, Christelchen, warum ich nicht gleich her kam, um Dir Alles zu erzählen; rathe, was ich Wichtiges zu beschaffen hatte?“

Das stille, blonde Mädchen lächelte; „nun?“ fragte sie entgegen ohne sonderlichen Eifer.

Auguste ertrug die Ruhe der Freundin schwer:

„Rathen wirst Du es doch nicht, Du harmlose Taube!“ rief sie, „so wisse denn: ich kramte mein Zimmer um! Vor das bewußte Fenster trug ich mein Nähtischchen, auch das Spinnrad, Stuhl und Bank; ich schürzte die Vorhänge etwas höher, rieb die Scheiben klar, und ersah; mir eine Ecke, von der aus ich auch ungesehen hinüberspähen; konnte; dann nahm ich ‚Werther’s Leiden‘, sein himmlisches Buch, bei dem wir so oft süße Thronen weinten, und setzte mich, in Vorgefühlen schwelgend, auf den neuen Platz. Daß ich in dieser Nacht, wo er jeden Augenblick ankommen konnte, nur halb schlief, wirst Du begreifen! Endlich, als kaum der Tag graut, tönt ein Posthorn, ich höre das Knarren der schweren Hausthür, des Bruders Stimme auf dem Corridore, Thüren werden geschlagen, Koffer werden die Treppen herauf geschleift. Bebend vor Kälte und Erwartung stürze ich im Dunkeln an’s Fenster – da wird drüben das Zimmer hell – man hat Licht angezündet? –“

„Und Du hast ihn gesehen?“ rief Christel, sich rasch aufrichtend und mit flüchtigem Roth übergossen.

„Zwei Schatten habe ich gesehen, welche sich die Hände schüttelten, dann ging mein Bruder hinaus und die Treppe hinab nach seinem Zimmer; und nun kommt das Beste: er trat an das Fenster und sah sich um; aber das Licht stand hinter ihm, ich gewahrte nur eine Silhouette und auch die nur kurze Zeit und undeutlich, aber getrost, heute werde ich ihn ordentlich sehen! Christel, begreifst Du meine Freude? Mit ihm, dem Dichter des Werther, unter einem Dache!“

Es war schwer zu fragen, ob Christel begriff oder nicht; sie hatte die Arme über den Kopf gelegt, die großen blauen Augen mit träumerischem Ausdruck hinauf in die Falten des weißen Bettumhangs gerichtet. Als sie die Antwort schuldig blieb, wurde Auguste ungeduldig.

„Du bist stumm wie ein Fisch!“ rief sie, „warum sitze ich noch hier? Vielleicht kann ich ihn am Fenster sehen, es ist hell genug! Adieu mein kleiner Fisch, mein Goldfisch!“ fügte sie tändelnd hinzu, indem sie eine gelbblonde Locke der Freundin um den Finger rollte, rasch Christel’s weiße Stirn küßte und ebenso lebhaft, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer eilte.

Die Zurückbleibende machte keinen Versuch, ihren munteren Gast länger festzuhalten; unbeweglich lag sie da, wie geistesabwesend. Dieser seltsame Zustand hatte sich in ihrer Kindheit oft bis zur Erstarrung gesteigert; jetzt überfiel er sie mehr wie waches Träumen; Fühlen und Denken flossen in einander. Ein süßes unklares Schauen, dem sie sich nicht entreißen mochte, trug sie weit über alle Wirklichkeit hinaus, bis sie gewaltsam aufgerüttelt oder durch zufälliges Geräusch geweckt, wieder zu sich kam und verwundert, manchmal weinend um sich blickte.

Christine von Laßberg war die einzige Tochter des weimarischen Obersten Maximilian von Laßberg. Ihre Mutter, eine Schwedin, war bei der Geburt dieses jüngsten Kindes gestorben. Ihre Brüder, bedeutend älter als sie, hatten sobald wie möglich das Haus verlassen; der alte Oberst war als einer der tyrannischsten Hausväter bekannt, und deshalb fühlten sich die Kinder nicht wohl in der Heimath.

Nach dem Tode seiner leidenschaftlich geliebten Frau nahm er seine unverheirathete Schwester, Tante Barbara, in das Haus, eine vortreffliche alte Dame, welche mit der zärtlichsten Sorgfalt die schwache kleine Nichte aufzog. Anfänglich wollte der Oberst nichts von dem Töchterchen wissen; er hatte einen eigensinnigen Grimm auf das blasse Kind geworfen; nach und nach aber, als er bemerkte, wie ähnlich Christine ihrer schönen, blonden Mutter wurde, gewann er Theilnahme, ja eine stolze Freude, an dem Mädchen. Sie war jetzt siebenzehn Jahre alt und ohne alle Beschränkung aufgewachsen. Weder Vater noch Tante hinderten sie in ihren Neigungen, und harmlos genug waren ja dieselben.

Ihre Freundschaft mit Auguste von Kalb war mehr durch die Verhältnisse, als aus Uebereinstimmung entstanden. Die Häuser der Eltern lagen neben einander, ebenso die Gärten, letztere nur durch eine Stachelbeerhecke getrennt, in der das unbändige Gustchen, stets die Besuchende, manches Stück ihrer Kleidung hängen ließ. Sowohl der alte Kammerpräsident wie der Oberst waren zu hochmüthig oder zu eigensinnig gewesen, um eine Verbindungsthür herstellen zu lassen.

Sie waren Leute der alten Zeit; sie lebten in ihren abgesonderten engen Schneckenhäusern, aus denen sie kaum hervorkrochen, um sich an einem allgemeinen, öffentlichen Interesse zu sonnen. Die Nachbarschaft hatte dazu gedient ein gewisse Spannung zwischen den beiden Häusern zu bilden, welche ihre Nahrung in einem ähnlichen Streben und gehässigen Beobachtungen gefunden hatte. Der Kammerpräsident von Kalb war Excellenz und gründete darauf Ansprüche, welche dem alten, derben Haudegen Laßberg übertrieben vorkamen. Den Kalbs schien alles zu gelingen, während es bei Laßberg vielen Kummer und Verdruß gegeben hatte. Seine Frau war früh gestorben, seine Söhne hatten in Unfrieden das Haus verlassen; die Kalb’schen Söhne dagegen waren gut untergebracht; der jüngere, als Kammerjunker beim weimarischen Hof angestellt, hatte sich vor drei Jahren mit einer reichen Frau vermählt.

Wo man vergleicht, ist der Neid nicht fern; die beiden Herren waren echte Vergleichsbrüder; sie konnten eine Schaar vom Glück begünstigter Leute unbeneidet vorüber gehen sehen, sowie aber dem einen von ihnen Gutes geschah, wurde der andere verdrießlich. Bei dem alten, zeitweise unbeschäftigten Laßberg hatte sich nachgerade eine bittere Stimmung festgesetzt, welche in schlimmen Stunden den Groll über das Schicksal auf den Nachbar übertrug.

Am 3. September dieses Jahres 1775 war die Mündigkeitserklärung des neunzehnjährigen Karl August erfolgt. Die Herzogin Mutter hatte ihm freudig die Geschäfte der Regierung übergeben, sich selbst in das Privatleben zurückziehend. Ihr Einfluß auf den Sohn und ihre Sorge für denselben blieben aber unablässig rege. Sie glaubte den kräftigen, unbändigen Jüngling am leichtesten durch eine Heirath zu zähmen, und vermochte ihn, sich am 3. Oktober mit der reizenden Landgräfin Luise von Hessen-Darmstadt zu vermählen. Das junge Paar war seit vier Wochen in Weimar und der Hofstaat für dasselbe eingerichtet.

Anna Amalie hatte ihrer Schwiegertochter zwei junge schöne Hofdamen abgetreten, die anmuthige, neckische Adelaide von Waldner und die verständige Henriette von Wöllwarth; sie selbst war vorderhand ohne Gesellschaftsfräulein. Diese Stellung bei der allverehrten Herzogin wünschte Laßberg für seine Tochter.

Zufällig hatte Anna Amalie sich tadelnd gegen ihn über Auguste Kalb ausgesprochen und der Oberst die Gelegenheit ergriffen, nach einem väterlich bescheidenen Lobe der Tochter, Christel als Hofdame zu empfehlen. Er wagte sich offen mit seinen Wünschen hervor, da er jetzt wußte, daß „die gefallsüchtige Kalb“; nicht vorgezogen werden würde.

Die Herzogin hatte sich unbestimmt geäußert, Laßberg sah, daß alles auf einen persönlichen Eindruck der Tochter ankomme, und erbat sich die Ehre, sein Kind auf dem nächsten Ball der hohen Frau vorzuführen. Anna Amalie bewilligte diesen Wunsch freundlich. Seitdem gab es keinen andern Gedanken, kein anderes Gespräch im Hause des Obersten, als Christel’s Aussichten, als [375] den Festabend, als die vortreffliche Herzogin und den Putz des jungen Mädchens. Tante Barbara mußte natürlich ihr Pflegekind begleiten; sie war nie so geschäftig, so ängstlich bedacht auf die Mode, so freudig und unruhig zugleich gewesen.

Auch Christel dachte seit dem Morgenbesuch der geschwätzigen Freundin mit unbeschreiblicher Wonne und laut klopfendem Herzen an ihre Aussichten, und diese Gedanken waren es, welche sie in eine tiefe Träumerei versenkten.

Sie hatte seit einigen Jahren Bertuch’s Bilderbuch aus der Hand gelegt und statt dessen mit leidenschaftlich erregten Gefühlen „Götz von Berlichingen“ und jetzt „Die Leiden des jungen Werther“ gelesen.

Jetzt kam Er, der Schöpfer jener Gestalten, für die ihre empfängliche Seele glühte, Er, dessen Ruf schon jetzt die Jugend begeisterte und dem Alter ein bedenkliches, staunendes Kopfschütteln abnöthigte, Er, der Freund des Herzogs, Kalb’s geehrter Gast, der als „gefährlich“ geschilderte Hausgenosse der Freundin. Ein Meer von Gedanken, von Möglichkeiten, Ahnungen und Hoffnungen fluthete über sie herab. Sie sollte, sie mußte ihm begegnen, wenn sie vor der Herzogin auf dem Ball erschien.


2.

Bald nachdem Auguste Kalb von ihrem Besuch im Morgenzwielicht zurückgekehrt war, schritt, vom Fürstenhause über den Markt kommend, ein kräftiger junger Mann dem Hause des Kammerpräsidenten von Kalb zu.

Er war von mittlerer Größe und breitem, knochigem Bau, sein dunkelblondes Haar trug er an den Schläfen in zwei Locken gerollt, nach rückwärts mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden. Hell und fest blickte er um sich, und die kräftige Nase, sowie ein energisch geprägter Mund gaben dem Kopfe, trotz aller Jugend und aufblitzenden Leidenschaftlichkeit, etwas Fertiges, Charaktervolles. Ueber dem röthlich violetten Rock mit Stahlknöpfen, der Schooßweste und dem kurzen schwarzen Beinkleide trug er einen weiten dunkelblauen Mantel zum Schutz gegen das Schneestauben des Novembermorgens. In der Hand hielt der rüstig Zuschreitende eine Hetzpeitsche mit Hirschhorngriff, welche er, dann und wann einen Jagdpfiff ausstoßend, lustig über zwei ihn begleitende Rüden schwang, die allemal mit hohen Sprüngen lind kurzem Freudengebell antworteten.

Vor der Einfahrt des Kahl’schen Hauses angekommen blieb er stehen; mit vergnügtem Lächeln sah er den von Straßburg erwarteten Landauer Staatswagen an, in welchem diesen Morgen der Kammerjunker mit dem Gaste gekommen war.

„He Philipp!“ rief der Nahende, „bist Du auch mit da? Das ist schön, was macht Dein Herr?“

Die am Wagen beschäftigten Leute traten respektvoll zur Seite, der angeredete junge Diener kam mit dem Hute in der Hand heran.

„Ja, ja, glücklich angelangt, Durchlaucht!“ sagte er schmunzelnd. „Soll ich meinen Herrn Doctor holen? Er ist oben im Gastzimmer.“

„Laß nur, Philipp!“ rief der Herzog Karl August, denn er war’s, und die breite Treppe hinanspringend, öffnete er die Thür des ihm bezeichneten Gastzimmers und stürmte hinein.

Goethe trat ihm entgegen, leuchtende Freude im Antlitz – aber so groß war der Adel dieser Erscheinung, so herrlich die blühende Schönheit dieses Auserwählten unter den Menschen, daß der Herzog einen Augenblick wie gebannt stehen blieb, in Anschauen verloren.

Dann stürzte er auf ihn zu, ihn leidenschaftlich umarmend und ein Mal über das andere jubelnd: „Bist Du da? Habe ich Dich endlich in Weimar, mein Wolf! Mein einziger Freund!“

„Mein theurer, gnädiger Herr!“ entgegnete der Andere, „Sie kommen zu mir? Kalb versprach mir, mich zu Ihnen zu führen.“

„Glaubst Du, ich hätte darauf warten können, Herzensbruder? Gestern erhielt ich durch den Boten die Kunde Deines Kommens, heute laufe ich natürlich selbst her, um zu sehen, ob Du wirklich da bist. Wie wohl wird mir bei Deinem Anblick! Ich athme auf, und Pläne freudigen Lebensgenusses strömen mir zu. Ach, ich habe zu viel Hofluft ertragen müssen!“

„Ich glaubte, Eure Durchlaucht hätten über den Wonnen des Honigmondes alles Andere vergessen?“

„Vergessen, wohl gar Dich? Bleibe mir damit und mit Deiner Durchlaucht vom Halse! Hast Du vergessen, daß wir Brüder sein wollten? Denkst Du nicht mehr an den göttlichen Abend in Frankfurt? Leute, welche per Durchlaucht reden und mir Reverenzen schneiden, habe ich genug. Mich verlangt nach einem Genossen, einem Vertrauten, der nicht unter mir, nach einem Freunde, der neben mir steht, von dem ich gewinnen mag an Lebensfreude und –“ setzte er plötzlich ernst hinzu – „an Weisheit!“

„Mein Fürst!“

„Still! Sag’ Karl, oder ich verlasse Dich und gebe Dir eine Audienz im Kreise meiner stirnfaltenden Räthe.“

„Nun denn, Karl, warum der Spott: von mir Weisheit lernen zu wollen? Von mir, den man einen Ausbund jugendlicher Thorheiten, einen Tollkopf, einen Schwärmer nennt!“

„In Deiner Tollheit, Deiner Schwärmerei liegt Weisheit; die große Weisheit der Wahrheit und Naturwärme, die ich oft mit Diogenes’ Laterne suche und nicht finde.“

„Wie! Du vermissest Wahrheit und Wärme? Sei gerecht, Karl, ein Wort nur, einen Namen halte ich Dir entgegen – Luise!“

Eine flüchtige Röthe streifte die Stirn des Herzogs, und leise seufzend entgegnete er:

„Der Name sagt viel. Aber diese erste Stunde sei dem freudigen Willkommen geweiht! Reiche mir das Glas, schenk’ ein: ein Freudengruß Deinem Hiersein!“

Die Gläser klangen, sie schüttelten einander die Hände, und wie ein Willkommengruß von oben theilte plötzlich die Sonne Schneewolken und Morgennebel, glitzerte auf den letzten Flocken, die wie feines Silber in der Luft tanzten, und strahlte warm in das Zimmer und über die freudig bewegten Jünglinge.

Karl August ergriff zuerst wieder das Wort:

„Es verdrießt mich, daß ich Dich nicht bei mir aufnehmen kann. Du weißt, das Schloß ist vor vier Jahren abgebrannt, und wir sitzen mit Sack und Pack im Fürstenhause. Ganz oben die Kanzlei, meine Gemahlin in der Bel-Etage, unten Damen, Cavaliere, Dienerschaft, was weiß ich, wer alles. Ich habe meinen alten Hofmarschall Witzleben bis zum Verzweifeln gedrückt, daß er mir ein Quärtier für Dich schaffen soll, er windet sich wie ein Wurm und schwitzt vor Angst und Diensteifer, aber ein resoluter Kehraus wird nicht gehalten; so muß ich meinen Gast bei Andern unterstellen. Ich hoffe aber, Du sollst es nicht schlecht haben bei diesen Kalbs; sie sind abhängig von mir, eigennützig, und darum windelweich. Der Kammerjunker wird Dich wie einen jungen Gott tractirt haben? Aber er weiß auch warum! Dann giebt es hier eine Tochter im Hause –“

Goethe lächelte und sein feuriges Auge schweifte zum Fenster hinüber; der Herzog fing den Blick auf.

„Ah, das weißt Du, schon?“ rief er. „Gustchen wirft wohl gar Angeln aus, laß sehen!“

Lebhaft sprang er auf, der Freund folgte, und Beide spähten vorsichtig durch das Fenster.

Ein gar anmuthiges Bild zeigte sich ihnen. Vergoldet vom Sonnenschein, eingerahmt von weißen, bauschenden Vorhängen, neben sich in der Fensterbank ein blühendes feuerrothes Geranium, saß Gustchen Kalb, eine Näherei auf dem Schooße; sie ließ eben den blitzenden Fingerhut so eifrig auf der Scheerenspitze tanzen, als ob es nichts Interessanteres auf der Welt gäbe. Ihre runde Wange brannte, die Augen leuchteten in freudiger Erregung, denn sie hatte eben die lauschenden jungen Männer bemerkt.

„Gut gemacht!“ rief Karl August überrascht, „fürwahr ein schönes Bild! Wie wird meinem Dichter? Ich glaube, sein Quartier gefällt ihm schon.“

Goethe zog den Freund vom Fenster zurück.

„Das Mädchen ist reizend,“ sagte er warm, „der erste Eindruck könnte nicht günstiger sein; was werde ich unter der schönen Hülle finden?“

Der Herzog lachte und zuckte die Achseln.

„Du wirst sehen und – siegen!“ rief er mit komischem Pathos; „aber jetzt zu etwas Anderem. Ich möchte Dich bald einführen, Dir’s wohnlich bei uns machen; Du mußt Menschen und Verhältnisse kennen lernen. Da ist vor allen Dingen meine Mutter. Ich gestehe Dir, daß sie eine kleine Pique auf Dich hat, weil Du gegen unsern alten Wieland Deine stachligen Verse losgelassen hast; aber sie ist versöhnlich, alles Große, Edle zieht sie an, steht mit ihrer herrlichen Natur in harmonischer Wechselwirkung. [376] Du wirst sie kennen und verehren lernen, wie ich es thue; zu ihr führe ich Dich bald. Meine Frau hast Du gesehen –“ Karl August stockte.

„Und bewundert!“’fügte Goethe hinzu. „Die Herzogin ist die reizendste, anmuthigste Dame, die ich kenne.“

„Später von ihr!“ rief der Herzog ungeduldig, „sehen sollst Du sie auch; wen kennst Du sonst noch hier? Ah, meinen Exmentor Görtz; der Graf möchte gern Luisens Oberhofmeister werden, aber ich habe vor der Hand der Schranzen genug. Auch meinen Bruder Constantin kennst Du; er ist und bleibt der weiche, schwärmerische Gemüthsmensch, dabei aber eigensinnig und sehr bestimmt für seine achtzehn Jahre. Eine zärtliche Neigung ist auch schon bei ihm eingezogen. Caroline von Ilten heißt seine Schöne, ein sechszehnjähriges blondes Kind, aber doch erwachsen genug, um die Liebe und Aufmerksamkeit des Prinzen mit leidlicher Grazie entgegen zu nehmen. Constantin wohnt mit seinem biederen Knebel, der noch als Hofmeister fungirt, in Tiefurt, kaum eine Stunde von hier. Was möchtest Du sonst von Weimar und seinen Menschen wissen, ehe ich Dich hinaus führe?

Goethe zögerte dann sagte er:

„Ich sah bei einem Doctor Zimmermann, den ich mit Lavater in Straßburg traf, unter vielen Silhouetten, die wir beurtheilten, diejenige einer jungen Man aus den hiesigen Hofkreisen. Das Gesicht hatte, trotz der Unvollkommenheit des Bildes, einen so entzückenden Ausdruck von Liebe und Güte, daß es sich mir unauslöschlich einprägte; ja es verfolgte mich, und ich träumte mehrere Nächte nach einander von dieser Frau. Ein Gesicht, das, sanft und zärtlich im Ausdruck, die Welt klar sieht wie sie ist, aber stets durch’s Medium der Liebe. Von ihr mochte ich hören, sie kennen lernen!“

„Und wer ist es? Wie heißt sie?“ fragte der Herzog gespannt.

„Es ist die Frau des Oberstallmeisters von Stein, geborene von Schardt.“

„Wie! Die Stein? Lottchen Schardt?“ rief Karl August überrascht.

Goethe erschrak. „Habe ich mich geirrt, verdient sie meine Bewunderung nicht?

Der Herzog entgegnete ernst:

„Die wird allgemein verehrt; Männer und Weiber nennen sie die bedeutendste Frau unseres Kreises, und gewiß haben sie Recht; für mich ist sie zu ruhig und – erschrick nicht, Freund – zu alt! Das ist ein abscheulicher Fehler, der täglich schlimmer wird!“

Goethe lächelte. „Vielleicht findet man doch nur bei einem gewissen Alter reifen, seelischen Reiz. In welchen Verhältnissen lebt die Dame?“

„Die Dame war lange Hofdame meiner Mutter, dann heirathete sie vor jetzt vierzehn Jahren den Oberstallmeister. Drei ihrer Kinder leben, sie muß dreiunddreißig Jahre alt sein; schön war sie wohl nie, aber es fehlt ihr nicht an Anmuth. Ihr Wesen hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Gesunder Verstand, Wahrheit und Gefühl sprechen aus jedem ihrer Worte, dabei ist sie graziös und freundlich, von tadellosem Tacte und immer gleich an Milde und ruhiger Würde.“

„So habe ich sie mir gedacht!“ rief der junge Dichter mit von Freude und Begeisterung strahlenden Blicken. „Ich brenne vor Verlangen, sie zu sehen! Wo kann ich sie finden?“

„Gemach!“ rief der Herzog. „Steins sind auf ihrem Gute Kochberg, näher bei Rudolstadt als bei Weimar, kaum in vier oder fünf Stunden zu erreichen. Gegen Weihnachten kommen sie zu uns. Neulich waren sie hier, um Luisen vorgestellt zu werden, da habe ich ihre Rückkehr mit dem Oberstallmeister besprochen; bist Du aber gar zu ungeduldig, so will ich in den nächsten Tagen mit Dir hinüber reiten. Laß sehen, heute haben wir Dienstag; am Freitag ist der erste Ball im Stadthause, da dürfen wir nicht fehlen; aber am Sonntag können wir frühzeitig zu ihnen reiten. Stein ist immer begierig, mir seine jungen Pferde zu zeigen, dann hast Du die Frau allein; gelegentlich hoffe ich auf einen Gegendienst von Deiner Seite“ – der Herzog hatte die letzten Worte mit einem verlegen schelmischen Ausdruck vorgebracht, welcher Goethe stutzig machte; er wollte eben eine Frage anknüpfen, als die Thür bescheiden geöffnet wurde und Philipp’s intelligentes Gesicht hereinschaute.

„Der Kammerjunker von Kalb wünscht meinen Herrn Doctor zu besuchen,“ sagte er.

Goethe sah den Herzog an; „soll uns recht sein!“ rief derselbe. Der Kammerjunker trat ein. Er war ein gut aussehender Mann in der Mitte der Zwanzig; nicht ganz so feurig und frisch wie die Schwester, sah er ihr hoch ähnlich, nur war ihre kecke Selbstgefälligkeit bei ihm hinter schlauer Zurückhaltung versteckt.

Sein Anzug war mit Sorgfalt gewählt, sein Kopf wohl frisirt und gepudert und sein Benehmen so respektvoll wie möglich.

Nachdem er dem Herzoge mehrere tiefe Verbeugungen gemacht hatte, welche derselbe mit einem raschen: „Guten Morgen, Kalb!“ und kurzem Kopfnicken beantwortete, wandte er sich an den Gast, ihm eine wohlgesetzte Begrüßungsrede des Kammerpräsidenten, seines Vaters, überbringend, welche mit der Bitte schloß, ganz und gar über hie Kräfte des Hauses verfügen und bestimmen zu wollen, wen man zum Diener einladen solle.

Er hatte noch nicht ganz geendet, als der Herzog rasch einfiel. „Mich vor allen Dingen! Ich will einmal gemüthlich außer dem Hause essen; dann könnt Ihr den Hofrath Wieland, meinen freundlichen Hildebrand von Einsiedel, Bertuch, Oberforstmeister von Wedel, Musäus –“

Halb mitleidig, halb lachend sah Goethe, wie bei Aufzählung der Namen welche kein Ende nehmen wollten, das Gesicht des Kammerjunkers immer länger und betretener wurde; er fiel also dem Herzoge, der in seiner heiteren Laune nichts bemerkte, in die Rede und sagte:

„Ich möchte mich, wenn Eure Durchlaucht nichts dagegen haben, vor allen Dingen dem Hausherrn präsentiren.“

Karl August erklärte sich einverstanden; er gebot dem Kammerjunker voran zu gehen und sie anzumelden; Kalb eilte fort.

„Wir wollen uns einen ungebunden lustigen Mittag machen, lieber Junge!“ sagte der Herzog, des Freundes Arm ergreifend. „Und nun komm, der alte Perrückenstock wird sehnlichst unser harren!“

[389] Die Familie saß in zwangloser Weise beim Frühstück, und ein allgemeiner fluchtartiger Aufstand, durch des Bruders Meldung veranlaßt, brachte diesen in große Verlegenheit.

Der alte Kammerpräsident, aus dem Kanapee aufgescheucht, entfloh mit flatterndem Schlafrock um die Ecke in die Thür eines Nebenzimmers. Er zerbrach im Verschwinden seine Thonpfeife, die funkensprühend in das Zimmer zurückflog. Seine Gemahlin, ebenso nachlässig gekleidet und mit einer Filetarbeit an der Decke des Frühstückstisches beschäftigt, brachte ein bedenkliches Klirren und Schwanken des Geschirrs hervor, der Milchtopf fiel um und ergoß seinen Inhalt; ein wohlgenährter Mops saß zornig aufrecht und kläffte wüthend die Ruhestörer an. Gustchen hielt, was zu halten war, drückte dann die Mutter wieder in ihre Ecke und hüllte sie in eine Mantille. Zur Seite wurde eine zweite Frühstücksstunde gestört, die Frau Leonore Kalb ihrem Kindchen bereitete; die junge Mutter beschäftigte sich erröthend mit ihrem Anzuge, während das kleine Wesen schreiend und zappelnd die Fortsetzung des Mahls begehrte.

Fürst und Dichter traten lächelnd unter diese Gruppen. Nach und nach beruhigten sich Lärm und Aufstand.

Die Kammerpräsidentin empfing den Besuch mit rasch wiedergewonnenem Anstande; Frau Leonore entfloh mit ihrem Kleinen; der Mops leckte die Milch, und Gustchen sowie der Bruder unterstützten die Mutter in höflichen Formen und artigen Reden.

Nach einiger Zeit kam auch der Vater in gewählterem Anzuge, doch mit aufgeregtem Schwenken des Haarbeutels wieder zum Vorschein; er suchte mit einer Menge unterthäniger Floskeln den vorhergehenden Eindruck gut zu machen und die geehrten Gäste von ihrem Werth und der ebenso unwürdigen wie zerknirschten Persönlichkeit ihres submissest ersterbenden Wirths zu überzeugen. Karl August’s frische Natürlichkeit ertrug dergleichen nicht lange; er fuhr kurz dazwischen und sagte, was er von seinen „unterthänigsten Knechten“ wollte.

„Sie müssen mir den Doctor gut halten, Präsident!“ sprach er bestimmt. „Sie müssen ihm nach Kräften unser Weimar angenehm machen. Er muß sich frei bewegen, thun und lassen können, was er mag; geben Sie ihm einen Hausschlüssel und die Kost auf seinem Zimmer, wenn er es befiehlt. Wünscht er Ihre Gesellschaft, so wird er zu Ihnen kommen; größtentheils wird er wohl bei mir im Fürstenhause sein. Diesen Mittag essen wir bei Ihnen; – Ihr Sohn sagt, daß Sie eingerichtet sind,“ fügte er freundlich zur Hausfrau gewandt hinzu – „und die Damen werden sich hoffentlich nicht ausschließen! Wir werden dann auch Ihre Frau begrüßen, Kammerjunker, die wir diesen Morgen in den süßesten Pflichten störten, und wollen munter und guter Dinge zusammen sein. Einige Winke, wen ich gern hier sehen würde, habe ich schon fallen lassen.“

Mit diesen Worten stand er auf. Alles folgte seinem Beispiele; Goethe brach eine halblaute neckische Unterhaltung mit seiner reizenden Nachbarin ab, um gleichfalls dem Kammerpräsidenten und seiner Gemahlin einige Worte zu sagen, während der Herzog sich jetzt Augusten nahte:

„Ich glaube, Frau von Werthern geborene Münchhausen ist eine gute Freundin von Ihnen?“

Gustchen sah erstaunt zu ihm auf; er aber fuhr eilig fort:

„Es freut Sie gewiß, die schöne Frau einmal zu sich einzuladen, und es würde mir angenehm sein, Ihre Freundin am heutigen Mittage hier zu sehen; gehen Sie gleich selbst zu ihr, dann wird sie gewiß kommen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich rasch um und ging. – Karl August und Goethe verließen bald darauf das Haus, um sich nach dem Witthums-Palais zur Herzogin Anna Amalie zu begeben, welche der Herzog gern für den Freund gewinnen wollte.



3.

Der alte Oberkämmerer von Göchhausen galt für den wunderlichsten Sonderling in ganz Weimar. Unverheirathet, wohlhabend, in seiner Jugend kränklich, hatte er eine ängstliche Selbstpflege, einen Cultus der Gewohnheit und Regelmäßigkeit sich zur Lebensaufgabe gemacht. Was nicht in nächster Beziehung zu seiner Person stand, existirte für ihn nicht. Er besaß ein eignes Haus an der Breiten Gasse, wo er mit Ursula, seiner Wirthschafterin, und Rohrmann, seinem Bedienten, seit etwa zwanzig Jahren in immer gleicher Weise lebte, sich auch einbildete, nie anders leben zu können. Seine Geschäfte nahmen wenig Zeit in Anspruch. Die Acten wurden jeden Morgen Rohrmann überantwortet und jeden Abend wieder abgeholt; nur einmal in der Woche mußte er in die Kanzlei, um dem Herzoge Bericht abzustatten und seine Befehle entgegen zu nehmen. Wenn er zu Hofgesellschaften befohlen wurde, ging er hin, denn er hätte es der Würde eines [390] Barons Louis Wilhelm von Göchhausen durchaus unangemessen gefunden, nicht bei Hof zu erscheinen; dies waren aber auch die einzigen Gelegenheiten für ihn, mit Menschen zu verkehren.

Außerdem widmete er den ganzen Tag seinen beiden einzigen Leidenschaften: der Ordnungsliebe und der Reinlichkeit, Tugenden, welche in seiner Uebertreibung Untugenden wurden und neben einer großen Sparsamkeit ihn ganz beherrschten.

Es konnte keine Tageseintheilung regelmäßiger sein als die des Oberkämmerers. Rohrmann erschien im Winter und Sommer um sechs Uhr, trug auf einem Teller ein Glas Wasser und sagte: „Guten Morgen, Herr Baron, es ist Aufstehenszeit!“

Dann erhob sich Herr von Göchhausen, trat unbedingt mit dem rechten Fuße zuerst auf die Erde, hustete dreimal – er wäre lieber erstickt, als daß er es sich ein viertes Mal gestattet hätte – und nahm den Schlafrock. Nun wurde der ganze Mann in möglichst gründlicher Weise gewaschen, gebürstet, gebadet, gerieben und abgespült. Dann legte er silbergraue Beinkleider, feine Strümpfe und Schuhe an, eine graue langschößige Weste, folgte, wohlgefältelte breite Jabots, ein steifes weißes Halstuch bis dicht unter die Ohren reichend, sodaß sich der kleine Kopf kaum wenden konnte; ein gleichfalls silbergrauer Rock mit breiten Taschen und glänzenden Knöpfen vervollständigte den Anzug, welchen eine gepuderte Perrücke mit zierlichem Zopf und großen Seitenlocken, sowie ein betreßter dreieckiger Hut krönte. Dann nahm der Baron seinen hohen Stock mit silbernem Knopf und schritt der Hausthür zu, um Punkt acht Uhr auf die Breite Gasse hinaus zu treten und seine erste Morgenpromenade zu beginnen. Auch die Promenade hatte ihren gewiesenen Weg und ihr ganz bestimmtes Ziel, das war die kleine Schleuse am Schwansee, auf welche er dreimal mit dem Stocke schlug und, wie nahe Arbeiter gehört haben wollten, dazu sprach: „Baron Louis Wilhelm von Göchhausen ist dagewesen!“ Dann wandte er sich und kehrte nach seinem Hause zurück. Frau Ursula hatte jetzt eine Milchsuppe und einige Schnitte Weizenbrod bereit, die er mit besonderen Feierlichkeiten genoß.

War der Tag in strengster Gleichmäßigkeit hingebracht, so erschien Abends neun Uhr Rohrmann wieder mit einem Glase Wasser und sagte: „Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!“ – Worauf der Oberkämmerer sich sofort erhob und unter dem Beistande seines Dieners das Lager suchte.

In diese wohlgeordnete Häuslichkeit paßte ein fremdes-Element sehr heilig, und doch war es dem alten Herrn beschieden, ein solches bei sich aufzunehmen.

Es war etwa etliche Tage vor Goethe’s Ankunft in Weimar, als der Baron Göchhausen ungewöhnlich erregt in seinem Arbeitsstübchen auf und ab schritt. Er hielt die Bewegung zu dieser Stunde für ungesund und zürnte sich selbst deshalb, noch mehr aber der Veranlassung seiner Unruhe.

„Es geht nicht! Es geht nicht, und es geht nicht!“ murmelte er auf- und abschreitend in verschiedener Betonung vor sich hin. „Seit ihr Brief da ist, Wallungen, Unruhe, Zerstreutheit; wie soll das werden? Es reibt mich auf! – Selbsterhaltung – Nothwehr! O ihr schrecklichen Weiber! Und in einer halben Stunde!“ seufzte er stehen bleibend, die Stirn trocknend und den Blick mit verzweifelndem Ausdruck auf eine dicke silberne Taschenuhr, welche an seinem Schreibtisch hing, richtend, die eben halb acht wies. Einen Augenblick nur zögerte er noch, dann setzte er sich an den Tisch, ergriff einen langen Gänsekiel und begann zu schreiben.

„Ich werde ihr sagen,“ murmelte er, „daß meine Gesundheit mir verbietet, Besuch zu empfangen, daß sie Mitleid haben soll mit einem leidenden Greise, daß ich sie anflehe, mir den Embarras nicht aufzuladen; mit diesem Briefe schicke ich Rohrmann zur Post.“

Das Billet war gefaltet, der alte Herr klingelte und Rohrmann’s große knochige Gestalt erschien in der Thür; der Versuch eines Lächelns erhellte das pergamentartige Gesicht, als sein Herr voll überredender Güte zu ihm sprach:

„Seh Er diesen Brief, Rohrmann, derselbe muß in die Hand eines jungen Frauenzimmers gelangen, das um acht Uhr mit der Gothaischen Post ankommt. Sie will uns besuchen, heißt Luise von Göchhausen, und Er weiß selbst, Rohrmann, “ fügte er, seine, schwimmenden Aeuglein mit kläglichem Ausdruck nach oben kehrend, hinzu, „daß ich zu leidend bin, um Damenbesuch anzunehmen; wende Er also diese Incommodität von Seinem armen Herrn, und sag Er der Person mündlich, daß sie partout wieder abreisen müsse!“

Rohrmann verschwand und der Baron athmete erleichtert auf. Er begann wieder ruhig und behaglich zu werden, konnte still sitzen, schob die Feder hinter das Ohr und studirte jetzt, da er die Gefahr als beseitigt ansah, mit Muße zwei vor ihm liegende Papiere. Der Anmeldebrief seiner Nichte lautete:

„Karlsruhe, den 15. Oktober 1775.

      Theurer Oheim, Vormund und Gevatter!

Es hat sich in dieser mit Gott hinschleichenden Zeit begeben, daß Ihrer submissest Unterzeichneten Nichte – wie Einliegendes ausweist“ – der Stuhl vor die Thür gesetzt worden. Selbige schaut sich um in der weiten Welt und gewahrt, daß ihr verehrter Oheim in Weimar der Einzige ist, welcher gegründete Ansprüche, an ihre Person zu erheben hat. In edlem Gerechtigkeitseifer und nach dem Spruch: gebt Jedem das Seine! ist sie entschlossen, ihr Dasein dem Wohl und Penchant des ihr unbekannten, aber verehrten Herrn zu widmen.

Morgen verlasse ich Karlsruhe – das keine Ruhe mehr für mich bietet – am zweiten November mit der Gothaischen Post in Weimar anzukommen! – Bis dahin Geduld, o Sehnsucht!

Ergebenst und gehorsamst, cher oncle, Ihre devoteste

Luise von Göchhausen.“

„Das muß ein übermüthiger Satan sein,“ murmelte der alte Herr, nachdem er den Brief wieder gelesen hatte, dann nahm er das zweite Schreiben vor; es war ein großes mit markgräflichem Siegel versehenes Document und enthielt die Entlassung der Hofdame Luise von Göchhausen aus dem Dienste Ihrer Durchlaucht der Frau Markgräfin von Baden.

„Was mag sie nur für kniffliche Sachen angezettelt haben?“ fragte sich der alte Herr kopfschüttelnd. „Eine solche Hexe sich in’s Haus nehmen, brrr!“

In diesem Augenblicke ging unten die Glocke der Hausthür; „Rohrmann schon wieder da?“ dachte der Baron erstaunt und lauschte. Leichte Schritte eilten die Treppe herauf; der Oberkämmerer erbleichte, ein Zittern befiel ihn, ängstlich blickte er auf die Thür – sie wurde geöffnet und herein trat ein rasches kleines Frauenzimmer.

Sie war es! Die unabwendbare, gefürchtete Nichte, Luise von Göchhausen stand vor ihm. Und wie! Spöttischen Ernst in den geistreichen Augen, ein ironisches Lächeln um den großen Mund auf dem leichtgepuderten Haare einen weißen Musselinhut und über den braunen Reiserock ein grasgrünes Mäntelchen geworfen. Die ganze kleine Gestalt, etwas verwachsen, schien zu sagen: ja, sieh mich nur an! übersehen sollst Du mich nicht!

„Da bin ich, cher oncle!“ rief sie munter und griff nach seiner Hand, um sie zu küssen.

„Hast Du meinen Brief nicht bekommen?“ stotterte er.

„Gewiß, mein theurer Oheim!“ entgegnete das junge Mädchen, „und sein Inhalt beflügelte meine Schritte; den Leidenden zu pflegen, zu unterhalten, wird meine künftige Lebensaufgabe sein!“

Ein Schauder überlief den Oberkämmerer. „Ich kann das nicht acceptiren,“ sagte er nach Festigkeit ringend.

Luise trat zurück. „Warum nicht?“ fragte sie.

„Weil, weil –“ stammelte er, „weil ich Dich nicht kenne – und –“

„Nicht kenne?“ betonte sie scharf; ein tiefer, trauriger Ernst sank wie ein Schleier über das lustige Gesicht „Der einzige Bruder meines Vaters, mein Vormund, mein Pathe kennt mich nicht? Großer Gott, wer kennt mich denn? Dann bin ich ganz allein und verlassen auf der Welt!“

Eine augenblickliche Pause trat ein; dem alten Baron brach der Schweiß aus, es erschreckte ihn furchtbar, daß er für ein Wesen außer sich sorgen solle, ja vielleicht Theilnahme dafür gewinnen könne. Er wollte diesen ersten selbstlosen Anwandlungen entfliehen und polterte heraus:

„Warum macht Sie unnütze Streiche? Warum wird Sie fortgejagt?“

Wie Sonnenschein flog es bei diesen Worten über die Züge des Mädchens.

„Es war ein sehr guter Spaß, cher oncle,“ sagte sie, ein Auflachen kaum unterdrückend. „Um Vieles möchte ich den nicht ungeschehen machen!“

„So trag’ die. Folgen!“

[391] „Ich muß wohl.“

„Ich weiß nicht, was Du beginnen willst, denn in meinem Hause ist kein convenabler Aufenthalt für Dich. Du kannst ja nach Frankreich zu den Verwandten Deiner Mutter gehen.“ Aufathmend nach diesem Auskunstsmittel ließ er sich wieder in seinen Sessel vor dem Schreibtische gleiten.

Luise hockte zu seinen Füßen, auf einem Actenkasten und sagte: „Wie ist es möglich, daß mein Oheim von dem Ableben aller jener Verwandten nichts weiß?“

„Ein Sachwalter hat Dein kleines Vermögen unter Händen – an ihn schickte ich Alles, was von Dir einlief, nur Deinen letzten Brief bekam ich von ihm zurück,“ stotterte er.

Sie sah ihn verächtlich an. „Gut!“ sprach sie endlich ernsthaft, „kann ich nicht bei Ihnen bleiben, so, muß ich mich allein durchschlagen. Die Straße, in welcher Sie wohnen, hat mir gefallen, es wird irgendwo, etwa gegenüber, ein Zimmerchen zu vermiethen sein; dahin ziehe ich und arbeite, weil ich sonst kein Brod habe; ich werde Putzmacherin und schaffe mir ein Schild an, auf dem mit großen Buchstaben zu lesen ist: Luise von Göchhausen, Nichte, Mündel und Pathe des Herrn Barons Oberkämmerer von Göchhausen, bittet um gütigen Zuspruch als – Putzmacherin!“

Empfindlicher hätte sie ihn nicht treffen können; seinen Namen preisgeben, das vertrug er nicht! Er putzte das Licht und wandte es, um ihr Gesicht anzusehen: ob sie ihren Vorschlag ernstlich gemeint habe. Er saß da in seinem abendlichen grauen Ueberwurfe, mit den dicken Locken, den hervortretenden Augen und der langen Schreibfeder hinter dem Ohre, wie ein grau bestaubter Käfer, der prüfend sein Fühlhorn ausstreckt.

Sie dagegen glich mit ihrer kleinen, kecken Gestalt und in ihrem grünen Mäntelchen einer lustig zirpenden Grille.

„Oder,“ fuhr sie unbekümmert fort, „wenn es hier einen Hofbäcker giebt, könnte ich in seinem Laden verkaufen; vielleicht würde das seine Kundschaft vergrößern!“

Dem Baron Und Oberkämmerer schauderte es. Er rieb sich die Stirn und rang seine wohlgepflegten Hände. Sie ließ ihn, mit lachenden Seitenblicken, in selbstgeschaffenen Leiden zappeln.

Endlich sagte er_ „Mir geht ein Licht auf; eine wahre Inspiration! Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin Wittwe hat die bisherigen Hofdamen der jungen Herzogin Luise abgetreten und sieht sich nach einem Gesellschaftsfräulein um. Wenn ich meinen Einfluß aufbiete, hoffe ich Dir die Préférence zu verschaffen!“

Luisen gefiel dieser Vorschlag. Der Ruf der Herzogin Anna Amalia, als einer muntern und geistvollen Dame, war nach Karlsruhe gedrungen, und die Verhältnisse des weimarischen Hofes waren in den dortigen Kreisen oft besprochen; ja, sie hatte die jungen Herrschaften, Karl August und Luise, schon im Herbste dort gesehen. Eine Stellung bei der Herzogin sagte ihr allerdings besser zu, als der Aufenthalt im Hause des ungastlichen Oheims.

„Sie denken, daß es möglich wäre, Onkel?“ fragte sie rasch.

„Ja, ja!“ versetzte er, sein Haupt schüttelnd, soweit die hohe Cravatte dies zuließ. „Wenn nur nicht – dieser Abschied – Deine Bêtisen! Davon darfst Du nicht sprechen. Der Herzogin werde ich sagen, ich habe Dich aus väterlicher Attention aus dem badenschen Dienstverhältnisse enlevirt; so giebt es für uns Beide mehr Lüstre.“

Das junge Mädchen lächelte fein. In diesem Augenblicke schlug es von der Stadtkirche neun Uhr, und gleich darauf trat Rohrmann mit dem Glase Wasser und der allabendlichen Rede: „Gute Nacht, Herr Baron, es ist Schlafenszeit!“ in das Zimmer.

Der kleine Oberkämmerer fuhr wie von einer Wespe gestochen empor; hatte er kurze Zeit seiner Nichte einige Theilnahme zugewandt, so war er jetzt wieder der alte pedantische Egoist.

„Gute Nacht! Gute Nacht!“ rief er forteilend seiner Nichte zu;


4.

Das Gastmahl im Hause des Kammerpräsidenten von Kalb nahm einen sehr befriedigenden Verlauf.

Mit dem Aufwande aller zu Gebote stehenden Mittel war im besten Zimmer die Tafel hergerichtet. Die Kammerpräsidentin hatte mit ihrer Schwiegertochter die nöthigen Küchenanweisungen gegeben und die Dienerschaft angeleitet, während Gustchen für eine gefällige Außenseite und den Schmuck des Ganzen sorgte. Jeder grüne Zweig, den der November noch im Garten gelassen hatte, fiel unter ihrer Scheere, ja sie entäußerte sich sogar einiger Blüthen ihres dunkelrothen Geraniums, um zierliche Sträuße für den Herzog und Goethe zu binden, und gab sich dabei der Hoffnung hin, einen, vielleicht beide Sträuße zu sich zurückkehren zu sehen.

Die gewünschten Gäste waren alle erschienen. Der Herzog hatte seinen Platz neben der Frau vom Hause und der jungen und reizenden Frau von Werthern, die, auf seinen Wunsch von Augusten eingeladen, mit Freuden gekommen war.

Emilie von Werthern, gewöhnlich Milli genannt, war mittelgroß und zart gebaut, ihr lebhaftes, blitzendes Auge, die dunkle, feingezeichnete Braue, die kleine gebogene Nase, der zarte, leidenschaftlich zuckende Mund, das rasch wechselnde Farben- und Mienenspiel machten ein höchst anziehendes Ganze. Man nannte sie kokett und tadelte ihr Suchen und Haschen nach jedem Vergnügen; doch ließ sich zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie mit einem viel älteren, rohen Manne verheirathet und kinderlos war. Ihrer ganzen Anlage nach eine echte Enthusiastin, schien sie zu Allem fähig, wenn ihr Gefühl angeregt wurde. Für und wider Partei nehmend, auflodernd, bebend und jubelnd, liebeselig sich, anschmiegend, war sie zugleich schwankend in ihren Neigungen, zaghaft und zusammensinkend wie ein verlöschendes Strohfeuer. Eine solche Frau übte eine große Anziehungskraft auf den jungen, lebhaften Herzog. Auch dem heutigen Mittage brach die Unterhaltung zwischen den Beiden selten ab.

Dem Herzoge gegenüber saß Goethe zwischen Gustchen Kalb und Wieland. Auguste hatte sich glänzende Erfolge von dem heutigen Mittage versprochen, es blieb aber bei einigen flüchtigen Artigkeiten von Goethe’s Seite, und sie war genöthigt, sich mit den ihr verehrten rothen Geranien zu begnügen oder ihrem andern Nachbar, dem Oberforstmeister von Wedel, ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Goethe’s Theilnahme wurde durch die Bekanntschaft mit Wieland in Anspruch genommen. Obgleich beide Männer im Alter, in der äußeren Erscheinung, im Denken und Leben durchaus verschieden waren, auch schon auf dem literarischen Kriegsfuß gestanden hatten – so fanden sie Beide bei diesem ersten persönlichen Zusammentreffen doch, so viele gleiche Interessen, daß sie sich eifrig mit einander beschäftigten.

Der Hofrath Wieland zählte damals zweiundvierzig Jahre, seine zarte Gestalt, das Saubere, Wohlgepflegte der ganzen Erscheinung hatte ihm den Beinamen „die zierliche Jungfrau“ erworben, ein Titel, auf den er einigen Werth legte. Seit drei Jahren von der Herzogin Mutter nach Weimar berufen, hatte er unter Aufsicht des Grafen Görtz die Erziehung Karl August’s geleitet. Er galt wegen seiner heiteren Milde, seiner freundlichen Herzensgüte und auch als achtbarer Vater einer zahlreichen Familie bei seinem Zöglinge und besonders bei der Herzogin Anna Amalie außerordentlich viel. Man schätzte ihn als Menschen und Dichter gleich hoch und hatte den gegen ihn gerichteten Angriff Goethe’s dem jüngeren Manne übel genommen.

Wieland gegenüber, an der andern Seite der Frau von Werthern, saß der junge Hildebrand von Einsiedel, im Pageninstitute zu Weimar erzogen, seit vier Wochen aber vom Herzoge zum Hofrath ernannt. Welch ein feines, träumerisches Gesicht! welch ein Ausdruck poetischer Versunkenheit in den tiefen, dunklen Augen! Welch zierlich anmuthige Gestalt mit nachlässiger Haltung! Zerstreut spielten seine Finger mit einigen Brodkrumen oder bogen die herabhängenden Enden seiner weißen, spitzenbesetzten Cravatte in kleine Falten. Seine künstlerische Begabung war nicht unbedeutend; er liebte leidenschaftlich die Musik, spielte Violoncell mit Meisterschaft, componirte und sang, auch versuchte er sich in der Poesie, fertigte Gelegenheitsgedichte und dramatische Sachen. Die Bekanntschaft mit dem vielbesprochenen Goethe interessirte ihn, und er folgte mit großer Aufmerksamkeit der Unterhaltung ihm gegenüber.

Neben Einsiedel auf der andern Seite saß der Pagenhofmeister Musäus, jetzt Professor am Gymnasium. Ein vierzigjähriger, heiterer, harmloser Mann, aller Uebertreibung und Gefühlsschwelgerei abgeneigt; er hatte Mancherlei geschrieben und beschäftigte sich jetzt damit, die Volksmärchen der Deutschen zu sammeln und auf seine Art zu überarbeiten. Lebhaft betheiligte er sich an den literarischen Streitfragen und polemisirte eifrig gegen Lavater, dessen Lehren damals die Gemüther beherrschten und auch in Weimar enthusiastische Anhänger fanden.

[394] Endlich wurde das Mahl aufgehoben Und darauf die Unterhaltung in Gruppen vertraulich weiter geführt.

Der Herzog sprach noch, an einem Fenster stehend, mit Frau von Werthern, als Wieland mit gerötheten Wangen und begeistert blitzenden Augen uu ihnen herantrat.

„Welch ein Mensch!“ rief er lebhaft. „O mein theurer gnädiger Herr! Was soll ich Ihnen sagen? Wie ganz dieser Wolfgang beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn bin, seit ich mit diesem herrlichen Jünglinge geredet habe! Ja, meine Seele ist seit dem heutigen Mittage so voll von Goethe, wie ein Thautropfen von der Morgensonne!“

Karl August lächelte vergnügt.

„So ist es recht, mein alter Mentor,“ entgegnete er. „Liebt Euch, vertragt Euch und laßt mich mit in Eurer Liebe froh sein!“

Goethe trat in den Garten hinaus; es wurde ihm – umringt von dem jubelnden, aufgeregten Kreise, als dessen Mittelpunkt er sich fühlen mußte – zu eng und warm im Saal.

Gustchen Kalb huschte mit einem Gluthblick an ihm vorüber. Draußen schien es den beiden Erhitzten milder geworden zu sein.

Einladend lag der Garten da, beglänzt von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne. Das Bosquet war durchsichtige kahl; rothe und gelbe Blätter flatterten an den Zweigen oder tanzten im Luftzuge auf dem Rasen.

Goethe fühlte, daß er seine hübsche Nachbarin während des Mittagsessens vernachlässigt habe, und deshalb folgte er ihr rasch.

Nach wenigen Schritten hatte er sie eingeholt und fragte jetzt geschickt das Blatt wendend: warum sie ihn fliehe?

Das junge Mädchen entgegnete schmollend: „O, um Ihnen nicht lästig zu werden!“

Sie sah recht frisch und anziehend aus in diesem Augenblicke, mit dem verdrießlich schelmischen Zug um den vollen Mund und dem unter gesenkten Wimpern hervorblitzenden Auge.

Goethe lachte und antwortete: „Soll man Ihnen glauben, daß Sie sich dieses zutrauen? Ich will Ihnen zum Trost sagen, daß dem nicht so ist. Sie sind reizend, Gustchen, und wenn Sie sich mir entziehen, so laufe ich Ihnen nach durch die halbe Welt und hole Sie ein.“

„Versuchen Sie’s!“ rief sie neckisch und flog durch die blätterbestreuten, raschelnden Gartenwege. Er folgte ihr, und obgleich sie nicht schnell und gewandt lief, so dauerte es doch einige Minuten – vielleicht wollte er es so – bis er sie einholte.

In einem kleinen Tannendickicht fing er sie, hielt sie mit beiden Armen fest, und versicherte, er werde sie nicht eher loslassen, als bis sie zur Strafe für ihren Zweifel und den Gedanken an die Möglichkeit, ihm lästig zu werden, sich mit einem Kuß ausgelöst habe.

Gustchen wand und wehrte sich freilich, aber ein Blick in seine Augen machte sie gefügig, und sie erwiderte den Kuß des schönen Jünglings mit warmer Hingabe. Dann begann sie auf’s Neue zu fliehen, und wer weiß wie oft sich das lohnende Spiel mit Haschen und Pfandgeben noch wiederholt hätte, wäre nicht plötzlich Christel Laßberg am Fenster des Nachbarhauses erschienen. Auguste war einen Augenblick erschrocken, trat aber dann mit Goethe unter das Fenster der unerwünschtem Lauscherin; hinauf nickend und winkend rief sie, in einer Anwandlung gutmüthiger Rücksicht für die Freundin, Christel möge in den Garten kommen. Gustchen führte den Genossen durch die Stachelbeerhecke.

„Was soll ich mit andern Mädchen?“ rief er halb zürnend, „genug, wenn ich Sie habe, liebes Gustchen; das blasse Mondscheingesicht am Fenster gefiel mir nicht.“

„Wir machen ihr ein Vergnügen,“ versetzte sie ihres Vortheils wohlbewußt; „das arme Ding lebt da wie im Käfig und ist so träumerisch und harmlos, daß wir plaudern können, was wir wollen, wenn wir bei ihr sind.“

Am Brunnen vor der Gartenstube traf man sich. Auguste hatte die Freundin nicht falsch beschuldigt; Christel erschien wortkarger und in sich versunkener denn je. Sie saß theilnahmlos und uns niedergeschlagenen Augen auf einer Stufe zur Seite.

Die Blicke des erregten jungen Mannes kehrten unbefriedigt von dieser farblosen Knospe zu der strahlenden Blüthe an seiner Seite zurück. Nach wenigen Versuchen, Christel mit in die Unterhaltung zu ziehen – welche alle an ihrer scheuen Einsilbigkeit scheiterten – vergaß man ihrer Nähe und gab sich einem Geplauder hin, das durch den gewährten Kuß an Wärme und Ungezwungenheit gewann und beide Theile gleich gut unterhielt.

Endlich, als es bereits anfing zu dämmern, hörte man im Nachbargarten verschiedene Stimmen, dann den Herzog laut nach Goethe rufen, worauf das junge Paar zur Gesellschaft zurück eilte.

[405]
5.

„Kind, liebe Milli, ich will Dich nicht kränken,“ sagte eine würdige, alte Dame, welche in der Ecke ihres kleinen Sophas saß. Und sanft die thränenfeuchten Wangen der vor ihr knieenden Frau von Werthern streichelnd, fuhr sie fort: „Ich weiß, daß sich viel zu Deiner Entschuldigung anführen läßt, und habe mich deswegen nie in Eure häuslichen Verhältnisse gemischt. Ja ich weiß, liebes Milchen, daß die Sitten immer lockerer werden, daß es wenige junge Frauen in Weimar giebt, welche nicht ihre ‚Geschichte‘ haben. Sie wollen ihren süßen Liebesrausch mehrmals genießen. Es giebt so viele böse Beispiele um Dich her, Du bist lebhaft, jung und hübsch“ – ein schwerer Seufzer entrang sich hier der alten Dame – „mein Sohn ist vielleicht nicht immer gegen Dich, wie er sein sollte: sieh Emilie, deshalb, aus allen diesen Gründen, welche mein armes Mutterherz beängstigen, nur deshalb rede ich jetzt so mit Dir.“

Das gekränkte junge Weib war wie geknickt mit gefalteten, vor die Augen gepreßten Händen auf das Kissen zu den Füßen der Mutter hingesunken.

Die alte Frau von Werthern hatte es bis jetzt schonend vermieden, mit ihrer Schwiegertochter deren eheliches Verhältniß zu besprechen. Sie fürchtete die festere Gestalt des Ausgesprochenen. Jetzt aber hielt sie eine Warnung für nothwendig, da man Emilien beschuldigte, sie trachte die junge Ehe ihres Fürsten zu stören, sie kokettire mit dem Herzoge, sie dränge sich in die Gesellschaft der Männer. Ihre Gegenwart bei dem Kalb’schen Herrendiner, ja, daß sie am Mittwoch Abend wieder zum Tanz dort gewesen und Karl August nicht von ihrer Seite gekommen sei, regten die alte Dame schmerzlich auf.

Es hatte immer ein inniges Verhältniß zwischen Emilien und ihrer Schwiegermutter bestanden; Alles wurde bisher zwischen ihnen besprochen, nie aber das Nächste, der Sohn und Gatte. Ob Frau von Werthern diesen Sohn liebte? Er stammte aus der ersten Ehe ihres Mannes und war von zu roher Art, als daß eine edle Frau an ihm hätte Gefallen finden können. Die Rücksichten, welche er auf seine Stiefmutter nahm, waren durch Eigennutz bedingt; das Vermögen seines Vaters reichte nicht aus, seine kostspieligen Neigungen zu befriedigen. Die Mutter war sehr wohlhabend, freigebig dazu, kein Wunder, daß er jetzt auf ihre Zuschüsse, später auf die reiche Erbschaft speculirte.

Nach dem Ausbruch verletzter Gefühle von Seiten der jungen Frau ließ die Matrone ruhig eine Zeit der Sammlung verstreichen; sie hatte besänftigend ihre Hand auf die dunklen Locken der vor ihr Knieenden gelegt und blickte mit unendlichem Mitleid auf sie herab.

Als Emilie das schmerzerfüllte Auge zur Mutter empor schlug, hätschelte diese sie wie ein Kind und sagte:

„Ich weiß ja, mein Milchen, daß er nicht gut mit Dir ist; ich weiß, daß er Schuld hat; aber wenn er auch fehlte, so möchte ich doch meinen Liebling davor bewahren.“

„Gute, gute Mutter!“ stammelte die junge Frau, sich an sie schmiegend.

„Laß uns ohne Heftigkeit die Verhältnisse besprechen,“ fuhr die alte Dame milde fort. „Ich sagte Dir schon, daß ich nichts von den groben Beschuldigungen glaube, die von Uebelwollenden ersonnen werden. Aber die Pflichten einer jungen Frau reichen weit und sind fein gesponnen; sie gleichen einem zarten, luftigen Schleier, in den ihr ganzes Wesen sich hüllen soll; entsteht nur ein kleiner Riß in dem kostbaren Gewebe, so zerrt die plumpe Hand der Menschen daran, und ohne daß die Trägerin es will oder weiß, ist ein Stückchen nach dem andern von dem feinen Stoff zerfetzt. Sie steht zuletzt da, bloß und schutzlos allen Angriffen ausgesetzt. Daher hülle Dich vorsichtig ein, mein Herzenskind, laß keine Seele ahnen, wie wenig Dein Gatte und Dein einsames Haus Dich befriedigen, und halte Deinen guten Namen unantastbar rein!“

„Und mein Glück, mein Lebensglück!“ jammerte das junge Weib leise.

Die Matrone hatte nur an das Sollen, nicht an das Wollen und Begehren eines glühenden jungen Herzens gedacht.

„Die Pflichterfüllung wird Dich glücklich machen!“ sprach sie zum ersten Male in einem strengeren Tone.

Emilie richtete sich auf. „O, mein Leben ist jammervoll öde!“ klagte sie. „Mutter, ich wollte, ich wäre todt!“

In der vorigen Weise fuhr die Greisin fort: „Du weißt, wie ich Dich liebe! Mein Herz hängt nur an Dir, aber ich möchte Dich zehnmal lieber im Sarge sehen, als Dich wirklich einer Pflichtverletzung schuldig wissen; das würde mich elend machen und schmerzbeladen in die Grube stürzen.“

Emilie schauderte. „Nie, nie will ich Ihnen den Kummer bereiten!“ rief sie leidenschaftlich. „Ich schwöre es bei meiner ewigen Seligkeit! Nie sollen Sie sich meiner schämen; eher sterben als das!“

[406] Eine lebhafte Umarmung folgte.

„Wohlan, mein Kind,“ sagte endlich die Mutter, „so will ich Alles versuchen, um auf meinen Sohn zu Deinen Gunsten zu wirken. Er soll in Dir meine alleinige Erbin respectiren und, was er von mir wünscht, nur durch Dich, erlangen, vielleicht wird das ihn zügeln.“

Nach und nach bewegte sich die Unterhaltung der beiden Frauen in ruhigeren Bahnen.

Die alte Dame ließ sich von Haus und Garten und einer neuen Einrichtung erzählen, welche vom Rittmeister getroffen war.

Er hatte Geld gebraucht und gefunden, daß in dem der Mama gehörigen und von ihr für das junge Paar hergerichteten Hause einige Zimmer entbehrlich wären. Die junge Frau hatte sich beschränken müssen, und ein Miether war in der Person des Bergraths Moritz von Einsiedel eingezogen.

Der neue Hausgenosse – Bruder des jungen Hofraths Hildebrand von Einsiedel – war ein Mann von sechsundzwanzjg Jahren, ruhig, verschlossen, solid in jeder Hinsicht. Seine Anstellung im Bergfache hielt ihn oft Monate lang von Weimar entfernt; der Rittmeister nannte ihn seinen Philister, oder auch gar seine Schlafmütze. Einsiedel ließ sich durch keine Neckerei stören; er lächelte melancholisch und schwieg. Eifrig mit chemischen und mineralogischen Studien beschäftigt, zeigte er sich selten in Gesellschaften, tanzte gar nicht und bekümmerte sich um das schöne Geschlecht, sehr wenig.

„War der Bergrath nicht bei Kalbs?“ fragte die Matrone. „Es ist sonderbar, daß man immer den jüngeren Bruder vorzieht.“

„Hildebrand ist einmal gut angeschrieben beim Herzoge. Ich glaube, Moritz ist ihm zu verständig, zu brav.“

„Man sagt, er sei steif und langweilig in Gesellschaften?“

„Er ist kein Geck, aber er hat mehr Geist in seinem Auge, als ein Dutzend anderer Männer zusammen.“

„Es ist schade, daß ich ihn so wenig kenne; da er bei Euch wohnt, interessire ich mich für ihn.“

„O, er verdient Ihr Interesse, theure Mama!“

„Ist er artig gegen Dich?“

„Nein, er beachtet mich gar nicht, er ist immer beschäftigt; wir wechseln selten ein Wort.“

Die alte Dame fühlte sich von dieser Seite nicht beunruhigt. „Eine kleine Verehrung aus der Ferne von ihr,“ dachte sie. „Er ist zu beschäftigt, zu hypochondrisch, um einer jungen Frau gefährlich zu werden. Wenn ich nur über den Herzog ruhig sein kann, ist alles Andere nebensächlich.“ Ruhiger trennten sich die beiden Frauen.

Am Nachmittage klirrten schwere Schritte im Vorzimmer der alten Frau von Werthern, sie kannte dieselben genau und erhob sich ein wenig, um den eintretenden Sohn zu begrüßen.

Der Rittmeister von Werthern war groß, breitschultrig und etwa vierzig Jahre alt. Seine rothen und aufgedunsenen Züge, die unstäten Augen, das plumpe, derbe Auftreten sprachen von zügellosem Leben. Er schüttelte die Hand der alten Dame so heftig, daß ihr Mund sich schmerzlich verzog, und fragte dabei, wie sich seine verehrte Mutter befinde?

„Gut, mein Sohn,“ entgegnete sie. Ich freue mich, Dich wieder zu sehen; habe die Güte, Dich zu mir zu setzen, und erzähle mir von Deiner Reise und wann Du zurück gekommen bist.“

Der Rittmeister warf sich auf einen Stuhl und stieß den Mops, der sich an ihn schmiegte, mit seinen gewaltigen Sporen plump zur Seite, daß er heulend entfloh. Dann sprach er, sog sam seinen schwarzen Bart streichend:

„Diesen Morgen in einem Trabe von Rudolstadt; habe dann gegessen, und da bin ich. Möchte ’ne Geschäftssache mit Ihnen abreden, ist ein wenig eilig. Machte nur deshalb den scharfen Ritt und riskirte den Hector – denn, um kurz zu sein, Sie werden von einem Soldaten keine lange Vorrede erwarten, Frau Mutter – ich bedarf eines Darlehns von Ihnen, um einen ausgezeichneten Handel abzuschließen. Es steht da eine Fuchsstute in Rudolstadt, in die ich keineswegs verliebt bin. Ein kapitales Thier, ganz Pferd, knochig genug für einen Reiter wie ich, aber dabei elegant; süperbe Nachhand, ein Schweifträger erster Qualität, hoch von Hals und Widerrist, Sattellage und Nieren comme il faut, gute Zäumung, ganz rein und trocken von Knochen, sechs Jahre alt; der Preis ist mäßig, und ich könnte es mir nie vergeben, wenn ich diese Gelegenheit, ein brillantes Geschäft zu machen, ungenutzt vorübergehen ließe. Stein reflectirt für des Herzogs Stall auf den Gaul, doch hat er erst einen Boten herüber geschickt; währenddem habe ich den Fuchs vorläufig bis morgen früh für mich angebunden. Ich weiß, bei Ihnen werden gewiß zwanzig Louisd’or flott zu machen sein; sobald ich das Geld habe, sitze ich wieder auf.“

Die alte Dame hatte still und unbeweglich zugehört; sie fütterte ihren Mops mit etwas Zuckerbrod und wiegte jetzt nachdenklich den Kopf.

„Die Geldgeschäfte werden mir mehr und mehr lästig,“ sagte sie ruhig, „da habe ich denn an diesem Morgen mit Emilien ausgemacht, daß sie meine Casse führen, nachsehen, größere Ausgaben bestimmen, kurz, mein Finanzminister sein soll. Ich kann nicht gleich, da es kaum getroffen, gegen unser Abkommen handeln; es wird also ganz auf Deine Frau ankommen, ob wir die erwünschte Gefälligkeit für Dich haben können.“

Der Rittmeister starrte sie an; seine Stirnader schwoll und heftig rief er: „Das ist ein Weibercomplot gegen mich! Was soll das bedeuten? Emilie, diese kleine Putznärrin bei dem Gelde! Wollen Sie lauter Unterröcke dafür kaufen?“

„Ebenso gern wie Pferde,“ sagte die Matrone gelassen.

Werthern sprang auf. Stampfend und klirrend lief er im Zimmer umher. Dann blieb er vor der Mutter stehen und fragte, sich gewaltsam beherrschend:

„Dahinter steckt etwas. Sagen Sie’s kurz, woran ich bin. Wollen Sie mich zu irgend etwas zwingen? Oder wollen Sie mich nur demüthigen und beleidigen?“

„Du hast richtig errathen, daß ich etwas Besonderes bezwecke,“ erwiderte sie. „Ich kenne Deine Bedürfnisse, kenne Deine Schätzung des Geldes und hoffe Deiner Frau zu neuem Ansehen bei Dir zu verhelfen. Du wirst mir zu gleichgültig gegen Milli; Du kümmerst Dich gar nicht mehr um sie; meine Bitten haben Dich nicht zu ihr zurückgeführt, vielleicht thut es mein Geld. Du siehst, ich spiele mit offnen Karten und hoffe mein Spiel zu gewinnen.“

„Hat sie zu klagen gewagt, diese Thörin?“

„Man braucht mir Eure Verhältnisse weder zu erzählen noch zu klagen; ich kenne sie, die ganze Stadt kennt sie. Alle Welt sieht, daß jedes von Euch seinen eignen Weg einschlägt, und das ist keine Ehe, wie sie sein soll.“

„Was geht’s die Welt an, ob wir mit einander auskommen? Ich will Freiheit! Emilie scheint sich gut zu amüsiren; mir kann eine zimperliche Frau, welche sich an mich hängt und mir vorlamentirt, nichts helfen; lassen wir sie also!“

„Denkst Du nie an Deine Pflicht, diesem jungen, schönen, Dir anvertrauten Geschöpfe gegenüber?“

Der Rittmeister zuckte die Achseln. „Frau Mutter, ich bin eilig!“ rief er, „die Moral ein anderes Mal! Verlangen Sie, daß ich meine Frau auf offenem Markte küsse, oder was soll es sein? Handeln wir!“

„Gut,“ antwortete die alte Frau mit schmerzlichen: „Ernst, ich sehe, daß ich heute den rechten Weg eingeschlagen habe, mit Dir zu verkehren. Die zwanzig Louisd’or sind zu Deiner Verfügung, wenn Du mir Dein Wort giebst, während der nächsten zwei Monate Deine Frau in jede Gesellschaft zu begleiten, in welche sie zu gehen wünscht – also während dieser Zeit Dich nie über einen Tag von ihr zu entfernen.“

„Sträflich langweilig! Aber wenn es nicht anders sein kann und mir damit das Geld geschenkt ist, so bin ich im Stande, der süperben Fuchsstute das Opfer zu bringen.“

Die Mutter stand auf und ging, an ihren glänzend ausgelegten Nußbaumschrank; nachdem sie ein paar Reihen ausgeschrieben und das Geld abgezählt hatte, legte sie den sonderbaren Contract ihrem Sohne vor; dieser Unterzeichnete ernsthaft und mit langen, schwerfälligen Buchstaben seinen Namen und strich das Geld vergnügt ein.

Spöttisch auflachend rief er: „Sie wird mich nicht von ihrer Kontusche los! Die ganze Stadt soll Wunder schreien über einen so verwandelten Ehemann!“

Sein Dank war kurz und gleichgültig; er hatte sich ja das Geld verdienen müssen.

Möglichst rasch empfahl er sich und polterte mit Säbel und Sporen klirrend zum Hause hinaus.

Die alte Dame sah ihm tief betrübt nach.


[407]
6.

Den nächsten Tag brachte Goethe größtentheils bei dem Herzoge im Fürstenhause zu; es drängte ihn, der Herzogin Luise seine Aufwartung zu machen, deren Bild ihm im Glanze idealer Reinheit und edelster Weiblichkeit vorschwebte.

In einem hübsch ausgestatteten Salon des ersten Stocks im Fürstenhause saß um die Mittagsstunde Luise von Hessen-Darmstadt mit ihren beiden Hofdamen Henriette von Wöllwarth und Adelaide von Waldner. Die Herzogin war eine schlanke, fast magere Gestalt und achtzehn Jahre alt; ihr ernstes blaues Auge, ihre matte Gesichtsfarbe, die stille Gleichmäßigkeit ihrer Züge und ihres Benehmens gaben ihr etwas knospenhaft Unentwickeltes. Sie trug nach dem Zeitgeschmacke ein weißes Battistkleid, einen goldenen Gürtel, lange Filethandschuhe ohne Finger und ein umgestecktes Spitzentuch, ihr hellbraunes Haar war mit einem goldenen Kamme aufgenommen.

Die blühende, lachende Adelaide von Waldner sah neben der Fürstin wie eine Rose neben einer Lilie aus. Henriette von Wöllwarth dagegen, die, mit einem Papagei tändelnd, am Fenster stand, wäre schwer mit einer Blume zu vergleichen gewesen; sie hatte etwas durchaus Reales in ihrer stattlich schönen Gestalt und dem gescheidten, kräftig geformten Gesichte; der Blick, welchen sie jetzt auf die beiden Jüngeren richtete, schien zu sagen: „Arme Kinder, Ihr langweilt Euch entsetzlich, wenn man Euch nur helfen könnte!“

In diesem Augenblicke meldete der Lakai:

„Seine Durchlaucht der Herr Herzog und Doctor Goethe!“

Luise winkte erröthend, und die beiden jungen Männer traten rasch ein. Der Herzog eilte auf seine Frau zu, küßte mit einer gewissen linkischen Befangenheit ihre Hand, und rief strahlenden Auges, den Freund überblickend: „Da hast Du unsern Gast, Luise!“

Die Herzogin verneigte sich, ein „Willkommen“ flüsternd, der Herzog stellte Goethe den Hofdamen vor, und die kleine Versammlung setzte sich.

Die vielleicht nicht ganz geschlossene Thür aufstoßend fuhr jetzt plötzlich ein großer, langhaariger Hühnerhund in’s Zimmer und auf seinen Herrn, den Herzog, zu. Adelaide kreischte leise und faßte ihr Kleid zusammen, an dem der Hund vorbei rannte; die Herzogin blickte erschrocken und mißbilligend; Goethe stand auf, um das Thier hinaus zu lassen; der Herzog aber rief:

„Laß doch die Diana hier! Kusch Dich Alte, hier zu mir!“

Der Hund, sich umsehend, legte aber freundlich seines großen Kopf auf den Schooß der jungen Herzogin, worauf diese mit allen Zeichen des Widerwillens den Hund von sich abwehrte.

Karl August rief ihn jetzt streng zu sich, das Thier gehorchte, der Friede schien hergestellt, aber eine gewisse Mißstimmung war durch dies Vorspiel in den kleinen Kreis gedrungen.

Luise besann sich so weit, Goethe nach seiner Reise zu fragen, und dieser berichtete, wie er in Begleitung des Kammerjunkers von Kalb recht angenehm gefahren sei. Der Herzog sagte inzwischen halblaut zu Adelaide von Waldner: ob sie die Einladung zu Kalbs, zum Abendtänzchen, angenommen habe? was die Kleine, rosig erglühend, mit strahlenden Augen bejahte. Henriette von Wöllwarth hatte für diesen Abend den Dienst bei der Herzogin, und man sah es ihr an, daß sie ungern dem lockenden Tanzvergnügen entsagte.

Luise schien das leise Hin und Her, das Geplauder der Drei nicht zu bemerken; es entspann sich zwischen ihr und Goethe ein Gespräch, aus dem heimische Erinnerungen heraus klangen, die freundliche Bande zwischen den beiden Süddeutschen knüpften. Endlich fragte sie, ob er heute bei Tafel sein werde? und schien angenehm von seinem Ja berührt.

Als die Herren wieder in des Herzogs Zimmer allein waren, konnte Goethe sich nicht enthalten, seinen Gefühlen der Verehrung für die Herzogin Worte zu leihen.

Er Nannte ihr Wesen, von Anmuth und Würde getragen, ganz fürstlich und meinte, es werde einem neben ihr wie in der Kirche.

„Du hast Recht,“ sagte Karl August seufzend, „eine dumpfe, kühle Atmosphäre umgiebt sie, in der einem fröstelt!“


Der andere Gast in den Mauern Weimars, Luise von Göchhausen, hatte inzwischen das heißerwünschte Ziel in nicht allzulanger Zeit erreicht. Der Herr Oberkämmerer Baron von Göchhausen hatte seinen wichtigen Leibes- und Amtssorgen eine Stunde abgewonnen, um der Herzogin-Wittwe Amalie seine Aufwartung zu machen und ihr das junge Fräulein vorzustellen. Er wurde mit seiner Nichte gnädig empfangen, und die hohe Frau hörte sein Lob des Mädchens, die gefühlvoll vorgebrachten Versicherungen seiner „Tendresse“ für das einzige Kind des verstorbenen Bruders mit Theilnahme an.

Auf seine Bitte, die junge Dame als Gesellschaftsfräulein anstellen zu wollen, antwortete die hohe Frau mit dem Wunsche, das junge Mädchen öfter und allein zu sehen – ein sehr natürliches Begehren, da Luise bei diesem ersten Besuch fast nur durch ihr beredtes Mienenspiel sprechen konnte.

Man kam überein, daß Fräulein von Göchhausen am Donnerstag Nachmittag allein zur Herzogin kommen solle. Dieselbe hatte sehr wohl das helle Licht in den lebhaften Augen, die kaum verhaltene Heiterkeit um den Mund bemerkt und war einigermaßen gespannt, zu erfahren, was hinter den wenig harmonischen Zügen, diesem halb drolligen, halb ernsten Ausdruck versteckt liegen möge. So wartete sie mit Ungeduld auf den Tag, der ihr vielleicht eine passende Gefährtin bringen sollte. –

Der Donnerstag Nachmittag kam, die Herzogin saß in ihrem Wohnzimmer an der Staffelei; sie führte nicht ohne Geschick den Pinsel und beschäftigte sich gern mit der Kunst.

Anna Amalie, erst sechsunddreißig Jahre alt, war noch immer eine schöne Frau. Ihr lebhaft sprechendes Gesicht mit den großen dunklen Augen zeigte noch viel jugendliche Frische, und der Puder deckte kaum das glänzende Braun ihres reichen Haars, dessen zahllose Löckchen von einem goldenen Reif zusammen gehalten wurden.

Nachdem sie eine Weile eifrig gemalt hatte, hielt sie inne; der zu erwartende Besuch beschäftigte ihre Gedanken und zog sie von der Arbeit ab. Sie hatte einen Brief der Markgräfin von Baden erhalten, welche Luise warm empfahl, aber zugleich andeutete, daß sie „ensilirter“ Possen halber Karlsruhe habe verlassen müssen.

Endlich wurde das Fräulein von Göchhausen angemeldet.

Anna Amalie begrüßte die Eintretende gütig, sie beschloß jedoch die Wahrheitsliebe der ihr so warm Empfohlenen auf die Probe zu stellen und fragte zuerst: ob sie sich wohl bei ihrem Oheim fühle?

Mit einem Lächeln verhaltener Spottlust entgegnete Luise daß man alten Leuten Absonderlichkeiten zu gut halten und für jegliche Art von Gastfreundschaft dankbar sein müsse.

„Haben Sie die Markgräfin ungern verlassen?“

„O, außerordentlich ungern! Die Frau Markgräfin war stets die Huld selbst gegen mich. Hätte es nicht sein müssen, nimmer würde ich ihren Dienst ausgegeben haben.“

„Aber Sie folgten den Wünschen Ihres Oheims? Man muß das an Ihnen loben!“

„Eure Durchlaucht dürfen sich nicht in mir täuschen, so schwer es mir wird, den Oheim Lügen zu strafen; ich war gezwungen, Karlsruhe zu verlassen.“

„Wie das? Erzählen Sie, ich bin begierig, mehr zu hören. Was ließen Sie sich zu Schulden kommen?“ .

Luise berichtete nun des Näheren, wie sie in Karlsruhe, von den Zudringlichkeiten eines alten Prinzen und Verwandten der Herrschaften verfolgt, sich habe hinreißen lassen, demselben unter Beihülfe ihrer treuen Kammerfrau – der Schulzin – Possen zu spielen, und wie ihre Entlassung eine der Lage angemessene Nothwendigkeit gewesen sei.

„Als die Zeit meines Scheidens herankam,“ schloß sie ihren Bericht, „nahm ich bewegten Abschied von den hochverehrten Herrschaften und fuhr mit meiner Getreuen den schönen Rheinstrom hinunter. Ich machte einen Strich durch alle Weinerlichkeit, die ebenso wenig für mich, paßt wie ein verliebtes Abenteuer, und gewann die Ueberzeugung, daß die Welt allerorten schön ist, und in dieser Ueberzeugung empfehle ich mich der Gewogenheit Eurer Durchlaucht.“

Mit diesem offenen Geständniß hatte der ehrliche kecke Geist des Mädchens gesiegt: das Vertrauen der Herzogin war gewonnen.


[408]
7.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Am 7. November 1775 Abends. Um mich ist Alles still, aber in mir wogt es; die Gedanken drängen und pochen und möchten hinaus; ich sehne mich, an das Herz einer Mutter zu flüchten, der ich mein ganzes, volles Vertrauen geben könnte. Aber ich habe Niemanden so nah, so lieb, und die Gedanken müssen doch fort von meinem Herzen, das sie erdrücken. So will ich versuchen zu schreiben, was mich bewegt; Werther schrieb ja auch!

Da steht es, ich sehe es an; – ist denn eine Aehnlichkeit zwischen Werther und mir? Ich bin ein thörichtes Kind; mein Vater sagte mir es heute, als ich nach jenem Besuche nicht von der Brunnenstufe weichen wollte. – Welche Stunden süßer Träumerei! Ich hatte keinen größeren Wunsch als: Wolfgang Goethe kennen zu lernen! – O, wie mein Herz schlug, als die Hoffnung lebendige Gewißheit wurde! – Um Mittag liehen Kalbs von Tante Barbara silberne Löffel, und wir hörten, daß sie eine Gasterei hätten, daß sogar der Herzog bei ihnen esse. Vater wurde ärgerlich und sagte: wenn sie nicht einmal ausreichend Löffel besäßen, wäre es Unsinn und Uebermuth, einen Fürsten zu Tisch zu bitten. Ich schaute in Kalbs Garten; da kam plötzlich Gustchen in großem Putz gelaufen, und ihr folgte ein Mann. Das war „Er“, ich wußte es gleich! Er trug sich wie Werther; frei wallendes Haar und schlanke Glieder; war es Werther? Nein! Eher ein Götz, so männlich und stark, ein Götz im Wertherkleide; oder lieber ein König in geringer Tracht, den man meint schon mit Krone und Scepter im Goldmantel auf dem Thron gesehen zu haben. Gustchen hatte den Muth, ihn zu necken, mit ihm zu schäkern, fort zu laufen; es ist häßlich, wenn Gustchen läuft, und er beeilte sich vielleicht deshalb, sie einzuholen. Bald waren sie nahe unter meinem Fenster, bald hier, bald dort, zwischen den Bäumen mit goldnen und rothen Blättern. Sie kamen zu mir in die Laube, und da präsentirte Gustchen ihn mir mit vielen komischen, förmlichen Reden; er lachte dazu; aber als sie ihn pries und ihm viele hochtönende Titel gab, unterbrach er sie und sagte: „Welch’ üble Meinung geben Sie dem Fräulein von meiner Eigenliebe, wenn Sie ihr einreden, ich lasse mir all den Ruhm gefallen!“ – Dann wandte er sich zu mir und bat sehr artig um Vergebung, daß sie in unsern Garten eingedrungen wären.

Von Dem, was er sprach, weiß ich nicht viel mehr; ich fühlte seinen Flammenblick bis in mein verwirrtes, bebendes Herz hinein. Ich saß ihm fast zu Füßen und hätte ewig so sitzen mögen. Dann und wann, wenn er mit Auguste sprach, wagte ich es, ihn anzusehen; o, wie brannte sein Bild sich in meine Seele! Plötzlich ertönte aus Kalbs Garten ein Ruf. „Das ist der Herzog!“ sagte er und stand auf; sie grüßten mich, ich war schwindelnd wie im Traume, hätte ihn halten mögen und konnte weder ein Glied noch die Lippen bewegen; Gustchen schüttelte und küßte mich, „Kind, schlafe nicht ein!“ rief sie und sprang fort, dem Herrlichen nach. Ich aber saß da, bis Vater kam und mich ein thörichtes Ding nannte, weil ich am kalten Novemberabend am plätschernden Brunnen saß.

Am 8. November. Auch heute habe ich ihn gesehen; wieder war er mit Gustchen am Nachmittage im Garten; sie sang ein Lied und lachte dann überlaut; wie häßlich das klang! Ich nähte an meinem Kleide zum Balle und dachte, ob es möglich wäre, daß ich schön sei? Die Frage verfolgte mich peinlich; ich mußte mir Auskunft suchen. Als Barbara, wie es ihre Gewohnheit ist, mich auskleidete, fragte ich sie:

„Sage aufrichtig, Tante Barbara, bin ich schön oder häßlich?“

Sie blickte mich erstaunt an, nahm meinen Kopf in ihre lieben alten Hände, küßte mich auf Stirn und Mund und flüsterte:

„Schön wie ein Engel, mein Herzenskind!“

Ein Schauer der Freude überlief mich. – Schön wie ein Engel! – Warum soll ich mich nicht darüber freuen? Wird „Er“ mich häßlich finden? – Still, still! Der Ball kommt, und dann will ich versuchen, mit ihm zu plaudern wie Gustchen; nein! so wie sie kann ich nie sein!

Am 10. November Morgens. Heute ist der Tag! Heute! Ich kann nichts weiter sagen.

Mittags. Der Friseur ist eben dagewesen, mein Kopf ist fertig; aber wie schwer er ist, wie er schwankt! Der Puder stäubt umher, sowie ich mich bewege; ich müsse mich ruhig halten, sagte der Mann, sonst verderbe ich alles. Wie bleich ich aussehe! Tante wollte mir Schminke auflegen, aber ich litt es nicht; das Schminken ist eine Lüge, und damit gehe ich nicht vor sein Auge. Gustchen war derselben Meinung; sie freilich ist roth genug!

Nachts. Da bin ich wieder! Gottlob! Es ist vorbei! Für immer! Ich gehöre nicht unter die Menschen, ich bin verloren, hülflos, allein, wie ein Tropfen im Meere. – O, die elende, unbehülfliche Scheu! Ich habe mich meines Daseins geschämt und mich gesehnt, weit, weit weg zu sein. Und dann wieder das Glück, ihn ungehindert aus verborgener Ecke zu sehen, zu bewundern! Wie er stürmt und fliegt im Tanze, wie fest er den Arm um die Tänzerin schlingt, wie sein Auge leuchtet und seine Brust sich hebt in der Lust des Lebens und der Freude; o, wer so mit ihm genießen könnte!

Die Herzoginnen redeten mich gütig an, aber ich wußte nichts zu entgegnen; er stand in der Nähe, und ich wagte nicht, das Auge aufzuschlagen. So ließen sie mich stehen, und ich ging mit Tante Barbara in einen Winkel. Ich sollte tanzen, aber mein Vater hat vergessen, mich es lehren zu lassen, so konnte ich es nicht. Gustchen lachte, und mein Vater brummte in den Bart, nur Barbara nahm sich meiner an.

Rasch gingen die Stunden vorüber; ich sah nur ihn, ich suchte ihn mir wieder und fand seine herrliche Gestalt bald unter der Menge. Es kam eine Lust des Schauens über mich, die mich ganz vergessen ließ, wo ich sei; wie ein Geist fühlte ich mich um ihn schweben, leicht, frei, ohne Bangigkeit. Da trat mein Vater mit gerunzelter Stirn auf mich zu, er war zornroth im Gesicht, und seine Augen funkelten; ich erschrak, denn ich wußte, was das bedeute.

„Mir scheint, Du bist hier überflüssig,“ stieß er hervor. „Man mag und will Dich nicht; der alte Laßberg braucht dergleichen nicht zweimal zu hören. Er geht, er geht mit Kind und Kegel, für immer; er hat ausgespielt, er ist weggeworfen!“

So redend zog er mich heftig durch den Saal dem Ausgange zu; Tante Barbara hielt sich mit gefalteten Händen neben mir; meine Kniee bebten vor Schreck, die Lichter tanzten vor meinen Augen, ich konnte nicht mehr, ich stand still und war zum Umsinken. Da stürmte und wirbelte ein lustiges Paar heran; ich fühlte einen Anstoß der Tänzer und lag plötzlich auf dem Boden. Meine Augen waren geschlossen, mein Körper war schlaff, aber ich konnte hören und begreifen, was um mich her vorging. Seine Stimme war es, die ich hörte, sein Arm war es, der mich hielt, ich fühlte, ich wußte das.

„Schade!“ sagte er. „Das arme Kind! Wie eine geknickte weiße Rose.“

Dann riß mein Vater mich an sich, der Tanzmeister rief: „fortfahren!“, die Musik begann kräftig auf’s Neue, und weiter rauschte das wilde Leben des Balles, aus dem ich verschwunden, für das ich verloren war. Mein Vater hatte mich hinausgetragen, er wartete keine Sänfte ab, sondern hieß mich mitgehen. Erschlug seinen Mantel um mich, legte den Arm um meine Schulter und führte mich so nach unserm Hause. Keines sprach, aber im Vater tobte der Zorn, das fühlte ich. Tante Barbara hat mich wie immer ausgekleidet; sie hat mich geküßt und zärtlich getröstet, dann ist sie fortgegangen, ich aber mußte mein belastetes Gemüth diesen Blättern anvertrauen.

Was wird es weiter geben? Daß ich nicht zur Herzogin komme, ist klar, ich fühle es selbst, daß ich nicht dazu passe; aber er, er! Werde ich ihn Wiedersehen? wo? wann? werde ich je den Muth finden, mit ihm zu sprechen? Ach, und ohne ihn wie öde, wie traurig ist das Leben! Ja er ist meine Sonne; alles Nacht, kalte schwarze Nacht ohne den Strahlenden, Herrlichen! Aber da dämmert schon der Tag; o, der graue, einsame Novembertag meines ganzen künftigen Lebens!

[425]
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Am 11. November Abends. Heute Morgen ist die ganze Hofgesellschaft auf dem Eise gewesen, ich sah die bunte lachende Schaar zurückkommen. Mir war, als seien sie Alle aus einer andern Welt. Er ging wieder neben Gustchen. Nachher kam diese und sagte mir, daß die Herzogin ein anderes Hoffräulein gewählt habe. Sie erzählte mir, daß ihr Bruder und Goethe Nachmittags zum Prinzen Constantin nach Tiefurt führen, und daß sie dann wichtige Dinge mit mir überlegen wolle.

Der Nachmittag kam und nie werde ich jene Stunde vergessen. Wir saßen, weil es trotz dem Froste sonnig war, wieder am Brunnen. Vater hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen; ich kenne das, wenn er einen schweren Groll zu überwinden hat, schließt er sich ein; Tante Barbara hielt noch ihren Mittagsschlaf. Gustchen war sehr zärtlich; sie ließ meine Hand nicht los und sagte mir, daß sie glücklich sei eine Freundin zu haben, der sie Alles anvertrauen könne.

„Wie findest Du ihn?“ begann sie dann.

Ich erröthete so sehr, daß mir die Thränen in die Augen traten und meine Hände bebten.

„Ah!“ sagte sie, „Du antwortest beredt genug; wie hübsch Du bist, wenn Du roth wirst und etwas Leben in Deine Mienen kommt; sähe er Dich so, dann würde er Dich nicht fade nennen. Also Du findest ihn entzückend?“

Gefoltert wandte ich mich ab.

„Er ist sehr schön!“ stotterte ich.

„Wer denn? Wir haben noch keinen Namen genannt,“ spottete sie jetzt. „Aber laß nur, alle Mädchen in Weimar sagen heute: Er! und wissen, wen sie meinen. Ja, Wolfgang Goethe hat es gestern allen angethan; Jung und Alt hat er bezaubert, der himmlische Mensch. Und nun höre wohl zu, kleine Maus, er ist mein, mein, wenn ich ihn will – was sagst Du dazu?“

Ich glaubte, ich stammelte einen förmlichen Glückwunsch und fühlte dabei, daß ich sehr blaß und schwindlig wurde.

Auguste fuhr fort: „Du gratulirst mir schon, so weit sind wir noch nicht, denn ich bin noch im Ueberlegen, wie ich’s nehmen soll.“

Ich fragte, warum sie denn noch schwanke, da sie ihn doch so liebenswürdig finde?

Gustchen lachte: „Du bist ein Kind, ein pures Kind,“ sagte sie. „Wenn eine Liebelei Ernst wird und man an eine Heirath denkt, so braucht man dazu einige kleine Nebendinge außer dem entzückenden Epouseur. Ich bin nicht einmal im Klaren über sein Vermögen; in den vier bis fünf Tagen unserer Bekanntschaft hat er nichts darüber geäußert. Dann soll sein Großvater ein Schneider gewesen sein, und eine solche Verwandtschaft darf ich meiner Familie nicht bieten. Da er nicht von Adel ist, würde ich mein Recht auf die Hofgesellschaften verlieren. Die Gunst, in der er beim Herzoge steht, läßt sich verwerthen, aber darauf ist nicht zu rechnen. Fürstengunst kommt heute und geht morgen.“

Ich hatte stumm ihren Ueberlegungen, die mich eisig durchkälteten, gelauscht; endlich fragte ich: „Aber hat er denn schon ernstlich um Dich geworben?“

„Mit Hand und Mund hat er geworben, mein Zuckerpüppchen!“ lachte sie, „wenn auch nicht mit dürren Worten und Heirathsplänen. Aber ich darf es auch, will ich ihn abweisen, nicht dahin kommen lassen, denn wenn er uns zürnt, kann das meiner Familie Nachtheile bringen. Ich muß also jetzt meinen Entschluß fassen und klug sein.“

„Solche Sachen verstehe ich nicht,“ sagte ich kurz. „Ich kann Dir keinen Rath geben.“

Aber sie wollte auch keinen Rath; sie erzählte mir, was er ihr gesagt, es war viel Artiges – aber ich fand nicht die Herzenswärme darin, welche seine Augen ausstrahlten, nicht die Gluth und Leidenschaft seines Werther’s. Ich sprach es Augusten aus, sie aber spottete, meine eigenen Worte wiederholend: „Solche Sachen verstehst Du nicht! Ich kann es nicht leugnen, daß ich sehr in ihn verliebt bin,“ fuhr sie fort. „Er ist der schönste und bedeutendste Mann in ganz Weimar; es mag unverständig sein, aber ich will die Sache weiter gedeihen lassen; mag es auch zu einer Heirath kommen!“

Gustel hat mir ein Gedicht von ihm dagelassen, davon schreib ich mir hier den Schluß:

„Ach, aber ach! Der Jüngling kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Zertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut sich noch:
‚Und sterb’ ich denn, so sterb ich doch
Durch ihn, durch ihn,
Zu seinen Füßen doch!‘“



[426]
8.

In dämmeriger Sonntagsfrühe brach der Herzog mit dem Freunde auf, um seiner Ungeduld genug zu thun und mit ihm nach Kochberg, dem Gute des Oberstallmeisters von Stein, hinaus zu reiten. Ein Reitknecht mit Frühstücksvorräthen in den Holstern folgte.

Der Thorwärter mußte seinen Morgenschlaf abschütteln und das streng geschlossene Gatterthor der Stadt öffnen, dann trabten sie draußen in den Morgennebel hinein. Sie ritten schon lange schweigend neben einander, als mit wundervoller Farbenpracht die ersten Sonnenstrahlen durch glitzernde Reif- und Nebelgebilde brachen. Das siegreiche Tagesgestirn warf leuchtende Blicke der Huld über die starre Fläche. Die feinen Eiskrystalle an Gräsern und Zweigen schimmerten in blendender Pracht, das geringste Gebüsch glich einem Märchenwalde, die hohen weitästigen Tannen wurden zu zauberischen Pyramiden. Während die Sonne höher stieg, den Nebel zertheilte, unterwarf und des Himmels zartes Blau durchglühte, blieb die Ferne noch in weichen Farbentöuen. Gerade stieg der Rauch aus den zur Seite liegenden Gehöften auf und gewann, gegen die klare Himmelsbläue gesehen, rosige Tinten.

Der Herzog nahm das Gespräch auf: „Wir haben in den nächsten Tagen noch einen Gast zu erwarten; ich glaube, ich erwähnte desselben nur flüchtig. Es ist auch so recht eigentlich kein Gast, denn ich habe ihn zum Kammerherrn ernannt. Noch vor meinem Regierungsantritt lernte ich in Bayreuth den etwa dreißigjährigen Siegmund von Seckendorf kennen, der früher in sardinischen Diensten stand. Er hat Deinen Werther in’s Italienische übersetzt, dichtet, componirt und schien mir in den Kreis zu passen, welchen ich mir zur richtigen Erfassung eines frohen, gesunden Lebensgenusses zu bilden trachte. Hoffentlich wird der gewandte, vielseitige Mann Dir gefallen. Möchte er sich mit uns einleben!“

„Ich bringe ihm eine reine Empfindung entgegen und hoffe alles Gute,“ sagte Goethe schlicht. „Mir thut es nur leid, wenn ich sehe, daß Du zwischen Dich und die Herzogin immer mehr Leute stellst.“

Das freudig belebte Gesicht des jungen Fürsten verfinsterte sich. „Ich kann mit ihr zu keinem Verständniß, keinem rechten Herzenston kommen. Mein Verlangen geht nach einem frischen, schönen, schnellkräftigen Wesen. Luise ist so verschlossen, so formvoll, so talentlos; eine Aureole der Langeweile umgiebt sie, ein Parfüm der Correctheit, das mir zuwider ist.“

„Ein Weib kann, um begehrenswerth zu erscheinen, in allen Zügen und Formen des Wesens weich sein. Besitzt sie auch nicht Deine rastlose, geistesdurchleuchtete Lebensfülle, so ist sie doch eine tief innerliche Natur, eine reizvolle Knospe, die für Dich zu erschließen Dir hohen Gewinn bringen wird. Du darfst nur nicht Nachlassen, Dich um sie zu mühen.“

„O Mentor!“ rief der Herzog mit leichtsinniger Fröhlichkeit. „Wenn die Kühle wüßte, welch ein Sachwalter sie vertritt! Dir schenkte sie vielleicht ein Lächeln, das heißt, wenn die Dehors und ihre langnasige Oberhofmeisterin, die Gianini, es allergnädigst gestatten möchten. Pah, mich fröstelt, laß uns den Gäulen die Sporen geben!“

Die Pferde griffen munter aus; gegen neun Uhr wurde in Berka gefrühstückt und gefuttert, dann ging es mit frischer Lust über Blankenhayn auf Kochberg zu.

Bald nach elf Uhr langte man vor dem überbauten Thorweg an, der auf den Gutshof führte.

Die Herren ritten ein.

Ein breiter mit einzelnen Ulmen besetzter und von Gebäuden umgebener Wirthschaftshof nahm sie auf. Geradeaus, vom Hof durch einen Graben getrennt, lag das schloßartige Herrenhaus; überschritt man die Grabenbrücke, so führte eine breite von zwei kleinen Thürmen flankirte Treppe auf einen inneren mit Steinplatten belegten Hof, den die von der Herrschaft bewohnten Baulichkeiten einschlossen.

Als die Reiter vor der Grabenbrücke hielten, waren sie bereits von dem Oberstallmeister von Stein bemerkt worden, der zu ihrer Begrüßung herbeieilte. Der Herzog stellte seinen Begleiter vor und erfuhr, daß auch Rittmeister von Werthern mit Gemahlin als Gäste anwesend seien. Man fand die Gesellschaft in einem behaglich erwärmten Salon, wo die Damen den Eintretenden von einem Frühstückstisch entgegen kamen. Der Herzog küßte beiden Damen die Hand, erwiderte den Gruß Werthern’s und führte der Hausfrau seinen Freund zu.

Dieser hatte sogleich die schlanke Frauengestalt vor sich mit prüfenden Blicken überflogen.

Ja, sie war es! Das waren die weichen, durchgeistigten Züge, die ihn in ihren unvollkommnen Umrissen schon so wunderbar gefesselt hatten und ihn nun doch, anmuthbelebt, wie ein ganz Neues, Unerwartetes überraschten. Da war weder Fülle noch Farbenreiz, weder Jugend noch Regelmäßigkeit der Züge, aber mehr als alle vollkommene Schönheit, eine seelische Innigkeit des Ausdrucks, - die unwiderstehlich – den, der solche Sprache verstand - zu diesem Weibe hin zwang.

Der Hausherr hatte auf dem Frühstückstische Couverts für die Neuhinzukommenden bereit legen lassen. Der Herzog setzte sich zu Milli von Werthern, Goethe gewann einen Platz an der Hausfrau Seite und konnte nun ihr zartes Profil, das so lange schon in seinen Gedanken lebte, genau studiren.

„Und was verschafft uns denn das Vergnügen dieses charmanten Zusammentreffens?“ fragte Karl August, den Madeira an die Lippen führend, mit schelmischem Augenzwinkern seine Nachbarin.

„Die neue Fuchsstute!“ lachte Frau von Werthern, indem sie ihren Gatten ansah.

„In der That, Durchlaucht,“ erklärte Herr von Stein beflissen, „ist jener capitale Gaul wohl nicht ganz unschuldig an der Ehre dieses Besuchs.“

„Natürlich hätte ich den Fuchs lieber geritten,“ sagte Werthern, „da sie aber mit wollte und ich ja gerade des Gauls halber ein brillanter Ehemann bin – das Nähere erlassen mir wohl die Herrschaften – blieb mir nichts anderes übrig, als die Mähre einzuspannen, denn ich mußte Stein neidisch machen und sie nochmal vorreiten. Und da sind wir!“

Emilie hatte erröthend und mit gesenkten Blicken die unzarten Anspielungen ihres Gatten hingenommen. Dem jungen Fürsten schwoll das Herz, er erbarmte sich ihrer und lenkte rasch das Gespräch auf andere Dinge.

Dann kamen die drei Stein’schen Knaben in den Salon, um dem Herzoge ihren Diener zu machen; man scherzte Mit ihnen und besonders Goethe wußte die Kinder bald an sich zu fesseln.

Nach dem Frühstück brannte den Pferdeliebhabern der Boden unter den Füßen. Werthern war glücklich, seine neue Errungenschaft, die er eigentlich dem Herzoge und Stein weggeschnappt hatte, jetzt in vortheilhafter Weise vorführen zu können; er witterte etwas von der Möglichkeit eines guten Geschäfts und stürmte hinaus, um rasch satteln zu lassen.

Der Herzog fragte Milli, ob sie nicht von der Passion ihres Mannes angesteckt sei, und bat sie mit auf den Hof zu kommen. Sie war einverstanden und schlüpfte in eine purpurrothe Sammetjacke mit schwarzem Pelzbesatz, die ihr vortrefflich stand; so schloß sie sich den hinausgehenden Männern an.

Goethe aber bat Frau von Stein, ihm zu gestatten, daß er bei ihr im Zimmer bleibe, da seine Liebhaberei für Pferde nicht sonderlich groß sei. Sie bewilligte freundlich seine Bitte und führte ihn in ein kleines nach dem Garten gelegenes Wohngemach. Hier saßen sie zusammen in der tiefen Fensternische und plauderten bald lebhaft.

Während draußen der vielbesprochene Fuchs und nach ihm die bevorzugten Insassen des Stein’schen Stalls in allen Gangarten vorgeführt, kritisirt oder bewundert wurden, schlang sich drinnen wie aus feinen, goldenen Fäden ein Band, das zwei edle, nach Verständniß ringende Menschenseelen dauernd verknüpfen sollte. Da die beiden älteren Knaben zu ihrem Hofmeister zurückgekehrt waren, spielte der kleine dreijährige Fritz, gleich einem Symbol jenes Bandes, von einem zum andern. Sein kindliches Geschwätz, seine Ansprüche füllten harmlos eine gedankenvolle Pause oder gaben mit einem drolligen Einfall der Unterhaltung eine andere Wendung. Was hatte Goethe dieser Frau alles zu sagen! Nie war er sich so innerlich reich erschienen wie in ihrer Nähe.

Dann traten die Fragen des praktischen Lebens an die Hausfrau heran; ein Diener kam und wollte wissen, welches Gedeck, welches Silber, welchen Wein sie heute dem Herzog zu Ehren bestimme?

[427] Frau von Stein erhob sich, um mit einer Entschuldigung den Gast zu verlassen; er bat, sie begleiten, ein bischen mit hausvatern zu dürfen; mütterlich gütig willigte sie ein; lief doch auch Fritzchen durch Küche und Keller mit, warum sollte sie dem neuen jungen Freunde nicht willfahren? Es war Alles so zweifellos sicher, was sie und wie sie’s that! Wie gern fügte er sich dem Zauberbanne dieser Natur ein!

Jetzt ging es von den fächerreichen, geschnitzten Leinenschränken mit der hochgeschichteten Haushaltswäsche zum Speisezimmer mit seinen Silber-, Glas- und Porcellanvorräthen, von da zur Wirthschafterin in die Küche, und sogar mit einem Laternchen in den Weinkeller, wo sie ihm die Sorten wies, Werth und Verwendung erklärte, und von wo er ihr die Flaschen für den Mittagsbedarf herauf tragen durfte. Wie freute ihn die geordnete Fülle des lange bestehenden Hauses!

Dann schlug sie vor, ihm den Park zu zeigen. Sie hüllte sich in einen Shawl und führte ihn von dem quadernbelegten Hofe durch einen Gang über eine gedeckte Brücke, auf der sie den Schloßgraben überschritten. Ein freier Platz, jetzt weißbestäubt von Reif und Schnee, lag vor ihnen, zur Seite ein schöner Gartenpavillon mit breiter, vasenbesetzter Treppe, hinter dessen Säulen man Glasthüren schimmern sah; rechts lag eine Grotte mit mächtiger Epheuwand, deren dunkles Grün noch nicht ganz vom Schnee bedeckt war. Weiter hin ging es zu einem Karpfenteiche, auf dem eben Herr Kästner, der Hauslehrer, mit Karl und Ernst das Eis versuchte. Von hier aus zogen sich zahlreiche kleine Gräben durch die Anlagen, von weißen Brücken überwölbt; hügelig dehnte sich der Park, mit alten Bäumen bestanden, weit hinaus, sodaß es bald mehr ein Wald als Garten schien, in dem man lustwandelte.

Sie kehrten nun in’s Haus zurück, und bald darauf rief eine kräftig geschwungene Glocke die ganze Gesellschaft zur Tafel.

Nach Tisch fand der Herzog Gelegenheit, den Freund zur Seite zu nehmen und zu fragen: ob seine Erwartungen erfüllt wären.

„Uebertroffen, hundertmal übertroffen, mein lieber gnädiger Herr!“ rief dieser warm. „Ein solches Weib kann Einen aus allen Strudeln empor halten. O, ich möchte in dreifachem Feuer geläutert werden, um ihrer Liebe werth zu sein!“

„Nimm Dich in Acht!“ lachte Karl August, „die Liebe zu einer Frau ohne Schönheit soll die dauerhafteste sein! Uebrigens wird es Dir nach dem, was Du mir eben gestanden hast, nicht unerwünscht kommen, daß wir noch ein paar Tage bleiben; ich habe zu morgen mit Stein eine Jagdpartie verabredet; Wertherns wollen in der Frühe zurück, da er Dienst hat.“

Es war Goethen, als solle er dem Herzoge um den Hals fallen, solch ein Gnadengeschenk war ihm diese Hoffnung, solches Glücksgefühl gab ihm die Aussicht auf die nächsten Tage.

Glückseliges Drängen und Verlangen des glühenden jungen Dichterherzens, dem sich mit einer neuen Liebe eine neue Welt aufthat!


9.

Es war Anfang Februar und das Treiben der Wintervergnügungen flott im Gange, als der Rittmeister von Werthern eines Abends, mit Emilie aus einer Gesellschaft vor seinem Hause ankommend, in ironischem Tone sagte:

„So, meine heißgeliebte Gemahlin, da wären wir!“ Er schloß die Hausthür auf, ließ sie eintreten und fuhr fort: „Eben elf Uhr; solch ein angebrochener Abend ist schändlich langweilig; ich gehe noch in den ‚Erbprinzen‘, mit Dero Permiß, meine Gnädige!“

Eine Entgegnung nicht abwartend, schloß er hinter seiner Frau das Haus zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und stampfte pfeifend durch den Schnee dem erwähnten Wirthshause zu.

Emilie ging im Flure an einen Tisch, auf welchem ein kleines Oellämpchen brannte, um ihr daneben stehendes Licht an demselben zu entzünden und damit ihr Schlafzimmer aufzusuchen. Sie hatte sich in der Gesellschaft sehr gut amüsirt; vom Herzoge war sie wie immer ausgezeichnet, die anderen Männer folgten denn hohen Beispiele, sie war, das fühlte sie, die gefeiertste Dame ihres Kreises, und doch kam sie leer, verwirrt, tief innerlich unbefriedigt zurück. Jetzt wieder, als sie daran dachte, daß Werthern nichts für sie gehabt habe, als Ironie und Kälte, durchschauerte sie’s so schmerzlich, daß ihre Hand bebte, als sie den Docht ihres Lichts dem des Lämpchens näherte, und siehe da, der starre Docht des Lichts verlöschte die schwache Flamme der Lampe!

Das war damals, wo es keine Zündhölzer gab, eine große Unannehmlichkeit.

Ein leiser Angstruf entfuhr ihr, sie fürchtete sich im Dunkeln und dachte zugleich mit Schreck an das Gezänk ihres Mannes, wenn er, spät nach Hause kommend, das gewohnte brennende Lämpchen nicht an seinem Platze finden würde. Was beginnen? Ihr Mädchen schlief auf dem Boden, des Dieners Quartier lag am Pferdestall auf dem Hofe. Hier unten gab es nur ihren Miether, den Bergrath von Einsiedel, und allerdings, durch die Fugen seiner Stubenthür schimmerte noch Licht; sie wußte, daß der fleißige Forscher bis spät in die Nacht hinein arbeitete, aber um die Welt hätte sie nicht an sein Zimmer klopfen und ein Fünkchen Licht erbitten mögen.

Sie entschloß sich also im Dunkeln die Treppe hinauf zu tappen und den Zorn ihres Mannes über sich ergehen zu lassen, und so schritt sie in der Richtung vor, in welcher auf dem dunklen Flure ihrer Meinung nach die Treppe liegen mußte.

Die Richtung war aber verfehlt; sie stieß an den Korb mit Holz, der neben einem Kamin stand, und klappernd fiel der überhäufte Korb um. Bebend vor Schreck lehnte sie daneben an der Wand, als die Thür ihres Hausgenossen sich öffnete und der Bergrath von Einsiedel mit dem Lichte in der Hand heraustrat. Er sah sich mit seinem ruhigen Blicke suchend um.

„Ach, Sie sind es, Frau von Werthern,“ sagte er in artigem Tone. „Ihnen ist das Licht verlöscht; warum haben Sie mich nicht gerufen, ich bin ja so gern zu Ihren Diensten.“

Nach diesen Worten zündete er ihr Licht und auch das Lämpchen an. Sie war an den Tisch herangetreten, ihr Mantel lag neben dem Holzkorbe, ein Spitzentuch, das sie um den Kopf getragen hatte, war zurückgefallen, ihre Wangen brannten und ihre schönen Augen erhoben sich mit demüthig innigem Ausdrucke zu den seinen. Er sah sie mit bewegten Mienen an; sie las in seinen Blicken, daß er sie reizend finde. In Gesellschaften wurde sie weniger tief von diesem Tribut männlichen Wohlgefallens berührt, weil sie daran gewöhnt und dies die übliche Münze im Kleinhandel der Koketterie war. Hier aber, in nächtlicher Stille und Einsamkeit, diesem ernsten Gelehrten gegenüber, der ihr bisher scheinbar gar keine Beachtung gegönnt hatte, berührte sie dieser Ausdruck seiner Züge bis in’s tiefste Herz hinein. So standen sie ein paar Sekunden, ohne daß es Beide recht wußten, im stummen Anschauen neben einander.

Endlich sagte er mit unsicherer Stimme:

„Darf ich Ihnen eine gute Nacht wünschen?“ verneigte sich und ging.

Sie hauchte: „Ich danke Ihnen!“ nahm ihren Mantel über den Arm und stieg die Treppe hinan.

Er folgte ihr – die Thürflinke in der Hand – mit seinen Blicken.

Da – fast war sie oben angekommen – fiel ihr das Licht vom Leuchter, rollte ein paar Stufen hinunter und erlosch. Sie schrie laut auf, und er stürzte vor, es aufzuraffen und ihr noch einmal anzuzünden.

Der Treppe gegenüber lag ihre Zimmerthür; er öffnete sie, und Beide standen jetzt neben dem runden Tisch vor ihrem kleinen Kanapee. Er setzte ihr Licht auf den Tisch und sagte lächelnd:

„Jetzt sind Sie in Sicherheit. Sind Sie recht froh gewesen heute Abend? Ich glaube, man ist jetzt lustig in Weimar.“

„Ein tolles Treiben, von Einem zum Andern,“ entgegnete sie mit dem Tone der Abneigung, die sie in der That in diesem Augenblicke und diesem Manne gegenüber für die rauschende Geselligkeit empfand.

„Was haben Sie in der nächsten Zeit vor?“ fragte er weiter.

„Morgen, am Sonntage, Schlittenfahrt nach Tiefurt zum Kaffee, Abends wahrscheinlich noch Tanz. Montag am Morgen bei Steins Theaterprobe; Abends Gesellschaft bei Oberhofmarschall von Witzleben. Und am Dienstage ist ja die große Maskerade.“

[428] „Ich möchte auch einmal vergnügt sein und mit Ihnen tanzen, obgleich ich´s kaum noch kann –“ sagte er, verloren in ihren Anblick, und fast wie zu sich selbst sprechend. „Verrathen Sie mir Ihr Costüm auf der Redoute, und verschmähen Sie mich nicht, wenn ich komme, um eine Tour zu bitten.“

Sie sagte ihm, daß sie als maurische Fürstin erscheinen werde, und versprach mit strahlendem Lächeln, soviel mit ihm zu tanzen, wie er möge.

„Gut denn!“ rief er, indem er rasch ihre Hand an seine Lippen zog, „so will auch ich einmal froh sein und in derselben Weise glücklich, wie es Andere sind!“ Mit diesen Worten stürmte er fort.

Seltsam bewegt ja mit laut klopfenden Pulsen ging Emilie zur Ruhe und suchte vergebens, der Bewegung Herr zu werden, welche diese unerwartete Begegnung verursacht hatte.

[451]
10.

Am Dienstag Nachmittag stand Luise von Göchhausen in ihrem kleinen Zimmer im Wittthumspalais neben einem Tisch, auf dem ihre alte Schulzin eben das von ihr gefertigte Maskeradencostüm für die junge Herrin ausbreitete. Luise war klug genug zu wissen, daß sie sich nicht wie schlankgewachsene, schöne Mädchen kleiden dürfe; ebenso wußte sie, daß man ihre kleine Gestalt, ihre schiefe Schulter unter allen Verhüllungen heraus erkenne; es kam für sie also nur darauf an, etwas Drolliges, Originelles zu erfinden. Sie hatte einen feuerrothen Domino gewählt, und um dieser Wahl etwas Charakteristisches zu geben, wollte sie ein „Flämmchen“ vorstellen. Sie hatte sich eine spannenlange Flamme malen und diese an einem goldenen Reif befestigen lassen, welchen sie um den Kopf trug, dazu nahm sie nur eine schwarze Florbrille und keine Maske; wozu diese Unbequemlichkeit, zu erkennen war sie ja doch!

Sie fand, indem sie jetzt ihren Stirnreif vor dem Spiegel umprobirte, daß die Flamme ihr nicht übel stand, das kecke Gesichtchen sah koboldartig, aber pikant darunter hervor.

„Hör mal, Altsche,“ sagte sie jetzt überlegend zur Schulzin, „der Herzog hat ehgestern in Tiefurt und gestern Abend bei Witzlebens wiederholt versichert, ich werde nicht auf die Maskerade kommen, er spielt mir also, davon sei überzeugt, irgend einen Possen. Ich war diesen Morgen in der breiten Gasse. Onkel Wilhelm geht auch zu der Hofmaskerade, er sagte, daß er ein sehr würdiges Costüm bereit habe. Ich stellte ihm vor, daß er von meiner herzoglichen Portechaise profitiren und den Thaler für seine Sänfte sparen könne; wenn er meinen Trägern eine Kleinigkeit gäbe, wäre das ausreichend. Er solle auch zuerst hinbefördert werden. Dies alles leuchtete ihm sehr ein. Nun müsse ich mich aber bei ihm ankleiden, sagte ich, denn sonst könne ich die Portechaise nicht dorthin bestellen. Er war’s zufrieden, und ich hoffe, wir ziehen so den Kopf aus der Schlinge! So wie es dämmert, nimmst Du meine Garderobe und gehst voran. Um fünf Uhr entläßt mich die Herzogin, dann folge ich Dir unbemerkt; wenn also der Herzog irgend einen Schabernack plant, mir die Thür zunageln oder sonst einen Unsinn machen will, ist der Vogel ausgeflogen.“

„O je, wie Du klug bist, Kind,“ sagte die alte Zofe mit vor Bewunderung glänzenden Augen.

„Der Träger sind wir doch sicher?“

„Ich habe sie bestellt, sie ließen noch niemals warten; nun muß ich natürlich noch vorgehen und sagen, daß sie zu unserm Onkel kommen.“

„Thue das! Und – mir liegt doch sehr daran auf dem Balle zu sein – wie wär’s, wenn wir eine Viertelstunde später die Portechaise nach der breiten Gasse bestellten, die der Oberkämmerer gewöhnlich nimmt? denn sieh nur den aufgelösten Schnee, gehen könnte ich in Ballschuhen keinenfalls. Läßt uns also die Hofportechaise auf Ordre des Herzogs im Stich, so kann die gemiethete erst Onkel und dann mich hintragen.“

„Das ist ganz vernünftig bedacht, aber Du wirfst seinen Thaler hinaus.“

„Lieber das, als meine Wette mit dem Herzoge verlieren.“

Die Schulzin ging, um die beiden verschiedenen Sänften zu bestellen, und machte sich dann heimliche unter einem großen Regenschirm, mit dem in ein Tuch geschlagenen Anzug ihrer Dame auf den Weg zur Wohnung des Herrn von Göchhausen.

Zur festgesetzten Zeit standen Oheim und Nichte festlich gekleidet im Zimmer des alten Herrn.

„Wie findest Du mich, Luise?“ fragte er, indem er sich selbstgefällig von oben herunter beäugelte.

Er stellte einen Malteserritter in Gala vor; über weißen Seidenschuhen mit rothen Hacken trug er weiße seidene Strümpfe und ein ebensolches Beinkleid; ein Wams von schwarzem Sammet mit Kette und Kreuz, ein großer weißer Mantel mit dem achtspitzigen [454] spitzigen rothen Ordenskreuz und ein Barett mit wallenden Federn vervollständigten die kostbare Tracht. Etwas komisch sah allerdings die kleine magere Gestalt des alten Männleins und das röthliche Gesicht mit den vorstehenden wasserblauen Augen in diesem Pomp aus.

Luise versicherte ihm jedoch, daß er seinem Namen und seiner Stellung alle Ehre mache, was ihn sehr zu freuen schien.

Gleich darauf meldete Rohrmann die Ankunft der Hofportechaise.

„Bitte, benutzen Sie dieselbe zuerst, lieber Onkel,“ sagte die Nichte artig, „Ehre dem Ehre gebührt!“

Bon enfant!“ rief der Alte, „ich habe auch wenig goût für dies Warten, es regt meine Nerven auf!“

Rohrmann legte noch einen Pelzmantel über den dünnen, weißwollenen des Maltesers; er winkte seiner Nichte einen Kuß zu und verließ das Zimmer.

Unten hatte Ursula diensteifrig die kurze Strecke des Straßenpflasters mit etlichen Strohmatten belegt. Jetzt hielt sie einen mächtigen Regenschirm über das federnnickende Haupt ihres Gebieters, so wurde er von den beiden alten Dienstboten in die Sänfte gepackt. Es rann von den Dächern; auf der Erde standen dunkle Wasserpfützen, in denen sich das schwache Licht der über den Straßen an Stricken hangenden Oellaternen spiegelte, ein hohler Wind fuhr um die Ecken, aber in der kleinen Stadt herrschte, in Anlaß der Redoute, ein lebhafteres Treiben als sonst.

Die Portechaise schwankte jetzt in gewohnter Weise davon, und Rohrmann kehrte mit Ursula, stolz auf den vornehmen und vornehm beförderten Gebieter, in’s Haus zurück. Bald darauf kam auch die Miethsportechaise und brachte Luise als Flämmchen glücklich auf die Maskerade.

Das Fest war schon im besten Gange, als sie anlangte. Alle möglichen und unmöglichen Zeiten und Nationen hatten ihre Vertreter und Vertreterinnen geschickt. Fast alle waren in einer ganz bestimmten Charaktermaske erschienen, viele sehr unkenntlich und vermummt, andere in vortheilhaftem Putz und nur mit kleiner Flormaske versehen. Es war auch üblich, sich in zurückliegenden Zimmern, wo Dominos, Masken und Costüme zu haben waren, im Laufe des Abends umzukleiden und so ganz unerwartet wieder zu erscheinen, die Bekannten zu necken und allerlei Scherze in’s Werk zu setzen. Dies alles wurde mit der größten Wichtigkeit, ja einem wahren Feuereifer betrieben.

Luise von Göchhausen suchte mit ihren scharfen Augen nach dem Herzoge; sie brannte darauf, sich ihm vorzuführen und ihn mit dem Verlust seiner Wette zu necken. Endlich gewahrte sie einen germanischen Häuptling mit dem Bärenfell auf der Schulter, geschnürten Sandalen und einem hohen Helm mit Adlerfittichen. Es war eine sehr stattliche Maske, und obwohl dieselbe eine das Gesicht völlig deckende Larve mit langem Bart und großer Nase trug, glaubte sie doch den Herzog zu erkennen. Der Germane unterhielt sich angelegentlich mit einer schönen, maurischen Fürstin, die, nur wenig maskirt, sehr kenntlich als Milli von Werthern war.

Sie drängte sich an ihn heran, haschte nach seiner Hand und schrieb seinen Namen hinein. Sowie er ihrer ansichtig wurde, geriet er in Erstaunen, vergaß seine Verpuppung und rief mit einem deutlich unter der Maske hervortönenden Gelächter:

„Ei der Teufel, da ist sie ja wirklich! Diese dummen Kerls, und ich hatte sie doch so genau instuirt!“

„Vermutlich dero Banditen, denen ich mit meinem Flämmchen nach Hause geleuchtet habe!“ sagte sie spöttisch knixend. „Gestatte also, wilder Krieger!“

„Armin, direct aus dem Teutoburger Walde,“ schaltete er ein.

„Nun denn, Armin, Fürst der Cherusker, gestatte, daß ich armes Flämmchen neben Dir weiter brenne.“

„Aber wie, in aller Kobolde Namen, hast Du vortrefflichstes Feuerzeug, meine wohl dressirten Sänftenträger ihrer Pflicht, ihrem schuldigen Gehorsam abwendig gemacht?“

„Deine Palankinbeförderer, o edler Germane?“ fragte sie erstaunt.

„Nun ja, die Hofportechaisenleute.“

„Himmel! Haben Durchlaucht denen arge Aufträge für mich gegeben?“ rief sie mit plötzlichem Erschrecken, indem sie sich angstvoll suchend nach ihrem Onkel, dem eleganten Malteser, umschaute.

„Still hier mit Deinen Titeln, Flamme, halt Maskenordnung; aber komm in ein Nebenzimmer, es scheint etwas quer gegangen zu sein, was wir aufklären müssen.“

Sie drängten sich zusammen aus dem Gewühl. In einem Winkel angekommen sagte er:

„Ist nicht, nachdem Ihr zehn Schritte im Gange waret, Dein Sitz zusammen gebrochen, der Portechaisenboden heraus gefallen, haben sich darauf Deine Träger nicht in Trab gesetzt, dadurch Dich genötigt mit durch den Schmutz zu laufen, und Dich, bei fest geschlossener Thür, trotz alle Deinem Geschrei, in den Portechaisenstall getragen, den sie hinter Dir verriegelten?“

„Alles dies Schreckliche muß meinem armen Onkel, dem Oberkämmerer von Göchhausen geschehen sein!“ rief Luise, indem sie ihre Hände halb lachend, halb weinend zusammen schlug.

„Den Kukuk auch, das wäre Pech! Den also haben sie beim Wickel genommen, der kam in der Hofportechaise?“

„Ja, Durchlaucht, er, und ich bitte dringend, ihm so schnell wie möglich Hülfe zu senden!“

Der Herzog eilte fort, und Luise ging mit beschwertem Gewissen obwohl sie sich unschuldig fühlte, die Herzogin Mutter aufzusuchen.

Sowie der Herzog vorhin die schöne Maurin verlassen hatte, war ein anderer Mann zu ihr heran getreten und hatte sie um den Tanz gebeten. Es war ein Beduine, mit weißem Mantel, Waffen im breiten Seidengürtel und bräunlicher Maske.

„Wir sind Landsleute, schöne Zoraide,“ flüsterte er mit innigem Tone, „wohnst Du auch jetzt in der Alhambra, stammst Du doch aus den heißen Gefilden Afrikas so wie ich, der Wüste Sohn. Welch ein Glück, Dich plötzlich im fernen Norden zu finden!“

Bei diesen Worten legte er seinen Arm um ihre seine Taille, zog sie fest an sich und flog mit ihr in den Reihen der Tänzer dahin.

Goethe hatte sich in der Tracht eines Eremiten möglichst unkenntlich gemacht; sein eigentliches Costüm war das eines Troubadours; jetzt stoß ein weißer Bart von einer runzelvollen Maske herab, und die Kapuze seiner dunklen Kutte deckte seine braunen Locken. Er wußte, daß Frau von Stein als Ritterfrau kommen werde, er wollte sie, die ihn auch als Troubadour vermutete, necken und ihr dann ein zärtliches Gedicht geben, das er in der Nachmittagsstunde für sie hingeworfen hatte. Jetzt spähte er mit prüfenden Blicken nach ihr aus.

„Suchst Du mich, würdiger Vater?“ lispelte plötzlich eine sanfte Stimme an seinem Ohre, und ein runder Frauenarm schob sich in den seinen.

„Also hast Du mich doch erkannt, Geliebteste?“ entgegnete er.

„Wie sollt’ ich nicht?“ fragte die Ritterfrau dagegen, und ging an seinem Arme mit ihm weiter.

Es beglückte ihn, daß die Theure ihn unter der Hülle herausgefunden hatte, daß sie ihm die Gunst schenkte, sich zu ihm zu gesellen. Er sprach zu ihr von der Sympathie ihrer Seelen; von der Seligkeit, sich im Schwarm der großen Menge abzusondern, hier sich verständnißvoll nah zu fühlen, unter der Maske unbeobachtet zu ein.

„Mein Herz ist doch immer bei Ihnen, Liebe, Einzige, die mich glücklich macht, ohne mir weh zu thun,“ sagte er zärtlich. „Doch auch nicht ohne Schmerz lebt sich’s in Deiner Nähe, denn Du leidest nicht immer meine Liebe, und meine ganze Seele ist doch voll von Dir. Sieh, diese Zeilen schrieb ich Dein gedenkend.“

„Gieb!“ lispelte seine Gefährtin. Er steckte ihr ein Papier zu, welches sie in ihrer an einer Kette herabhängenden Tasche barg.

Er fuhr fort: „Die Liebe zu Dir hält mich über dem Wasser, elend wär’ ich als Hofmann! Mich wunderst daß nicht die Meisten gar Kröten und Basilisken werden; das Gekriech, die Liebedienerei hört nicht auf. Oft denke ich, auch der Schmutz ist glänzend, wenn die Sonne darauf scheint, und nehme Alles hin; ich seh’s aber als Vorbereitung an, und mir durch Dich bin ich gestählt und dauere aus.“

Indem er so mit ernster Empfindung zu seiner Begleiterin redete, erstarrte er plötzlich. Er gewahrte die Herzogin Luise, die als Vestalin prächtig und edel in langen, goldgesäumten Gewändern dastand, ganz kenntlich, nur mit eitler Florbrille. Und neben ihr eine Ritterfrau, ähnlich der, welche er am Arm führte, [455] aber völlig bekannt für ihn nach Haltung und Formen: Auch sie trug nur eine kleine Halbmaske, sodaß er den weichen, feingeschweiften Mund, das zarte und runde Kinn der angebeteten Frau ganz deutlich erkannte. Ja, sie war’s, Charlotte von Stein!

Aller wem hatte er denn sein tiefstes Herz enthüllt, wer hatte sich an ihn gedrängt, sein Gedicht empfangen? Rasch wandte er sich zu seiner Dame, aber diese, ihn scharf beobachtend, hatte ihre Doppelgängerin erkannt, und leise, während er sich ganz in’s Staunen versenkte, hatte sie ihren Arm auf dem seinigen gezogen und war im Gewühl verschwunden.

Er suchte ihr nachzueilen, aber das Gedränge war augenblicklich zu groß, des Tanzmeisters Commando hemmte ihn, neu antanzende Paare kamen ihm entgegen. Einmal glaubte er noch ihr schwarzes Sammetmützchen in der Ferne zu sehen. Dann hieß es:

„Nicht so stürmisch, heiliger Mann!“

„Was führt Dich aus Deiner stillen Klause unter die fröhliche Menge?“

„Hüte Dich, in die Fallstricke der Welt zu fallen und den jungen Schönen nachzulaufen!“

Als er sich endlich am Ausgange des Saals befand, als er die Freiheit fand, sich in den Nebenzimmern umzusehen, war die Gesuchte nirgends zu finden.

Verdrossen und nicht mehr aufgelegt, den beabsichtigten Scherz mit der Geliebten auszuführen, ging er sich umzukleiden, und fand sich in dem schönen Costüm eines Troubadours in geschlitzter Seide, mit zurückgeschlagenem Spitzenkragen und dem an kirschrothem Bande umgehängten Saitenspiele, bald wieder im Saale ein.

Die Gesuchte stand noch immer neben der herrlichen Vestalin.

Er flüsterte Frau von Stein zu, daß er ein Ausgeraubter, ein Betrogener sei, er bat sie, ihn lind zu behandeln, damit er sich, innerlich verwundet, an ihrer heilenden Nähe wieder herstellen könne.

„Armer Bertrand de Born!“ sagte sie laut, „also unter die Räuber seid Ihr gefallen? Nun tröstet Euch mit der Lehre, daß wir Kleinode nicht in dieser bunten und gefährlichen Welt offen vorzeigen dürfen, und daß Vorsicht stets noth thut.“

In diesem Augenblicke, während die Instrumente zu einem neuen Contretanze gestimmt wurden, kam ein Bauer mit einer pausbackigen ganzen Larve vor dem Gesichte auf die Herzogin Luise zu und forderte sie zum Tanzen auf.

Die hohe Frau dankte und sagte auf das Andrängen des Fremden:

„Ich tanze mit keinem Unbekannten.“

„O, erhabene Römerin,“ rief der Mann mit fremdlautender Fistelstimme, „weshalb kommst Du denn auf das Fest der Gleichheit, der Narrheit, der Lustigkeit, wenn Du von alle Dem nichts wissen willst?“

„Ich komme als Zuschauerin, lästiger Fremdling,“ entgegnete sie hoheitsvoll.

„Du wirst dem Leben und das Leben wird Dir gleichgültig bleiben, wenn Du nur von fern zu stehen wagst. Noch einmal bitte ich Dich, sündige nicht gegen die Gesetze dieses Festes! Genieße diese seltsame Welt wie sie ist und wirf Dich mit mir in ihre Strudel!“

„Nein; geh’, Zudringlicher!“

„Hochmüthiges Weib!“ sagte der Bauer mit gereizter, nicht mehr verstellter Stimme, und lüftete für einen Augenblick die Maske – es war der Herzog. „Dacht’ ich es doch,“ fuhr er ärgerlich fort, „als ich Dich so steif hier angenagelt sah, daß Du unsere Fröhlichkeit, unsere Späße unter Deiner Würde findest!“

„Mein Gemahl sollte zufrieden mit mir sein, daß wenigstens ich es weiß, was man seiner Stellung schuldig ist!“ rief die Herzogin ebenfalls in bitterem Tone.

„Ho, ho! also ich weiß es nicht? Hör’ meinen Grundsatz: nur Der hält ängstlich die äußere Form der Würde fest, der sie nicht wirklich behaupten kann!“

Goethe hörte mit Bedauern diesen Wortwechsel; rasch legte er seine Mandoline zur Seite, trat zur Herzogin heran und bat sie, ihrem Gemahle zu beweisen, daß sie auch mit den Fröhlichen genießen könne, indem sie mit ihm tanze. Zögernd folgte sie seiner Aufforderung, worauf der Bauer mit der Ritterfrau sich anschloß.

Als Goethe die Herzogin wieder an ihren Platz zurückführte, schritt eine kokett gekleidete französische Bäuerin mit hoher, weißer Flügelhaube Und bauschigem, geblümtem Kleide, am Arme eines eleganten Coeurkönigs, in dem man unschwer Herrn von Seckendorf erkannte, an ihm vorüber.

Sich auf ihrem hohen Absätze wendend, sah sie sich nach ihm um und flüsterte die ersten Reihen seines im Irrthum verschenkten Gedichts mit spöttischem Ton ihm zu:

„Sag’, was will - das Schicksal uns bereiten?
Sag’, wie band es uns so ganz genau?
Ach, Du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau!“

Erregt sprang er ihr nach; mit einer ihm nur allzu wohlbekannten Geberde warf sie ihm eine Kußhand zu und flog mit ihrem Cavalier in der Tanzcolonne davon. Es war Auguste von Kalb!

Neben dem Herzoge aber stand jetzt das Flämmchen.

„Hoher Herr!“ sagte es lustig, „wie Du Dich auch verstecken magst, mein Spürsinn findet Dich heraus. Beruhige mich, haben die Schergen Deines Zorns das unschuldige Opfer aus dem Portechaisenstalle erlöst?“

„Sei getrost, edelmüthige Flamme, das Opfer liegt in seinem Bette und trinkt Camillenthee, um sich von seinem Abenteuer zu erholen.“

„Und mein Titel, der Gewinn meiner Wette?“

„Wahrlich, Du hast Dich an Heldenmuth dem Armin ebenbürtig bewiesen, so heiße also von heute an – Thusnelda!“

[466]
11.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Januar 1776. Es hat eine schwere Zeit auf unserm Hause gelastet. Vater war düsterer und bitterer als jemals vorher; nach dem unglücklichen Ballabend ist er tagelang nicht aus seinem Zimmer gegangen. Tante Barbara mußte ihm das Essen in die Vorstube setzen, und zum Dienst meldete er sich krank. Als dann gegen Weihnachten mein Bruder sich mit dem Vetter Wrangel ansagte, und beide junge Männer aus ihrer kursächsischen Garnison herüber kamen, konnte er nicht wohl umhin, wieder am Familientische zu erscheinen, er that’s und ich glaube, er ist seitdem weniger finster.

Gustchen war viel bei uns und vergnügte sich mit den beiden Officieren, die sie auch hinaus zu locken wußte: damit sie ein paar willfährige Tänzer mehr habe, wie sie mit kecker Zuversicht eingestand.

Ich bin so recht versunke,; ohne Saft und Kraft, und viel gescholten. Alle zerren und necken an mir, ich aber kann’s nicht ändern, ich muß still im Schatten weiter träumen. Sie halten mich aber doch für abwesender, als ich bin. Dicht daneben saß ich, als Erich Wrangel zu meinem Bruder sagte:

„Es gefällt mir gerade an ihr, daß sie so rührend einfältig ist, wie ein junges, weißes Täubchen, dem man den Hals umdreht, ohne daß es Arges merkt.“

Mein Bruder lachte und vertheidigte mich; es war mir aber zu gleichgültig, um darauf zu achten. Ja, für ihre Sprache bin ich einfältig, und von der meinen wissen sie nichts; die versteht nur Er, mein hoher, erhabener Dichter. Daß er fort ist aus meiner Nähe, daß ich ihn nicht sehe, nicht höre, das ist’s was mich lahm, träumend und einfältig macht! Er zog in die Belvedere-Allee, und so ist meine Sonne untergegangen.

Im Februar. Gustchen muß doch die Heirath nicht wollen; neulich zuckte sie die Achseln, als von ihm die Rede war, und sagte: „Er wird langweilig!“ – Er! Das ist zum Lachen. Er langweilig; lieber Himmel, ich glaube, Auguste verliert den Verstand! Sie machte sich auch viel mit dem Vetter zu schaffen, und als sie hörte, daß er ein großes Majorat zu erwarten habe, sagte sie:

„Schatz, sei brav und tritt ihn mir ab, ich sehe, sie wollen Ihn mit Dir zusammen thun, aber Gräfin, reiche Gräfin sein, paßt besser für mich als für Dich; Du träumst ja doch Dein Leben hin!“

Ich entgegnete ihr, daß sie meinetwegen alle Grafen der Welt heirathen könne, daß ich aber weder für mich noch für sie über den Vetter Erich verfüge.

„Bist Du doch vielleicht in den hübschen, blonden Jungen verliebt?“ fragte sie lauernd; aber ihr prüfender Blick fand mich kalt wie Eis. Nun sind die Beiden längst fort, und Auguste kommt seltener.

Am 14. Februar. Heute ist hier im Hause etwas Wunderbares geschehend. Das Hoffräulein der Frau Herzogin-Mutter ist hier gewesen und hat es erreicht, mit Vater zu sprechen. Er hörte höflich zu, und ich weiß doch, daß er innerlich gegen die Göchhausen gewüthet hat. Die kleine Dame fing es sehr geschickt an, ihn zu versöhnen. Nachdem sie viel Artiges von der Herzogin ausgerichtet, sprach sie so gütig über mich, daß ich ganz beschämt wurde. Endlich kam sie auf den unglücklichen Ballabend, an welchem ich vorgestellt wurde, und mit voller Unbefangenheit sagte sie:

„Wenn der Herr Oberst seine Husaren dem Landesherrn in der Manege vorführt, so denke ich, sie müssen etwas reiten können?“

„Den Stock auf die Kerls, wenn sie’s nicht können,“ brummte mein Vater.

„Ebenso erwartet die Frau Herzogin, daß ein junges Fräuleinn, welches ihr auf einem Balle vorgeführt wird, etwas tanzen kann.“

„Ah, war es das?“ fragte er aufathmend.

Sie wurden nun sehr bald einig, daß ich bei dem Hoftanzmeister Unterricht haben müsse. Fräulein von Göchhausen empfahl sich; sie reichte meinem Vater die Hand zum Kuß hinauf, und er neigte wirklich seinen grauen Schnurrbart darüber. Hätte das nie gedacht! Tante Barbara lächelte mich selig an; es war, als hätte uns das kleine Fräulein die liebe Sonne im Pompadour in’s Haus getragen. Und ich? O, wie bin ich glücklich, daß ich nun doch zu ihm, in den Kreis, in dem er Leitstern und Herrscher ist, eintreten darf!

[467] Am 16. Februar. Der Hoftanzmeister Adam Aulhorn ist hier gewesen. Welch ein redseliges, behendes Männlein! Er wäre mir zuwider, wenn er mir nicht zu so Großem verhelfen sollte. Wie verlegen und linkisch fühlte ich mich, als er mich ein paar Versuche machen ließ! Er aber sagte, ich sei biegsam wie ein Schilfrohr, das im Winde schaukelt, und zierlich, wie eine Libelle, die über den Wellen dahin schwebt. Vater schien zu lächeln, und die gute Barbara schlug außer sich vor Freude in die Hände.

Am 17. Februar. Nun ist’s aus; nun ist alles aus! Wie ein Aschenregen sinkt düstere Trauer über das Leben; kein Mund darf mehr lächeln, kein Herz mehr freudig klopfen; wenn die Sonne scheint, ist’s ein Irrthum. Der Edelste, Herrlichste, den Gott in diese Zeit gestellt hat, er ist dem Verderben verfallen! Ja so ist es, es kann nicht anders sein! Dies kann Gustchen nicht gelogen haben, sie hat es mir, von seiner Hand geschrieben, gezeigt. Er hat alles in ahnender Seele voraus gewußt, im Werther geschildert; jetzt wird sein prophetisch Vorempfinden zur schrecklichen Wahrheit an ihm selbst! O, könnte ich mich in seinen Weg werfen, könnte ich ihn anflehen umzukehren, oder könnte ich ein Sühnopfer für ihn sein!

Auguste hat mir ein Abenteuer mit ihm auf der Maskerade erzählt. Goethe machte ihr eine glühende Liebeserklärung, aber er hielt sie für eine Andere, für - die Frau des Oberstallmeisters, die er anbetet. - O, mir ahnte das längst! Ich schrie auf, als Auguste dies Schreckliche aussprach. Es ward dunkel vor meinen Augen, ich sank im Stuhl zurück. Auguste beachtete das nicht, sie plauderte weiter; lange Zeit hörte ich nichts von dem, was sie sagte, endlich konnte ich wieder begreifen. Sie berichtete, wie sie den Abtrünnigen schlecht behandle, wie sie Nichts von ihm wissen wolle; daß jetzt der gewandte Kammerherr Siegmund von Seckendorf ihr huldige, ihr nicht ganz gleichgültig sei, daß sie aber sehen wolle, welche Position er am Hof finde, ehe sie ihm Hoffnung auf ihre Hand gebe.

Endlich stammelte ich: ob sie mir das Papier zeigen könne, auf dem seine Liebeserklärung für die Andere stehe. Sie zog es sogleich hervor.

„Das führe ich als Waffe gegen ihn bei mir!“ sagte sie schadenfroh. „Damit will ich ihm noch oft die Hölle heiß machen.“

„Gieb!“ bat ich.

Sie reichte es mir; ich raffte mich mit ganzer Kraft zusammen; ich las und versuchte zu begreifen. Ja, er beschrieb seine Gluth, seine Zärtlichkeit. Gustchen lachte höhnisch; sie wagte es, über ihn zu lachen! Das sollte sie nicht! Verzweiflung erfaßte mich, ich mußte ihn vor dem Hohn dieses Mädchens schützen – und zerriß, ehe sie es hindern konnte, das Papier in kleine Fetzen. Gustchen schrie gellend auf und überhäufte mich mit Vorwürfen.


12.

Acht Jahre lagen zwischen der Zeit, da Goethe, ein unreifer Jüngling, krank und muthlos seine Studien in Leipzig beschloß und zu seiner Wiederherstellung in das elterliche Haus nach Frankfurt heimgekehrt war. Unter den zahlreichen Erinnerungen an Leipziger Bekanntschaften blieb auch ein anmuthiges Mädchenbild in seinem Gedächtniß bewahrt. Damals war die von ihm in anonymen Gedichten Gefeierte kaum dem Kindesalter entwachsen, aber als Künstlerin bereits angestaunt und angebetet. Jetzt war sie aus der holden Knospe zur voll entwickelten Blüthe, aus der viel versprechenden Anfängerin zur Meisterin in der Kunst des Gesanges emporgewachsen.

In den oberen Räumen des stillen, von weitem Park umgebenen Häuschens, welches der Leipziger Kunstgärtner Probst verwaltete, hatte sie damals ihr zurückgezogenes Heim aufgeschlagen. Schon nahte der Frühling, aber düster schauten noch die kahlen Bäume des Gartens in die Fenster hinein.

Die Sängerin saß am Clavier, sie hielt die Stirn mit der Hand bedeckt und war in Träumerei versunken. Endlich fanden sich ihre Finger auf den Tasten, leise irrten sie darüber hin, bildeten eine sanfte, traurige Melodie und gingen dann in ein Gebet aus Hasse’s Oratorium „Elena al Calvario“ über. Jetzt begann sie auch zu singen, und mit immer größerer Macht und Innigkeit klang ein Flehen um Erlösung aus den Banden schweren Leids von den jungen schönen Lippen.

Während dieses ergreifenden Liedes öffnete sich leise die Stubenthür und ein rundes Mädchengesicht, von blondem Haar umrahmt, schaute mit freundlichem Ausdruck herein. Als die Sängerin geendet hatte, eilte die Lauscherin auf ihre Freundin zu. Es war Wilhelmine Probst, die Tochter des Kunstgärtners.

„Reichardt war ja nur kurze Zeit bei Dir,“ sagte sie neugierig, „er rannte unten im Flur wie toll an mir vorbei, habt Ihr Euch gezankt?“

„Es ist die alte Geschichte, Mienchen, er bat um Liebe, der arme Junge.“

„O Himmel, also doch! Wie bin ich froh, kein Mann zu sein und Dich also innig lieben zu dürfen, so viel ich mag!“ rief das dicke kleine Mädchen, die hohe Gestalt der Freundin umfassend.

„Ja freilich,“ lächelte Corona und küßte sie auf die Stirn, „wärst Du ein Jüngling, müßte ich Dich von mir entfernen.“

„Wie alle,“ seufzte die Kleine. „Arme Corona, gebunden und doch frei; schmerzlich gefesselt an einen Entsetzlichen und doch mit sehnendem Herzen allein gelassen!“

„Sei still, Mienchen, Du weißt, es schmerzt mich, daran erinnert zu werden; wir dürfen nicht davon sprechen,“ bat die Sängerin mit einem tiefen Seufzer.

In diesem Augenblicke hörten die Mädchen Schritte auf der Treppe, denen ein starkes Anpochen an die Thür folgte. Gleich darauf öffnete sich dieselbe und ein großer, schöner Mann erschien auf der Schwelle. Sein dunkles Auge durchflog den Raum, aber der Blick haftete, während er sprach, über den Köpfen der erstaunten Mädchen im Leeren.

„Bist Du die Sängerin Corona Schröter?“ fragte er.

„Ich bin’s!“ entgegnete diese dem Unbekannten, der sie duzte, erstaunt einen Schritt entgegen tretend. „Was wollen Sie?“

Der Mann zog langsam eine schwarze Sammetschleife aus seinem Busen und sagte:

„Du weißt, von wem ich komme, entferne Deine Gefährtin, damit ich Dir die Worte unseres Meisters überbringe.“

Corona war erbleichend zurückgetreten.

„Wilhelmine – geh!“ stammelte sie bittend.

„Wieder von ihm? Muth, Corona!“ flüsterte die kleine Freundin und verließ das Zimmer.

„Was befiehlt er mir?“ fragte jetzt die Sängerin bebend und legte die Hände auf ihre Brust.

„Er läßt Dir sagen, daß eine Forderung an Dich ergehen wird, Leipzig zu verlassen, daß er Dir befiehlt, jener Forderung zu folgen.“

„Ich soll Leipzig verlassen! Wohin soll ich gehen?“

„Das wirst Du zur rechten Zeit erfahren; mir liegt nur ob, Dir seinen Befehl auszurichten, Dir, demselben zu gehorchen.“

„Ist er hier? - Da er Sie schickt, wird er also nicht selbst zu mir kommen?“

„Wir haben nichts zu fragen, nichts zu antworten; Gehorsam ist unsere einzige Pflicht!“

Nach diesen Worten entfernte sich der Unbekannte und ließ Corona in einem Taumel von Bestürzung und Neugier zurück. Stärker denn je fühlte sie sich unter dem Druck eines fremden, sie gänzlich unterjochenden Willens.

Der Unbekannte hatte mit starken Schritten das Haus verlassen; er verfolgte eine den Garten kreuzende Allee und erreichte einen an der Gartenmauer sich hinziehenden Gang. Als er sich in demselben umsah, kam ein großer hagerer Mann auf ihn zu. Schwer konnte man sagen, ob der Fremde alt oder jung sei. Er trug schwarzen Sammet, die feinsten Brüsseler Spitzen und bot in seiner vornehmen, ernsten Erscheinung das Bild eines Hofmannes.

„Hast Du Corona gesehen?“ fragte er den herankommenden Jüngeren.

„Ja, Herr Graf.“

„Und willfährig gefunden?“

„Durchaus. Ich staune Deine Macht an, mein hoher Meister. Wie hast Du nur dies stolze Weib gezähmt?“

Nach kurzer Pause entgegnete der Graf: „Herrschaft über Andere erringt nur Der, welcher sich zuerst selbst beherrscht. Aus der Ueberwindung meines sinnlichen Ichs ward ich ihr Herr. Aber ich werde Dir noch bessere Beweise meiner Kraft geben. Deinem völligen Gehorsam sollen sich nach und nach beseligende Geheimnisse erschließen.“

[468] Sie verließen in lebhaftem Gespräche mit einander den Garten. – –

Etwa zu derselben Morgenzeit, in der gestern der junge Componist Reichardt zu der Angebeteten gesprungen war, schritt heute Goethe’s elastische Gestalt durch die Kieswege des Ziergartens auf das Gärtnerhaus zu. Vielleicht war eine ähnliche Ungeduld in ihm, wie gestern in dem liebesehnenden Musiker.

Corona trat ihm in ihrer edlen Schönheit imponirend entgegen – und empfing denselben Eindruck von seiner Persönlichkeit. Als er seinen Namen nannte - flog ein warmes Roth über ihre bewegten Züge, und sie streckte ihm erfreut wie einem alten Bekannten beide Hände entgegen.

„So bin ich also nicht ganz vergessen?“ fragte er mit leuchtendem Blicke.

„Sie haben dafür gesorgt, daß man Sie nicht vergessen konnte, Sie herzerschütternder Poet! Wie haben Sie meine ganze Seele mit Ihrem Werther erfaßt! Und wie deutlich ist mir dabei das Bild des schlanken Studenten wieder lebendig geworden!“

Sie fragte, was ihn her führe, und er richtete ihr den Auftrag des Herzogs und Anna Amaliens aus, die, sich nach einer echten Künstlerin sehnend, beschlossen hätten, sie unter vortheilhaften Bedingungen für Concerte und Komödien nach Weimar zu berufen.

Corona wechselte, während er sprach, in großer innerer Bewegung die Farbe. So hatte also doch ihr geheimnißvoller Gebieter vierundzwanzig Stunden früher gewußt, was ihr bereitet wurde! Sie erfuhr, daß Goethe gestern Abend angekommen sei; sie bat ihn, sich zu besinnen, wann und wo er von seinem Vorhaben gesprochen habe. Er versicherte, dasselbe sei zwischen den Herrschaften und ihm ein Geheimniß geblieben, und fügte lachend hinzu, um ihren sichtlichen Ernst, der ihn seltsam berührte, zu zerstreuen:

„Soll man Dich nicht auf’s Schmählichste berauben,
Verbirg Dein Gold, Dein Weggehn, Deinen Glauben!“

Er gedachte nicht eines Briefes an Lavater, dem er vor mehreren Wochen – entzückt von des Herzogs Absicht – geschrieben hatte, daß man die holde Künstlerin, welche er einst schwärmerisch verehrt, auf seinen Rath nach Weimar berufen wolle.

Ihr Benehmen bei seinem Vorschlage erschien ihm rätselhaft; sie beruhigte aber sein mißmuthiges Erstaunen mit einer unbedingten Zusage. Er ging oft zu ihr, und sie kamen bald überein, daß Corona im Herbste nach Weimar übersiedeln solle.

Als nach langem Geplauder an einem der nächsten Tage Goethe endlich Abschied nehmen mußte, sagte er:

„Ich harre des Herbstes mit Sehnsucht, der mir in Ihnen die Freuden des Frühlings und Sommers bescheeren soll; aber jetzt, da ich scheide, geben Sie mir ein kleines Andenken, ein Pfand, holde Freundin - welches mir Ihr Kommen verbürgt. Schenken Sie mir die Sammetschleife, die Sie stets während dieser beglückenden Zeit unseres Wiedersehens getragen haben. Dieser Schmuck gefällt mir ohnehin nicht an Ihnen; er scheint mir ein Fleck auf Ihrem reinen Bilde.“

Er streckte die Hand nach der erbetenen Gabe aus, die ihm unbedeutend und nur in seinem Sinne werthvoll erschien.

Die Künstlerin aber erblaßte, trat zurück und legte die Rechte schützend über ihre schwarze Schleife. Mit bebender Stimme entgegnete sie:

„Fordern Sie nicht dies Band, ich kann es Ihnen nicht geben! Eine fremde Hand darf es nie – niemals berühren!“


13.

Eine frisch gestärkte weiße Zipfelmütze über dem röthlichen, alten Gesichte, sorglich in ein weißwollenes Negligé verpackt, die Hände resignirt über seinem Bäuchlein auf der Bettdecke gefaltet, so lag der Oberkämmerer von Göchhausen seit dem entsetzenbringenden Maskeradenabend in seinem weißumhängten Bette, der schweren Folgen für seine Gesundheit harrend, die da kommen sollten, aber nicht kamen.

Der Herzog hatte gleich am andern Tage den Oberhofmarschall von Witzleben zu Göchhausen geschickt, um sein Bedauern über ein unglückliches Mißverständniß ausdrücken zu lassen, dessen Opfer er geworden sei. Dann sandte er ihm seinen Leibarzt Doctor Friedrich Hufeland, der nach einer Untersuchung seines Zustandes unumwunden erklärte: Herr von Göchhausen sei durchaus gesund, er möge ruhig zu seinen früheren Lebensgewohnheiten zurückkehren. Vier Wochen im Bett sich auszuruhen und mögliche schlimme Folgen abzuwarten, schien dem alterirten Gemüthe des Scheinpatienten sicherer, und so lag er seitdem gottergeben da. Jeden Morgen kam der Kammerherr von Seckendorf, um nach seinem Befinden zu sehen und Serenissimus Bericht abzustatten. Auch Graf Görtz kam oft, und so machte sich’s bald, daß ein kleiner Kreis von Gesinnungsgenossen vor dem Krankenlager des höchst gesunden alten Herrn sich zusammen fand. Es gab längst im Stillen eine Verbindung Solcher, die dem wilden Genietreiben am Hofe abhold waren, die dem zurückhaltenden Benehmen der jungen Herzogin lebhaft zustimmten und schon das Wesen der Herzogin-Mutter zu zwanglos schalten.

Graf Görtz hatte früher vergeblich versucht, der Mutter den ihr so ähnlichen Sohn zu entfremden, ihn in andere Bahnen zu lenken, ihm die Exklusivität seiner Lebensstellung recht an’s Herz zu legen. Karl August dürstete aber vor allen Dingen danach recht mit ganzer Kraft und Seele Mensch zu sein, und hierauf den Stand des Fürsten als seinen eingeborenen Beruf treu auszufüllen. Daß er nicht Mensch mit andern sein, daß er die Liebe nicht begehren, sich der Freundschaft nicht in die Arme werfen, Jugendlust nicht genießen sollte, wie Andere auch, das vermochte der Erzieher ihm mit aller Mühe nicht beizubringen.

Im großen Uhrwerke des menschlichen Verkehrs finden die hemmenden Gewichte immer ihren Platz! Bald gründete Görtz eine Partei. Es gelang ihm sogar, leise Zeichen der Zustimmung von den geachtetsten Männern der Stadt, dem Minister von Fritsch und dem Oberhofmarschall von Witzleben, zu erlangen.

Seckendorf war anfänglich als Eindringling vermieden, man hatte erwartet, er werde als Literat und Componist den Genies und ihrem Treiben in die Arme werfen. Dem war aber nicht so. Er hatte mit Vorsicht alle äußeren Punkte seiner Stellung geordnet und zeigte sich jetzt als ein Hofmann von feiner Form und kühler Zurückhaltung.

Luise von Göchhausen war am Morgen nach der Maskerade zu ihrem Oheim geeilt, um in wirklicher Besorgniß nach ihm zu sehen. Rohrmann und Ursula empfingen sie mit rücksichtslosem Zorne. Sie wollten ihr den Weg in’s Allerheiligste des leidenden Gebieters versperren, aber Luise, unerschrocken wie immer, drang durch und versuchte, wenigstens den Alten von ihrer Unschuld zu überzeugen. Da sie dies Bemühen mit zähem Eifer fortsetzte, tagte es endlich in dem Begriffsvermögen des Oberkämmerers, und er fing an, sie gnädigst alle Tage ein Stündchen auf dem Stuhle vor seinem Bette zu dulden.

Trafen sich die mißvergnügten Hofherren bei Göchhausen, den sie seit jenem Abenteuer innerlich zu den Ihren zählten, so waren sie sämmtlich zu loyale Vasallen der Krone, um an das gesalbte Haupt selbst zu rühren. Längst hatten sie sich ein willkommenes Object ihres Zorns in Goethe ausersehen, von dem alle begangenen Tollheiten, alles wilde, tadelnswerthe Genietreiben ausgehen sollte. Graf Görtz besonders war es, der nicht aufhören konnte, auf diesen „Verderben des allergnädigsten Herrn“ hinzuweisen.

„Dieser Mensch,“ sagte er eines Tages, als er mit Seckendorf bei dem Patienten zusammentraf, „der in seinem Götz den Aufruhr gepriesen, im Werther den Selbstmord vertheidigt und jetzt sich sogar mit dem alten Magister Faust beschäftigen soll, welcher im Bündniß mit dem Teufel stand – dieser frivole Scribent vergiftet mit seinen laxen Grundsätzen das jugendliche Gemüth unseres allergnädigsten Herrn.“

„Es ist nicht zu verkennen,“ nahm Seckendorf das Wort, „daß die wunderlichsten Dinge hier durch den Gebrauch sanctionirt werden. Ich habe sehr bald gesehen, daß meine rothen Absätze und meine Hofmanieren hier Contrebande sind. Hetzpeitschen, Reitstiefel und polnische Schnürenröcke, wallendes Haar und die sogenannte Werthermontirung, das sind die Requisiten zu der Farce, die dieser Günstling uns nach seinem Sinne aufführen läßt!“

„Ja, er und wieder er!“ rief der Hofmarschall in rücksichtsloser Bitterkeit. „Wie werden wir ihn los, diesen Stein des Anstoßes?“

Hier wurden die drei Männer durch ein leises Kichern in ihrer Nähe erschreckt. Sie blickten zur Seite und sahen Luise [470] von Göchhausen, die, hinter ihrem großen Fächer hervor blinzelnd, offenbar längst als Zuhörerin ihrer Unterredung an der Eingangsthür gestanden hatte. Sie kam näher, nickte ihrem Oheim zu und sagte:

„Also unser schöner Faiseur mißfällt den Herren? Aber ist er’s denn nicht, der unserer engbrüstigen Geselligkeit den eigentlichen Lebensodem einbläst? Ja, er regiert, giebt Regenwetter und Sonnenschein und hat auch mehr Lebensart und Geschäftsklugheit als alle Hofschranzen und politischen Kreuzspinnen zusammengenommen in Leib und Seele. So lange Karl August lebt, richten die Pforten der Hölle nichts gegen ihn aus!“

Sie hatte offenbar in der Heftigkeit mehr gesagt, als sie wollte; ihre klugen Augen flammten, und sie stand in ihren kleinem Hackenschuhen fest da.

„Kind, Kind! wie Du- mich alterirst!“ rief Göchhausen.

Der Kammerherr verbeugte sich artig gegen die Dame, schob ihr einen Stuhl hin und sagte mit feiner Ironie:

„Das schöne Geschlecht erbarmt sich gern des Gescholtenen; besonders wenn es sich um einen verführerischen jungen Herzensstürmer handelt; ein überaus liebenswürdiger Zug!“

„Es mag auch die Sympathie der Eingewanderten für einander sein, denen das strenge Behüten eines convenablen Tons am hiesigen Hofe weniger am Herzen liegt,“ sagte Graf mit mehr Bitterkeit.

„Lediglich Ueberzeugungssache, meine Herren!“ rief das Hoffräulein unerschrocken.

Göchhausen war längst, entsetzt über die Aufregung, in sein Kissen zurückgesunken; tastend suchte er seine Pulsschläge zu zählen.

Die beiden andern Herren verbeugten sich stumm gegen die Vertheidigerin des abwesenden Dichters, und traten vom Bette zurück, an dem Luise jetzt, mit Erkundigungen nach dem Ergehen des Patienten, Platz nahm. Dann räumte sie das Feld, da sie wohl fühlte, daß die eben ausgetauschte, ernste Meinungsverschiedenheit einer weiteren unbefangenen Unterhaltung nicht günstig sei.

[483] Abends war ein kleiner auserlesener Kreis bei der Herzogin Anna Amalie versammelt. Goethe wollte den von Lavater so warm empfohlenen Schweizer Christoph Kaufmann einführen, Lavater hatte diesen jungen Mann „Gottes Spürhund“ genannt und hinzugefügt: er sei ein Mensch, der nach seiner äußeren Ausrüstung und den Gesetzen der Physiognomik zu Folge Alles könne!

Der Herzog, Frau von Stein, Luise von Göchhausen, Wieland und Hildebrand von Einsiedel waren bereits zugegen. Man saß um einen Tisch, auf dem einige Wachskerzen brannten und verschiedene Bücher und Silhouetten umher lagen. Die Damen schürzten Filet oder strickten; Luise leitete daneben die einfache Bewirthung mit Wein, Brod und Fleisch, Kuchen, Aepfeln und Nüssen. Sie hatte soeben, bevor Goethe kam, noch erregt von ihrer Begegnung am Nachmittage beim Oheim, von der Abneigung gesprochen, die man in gewissen Kreisen gegen den Dichter hege. Die kleine gescheidte Person war keine milde Natur; sie lebte vielfach im Kampfe, und es fiel ihr nicht ein, die zu schonen, welche ihr feindlich gegenüber standen.

Der Herzog lachte laut auf. „Es ist der Neid,“ sagte er spöttisch, „der ekle Brodneid, der sich allerorten breit macht. Ob ich einen neuen Ankömmling in meinen Hundezwinger lasse oder meinen Schranzen einen Besseren vorziehe, es giebt das gleiche Gekläff; aber den Herrn fallen sie Beide nicht an. Sie zausen sich nur unter einander, und Der, über den sie jetzt herstürzen, ist den schäbigen Kerls gewachsen, das glaubt mir!“

Wieland, der in seiner schönen Wärme für Goethe jeglichen Angriff auf den Freund als persönliche Beleidigung nahm, nannte den Hofmarschall den schiefsten, allerschwächsten und der Natur mißlungensten Menschen, den es je gegeben.

„Nur immer radical vorwärts, mein tapferer Oberonsänger!“ lachte die Herzogin zufrieden. „Sie wissen, daß auch mir der Graf zuwider ist, denn er legte es darauf an, mir meinen Sohn zu entfremden.“

Ein warmer Blick mütterlicher Liebe traf den neben ihr sitzenden Karl August. Dieser ergriff ihre volle weiße Hand und küßte sie herzlich, dann sagte er:

„Das wird weder dem Görtz noch sonst Jemandem gelingen. Uebrigens ist der Hofmarschall mir doch mit einer gewissen Treue attachirt, wie so eine Art Hausspitz.“

Wieland schnitt ein Gesicht, sagte aber nichts, da in diesem Augenblicke Doctor Goethe mit seinem Gaste angemeldet wurde.

Aller Blicke, Aller Herzen öffneten sich ihm und flogen ihm entgegen!

„Da bringe ich den Empfohlenen,“ sagte er, seinen Begleiter dem Herzoge und der Herzogin vorstellend.

Es war der Unbekannte, welcher in Leipzig Corona aufgesucht hatte.

Christoph Kaufmann, anscheinend in den Zwanzigern, war ein blühender, kräftiger Mensch in Schweizertracht.

Herzog und Herzogin begrüßten freundlich die Gäste, man machte ihnen Platz am Tische, und sie setzten sich zu den Uebrigen.

Der Herzog begann den Ankömmling über Lavater zu fragen, und Kaufmann pries ihn in begeisterten Worten.

„Sie haben bei ihm die Grundsätze der Physiognomik studirt?“ fragte der Herzog.

„Er hat sie an mir studirt? Nach einer Normal- oder Idealform bilden sich alle Gesetze. Er hat dieselbe in mir verkörpert gefunden. Ich bin das ‚Urphänomen‘ und ausersehen, Jahrhunderte zu überdauern.“

Man sah sich erstaunt an. Die Göchhausen bot dem „Urphänomen“ mit Lachen ein Glas Wein.

„Ich danke Dir, Lichtkernchen,“ sagte er ernsthaft, „ich genieße nur Urstoffe, Wasser oder Milch.“

Kaufmann entwickelte seine Theorie vom menschlichen Lichtkernchen. Er schilderte, wie das körperliche Häusel von innen eingehe und zuletzt als dünner Beleg ein Feuerrad umfange. Wie aus diesem sich Fühlfäden nach rückwärts ausstreckten zu den lichtstarken Genossen der Vergangenheit, um mit denselben zu verkehren.

„Alle Wetter, das wäre!“ rief der Herzog halb spöttisch, halb neugierig angeregt. „Sind Sie denn solch ein Feuerrad mit gla­céledernem Ueberzuge, das mit anderen, äußerlich zu Grunde gegangenen starken Lichtleibern wieder in Verbindung treten kann? Oder zu Deutsch: bilden Sie sich ein, mit Verstorbenen communicirm zu können?“

Feierlich neigte der Fremde den schönen Kopf zur Bejahung.

„Ich. hoffe,“ sagte er schwärmerisch bewegt, „bald so weit himmlisch umgebildet zu sein. Schon ein Jahrhundert arbeite ich daran.“

„Ein Jahrhundert!“ rief der Herzog staunend, „wie alt halten Sie sich denn?“

„Ich stand mit einem früheren Menschenalter in Verbindung und bin bestimmt, in einem späteren fortzuwirken!“

Alle sahen sich fragend, lächelnd, ungläubig an. Der Wundermann fuhr fort:

„Als Gottes Spürhund ziehe ich durch die Lande und suche reine, kindliche Menschen, die ich wittere mit meiner ihnen verwandten Kraft - durchsichtig wie Glas seid Ihr alle meinem Auge! – Den Reinen muß ich helfen, ihren Lichtkern in die Schwingungen des Feuerrades zu bringen und sie hierauf dem Meister zuführen.“

„Also verschiedene Grade giebt es in Ihrer seltsamen Wissenschaft?“

„Ja, verschiedene. Willst Du, o Fürst, den ersten Meister aller Zeiten in diesem Wissen kennen lernen?“

„Lavater?“ fragte die Herzogin gespannt und nahm diese Frage von aller Lippen.

„Nicht er! Er kann nur ahnend fühlen, wo ein Sturmbrand des Lichts im erdklebigen Stoff gefangen weilt. Nein, ein Höherer, ein ungebundenes Feuerrad geistigen Wirkens, vom aschirdnen Stoff knapp umschlossen, das alle Dimensionen durch glüht, er ist’s, den ich meine!“

„Und wer wäre das?“ fragte der Herzog gespannt.

„Meine Lippen dürfen seinen Namen nicht nennen! Frage das schönste Weib, welches Dir während dieses Jahres Rundgang begegnet – sie trägt als Stempel seiner Herrschaft eine schwarze Sammetschleife vor dem Busen – diese ist auserkoren zwischen Dir und ihm zu vermitteln.“

Des jungen Fürsten Augen blitzten.

„Der lichtreiche Unbekannte scheint nicht so gleichgültig gegen hübsche, erdklebige Schalen zu sein, wie man solchem Ueberwinder derselben zutrauen sollte!“ rief er scharf mit lautem Auflachen. „Ich gestehe, daß vorläufig solche ‚Schalen‘ mir sehr wohl gefallen, mögen sie nun von innen heraus, in Ihrem Sinne, mein Prophet, dünn oder dick sein.“

„Du täuschest Dich selbst,“ erwiderte Kaufmann. „Kannst Du ein Auge schön finden, aus dem Dir keine verständnißreiche Seele als Lichstern entgegen strahlt? Denk die schönste Form von innen verdunkelt, geistig umnachtet, und Dich schaudert, ihrer Reize froh zu werden.“

Der Herzog verstummte sinnend; es lag Wahres in dieser Behauptung des Fremden.

Hildebrand Einsiedel knüpfte eine Frage nach der schönen Leibeignen des Lichtfürsten an, bei der Goethe verständnißvoll vor sich hinlächelte. Kaufmann aber brach auf, ungezwungen wie bisher nur nach seinem Belieben handelnd, und überhörte weitere Anreden. Er sagte, er dürfe einem einzelnen Thun nicht mehr Zeit und Kraft gönnen; wichtige Arbeiten warteten ihrer Erledigung.

„Nun, Sie werden doch heute Abend nicht viel mehr thun, wir haben halbzehn Uhr,“ sagte die Herzogin mit einem Blick auf ihre Rococopendule.

„Ich schlafe nie, hohe Frau,“ entgegnete der wunderliche Mann. „Wer dem Lichtkern zum Wachsthum verhelfen will, darf der grobfaserigen Masse keine Herrschaft einräumen.“

„Entsetzlich!“ rief Amalie und schlug staunend die Hände zusammen. „Sie schlafen nicht, Sie Aermster, da müssen Sie ja krank werden.“

[484] „Ich bin nie krank, ja ich vermag jeden Kranken zu heilen, der Vertrauen zu mir faßt.“

Er verbeugte sich und verließ mit würdigen Schritten das Gemach. Man athmete auf, als der Druck seiner wunderlichen Persönlichkeit aufhörte.

„Da hat uns Lavater einen närrischen Kauz gesandt!“ rief der Herzog. „Aber interessant ist solcher Gesell doch; ich werde mich näher in seine Theorien einweihen lassen.“

„Man weiß nicht, ob’s der Mühe werth ist,“ sagte Goethe.

„Allerdings, Ungereimtheiten hat er vorgebracht,“ lachte Luise von Göchhausen, „die hundert Elephanten nicht wegschleppen können!“

„Alles in Allem,“ sagte Wieland, „ist man hungrig geworden auf etwas Natürliches, Lustiges, Irdischhandgreifliches.“

Das war nach der ungesunden Aufregung das einzig richtige Gefühl.




14.


Der Herzog Karl August hatte sehr bald erkannt, daß sein genialer Freund nur mittels eines ernsten Lebensberufes dauernd in Weimar und an seine Person zu fesseln sei. Mochte Goethe noch so wild mit ihm darauf los wüthen, wenn es galt im Ballsaal, auf dem Eise, oder zu Pferde der vollen Jugendlust genug zu thun, niemals machte er ein Hehl daraus, daß er Besseres brauche, daß er nicht ohne geregelte Beschäftigung leben könne. Aber auch in dem jungen Herzoge lag ein fester Grund edler Pflichttreue. Ihm würde kein Freund genügt haben, welcher seine volle Befriedigung aus der Dinge Oberfläche geschöpft hätte, und so begriff er auch des Andern Bedürfen.

Längst sann er also darüber nach, was er zu bieten habe, wie er Goethe’s Stellung in Weimar festigen und durch einen Beruf ausfüllen könne. Er wußte, daß er mit der Anstellung dieses vielbeneideten und vielgescholtenen Fremdlings einen Sturm im Kreise seiner Beamtenwelt heraufbeschwöre; aber er war Mannes genug, seinen Willen durchzusetzen.

Seit zweiundzwanzig Jahren war der Minister von Fritsch der gewissenhafte Leiter der Regierung; dieser, der von Goethe nichts als eine flotte, geniale Außenseite kannte und seine Zuhörerschaft im Conseil stets gemißbilligt hatte widersetzte sich auf das Ernstlichste seiner Anstellung im Staatsdienste. Ja er bat, wenn dieselbe stattfinden solle, um seinen Abschied.

Der Herzog erklärte aber, daß sein Beschluß, den Doctor Goethe in sein Geheimes Conseil einzuführen, feststehe, und bat, daß sein Minister sich mit dieser Maßregel aussöhne. Nachdem auch die Herzogin Anna Amalie, welcher Fritsch während ihrer Regentschaft treu zur Seite gestanden, sich bittend an ihn wandte, gab der alte Staatsmann nach, und Goethe’s feierliche Einführung in’s Conseil als Legationsrath wurde zur Thatsache.

So war dem Herzoge nun der Besitz des Freundes gesichert.

Goethe, dieser menschenkundige, umfassende Geist, wußte sich auch bald durch sachlich ernste Ruhe, durch respectvolle Unterordnung unter die erfahrenen älteren Beamten, eine gute Stellung im Conseil zu verschaffen und die praktischen Fragen und Sorgen der Regierung kennen zu lernen.

So wie diese Angelegenheit geordnet war, sann der Herzog darauf, des Freundes äußeres Behagen noch fester zu begründen, [485] als bisher. Die beschränkte Wohnung in der Belvedere-Allee konnte auf die Dauer nicht genügen.

Bertuch’s Gartenhaus am Stern hatte Goethen einst besonders wohl gefallen; an einem Wege gelegen, der nicht weit vom Thor sich an den Wiesen der Ilm hinzog, mit einem freundlichen Blick auf die Stadt, einem baumreichen, aufsteigenden Garten war es ein gar freundlicher Sommersitz. Diesen Garten tauschte der Herzog für den Freund ein, und beglückt ging Goethe daran, sich mit Philipp das neue Heim einzurichten.

Es war im Mai, die Bäume grünten und blühten, die Wiesen an der Ilm schimmerten, mit zahllosen gelben Blumensternen besäet, in satter Smaragdfarbe; der Fluß schien klarer und munterer als bisher an den Baumwurzeln des Ufers dahin zu rauschen, der Himmel wölbte sich in dem tiefen Blau eines köstlichen Frühlingstages, die Vögel jubilirten in den Zweigen, und Spaziergänger zogen in Schaaren aus dem Stadtthor und den Weg an Goethe’s Gartenhause vorüber. Eine schlanke, vornehme Frauengestalt mit einem kleinen Knaben an der Hand war unter ihnen. Goethe hatte sie von seinem Altan aus bemerkt, er eilte hinunter und kam ihr freudestrahlend an seinem Gartenpförtchen entgegen; die schlanke Frau folgte seiner Einladung und trat mit dem Kinde bei ihm ein. Er nahm den Kleinen auf den Arm, herzte ihn und erzählte, daß in seinem Garten prächtige Blumen für den lieben Jungen gewachsen seien, die er alle pflücken dürfe. Der kleine Fritz von Stein lachte hell auf vor Vergnügen und zappelte, um zur Erde zu kommen, damit er hinaus auf die Terrassen unter die blühenden Bäume laufen könne.

Hinter dem hellgetünchten kleinen Hause befand sich ein gegen Staub und unberufene Gaffer wohlgeschütztes Plätzchen. Knospendes Jelängerjelieber rankte an der Hauswand hinauf, eine Bank und ein Tisch standen daran; vor sich hatte man den schattigen und doch sonnig durchleuchteten Garten. Freundliche Lichter hüpften unter den bewegten Zweigen über Blumen und Moos, und unter ihnen das jauchzende Kind in seinem Sammeleifer, die Händchen voll grüner Herrlichkeiten.

Die beiden Menschen am Hause, die sich so wohl verstanden, hatten noch wenig gesprochen, sie schwelgten in der wonnigen Natur und in dem Glücke des Zusammenseins.

„Ich fühlte eine heiße Sehnsucht nach Dir, und da sah ich Dich kommen, es war eine schöne Erfüllung!“ sagte Goethe mit tiefem Gefühle.

„Der gestrige Abend bei Baron Reinbabens lag mir schwer im Sinn,“ entgegnete Charlotte von Stein, ihre weiche Gemüthsstimmung bemeisternd. „Ich wollte einmal ruhig mit Ihnen unsere, Ihre Lage erwägen, deshalb kam ich heute.“

„Ich habe auch die Nacht durch manches Knäulchen Gedankenzwirn auf- und abgewickelt.“

„Ich dachte mir’s. Sie wissen, daß ich Sie schätze, Sie lieb habe wie einen jüngeren Bruder, oder älteren Sohn! – Aber warum dies große, warme Gefühl, das in meinem Herzen erstanden ist, da es eben am Zuschließen war, in irgend eine irdisch übliche Form gießen? – Genug, daß mich Ihr Wohl wie etwas Eignes interessirt; daß ich sogar ohne Bedenken, wenn wir allein sind, Formen, übliche Trennungszeichen menschlicher Beziehungen als überflüssige Schranken zwischen zwei Seelen, die [486] so tief verbunden sind, fallen lasse; daß ich Dir das schwesterliche Du gebe, und es mit süßer Freude von Dir annehme. Dies Alles, mein Wolfgang, mein Freund, gehört aber nicht vor den Richterstuhl der tadelsüchtigen, ewig mißverstehenden Menge, die ja für unsere tiefe Sympathie kein Organ hat, die Alles, was uns reinigt und begeistert, mit dem Maß unwürdiger Koketterie oder Liebelei mißt und danach abthut. Also, thörichter, unvorsichtiger Liebling! Sei auf Deiner Hut vor dieser spitzzüngigen großen Welt und hüte Deine glühenden Dichterworte vor Denen, die sie nur mit Spott aufnehmen.“

Sie hatte warm und mit Anmuth gesprochen; er hielt schon lange ihre linke Hand zwischen seinen beiden Händen gefangen; während sie, in der Rechten einen blühenden Fliederzweig schwingend, mit graziösem Tändeln ihre Worte begleitete, sah er ihr glücklich lächelnd in das feine, bewegte Antlitz. Sie fuhr nach einer kleinen Pause fort:

„Die Herzogin Luise, bedrückt von ihres Gatten sichtlicher Kälte gegen sie; Dir anfänglich mit Wohlwollen entgegenkommend, hat jetzt den Einflüsterungen des Grafen Görtz Gehör geschenkt, sie hält Dich für ihren Rivalen, für den Verführer ihres Gatten, der ihr sein Herz entfremdet, und sieht Dich mit eifersüchtigem Uebelwollen an.“

„Mich? Der ich sie so herzlich verehre?“ rief Goethe erstaunt.

„Ja, es ist so. Wie unwillkommen Du den Beamten im Conseil warst, ist Dir kein Geheimniß geblieben. Der Boden ist also unsicher und glatt unter Deinen Füßen und Vorsicht, wohlüberlegtes Auftreten ein Gebot der Klugheit. Diese Vermummungen, diese geistreichen, improvisirten Scherze, wie gestern Abend, sind in solchem Kreise nicht erlaubt.“

„Erlaubt ist, was gefällt!“ lachte er.

„Erlaubt ist, was sich schickt,“ entgegnete sie bestimmt.

Auch er ward jetzt ernster.

„Sollen wir denn immer und überall entsagen und uns beschränken?“ rief er unmuthig. „Der Herzog hat mich an sein Geschäft gebunden; aus der Liebschaft ist eine Ehe geworden! Ich habe hier zu Wieland, Knebel, Einsiedel und Anderen eine gute, reine Stellung. Mein Freund Herder wird noch herkommen, so bin ich gedeckt und biete allen Hofschranzen die Spitze. Ich will und bedarf kaum mehr, wenn Du mich nicht los läßt, Geliebteste, denn die Sicherheit meines Verhältnisses zu den einmal Erwählten, mir Gegebenen kann ich nicht entbehren.“

„Du darfst und wirst nie an mir zweifeln,“ sagte sie innig. „Was ein treuer Mensch dem Andern sein kann, bin ich Dir immerdar! Laß mich Dir eine Stütze sein, geliebter Freund! Verstehe meine Ruhe, wenn wir zusammen unter Menschen sind; ich darf ja nicht zeigen, wie hoch ich Dich halte!“

Er küßte ihre Hand wiederholt und dankte ihr mit flammenden Liebesworten. Eine frische Männerstimme rief jetzt seinen Namen, er sprang auf und eilte dem Herzoge entgegen.

„Ah!“ lachte Karl August schelmisch, „gewiß ein ästhetisches Conseil, das ich störe? Bitte um Verzeihung, bin aber verteufelt gern mit von der Partie und sehe nicht ein, warum ich mich an diesem goldenen Frühlingstage ennuyiren soll.“

Er setzte sich zu den Beiden, die ihn artig begrüßten.

Das Gespräch wandte sich bald auf Christoph Kaufmann. Goethe erzählte, daß Kaufmann bei einem Manne, den er seinen Herrn und Meister nenne, in Kassel sei, daß er aber mit dem Gedanken umgehe, noch einmal nach Weimar zurück zu kehren.

„Und wie heißt der Mann, bei dem dieser wunderliche Gast sich aufhält?“

„Graf von Saint Germain; er ist ein berüchtigter französischer Abenteurer. Landgraf Friedrich von Hessen, der den Mäcenas spielt und die üppige französische Wirthschaft führt, zieht solche Geister an. Uebrigens giebt es auch Leute genug, die auf des Grafen Wunderthaten und übernatürliche Künste schwören.“

„Ich möchte auch nicht Alles ablehnen, was nicht klar vor mir liegt,“ sagte der Herzog mit sinnendem Ausdruck, „und jenes ofterwähnten Meisters Bekanntschaft würde mich höchlich ergötzen. Görtz soll an den Hofmarschall von Bischofshausen in Kassel schreiben und wegen jenes Grafen Saint Germain, den Du als Protector Kausmann’s nanntest, anfragen.“

„Das wird dem sehr gelegen kommen,“ sagte Goethe trocken.

Frau von Stein sah ihn befremdet an, dann ftagte sie:

„Sie scheinen einen Wunsch oder gar die Absicht jenes Wundermannes vorauszusetzen, hierher zu kommen? Wie verstehe ich den Argwohn des Dichters diesen phantastischen Leuten gegenüber? Hat Ihr Prophet Lavater nicht unter Kausmann’s Silhouette geschrieben: ‚Er kann, was er will!‘ Hat er ihn nicht für einen außergewöhnlich begabten Menschen erklärt?“

„Allerdings hat er das!“ rief Goethe auflachend, „als Beweis, daß auch Propheten irren können.“

„Nun, streiten wir nicht,“ sagte der Herzog besänftigend. „Ich für meinen Theil lasse diese curiösen Adamssöhne noch nicht fallen; wir wollen auch nicht übersehen, daß sich in unserer Zeit Mancherlei für sie regt. Man rüttelt von allen Seiten an Pforten, die in dunkle Tiefen der Natur führen, und vielleicht wird sich hier oder da ein lichter Spalt aufthun. Mit einem jener Absonderlichen in nähere Berührung zu treten, könnte mich baß gaudiren!“

„Nur in der Kunst keine Dunkelheiten und dem Leben abgewandte Spitzfindigkeiten!“ rief Goethe erregt. „Mein Bestreben, meine unablenkbare Richtung ist: dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; wer das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen sucht, verirrt sich vom Ziel abwärts. Und sonach ist mir alles dämmerig Unnatürliche verdächtig.“

„Wenn man sich seltsame Käuze in der Nähe ansieht, ist man ihnen und ihrer ganzen Richtung ja nicht mit Haut und Haaren verfallen!“ lachte der Herzog; damit stand er auf und fragte, ob Frau von Stein ihn mit dem Freunde zurück begleiten werde?

Die kleine Gesellschaft schlug, unter fortgesetztem Geplauder, den Weg zur Stadt ein. Es begegneten ihnen öfter ehrerbietig grüßende Spaziergänger, die, obwohl die Sonne schon im Sinken war, doch noch auszogen, den schönen Abend im Freien zu genießen.

“Da kommen ein paar bekannte Damen,“ sagte Frau von Stein zu den lebhaft redenden Männern. „Es ist Auguste Kalb mit der kleinen Laßberg, die so lange krank war.“

„Klein nennen Sie die?“ flüsterte der Herzog, „sie ist ja eine schlanke Elfe und viel größer als das dicke Gustchen.“

Man trat den jungen Mädchen entgegen, und Frau von Stein fragte nach Christels Gesundheit. Mit niedergeschlagenen Augen stammelte diese, daß es ihr wohl gehe.

Der Herzog neckte Auguste mit den „Flammenküssen“ der scheidenden Sonne, die, „ihren Lilienteint umwerbend, Unheil anrichten würden“.

Gustchens warme bräunliche Haut färbte sich höher bei diesem leicht erkennbaren Spott, und sie wehrte sich in lebhafter Weise.

Goethe vermied es seit jenem Redoutenabend, ihr Artigkeiten zu erzeigen, er wandte sich also zu der eben Genesenen und sagte ihr einige theilnehmende Worte. Hohe Gluth wechselte mit Todtenblässe auf den feinen Zügen des bebenden Mädchens, und sie vermochte sichtlich kein Wort der Erwiderung hervor zu bringen. Unter ihren beinah geschlossenen Wimpern quollen Thränen hervor, und gleich darauf mußte Frau von Stein die Schwankende in ihren Armen auffangen.

Die Herren erschraken, man sprach davon, sie nach Goethe’s Hause zu tragen, eine Sänfte zu holen und dergleichen mehr. Bald aber richtete sich Christel mit großer Selbstbeherrschung auf, versicherte, indem ihre Farbe wiederkehrte, ihr sei Wohl, und verabschiedete sich hastig von der Gesellschaft, indem sie den Arm ihrer Begleiterin nahm.

Die beiden Männer sahen sich erstaunt und kopfschüttelnd an, und Goethe sagte:

„Welch seltsamer Windzug der Freundschaft führt diese beiden Seelen zu einander? Wie kommt’s, daß gerade die sich ihre Gefühle geben? Gustchen eine derbe und bis auf den Grund hohle Natur, und daneben diese fest geschlossene Knospe, diese Sensitive, die bei jeder Berührung erzitternd in sich selbst zurück schreckt, süßleidender Sentimentalität hingegeben. Nur die leeren Häuser stehen offen und die reichen sind geschlossen!“

[498]
15.

Die alte Frau von Werthern war in der letzten Zeit mit dem Betragen ihrer Schwiegertochter außerordentlich zufrieden gewesen.

Emilie hatte es sogar neuerdings abgelehnt, in dem Goethe’schen Singspiel „Erwin und Elmire“ – von der Herzogin Amalie in Musik gesetzt – die Hauptrolle zu übernehmen, zu der man sie, neben Mademoiselle Rudorf, auf den besonderen Wunsch des Herzogs bestimmt hatte. Sie zog sich erst zurück, nachdem schon ein Paar Proben abgehalten waren, und brachte die Gesellschaft in einige Verlegenheit. Sic schützte aber Unwohlsein vor, und in der That konnte man ihr glauben, so seltsam bewegt, wechselnd in Farbe und Ausdruck wie jetzt, war sie früher nie gewesen. Auguste von Kalb trat nach einigen koketten Winkelzügen für sie ein und machte nun mit dem Kammerherrn von Seckendorf das zweite Paar.

Ließ auch Emiliens Verfahren an Rücksichtnahme einiges zu wünschen übrig, so verzieh ihr die Schwiegermutter in dem tröstlichen Gefühl, daß sie den bösen Zungen, die ihre Beziehungen zu dem jungen Fürsten bespöttelten, diesmal keine Ursache zu schlimmen Bemerkungen gebe. Auch daß Emilie viel zu Hause blieb, still für sich in der Gartenlaube saß, sich höchstens von dem ungefährlichen Bergrath von Einsiedel vorlesen ließ, diente zur Beruhigung der alten Dame. Sie empfand es als ein um so größeres Glück, daß Milli plötzlich so verständig geworden war, als ihr Gatte sie ärger denn je vernachlässigte.

Der Rittmeister hatte mit der Fuchsstute ein gutes Geschäft gemacht und schwamm im Ueberfluß; die Zeit der contractlichen Rücksichtsnahme für seine Frau war überstanden, er lebte jetzt also um so wilder, war oft Tage und Wochen lang auf Nachbargütern, zu dienstlichen Ritten oder Jagdpartien entfernt und bekümmerte sich wenig um beide Damen.

Emilie schien die Empfindlichkeit über ihres Mannes Benehmen abgelegt zu haben. Wenn er früher Tage lang nicht nach Hause kam, oder Abend für Abend in’s Wirthshaus ging, hatte sie sich schweigsam mit Thränen in den Augen abgewandt. Jetzt fand er sie immer gleichmüthig gestimmt. Raffte er sich zu einer Art Entschuldigung über sein Ausbleiben, seinen Lebenswandel zusammen, so pflegte sie zu entgegnen: er solle doch ja nach seinem Gefallen leben und ihretwegen sich nicht beunruhigen. Kurz, sie machte es jetzt beiden Theilen recht und war ihm eine so bequeme Frau, daß er anfing, sie auf seine Weise gern zu haben.

Es war an einem warmen Junitage, als Emilie mit ihrer Filetarbeit in der verschnittenen Lindenlaube saß, welche ihr den kleinen Stadtgarten so angenehm machte. Dies Fleckchen hinter dem von Häusern eingeschlossenen Hofplatz, eingehegt von einer Nachbarmauer, an zwei Seiten von andern Gärten umfaßt, war trotz seiner Enge, seiner Ein- und Abgeschlossenheit ein Paradies für die junge Frau geworden. Ein Paar schmale, von Buchsbaum und Lavendel begrenzte Wege, ein alter hoher Apfelbaum voll Staar- und Sperlingsgezwitscher, einige Taxusfiguren, ein Beet mit starkduftenden Narcissen und etwas Gebüsch gab die ganze Herrlichkeit ab. Die Lindenlaube war auch mehr einem Vogelbauer ähnlich, als einem Aufenthalt im Freien, sie hatte eine ringsum laufende Bank und einen runden, den mittleren Lindenstamm umfassenden Tisch, an dem Emilie jetzt ihr Nadelkissen zu einer endlosen Filetarbeit festgeschraubt hatte. Sie ließ aber oft die Hände sinken und schaute ungeduldig nach der kleinen Lattenthür, die auf den Hof führte; es war ersichtlich, daß sie Jemand erwartete.

Endlich öffnete sich das Pförtchen, und Moritz von Einsiedel trat in den Garten; das hübsche Gesicht der jungen Frau wurde bei seinem Erscheinen von einem hellen Roth der Freude übergossen. Er kam zu ihr in die Laube, küßte ihr die Hand und setzte sich neben sie; ein Buch, das er mitgebracht hatte, auf den Tisch legend.

„Sie sehen ernster aus als sonst, Herr von Einsiedel,“ sagte Emilie, ihn ängstlich beobachtend. „Habe ich irgend etwas gethan, das Sie verdrießt? Als Sie gingen, waren Sie mit mir zufrieden, weil ich die Rolle der Elmire auf Ihren Rath abgegeben hatte.“

„Es war verständig von Ihnen, daß Sie mir folgten; seien Sie ferner vorsichtig, auch wenn ich nicht da bin, Sie zu warnen.“

„Müssen Sie schon wieder verreisen?“ rief sie erschrocken.

Er seufzte, sah sie an und murmelte gepreßt: „Ja, auf lange Zeit.“

Sie schrie fast auf: „Gehen wollen Sie? Um Gottes willen, was haben Sie vor?“

„Ich komme, dem Rittmeister die Wohnung zu kündigen, da ich ganz fort will,“ sagte er hart und trocken.

Emilie war sichtlich keines Wortes mächtig, endlich brach sie in Schluchzen aus. Sie legte ihren Kopf in beide Hände und weinte laut, während ihr Körper krampfhaft bebte.

Diesen rückhaltlosen Ausbruch der reizbaren Frau hatte er nicht erwartet. Auch seine Farbe wechselte; er flehte sie an, sich zu beruhigen, er wolle ganz, ganz rückhaltlos offen gegen sie sein, dann müsse und werde sie ihm Recht geben. Er zog ihr die Hände von den Augen, küßte ihre thränenfeuchten Finger, sprang dann plötzlich auf, machte einen raschen Gang durch den kleinen Garten und kehrte beruhigter zu ihr zurück.

Sie erwartete ihn bleich mit weitgeöffneten, fragenden Augen.

„Was treibt Sie fort,“ stammelte sie, „warum wollen Sie mir das anthun? Sie wissen ja, wie glücklich ich war, wenn Sie mir vorlasen, mit mir plauderten! Ich war nicht mehr vergnügungssüchtig, nicht mehr anspruchsvoll. Diese Laube war meine Welt. Ich konnte jetzt meine Schwiegermutter und Werthern zufrieden stellen, aber nur, weil ich glücklich war durch den Verkehr mit Ihnen.“

Es lag etwas Schlichtes, Rührendes in ihren Worten und in der demüthigen Weise, in der sie sprach.

Er setzte sich ihr gegenüber; ernst und doch voll Milde und Liebe sah er das bebende junge Weib an, dann sagte er mit tiefem Athemzuge:

„Ich fühlte lange, daß ein rettender Entschluß für uns Beide gefaßt werden müsse. Täglich konnte ich Sie weniger entbehren, Emilie. Seit dem Winter fingen plötzlich meine Gedanken an, sich nur auf Sie zu richten. Ich war nicht mehr derselbe, ich konnte nicht bei meinen Büchern aushalten. Immer dachte ich daran, wie ich Ihnen begegnen könnte. Seit einigen Wochen trafen wir uns täglich. Anfänglich ergab auch ich mich dem Reiz dieses Verkehrs ohne Gegenwehr, dann ward mein Zustand, wenn [499] ich nicht bei Ihnen war, ein peinvoller Kampf. Wohin führte uns diese Neigung, der wir uns überließen? – Es ward nichts zwischen uns ausgesprochen, aber wir wußten, wir fühlten Beide, bei jedem Blick, jedem Laut, jeder Berührung, wie theuer wir einander waren. – Ich bin kein gewissenloser Phantast, Emilie; ich will uns nicht in’s Elend stürzen. Ich bin ein Mann, der ernst mit sich und seinen Leidenschaften ringt. Fest sagte ich mir: bis hierher und nicht weiter! Dann fragte ich mich: was thun? Wie der gefährlichen, der wachsenden Empfindung, entgegentreten oder ihr entrinnen? – Da bot sich mir die nöthige Umkehr in der Form einer jahrelangen Trennung. – Mir wurde kürzlich von einer Compagnie zur Ausbeutung afrikanischer Goldbergwerke ein günstiges Anerbieten gemacht. Unter anderen Verhältnissen würde ich meine Stellung hier nicht aufgeben, jetzt thue ich es Ihret-, unsertwegen, Emilie. Es ist ein rettender Ausweg, den ich mit blutendem Herzen, aber getrieben von der Nothwendigkeit einer Trennung einschlage.“

„Das überlebe ich nicht!“ stöhnte sie mit verzweiflungsvollem Ausblick. „Verlassen von Ihnen, was soll ich anfangen? O, könnte ich mich, doch von Werthern scheiden lassen!“

„Scheiden, scheiden!“ rief er, das Wort aufgreifend. „Scheiden, ja, das wäre nichts als ein äußerliches Bethätigen des innerlich längst Geschehenen.“

„O sagen Sie mir, was ich thun soll? Ich gehorche Ihnen, ich will nichts, als mich Ihnen unterwerfen. Soll ich zu Werthern gehen und ihm sagen, was ich wünsche? Vielleicht wird er mich schlagen, aber was schadet das! Die Mutter –“ sie stockte plötzlich, ward roth und blaß, sagte noch einmal: „Die Mutter“ – und brach dann wieder in Thränen aus.

„Nun?“ fragte er gespannt. „Glauben’ Sie, daß Frau von Werthern Ihnen wesentliche Hindernisse in den Weg legen kann?“

„Meine Schwiegermutter,“ stammelte Emilie, „ist ein Engel; sie besitzt alle die Tugenden, welche ihrem Stiefsohne fehlen. Sie öffnete mir ihre Arme, nahm mich in ihre Obhut und ward meine Freundin. Was sie vermochte, hat sie für mich gethan. Dafür forderte sie nur, daß ich den bösen Schein meide, daß ich einen Schleier über mein trauriges häusliches Verhältniß werfe und meinem, ihrem guten Namen jedes Opfer bringe. Mit den heiligsten Eiden habe ich ihr diese Schonung zugeschworen. Ich würde sie entsetzen, wenn ich ihr von einer Scheidung sprechen wollte. Das war es, was eben wie mit Bergeslasten auf mich fiel!“

Nach einer für beide Seelen inhaltschweren Pause sagte er:

„Sie haben Recht, eine Scheidung ist etwas Verletzendes für alle Theile. Auch ich bange davor, dies Verfahren über Sie kommen zu sehen.“

„Aber was dann?“

„Ich wähnte sagen zu können: bis hierher und nicht weiter!

Aber eine neue Stunde bringt neue Gewalten in’s Spiel; treibende, fordernde, herzbewegende Empfindungen. Eben war ich noch Herr der Verhältnisse, sicher die Wogen meines Lebensstromes theilend – jetzt schlagen mir die Sturzwellen über dem Kopfe zusammen.“

„O, daß ich Sie mit mir in diese Noth bringe!“

„Emilie! Noth? Ist das, was ich für Sie empfinde, nicht trotz Allem – Seligkeit?“

„Moritz, also doch? Also wirklich?“ jubelte sie.

„Ich bin wie aus einem Kerker an’s Licht gestiegen. Vergraben in meine Wissenschaft, suchte und fand ich nur in ihr Zweck und Ziel. Plötzlich schmückt sich in der Liebe zu Dir das Leben mit ungeahntem Reize. Ich weiß, ich fühl’s jetzt: Mann und Weib können sich hienieden das Höchste sein und geben!“

„Oder das fürchterlichste Elend bereiten,“ sagte sie jammernd.

„Ja, Du hast Recht! Es ist eine Grausamkeit, Dich, liebstes Wesen, Dich, für deren Wohl mein Vaterland aufgebe, hier in dieser unwürdigen Lage hülflos zurückzulassen, seiner, des Rohen Gewalt preisgegeben!“

Emilie stöhnte in wortloser Qual.

Er schwieg, tiefbewegt und schaute rathlos vor sich hin.

„Wäre ich doch todt;“ seufzte sie, „und läge daheim auf dem elterlichen Gut in der düstern Familiengruft!“

„Ja, es wäre, besser für Dich!“

Es war ein Seufzer der Verzweiflung und zugleich der Resignation, mit dem er diesen herben Ausspruch that.

Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, sah dann plötzlich wie von einem Entschluß erfaßt auf und sagte:

„Ich will keine Eclat machende Scheidung, aber ich will Trennung; ich bleibe nicht bei ihm! Mein guter, treuer Bruder, der jetzt das elterliche Gut bewirthschaftet, verheirathet mit einer Jugendfreundin von mir, hat mir versprochen, daß er mich aufnehmen wolle, wenn Werthern mich schlecht behandle. Ich war schon oft in Leitzkau bei den Geschwistern. Sie kennen meine Liebe und Rücksichtnahme für die herrliche alte Frau hier und billigen diese Empfindung. Ich will zu ihnen, ihnen meine Lage schildern, um ihren Beistand flehen, sie sollen mich für den traurigen Rest meines Lebens bei sich behalten.“

„Wird Deine Schwiegermutter diesen Plan der Trennung billigen?“

„Ich nehme keinen Abschied von ihr; ich theile ihr meine Absicht nicht mit! Wenn sie mich wiedersehen will, muß sie auf das Gut kommen.“

„Armes Kind, wie wirst Du es ertragen, ohne Zweck und Ziel, in der Einsamkeit begraben Dein Leben hinzubringen! O, könnten wir wenigstens die kurz gemessene Zeit vorher bei einander sein! Dann nähmen wir Beide eine glückselige Erinnerung mit in unsere Verbannung!“

Sie griff dieses Wort auf, sie versicherte ihm, er werde als Gast ihres Bruders willkommen sein; sie malte ihm aus, wie abgeschieden und sicher vor Späherblicken man in Leitzkau lebe, wie Geschwister ihnen ein paar Tage Seligkeit, ein paar Tage unbefangenen Sehens, Verkehrens, sich Liebens gönnen würden.

„Und sollte auch der Tod am Ende einer solchen Himmelswonne lauern,“ rief sie leidenschaftlich, „er würde mir willkommen sein! Was gäbe es denn noch Höheres, Herrlicheres in dieser Welt zu erleben, als die genossene Seligkeit mit Dir? Dann wüßte ich, weshalb ich geboren wurde, und wollte gern scheiden!“

Sie verfolgten ihren Plan und beschlossen, Weimar zusammen zu verlassen.

Emilie meldete sich bei ihren Geschwistern, und der Bergrath kündigte seinem Hauswirth die Wohnung, löste seine Beziehungen und richtete Alles zur Abreise ein.

Als die junge Frau über ihre angegriffene Gesundheit klagte, rieth die Mutter selbst zu einem Landaufenthalte beim Bruder.

Da eben der Hof einen begünstigten Theil der Gesellschaft zu längerem Besuche auf der Ettersburg einlud, wo mancherlei Lustbarkeiten stattfinden sollten, und auch Emilie dieser Auszeichnung gewürdigt ward, trieb die sorgliche alte Dame selbst ihre Schwiegertochter, bald nach Leitzkau abzureisen, um sich die Anstrengungen der Ettersburger Fêten nicht aufzuerlegen. Sie war entzückt von dem Verhalten ihres verständigen, folgsamen Kindes, das die Freuden der Hofgesellschaften aus Rücksichten, und wie sie meinte auf ihr Zureden, opferte, und hoffte, daß sich so nach und nach immer mehr ihre gefährlichen Beziehungen zu dem jungen Herzoge lösen würden.

Herr von Einsiedel zog aus dem Werthern’schen Hause fort; er beabsichtigte die letzte Nacht im Gasthofe zuzubringen.

Der Rittmeister war vor ein paar Tagen abgereist, um eine große Hofjagd in Sondershausen mitzumachen.

Emilie hatte sich den Wagen ihres Bruders zur Stadt bestellt, sie wollte am andern Tage Weimar verlassen; diesen letzten Abend verlebte sie bei ihrer Schwiegermutter in deren wohnlichem Stübchen, aus dem sie sich so oft Trost und Liebesbeweise geholt hatte.

„Du bist wirklich sehr nervenschwach, mein liebes Kind,“ sagte die alte Dame beim Abschiede in ermunterndem Tone zu der Weinenden. „Es ist die höchste Zeit, daß Du hier fort und auf das Gut kommst. Ich empfinde ja mit Dir, mein Schäfchen, aber um so mehr lobe ich Dich und halte Dich in Ehren! Du wirst es nie bereuen, Deiner alten, besten Freundin gefolgt zu sein.“

Das war zu viel Güte von Seiten der arglosen Frau! Emilie warf sich, ergriffen von Trennungsschmerz, ihr zu Füßen, umfaßte ihre Kniee und schluchzte laut.

Frau von Werthern erschrak. „Welche Scene, mein Kind! Keine Exaltation, ich bitte; auch meine Nerven ertragen das nicht. Steh’ auf und geh’, wir sehen uns hoffentlich bald und frischen Muthes Wieder!“

Emilie sprang auf, noch einmal umfaßte sie die Mutter, küßte sie leidenschaftlich und stürzte wortlos hinaus.

[500] Am andern Morgen stand der Leitzkauer Wagen, bepackt mit ein paar Koffern vor Emiliens Hause. Erfüllt von widerstreitenden Empfindungen, warf die Flüchtende, die auf Nimmerwiederkehr Scheidende, sich hinein. Sie hatte mit Einsiedel die Abrede getroffen, daß er zu Fuß die Stadt verlassen und draußen, an der kleinen Schleuse des Schwanensees, zu ihr in den Wagen steigen solle. Sowie sie das Thor hinter sich hatte, richtete sich all ihr Denken auf ihn. Eine wallende Freude und Spannung erfüllte ihr leichtbewegliches Gemüth, und, den Ledervorhang der Kutsche zurückschiebend, legte sie sich weit hinaus, um nach dem Ersehnten auszuspähen. Da schritt vor dem Wagen ein Mann auf die kleine Wiesenschleuse zu; das mußte er sein!

Sie! gebot dem alten Kutscher aus der Heimath, bei dem Herrn drüben anzuhalten. Der Mann nickte gehorsam, schlug auf seine Gäule und fuhr auf die vor ihm befindliche Gestalt zu; jetzt hielt er dicht neben dem Wanderer. Emilie bog sich weit heraus, um ebenso rasch erschrocken zurück zu fahren.

Es war der Oberkämmerer von Göchhausen, welcher, von seinem Krankenlager erstanden, den gewohnten Morgenspaziergang machte und jetzt an der Schleuse stand; sie zerstreut aus seinen wasserblauen Augen anstarrend, schlug er mit dem Stock auf das Holz und sagte pathetisch:

„Louis Wilhelm von Göchhausen ist hier gewesen!“

Dann wandte er sich ab und schritt davon. Auf der andern Seite des Wagens aber wurde ln diesem Augenblicke die Thür aufgerissen; mit raschem Satz sprang Moritz von Einsiedel zu der Geliebten herein!

[512]
16.

„Ist das ein Tag!“ rief Karl August, sich im abendlichen Waldesschatten auf moosigdm Gründe dehnend. „Man möchte ihn immer weiter leben und dann nochmals von vorn anfangen! He, reich Mir die Feldflasche, Wedel, laß sie füllen und kreisen, denn Ihr werdet alle durstig sein.“

Und es war in der That ein Tag, wie man ihn nicht schöner denken konnte. Des Herzogs „zappelnde Frühlingsungeduld“ zu, befriedigen, war man mit einer Gesellschaft fröhlicher Jagdkumpane Tages zuvor aus Weimar aufgebrochen. Ueber Berka und Stadt Ilm ging’s zu Pferde nach Ilmenau, wo die Besichtigung der wieder in Angriff zu nehmenden Bergwerke Hauptanlaß des Kommens und der landesherrlichen Sorge war, da die arme Bevölkerung Verdienst brauchte.

Nach einem Abendtanz im Schießhause, wo sich die Mädchen und Burschen der Nachbarschaft versammelten, denen die Cavaliere in ihren Jagdkleidern sich fröhlich gesellten, hatte man die Nacht in Ilmenau zugebracht, um heute in aller Frühe die Hirschjagd zu beginnen. Jetzt lag eine ganze „Strecke“ der edlen Thiere unter den Bäumen. Ein junger Spießer ward eben ausgeweidet, er sollte von einem gewandten Jagdgehülfen am abseits lodernden Feuer für die Abendmahlzeit gebraten werden. Man befand sich zu fern von Menschenwohnungen, um ein Nachtquartier aufzusuchen; hatte es doch auch Reiz, die laue Frühlingsnacht im Freien zuzubringen. Das Bretterhaus auf dem nahen „Gickelhahn“ sollte dem Herzog als Nachtquartier dienen, für die andern Jäger waren Laubhütten unter den Bäumen aufgeschlagen.

Auch Goethe war am Morgen mit von Ilmenau hinausgezogen, ihn reizte das Jagdvergnügen aber nicht; die Anspannung, welche dasselbe erforderte, hinderte ihn, sich der Naturbetrachtung in seiner Weise hinzugeben, und nahm ihm die Sammlung, welche er draußen in Wald und Feld begehrte.

Mit der Skizzenmappe und dem Bergstock wunderte er, dem Stande der Sonne folgend, die waldigen Berge hinan. Zuvor war die Abrede getroffen, daß er sich gegen Abend in der Nähe des Gickelhahns, wo Hallali geblasen werden sollte, zum gemeinschaftlichen Abendessen wieder einfinden wolle. So hatte er einen schönen Tag nach seinem Sinn, einen Tag recht am Herzen der Natur, den er schlendernd, beobachtend, zeichnend zubringen wollte, vor sich, und tauchte tief aufathmend in wohligem Freiheitsgefühl in das Meer von Grün ein, das ihn wie mit duftigen Wogen umfing.

Das Zeichnen war ihm eine Herzenssache, eine Beschäftigung, auf die er immer wieder mit Vorliebe zurückgriff.

Hier stieg er auf elastischem Moosteppich, dort durch raschelnd dürres Winterlaub, über Steingeröll oder ausgefahrene Geleise der Holzfuhrleute und Köhler hinan. Der Rain war mit jungen Erdbeerblüthen bedeckt; dort schwankte noch die letzte Weiße Anemone auf zartem Stengel im Lustzuge; auf sonniger Waldwiese mischten sich wilde blaue Salbeidolden mit Klee und weißen Sternblumen. An feucht dämmerigen Stellen schossen die frischgrünen Düten der Maiglöckchen mit ihren duftigen Blüthen auf, und Brombeer- und Himbeerranken kletterten im Unterholz. Lautschallend pickte der Specht, der Kukuk rief, Käfer und Schmetterlinge schwirrten lustig umher.

Endlich hatte er die freie Höhe des Berges erreicht, zu dem er aufstieg. Er stand über den bewegten Wipfeln, die zu ihm heraufstrebten, und schaute tief in saftgrüne Waldweiden, wo scheue Rehe ästen. Andere Bergeshäupter im köstlich grünen Waldmantel standen um ihn her. In blauer, sonnendurchglühter Ferne fand sich ein Durchblick zur feldbebauten Fläche, in der er einen Wasserfaden verfolgen und einen Kirchthurm erkennen konnte. Begeistert flammte sein Blick über das großartige Stück friedvollen Naturlebens, das vor ihm ausgebreitet lag, und er begann umherzuspähen, wo er das Plätzchen finden könne, nach dem er sich für seinen Stift sehnte. Die schlichte Natur schien ihm nicht zu genügen. Ihm kaum bewußt, verlangte sein plastischer Trieb nach Staffage, nach Menschenspüren und menschlichem Wirken.

Da sah er rechts in der Ferne, wie eingetaucht in grüne Wipfel, das ragende Hirschgeweih einer Försterei und beschloß, seine Schritte dorthin zu lenken. Er dachte dabei an ein frisches Glas Milch und stieg abwärts der wohlgemerkten Stelle zu.

Nach viertelstündigem rüstigem Wandern lichtete sich der Wald, und die bräunlichen Holzwände der Försterei wurden zwischen den Stämmen sichtbar.

Die Lage des Hauses übertraf seine Erwartungen; es stand auf einer Bergwiese, von der aus nach der einen Seite hin sich ein freier Blick in’s Land darbot; zur andern Seite des schlichten Holzbaues erhob sich ein schönbewachsener Fels, von dem ein Wässerchen herabsickerte und an welchen sich ein Wald mit niederem Unterholz anschloß.

Er wählte sich im Gebüsch einen Platz, nahm seine Mappe auf die Kniee und begann das friedlich hübsche Bild zu zeichnen.

Da plötzlich vernahm er eine helle Kinderstimme, und aus dem Hause hervor lief ein kleines Ding im Hemdchen mit bloßen Füßen quer über die Wiese dem Walde zu. Gleich hinterher sprang die leichte Gestalt eines schlanken Mädchens; es holte den kleinen Flüchtling ein, neigte sich, redete zum Guten, hob das Kind auf den Arm und wandte sich dem Hause zu.

[514] Dem Zeichner fiel sein voriges Gelüst nach einem Glase Milch ein, er stand rasch auf und befand sich neben dem Mädchen, bevor es noch mit dem Kinde die Hausthür erreicht hatte. Als sich die beiden Blondköpfe nach ihm umwandten, ward er überrascht von der wunderbaren Schönheit des älteren. Er glaubte nie ein so frisches, idealschönes Angesicht gesehen zu haben. Aus großen blauen Augen schallte sie ihn fragend an.

Er sagte, daß er als Zeichner komme, drüben am Waldesrande sein Geräth habe und um eine Erquickung bitte. Sie hieß ihn sich auf die Bank setzen, sie wolle nur die kleine Schwester hineintragen, dann bringe sie ihm, was er wünsche.

Einige Minuten saß er allen auf der rohgezimmerten Bank, unter den duftenden Goldlackstöcken, die im Fensterbrette standen. Der Hund legte zutraulich die kalte Schnauze auf sein Knie und ließ sich den Kopf krauen.

Bald kam das Mädchen mit Brod und Schinken, sie hielt einen Krug in der Hand und eilte zum Stalle, um frische Milch zn holen; behende war sie auch damit zurück. Sie nahm die Kleine auf den Schooß, setzte sich zum Gaste, nöthigte ihn zuzugreifen und plauderte mit ihm und dem Kinde.

„Mein Lenchen rannte mir weg,“ sagte sie. „Gelt, Schatzel, wolltest dem Vater nach? Aber durch den wilden Wald, wo die großen Hirsche sind, kann klein Lenchen noch nicht laufen!“

„Ihr Vater ist hier der Förster?“ fragte Goethe, „er mußte wohl des Herzogs Treibjagd mitmachen, und so sind Sie allein geblieben?“

Das Mädchen bejahte; es erzählte von seinen Geschwistern, die alle schon auswärts wären, daß ihre Mutter vor einem Jahre gestorben sei und daß sie nun das Kleinste groß zu ziehen habe; dabei herzte sie das Kind, und man sah, es war ihr keine schwere Pflicht.

Goethe fand, daß er von hier auf den Wald, der vor ihm empor stieg, auf die Fernsicht zur Seite und ein Stück vom Felsen einen höchst malerischen Blick habe und seine Zeichnung viel bequemer auf dem Tische vor der Försterei anfertigen könne, als drüben unter den Bäumen, mit der Mappe aus den Knieen.

Als er diese Meinung aussprach, freute sich seihe junge Wirthin sichtlich und rief: sie habe sich immer gewünscht, zu sehen, wie ein Bild gemacht werde.

Das Kind spielte, während er jetzt zeichnete, zu seinen Füßen mit dem Hunde, und Gretchen, das ältere Mädchen, kam und ging, sah dem Zeichner über die Schulter, staunte seine Geschicklichkeit an und plauderte dabei voll Natürlichkeit und Anmuth.

Goethe betrachtete mit echter Künstlerfreude ihre tadellose Schönheit; ihr naturblondes Haar hing in zwei dicken Zöpfen lang über den Rücken herunter, die weichen, regelmäßigen Züge konnten nicht lieblicher sein. Endlich bat er sie, sich ihm gegenüber zu setzen, er wolle sie zeichnen. Sie hatte nichts dagegen, sie müsse nur erst ihre Kuh füttern; darauf nahm sie ihren Strickstrumpf und setzte sich nach seiner Angabe.

Als sie damt des Weiteren hin und her redeten, erzählte sie ihm, daß sie siebenzehn Jahre alt, und – mit hellem Erröthen fügte sie hinzu, daß sie einem jungen Chirurgen unten in Ilmenau verlobt sei; sie könne aber den Vater noch nicht verlassen, und ihr Bräutigam habe auch noch keine sichere Brodstelle, deshalb dürfe an Heirath noch nicht gedacht werden.

„Ja,“ sagte sie überlegend, „wenn der Herzog den Johann späterhin fest anstellen wollte, könnte mein Vater – in ein paar Jahren vielleicht mit einer guten Magd oder einer Tante von uns fertig werden, allzu bald verlasse ich ihn und mein Lenchen aber nicht.“

Als sie so erzählte und sich dabei einmal zur Seite wandte, rief sie plötzlich: „Ach, der Hansel!“ und eilte in's Haus.

Goethe war überrascht ihrem Blicke gefolgt; er sah einen Capitalhirsch, vorsichtig äugend, drüben aus dem Walde auf die Wiese tretet. Das stolze Thier hob und senkte langsam den Kopf mit dem mächtigen Geweihe, das wie eine hohe, vielzackige Krone über der Stirn aufragte. Dann schritt es sicher und vornehm langsam, hier und da wieder Umschau haltend, unter den breitästigen Buchen hervor.

Gretchet trat mit einigen Kastanien in der Schürze aus dem Hause, rief dem Hunde ein „Kusch!“ zu und ging dem Ankömmling entgegen. Der Hirsch blieb mit stolz gehobenem Kopfe, bereit zu fliehen, aber noch vertrauend, auf seinem Flecke stehen.

Das Mädchen hielt die Schürze auf und rief das schöne Thier mit Schmeichelnamen. Es solgte langsam, äugend, dann aber ruhig aus der Schürze fressend, wobei seine Freundin ihm die Backe klopfte. Als die Kastanien verzehrt waren, kam sie zurück, während der Hirsch im Walde verschwand.

Mit Vergnügen hatte der Dichter den Vorfall beobachtet. Gretchen erzählte ihm, indem sie mit heiterem Lachen ihre schweren Zöpfe zurückwarf: ihr schöner Hansel komme schon seit langer Zeit fast täglich. Zuerst habe sie ihm sein Lieblingsfutter auf die Wiese geworfen, jetzt nehme er's zutraulich aus ihren Händen. Sie habe nur eine große Angst, daß der Herzog einmal hier im Reviere jagen werde und daß dann der prächtige Gesell daran glauben müsse.

Während sie noch hin und her plauderten, kam der Förster nach Hause. Er berichtete von der beendeten Jagd, und Goethe sah jetzt, daß die Sonne niedrig stand.

Als Förster Slevoigt erfuhr, daß der Gast zu des Herzoge Gefolge gehöre, erbot er sich, ihm die kürzesten Fußpfade zu weisen, auf denen er von hier aus zum Gickelhahn gelangen könne, und meinte, daß er quer durch den Wald, bei rüstigen Zuschreiten, in einer Stunde dort sein werde.

Goethe brach auf und reichte mit herzlichem Danke Gretchen die Hand. Er wurde vom Vater eine Strecke Wegs begleitet und mit Jagdgeschichten unterhalten, auf die er nur zerstreut lauschte. Das schöne Mädchen und das Idyll dieses Tages erfüllten seine Gedanken!

Nachdem er sich von dem gefälligen Führer verabschiedet hatte und Ruhe fand, die empfangenen Eindrücke zu verarbeiten, festigte sich in ihm der Entschluß, die Försterei nie wieder aufzusuchen, auch den anderen Männern nichts von Gretchen Slevoigt zu sagen; sie war von einer zu wunuderbaren Schönheit! Besonders wünschte er sie vor dem Herzoge zu hüten. Gretchen hatte schon ihren Weg gewählt; mochte sie still wie eine Wunderblume auf der grünen, von keinem fremden Fuße entweihten Waldwiese weiter blühen, bis ihr Geliebter sie schützend an sein Herz nahm! Leise sang er vor sich hin:

„Im Walde sah ich ein Blümlein stehn,
Wie Sterne leuchtend die Aeuglein schön,
Ich wollt’ es brechen, da sagt es fein:
,Soll ich zum Welken gebrochen sein?'“

[530]
17.

Die Festlichkeiten auf der Ettersburg waren zur allseitigen Zufriedenheit abgelaufen. Die Hofgesellschaft kehrte nach Weimar zurück und bereitete sich auf neue gesellige Freuden vor, als eine Trauernachricht für kurze Zeit eine ernste Gemüthsstimmung unter den lustigen Weltkindern verbreitete.

Es langte von den Verwandten Emiliens von Werthern auf Leitzkow die Anzeige ihres plötzlichen Todes in Weimar an, und lief bald als Neuestes, Schreck verbreitend, von Mund zu Mund.

Die junge reizvolle Frau, bewundert und beneidet, der Ausgelassensten Eine, plötzlich dahingerafft, mitten aus dem blühenden Leben fort – es war erschütternd für alle jene fröhlichen, lebenslustigen Gemüther, die kaum jemals an ein Ende solcher guten Zeit gedacht hatten, oder doch nur an ein ganz fernes, das sich lange vorher mit grauen Locken und lebensmüder Hinfälligkeit ankündigt. Das Ergreifendste aber war ein leises Gerücht, als sei die Nachricht, daß Emilie am Schlagfluß gestorben, nicht wahr, als habe sie gewaltsam und von eigner Hand geendet.

Der so plötzlich verwittwete Rittmeister von Werthern hatte die Trauerkunde nicht einmal so früh erhalten, um zur Beerdigung hinüber zu reisen. Er schien nicht sonderlich betrübt, was Niemanden Wunder nahm, da das Verhältniß des Ehepaares zu einander kein Geheimniß geblieben war.

Der Herzog ließ es sich nicht nehmen, die alte würdige Frau von Werthern persönlich aufzusuchen. Er hatte so manche frohe Stunde mit der hübschen Milli vertändelt, hatte einen pikanten Reiz in dem Kokettiren mit ihr gefunden, daß er jetzt in seinem warmen, ehrlichen Herzen sich recht erschrocken und betrübt fühlte. Mochte sein eigentliches Liebesempfinden bei jenem Verkehr auch kaum gestreift sein, so war es doch die beste Cameradschaft gewesen, welche jetzt von der rauhen Hand des Todes so plötzlich getrennt wurde. Er fand die alte Dame, bei der er seinen Besuch zuvor hatte ansagen lassen, gefaßter als er fürchtete. Sie kam ihm mit der feinsten Form entgegen; und bald waren diese beiden Menschen in einer ernsten Unterhaltung.

„Mein armer Liebling,“ sagte Frau von Werthern mit bebender Stimme, „ist früh hinweggerafft; wie sollte aber ich darüber klagen, da für mich ja ein Wiedersehen so nahe liegt. Was mich betrifft, so will ich Eurer Durchlaucht nicht verhehlen, daß ich Gottes gnädige Fügung bewundere. Jetzt darf ich es wohl aussprechen, daß dies liebenswürdige Geschöpf nicht glücklich war; ach, und sie hätte es so sehr verdient! – Wenn ich hinzufüge, daß einer jungen schönen Frau, die ohne Schutz und Stütze von Seiten ihres Gatten dasteht, Gefahren drohen, werden Eure Durchlaucht mich gewiß verstehen. Wir sind mehrmals überein gekommen, daß der Tod besser sei als ein Verirren vom rechten Wege. Sie wollte so gern brav und tugendhaft bleiben meine kleine leichtlebige Töchter; jetzt ist sie allen Versuchungen entrückt; wohl ihr!“

„Ich fühle den Vorwurf, der in diesen Worten liegt, verehrte Frau,“ entgegnete der Herzog tief bewegt. „In seiner ganzen Schwere verdiene ich ihn aber nicht. Es war zwischen uns immer nur auf eine flüchtige Unterhaltung abgesehen; ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nie etwas gethan habe - und hoffentlich nie gethan hätte - was Emilie mit ihrem Gewissen in einen Conflict hätte bringen können. Außerordentlich bedaure ich in diesem Augenblicke mein Verhalten, da ich fürchten muß, daß es Ihnen Anlaß zu Besorgnissen gegeben hat.“

Frau von Werthern konnte dies nicht in Abrede stellen, war aber in ihrem loyalen Herzen gerührt, ja geradezu ergriffen von der Offenheit und Güte ihres jungen Landesherrn; sie gab diesen Empfindungen Ausdruck, und man trennte sich beiderseits mildbewegten Gemüths.

Karl August fühlte sich heute weich gestimmt. Nie war ihm bisher in seiner jungen Ehe das Bedürfnis gekommen, mit Luisen [531] eine Verständigung zu suchen, jetzt aber empfand er Verlangen darnach. Verheirathet, ehe er den Wunsch empfunden, hatte er den Besitz der liebenswürdigen Frau bis jetzt nicht zu schätzen gewußt. Es war nicht das Rechte zur rechten Zeit gewesen. Aber sollte sich nichts nachholen lassen? Getrieben von einem warmen Impulse, verließ er die milde alte Frau mit dem guten Vorsatz, einmal bei seinem jungen Weibe anklopfen zu wollen.

Seine Gemahlin trauerte wie er; sie hatte gleich nach ihrer Rückkehr von der Ettersburg Nachricht vom Tode ihrer geliebten Schwester – der Großfürstin Paul in Petersburg – erhalten, und ihm fiel ein, daß er sie in den letzten Tagen nur flüchtig und dann mit verweinten Augen gesehen habe. Mitleidige Sympathie und eine größere Gleichstimmung als je zuvor ließen ihn mit erwartungsvoll pochendem Herzen ihrer Thür nahen.

Luise saß in tiefes Schwarz gekleidet, die Hände im Schooß gefaltet, das feine, bleiche Haupt gesenkt, in ihrem Zimmer, dem Vorlesen ihrer Gesellschaftsdame, des Fräuleins Henriette von Wöllwarth, lauschend. Es war ein Gesang aus Klopstock’s eben erschienenen Messias, den Henriette mit kräftig ernster Stimme und einem gewissen monotonen Pathos vortrug.

Als der Herzog, den man nicht gewöhnt war um diese Stunde hier zu sehen, plötzlich eintrat, blickten sich beide Damen erschrocken nach ihm um und erhoben sich gleichzeitig zur Begrüßung; Luise sank müde wieder auf ihren Stuhl zurück, das Hoffräulein machte eine tiefe Verbeugung.

Karl August reichte seiner Frau mit theilnahmsvollem, zärtlichem Ausdruck seiner lebhaften Augen die Hand; Luise senkte ihre Blicke, die sie nur flüchtig erhoben hatte, sogleich wieder und verharrte in einer matten Apathie.

Sich jetzt zu dem Hoffräulein wendend sagte der Herzog einfach: „Ich möchte mit meiner Frau allein sein.“

Henriette sah ihn erstaunt an, so ernsthaft und ruhig war ihr Gebieter nie gewesen; sie wiederholte ihre Verbeugung und verließ das Zimmer, worauf er ihren Platz einnahm.

Jetzt blickte auch die Herzogin fragend zu ihm auf.

Als er schwieg und – wie stets, von ihrer Erscheinung, ihrem Ausdruck erkältet – nicht gleich das rechte Wort finden konnte, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, rief sie:

„Ist etwas Besonderes geschehen? Ist wieder eine Trauerbotschaft gekommen?“

„Nein,“ entgegnete er ernsthaft, „ich dächte, wir hätten Beide genug.“

„Wir?“ fragte sie, und lehnte sich mit kühler Gereiztheit zurück. „Bis jetzt hast Du an neinem Verlust, der mich so tief schmerzt, nicht diesen persönlichen Antheil genommen.“

Er ward verlegen. Niemals sonst – nur ihr gegenüber, die es hätte vor Allen verstehen sollen, ihn behaglich zu stimmen – hatte Karl August mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Und da etwas Derartiges seiner freimüthigen Natur fern lag, seinem Blut ein fremder Tropfen war, dessen er sich gewöhnlich in derber Weise entledigte, ward dieser lästige Einfluß, der von ihrer Persönlichkeit auf ihn ausging, eine der Ursachen jener traurigen Entfremdung, welche zwischen ihnen bestand.

Karl August hatte in seiner geraden Arglosigkeit in der That gar nicht daran gedacht, daß er kaum Theilnahme von seiner Frau bei dem Verluste einer Coeur-Dame erwarten könne, die, ihrer ganzen Art nach himmelweit von Luisen verschieden, dieser gewiß sehr wenig sympathisch gewesen war. Was sollte er jetzt sagen? Sollte er plötzlich über den Tod der im unbekannten Schwägerin mit ihr klagen, oder sollte er seinen von dem ihren so verschiedenen Herzenskummer ihr verrathen? Sein gerader Charakter verschmähte Alles, was einer Verstellung ähnlich sah, und so erwiderte er ihr nach kurzer gedankenvoller Pause: wie er ja über den Tod der Schwester ihr sein Bedauern längst ausgesprochen, wie sie keinen eigentlichen Schmerz von ihm erwarten könne, da er die Verstorbene nie gesehen habe, und wie er jetzt betrübt zu ihr komme, um ihre Theilnahme an dem Tode der kleinen Werthern – der ihm nahe gehe – zu suchen, bei deren trefflicher alter Schwiegermutter er eben gewesen sei.

„Die kleine Werthern?“ sagte Luise kühl, „ja, ich hörte, daß sie plötzlich irgendwo auf dem Lande gestorben sei. Das mag einer so lebenslustigen Person schwer geworden sein; da sie es aber einmal überstanden hat, wüßte ich nicht, was mein Gemahl in ihr oder nnit ihr verloren haben könnte?“

Sie sprach das in der allerruhigsten, gleichgültigsten Weise. Sie hätte ihn um die Welt nicht verrathen mögen, welche peinvollen Stunden eifersüchtiger Sorge sie der hübschen Verstorbenen halber schon durchlittein, wie oft sie sich gekränkt gefunden, wenn sie gesehen, daß Emilie es verstand, den Herzog zu erheitern, und wie viele Male sie die Leichtigkeit und Grazie jenes jungen Weibes zu besitzen gewünscht hatte. Sie that aber jetzt, als habe sie nie geahnt, daß der Herzog Milli bevorzuge.

Er begriff diese Arglosigkeit nicht, die er für volle Nichtbeachtung seiner selbst nahm.

„Wenn ich froh und lustig bin,“ sagte er jetzt in verdrießlichem Tone, „willst Du nichts davon hören; wenn mich etwas betrübt, ist Dir’s einerlei; ich möchte wissen, wann wir uns einmal in derselben Empfindung begegnen, und ob wir uns jemals verstehen werden?“

Dieser Vorwurf berührte das Herz der jungen Frau aus das Schmerzlichste, da er die Wahrheit traf; die Wahrheit, welche sie anerkennen mußte, so sehr sie auch darunter litt. Was sollte sie aber thun? Wie konnte sie mit ihm über den Tod einer Frau trauern, deren Hinscheiden ihr doch die größte Erleichterung verschaffte! Sie war viel zu rein, viel zu stolz, sich mit der Lüge einer solchen Trauer zu beflecken, und fand in ihrem hülflosen Ungeschick keinen anderen Ton, als den kühler Gleichgültigkeit. Ihre geringe Anlage für unbefangene, liebenswürdige Gefühlsäußerungen wurde aber unter den ihr beschiedenen Verhältnissen weder geweckt noch gepflegt. Karl August besaß nicht die Zartheit und Consequenz, um ihr Empfinden heraus zu locken und zu schonen. Ihre scheue Zurückhaltung, ihr Festhalten an der anerzogenen strengen Form langweilten ihn; er wollte heitere, ankömmliche, derbe Menschen! – Wagte sie sich einzelne Male mit leisen Symptomen ihres Empfindungslebens hervor, so beachtete er dieselben, an stärkere Reizungen gewöhnt, gar nicht, verschüchterte sie, widersprach ihr und beging täglich Dinge, die sie – wenn sie es gewagt hätte, ihn streng nach ihrennn Sinne zu beurtheilen – Rohheiten und Tactlosigkeiten genannt haben würde. Sie liebte ihn aus Pflichtgefühl – eine davon abweichende Neigung wäre dieser Natur nicht möglich gewesen – und empfand es stets als Schmerz, ihm ihre Liebe nicht zeigen zu können. Aber ebenso wie ihr Sein einen Druck auf ihn ausübte, so empfand sie in seiner Nähe die Scheu der zarten Seele vor der Möglichkeit einer von ihm ausgehenden harten Berührung.

Auch diesmal fanden Beide keine Verständigung.

Der Herzog ließ sich, halb aus Aerger und Eigenwillen, jetzt noch lobender über die Verstorbene und betrübter über den Verlust aus, welchen er mit ihr erlitten, als er vorher gewollt hatte. Er sagte mehr, als er empfand, sagte, daß er Milli gern gehabt habe. Luise ärgerte ihn mit ihrer kühlen Passivität, mit der er nichts anzufangen wußte. Hätte er sie doch aufstacheln, beleben, einmal zur Heftigkeit reizen, bis auf den Grund zur vollsten Offenheit erschließen können! –

Sie war ein Wesen, das er nicht begriff; ihr schweigendes Zurückweichen hielt er für Trotz, ihr stilles Dulden für Kälte, er glaubte, es liege nur an ihrem mangelhaften guten Willen, sich ihm so warm und offen zu geben, wie er sie zu finden begehrte.

Als er sie jetzt wieder so weit in sich verscheucht sah, daß sie bewegungslos mit niedergeschlagenen Augen dasaß, kein Wort sprach, kaum zu hören schien, sprang er auf, murmelte zwischen zusammen gebissenen Zähnen: „Automat!“ und stürzte fort.

Er fühlte sich so sehr in seinem innerstern Gleichgewicht gestört, daß er aus eigener Kraft kein Behagen wiederfinden konnte und sich mächtig gedrängt fühlte, ein Aussprechen mit dem verständnißvollen Freunde zu suchen. Unverweilt eilte er nach Goethe’s Gartenhaus am Stern hinaus, um sein Herz vor dem Getreuen auszuschütten. Es war eiin schöner, warmer Sommerabend; Goethe begoß seine neben denn Häuschen gelegenen Blumenfelder. Sowie er, sich von seiner Arbeit aufrichtend, dem heranstürmenden Herzoge in’s Gesicht sah, las er in dessen erregten Zügen, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse. Prüfend und fragend senkten sich seine Blicke in die Augen des Andern.

„Komm, Wolfgang,“ sagte der Fürst gereizten Tones, „laß Deine Blumen und schenke mir die Wohlthat einer liebevollen Linderung meiner Herzensdürre.“

Er nahm Goethe’s Arm und zog ihn unter die Bäume, auf schattigen Terrassenwegen hinan, auf denen sie in der Stille und [532] Einsamkeit eines Waldpfades mit einander allein waren und wo nichts des Herzens, freie Sprache hinderte.

„Und nun –,“ so schloß Karl August, sein ehrliches Bekenntniß – „nun komme ich zu Dir, um einen gesunden Athemzug zu thun, des Grimms ledig zu werden Und mich mit mir selber zurecht zu finden. O, warum sind doch zwei so verschiedene Naturen an einander gekettet!“

„Und die Fürstin ist so verehrungswürdig,“ sagte Goethe mild. „Mitleidig sehe ich sie auf ihrer einsamen Höhe; ohne Talente, ohne Wirksamkeit auf Andere, abgeschlossen, schwerlebig, aber rein und klar wie Bergwasser.“

„Und ebenso unangreiflich, unter den Händen kühl verrinnend. Man kann ebenso gut Wasser mit der Scheere schneiden, wie Eindruck auf diese Natur machen! Dagegen das arme Ding, die Milli! Ein immerwährendes Schillern, Reizen, Ausweichen und Entgegenkommen; ein Spielzeug in lustig wechselnden Formen. Sie war mir nicht so werth wie Du, ich habe sie kaum recht lieb gehabt, aber sie wird mir in jeder Gesellschaft fehlen, und mein Herz kommt mir leer vor, wie ein ausgeblasenes Ei.“

„Könnte man doch in dasselbe die rechtmäßige Bewohnerin, Dein Weib, triumphirend hinein führen! Fände sich doch eine Hülfe, Euren Mißklang zur Harmonie zu lösen! Aber Alles bleibt bei der Herzogin in verschlossener Knospe. Das Zugeschlossene schließt Alle zu, das Offene öffnet, vorzüglich wenn Hoheit in Beiden wohnt. Trotz Allem ist Luise ein Engel!“

„Ho ho!“ rief der Herzog und sah den Freund scharf an.

„Das war ein starker Ausdruck! Gehst Du zur feindlichen Partei über?“


18.

Der Herbst kam. Es war beschlossen, in Tiefurt ein Erntefest zu begehen; der ganze Hofkreis sollte – zu einer ländlichen Maskerade ausstaffirt – dort erscheinen und sich in ungebundener Weise ergötzen. Das kleine Kammergut Tiefurt, an beiden Ufern der Ilm gelegen, gehörte der Herzogin-Mutter, die hier dem Prinzen Konstantin mit Knebel seinen Wohnsitz angewiesen hatte, aber selbst oft auf Wochen mit Thusnelda draußen war. Sie ließ dann nach ihrem Sinn arbeiten und bessern und die Umgebung mehr und mehr verschönern. Wieland, der hier oft bei seiner Gönnerin weilte, nannte den Park einen so holden Zauber, daß er ihn gegen das allerbrillanteste Stück der Feenwelt nicht vertauschen möchte!

Das Schlößchen, eigentlich nur ein zweistöckiges Wohnhaus mit fünf Fenstern, in der Front und einem Wirthschaftsgebäude, wurde von prächtigen Kastanien beschattet; wilder Wein deckte das Nebengebäude und die Mauer, welche den Oekonomiehof absonderte. Unten wohnte Knebel mit seinem Prinzen und einem Kammerdiener. Auf der andern Seite des Flurs lagen ein paar Gastzimmer, von denen das beste vorwiegend für den Herzog bestimmt war. Oden befanden sich die Gemächer der Herzogin, der Göchhausen und einige Gesellschaftsräume.

Die Herzogin Luise hatte zu dem heutigen Feste mit ihrem Hofstaat absagen lassen; nur Henriette von Wöllwarth, die dienstfreie Hofdame, durfte erscheinen. Luise hielt sich seit jener unerfreulichen Berührung mit ihrem Gemahl, unter dem Vorwande in Trauer zu sein, streng abgeschlossen und brütete in Trostlosigkeit über der fürchterlichen Bitterniß jenes Bekenntnisses Karl August’s: der Neigung für die Verstorbene. Luisens reine Natur konnte darüber nicht hinauskommen; sie nahm die übermüthige Knabenlaune ihres Gatten für ebenso heiligen Ernst, wie solcher ihr ganzes Empfinden beseelte, und zog sich tief verletzt immer mehr von ihm und in sich selbst zurück.

Die Herzogin Amalie war recht erleichtert, daß Luise mit ihrem Hofpersonal ihr harmlos lustiges Fest nicht stören werde. Es hatte zwei Uhr geschlagen, um drei erwartete man die Gäste aus Weimar. Alles war vorbereitet, und die Herzogin ging in ihr Schlafzimmers um Toilette zu machen. Die Göchhausen stieg mit ihr die Treppe hinan, da ihr kleines Gemach nicht weit von dem der Herzogin lag.

„Komm mit zu mir herein, Thusnelda,“ sagte Amalie, „Du wirst immer noch fertig.“

Das Hoffräulein trat mit in das Zimmer der Herrin. Demoiselle Kotzbue, die hübsche Kammerfrau der Herzogin, hielt deren ländlichen Putz bereit. Während sie ihr den Puder aus dem Haar bürstete, dasselbe mit rothen Bändern in zwei starke Zöpfe flocht und sie stattlich als Wirthin und Pachtersfrau herausstaffirte, plauderte die Herzogin mit der Vertrauten.

„Deine Schulzin schläft diese Nacht natürlich im Wirthschaftshause,“ sagte sie zunächst zu der Göchhausen. „So leid mir’s thut, Kotzebue,“ fuhr sie dann fort, „Sie müssen auch dahin; wir brauchen hier jedes Winkelchen für die Gesellschaft. Ihre Kammer wird Damengarderobe. Für den Herzog, für Goethe, Wieland, Einsiedel und Steins sind unten die Zimmer fertig, sie bleiben ein paar Tage hier.“

Thusnelda Göchhausen schlüpfte in ihr Gemach, wo die Schulzin sie eilig in ein drolliges kleines Bauernmädchen umwandelte.

Der Herzog, Constantin, Goethe, Wieland und Einsiedel hatten sich, in ihrem ländlichen Putze einander belachend und neckend, schon auf dem Rasenplatze vor dem Hause eingefunden.

„Solch eine Maskerade bei hellem Tage, im Sonnenscheine, zwischen grünen Bäumen und anderen Wirklichkeiten, ist ein Götterspaß!“ rief der Herzog mit jugendlicher Heiterkeit. „Nie sah ich einen würdigeren Erbonkel, als hier unsern liebwerthesten Gevatter Wieland. Ein gediegeneres Prachtstück von einem Dorfältesten kann man sich nicht denken!“ fügte er, den Hofrath halb umarmend, hinzu. „Und unser süßer Constantin sieht aus, als wolle er, von seiner Lina angelächelt, ein weiß Lämmlein am Seidenbande auf die elysische Weide von Camillenblumen und Rosenblättern führen!“

Der schlanke Prinz schnitt ein Gesicht und wandte sich ab, ihm war es so durchaus Ernst mit seiner sentimentalen Gemüthslage. Er empfand tiefer als der burschikose ältere Bruder und trachtete voll heiliger Scheu darnach, die lebhaften Regungen seines jungen Herzens zu verhüllen.

Mittlerweile fuhren die ersten Wagen der Stadtgäste in der Allee herauf, und zugleich trat Anna Amalia mit der Göchhausen, Herrn und Frau von Stein und Knebel, Alle in ländlichem Putz, vor die Thür. Die beiden Steins sollten Hofknecht und Magd vorstellen, die Göchhausen war Kleinmädchen – wie sie selbst sagte: Kükenlise –, Knebel aber galt für den Hausherrn und Pachter und spielte eine recht würdige Figur mit seinem breitschößigen Rocke und den rothen Tragbändern auf weißem Hemde.

Die Gäste, welche mit ihren Rollen und dem Festprogramm vertraut waren, fuhren unter Winken und freudigen Zurufen am Schlosse vorbei auf den Pachthof, wo jeder Wagen mit Musik empfangen wurde. Ihnen schlossen sich einzelne Gefährte an, die Gäste brachten, welche am Erntezuge nicht betheiligt waren.

Wieland hatte sich mit zu den Hausgenossen gesellt, während der Herzog, Constantin, Goethe und Einsiedel, durch ein Mauerpförtchen nach dem Wirthschaftshofe schlüpfend, dort die Ankömmlinge begrüßten und ihren Festzug ordneten.

Es währte nicht lange, so war Alles bereit. Blasend schritten einige Dorfmusikanten voran, denen der ganze Aufzug folgte. Zuerst kam der mit vier Pferden bespannte Erntewagen, auf dem Auguste von Kalb und Henriette von Wöllwarth mit dem Erntekranze saßen; bunte Bänder flatterten und Blumengewinde hingen von oben herunter. Auf dem vordersten Sattelpferde ritt der Herzog als erster, auf dem andern Goethe als zweiter Fahrknecht. Mit Rechen, Sicheln, Garben, grünumwundenen Schäferstäben, Netzen, Körben und anderen Geräthen folgte nun eine erlesene Schaar jugendlicher Theilnehmer; Alle in ländlich buntem Anzüge, phantastisch herausgeputzt.

Man nahm Aufstellung; während die Musik ein lustiges Stückchen blies, stiegen die Reiter ab, halfen den beiden Mädchen vom Wagen und trugen den Erntekranz zu dem Herrn und der Herrin. Es folgte ein Anreden- und Antwortenspiel, welches, von Hildehrand von Einsiedel verfaßt, munter von den Betheiligten vorgetragen, Sinn und Zweck der Auffahrt darthat und die Gesellschaft angenehm unterhielt. Den Schluß machte die Aufforderung der Herrin: zum Danke für die Erntemühen Bewirthung und Tänzchen anzunehmen.

Der Herzog als Großknecht antwortete für die Uebrigen: die Einladung freue sie herzlich. Das Spiel war zu Ende, und eine angenehme, heitere Unterhaltung folgte.

[547] Weißgedeckte Tische standen im Fluge unter den Kastanien des Tiefurter Parkes und füllten sich, als der Erntezug zu Ende war, mit Tassen, Kuchenkörben und Kaffeekannen; die dörfliche Musik verstärkte sich zur herzoglichen Capelle, nahm in einem Seitengebüsch Aufstellung, und die Gäste begrüßten sich lachend und scherzend in zwanglosem Verkehr. Man fand Platz, wie man ging und stand, die bäuerlich gekleideten Damen schenkten selbst den Kaffee ein, und alle ließen sich’s wohl sein.

So scheinbar unwillkürlich und absichtslos sich die Gäste auch zusammen gefunden hatten, so waren sie doch sämmtlich Leute aus der großen Welt, verknüpft durch verstohlene Beziehungen unter einander, oder getrennt durch Antipathien, die größtentheils von andern geahnt und berücksichtigt wurden und so Jeden zu Jeder führten, wie der Zug des Herzens es forderte.

Hier saß der schöne Wedel, als stämmiger Jägersmann, neben Henriette von Wöllwarth, der er seit einiger Zeit huldigte, und die ihm heute in ihrem grünen Rock und ihrem knappen Mieder, mit dem klugen, frischen Gesicht unter der grünbebänderten Haube, besonders gut gefiel. Sie benahm sich auch nicht so kühl, wie er sie sonst gefunden hatte, und er begann, sich ihr gegenüber mit ernsthaften Plänen zu tragen.

Ein neues Brautpaar in seiner Nähe erhöhte seine Lust zu einem gleichen Vorgehen. Es war dies Karoline Ilten’s ältere Schwester mit ihrem Bräutigam, dem Lieutenant von Lichtenberg; dieser, sonst ein rauher Mann und ganz Husar, that heute als Schäfer recht zart und lieb mit seiner Schäferin.

Prinz Constantin war bei der Rollenvertheilung zur Führung der Schäferpaare bestimmt; da aber die Herzogin seine ernsthafte Neigung für Karoline nicht: billigte, hatte sie ihm eine andere Dame gegeben und das betrübte Linchen als Fischerin mit Herrn von Seckendorf verbunden. Constantin ließ nun den Kopf hängen, gestattete seinen Augen einen Verkehr, der ihm persönlich abgeschnitten war, und konnte seinen Mißmuth kaum verbergen, so sehr auch Fräulein von Klinkowström, das er führte, sich um seine Aufmerksamkeit bemühte.

Der Herzog flatterte unstät umher; er war durchaus nicht schwermüthig, solche Stimmung lag seinem heitern, derben Wesen fern, ihm fehlte aber der rechte Anreiz zum Fröhlichsein.

Wenn er an Luise dachte, geschah es mit dem Gefühl der Erleichterung, daß sie nicht da sei; Milli war auch halb vergessen, aber er neckte hier und da unbewußt schärfer als sonst, er blieb nicht lange auf demselben Platz, ihn verlangte darnach sich auszutoben, toll lustig zu sein, die Stunde zu nutzen und zu genießen.

Dort saß die jung vermählte Schwägerin der Frau von Stein, Sophie von Schardt, geborene Gräfin Bernstorf aus Holstein; ein zartes, liebliches Weib, der die süße Kinderseele aus den großen, fragenden Augen blickte.

Hier versuchte Frau von Stein, Goethe zu dem braunen Trank zu überreden, der ihm zuwider war. Die ließ sich dann – während er ihr die Kaffeekanne abnahm und sie der blonden Karoline von Ilten darreichte – an seiner Seite festhalten.

„Ihr Getränk mag ich nicht,“ sagte er und fügte mit innigem Blick hinzu: „überlassen Sie die Hebepflichten den Misels, die sich was drauf wissen, zwischen den Gästen herum zu hüpfen, und gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Wohlsein in Ihrer Nähe. Schier hab ich einen Pik auf mich, daß ich Ihnen so gut bin, da Sie mir immer aus dem Wege gehen, wie soll ich’s aber ändern?

„So lassen Sie’s beim Alten,“ sagte sie herzlich. „Ich weiche Ihnen nicht mehr aus, als ich muß; Sie wissen, daß man sich in der guten Gesellschaft nicht absondern und ausschließen darf; sind wir mit einander allein, dann können wir uns in unsere Plauderei versenken.“

„Dich sehen, liebste Frau, ist für mich Alles!“ flüsterte er, sich zu ihr neigend. „Du bist die einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gilbt, welche mich glücklich macht.“

„Die Herzogin winkt!“ rief sie sich erhebend und eilte, von Amalien einen Auftrag entgegen zu nehmen und auszurichten, dann aber, auf den Wunsch der hohen Frau sich neben, sie zu setzen.

Der Herzog ließ sich jetzt neben Goethe nieder.

„Da sie Dir doch abspenstig gemacht ist, deren Farben Du innerlich trägst,“ sagte er neckisch, „kannst Du Jeden hier dulden. Wenn ich nur wüßte, bei welchen schönen Augen ich mich herum lügen und trügen soll! Gustchen ist heute nicht übel – Bauermädel wie’s sein muß – die macht einem das Liebeln bequem; vielleicht komme ich nachher bei der Hüpferei besser vorwärts.“

Der Kaffee war getrunken, die Musik spielte einen Ländler. Der Herzog sprang auf, wählte Auguste von Kalb und war mit ihr der Erste und Unermüdlichste auf dem grünen Plan. Auch Goethe warf sich der Lust des Tanzes mit frohem Jugendmuth in die Arme.

Als sich die Freunde in einer Pause wieder trafen, rief Karl August:

„Mein nußbraun Mädel hat mich angewärmt, sie spielt die Gurli pompös, und da es heut Maskerade ist, hab ich so natürlich ein Durcheinandrium von Unsinn uyd Zärtlichkeit geschwatzt, daß ich beinah mir selber glauben könnte!“

„Ja!“ erwiderte Goethe mit freudigem Auflachen, „man muß den Lebensrausch im geselligen Strudel vor sich her peitschen und die sinkende Lust immer wieder aufjagen!“

Und vorwärts ging es, diesem Grundsatze getreu, sowie die Musik auf’s Neue intonirte.

„Eben habe ich mit Thusnelda gewalzt,“ sagte der Herzog, sich die erhitzte Stirn trocknend, worauf er Goethe’s Arm nahm und einen schattigen Bosquetweg mit ihm verfolgte.

„Der Hafer, sticht düs kecke Ding; sie ist noch eitel Uebermuth ihres glücklichen Entrinnens halber, damals im Winter. Es läßt mir keine Ruhe, ich muß ihr einen Streich spielen. Diesmal soll sie mir nicht entkommen, denn alle Chancen sind für mich. Hör’, sie soll für diese Nacht ihr Quartier einbüßen; es ist Niemand im Hause, der ihr aushelfen kann, und ich sehe sie schon demüthig kümmerlich in einem Winkel hocken. Morgen früh wollen wir dann die übernächtige Bäuerin abfassen, sie in’s Grüne schleppen und mit ihr einen Rundtanz auf dem thauigen Rasen halten!“ Er brach in ein übermüthiges Gelächter aus.

Als Karl August sich anschickte zur Gesellschaft zurückzukehren, sah er seinen Bruder, in zärtlichem Gespräch mit dem geliebten Linchen, den Laubengang heraufkommen; sowie das vertiefte Paar seiner ansichtig wurde, errötheten Beide lebhaft. Karolinchen zog den Arm aus dem ihres Cavaliers und schlüpfte in den nächsten abzweigenden Weg, Constantin aber blieb stehen und erwartete den Herzog.

„Na, mein Junge,“ sagte dieser herankommend, „werden da wieder verbotene Früchte genascht?“

„Du hast gut reden, Karl,“ entgegnete der Prinz bitter, „Dir ist so früh das süße Eheglück gewährt, daß Du ein sehnendes Herz gar nicht zu begreifen weißt und eines Unglücklichen nicht noch obenein spotten solltest.“

Der Herzog war nicht aufgelegt, sentimentale Regungen zartsinnig zu behandeln. Kurz auflachend, sagte er:

„Tröste Dich, Kleiner, das Glück, eine Gemahlin zu haben, ist nicht so groß.“

„Da würde ich gewiß anderer Ansicht sein,“ entgegnete Constantin innig.

„Vielleicht hat Luise noch eine wohlerzogene, vermögliche Prinzeß Cousine, mit der man Dich versorgen könnte.“

„Ich danke!“ rief der Andere kurz und folgte seiner holden Freundin.

Wieder war eine Weile getanzt, als die Pause eintrat, welche dem Abendessen voranging, das gleichfalls an den Tischen unter den Kastanien eingenommen werden sollte. Der Herzog hatte – vielleicht in einem Anfall neckischer Laune gegen den Freund - sich zu Frau von Stein gesellt und diese zwischen sich und Knebel eingefangen, worauf Goethe der Aufforderung Hildebrand’s von Einsiedel willfahrte, mit ihm durch die Anlagen zu gehen.

Sie waren achtlos des Weges auf einen Hügel im Park gelangt, von dem aus sie einen schönen Rundblick hatten und [548] auch die Dorfstraße hinauf sehen konnten, an der Gehöfte zerstreut im Grünen unter Bäumen und Büschen lagen.

Auf der Dorfstraße kam ein bestaubter Reisewagen durch ausgefahrene Geleise daher geschwankt; ein Frauenkopf neigte sich heraus; zwar war die Entfernung noch zu groß, um Gesichtszüge zu unterscheiden, er schien aber jung und anmuthig:

„Komm, Hildebrand, die schöne Reisende müssen wir begrüßen!“ rief Goethe; derbe Lebenslust kam über ihn, mit einem Satze sprang er von oben über die Hecke auf den Pachthof, riß von dem festlich geputzten Erntewagen, was er an Blumenguirlanden fassen konnten und rannte über den Hof zum Thor hinaus auf die Landstraße. Einsiedel that ihm alles nach.

Da standen nun die idyllisch geschmückten schönen Jünglinge, die Arme voll Blumen, mit lang nachschleppenden Gewinden, und warteten tief athmend, bis der Wagen herankam.

„Laß uns sie ansingen,“ flüsterte Goethe dem Gefährten zu und stimmte sein Lied vom Haideröslein an, Einsiedel sang mit:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Haiden.
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Haiden!“

Indem sie laut jauchzend die letzten Reihen wiederholten, stürmten sie den müden Pferden entgegen, die verdutzt stehen blieben. Die jungen Männer warfen ihre Blumengewinde in und über den Wagen und schauten hinein.

Zwei halb erschrockene, lächelnde Mädchengesichter tauchten hinter dem Ledervorhang auf. Es war Corona mit ihrer Freundin, der blonden Gärtnerstochter, die aus Leipzig kamen und nach Weimar übersiedelten.

Goethe’s Wiedersehensfreude in diesem Augenblicke begeisterter Stimmung war hinreißend feurig; er küßte wiederholt der schönen Sängerin die Hand und bat sie, auszusteigen und an dem Fest theilzunehmen; daß sie willkommen sei, wolle, er verbürgen.

Er hatte aber nicht mit der weiblichen Eitelkeit gerechnet, die in diesem Falle das Schicklichere traf. Corona erklärte, daß es unmöglich sei, in ihren bestaubten Reisekleidern vor dem festlich geputzten Hofkreise zu erscheinen.

„Nun, dann geleiten wir Sie ein Stück Weges!“ rief Goethe entschlossen. Er hatte des Gefährten nicht geachtet; ein fragender Blick Corona’s zur Seite belehrte ihn über sein Versäumniß. Sogleich bat er die Unachtsamkeit zu verzeihen und stellte den Hofrath und Kammerherrn von Einsiedel vor.

Beide sahen sich sekundenlang groß an; es spiegelte sich der Eindruck, den sie auf einander machten, in ihren leuchtenden Blicken.

„Sie sind uns ein hochwillkommener Gewinn, schöne Künstlerin!“ rief der junge Hofmann begeistert. „Möchte Ihr Sein in unserem Kreise diesem festlich sonnigen Tage gleichen, an dem uns das Glück zu Theil wird, Sie zu empfangen!“

„Sie fallen aus der Rolle, mein dörflicher Galan!“ erwiderte Corona lächelnd, „oder sind in diesem glücklichen Landstriche Alle, bis auf Fischer und Bauern herab, poetisch gebildete Leute?“

Bevor man ihr antworten konnte, trat grüßend ein Lakai heran und meldete: er sei von der Herzogin ausgesandt, die beiden Herren zu suchen; man erwarte sie an der Abendtafel.

Nur ungern trennten sich die jungen Männer von der schönen Reisenden. Mit einem allseitigen: auf baldiges Wiedersehen in Weimar! schied man von einander.

„Corona ist da!“ rief Goethe dem Herzoge zu, ein Wort, das mit verheißungsvollem Klange an den Tafeln wiedertönte. Hildebrand von Einsiedel aber setzte sich still an seinen Platz, er war sehr zerstreut und wortkarg gegen seine Nachbarinnen.

Der Abend brach endlich herein; Windlichter und bunte Lämpchen im Parke halfen der Mondsichel ein magisches Halblicht verbreiten. Man erhob sich, noch ein Tänzchen ward versucht, dann aber drängten die älteren Personen zum Aufbruche; die Wagen fuhren vor, mancher Händedruck wurde gewechselt, hier und da ein verstohlener Kuß im Bosquetschatten – und das schöne fröhliche Fest war zu Ende.

Den fortrollenden Wagen nachsehend, standen die Hausgenossen und Gäste, welche hier Quartier bekommen hatten, vor der Hausthür.

„Komm, Thusnelda, ich bin todtmüde,“ sagte die Herzogin zu ihrer Getreuen, „wir wollen uns zur Ruhe begeben.“

Das Hoffräulein schickte sich an, mit einigen ihrer drolligen Knixe und: „Gute Nacht! Gute Nacht!“ rufend, der Gebieterin zu folgen.

„Seien Sie nicht grausam, Tuselchen,“ sagte der Herzog bittend, „uns schon jetzt zu verlassen; gehen Sie noch einmal mit durch den Park, ich kann noch nicht in’s heiße Bett; lassen Sie uns noch plaudern, kritisiren, dumme Schnäcke machen. Wer versteht das besser als Sie? Um unsere Tugend nicht in Gefahr zu bringen, soll Freund Wolf uns begleiten. Gelt, wir geben ein lustiges Kleeblatt?“

„Bist Du nicht allzu müde, so thue ihm den Willen,“ sagte die Herzogin gütig. „Aber höre, poltere nicht in Deiner Kammer, wenn Du herein kommst, ich muß Ruhe haben!“

Die Göchhausen war bereit, des Herzogs Wunsch zu erfüllen; sie verabschiedete sich von ihrer Gebieterin; die anderen Hausgäste zogen sich in ihre Zimmer zurück, und das kleine Hoffräulein wanderte lachend am Arme des jungen Fürsten, Goethe auf ihrer andern Seite, in den Park hinaus.

Man löschte eben eine der bunten Lampen nach der andernfalls, die Dienerschaft räumte die Tische fort und verschwand auf dem Wirthschaftshofe. Die lustigen Drei tauschten in unerschöpflicher Laune kernigen Blödsinn gegen einander aus, untermischt mit treffenden Witzen, und das Wortgefecht, das Necken und Scherzen wollte kein Ende nehmen. Endlich standen sie wieder vor der offenen Hausthür und traten ein, die Letzten, welche noch wach waren. Zwei Wachskerzen brannten auf einem Seitentische. Der Herzog überreichte mit einem zierlichen Complimente seiner Dame die eine und Goethen die andere. Dann sagte er mit ironischer Betonung:

„Wir wünschen dem süßen Fräulein, das wir morgen noch als ‚Kükenlise‘ sehen werden, eine entzückende Nacht!“

„Die Kükenlise verschwindet mit Hans und Peter, den Großknechten, denen ich gleichfalls gute Nacht wünsche!“ entgegnete das junge Mädchen, die Treppe hinauf steigend.

„Sie verschwindet nicht!“ lachte der Herzog, „und macht morgen früh, in selbiger Gestalt, mit uns ein Tänzchen auf dem Rasen!“ Er reckte sich dabei, blies das Licht der Göchhausen aus und folgte rasch dem voran gegangenen Freunde.

„Ich werde auch so meine Kammer finden!“ rief sie ihm nach. Ein schallendes Gelächter und das Geräusch des Zuschließens der Thür folgte.

Auf die Treppe fiel ein schwacher Mondstrahl; die Göchhausen stieg guten Muthes hinauf und bog leise, um die Herrin nicht zu stören, in den jetzt ganz finsteren Gang, an dem ihr Zimmer lag.

Sie fuhr mit den Händen an der Wand hin, um tastend ihre Thür zu finden – aber da, wo ihre Thür ganz sicher sein mußte, wo sie immer gewesen – war alles glatt, kein Holz, kein Schloß, kahle ebene Wand!

Es überlief sie kalt, wie bei einem Spuk. Wo war ihre Kammerthür geblieben? Sie tastete noch einmal – vergebens! Sie kehrte zur Treppe zurück, um sich in dem matten Lichtschimmer zu erholen, sich zu besinnen, gewann die Ueberzeugung, daß sie verkehrt gegangen sei, sich geirrt habe, und ging nochmals zurück, um auf’s Neue zu suchen und ebenso vergeblich umher zu tasten. Jetzt ward ihr klar, daß ihr so oder so ein Streich gespielt worden, daß die Artigkeit der jungen Männer eine List gewesen sei, daß man sie in eine Falle gelockt habe. Sie entschloß sich also, in einem Lehnstuhle oder auf einem Sopha der Gesellschaftszimmer zu übernachten, suchte die Thüren, fand sie aber sämmtlich abgeschlossen.

Was blieb ihr übrig? Es war Niemand im Hause, den sie wecken oder belästigen mochte; fröstelnd und müde setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe. Pläne, sich an den beiden Schelmen zu rächen, besonders dem Herzoge über kurz oder lang einen Possen zu spielen, stiegen in ihr auf, dazwischen nickte sie öfter ein, raffte sich wieder zusammen, um nicht hinunter zu fallen, und erwartete mit Sehnsucht den ersten Tagesschimmer.

Als sie dann in dem Gange, der nach ihrer Kammer führte, etwas erkennen konnte, machte sie sich auf, den geheimnißvollen Grund ihres Ausgeschlossenseins zu erkunden.

Siehe da – ihre Thür war zugemauert!

[558]
19.

Nach dem Schloßbrande 1774 hatte man, um dem Kunstbedürfnisse des Hofes, besonders der Herzogin Anita Amalie, zu genügen, zuerst im Fürstenhause auf einer kleinen Bühne französische Stücke gegeben. Als dann Goethe die Leitung der gesellschaftlichen Freuden in die Hand nahm, wurde in dem Saale eines Hauses an der Esplanade eine größere Bühne aufgeschlagen und schon im vorigen Winter zu verschiedenen Aufführungen deutscher Stücke benutzt. Es spielte da vor einer gewählten Gesellschaft wer irgend Talent besaß, gewöhnlich aber gaben die Kammersängerinnen sowohl im Singspiele wie auch im Drama die Hauptrollen.

Mit dem Eintreten Corona Schröters erhielt die Theaterlust neue Nahrung. Die Künstlerin richtete sich mit ihrer treuen Wilhemline häuslich ein und trat bald unter großein Beifall in Concerten und Hofgesellschaften auf.

In derselben Weise wie im vorigen Jahre folgten auch in diesem Winter die geselligen Freuden, gleich einem Fries bunter Märchengestalten, einander auf dem Fuße. Alle die künstlerisch wirksamen Menschen ersannen täglich Neues und fanden von allen Seiten Beifall und Verständniß für jeden geistreichen und poetischen Gedanken.

Wie die einsame Trauerweide im einem Garten voll blühender Blumen, voll fruchttragender Bäume stand die Herzogin Luise zwischen der lebensfrohen Menge. Entschiedener noch als im ersten Winter ihrer Ehe mied sie die Freuden der Geselligkeit. Immer noch unter dem Vorwande der Trauer um den Tod der Schwester, immer noch im schwarzen Kleide, war sie nicht zu bewegen, in größere Kreise zu gehen, und schien selbst kleine Gesellschaften widerwillig zu besuchen.

Dem Herzoge ward dieses Wesen aber so unverständlich und so unbequem, daß er bereitwillig den unansgesprochenen Wunsch der Gattin erfüllte und sich, wo es anging, von ihr fern hielt. Er wußte, daß die stillschweigende Trennung zwischen ihnen seit Emiliens Tode und der sich daran knüpfenden peinlichen Unterredung datire; aber er, dem gänzlich entfallen war, was er eigentlich Verletzendes gesagt hatte, begriff nicht, wie Luise so lange zürnen konnte.

Mittlerweile suchte er sich auf jede andere Weise schadlos zu halten und machte verschiedenen Damen der Gesellschaft den Hof. Keine aber vermochte ihn dauernd zu fesseln. Auguste Kalb war ihm zu entgegenkommend, die Göchhausen zu wenig schön, Adelaide Waldner zu kindisch, Karoline Ilten zu verliebt in seinen Bruder, die liebliche Sophie von Schardt, die junge Schwägerin der Stein, zu harmlos und tugendhaft. Endlich interessirte ihn die ehrliche, frische Henriette von Wöllwarth, doch sah er, daß er seinem treuen Kumpan Wedel damit arg in’s Gehege komme, und so mußte er auch hier zurücktreten.

Goethe hatte sich entschlossen, auch den Winter über in seinem Gartenhause am Stern auszudauern. Er meinte, das alte Haus lasse sich repariren und das Gärtchen an der Ilm sei ihm gar zu lieb. Dann dichtete er mit Moos und Werg Fenster und Thüren und richtete sich mit seinem Philipp in dem engen Neste wohnlich ein. Man betrat das Haus durch eine vom [559] Garten herein führende Thür; unten hauste der praktische Famulus; eine schmale Treppe führte in den oberen Stock, hier schlössen sich zwei Stuben mit einem Altane und zwei kleine Seitencabinete dem engen Flure an.

In dem größeren Zimmer mit schlichtester Einrichtung saßen Mitte December der Herzog und Goethe in traulichem Gespräche beim knisternden Holzfeuer des großen Kachelofens.

Karl August klagte endlich dem Freunde die fortdauernde Trennung von seiner Frau, über die er bislang geschwiegen, weil er Goethe auf Seiten der Herzogin gesehen und sich dadurch verletzt gefühlt hatte.

„Solche Maulerei und thörichte Pikirtheit, die kein Ende finden kann, ist mir unausstehlich,“ sagte er jetzt rückhaltlos. „Du weißt, wir hatten im Sommer etwas wie einen Zank, ich mag wohl zu derb geworden sein, ein paar unbedachte Worte hingeworfen haben! Ich schwöre Dir aber, daß ich von der ganzen Geschichte nichts Genaues mehr weiß; und sie spinnt sich daraus einen Trauermantel, den sie sammt ihrer Duldermiene gar nicht wieder los wird. Diese Sentimentalität ist mir zu arg!“

Goethe vertheidigte die Herzogin mit warmen Worten.

„Wußt’ ich’s doch im Voraus, daß Du ihr Advocat sein würdest!“ rief Karl August unzufrieden. „Deshalb habe ich Dir auch nichts wieder von unserem Zwist gesagt; nun aber kommt im Januar ihr Geburtstag heran; der Besuch des Cousin Ferdinand von Braunschweig ist in Sicht, da muß Luise doch ihre Trauerflöre abthun, repräsentiren und aufhören mir ein grämliches Gesicht zu schneiden, sonst heißt es in der Verwandtschaft, wir leben wie Katze und Hund zusammen.“

„Besinne Dich, womit Du sie beleidigt hast; bei Milli’s Tode fand Eure Entzweiung statt? Wenn ich Arzt sein soll, muß ich genau den Sitz des Uebels kennen.“

Der Herzog beichtete; so gut er sich jener Unterredung noch entsann, suchte er sie wieder zusammen zu stellen.

„So glaubt sie also Deine Liebe verloren zu haben?“ rief Goethe bewegt, „so trauert sie um ihr verlorenes Eheglück? Und Du bist nicht davon ergriffen, bist nicht in tiefster Seele gerührt?“

„Rührung hin, Rührung her!“ knurrte der Herzog unwirsch.

„Setze sie mir zurecht, weine meinetwegen mit ihr, aber mach’ sie wieder entgegenkommend und vernünftig.“

„Sie verhält sich stolz und ablehnend gegen mich, sie hält mich für feindlich gegen sie gesinnt, und ich verehre sie doch so innig. Aber laß mich überlegen, ich will versuchen ein Festspiel zu erdenken, das, auf sie gemünzt, ihr vielleicht zu Herzen geht.“

Einige Wochen später ward die lustige Welt von Weimar durch die Nachricht lebhaft in Bewegung gesetzt, Goethe habe zum Geburtstage der Herzogin Luise ein neues Drama gedichtet, Seckendorf die darin vorkommenden Lieder in Musik gesetzt, Aulhorn werde Ballets arrangiren, und nun solle es an ein Vertheilen der Rollen, an unterhaltende Proben und an alle jene Vorbereitungen gehen, die oft ergötzlicher sind als der Festabend selbst. Die Jugend zeigte sich, wie immer, voller Bereitwilligkeit, und das Unternehmen ward mit allen Kräften in Angriff genommen. So kam der festliche Tag, der 30. Januar heran.

Der Herzog hatte seiner Gemahlin durch die Oberhofmeisterin Gräfin Gianini sagen lassen, er hoffe sie an ihrem Geburtstage in farbiger Gesellschaftstoilette zu sehen.

Am Morgen des Tages ließ er bei ihr aufragen, wann sie ihn empfangen wolle.

Sie ließ erwidern, daß sie immer für ihn bereit sei.

Er ging also mit einem Schmuckkästchen, das ein Halsband von Türkisen enthielt, etwas unbehaglich gestimmt – denn seit jenem unliebsamen tête-à-tête hatte er nie versucht sie allein zu sehen – zu ihr in den grünen Salon.

Luise war heute weiß gekleidet, sie sah aber ebenso bleich und niedergeschlagen aus wie immer, und sowohl ihre beiden Hofdamen, wie auch die Oberhofmeisterin waren zugegen. Damit war jede Möglichkeit einer intimeren Erörterung abgeschnitten.

So sehr nun Karl August auch Versöhnung wünschte, athmete er doch erleichtert auf, als es jetzt noch nicht zu der halb gefürchteten Aussprache zwischen ihnen kommen konnte. Diese Frau hatte ein Etwas in ihrem Wesen, das ihn beklemmte, und stets fühlte er sich ihr gegenüber in einer fremden Atmosphäre. Er übergab mit einem kurzen Glückwunsch sein Geschenk, küßte seine Gemahlin auf die Wange, nahm zu einer kurzen, gleichgültigen Besuchsunterhaltung mit den Damen Platz und war froh, als die Geburtstagscour der Gratulanten das Zimmer derart anfüllte, daß von einer persönlichen Berührung nicht mehr die Rede sein konnte.

Nach einem Hofdiner in den üblichen Formen sollte zum Abend die Aufführung des lange vorbereiteten Festspiels folgen.

Der Saal, in welchem an der einen kürzeren Seite die Bühne aufgeschlagen worden, prangte heute in besonderem Schmuck. Tannengewinde und Treibhauspflanzen, reichlichere Beleuchtung als sonst, Fahnen, Inschriften und Festons bildeten ein heiter einladendes Ganze.

Die Mitglieder des Hofes, welche nicht als Darsteller im Stück beschäftigt waren, umgaben die in weiße Seide gekleidete junge Herzogin, an deren Halse der ihr vom Herzoge verehrte Schmuck glänzte, und eine befohlene große Gesellschaft füllte alle übrigen Zuschauerplätze.

Eine Festouvertüre, unter Leitung des Capellmeisters Wolf, von den sechsunddreißig Mitgliedern der Capelle vortrefflich ausgeführt, eröffnete das Spiel.

Dann trat Karoline von Ilten, unmuthig als Amor gekleidet, hinter dem Vorhang heraus, ging auf die Herzogin zu, überreichte ihr einen Theaterzettel – während die Gesellschaft durch Lakaien mit Zetteln versorgt wurde – und trug, zaghaft stockend, neben gereimten Glückwünschen, die Bitte vor, das folgende Spiel, von Amor selbst ersonnen, sich wohl gefallen und zu Herzen gehen zu lassen.

Der Komödienzettel lautete:

Festspiel
zu Ehren des Geburtstags Ihrer Durchlaucht, der Herzogin Luise von
Sachsen-Weimar-Eisenach,
am 30. Januar 1777.
Lila, ein Drama mit Gesang und Tanz.
Personen:
Baron Sternthal            Sr. Durchl. Herzog Karl August.
Lila, seine Gemahlin       Demoiselle Corona Schriller.
Marianne, seine Schwester  Frl. Heimelte von Wöllwarth.
Schwestern der Lila        Auguste von Kalb
                           Frl. Adelaide von Waldner.
Graf Altenstein            Oberstallmeister von Stein.
Graf Friedrich, sein Sohn  Oberforstmeister von Wedel.
Doctor Verazio             Legationsrath Goethe.
Der Oger,[1] der Dämon, Feen, Spinnerinnen, Gefangene.

Das Stück handelte von einem durch Mißverständnisse getrennten Ehepaare und ging mit Phantastischen Erscheinungen, Tänzen und Chören ergötzlich vorüber. Lila, die aus Irrthum und Wahn den Verstand verloren hat und stets Trauerkleider trägt, wird durch Doctor Verazio-Goethe hergestellt und mit ihrem Gemahl wieder vereinigt. Zuletzt singt sie:

„Ich habe Dich, Geliebter, wieder,
Umarme Dich, o bester Mann!
Es beben alle nur die Glieder
Vom Glück, das ich nicht fassen kann!“

Lebhafter Beifall folgte. Die Idee, der trübsinnigen jungen Herzogin ein Spiegelbild vorzuhalten, wurde auch recht wohl verstanden, doch hütete man sich, laut davon zu sprechen.

Welchen Eindruck die Herzogin selbst empfangen haben mochte, war schwer zu beurtheilen. Sie behielt stets in voller Selbstbeherrschung die Haltung ruhiger Würde. Wie üblich erhob sie sich nach dem Spiel und sprach mit den vornehmsten Personen ihres Kreises. Auf ein warmes Lob des Stückes und der hübschen Vorstellung von Seiten ihrer lebhaften Schwiegermutter antwortete sie mit edler Ruhe, daß es eine geschickt arrangirte Darstellung gewesen sei, die recht unterhaltend gewirkt habe. Dann fragte sie ablenkend, als eine Schaar Lakaien die Stuhlreihen forträumte und die Capelle sich anschickte auf der Bühne Platz zu nehmen, ob man noch zu tanzen beabsichtige. Die Herzogin Anna Amalie verneinte und sagte, so viel sie wisse, solle nur ein Souper an kleinen Tischen folgen.

Eine der andächtigsten Zuschauerinnen war Christel von Laßberg an der Seite ihrer Tante Barbara gewesen. Ihre großen blauen Augen weiteten sich immer mehr, und immer lebhafter zuckte die innere Erregung in ihren zarten Gesichtszügen, je phantastischer sich die Handlung entwickelte. Es schien ihr, als [560] lebe sie selbst zwischen diesen Spukgestaltem diesen Feen, Spinnerinnen und Gefangenen, die sämmtlich dem Winke des Magus Goethe gehorchten.

Nach einer langen und schweren Krankheit im Frühjahre hatte Christel ihr Traumeben in aller Stille fortgeführt. Da ihr Ungeschick, sich in der großen Welt zu bewegen, noch dasselbe war, mußte sie sich in diesem Jahre noch von aller Geselligkeit fern halten und durfte nur heute ausnahmsweise der Einladung zur Geburtstagsfeier der Herzogin folgen. Welch eine Fülle von Bildern und Eindrücken empfing sie wieder im tiefsten Heiligthum ihrer Seele! Wie köstlich schien es ihr, unbeachtet den Herrlichen in seiner Sicherheit und Schönheit als Meister des Spiels wirken und walten zu sehen!

Zwischen den Coulissen stehend, erwartete Wedel seine Partnerin Marianne-Henriette von Wöllwarth – die jetzt zu ihm trat. Wie hübsch und stattlich sie in der rosensarbenen Tracht der Feenkönigin aussah! Er bot ihr zärtlich dem Arm, um sie die Stufen des Podiums hinunter im den Saal zu führen.

Nun ist das hübsche Spiel und ,Liebendürfen‘ wieder vorbei, theure Marianne!“ sagte er mit theatralisch wehmüthigem Pathos. „Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen, diese Maske abzulegen, diese vortreffliche Angewohnheit wieder los zu werden. Wie wäre es, wenn auch Sie’s versuchten, den Schein zur Wirklichkeit zu erheben?“

Unter solchen halb scherzhaft gesprochenen, halb ernsthaft gemeinten Worten führte er Henriette unter die herzu drängende, beglückwünschende Menge.

Die Tische zum Souper waren im Saale aufgestellt; Luisens Hofmarschall Graf Görtz hatte es gar eilig, die für den Tisch der Herzogin bestimmten Personen zu benachrichtigen; die übrige Gesellschaft setzte sich nach Willkür und Neigung zu einander.

Hildebrand von Einsiedel, der nur im Chor beschäftigt gewesen, führte Lila-Corona zu Tisch. Goethe, der sich von Frau von Stein getrennt sah, welche an die Tafel der Herzogin befohlen war, nahm mit Adelaide von Waldner und einigen Paaren von der Schauspielergesellschaft an lustiger Tafelrunde Platz. Im Stillen hatte er gehofft, heute auch mit an den Tisch der Herzogin Luise gewünscht zu werden, da er es doch war, welcher ihr Fest verherrlichte. Er erwartete verständnißvolle Rührung in ihrem ernsten Auge zu lesen und war verstimmt, daß es ihm nicht geglückt war, der hochverehrten Frau noch vor dem Souper zu nahen. Mit Ungeduld flogen seine feurigen Blicke zu der fürstlichen Tafel und suchten nur einem Augenaufschlage von ihr zu begegnen.

Sie saß ruhig und edel da in ihrem Kreise, anscheinend unberührt von Allem, was geschehen und was noch um sie geschah.

Endlich erhob sich das herzogliche Paar, die ganze Gesellschaft folgte, und nun schloß noch eine letzte ungezwungene Unterhaltung die Freuden des Abends.

Es währte nicht lange, so nahte Goethe der Herzogin. Er stand jetzt dicht an ihrer Seite; sie schien ihn aber nicht zu bemerken und sprach angelegentlich mit der Gräfin von Werthern von Neuheiligen.

Da sah der Herzog des Freundes Verlangen und kam ihm in seiner resoluten Weise zu Hülfe.

Er bot der Gräfin den Arm, rief: „Du mußt die schöne Frau auch mir einmal gönnen, Luise!“ und führte die Dame in eifrigem Gespräche davon. Die Herzogin wandte sich halb und wollte an Goethe vorüber auf die Geheimräthin von Bechtoldsheim zugehen; er aber vertrat ihr den Weg und sagte, während hohe Röthe über seine schönen Züge flammte:

„Bin ich denn wirklich bei Eurer Durchlaucht in Ungnade gefallen?“

Luise maß ihn mit einem großen Blick: „Wünschen Sie etwas, Herr Legationsrath?“ fragte sie eisig.

„Ja!“ erwiderte er jetzt fest, „ich wünsche zu wissen, womit ich Eure Durchlaucht beleidigte?“

Um ihre Mundwinkel zuckte es wie Weinen, und sie flüsterte: Halten Sie mich für so schwerfällig im Begreifen, daß ich den Sinn Ihres Festspiels nicht erfaßt haben sollte? Oder glauben Sie, daß es einer Fürstin, einer Frau gleichgültig sein kann, wenn sie vor der ganzen Gesellschaft als eine geisteskranke Thörin hingestellt wird?“

„Durchlaucht! Herzogin! Um Gottes willen, diese Auffassung?“ rief er in tiefstem Erschrecken.

„Still!“ raunte sie ihm zu. „Verschlimmern Sie nicht Alles durch noch einen Eclat!“

Graf Görtz trat in diesem Augenblicke heran, er sagte höhnisch, aber in submissester Haltung: „Ein reizender Anblick, wie der Dichter aus höchster Hand seinen Lorbeer empfängt!“

Die Herzogin entgegnete gefaßt: „Die Verse des Herrn Legationsrath Goethe waren in der That charmant; führen Sie mich an meinen Wagen, Graf!“

[578]
20.

Nach jener Abfertigung durch die verletzte junge Herzogin hatte Goethe eine unruhige Nacht unter Selbstvorwürfen zugebracht.

Er konnte nicht sagen, wie der Herzog, dem er sogleich Luisens Aeußerungen mitgetheilt: „Das ist ja eine verflucht sensible Närrin!“

Er sagte: „Die Frau hat Recht, und ich begreife meine Verblendung nicht!“

Am andern Tage in aller Morgenfrühe wanderte er, um sich Rath und Trost zu holen, durch den knisternden Schnee am „Stern“ nach Stein’s Hause hinüber.

Er fand die Freundin noch mit Mann und Kindern am Frühstückstische und ward von allen herzlich als Hausfreund empfangen. Karl trug ihm einen Stuhl an den Tisch, der kleine Fritz kletterte auf seinen Schooß, Charlotte reichte ihm die Hand zum Kuß und ließ ihm eine Tasse Chocolade bringen, da er den Kaffee stets verschmähte.

Der Oberstallmeister, welcher sich in seiner Rolle als Graf Altenstein und später in seiner Verkleidung als Oger recht wohl gefallen hatte, rief vergnügt:

„Na, Doctor, schon ausgeschlafen? Wohl geruht auf den Lorberen?“

Charlotte dagegen fand kein lobendes Wort für ihn, und Goethe fühlte, daß sie eine Kritik im Rückhalt habe, die sie ihm für eine ruhige Stunde des Alleinseins spare.

Der Hausherr besorgte die Unterhaltung in seinem Sinn und plauderte nach Herzenslust: „Unsere verehrte Frau Herzogin sah reizend aus in der weißen Toilette, mit dem geschmackvollen Cadeau des Herzogs, dem Türkisen-Collier! Herzog Ferdinand, unser hoher Gast, der sie noch nicht kannte, äußerte sich nach dem Souper vertraulich zu mir: ‚Bester Oberstallmeister,‘ sagte Höchstderselbe, ‚das ist ja eine merveilleuse Person; distinguirt, voll Contenance und Schick.‘ Heute wird die maskirte Schlittenpartie den hohen Gast angemessen unterhalten. Ich habe die Ehre, die Herzogin Mutter zu fahren. Durchlaucht der Herzog fährt die Gräfin Werthern, blauer Schlitten, die Kohlfüchse davor. Herzogin Luise mit Prinz Ferdinand, silberne Muschel mit den neuen Schwarzen. Du hast Dein Costüm doch parat, Frau? Janitscharenmusik voraus, wir alle als Türken hinterdrein, ein ganzer Harem entschleiert, süperbe! In Belvedere nehmen wir eine Chocolade, darauf giebt’s ein kleines Concert. Nach dem Souper Rückfahrt mit Fackeln. Auf Ihr Penchact ist auch Rücksicht genommen, Doctorchen! Excellenz von Witzleben hat die feinste Spürnase [579] für ein kleines Herzensfaible; Sie kommen mit der Schrötern und anderer Jugend im einen viersitzigen Schlitten. Es giebt aber noch tausend Dinge im Stall zu arrangiren,“ fügte er aufstehend hinzu. „Welchen Schlitten bevorzugst Du, Charlotte? Der Oderhofmarschall von Witzleben wird Dich fahren. Es ist der mit dem Schwan für die kleinen Schimmel, der rothe mit der Tigerdecke und der Mohrenkopfschlitten mit dem großen Dunkelbraunen noch zur Verfügung; überlege Dir, was zu Deiner Toilette paßt.“

Er grüßte leicht und eilte, um seine Geschäfte zu besorgen, hinaus.

Der Hauslehrer folgte gleich darauf mit den beiden älteren Knaben. Frau von Stein nahm Fritzchen an die Hand und lud den Freund ein, mit in ihr Zimmer zu kommen. Während Fritz mit seinen Bauhölzern und Soldaten in der einen Fensternische spielte, saß Charlotte mit Goethe gewohnter Weise in der andern.

„Ich sehe es deutlich in Ihren bewegten Mienen, lieber Wolf,“ hob sie teilnehmend an, „es ist etwas geschehen, was Sie quält; reden Sie, berichten Sie mir, was vorgefallen ist, dann will ich auch sagen, was ich für Sie auf dem Herzen habe.“

Aufathmend theilte Goethe der vertrauten Seele sein Mißgeschick mit. Er gestand ihr, daß er wisse, wie sehr er die Herzogin verletzt habe, statt sie - wie er nie anders gewollt und gedacht - in mildester Weise über ihre selbstgewählte trübe Lage aufzuklären und sie wie Lila versöhlit und beglückt in den Kreis der Ihren zurück zu führen. Warm, hinreißend, bilderreich sprach er sich über sein Mißgeschick aus. Und wieder gewann die ruhig lauscheude Freundin einen tiefen Blick in das glühende, nach hohen Zielen ringende Herz des Dichters.

„Du siehst, liebe Seelenführerin,“ fahr er fort, „daß ich wieder einmal Deiner bedarf. Ich gebe ja sollst nichts auf das Gerede der Leute, wenn es mit meinem für recht Erkannten im Widerspruch steht, und packe die Sticheleien geduldig auf, weiß ich doch, daß alles mir Versuche und Vorbereitungen sind. Hier aber, wo es sich um eine Andere handelt, wo ich verletzt statt versöhnt habe, an alt mich das Geschehniß auf das Bängste.“

Sie hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen; als er sie nun, wie nach einem Urteilsspruch verlangend, mit fragenden Augen ansah, reichte sie ihm voll Theilnahme die Hand und seufzte: „Armer Freund!“ Daun fuhr sie fort:

„Wenn Ihr Männer nicht gar so sicher gewesen, wenn Ihr zu uns gekommen wäret, Rath zu holen! Vorher war das unter Euch eine geheime Wichtigkeit, eine Selbstgewißheit. Als ich nun aber das Spiel sah, erkannte ich den ungeheuren Mißgriff! Ich wußte ganz genau: das vertrug Luise nicht; das hätte auch ich nicht vertragen! Ich konnte Luisens Gesicht nicht sehen, aber aus der Art, wie sie hastig und zitternd den Fächer bewegte, wie sie sich eifrig und gezwungen in den Pausen unterhielt, erkannte ich ihre tiefe Gemüthserregung. Mit Bedauern fühlte ich, daß auf lange hinaus viel verdorben sei.“

„Wenn ich sie nur allein sprechen, ihr erklären könnte - wirke mir das aus, Charlotte!“

„Das gerade wird die Herzogin ängstlich vermeiden. Es würde auch nichts helfen. Sie ist, zwanzig Jahre alt geworden, in ihrer einmal fest geprägten Eigenart schwer zu ändern. Daß sie Dir gestern Abend ihre Seele einen Augenblick erschlossen hat, schmerzt sie heute vielleicht mehr als alles Uebrige; sie ist ja eine so tief innerliche Natur! Sie lebt ganz einsam in der Welt und findet alle Formen, allen Verkehr zu leicht; sie besitzt keine Freundin und sehnt sich, wie ich glaube, nach keiner, weil sie die Wonne, ihr Herz aufzuthun, nicht kennt.“

„Ja, wenn ich nicht in ihre Seele sähe und so warm für sie fühlte, hätte sie mich schon oft erkältet!“ rief er zustimmend.

„Aber Du kannst uns bei ihr heraushelfen, liebste Lotte; sag, was wir thun können!“ fuhr er erregt fort.

„Versuchen kann ich’s diesen Abend in Belvedere,“ entgegnete Charlotte nachdenklich, „aber mir ahnt, daß es nichts helfen wird.“

Goethe küßte mit dankbarer Innigkeit ihre Hand, klagte, daß er bei der Schlittenfahrt wenig von ihrer lieben Gegenwart genießen werde, und verließ sie, wie imner, mit der Empfindung, daß etwas in ihm in’s Gleiche gerückt sei.

Zu Hause angelangt, hörte er, daß oben der Herzog auf ihn warte, er sprang hinauf und fand Karl August ungeduldig im Zimmer hin- und hergehend.

„Kommst Du endlich!“ rief er ihm entgegen. „Mir läßt diese dumme Geschichte mit Luise keine Ruhe. Ich bin gewiß kein Poltron, aber zu ihr sprechen, sie begütigen, dafür fehlt mir absolut die Courage. Noch vor ihrer Stubenthür würde ich auf der Schwelle Kehrt machen! Ich bin auch gründlich erbost auf sie. Dies Versöhnungsspiel von gestern war das Aeußerste, was ich noch für sie thun konnte! Weist sie die vergünstige Auffasssung meines guten Willens ab, so ist unsere Trennung ihre Schuld. Irgend Jemand kann ihr in meinem Auftrage ein Ultimatum stellen! Entweder oder! Ich werde sie laufen lassen, wenn sie nicht andere Saiten aufzieht; nur soll sie dann nicht mir unser Zerwürfniß in die Schuhe schieben.“

Goethe erzählte ihm, daß er von der Stein komme, deren Vermittelung er in Anspruch genommen und deren Zusage, einen Versuch wagen zu wollen, er empfangen habe.

„Es ist eigentlich viel zu viel Mühe, die man sich um sie giebt,“ brummte der Herzog halblaut. „Uebrigens, wenn die Stein es einmal unterninmt, kannst Du ihr sagen, daß sie auch für mich rede.“

Am Nachmittage fand die Schlittenfahrt, bei hellem Wintersonnenschein, der in bläulichen Lichtern über den Schnee glitzerte, statt.

Voran fuhr die herzogliche Capelle in phantastisch türkischem Ausputz; dann kamen zwei Vorreiter. Zunächst folgte die Herzogin Luise mit dem Gast in der Silbermuschel, Beide in buntem, türkischem Costüm, sie fast undurchsichtig verschleiert; die beiden herzoglichen Mohren standen in reicher Livree hintenauf; darauf kam der Herzog mit seiner Dame, seine Läufer zu beiden Seiten des Schlittens mit schellengeschmückten Stäben, dann die Herzogin Anna Amalie, mit zurückgeworfenem Schleier und einem brillanten-funkelnden Turban, von dem ein Reiherbusch keck ausstrebte. Sie selbst frisch, lachend und oft munter mit dem Oberstallmeister plaudernd.

Hieran schloß sich nun dem Range nach die ganze Hofgesellschaft, in kleineren einspännigen oder mehrsitzigen Schlitten. Die Musik spielte ihre lustigsten Weisen, die Schellen klingelten, die Peitschen knallten, die Zuschauer jauchzten, wo der prächtige Aufzug vorüberkam, und die helle Sonne brach sich mit Regenbogenfarben in dem schillernden Gemisch von frischem Schnee, bunten Stoffen und glänzendem Geschmeide.

So ging es lustig die gerade Kastanienallee zum Belvedereschloß hinauf!

Bald trat das im italienischen Stil ausgeführte zweistöckige Hauptgebäude deutlich hervor, vom tiefblauen, lichtdurchflutheten Frosthimmel sich scharf abhebend.

Zahlreiche Lakaien und Stallbediente unter Führung des Castellans empfingen die vorfahrenden Schlitten und leiteten die Gäste in den Speisesaal, wo eine dampfende Chocolade die Gesellschaft an den Marmorkaminen mit loderndem Holzfeuer versammelte.

Nach einer durch zwanglose Unterhaltung belebten Ruhestunde begann im angrenzenden Gemach die Musik; Corona, sowie die Rudorf, dann Beide zusammen, trugen unter lebhaftem Beifall beliebte Arien vor.

Man brachte Licht und der Tanz fing an. Anna Amalie sagte lachend zur Göchhausen:

„Spring Dich warm, Thusnelda, um für den Rückweg einzuheizen! Wir wollen keine Neige im Glase lassen!“ und eilig trat sie mit Stein zum Contretanze an.

Die Herzogin Luise konnte dem Erbprinzen, dem Vetter ihres Gemahls, den Ehrentanz nicht weigern; auch mit dem Herzoge ging sie zum folgenden Menuett. Sie gab sich Mühe, den Allschein einer zwischen ihnen waltenden Mißstimmung zu vermeiden, und das Ehepaar unterhielt sich in den Pausen über oberflächliche Dinge mit der besten Miene von der Welt. Karl August fühlte dabei aber ganz gethan, wie er mit ihr dran sei; sie waren anderthalb Jahre verheiratet, und wenn im eigenlichen Sinne auch nicht durch Liebe verbunden, doch klar über ihre beiderseitige Charakterrichtung und die Art sich zu geben.

Nach diesem Menuett erklärte die Herzogin gegen ihre Umgeebung, sie scheue wegen der kalten Rückfahrt im offenen Schlitten die Erhitzung und wolle nicht mehr tanzen.

Sogleich fanden sich einige ältere oder ihr besonders ergedene Personen, die sich um sie schaarten; zu diesen gehörte Frau von Stein, der es gelang, den Lehnsessel dicht am Sopha neben der Herzogin einzunehmen.

[580] Goethe sah, während er Eorolla zum Walzer holte, wie günstig sich seiner Fürsprecherin die Gelegenheit darbot. Er warf der angebeteten Frau einen stammenden Blick hinüber und mußte fich zusammennehmen, um nicht zerstreiit zu erscheinen.

Aber auch Charlotte von Stein, so bereitwillig sie jelle Alis- gabe übernommeil, so lebhast sie gewünscht halte, das .Ungeschick der Männer anszligleichell , sühlte sich plötzlich zerstreut, als sie Goethe in seiner türkischen Tracht, prächtig wie ein Pascha, mit der schönen Sängerin znm Tanze gehen sah.

Eiile Bitterkeit stieg im ihr ans, die ihr empfinden dem Lni- seils ähnlich machte. Sie bekämpfte jedoch dies Unwillkürliche, das sie völlig zu läh- men drohte, liild be- gann , sich anfraffend, eiste oberflächliche Un- terhaltling lilit der Herzogin. Als die Umfitzenden benlerk- tem daß für sie angen- blicklich das Ohr der hohen Frau nicht zn- gänglich sei - man hielt ohnehin Fran voll Stein für die nächste Frellndin - stand Einer nach dem Andern aus und trat, nm dem Tanze zu- zuseheil, in die osfelle Flügelthür des Saals. Diese Wendling der Dinge hatte die Parlamentärin er- wartet und kam zur Sache :

„Dnrchlaucht ha- bell einen Unglück- lichen gemacht,“ slü- sterte sie, sich der Herzogin znneigend. „Der Legationsrath Goethe hat mir ge- standeil, daß er unter Onalen der Rene uud des Bedauerlls die

Nacht schlaslos hin.-

gebracht habe uud nichts inständiger be- gehre und von Höchst- Ihrer Gnade erflehe, als seinen Mißgriff ausgleichen, irgend etwas thun zu dürfen, erlangen!“

„Geschehenes läßt sich nicht ändern. Ich wüßte nicht, wie hier etwas gut zu machen wäre,“ entgegnete die Herzogin, sich strasser ausrichtend und bleicher werdend.

„Läßt sich auch nichts ungeschehen machen, so ist Begnadigen doch das schönste Vorrecht der Fürsten. Darf ich dem renigen Dichter, welchen fein Genius auf Irrwege lockte, den Trost der Vergebung im Anftrage meiner Gebieterin fpenden?“

„Ich denke, der Herr Legationsrath wird sich gern mit der Gnade meines Gemahls begnügen.“

„Warum soll dies zweierlei sein? Warum trennen Enre Durchlaucht Ihre Getrenen ill zwei Heerhansen? Goethe ist HöchstIhnen ebenso ergeben wie Seiner Durchlaucht dem Herzoge. Er beklagt schmerzlich das Vorurlheil, als wirke er ungünstig anf feinen hohen Herrn; er möchte versöhnen, in.s Gleiche rücken, die ihm verehrlingswürdigsten Menschen innig verbiiideii -“

Stelldichein.

.il.l.l, dem ^t^ematde v.m ^oi.eri .ll ^m

nm Enrer Durchlaucht Vergebung zu

,,Stößt aber auf Schwierigkeiten, die“ - Luise schwieg und wandte sich mit schmerzlich zuckeuder Lippe ab.

„Durchaus uicht, Herzogin! Keineswegs; auch Seine Dnrch- lancht der Herzog beklagt vorgesallene Störungeil, verletzende Be- rührllngen und wünscht nichts lebhafter -“ „Ah, Parlamentären!“

„Ia, Enre Dnrchlaucht; uellnen wir es so; ich spreche in doppeltem Austrage, und alls der Fülle meines betrübteil Herzens

dazu. Seieii Sie ver- söhnlich , seieu Sie gnädig und gütig für zwei Herzell, die in Liebe und Berehrling sür Sie glühen -“ „Liebe? -Liebe bietell Sie in sei- nem Austrage? Weil er die kokette Wer^ theru entbehrt, keinen interessanten Ersatz stlldet, deshalb, als Lückenbüßer, als Al- mosen - sein Weib! - Großer Gott, was sage ich? Aber mag.s sein. Meine Liebekalln ebenso weilig ans ihrem Grabe erstehen, wohinein er sie ge- bettet hat, als seine tiesbetrauerte ,Liebste.. Ich bin deshalb nicht wahnsinnig wie Lila, aber ich hin eine Frau, die ein seinelnpstnden- des Herz hat liild allf ihre weibliche Würde hält. Ich bin liild bleibe sein Weib, sein gehorsames Weib; ich werde ihm nie, was er voil mir, von mei- ner Stellullg zu sor- deru hat, versagen; melden Sie ihm das anch, aber liiein Herz, das nicht begehrte, das bleibt ihm für alle Zeit verloren!“

Sie stand rasch auf, trat vor nach dem Salon, gewann in kürzester Frist Be- herrschllng ihrer be- bendell Glieder, ihrer schmerzlich verzogenen Mienen und solgte wenige Minuten später, als der Walzer zu Ende war, deln Erbprinzen von Brannschweig zum Souper.

Kleinere Feste stillten die solgendell Tage. Unterdessen war der Gründonnerstag herangekommen.

„Willst Dn übermorgen nlit znr Allerhahnjagd nach der Wartblirg, Wolsgang?“ sragte der Herzog Karl Anglist Goethe, indem er in dessen Garten trat, wo der Dichter eifrig mit Spaten nlld Hacke ackerte. Der steißige Natnrfrellnd stellte seinen Spatell znr Seite, klopfte sich die Erde von den Fingern und blickte aiis leuchtenden Augen den Freuud herzlich an.

„Sie wissen, mein lieber gnädiger Herr,“ erwiderte er, „das Grülldeil und Aliserchallen ist mehr meine Sache, als das Zer- stören. Wenn da im dämmerigen Morgeilgrniieii, iiii reineil Gottessrieden der Natur, solch eiil prächtiger, großer Vogel seiiie Liebestöne ausstieße, das ganze Geschöpf eitel Lnst iilld Freudig- keit, würde ich meine Büchse hernnter thnn liiid sagen: lebe nnd genieße! so unwaidmännisch das auch wäre.“ [582] „Schändlich unwaidmännisch!“ lachte der Herzog, ,,nnpraklisch poetisch, kurz, schade um den edlen Sport, Dich dazn zu laden. Ich habe aber noch ein anderes Reizmittel in r^tt.l.l. Ich gehe nämlich zu dieser Jagd, um eine andere abznsagen. Als perfön.- licher Ueberbringer einer. Jagdeinladung meines geehrtell so- genannten Vetters, des Landgrafen Adolf von Hessen-Philipps- thal-Barchseld, war eben da - rathe wer?“

„Nnn?“

„Na, ich will Dich nicht gtlälen! Denke Dir, Christoph Käusmaun, der Wllndertlstiter, jetzt sogenannter Doetor Kausmaun. ..Wie, in aller Welt, kommen Sie denn dazn, landgräslicher Briefträger zu werden?. fragte ich, höchlich ergötzt den seltsamen Kauz wieder zu sehen. Er schnitt sein allerwürdigstes Gesicht, verdrehte die Angen wie ein fromm gewordener Anerhahn nnd slüsterte geheimnißvoll: .Er sendet mich!'. - ,Wer?. sragte ich, da ich mich seiner Schnurren im Angenblick nicht erinnerte. .Er!. wiederholte er mit Emphase. .Der Meister st - .Dell Knkllk anch,

Gras Saint Germain?. ries ich. ..Was hat denn der mit den landgräflichen Jagden zu thun ?.. .Mit der Jagd gar. nichts,. er- widerte er gravitätisch, .aber die Stunde. ist gekommen, in der Du deu Strahlenkranz des Stnrmsternes betreteu mußt... ..Ah so,.. sagte ich, .das ist. ja famos ! Ihr wollt Euch meines miserabeleu Lichta keruchens erbarmen und das arme Ding in Schwung bringen ? Wie war doch die Theorie Ihres interessanten Seeleufeuerwerks?.. Er aber ließ sich nicht irre machen, sondern predigte mir wieder die ganze Geschichte vor. Ich entgegnete aus seine Einladung, welche mir allerdings zwei sehr heterogene Spaße in Aussicht stellte, daß Gras Saint Germain mich aufsuchen könne wo er wolle, daß ich aber vorlänstg noch nicht nach seiner Pfeife tanze. Ferner möge er Seiner Liebdell, meinem Herrn Vetter, meinen schöllen Dank znrücksagen und melden, ich hätte selber etliche Allerhählle in den Eisenacher Forsten zu verhören und könne diesmal nicht seiner Einladung folgen. Nun bin ich da, Dir Deinen Theil an dein ^ Wartburgsritt auzubieteu.“

[594] ..^n dem kleinen Gartell am „Stern“ allf- und niedergehend, ^ taiischten die beiden Herzensfrennde ihre Gedanken ans. Der Herzog kam wieder auf seiile Einladung znr. Jagd zurück.

„Ich trenne mich jetzt ungern voil dieselil liebeil Erden- steckcheii,“ antwortete Goethe. „Es braucht meine Krast. Anch der Wuiidermanu, der Sie wahrscheinlich aufslicht, lockt mich nicht. Seiile Sache mag nicht gallz bedentungstos , noch ganz Betrug feiii, aber die Menschen, die sich mit solchen Heimlichkeiten abgegeben, waren mir immer verdächtig. Sie sollten sich anch nicht zii tief darauf eintasten. Ich weiß nicht, was mir für Ahnniigeil gteich Spinnen über^s Herz krabbeln, möglich, daß man Ihnen allerlei Ullgelegenheiten bereitet.“

„Ich spüre einen Drang und Trieb , Nenes zu ersahreu, meinem Leben Farbe zu geben! Luise ist ja seit deiii veriiiiglückten Berinittelungsversliche der reine Stein, kühler lind steiser denn je; die winterlichen Frenden sind längst erschöpft, diese Alissicht, feltsaliitiche Faxen zu sehen, gandirt mich. Ich bin doch lleligierig, wie weit jener wunderbare Graf, der ullsere stolze Sängerin zu zähmen verstand und der Herr des^ selbstbewiißtell Schweizers wnrde, meinem Ich gewachsen ist. Sei überzengt, daß ich ihm so skeptisch wie möglich entgegentrete.“

Während sie mit einander sprachen, hatten sie die Terrasse, aiis der Goethe pslaiizte, verlasseil liiid wareil vorwärts schlendernd der Eingangsthür nahe gekolimieii.

Stein und Wedel gingen mit einander vorüber; der Herzog ries sie herein und sagte ihnen, sie könnteil iiiit alls die Wartbnrg kommen, er wolle ihnen einen Anerhahn gewähren. ,,Hier unser Dichter,“ sügte er hinzli, ,,klebt, wie Ihr wißt, an der Scholle.“

„Und doch möchte ich Enre Dnrchlaiicht um eiil paar Tage Urlaiib bitteli. Mir scheint nach einer briestichen Metdnllg des Berggeschworenen über den Trellsriedrichsschacht, daß eilt Nachsehen iu Ilmenau uöthig wäre,“ erwiderte Goethe.

Der Herzog lachte: „Urlaub her, Urlaub hin! Kneist aus, alter Junge, wann Dn magst. Ich .werde doch Dich nicht au die Kette legen?“

Mit einer vergnüglichen Abrede, sich heiite Nachmittag bei deiii Ostereiersiicheii der Herzogin Amalie zil tressell, tremiteil sich die Männer.

Das Wittthniiispalais, welches die Herzogin bewohnte, war von einem großeil Garten liiilgeben. An der einen S.eite reichte derselbe bis an die Ersnrter Straße, an der anderil bis an eineil städtischer Markt. Rund herum lies eine lebende Hecke, die jetzt schon einen grünen Allsllig zeigte. Eill Lnsthans niit Malereieil von Oeser bildete den Endpniikt eines schöneil Barimganges, der dasselbe mit deiii Hanse verband. Pyramiden von Taxlis, Tannen, Bnchsbanm mid knospendes Laub gabell den Amagen bereits eine recht einladende Frische.

Die Glasthüreil des einsachell Gartensaals der Herzogin- Mlitter standen geössnet lind ließeil den Dnst und Schimmer des Frühlingstages einzieheil iil die für ein kindliches Fest geschmückten Parterrezimmer. Treibhansgewächse und Tanneuzweige süllteu die Eckell, aus deueil voll Kuchenteig gebackene Störche, Füchse liiid Hasen, niit einem bnnten Ei unter deiil Schwänzchen, zwischen Fähnchen liiid Düteil herans leiichleten; aber auch inl Gartell, alls dell Spaliereil, zwischen deii Hecken und Büschen, lngten die gelbbränillichen , närrischen Gestatten hervor. Die Wege. waren mit frischem Kiese bestrellt, und die Beete sahen sett bränntich ans.

Jetzt öffnete ein Lakai die Thür, welche aus deiii Hause iil deil Gartellsaat sührte; die Herzogiil Amatie nlit ihrer Ttmsnetda trat ein. Die hohe Frau sah hausmütterlich nach alleil Vorbereitungen zu ihrem Feste und sagte danu zur Göchhauseii, die am Arme einen Korb mit gesärchteil, beinatten, lilit Sprüchen versehenen Eiern trug:

„Nliil komm. iil den Garten, Thusel, wir wolleu die Eier so grüudlich gut versteckeil, daß die grußeil lind kleinen Kinder sich.s rechte Mühe kosteil lassell sollen, sie zu stndeil.“

Beide schritten die paar Steinstnsen vor der Glasthür him nnter und aus dem mittleren Kieswege entlang.

,;1tur bii.m, t.^.m.tttt^ ^ulnitil.rm^ !^ snhr Amatie sort, „lang. her iiiid steck. sie unter, Deine Schätze!“

„Ist das wieder ein Tag, um sröhtich und guter Dinge zn seiil !“ tachte die Göchhaiiseii. „Was meinen Durchlaucht, hier in diesen Stachelbeerbiisch, der anssiehl, als sei er mit grünlichen Moos angeslogel, stecken wir das niit dem Sprüchlein:

.Durch Dornen iilld Chicanen Mlißt Dn Dir Wege bahnen!“'

„Ia, ja! Gieb mir ein Paar. Hier zwischen den dicken pnrpilrsarbeilen Schößlingen der Kaiserkronen kanll man das rothe mit dem Sprliche:

.Heiße Triebe meiner Liebe Drängt verwegen, ihr entgegen^

kanm erkennen.“

„.Wie ein frisches, reines Ei, Mädcheli, Deine Tngeild sei!^

Das hat Knebel gestern Abend geschrieben; ob er dabei an das

Rndelchen gedacht hat?“

„Unter deiii gelbeil Crocns ist eiil gelbes Ei kalim zu stiideil!“ „Hier noch eiil prächtiger Platz hinter dem schieseil Spalier-

baliiiie!“

So wnrdeil sie immer eisriger, lieseil durch den ganzeil Garteil liiid hatten bald ihren Vorrath all Eierll so glit versteckt, daß es ihnell selbst schwer geworden wäre, sie alle wieder zu studeu.

Jetzt schlug es drei Uhr, mall konnte die Gäste erwarten. Beide Daiilell kehrten ill dell Gartestsaal zurück, der sich bald lilit den lmhestechelldell Familien stillte. Heute wareil auch die größereu Kiuder eingeladell; Steins brachtet ihre drei Knaben nlit, Wieland kam mit einer ganzen Schaar, und so schlossen sich kleine Gäste alls vielen Hällsern all.

Die Herzogiil, ganz Leben und Bewegultg, Fener iiiid Fröhlichkeit zwischen deil Ihren, plaliderte mit Allen, vertröstete die Ungeduld der Kleinell, enipstilg hier, lachte da, ueckte sich niit Ienem und gestattete endlich ------ obgleich noch die Herzogiii Luise

mit ihrem Hosstaate sehtte - daß liiail deil begehrlichen Kjuderit zu Liebe das Eiersnchen beginne.

Die Thür des Saals wurde weit alisgerissen, liiid die Lnst des Slicheils, Naschells iiiid Neckens bei Groß und Klein begann. Der Herzog, Goethe, die Steins, die Göchhallfen, Wielands, knrz alle Genoffen des fröhlichen Hofs, tollten lind hetzten, lachten nnd spielteii iii rechter Kinderfestart blliit durch einander.

Nachdem das Treiben im Garten einige Zeit gewährt hatte, schlng die Herzogin Amalie eine Lotterie vor, still die appetitlichen Störche, Hasen und Füchse, die noch iil den Büschen saßen, zll vertheilen. Man sammelte sich auf dem rlinden Grasplatze vor dein offeneil Gartensaale, wo die Verloosniig stattfaild, und bald hatte jedes Kind sein Kiicheilthierchen erhalten und sing an, die Rosinen- angeii herans zli pflücket liiid an den Eckeil zii knabbern. Die Kleinsten wurden jetzt nach Hanse geschickt. Die Größeren spieltell mit den erwachsenen Personeil aiis deiil Rasen. .

Als dies harmlos luftige Treidelt im bestell Gange liiid Alles Gelächter und Fröhlichkeit war, erschien plötzlich auf den Stnfeit iil der offenen Salonthür die Herzogin Lnise niit Görtz nnd ihren. Dienern. Sie stand da im weißen Kleide, licht- nnlslossell, ruhig liiid schön. Das Plötzliche ihres Daseins, ihr niit der herrschenden Stimmung völlig conlrastirender Ansdruck erschreckte, ja erstarrte Alle.

Es war ihnen, ats müßten sie sich schämen, sich schnldig sühten, ats seien sie aiis einer Ungehörigkeit ertappt.

Die Herzogin Amalie saßte sich zuerst iiiid ging ihrer Schwiegertochter artig entgegen; es lag aber auch alls ihren heiteren Zügen etwas wie Unbehagen.

Die ganze Versammlling verneigte sich, und die Kinder steckten, indem sie knixten, die angebissenen Knchen hinter den Rücken oder nnter die Schürze.

Niemand wurde aber mehr erkältet, als der Herzog; ihm schien es, als gehöre jene Erscheinttug, die hier so störend d.t- zwischen trat, einer fremden Welt alt, als habe er seiiieiii innersten Weseii nach nichts mit ihr gemeiii. Er vermochte es nicht über sich, ihr entgegen zu gehen, sondern wandte sich ab tiitd murmelte eiit Wort zwischen den Zähnen, das iit der Erregtlng [595] des Allgellblicks nild bei der plötzlich herrschenden Stille ganz wohl verständlich Lnisells Ohr traf. Sic trat eben uou be,u Thürstlifen in den Garten, ihrer Schwiegermntter die Haud reichend.

Dies eine harte Wort hieß: „Medusa!“

Erschreckt von seiner eigenen Stimme, wandte Karl August sich um ; seine fragenden Angen begegneten denen seiner Gemahlin, in welchen eine Welt von Schreck, von Angst lind Iamliler lag. Es ward ihm sosort klar: sie hatte ihn verstanden! Aber er war bei aller Wärme und Güte ein viel zil arger Trotzkops, um ihr zu weicheil, lim sein Unrecht eiliznseheu, wohl gar zu bereuen. Er grüßte sie kalt und sagte:

„Eure Liebdell haben uns ein bischen gar zu lauge schinachten lasseil ! Die armeil Kinder würdeil vor Ungeduld iil Krämpfe ge- fallen sein, wenn sie alls das Erscheinen meiner hohen Gattin hätten warteil sollen. Es war gut, daß die Herzogiil eiil mit- leidiges Einsehen hatte und ihr Fest inzwischen begann.“

Lnise preßte die Lippen znfammen, össnete sie, brachte aber kein Wort hervor; Gras Görtz dagegen ries:

„Verzeihllng , Durchlaucht! Ein kleines Malheur mit deln Wagen, der fortgeschickt werden mllßte.“

,,So konnte man den knrzen Weg zu Fllß gehell!“ nllirrte der Herzog.

Lnisens Damen traten auch in den Garten, und eine all- gemeine Gesellschaftsiiuterhckltmlg begann, die fast den Charakter einer Hoseonr annahm ; mall stand ehrfllrchtsvoll inl Kreise nnd die Herzogin beglückte Einen nach dem Andern nlit ihrer Anrede.

Alls Anna Amaliens natnrwüchsige Fröhlichkeit schien ein Rauhfrost gefallen zu sein; die herbe Berührung zwischen deln sürstlichen Paare war auch ihr nicht verborgen geblieben. Sie faß jetzt neben Wielaiid, deil sie sich herangewinkt hatte, iiil Gartensaal und erwog mit dem Getrenell, dein Ex-Meiltor des „Tollkopses“, wie man aus Karl Angnst einwirken, wie man das Ehepaar einander näher sichrem wie man anssöhnen, verbinden könne.

Während Lnise noch einen großen Kreis loyaler Seelen nm sich versammelt hielt und nlit innerlichem Weh den ällßerell Formen genügte, bewegte sich ein anderer Theil der Gesellschaft wieder zwanglos im Garten.

Lange schon schritt Corona am Arme des ihr treil ergebenen Hildebrmld von Einsiedel in einem halbverstecktell Gange allf und ab.

„Wir filld nun so weit, herrliche, geliebte Krone der Schöpfllilg!“ sagte er bewegt, indem er seine schwarzen Angen niit durstiger Liebesglnth alls ihre regelmäßigen Züge heftete, „daß ich endlich offen, offen fragen dars: ist olles Dies, was mich hosten und ansjnbelil läßt, Schein und Selbstbetrng? Oder, Eorolla, soll ich es glanben, daß ich der glückliche Mensch bin, dem Sie Ihr Herz geben?“

„Wie ost habe ich Sie schon gebeten, Hildebrand, nicht in mich zu dringen!“ entgegnete sie stockend und versnchte ihren Arm ans dem seinigeil zu zieheil.

„Ich kailii Sie, die Edle, Reine, nicht für eine Kokette halten. Aber wo finde ich eine Erkläriiiig für Ihr wechselndes Betragen? Bill ich eiil eitler Narr, wenn ich zu seheil glallbe, daß Sie gern, daß Sie am liebsten mit mir verkehren? Daß Ihre schönen Aligeli mir freiidig entgegen lelichteil? Wenn ich fühle, welch ein seltener Gleichklang zwischen linsereil Allsichten, unseren Neigililgell besteht? Wenn unsere fesselnden Erörterungen kalim ein Ende stlldell können? Sag^, Eorolla, ist dies Alles eitle, tolle Eim bildnllg von mir? Sag' es offen, deinüthige mich, wenn es sein mnß, aber laß uns Klarheit stlldell.“

„Ich kallil es nicht, Einsiedel, ich kann nicht: nein sagen- Sie gnäleil mich elltsetztich !“

Der Weg elldete ill einer Lande, die, mit Talinen nlnstaiideil, eiii verstecktes Plätzchen dot, hier trat das Paar ein lind ließ sich ans der Baiik nieder.

Goethe hatte dell ganzen Nachmittag vergebens eiil gutes Wort voii der geliebteil Frau zu erhascheil getrachtet, aber Fran von Steiii hielt sich im Kreise der Kinder oder spazierte niit andern Damen umher. Jetzt, uachdeiii Lnise sie einer hlildvollen Anrede gewürdigt iiild dann sich weiter gewandt hatte, versnchte er es, hinter ihr stehend, sie für sich zii gewinnen. Er flüsterte ihr viele gute Worte zii, erlangte, daß sie, sich limweildeiid, aut- wortete, nild lockte^ sie, in eiil Gespräch verwickelt, mit sich den Hanptweg entlang, deiii Bassin lind Gartenhanse zli.

Ans sein drängendes Fragen nach ihrer Stimmung^ für tyn, entgegnete sie bekümmert:

„Nnn ja, ich gestehe, daß ich ein Schwanken Ihrer Wärme, ein Ab- und Znnehmen schmerzlich empsiiide ; aber ich weiß es schon liiid bin resignirt: für mich giebt es kein daiierhastes Glück!“ „O Zweisterin !“ rief er innig. „Es ist gut, wenn ich nicht immer gleich stark sichle, wie lieb ich Dich habe! Meine übrigen Leidenschaften , Zeitvertreibe und Miseleien hängen ja mir an dein Faden der Liebe zu Dir; wendest Dn den Rücken, fällt alles in den Brnnnen.“ ..^.^

„Und dennoch glalibe ich , daß seit einiger Zeit Vieles ver- ändert ist,“ erwiderte sie mit einem Senfler. ,,Ich will nnr eiileii Namen nennen, der mir - ich gesteh.s osfell - schon lange auf der Seele brennt: Corona!“

,,O, die ift Dir nicht ähnlich geling, beste Fran; ja wenn sie ein halb Jahr liiil Dich sein könnte; hat aber auch ihre andere i.rmlmlr.“

„Corona?“ sragte sie erstannt.

Cr nickte lind lachte; znfällig hatte sein scharses Ange das Paar aus dem Seitenwege in die Laube treten sehen. Cr lenkte liiit Frau von Stein vom Mittelwege ab, drückte mit schelmischem Blick den Finger alls die Lippen und sührte sie still an die Tannen.

„Sieh, Unglälibige!“ rannte er ihr zu und bog einige Zweige znr Seite.

Fürwahr ein überraschendes, ein schönes Bild: Corona saß aus der Bank, Einsiedel lag zu ihren Füßeu und bedeckte ihre Haud mit heißell Kllsseu; sie legte den andern Arm um seinen Hals und ueigte sich zu ihm nieder.

„Corona!“ stehte er, „sei osseil gegen mich, sage mir alles!“ „Laß mir Zeit, Ueberlegung, Geliebter!“ flüsterte sie da- gegen. „Ia ich will, ich muß mich gegen Dich aussprechen, aber nicht jetzt, nicht bald. O, gölille mir nur Sammlung und zweiste nicht an mir!“

Goethe ließ die Zweige leise znfammen fallen und wandte den großeii, fragenden Blick auf seine Begleiterin.

„Das ist überzengend,“ stüfterte diese mit glücklichem Lächelm Schweigend gingell sie voll dallilem „Ich,“ fuhr sie fort, ,,hätte Dir ja auch ihre Liebe gegönnt. O, gewiß gönne ich Dir alles Gnte; alles was ich Dir nicht sein und bieten kann!“

Sie versolgtell demWeg znr Gefellschaft znrück; Charlottells Gedaukeu richteten sich wieder alls das eben gesehene Paar.

„Kann das eine Heiruth geben?“ sragte sie wie inl Selbst- gespräch. ,,Er hat nur seine Hoscarriere, sie ist arlil liild bürger- liche Künstlerin !“

„Sie praktische Rechnerin!“ lachte er. Und da man sich trennen llilißte, flüsterte er ihr noch zli:

„Darf ich hellt Abend kommell, den Kindern ein Märchen lesen, mit Ihnell essell liiid an Ihren Angell voll mancherlei ans- ruheil? In einigeil Tageil reise ich nach Itmenam“

Eiil leises Bejahen und etil freundlicher Blick aus ihreu schöllell, sallsteu Augeil erfüllte seine gallze Seele mit Glücksgefühl.

Ail dem bestimmten Tage zog man zllr Jagd nach der Wartbllrg.

„Nnn, wie steht.s, sind gering Hähne für uns verhört?“ sragte Kart Angnst, mit seinen Begleiterll liiid ein paar Stall- knechten Abends vor der Wartbllrg vom Pferde steigeud, wo ihll der Castellau und sein Oberförster,. verschiedene Reviersörster nebst dem Bllrgpersonal nlit devoter Begrüßllng einpstngeii.

„Dllrchlallcht zu dienen, jawohl,“ entgegnete der alte Ober- sörster. „Die Waldläliser und Forstwarte sind jede Nacht drallsten geweseil und haben ihrer geung ausgemacht. Ulld es ist eiil Glück sür dell Forst und die jungen Cultiireu, wenn Durchlaucht mld die andern Herreil ein paar Anerhählle abschießen, denn den Saatell hobelt sie im vorigeil Sommer wieder arg zugesetzt, deu jungen Herztrieb derart verschnitten, daß wenige von den Säm- lillgen zum Auspstanzen passen werden.“

„Sie siiid und bleiben mehr Forstmann als Waidlnanil, alter Freuud,“ lachte der Herzog. „Niiii, das ist mir lieb; unsere Berge hier herum brancheu sorgfältige Pflege des Waldbestandes, und darum - nicht wahr, Wedel, mir darnill? ------ schießen wir

Ihnen hosteiitlich morgen in der Frühe etliche der mißliebigen Gesellen heriinter.“

Mali ging iii die Biirg und begab sich in das Lan^grasenhans.

[618]
21.

Es war eine windstille, frühlingsduftige Nacht, der Himmel wolkenlos und hoch gewölbt, die Sterne hell und von sanftem Licht, als die Jagdtheilnehmer sich Punkt ein Uhr auf dem Schloßhofe der Wartburg an den bereit gehaltenen Pferden zusammenfanden. Zwischen dem Zimmerberge und Drachenstein schieden die Herren mit einem fröhlichen: Waidmannsheil! und der Herzog ritt allein, nur von einem ortskulldigen Reitknechte begleitet, in die Nacht hinaus.

Die scharfen Umrisse der Hörselberge traten am nördlichen Horizonte immer klarer hervor, da gerade über denselben die zarte Sichel des ersten Mondviertels aus dunkelblauem Gründe schwamm. Ein Reh, das aufgeschreckt die Menschennähe witterte, schmählte in bellenden Tönen durch die Stille.

„Gut, daß wir die Musik nicht später haben,“ sagte der Herzog zu seinem Begleiter; „davor würde der flotteste Balzer verstummem und ich müßte angeführt wieder umkehren.“

Endlich langte man am Fuße der Hirschwand an, da wo es zum Kohlberg hinaufging. Der Reitknecht übernahm des Herzogs Pferd, und dieser stieg allein, vorsichtig lauschend, im Waldesdunkel bergan. Es war ein mühsames Stück Arbeit; nur so viel Licht, um die Richtung nicht zu verlieren und dabei ein pfadloses Klettern über Geröll und Baumwurzelm

Eine Stunde lang mochte er sich so gemüht haben, als er, etwa noch zweihundert Schritte über sich, den wohlbekannten Hohlschlag des Auerhahns hörte, der die Hennen anlockte. Das Schleifen, jener Ton, während dessen der Hahn nicht hört und sieht - einige Secunden, die zum Näherkommen des Jägers benutzt werden müssen - folgte, und der Herzog beeilte sich, seine Büchse zu untersuchen und möglichst genau die Richtung, in der sich das edle Wild aufhielt, auszumachen.

Dann pirschte er sich vorsichtig näher; er that, als nach dem Hohlschlag wieder das Schleifen folgte, zwei große Schritte und stand dann lauernd, mit erwartungsvoll klopfendem Herzen, still.

Endlich auf etwa fünfzig Schritte herangekommen, mußte er den Angriffsplan entwerfen, denn jetzt erst übersah er den Charakter des Bestandes, in welchem der Hahn balzte. Er mußte darauf denken, nach dem Vorschreiten gedeckt zu stehen, denn nahe dem Bergesgipfel lichteten sich die Stämme und es war kaum möglich die schußgerechte Stellung zu gewinnen.

Ein paarmal mußte er noch in äußerster Geschwindigkeit während des Schleifens größere Strecken überspringen, stand nun aber endlich, wohlgedeckt die Büchse im Arm, und wartete so viel Büchsenlicht ab, um den Hahn zu erkennen und mit Sicherheit zielen zu rönnen

Röthlich färbte sich gegen halb fünf Uhr der östliche Himmel, nnd bei dem Schimmer gewahrte der Herzog den großen, schwarzen Vogel auf dem kahlen Aste einer Fichte. Er riß bei dem nächsten Schleifer die Büchse an den Kopf, gab Feuer - und flatternd klatschte der Auerhahn vom Baume herab.

Als der prächtige Vogel nach den letzten Zuckungen todt da lag, hob der Herzog mit vor Jagdlust leuchtenden Blicken seine Beute an den Ständern auf und betrachtete das schöne Thier. Dann wandte er sich, um den Platz genauer anzusehen, wo er den Auerhahn an einen Zweig hängen und später abholen lassen wollte.

Indem sein suchender Blick im Kreise schweifte und er ein immer wärmeres Erglühen am östlichen Himmel, drüben neben dem Poppenberge wahrnahm, sah er, nur wenige Schritte von sich entfernt, eine hohe Gestalt von den dämmernden Büschen sich ablösen und jetzt frei dastehen.

Es war ein schlanker Mann in tadelloser Hofkleidung; er trug einen Anzug von schwarzem Sammet, ein feines Spitzenjabot und ebensolche Manschetten, schwarzseidene Strümpfe und Hackenschuhe mit blitzenden Schnallen. Der Fremde lüftete seinen Federhut, und Karl August konnte sein Antlitz, warm überflogen von den ersten Sonnenstrahlen, deutlich erkennen; es war ein pergamentartig glattes Gesicht, nicht alt, nicht jung, mit dunklen Augen voll unheimlichen Blitzen und mit scharfen Zügen. Der Herzog erinnerte sich nicht, den Mann jemals gesehen zu haben. Die Sauberkeit seines Anzugs fiel ihm besonders auf, und vergleichend ließ er den Blick über seine eigenen lehmigen, vom Thau durchfleuchteten hohen Stiefel gleiten.

„Wie kommen Sie in solch famosem Wichs daher?“ rief er auflachend. „Sie sehen ja aus, als wären Sie heransgeflogen!“

„Durchlaucht haben Recht, das bin ich auch!“ entgegnete der Andere mit einer scharfen, von fremdem Accente gefärbten Sprechweise und dem vollkommensten Ernste.

Der Herzog starrte ihn an: hatte er einen Tollen vor sich? Wie sollte er diese Behauptung aufnehmen? Die gute Laune siegte, er lachte wieder und sagte sarkastisch:

„Muß äußerst bequem sein, Bergeshöhen fliegend zu gewinnen, während wir anderen Sterblichen keuchend und schwitzend über Steine und Baumwurzeln heraufstolpern. Aber was verschafft mir denn die Ehre, dem eleganten Herrn auf seinem Morgenfluge zu begegnen?“

„Ich bin Durchlaucht angemeldet und erlaube mir, nach unumstößlichen Gesetzen, an denen wir Beide nichts ändern können, Dero Bahn zu kreuzen.“

Dem Herzoge ging plötzlich ein Licht anf.

„Den Kukuk auch!“ rief er höchlich interessirt, „sind Sie vielleicht der vielbesprochene Graf Saint Germain, der Meister des wunderlichen Kaufmann?“

„Eines Anfängers!“ schaltete der Fremde mit dem Tone der Geringschätzung ein und fügte dann höflich sich verbengend hinzu: „Eure Durchlaucht haben richtig gerathen; ich bin der Graf Saint Germain!“

„Na, also wirklich! Ich war allerdings vorbereitet, Sie zu treffen, und bin nun doch überrascht.“ Er schwieg ein paar Secunden und trat dann dem Grafen einen Schritt näher, ihn ernst und scharf ansehend, fuhr er fort:

„Machen Sie’s kurz, mein Bester, was wollen Sie von mir? Ich bin ein Fürst ohne große Mittel, ohne Vorliebe für alchemistische Spielereien; vielleicht sogar ohne rechte Schätzung des Goldes. Durch dies offene Bekenntniß wird das Interesse des Herrn Grasen gewaltig sinken; he, ist es so? Freut mich, Sie ’mal gesehen zu haben, und nun geben Sie sich weiter keine Mühe mit mir - stiegen Sie ab!“

„Durchlaucht irren,“ erwiderte der Graf fast traurig, sonst aber unberührt von dem abweisenden Spotte des Herzogs. „Mich leitet kein eigennütziges Motiv; ich folge lediglich einem höheren Drange und bin zu jeglichem Beweise meiner besonderen Ausrüstung, meiner wundergetragenen Sendung in dies irdische Dasein bereit. Hunderte von Jahren suche ich schon nach einem Menschen, wie Eure Durchlaucht mir einer zu sein scheinen; nach einem Horte und Schirmherrn erhabener Geheimnisse, einem Fürsten der fähig ist, sich den höchsten Bestrebnugen zu weihen, Licht in sich aufnehmend, um eine Leuchte zu werden für die Menschheit.“

„Viel Ehre, zu solchem Laternenmanne ausersehen zu sein!“ spöttelte Karl August wieder.

Der Audere ließ sich nicht irre machen.

„Ich bitte, die Dinge aus ernstem Gesichtspunkte auszusagen“ sagte er kühl, „wenn ich auch anfängliche Skepsis begreife, ja solche Vorsicht billigen muß; Eure Durchlaucht werden sich bald überzeugen, daß ich sammt meiner Mission über allen selbstsüchtigen Bestrebungen stehe. Möglich allerdings, daß ich mich auch in Ihnen täusche, wie so oft schon!“ Er seufzte tief, und ein Ausdruck düsteren Schmerzes legte sich über sein gesenktes Antlitz.

Der Herzog schallte ihn fragend an und sprach, als der Andere schwieg:

„Nun, so reden Sie, was soll ich denn nach Ihrem Sinne thun?“

„Das ist nicht mit wenigen Worten gesagt.“ Sein Blick hob sich zum strahlenden Morgenhimmel, die Gestalt stand schlank und wie schwebend da, und mit würdigem Pathos hub er an: „Ich bin ausgesandt, einen Menschen zu suchen der, rein und in [619] voller Erdenkrfst aufgewachsen, stets diese Reinheit und Krast bewahrt, mehrt und betätigt; ihm nur kann die höchste Herrlichkeit dieser Welt zu Theil werden. Voll Hoffnung und Vertrauen schaute ich mich in früheren Zeiten um; stets wurde ich in meinen Erwartungen getäuscht. Nun habe ich schmerzdurchzittert auch in diesem Jahrhunderte vergebens gesucht; o, möchte ich endlich finden, wonach ich mit grenzenloser Sehnsucht ringe!“

Er hatte die Arme wie in Verzückung der Sonne entgegen gebreitet, ließ sie jetzt sinken und verhüllte sein Angesicht; des Zuhörers schien er vergessen zu haben.

Karl August stand verstummt. Der Gedanke: entweder ein Verrückter oder - ein unbegreistiches Wunder! drängte sich ihm auf. Es lag etwas so imponirend Ernstes, fast Erhabenes im ganzen Wesell des Mannes, daß der Herzog in die Landschaft hinanssehen, ja seinen Allerhahn betrachten nnlßte, um sich zu überzeugen, daß er nicht trimme, um in die Gegeilwart zurück. zu kehreu. Endlich brach er das Schweigen und sagte, auf die Idee des Anderen eingehend:

„Aber, Verehrtester, wie alt sind Sie denn, wenn Sie seit Jahrhunderten Ihre Art Jagd betreiben?“

Graf Saint Gerlnain ließ die Hände herab fallen , schien wie aus einem Traume zu sich zu kommen und lächelte wehmütig.

„So alt wie diese Berge. .Ein weiteres Gedankenseld bietet sich Ihrem Geiste doch nicht. Fürchte ich zu ersthlafsell, so .trinke ich von meinem Lebenselirtr , von dem ich meinen Auserwählten anch mitthellen kann.“

Ein lanernder Blick streiste den jullgen Fürsten, ob derselbe auf die ausgeworsene Glanzsliege stoßen werde.

Der Herzog lachte aber in harmlosen Leichtsinne und sagte mnnter:

„Was tue ich mit Lebenselirtren? Ich habe Leben genug!“ Und wie zur Bestätigung atmete er hoch und krästig aus und dehnte die starten jungen Glieder.

Der Gras verschränkte die Arme und sprach würdevoll:

„Wenn Eure Durchlaucht die Redlichkeit meiner Gesiunung, meine weitreichenden Kräste prüsen wollen, bevor ich Vertralleu stnden soll, so bin ich bereit, irgend ein besonderes Verlangen Ihres Herzens zu ersüllen.“

„Potz Blitz! ein kühnes Berspreches!“

„Ich bitte also zu begehren. Wollen Sie meinen einstigen Frennd, Friedrich Barbarossa, lilit mir im Kysthällser bestlchell?“

„Wüßte nicht, welchen Spaß ich davon hätte, des alten Herrn Bekanntschaft zu machen!“

„Oder wollen Sie vielleicht drüben ins Innere des Hörsel-- berges eintreten, um Frau Veuus, das schöne Götterweib, zn

sehen?“

Die .Angen des jungen Fürstell stinkeltem

„Da würde ich dem sehr verliebten Herrn Tanhäliser in die Onere kommen,“ scherzte er.

„Der Tanhäuser hat ausgeliebt und atisgebüßt,“ erwiderte der Gras feierlich und zuversichtlich. „Längst wandelt er in uelleil Seudungen durch das Leben; das Götterweib aber ist unvergänglich in seinem anßerirdischen Liebreiz und in der Krast, das höchste Liebesentzücken zu spelldeu!“

Uuter der geseukteu Wimper hervor blinzelte ein Seitenblick über die ossnen, frischen Züge des Herzogs, um den Eindrnck der eben gesprochenen Worte zu erspähen. Sie blieben nicht ohne Wirknilg.

„So eine schotte Frau Venns wäre mir recht,“ ..schmnnzelte. der Herzog. „Aber wie ist^s mit dem getreuen Eckart, der warnend aus einem Felsen dem Bergeseiilgang gegenüber sitzeil soll?“

„Wenn ich Eure Durchlaucht sühre, bedars es keines andern trenen Eckart.“

„Na aber, mein Bester, wenn ich der schonen Frau Veuus ansichtig werde, lassen Sie gütigst meinen Rockschoß los und ge- statten mir eine nähere Bekanntschaft der Hlildin!“ lachte Karl August mit neckischem Angenzwinkern.

„Das würde schon die Ersüllung eines zweiten Wnnsches sein, welchen ich vielleicht später gewähre.“

„Bitte aber ernstlich, mich nicht mit Malereien, Wachsstanren und solchem Lirum Larum anführen zu wollen. Dergleichen giebt.s in Weimar mehr als genug. Können Sie ein frischen schönes

Weib, voll solchem Fleisch und Bein wie ich selber bin, mir drüben iiil Berge - na meinetwegen auch erst nur zeigeu! - so gehe ich mit und wär.s zur Hölle. Tapser mache ich alleu Hokus- Pokus durch , . ohne den solcher Witz nicht abgeheu wird. Ich glaube aber, ich bin hier herum besser orientirt als Sie, und da will ich Ihnen nur sagen, daß das sogenannte Hörsetloch, durch welches man in den Zauberberg gelangen soll, eine ganz enge Spalte ist, die nicht weit sührt. Wie das wilde Heer, das drinnen sein Tagesgnartier hat, sich herauswürgt - vermutlich drückeu spukhaste Schemen sich dünner znsammen als Unsereiner - werden Sie bei Ihren übernatürlichen Kellntnissen besser wissen als ich.“

„Allerdings,“ entgegnete der wunderbare Fremde mit .sicherer Gelassenheit. „Das sind mir vollständig bekannte Dinge. Wir kolulueu also dahin überein, daß ich als Beweis meiner Glaub- würdigkeit Eure Durchlaucht beim uächsteu Bollmoud in den Hörselberg sühre und Ihnen Frau Venus vorläustg zeige?“

„Sje wollteu wirklich Erust mit der Geschichte macheu?“ ries Karl August stauueud.

„Buchstäblicher Erust! Zulu Bollmoud - in acht Tagen - wird der Herr Laudgraf Adolf von Heffeu-Philippsthal-Barchfeld seine Jagdeinladllug wiederholen; ich bitte dieselbe anzunehmen, nnd werde mich auch einstndem um mein Besprechen einzulöseu.“ l „Aber von Barchseld bis hierher ist doch ein weiter Ritt, ich kanll Sie ja hier tresten.“

„Durchlaucht vergessen, daß Entsernungen für mich kaum e.riftiren, weuigstens niemals hinderlich stud.“

„Uud ich soll Ihre Flugpartie mitmachen?“

„Ia ; soweit es eineiil sterblichen Wesen, gesührt von höherer Geistesincarnation, möglich ist.“

Der Herzog schüttelte den Kops dazu, ries aber sehr vergnügt: ,,Ein samoses Abenteuer, welches Sie mir da in Aussicht stelleil; na , man zu ! Ich bin uie ein Kostverächter , wenn es stotte Späßchen giebt! Nun lassen Sie mich aber mal sehen, wie Sie abstreichen; müssen einen närrischen Vogel geben!'.'

„Dies ist irdischen Angen verborgen!“ sagte der Wmlder- manu gravitätisch. „Und da kommen, wie mir schein, die Jagd- gesährten Enrer Durchlaucht, denen ich nicht zu begegilell wüllsche.“

Er verueigte sich mit edlem Anftande und trat einen Schritt znrück.

Der Herzog konnte nicht nnlhill, sich den Nahenden: Wedel, Stein und einigen Iägern, znzllweuden, die ihn sreudig anriefen und, des erlegten Anerhahns anfichtig werdend, daralif hinwiesen, winkten und seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Währenddessen verschwand Gras Saiiit Germain in demselben Gebüsch, aus welchem er ausgetaucht war.

Die Zweige theileud eilte er auf einen Pnnkt zn, wo ein großer, dnnkler Mantel, wohl versteckt unter trocknen Blättern, im Dickicht lag. Er warf denselben rasch über, snhr in hohe Stiesel, verbarg Schnallenschuhe und Federhut in den Seitentascheit, stülpte sich eilte ullscheinbare Kapuze über, schritt ilt elttgegellgesetzter Richtultg von den herüberschalleudett, sich jetzt eutserueudeu Stimmet der Mäuner davon und mnrmelte vor sich hin:

„So der Mensch Wünsche, Leidenschaften hat, bietet er Hand- haben genug ihu zu gängeln!“

Die Begeglttmg mit dem wnndercharen Mamt beschästigte den Herzog lebhast. Noch zu jung, .um den vertockeudeu Worteu des Graselt innerlich einen sestell Widerstand entgegensetzen zu können, war er eben jetzt, suchend liiid leer, sehr getmigt .der abenteller- durstigen Seele Genüge zu verschaffen, wo und wie es sein mochte. Malt hätte keineu güustigereu Angeltblick studelt könuelt aus ihu .einzuwirken, als in dieser Zeit.

Die .Tiefe des empfangenen Eilldrlicks betätigte sich - gaiiz gegen seine sonstige Gewohnheit - vorlänstg im einem vorsichtiget Schweigen über seine interessante Begegnung.

Er sprach kein Wort über den Grusen gegen Wedel nlld Stein, war aber an den folgenden Jagdtagen und auf der Rück- reise uach Weimar so schweigsam und zerstrellt, innerlich so voll Ungeduld und Spauuung, daß die volle Unbefaugeuheit seiner Jagdgeltossen dazn gehörte, seine veränderte Stimmung nicht zu bemerken.

[630]
22.

In Weimar eilte Karl August sofort Goethe aufzusuchen; gegen den Freund wollte er sich aussprechen, das stand fest! Aber – er hatte Goethe’s Urlaubsgesuch ganz vergessen – das Gartenhaus am Stern stand leer, Goethe war Tages zuvor nach Ilmenau abgereist.

Welche Wandlung in seinem Empfinden! Eigentlich war ihm jetzt Goethe’s Abwesenheit gar nicht unlieb. Der Freund hätte ihn auslachen, verspotten, möglicher Weise verhindern können, auf Saint Germain’s Vorschläge einzugehen. Das, was er selbst dem Grafen entgegnet hatte, wollte er jetzt nicht gern auch von einem Andern hören, denn er schwelgte in der Hoffnung, Außerordentliches gefunden zu haben und noch erleben zu sollen! Das heimliche Ausspinnen der empfangenen Eindrücke hatte ihm schon die Freiheit der Auffassung geraubt, er wünschte glühend keine Enttäuschung zu erleben und ward täglich froher, als der Mond sich rundete, die Jagdeinladung vom Landgrafen eintraf, der Freund aber noch nicht zurückkam.

Im Schloßpark zu Barchfeld spazierten einige Tage später zwei fürstliche Herren. Der Landgraf Adolf von Hessen-Philippsthal-Barchfeld, ein stattlicher Officier, der in holländischen Diensten stand, unterhielt sich im Gehen mit seinem Gast, dem Herzog Karl August. Derselbe war, nur von seinem Reitknecht begleitet, zu Mittag von Eisenach aus angekommen, der Jagdeinladung des Landgrafen endlich Folge zu leisten.

Graf Saint Germain befand sich als Gast, sammt einigen anderen Herren vom Kasseler Hofe, in Barchfeld. Ohne einer früheren Begegnung zu erwähnen, hatte er sich dem Herzoge vorstellen lassen und in seinem Benehmen den Hofmann, den Cavalier und geistreichen Gesellschafter herausgekehrt. Allerdings waren ihm bei Tafel scheinbar absichtslos Andeutungen entschlüpft, die auf weit zurückliegende Lebensverhältnisse hindeuteten. Fast erschrocken suchte er dann diese Mittheilungen zu bemänteln, wie Jemand, der sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit oder zu großen Offenherzigkeit ertappt, und da keiner der Herren nachforschte oder erstaunt schien, ließ auch Karl August die Dinge gehen, glühte [631] aber vor Neugier, uach Tisch seinen Wirth im Vertraueu zu srageu, was von dem merkwürdigen Manne eigentlich zu halteu sei.

Die ersehnte Stnnde, sich ungestört über Samt Germain zn erkundigen, war jetzt endlich gekommen Die Herren unterchielten sich zwauglos, wo und wie sie wollten.

.Der Herzog gesellte sich seinem Wirthe. Er nahm den Arm des würdigen, etwas steisen Herrll und war froh, daß sich keiner der anderll Gäste ihnen anschloß. Lebhast sagte er , als sie mit einander eine Allee hinab gingell:

„Ich bitte Ellre Liebden dringend, mir nähere Anskllnst über den merkwürdigen Mann zu geben, der hellte mit uns speiste,. ich meine den Grusen Saint Gerlnaill!“

„Ah der!“ erwiderte der Landgras und nahm die Thonpseise ans den Zähnen; „ja, der ist merkwürdig genllg.“

„Null, in wie feru? Woher stammt er? Was ist er? Was hat's aus sich mit seinem übernatürlichen Alter?“

Der Landgras lächelte, blieb stehen, sah dem Anderll sast erschrocken ill die Angen und sprach mit gemächlicher Rühe:

„Eure Liebdell verlangen etwas viel und obendrein aus einmal. Ia, wer alle die Fragen beantworte könnte.!“

„Nun General, so beantworten Sie wenigstens eine!“ rief der Herzog nlit brennender Ungeduld.

„Welche, Myuheer?“

„Welche Sie wolle, bleibe wir bei dem Alter!“ „Darüber können wir Gewisses nicht sagen. Thatsache ist, daß der Gras Details weiß, die eigentlich llnr Zeitgenossen in der Weise berichten können. Es ist in Kassel jetzt Mode, respectvoll seinen Angaben zu lauschen und sich über gar llichts mehr zu wllndern. ^ Der. Graf ist kein Renommist, kein zlldrillglicher Schmarotzer; er ist ein Mann aus der glltell Gesellschaft und für die gute ^ Gesellschaft, den an sich zu sesselu Iedell ersreut. Wenn er auch bei dem Ehes unseres Hauses, dem regierenden Lalldgraseu Friedrich dem Zweiten nicht sonderlich angeschrieben ist, derselbe nennt ihn ^ einell Mucker und Moralisten so steht er doch mit viele bedeutenden ^ Männern in naher Beziehung und übt einell llnerklärtichell Eindruck aus audere. Mein Vetter., der Laudgras Kart von Hessen ist ihm sehr gewogell, sie treibe eifrig Freimaurerei und allerlei dunkle Künste ^ mit einander; Lavater schickt ihm Auserwählte. Er kann mit ver- ^ schiedellell Stimme und aus verschiedene Entsernunge sprechen, schreibt jede Handschrift, die er einnlal gesehe, tänsched nach, soll mit Geistern und übernatürliche Wesen verkehren welche ans seinen Rns erscheinen, ist Arzt und Geognost und besitzt, wie ver- sichert wird, ein nntrügliches Mittel, das Leben zu verlängern ^ Gründe genug, dell Malm auznstanuen“

Mit äußerster Spallullug hatte der Herzog alle diese Mit- ^ theilungen von den Lippe des bedächtig redenden Landgrasen vernommen. In der That hätte Saint Germain dell nenznge- willnendell Iüllger an keine bessere Adresse weisen können, als an die des Landgrasen Adolf.

Mit einem wahren Fieber änßerster Spannung harrte der Herzog Karl August auf die weitere Annäherung des Wnnder.- mannes und auf das ihm in Anssicht gestellte Abenteuer. Er brauchte nicht lange darauf zu warte; sich dem Schlaffe wieder zuwendend, sahell die beidell Männer den Vielbesprochenen nlit dem Marguis de Luchet, dem Illtelldalltell des Theaters und der Capelle, Güustlillg des allem Französischen zugethanell Lalldgraseu Friedrich von Hesseu-Kassel, daher kommen

Es machte sich sehr natürlich, daß der Margllis mit dem Landgrasell Adols vorallsging, während der Herzog, sich zu Samt Germaiu geselleud, folgte.

„Nuu, Graf?“ fragte Karl August und sah dem Begleiter forschend in das erllste Gesicht.

„Sind Eure Durchlaucht heute Abend zu llnserem Wagllisse bereit?“

„Mit Leib und Leben!“ ries der junge Fürst. ,,Sagen Sie nur, was ich thlln soll!“

Ein befriedigtes Lächeln slog wie matter Sonnenschein über die düsteren Züge des Wnndermanns, dann hüb er an:

„Es ist meine bislang versänmte Psllcht, Serenissimns darauf auflnerkfam zu machen, daß wir einem nicht gallz gesahrlosen Unternehmest entgegen gehen. Ein Wagniß ist's, Sie ill das Reich unterirdischer Mächte einzuführen, welches nur mir ossen steht. Einem sterblichen Menschen dort Zlltritt zu verschassen, der weder mit den Gesetze jener geheimnißvollen Welt vertraut ist, ^

uoch surchtbare Möglichkeiten zu benrtheilen vermag, bleibt stets bedenklich. Ellre Dnrchlancht dürfen nie vergeffen, daß von meiner l Seite nur der eine Beweggrund vorliegt: Sie von dem Zn- fammenhallge meines Wefens mit höhere Regionen zu überzengen nnd dadllrch Ihre Hingabe für mich. ------ das heißt für meine

edlen Bestrebungen - zu gewinnen. Ich sühle, daß ich Ihnen diese Probe schnldig bin, .nlld ich werde dieselbe ablege, koste es was es wolle ! Der Zweifel muß zwischen uns aufhören, er muß vernichtet werden! Er hindert Sie, den Tempel der Erkenntniß nnd Vvllendung zu betreten, zu dem Sie an meiner Halld ge- lallgell sollen. Um null bei dem beabsichtigten Unternehmen einige Sicherheit für Sie und für mich -- denn auch ich wage viel! - zn finden, müffen Ellre Dnrchlancht sich genan meine Vorschristen merken, genall meinen Angaben und Forderungen Folge leisten. Sie werden mit verhüllten Angen den geheimnißvollen Ritt in den Vorhos des Hörselberges machen; Sie werden, wenn wir der Venns gegenüber stehen, kein Wort sprechen, damit wir nicht die gräßlichen Schemen der wilden Jagd ansschenchell, welche nns zweisellos zu Tode hetzen würden. Stumm schanen Sie die Schrecken nnd die Herrlichkeit der Tiese, stumm kehre Sie all meiner Hand znrück. Möglich, daß die gefangene Hnldgöttill den Heros in ^ Ihnen ahnt, der, gleich denl verlorenen Tanhänfer, ihr Seligkeit bereiten könnte, möglich, daß sie die rührende Sprache der Ge- berdell an Sie richtet, daß sie Liebe, Licht, Freiheit erfleht; da heißt es stark bleibell , denn eine Unmöglichkeit ist's , sie dnrch rasche That zu gewinnen. Vielleicht gelingt dies - wenn Sie es begehren sollten -- alls einer späteren Stnse unser.es Empor- strebens.“

Er hatte dies Alles halblallt, rasch und eindrillglich gesprochen, nlld Karl Allgllst fühlte wieder, wie bei jelleln erstell Znsammen- treffen sich von einem Schwindel dnrchrieselt, in welchem das, was er bisher für möglich, das was er für nnmöglich gehalten hatte, zn einem nntrennbaren Chaos ill einander stoß. Seine mstige Spott- sncht, sein derber Hllmor waren zum Schweigen gebracht; er wollte fragen , aber wo anfangen , da das beabsichtigte Unternehmen iln Gallzell ein so dllrchans sragwürdiges war? So brachte er nnr die bescheidene Crknlldigllng uach der Zeit ihres Allsritts hervor.

„Um ueull Uhr geht der Moud aus,“ erwiderte der Gras mit der Mielle eruster Ueberlegung. „Wenn Sie etliche Lllflvoltell vertrage, so könnell wir binnen einer halben Stuude anl Fuße ^ der Wartburg oder. des Hörselberges sein.“ „Lnslvoltell?“ sragte der. Herzog erstaunt. „Ah, ich vergesse! Dnrchlancht wissen uicht, daß, während Sie nur die Elnpfindnug haben, im Kreise zu reiten, wir mit jeder Wendung Meilen zurücklegen; alls andere Art kann ich die ^ Gnnst allßerirdischer Fortbewegung keineln Sterblichen verschaffe. Unser geehrter Wirth, der Herr Landgraf, wird sich nach dem Souper mit dell anderen Herren an dell Spieltisch setzen ; während l mall sich in das Eavagllote vertiest, bemerkt mall unser Ver- schwinden kaum, und binnen ein bis zwei Stuude silld wir, ^ well Alles glücklich geht, wieder aus dem Berge zurück. Bis Mittermacht liegt das wilde Heer unter dem Banne; wecken wir es mit keinem nnvorsichtigen Lallte, so sind wir nllgesährbet.“ Der Herzog konnte zu alledem nur stanneud dell Kopf schütteln Gegell acht Uhr setzte mall sich im Speisesaale znnl Souper. Es wollte Karl August bedüllkeu, als ob der Gras weniger unter- haltend sei als am Mittage; ein Zng feierlichen Ernstes lag zwischen seinen dnnklen Brauen, und fest geschlossen waren die schmalen Lippen, verstohlen blickte er mehrmals aus seine Uhr.

Der Herzog besalld sich ill peinlicher Ausregung. Was sollte nlit ihm geschehen? In welches Unternehmen hatte er sich ein- gelassen? War er. das Opser eines unerhörte Betrllges oder der Anserwählte des erhabensten Geistes? Diese Fragen, innerlich zum hnndertsten Male anfgeworfen, zerstreuten ihll immer wieder bei jedem Gespräche, aus das er einzngehen versllchte.

Endlich wurde die Tafel anfgehoben, plalldernd, rauchend trat mall in das Spielzimmer. Die Partien fanden sich znfammen, der Herzog und Graf Saint Germaill lehnten ab.

Ein paar Angellblicke standen sie noch hillter dell Stühlen der Spieler, dann, als diese sich in ihr Borhaben vertiestell, . winkte der Wundermann mit seinell gewaltigell Angell, und unter dem Einslnsse einer seltsamen Empstndung, halb von Bangigkeit, halb von jubelnder Lust, folgte der abenteuerfüchtige junge Fürst dem Voranschreitenden alls dem Schlosse.

.lo .o lw .o ..o l.lo^. oo wo .l.lo .l.^o -..to .l.w .wo .loo -....o .wo ^ wo ^oo ..l.w ^o

[632] Als sie in den hell im Glanze des Vollmondes daliegenden Garten traten, schlug es vom Thurme die neunte Stunde.

„Gut,“ murmelte Saint Germain, „nun vorwärts!“

Quer den Park durchschreitend und denselben durch ein Seitenthürchen verlassend, gelangten sie auf eine Wiese, wo hinter dichtem Gebüsche ein Mann zwei Pferde hielt. Das eine trug statt des glatten englischen Sattels einen ungarischen Bock. Saint Germain bezeichnete dem Herzoge dies als für ihn bestimmt; da er mit verhüllten Augen reiten werde, könne er die Zügel nicht selbst führen und habe sich also am Sattelknopf zu halten.

Er warf dem Herzoge dann eine Kapuze über den Kopf, die nur Luftlöcher zum Athmen hatte, aber die Augen fest verhüllte, und half ihm beim Aufsitzen. Gehorsam setzte der blinde Reiter sich fest in dem geschweiften Sattel und ließ sich willenlos entführen. Er fühlte, daß auf seiner Seite der Graf ritt und sein Pferd am Zügel leitete. Bald setzten sie sich in Galopp; eine eigenthümlich schwindelnde Empfindung bemächtigte sich des Herzogs, als er so, ohne zu sehen, ohne Zügel zu fassen, in die Nacht hinaus jagte.

„Sitzen Sie fest!“ raunte ihm jetzt der Graf zu, „wir erheben uns zu einer Luftvolte, die uns um Meilen weiter führt.“

Es geschah, sie sausten im scharfen Kreise rundum. Schlugen wirklich die Pferde nicht mit den Hufen auf? Die Kapuze verhüllte das Ohr; es war dem jungen Fürsten in der That, als ob er fliege. So dauerte der Ritt nicht länger als eine halbe Stunde, und schier erschreckend vernahm er die Worte des Magus: „Wir sind am Ziele, dort liegt der Hörselberg!“

Man half ihm vom Pferde, er fühlte steinigen Boden unter sich, man führte ihn bergan. Er spürte, daß Gebüsch seine Hand streifte, und stützte sich, als man Halt machte, mit der Hand auf einen Felsblock; deutlich sah er im Geiste die bekannte Stelle, wo unter einer Felskante, die längs des sich steil in’s Thal absenkenden Berges hinläuft, des engen Hörselloches Spalte klafft. Man führte ihn noch ein paar Schritte weiter.

[633] „Treten Sie vorsichtig hinunter und stehen Sie fest“ flüsterte der Graf ihm zu; er that’s, sein Fuß berührte Leitersprossen; der Führer hielt ihn, und dann stiegen sie Beide langsam in die Tiefe.

Dumpfe Kellerluft, wie sie nur unter der Erde herrscht, umfing sie, sie standen auf festem Boden, und der Graf löste seinem Begleiter die hüllende Kapuze.

Karl August sah sich in einer trüb beleuchteten Höhle, in der das braunrothe Licht einer Pechfackel sich an hohen, nicht von Menschenhand gemeißelten Wölbungen brach. Dunkle Schlagschatten lagen in den Winkeln und fuhren in raschem Wechsel hin und her, sowie ein Luftzug die Flamme der Fackel bewegte.

Der Graf faßte die Hand seines Schützlings und schritt mit ihm vorwärts, ein felsiger Gang that sich auf, den man verfolgte, dann umfing sie eine geräumige Halle, von der sich Seitengrotten und Gänge in die Tiefe abzweigten; wieder steckten ein paar Fackeln in den Felsspalten, von denen der Graf die eine ergriff, worauf er vorsichtig leuchtend voranschritt. Ein starkes Rauschen schlug an das Ohr des Herzogs, und feuchte kühle Luft strömte ihm entgegen; der Gang wandte sich jetzt plötzlich, rohe Stufen führten zu einer Plattform empor. Er stand starr, staunend. Zu seinen Füßen ein wildes Bergwasser, schäumend, in Cascaden vorüber rauschend, drüben, jenseit des Wassers, eine Felswand — in der eine Stelle sich plötzlich erhellte. Es war, als thue eine Nische sich auf, von rosigem Licht erfüllt. In derselben stand ein goldenes Ruhebett, Purpurdecken waren darüber gebreitet, der Boden mit Rosen bestreut.

Auf dem Bette lag sanft hingelehnt eine Gestalt, sie richtete sich auf; „Frau Venus!“ raunte der Magus, aber der Herzog hätte dieser Weisung nicht bedurft.

Ja, das war ein Weib und doch eine Göttin! Unter einem strahlenden Diadem fiel aschblondes Haar herab und wallte in losen Wellen um den ganzen Körper, welchen ein weißes, griechisches Gewand hüllend umschloß und doch in seinen schlanken, vollen [634] Formen verrieth; ein goldener Gürtel raffte dasselbe zusammen. Ulld null dies wunderbare Angesicht! Die großen Strahlenangen, die reizvolleil Züge, das kindliche Lächeln, ja das alles lebte, regte sich, athmete Schönheit und Liebe! i^^..^^

Frau Venns richtete sich voii ihrem Läger aus und trat eineu Schritt vor, sie wars das reiche Haar zurück; welch eiil Arm, wie allmllthig jede Beweglillg! Daml hob sie bittend... die Hände, flehend streckte sie dieselben vor, drückte sie aus ihr Herz, endlich

. fbgar.^warf sie sich aus die Kniee liild breitete weit die Arme dem ganzem Schallen aufgehende jungen Fürstell elltgegell.

Dieser brach in eineil hellen Freudemaut aus, der wie ein

, Iub^nf dllrch die dunklen Wölbllugen hallte, und wäre ins Wafst^ gesprungen, um zu der sinnbethörenden Erscheinung hinüber zu gelangen, wenn der Gras ihll nicht zurückgehalten hätte.

^^lnm ertönte jener Aufschrei von den Lippen des Herzogs, so wa^s sich Frau Veuus liiit verhülltem Augesicht aus ihr Lager zurück, liiid eiii donnerähnlicher Lallt rollte durch die Felseng.^tlge.

„Rusch, entstehen wir!“ stüsterte der Grast „Folgen Sie mir, ecken ^ie, es gilt Hackelberg, deiii wilden Iäger, zu eut- komme^^^

In .stürmischer Hast riß er den fast besinntlugslosen Gesährten, der noch ^iueit letzten glühenden Blick aus das schöne Weib warst hinter sich^her, stülpte ihm in der vorderen Höhle die Kapuze über, drängte ihn vor sich die Leiter hinauf und stieg mit ihm. in die Höhe.

Oben angelangt lind die freie Luft fpüreud, athmete der Herzog tief aus.

„Gerettet!“ sagte der Grast. ..„Nun rasch zu Pserche und davon!“

Man saß auf, wie beim Koininem und kehrte in ganz derfelben Weise zurück.

Vor der Seitenpsorte des Barchfelder Schloßparks entfernte Saint Germain die Hülle, welche des Herzogs Haupt bedeckte; heller Mondschein lag wie vorhin aus deil Kieswegeil, den Rasen- stecken und zartbegrüuteil Bosguets des Gartens, stur staud der Mond höher als vorhin, und jetzt schlug es zehn Uhr vom Thurm ^ des Schlosses.

„Sie sind wirtlich ein Wunderliiann, Gras, in einer einzigem Stlinde mich das erleben zu lassen !“ ries der Herzog tief erschüttert. „Wenn ich sie, dies. entzückendste Weib, das mein Ange je ge- schaut, nicht jetzt noch delitlich, liuauslöschlich, liilvergeßlich vor mir sähe, ich könnte mir einbilden, ich habe hier aus der Garten- dank gelegen und iiil Mondschein geträumt, so wunderbar war dies Erlebniß t“

Als die beiden Männer wieder in das voil Tabakswolken ersüllte Spielzimmer traten, erkannten sie eins der andern Herren Anrede, daß man ihre längere Abwesenheit gar nicht bemerkt habe.

Der Herzag ging zur .Seite; verdrossen schlug er die Arme uuter, winkte Saint Germain zu sich mld sagte.

. „Jetzt sorcheru Sie, bestimme Sie, machell Sie lilit mir, was Sie wollen; alles Andere widert mich an, nichts hat Reiz als sie! Schaffen Sie mir jene Huldgöttiil, Ihre Venus !“

„Durchlaucht müssen Geduld haben,“ erwiderte der Wnnder- mann kühl. „Ich erlaubte mir schon srüher die Bemerkung, daß dies ein sehr schwieriges, weitallssehende.s Unternehmen sein würde.“

Ganz erstillt von dem Abentener ill Barchseld, das er sich ^ immer ansts Neue vergeblich als auf lmtürlichem Wege zugegangen^ vorzustelle versnchte, kam der Herzog, wenige Tage später, wieder in Weimar all.

Saint Germain hatte sich während ihres weitereil dortigen Znsammenseins voll ihm fern gehalteil, hatte dem Drängell ulld deil nllgedlckdigen Fragen des erregten jungen Fürsten Ablehnung und ein Vertrösten auf später entgegengesetzt, und war endlich ii.lit den anderen Herren nach Kastel zurückgekehrt.

Jetzt war auch Goethe von Ilmenali heimgekommen, nnd nun ertrng Karl August es doch nicht länger, sein wunderbares

Erlebniß vor dein Freude zu verberge; er suchte ihn, gauz er- süllt von jenen wunderliche Dingen, in seinem Garteuhause auf. Sie saßeu mit einander auf dein Altall, und der Herzog erzählte ganz gellan seine Erlebnisse; sowohl das am Morgen der Auer-. hahnjagd aus dem Kohlberge bei der Wartburg, wie auch de seltsame Ritt von Barchseld aus und sein köstliches Begeglliß mit der Hilldgüttiil.

Staunend solgte der rnhige, scharsstuuige Hörer diesem laugell Bericht. Er wars Fragen dazwischen lind rief lachend, daß man doch, trotz vieler scheinbaren Beweise, nicht an übernatürliche Dillge glauben könne!

„Nach und uach sage ich mir das selbst,“ erwiderte der Herzog lebhast; „weuu ich uuu auch bei ruhigem Blut nicht mehr an Samt Gerlnaiil.s Faxen vom Fliegenköuueu , voll Lnstvolten, von losgelassener wilder Jagd und dergleichen glaube, so bleibt doch immer noch geung übrig, um meine Phantasie mit dem Tausendkünstler und seinen Leistungen zu erfüllen. Du stehst kühl außerhalb jeuer Ereignisse, Du blickst daraus, ich blicke hiuein ; so war und diu ich nlit alle Sinnen gesesselt. Es kommt auch viel zusammen, um mich gesangen zu nehme! Ich kenne ja die Gegend am Hörselloch wie meine Stube, und ich sage Dir: jeder Schritt traf zll! Wie aber willst Du zu Pferde, in kaum einer halbe Stuude, bml Barchfeld uach dem Hörselberge gelaugeu? Du keuust doch auch die Entsernungen lind weißt, daß es ein respectabler Ritt von mehrere Stllnde ist.“

„So hat der Betrüger sich in der Nähe etwas Passendes gesncht. Sie sagen, er sei Geognost; er schlug zuerst vor, Sie iu den Kysshäuser zu führell, vermllthlich hat irged eine von ihm entdeckte Schlucht , Höhle oder eist alter Schacht ihm den Plan eingegeben, Sie durch jene Konlödie von seiner übernatürlichen Knnst zu überzengen. . Und wohlberechnet llmr.s, Ihnen als Lock- mittel ein schönes Weib zu zeigeil.“

„Delitlich sehe ich nnr, daß er ein höchst geschickter Inl- pruvisator ist, von dein sich viel Hübsches erwarte ließe. Ich wollte doch, man könnte seiner habhast werden, ihn an Weimar sesseln!“

„Dürste er nicht ein gefährliches Spielzeug fem?“

„Was willst Du? Soll ich mich vor dem Charlatau fürchten?“ Kart Angnst lachte laut aus. „Er taxirt mich zu billig^ weil er dekt, mir Sand iii die Auge zu stree; aber zu meinem Vergnügen seine Künste mitzeil, warum nicht? Und dann, Freund, wie soll ich ohne ihu die Venus stnden? Ich sage Dir, daß nnter alleil Weibern, die ich kenne, kein solch entzückendes Ge- schöps existirt, wie ich es gesehen habe! Dieser Mantel sanst gewellte, mattblonden Haares war an sich ein Wunder!“

,, Toilettekünste, theatralische Schanstellullg, vielleicht ein hübsch ausgestatteter Automat,“ wars der Freud liiit Achsel- zucken ein.

Der Herzog suhr auf.

„Strafe meine Angen nicht Lügen, es find die scharfen nnd wohlgeübten eines Iägers; nicht ^itte Linie ihres ebenmäßigen Gesichts, kein Blick ihres großes, blatte Anges, kein Lächeln der sanst geschwellte Lippe, kein Athemzng, keine Bewegung des göttliche Leibes, der doch von ebensolchem Fleisch^ und Bein war wie der unsere, ist mir entgangen. Nie sah ich ihresgleichen uud ewig werde ich mich nach ihr sehnen!“

Es hals Goethe llichts, dagegell zu streiten. Cr gerieth allmählich in Hitze und verdarb es dadurch ganz. Wäre er ruhiger zu Werke gegangen, so würde er sich vielleicht den alten Eillslnß aus des Herzogs Stimmung bewahrt haben. Hier trat die Ber- schiedeilheit ihrer Natnranlage aber schroff gegen einander, und so fehlte für den Augenblick voll beiden Seiten das richtig^ Ver- ständniß. Karl August hatte llichts dagegeil, sich etwas vorgaukeln zll lassell, wenn es ihn amüsirte und sobald Gellnß dabei herans- kam. Goethe haßte jede Art von salscheln Schein. Hielt er doch vorzngsweise aus Wahrheit. Anch zählte er acht Jahre mehr als der serige junge Fürst, der in den Bralisejahrell der Entwickelnilg stalid und noch nicht ernstlich an eine Begrenzung dachte.

[646] ^s gab noch mannigfache Erörterungen über jenes Abenteuer iu der geheimnißvollen. Grotte, und Goethe hielt dem Herzog gegenüber mit seiner Meimmg nicht hinter dem Berge..

„Sie silld der Liige im Grllnde ebenso abgeneigt wie ich,“ sagte er eines Tages mit frenlldschaftlichem Eifer. „Sie haben dell schlichtesten Menschellverstand, mein lieber. .gllädiger Herr, Sie silld thätig, sertig, entschlossen und durchaus kein Schwärmer.; warmll mm hier von Allem absehen und sich einem Menschen gesallgen geben , der Ihr Denken verwirrt , Ihr Vertrauen miß- braucht und dessen Zwecke man nicht kennt? Verlangen Sie Klarheit, Beweise, und halten Si.lt den närrischen Großkophta, bis er dieselben beibringt, fern.“

„Dir hilft weder Spott noch Tadel!“ ries seinerseits Karl August hestig. „Ich weiß, was ich sah, und mache damit, was ich will, und damit basta!“

Fast entzweit durch ihre völlige Meinungsverschiedenheit tremltell sich die Frennde.

Der Herzog hielt sich Goethen ill der nächsten Zeit serner; er war mit seiner Erinnerung beschästigt, behandelte das Ber- hältniß zu seiner Gemahlin mit noch größerer Gleichgültigkeit mld entschloß sich endlich, an Saint Germain zu schreiben nnd ihll um Anskkärmlg, um ein nochmaliges Znsammenkommen mit der geheimnißvollen Schönen zu bittell.

Der Gras antwortete ausweichend, ablehueud und versicherte, wenn die Zeit gekommen sei, werde er von ihm hören. Endlich, ill dem Verlangelt, sich gegen einen Vertrauten auszusprechen, be- suchte Kart Angnst wieder dell Freulld.

Er saß an Goethe's Schreibtisch, alls welchem dessen aus- geschlagene Zeicheuluappe lag, und blätterte. Indem er wiedernln mit glühenden Farben jette holde Venns pries, ließ er mechanisch die Skizzen des Frelmdes durch seine Filtger gleiteu. Plötzlich schrie er laut aus, hielt ein Blättchen hoch, sprang empor, stürzte auf Goethe zu tlnd ries:

„Sie ist.s! O Wolf, Freuud, Meusch, woher hast Du dies?“

Es war die Portraitskizze Gretcheu Slevoigt^s, welche Goethe eittst vor denl Waldhäuschell genommeu hatte. Goethe erschrak, „uumöglich,“ stammelte er.

„Matt, nicht blendend und göttergleich,“ murmelte der Herzog, „aber doch ihre ullvergeßlichetl Züge. Bist Dlt ittt Eonlplot gegell mich? Sprich, was weißt Dn und wo finde ich fie?“

Goethe überlegte. War es möglich, daß Gretchen ------ Nein ------

nnlnöglich ; aber wenn sie es doch gewesen, wie konnte sie ill diefe seltsame Intrigne verwickelt worden sein? -- Er mllßte sie vor den Nachstellungen des heißblütigen jmlgell Fürsten bewahren, mld vor allem durste keine neue Scheidewand zwischen dell Herzog mld seine Gattill sich aufthürmen, er mußte Luise schützen, die ihll ohnehin den Versührer des Herzogs nannte. Nein, sie dnrste, fie. sollte nicht Recht haben mit diefem Vorwurf!

Kart August fllhr ungeduldig auf, als Goethe schwieg: „Du siehst, wie ich mich feit Monaten nach ihr sehne, Dn weißt von ihr, sie ist ein sterblich Weib und mir nicht unerreichbar ! Wolsgallg, bist Dlt mein Freulld, so beweise es jetzt, rede und hilf mir!“

Goethe lachte. „Woran denken Sie?“ sagte er schelmisch. „Wenn hier eine Aehstlichkeik vorliegt, so hat Ihre Schilderung meine dichterische Einbildungskraft befruchtet und meinem Stift divinatorische Gaben verliehen; machell Sie ltlir ein Complimellt, aber verlangen Sie nicht, daß ich, ein zweiter Pygmalion, sogar diese Bleististskizze belebe.“

Zornig brach der. Herzog aus: „Auch Du führst mich all! Aber laß mich, ich werbe sie mir scholl selbst aufsuchen.“

Er ging directell Weges zu Görtz -- kallute er diesen doch als einen Ferlld lttld Widersacher Goethes. Darum stellte er sich iu diesem Allgenblicke gereizten Gefühls auf Seiten des Hof- marschalls.

Görtz empstng delt seltenen Besllch ill sllbmissester Weise; als er einzelnen Andelltmlgen mlch merkte, daß der Herzog aus Goethe tlicht .wohl zu sprechen sei, erhellten sich seilte Züge noch mehr.

„Ich habe da Ansang Mai beim Landgrasen in Barchseld eine höchst interessant^ Bekamltschaft gemacht, lieber Hosmarschall,“ sagte der Herzog endlich tlicht ohne Verlegenheit. „Eine Bekannt- schaft, die ich sortznsetzen wünsche. Es war dies ein Gras Saint Gerlnaill, der sich ill Kassel aushält; schreiben Sie dem Herrn nnd laden ihn ill hösticher Weise zu uns ein.“

Görtz versprach, in kürzester Frist und so geschickt wie möglich dem Anstrage llachznkomlnen.

Als der Herzog gegangen war, setzte er sich an seinen Schreib- tisch mld versaßte solgenden Bries:

„Triumph, lieber Graf! Ihre eminente Geschicklichkeit, Ihre Menschenkenntniß trägt den Sieg davon! Sie haben in jeder Hinsicht recht prophezeit; llnser allergnädigster Herr ist total volt Ihnen ellchantirt und ladet Sie hiermit, in bester Form, dnrch mich ein, an seinen Hos zu kommen.

Sie sind in der That ein Wnndermann, denn sein uns so unliebsamer, plebejischer Günstling geräth in.s Wanken; es bedarf nnr noch einer kleinen Nachhülfe, eines Schachznges Ihres be- wtlnderungswürdigen Geistes, um den Frankfurter Advocatell, der fich in unsere Reihen drängte, total aus dem Sattel zu heben! Wollen Sie ihn jetzt offen bekämpfen, oder wollen Sie fich ^ erst incognito hier nnlsehen, das Terrain persönlich reeognosciren, die eine oder andere Mine gegell ihn legen und erst, wenn er gänzlich beseitigt ist, hervortreten, nln, allerdings mit anderer Berechtigllng, seinen Platz, also den eines allmächtigen Günstlings einzllnehlnen ?

Dies alles muß ich Ihrem bewährten Scharssinn überlassen. Rechnen Sie, wie bisher, gallz aus mich und eine kleine Elite gesinnmlgstrener Aristokraten, voll denen Sie vielleicht den einen oder andern durch Ihr Genie sich auch noch sester zu attachiren sür zweckmäßig erachten werdell.

Wie immer Ihr trenergebeller

Graf Görtz. Hoflnarsckn.m.“

Die nach einiger Zeit aus diesen Bries eintretende Antwort lalltete :

„Verehrter Gras!

Dnrchans bereit mich weiter mit Ihnen mld Ihren Ge- simmllgsgenossen zu associirell und sehr verbnnden für die colnplaisante Einladung, werde ich mir erlallben, derselben später llachzllkdmmell.

Vorlänstg habe ich noch einen Besllch in Hallan zngesagt, wo ich delt Landgrasen Karl bei seinem Bruder tresse, um mit ihm das System der stricken Observanz -- der Regeneration des Freimaurerorden im aristokratischen Sinne ------ wofür Sie sich

auch so lebhtlst illteressiren, auszuarbeiten.

Der Landgras ist mir ein lieber, höchst sympathischer Gönner, mld weml er auch kein regierender Herr ist, so darf seine Stemmg ilt Schleswig, wo dänische Dieltste ihn sesseln, eine dnrchans fürst- liche genannt werdell. Iedellfalls komme ich aber, bevor ich mich ganz für dell Landgrafen entscheide, nach Weimar, befreie Sie von Ihrem verhaßten Eindringling mld sehe mich dort gellaller nln. Vermllthkich werde ich vorziehen, dies erst incognito zit thnn.

Empfehlen Sie mich Ihrem Gebieter ganz unterthänigst, mld stellell Sie meinen Besllch für eine spätere Zeit in Aussicht.

Im Namell der Vorsicht, Verschwiegeuheit und Klugheit grüßt Sie Ihr

St. G.“

So mußte sich also der Herzog noch einige Zeit geduldell, ein Ausschub, der ihm um so peinlicher wttrde, als er vergeblich versnchte, dell altelt guten Ton nlit denl Herzenssrennde anzll- stimmen.

Dieser litt ebellso unter der zwischen ihnen obwaltenden Kühle mld mehr als eimllab überlegte er ernstlich, ob es nicht doch ge. ratheller sei, Kart August die volle Wahrheit zu euthüllell. Weml er ihm sagte: Deine Vemls ist eitles Försters Kind im Walde, sie ist rein wie eilte Bmnle, alls der. noch der Thau liegt; scholle sie, gieb sie ihrem Vertobkell, mache sie uach ihrem Siuue glückkich, [647] uud sei es selbst durch Edelsillu und Eutsagung! Würde aber der junge Brmlsekopf, der lnit heißen Lippen nach dem Becher des Gennffes lechzte, jetzt scholl im Stande sein, ihll zu verstehen? Würde er 'ihm solgen? Er wußte selbst, was Eutsagung heißt. Würde aber Gretcheu dem Herrn, dem Gebieter ihres Baters widerstehen? Er wagte für Beide nicht gut zu sagen, denn er wnßte, so hoch er auch den Freund hielt, daß sich des Herzogs Lust zu Abenteuern in letzter Zeit immer mehr gesteigert hatte. Konnte er nicht offeu sprecheil: Man hat Dir jelles Weib als Lockspeise vorgehaltem mlil erkeuue doch dell Betrug ! so blieben alle seine Wurmlingen vor dem Wuildermaune wirkungslos mld der Herzog ill den Fäden, die ihll gesangen hielten. Daneben aber gnälte ihn die Frage: hatte Gretchen wirklich die Venus gespielt, uud wenn hier nickst eine Aehnlichkeit, eine Einbildung trog, wie war es möglich gewesen, sie dazn zu bestimmen?

Er mußte dieselil Geheimnisse aus deil Grund kommen - sobald als möglich.

Während null der Herzog an einer guälenden Unruhe und Verstimmung litt und das Verhältniß der beideil Freunde getrübt blieb, bemühte sich Goethe, durch allerlei älißere Lustbartelten den Freund von seiiieil Gedalikeii all das erlebte Abentener abzuziehen nnd ihm die Zeit, von der er Heilung und Milderllng der Spailuung hosfte, failft liiid heiter zu verktirzeu.

Es ward immer abwechselnde Unterhaltung geplaut, iiiaii sah sich täglich, uiid Kart August war noch viel zu juilg nild lebeus- frisch, um durch jenes Abenteuer wirtlich aller ailderu überdrüssig zu sein, vergaß gern aus Stuudell, was ihll beuurllhigte, und schloß sich von keiner Ergötzlichkeit alls. So erreichte denn auch Goethe zum Theil seinen angedeutete Zweck.

Im Iuiii hatte Goethe deil großeil Schinerz erlitten, seine einzige geliebte Schwester durch den Tod zu verlieren; aber er sand ein trenes Herz, ill welches er sein Weh ausschütten konnte, ja fast Ersatz für seinen Vertust ill der geliebtell Freuudim Manche ernste Unterhaltung sührte die beiden eng verbnlldeueu Seeleu uoch uäher zusammen. Die tiese düstere Welt des Schillerzes , das Leid in vieleil Formen, Entsagnllg und strenge Selbstzncht waren die eigentlichstell Erfahrmlgsgebiete Charlottells, welche, liiit einer zarten Gesnildheit, an der Seite eines kühlen Gatten, bei dein Verllist ihrer Kinder und manchem andern Leid, auf sich selbst angewiesen, iii sich die Krast zum mnthigen Ertragen gesunden hatte. Aber nicht allein seili trauriges Erlebniß theilte sie mit dem Frennde, auch das Geheinmiß liiid die Abentener des Herzogs erfuhr sie, sowie Goethes abweichende Ansicht und das darans entsprungene Mißbehagen zwischen den Unzertrennlichem

In dem behaglichen Stubchen Thusuelda.s ilii Witthlims- palais versammelte sich schon seit längerer Zeit an jedem Sollnabend Morgen ein intimer Kreis, der eigentliche Kerll jener Lnstigen von Weimar. Regelmäßige Theinlehmer jener Matillees, welche sogar ost ein Blatt mit scherzhasten Berichten und Versen ver- saßteil, waren Goethe, Wieland, Knebel und Einsiedel.

Hente waren diese Vier mit dem kleinen Hossräulein allem. „Null, Bruder Merliu, Du Zauberer,“ sagte Wieland zu dem geliebten jungen Freunde, „schwinge Deinen Stab, schütte Dein Füllhorm aus mld sag an, was es znllächst geben soll!“

„Wir müsseil,“ sprach Goethe, der jetzt wieder Herr aller Verstimmungen war, „eine Aufführung schaften, die nlls Rem- brandt.sche Bilder liesert; die Frau Herzogin Amalie verlangt nach einem Beweis der außerordentlichen Wirkung des schrpsten Hell- dnnkels. Wir wollen ihr ein Abendsest in Tiesurt bereiteil, mit Fackeln, breuueudeu Reisigbüudelu und andern Feuern, das lauter Rembraudts giebt!“

Uud nun entwickelte er seinen Plall, deiii Alle freudig zil- stimmten.

Ein schöner Alignstabend versammelte also wieder die lustige Welt von Weimar iil deiii reizvollen Tiesnrt, wo all deil Uferil der Ilm das frischerdachte Singspiel von Goethe: „Die Fischerin“, aufgeführt werden sollte.

An einem sanst aussteigenden Hügel der Gartenanlagell, um mittelbar am Flußufer, von wo man den Lanf der durch Wiesen

sich hinschlängelndeu Ilm vor sich sah, war lilit Gartenbänken ein Amphitheater hergestellt, das die Gesellschaft allsnahm.

Die einzige Belenchtllng gab das mächtig lodernde Herdseller, über dem der Fischerin Kessel mit der Abendkost für die abwesenden Männer brodelte und an deiii sie hmltirte.

Die schöne Gestalt Corona.s, welche die Ftscherin darstellte, nahm sich in der kleidsamen Tracht eines Fischermädchens, jetzt grell beleuchtet, dann in tiefem Schatten halb verschwindend, gar malerisch ans. Ihr Bortrag des Liedes voiii Erlkönig war hin- .reißend iil seiner dramatischen Vollendung, und ein leises Granem als werbe nun noch viel Schauerliches komlilell, überties die Zli- hörer.

Sie versteckte sich und die Männer traten ans.

Wielalld gab einen recht behäbigen, gemüthlicknm Vater, nnd Goethe war ein so senriger Liebhaber, wie man ihn nur wünschen konnte. Sie spielteii Beide ihre Rolleil znr Znfriedenheit, chnd obgleich die Znschaner wußteil, daß Dortchen sich verborgen halte, brachte doch die Anfregnllg der Suchendell, das Herbeieilen der Nachbarn, das Rllsell, das Allslaufen der Kähne, die Feller an deii Uferil eiiie lebhafte Spaiiiinilg hervor.

Der folgellde Ehorgesaiig, vermischt mit dein Rallschen des Wassers, dem Flüstern der Blätter, den herüber schallenden Lanten der sreien Natnr, gab eiile schöne Wirkung. Bald wechselnd, bald ziisaiiiillen sangen die Nachbarn:

,,Eilt nur geschwinde! Lanft nach den Renfen! Wohl blieb sie hangen, Uiid züiidet Schleisem Und brennet Fackeln Und Feiler all! Geschwind zu Schiffe! Herbei die Stangen! Sie alifzliflicheil! Sie aufzufangen! . Den Strom hilliliiter! Habt Acht! Habt Acht!“

Die Freude des Wiedersehens, als Dortchen hervortrat, er- leichterte Alle, und höchst befriedigt hörte man uach einigeu lebhafteii Scenen uiid Wechselgesäilgeii den Schlußchor, in dein man sich lnit der Heiruth des Paares beschädigte; der letzte Vers lalltete:

„Was soll die Aussteller fein? Der Beifall soll die Anssteiier sein! Kommt, wendet Euch zil ihlieu, Die liuserm Spiele lächeln: Was wir auch nur halb verdient, Geb' uns Enre Güte gaiiz! Geb' nlls Enre Güte ganz!“

Freudiger Applaus, das erbetene Zeichen des Beisalls solgte stürmisch, und befriedigt erhob sich die Gesellschaft, iiiii iii heiterem Geplauder, in einem Spaziergange durch den jetzt schöll illnmillirten Park nene Frende zu fiichem

Der Zufall fügte es, daß Lnise voll Göchhmlsen in einem rosefarbenen Domino ihren kleinen Oheim , den Oberkämnlerer von Göchhallfell, erkannte. Da sie dell alten Herrn seit einiger Zeit nicht besncht hatte und sich ill ihrem Gewissen diese Ver- uachlässigung ihres einzigen Verwandtelt vorwarf, nahm sie seinen .Arm .nnd schlenderte nlit ihm eine Allee hiiinnter.

,,Wie bestndet sich liieiil hochverehrter Onkel?“ sragte sie scheinbar mit großer Theilnahlne.

„Ich hoffe bald der Sorge für meine Gesundheit gäuzlich überhoben zu sein, ^1i^ nst.^,^ entgegnete der alte Herr mit srelldig bewegtem Tolle.

Derartig hatte sich der stets besorgte Mann noch nie ge- änßert, und Lnise sah ihn erstannt aus ihrer Florchrille aii.

Er trug die rosa Kapuze seines Dominos über den Kops geschlagen, das saliberc alte Gesicht sah ill Heiterkeit strahlend dariinter hervor, uiid die fahlen Angen gewannen einen lebendigeil Ansdrnck unter der schwarzen Halbmaske. Welch ein Glückssall war dein alteil Herril widerfahren? Sie konnte sich nicht ver- sageil, ihre nellgiertg teilnehmende Erkundigung sortznsetzeli.

[664] ^7-t Ihrem Perilliß, Oilkelchen, Sie fehen so wohl, so heiter ^ versteckten Bank sitzen, hinter welcher- mich mein We^ vorüber ^l. ans, daß Ihnen etwas Besonderes geschehen seist chmß. .Darf s führte, da horte .ich folgend^ Gespräch: ,Wenn er wüßte .^.s^ ich Ihre Freude thetlen, darf'ich wisseil, um was es sich handelt?“ Kaiismann -mit .Er'. wareu Sie uatürlich gemeint -also,

sragte Thusllelda mit schmeichelndem Time.

„Eigentlich ist es eine seerete Affaire, mc^u ^..unt.,^ flüsterte der alte Oberkämmerer, sich besorgt uach allen Seiten umseheud.

„Unter liebeu Ver- wandten mußVertralien liild Ostenheit herr- schell,“ sagte sie er- mnthigend.

„Null dellu , aber 4i.r^c:uuliciii, Lilise! Ich habe die Bekaulltschaft eines Doetor Kausiilauli gemacht. . Der junge Gelehrte besuchte mich mld vertraute mir iiii Laufe lmserer Conver- sation an, daß er dreißig Jahre älter sei, als ich. .Herr !^ ries ich nllgläll- big, chas ist iml^- .ubt^! Sie sehen aus wie ein blüheuder Iüllg- liiig von einigen zwan- zig und behauptell uenm zig Jahre alt zu sein ?^ ,Doch, Baron, es ist so, höre mein Geheim- uiß.. - der. Schelm nannte mich Dn ! - ...Ich behalte iiieine Frische in Folge eines. Lebens- eliltrs.^ ,Eines Lebens- eli.rirs!. rufe ich eilt- zückt, ,wo ist das zn acgnerirell?^ Er zuckt die Achseln und sagt, sein hoher Magus be-. sitze das Arcauliill, wel- ches, von Zeit zu Zeit wieder genommen, die Teusel des Siechthums uud Alters austreibe, gebe es aber ullr ein- zelilen Auserwählteil. Ich slehte Kausillalln au, mir ein Rencontre iiiit seinem adinirablen Ches zu verschaftell uud von mir für den Trank zll sorderil, was er wolle. Ansänglich wies er meine Bitten ab, dann vor ein

paar Tagen ward er traitabler liiid hat mir endlich hier aiis zehn Uhr in der Laube hiilter denl Amor ein .t^-i.r-t^ mit deln Wunderbaren versprocheil; eiil Rendezvous, in welchem für ein Gehorstimsgelöbniß der herrliche Trank. liieiil werden soll!“

„Also perennirende Ingend?“ sagte Lnise bellistigt. Sie sah darauf beiill Lichte einer rotheu Papierlaterne auf ihre dicke, iiiit Steinen besetzte Uhr, die halb Zehn wies.

Eilt toller Einsall znckte durch ihren übermütigen Sinn.

„Hochgeschätzter Oheim,“ sagte sie feiertich, „vielleicht habe ich ein Mysterinm entdeckt, welches Sie iioch rascher aus Ziel Ihrer Wünsche führt; die Götter find der harmlosen Unschiild gnädig, wie Sie wissen! Eben vor Beginn des Spiels, als es schon dämmerig in diesen Bosgnets war, sah ich Christoph Kaiif- mann mit einein geheimnißvoll ansehenden Fremden aiif jener

.wenn er wüßte, daß von Ihreli Lippen, thelirer Magus, einzig lind allein das wahre Lebenseli.rir zu holen ist, daß jeder Knß von Ihnen ein gesnndes Lebensjahr einträgt, so würde er sich

nicht mit einem Tranke begnügend .Iawobl,'. entgegnete der Fremde, ,aber diese schönste Gabe gehört nur meinen Lieb- lingen !^ und darans küßte er Kansmanll, daß es klatschte. Wie wäre es, thenrer Oheim, wenn Sie sich diese Kllnde zu Nntz machten liild sofort, ehe er sich dessen versieht, über delt Ma- glis, der Ihueu eine Zusammeukuust bewil- ligt hat, herstelen? Sie küiluten ihm iil der Ge- schwindigkeit zehn Küsse ranben - denken Sie, zehn Küsse, zehn gesnllde, jugendliche Jahre!“

„Goldkind,welchmer- veinense Cntdeckllng!“ rief der alte Herr triliin- phirend. Cinlnal inl Bereich der Wmlder, schien ihm nichts lin- glaublich.

„Möchte Ihnell Ihr

Unternehmen wohl ge- lingen!“ sprach Lnise eif'rtg liiit lillterdrückteln Lachen. „Ich will Sie aber nicht stören; da ist die Amor-Lanbe!“ Sie lief davon, kicherte ansgelaffen vor sich hin, blieb dann plötzlich über- legend stehen und trltg fich offenbar niit einem ergötzlichen Schwank.

,,So geht.^s,“ fagte sie in einein entschlos- seilen Tone, „mir glaubt er nicht!“ .Sie setzte ihren kleinen Fuß lnit

.^a^z ihnt^ dem Hackeuschuh von

.^ati. ^em ^e^entaide dolt ..it. Glauzleder aus eine

Garteilbank und riß sich eiiie schwarze Saniinetschleise vom Spann herunter, die sie verbarg.

Während die Göchhallsen ihrer Intrigne llachging, schritt ein schlanker, iil eiiieii schwarzen Doiiiiilv gehüllter iiiid völlig maskirter Malm durch die halbdilnkle Allee nach der Ldllbe hin, ill welcher der Baron voll Göchhallsen wartete.

Plötzlich kalil aus einein Seitemmnge eiile andere Maske eilsertig alis deil Schwarzen zil; diese trug eiiieii dnnkelrothell Domino iiiid eiil ebeil solches Barett, sie nahm die Maske ab - eist irrender Lichtschimmer wies die Züge des Hosmarsthalls Grasen Görtz.

Er ergriff deil Arm des Andern, bog liiit ihm znr Seite und begann: „Es ift noch zli früh für Ihr Rendezvons, der Baron bleibt Ihnell, Verehrtester, gewähren Sie liiir noch eine liilgeftörte Unterredung.“ [666] 

„Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Graf,“ erwiderte eine scharfe Stimme.

„Sind Sie jetzt überzengt, daß ohne Befeitigung des Favorit hier kein Ranm ist für ulls und uobele Paffionen?“ „Ich bin es; dieser Poet dominirt Alles...' „Sehen Sie, wie Recht ich hatte!“

„Kansnlalm insinnirt mir, daß Goethe Serenissimns ernüchtert, daß er Abneigung, Mißtraue gegen höhere Wissenschaften in dem Herzoge erweckt.“

,,Er ist uns Beidell gleich sehr im Wege!“ ries Görtz be- sriedigt. „Stehen wir nicht an, alle Minen gegen ihn springen

zn lassen!“

„Er scheint der hoheitsvollen, schönen Herzogin zu hmdige?“ „So? - Hm - eigentlich hat er eine andere Amour uud Poussage.“

„Aber er verehrt sie doch?“ „Iawohl, wie wir Alle.“

„Einerlei, hier muß angeknüpft werdell; diese Stllrnl- llnd Drllngjllgend verträgt starte Dosen ; hier kann ich auch dell kleinen harmlosen Baron gebranchen!“

Ihre Pläne weiter erwägend, bogen sie in einell Seitegang.

Der Fremde, hier sich gauz sicher mld nnbemertt wähnend, nahm auch die Maske ab lind plauderte so mit femellt Begleiter.

Znr Gesellschaft zurückkehrend, nllhörbar über einell Rasell- platz daherkommend, kreuzte jetzt Goethe mit Eorolla am Arm den Weg der beidell Herren.

Ein Augeublick allseitigen Stutzeus; die Maskeu in beider Hand stvgell vors Gesicht, - und nlit bebendem Arm zog die Sängerin dell Freulld vorbei.

„Er; großer. Gott!“ murmelte sie.

Das Paar hatte jetzt dell hellerlelichteteu Platz vor dem Ht.lnse, wo sich die Gesellschaft ill buuteln Durcheinauder be- wegte, erreicht.

„Wer war der schwarze Domino, Corona?“ fragte der Dichter.

„Ich weiß nicht - kenne ihn nicht,“ murmelte sie, wie ihm schielt, in peinlicher Verlegenheit.

Sie ward gleich daraus voll verschiedenen Personen nlnringt nnd machte sich von Goethe los.

Dieser ging Frall voll Stein allszllsnchen, um volt iln: ein gutes Wort über sein Gedicht lilld sein Spiel als Niklas zu hören. Alt ihrer Seite vergaß er bald alles Andere.

Die Sammetschleife verborgen ill der Halld haltend, begab fich Lllise voll Göchhansen zur. Gesellschaft zurück.

Es war ost in ihren Kreisen besprochen worden, daß Eorona, ill Folge eines dnnkten Verhältnisses, stets eine schwarze Sanlntet- schleise, gewissermaßen als Orden trage. Diese Thatsache ließ sie überzengt sein, daß die schölle Sängerin einem Gebot, das mit jenem Zeichen an sie gelangte, gehorchen werde.

Sie fand Eorona, die als Dortchen leicht kenntlich war, bald ilt dem Kreis verschiedener Verehrer, die mit ihr über ihre Rolle, ihren Gefang, den Verlans der Allfführung fprachen.

Rasch zu ihr hindnrchschlüpseltd, wies sie ihr die Schleise ilt halbgeöffneter Hand und rannte ihr zn: „Ein hochwichtiger Allstrag !“

„Himmel, auch Sie ilt seinem Bann!“ slüsterte Corona er- schlucken tlnd verließ sofort ihre Bekaltuteu, um mit der Göchhauseu zur Seite zu tretelt.

„Unser Meister,“ sagte Luise wichtig, ,,gebietet, daß Sie sich lluverzüglich zum Herzoge begebeu und ihm Folgendes allsrtchten : .Diejenige, welche Dein Herz ersehnt, harret Deiner in der Lanbe hinter dellt Amor!.“

„Gllt,“ entgegnete Corona, mit feiertich entschlossenem Ton, „ich gehorche nnverzüglich mld werde den Herzog bald sinden.“

Sie ging und die Göchhansen fpionirte sehr erheitert mld überzengt, daß Karl Angnst einer solchen Lockung nicht wider- stehen werbe, dem weiteren Verlallf ihres Schaberllacks nach.

Der Herzog scherzte mit Angnfte von Kalb und Adelaide voll Waldner, die, in lichte Dominos gehüllt, sich neckend an feine Ferselt geheftet hatten.

Corona winkte ihll mit bittender Geberde zu sich ; er entrann seinen hübschen Plagegeisterlt mld trat zu ihr mit der Frage nach ihren Wünschelt.

Ernsthaft sprach sie. ,, Unser Meister laßt Eller Dnrchlancht ausrichte: Diejenige, welche Ihr Herz ersehnt, harre Ihrer in der Laube hillter dem Amor!“

Der junge Fürst stieß einen Frendenlallt ans. „Endlich!“ ries er begeistert, „endlich hat er sich meiner Selmsttcht erbarmt!“

Und sogleich schlug er die zu der bezeichneten Lanbe führende Allee ein.

Die Göchhanse, wohl überzengt, daß der Herzog einer Liebes- lockung nie widerstehen werde, aber doch überrascht von der außer- ordeutlicheu Wirkung ihrer List, vermochte kaum so rasch zu folge, ^ wie der Herzog vorauseilte.

Jetzt hielt er, wie beklemmt von den Schläge feines Herzens, athemlos vor Spannung, neben delst lieblichen Marmvrgebilde all, welches innlitten eines Kranzes von Länlpchen stand.

Er drückte die Hand beschwichtigend auf die Brust - seine listige Verfolgerin erreichte eben die Seitenwand der Laube - daun raffte er sich ans, mnrmelte in änßerster Gemüthsbewegung: ,,himlnlische Frau Venns!“ und trat, scharf in das Innere des ^ grünen Heiligthmns lngend, in die Lanbe.

Eine Gestalt, in hellem Domillo, sprang von der Bank ans ttltd ihm elltgegen; es war zu dnllkel, nln Gesichtszüge zu unter- scheiden; das Wesen schlang die Arme tml seinen Hals und küßte ihn inbrünstig. Ein helles Gelächter an seiner Seite machte den Herzog zuerst stutzig er machte sich los, vielleicht auch uur, tml srei auszuathnlen.

„Nur zwei!“ sagte die „Göttin“ mit bedallerudem Ton nnd heiserem Baß.

„Die Kickenliese läßt grüßen!“ rief Ltlise von Göchhansen tmd entsloh, glückselig über das Gelingen ihres Possenspiels.

„Donnerwetter, was ist das? Wen haben wir hier?“ slnchte der Herzog.

„Ach, Dnrchlancht?“ ries der Oberkälnnlerer kleinlant llnd enttänscht. ' „Bitte tanselldmal um Entschuldigung!“

„Psui!“ machte der Herzog, „werde mich waschen müssen! Wie kommen Sie in aller Welt zu solchem Zärtlichkeitsraptns?“

Nach einigen znrückhültenden Redensarten, voll beiden nn- verständlich eingekleidet, da keiner nlit der Farbe herans wollte, gillg der Herzog, enttänscht und aus seine Widersacherin scheltend, schließlich aber doch über sein seltsames Mißgeschick lachend, dnrch die Allee znr Gesellschaft znrück.

Bald daraus trat ein schlanker Malm, ill einen schwarzen Domillo gehüllt, zu dem Obertämmerer ill die Lande.

Delt Anlalls des kleine Mannes znr Wiederlwlung seiner Zärtlichkeit wehrte der Kommende mit starkem Arm ab; dann nahm er mit würdig , aber halblaut . gesprochenen Worten den Barmt von Göchhansen in Eid und Psticht und händigte ihm schließlich, ztlr Belohnung, ein Päckchen volt seinem wttudervvlleu „Lallglebellsthee“ ein.

Mittlerweile wareu alls Kies- und Raseuplätzett vor dem Hause verschiedeue Tische gedeckt, an deuell sich die Gesellschaft, wie der Zusall es sügte, zum Adeltddrod zusammen gesttndett hatte. Lakaien liesen ad und zu, Gläser klirrten, Gelächter ertönte hier . nnd dort und viele Stimme schwirrte durcheinauder.

Es gad für dell Herzog, der. aus der dämmerigen Allee ktml, i ein hübsches und belebtes Bild, aus diese bald heller, dald minder hell beleuchtete Gruppe zu blicken, die sich's in der lauen, duft- . erfüllte Sommernacht wohl sein ließen. Windlichter standen alls delt Tischen, zahlreiche Lämpchelt hingen in den Bännlen, mld sarbige Papierlaternen, ansländischen Prachtblüthen ähnlich, schwebten da und dort an tlnsichtbaren , von einem Zweige zum anderen gezogenen Fäden über den Hätlpterlt der fröhlich tafelnden Gäste. Umschan haltend, lehnte Kart Angnst im Schatten an einem Baumstamm und beobachtete die Gruppen vor sich.

An dem nächsten Tische saß seine Gemahlin ; der Neid mußte es ihr lassen, daß sie sehr lieblich anssah! Ueber ihr schwebte eine Kette von lichtstrahlenden rothen Kelchen ; sie trllg einen himmelblanen Domillo, dessen znrückgeworsener Capnchon Kops mld Hals srei ließ, eine leichtgepuderte Locke siel zu jeder Seite des zarteu Gesichts aus den Nacken herab und eilt weißer Roseukrauz lag ill dem ansgebanschtell Haar. Zn semem Erstauueu gewahrte er Goethe, in seinem knappen Fischercostüm jngeltdlich und schött, Luiselt gegenüber und lebhast zu ihr redeud, was sie ohne Abwehr, wenn auch mit der ihr eigenen Znrückhaltung, geschehen ließ. An der Seite der jungen Herzogin saß Frau von Stein, die sich hier nnd da an dem Gespräch betheiligte. Die Herzogilt Amalie, der Geheilnrath von Fritsch, Baron Reinbaben, Wieland und einige alldere Personen besanden sich noch an dem Tische.

lo :w [667] Seine erste Empfindung war Befriedigung, daß es dem Freunde gelungen sei, sich Luisen so weit zu nahen; seine zweite Erstaunen, Luise so ankömmlich zu sehen, sein endliches und überwiegendes Gefühl aber wieder jene Art von Eifersucht, seltsamerweise nicht auf die Frau – diese war ihm mit der Zeit zu gleichgültig geworden, sondern auf den Freund, mit dem er in letzter Zeit so wenig frei verkehren konnte, der ihm so absprechend erschien und nun, ihm entfremdet, sich dem feindlichen Theile zuwandte.

„Ist Luise ihm mehr, als ich ihm bin?“ fragte sich Karl August ärgerlich.

Als er dann, ganz gegen seine arglose Natur, noch verdrießlich hierüber nachsann und ungern seinem Wolfgang den Vorwurf der Treulosigkeit machen wollte, trat der lustige Kumpan Wedel, welcher ihn mit seinen in jedem Licht geübten Jägeraugen erspäht hatte, heran und bat ihn mit an seinen Tisch zu kommen, wo ein munterer junger Kreis, wie der Herzog ihn gern habe, beisammen sitze. Ohne sonderliche Lust folgte Karl August, war aber bald, inmitten der Gesellschaft, ebenso ausgelassen wie die Andern.

Vielleicht hätte er ganz den verstimmenden Eindruck vergessen, welchen er von seinem dunklen Beobachterposten mit hinweg genommen, wären ihm später nicht zufällig Worte zu Ohren gekommen, die jenen Eindruck festigten, sodaß er mehrerer Tage bedurfte, um einigermaßen wieder er selbst und ganz klaren Gemüths zu werden.

Die Gesellschaft war nämlich aufgebrochen, ein buntes Durcheinander, das hier und da in ein Gedränge ausartete, entstand. Der Herzog, in einem Wortgefecht mit der Göchhausen, die in der besten Laune über ihren wohlgelungenen Streich triumphirte, sich aber durchaus nicht in die Karten sehen ließ, war zurückgeblieben. Sein kleiner Widerpart entrann und er gerieth allein und unbemerkt hinter ein voranschreitendes Paar. Er erkannte Goethe’s Stimme, welche zu Frau von Stein sagte:

„Luise ist doch ein unendlicher Engel! Ein blinkender Stern! Ich konnte mich nicht enthalten einige Blumen aufzuheben, die ihr vom Busen fielen, und sie in der Brieftasche zu bewahren, die auf meinem Herzen ruht. Ich habe meine Augen hüten müssen, nicht zu oft über Tafel nach ihr zu sehen. Die Götter mögen uns Allen beistehen!“

Karl August war nicht so gleichmüthig, sich bei einer solchen Gelegenheit mit der Rolle eines stummen Hörers zu begnügen, aber zu edel geartet, zu herzlich für den Freund gesonnen, um Uebles in dessen Verehrung für Luise zu finden.

Ein paar große Schritte brachten ihn an Goethe’s Seite, wo er mit merklicher Ironie ausrief:

„Du scheinst meine frostige Gemahlin als Deine Muse zu feiern? Glück zu! Wird aber Deinen Versen nicht sonderlich bekommen!“ Worauf er bitter lachend abbrach.

„Meine Muse wird immer nur ‚die Wahrheit‘ sein, so hoch ich auch Ihre Durchlaucht verehre!“ entgegnete Goethe ernst, dann fügte er bewegt hinzu: „O lieber gnädiger Herr, wo haben Sie Ihre Augen, daß Sie den Reiz des Weibes nicht gewahren, welches Ihnen gehört?“

„Meine Augen sahen jüngst in die helle, lichte Sonne und sind blind für alles Andere!“ rief der Herzog mit Nachdruck.

[680]
25.

Corona Schröter hatte an dein Abend in Tiefnrt, ats sie, er- ^ schlittert von jener Begegilung im Part, mit Einsiedel zu Tisch saß, ihrem treuen Verehrer das Versprechen völliger Offenheit ge- gebeii. Vertranensvoll wollte sie ihm endtich die Gründe darlege, welche sie hinderte, sein Liebeswerbeil allznnehnieii. Es ward ihr sichtlich schwer, seiilelil Flehen und Drängen iiiil Aussprache zli

willfahre, aber sein Zweiselu an ihrer Elnpstndung für ihn, seine trübe Klage über seiilell Uiiwerth, seine ungenügende Begabnlig, Steming, Besitz - für sie, die er so hoch hielt, rührten ihr Herz ties.

Die schöne Sängerin saß wenige Tage später, den Freund erwartend, bang liild niedergeschlagen iit ihrem Zimmer; das sieg- reiche Ange gesenkt, die Wange bleich, war sie mit den im Schoß gestalteten Händen kein Bild glücklicher Liebe.

[681] Vor ihr stand die dicke, kleine Frerlndin, ihr, wie so ost scholl, vergeblich Trost znsprechend.

„Es muß sein; und wenn er alles weiß, wird es besser mit mir werden!“ seufzte Coroua. ,,Sorge Dich nicht um mich, ..Niuchen, ich muß es übersteheu! Und laß uns allem, wenn er kommt, denn was wir in dieser Stunde miteinander ansringen, darf Niemand, auch das trenste Freundesherz nicht, theilem“

Bald daranf ln.rten sie Einsiedels Schritt auf dem Hansstnr. Wilhelmine fprang hin ihm zu öffnen und schlüpste dann, mit einem tranrigen Blick aus die Freundin, hinans.

Unbezwsngliche , Ihr Herr und Tyrann, der Spender jeller nn- heimlichen Sammetschleise ist, und was er Ihnen ist.“

„Wir. sind zu diesem Zwecke heilte beisammen,“ erwiderte sie mit dem tiefsten Ernste. „Was er mir ist? O Einsiedel! - Er ist - mein Gemahl!“

Sie sank znrück und bedeckte ihr Angesicht mit den Händell.

,,Corona!“ schrie er ans, ,,Sie, Sie vermählt? Das ist also jenes Hinderniß! - Schrecklich! -“

Er ging lnit starken Schritten in dem kleinen Zimmer allf uud ab und trat wieder vor sie hin. Ihr mit sanster Gewalt

..^pottvögel.

Nach dem Oelgelnälde voll Eharlotte Hampel.

Corona erhob sich und streckte dem Kommenden die Hand entgegen ; ihre Glieder bebten, und sie mußte sich niedersetzen, um uicht hiuzusiukeu.

Er eilte aus sie zu, preßte ihre Hand an Lippen und Herz uud sah sie mit dem warmen Blick besorgter Liebe an.

„Wie bleich, Corona!“ slüsterte er; bewegt aber fuhr er fort: „Was werden Sie mir Großes, Trennendes zu sagen haben? O, ich schwöre Ihnen im Voraus: ich uehme es mit jedem Feinde, jedem Hiuderuisse aus! Sobald ich nur weiß, um was es sich handelt, bin ich znr That bereit.“

„Ich danke Ihnen für diesen Enthnsiasmtls der Liebe, der Ihrer still . träumerischen Art seltsam, aber herzbestrickend läßt. Armer Freund! Sie und ,Er., welch ein ungleicher Kamps! Armes unschuldiges , vertraueudes Kiud, möchte ich sageu, wenn ich Sie mir Ihm gegenüber denke!“

„Corona! schonen Sie mein männliches Selbstgefühl nnd .sprechen Sie es endlich ans, wer. dieser Er, dieser Gewaltige,

die Hände von den tränenfeuchten Angen nehmend, sah er sie liebevoll an und bat:

„Erzählen Sie mir Alles; sagen Sie mir, wie Sie ihm verchnnden wnrden und wer er ist!“

„Ia,“ entgegnete sie, sich ansrasfend, „das Furchtbare ist ansgesprochen , es wird mich erleichtern, Alles erklären, Ihnen ans tiesster Seele beichten zu können.“

Er setzte sich zu ihr, nahm dann und wann ihre Hand nnd lanschte mit ganzer Hingabe ihren Worten. Eorona hllb an:

„Als ich zwöls Jahre alt war., kam ich mit Eltern und Ge- schwistern nach Leipzig und sang ein paar Jahre darans in dell großen Concerten. Der tressliche Capellmeister Hiller bildete mich ans, und ich lebte von ganzem Herzen ilt der .iNtlsik. Ich mußte mich anstrengen, denn ich sah eine hochbegabte, Alles verdnllkemde Rivalin mit mir um die Gttust des Publicums riugelt ; Sie wissen, wen ich meine: Delndiselle Schmehling, die jetzige Frau -.Natu. Diese Anspornung, Tüchtiges zlt leisten, erhob mich und bewahrte

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mich vor Tälldeleieii. Ich hatte nur Herz liiid Silln für das Eine: groß zu werden ill meiner Kniist!

..Nein Bater saild ein anderes günstiges Ellgagemeilt und zog mit der Familie fort, ich blieb, für die Collcerte allgestellt,. in Leipzig. - Sie werben es nicht für eitle Prahlerei halten, ...^ lieber Freund, wenn ich erwähne, daß mir voil manchen Seiten gehuldigt wurde. Der Cnthusiasinus des Iünglings und das ernstgemeinte Werben des Mannes kam mir entgegen, aber mein Herz schwieg, ich hielt mich selbst für kühl, für unfähig, mich dein vielgepriesenen Gesühl der Liebe zu erschließen. Wieder war es meine Kunst, voil der ich überzeugt war, daß sie mich ganz alisflille.

Da, kaiiiii ein Jahr vor meinem Scheiden aus Leipzig, stel mir iil eiiieiil Coucert ein schlanker Mann in schwarzer Saliiiiiet- lleidllng alis, der mich iiiit seinen dnnklen Angen unablässig ver- solgte. . Die Angst und Pein, welche ich linier seinen Blicken liti, steigerte sich derartig, daß e^ mir schwer wurde, meine zweite Arie zil Ende zil singen.

Noch beklommen von jenem Eindruck, schloß ich mich zum Nachhansewege einer bekannten Familie ail und hatte, als die Freriude mich verließen, nur noch ein kllrzes Gäßchen bis zu meiner Wohnung zil durchschreiten. Als ich hier einbog, trat eine Gestalt ans mich zn, ill der ich zu lileinein unaussprechlichen Schrecken ^ den imponirenden Fremdest erkannte.

Er redete mich an und lobte meinen Gesang; ich verstand anfänglich in großer Verwirrung kannl, was er sagte, und erschrak zugleich über dies mir so sremde Gesühl von Angst und Schen.

Er begleitete mich, ohne daß ich es ihm zu wehren vermochte, s . bis zu meinem Hause lind bat beim Abschied , mich morgen be- slichen zu dürsen. Obwohl ich überzeugt war, daß ich die Bitte uicht gewährt, wußte ich doch, daß er koillilleil würde.

Die Nacht verbrachte ich schlaflos und unter dein Druck einer beklemmenden Spannung, wie in Erwartung eines großen liild folgenschweren Ereignisses^ eines über mir schwebenden Verhäng- ilisfes. O, wie haben sich meine damaligen bösen Ahnungen be- stätigt! Aill andern Morgen wartete ich mit Zittern alif seinen ^ . Besuch und sah ihn gegen Mittag bei mir eintreten.

Es entspann sich nun ein ganz wunderbares Verhältniß. Mir ward uie wohl in seiner Nähe, ich sehnte mich ilie llach seinem Kommen, aber ich mußte seine Nähe dulden, denn die Krast ihn abzuweisen besaß ich nicht.

Zergrübelt habe ich mir den Kopf, um herauszufinden, worin feine Macht bestehe, die er vom ersten Augenblick an über mich gewonnen hatte.

Er war weder jung iioch schön, aber alles an ihm trug das Gepräge der Vornehmheit, Sicherheit, Herrschgewißheit. Ich, sonst nicht ohne Selbstgesühl, kam mir in diesem Verhältniß vor , wie die Sclavill dein Sultan gegenüber, wie der Vogel iiil Bann der

Schlange, kurz wie ein gauz willenloses liild hülsloses Wesen.

Er sagte mir nach einigen Wochen - nichts von Liebe oder Leidenschaft - nein, nur, daß er wünsche, mich sein zu nennen. Und ich, erschrocken, aber nicht überrascht, ich - willigte ein!

Weshalb ich.s that, das blieb mir selbst ein Räthseb Als er gegangen war, regte sich meine alte Selbstständigkeit, ich schalt mich, ich zürnte mir, ich beschloß mein Iawort zurückzunehmen, ihn nie mehr zu empfangen, keine Ueberredung zu dulden; als er aber kam, Pläne entwarf und mich seine ch erehrte Braut'. nannte, schwieg ich und benlichte mich, seineil Wünschen nachzn- kommen.

Ist es Ihnen nie geschehen, Hildebrand, daß Sie schier nn- willkürlich Dinge thatell, Worte sprachen, die Sie eigentlich nicht

thnn, nicht sagen wollten? Mir ist dies Mißgeschick oder diefe Schwachheit dem Grafen gegenüber oft begegnet. Ich weiß nicht zll sagen, was mich trieb oder hinriß, aber ich ging immer weiter, als meine Absicht war. Soll ich.s Furcht nennen? War.s Eitel- keit, die ihm genügen wollte? Oder war es Beides und der zwingende Einslnß seiner Persönlichkeit dazu?

Der merkwürdige Mault besaß ein fast überuatürliches Wisseit. Er kannte alle Länder und vermochte aus das Lebhasteste von be- deutenden Menschen lind fernliegenden Verhältnisten zu erzählen; ja manchmal schien sein genaues, persönliches Kennen sich ans längst Vergangenes zu beziehen, sodaß ich ihm mit starrem Schrecken znhörte. Die Gedanken las er mir von der Stirn, beantwortete Fragen, die ich noch nicht ansgesprochell, war plötzlich dicht neben

mir,. ohne daß ich sein Kommen gehört, und beschästigte..so aus-. schließlich meine Gedanken, daß ich doch manchmal glaubte, ich liebe ihn.

Er hatte mir gesagt, daß er in Dresden wohne, aber Franzose sei, Gras Saint Germain heiße, iiiid daß er .wünsche, da ich hier weder eine eigene, noch eine seinein Range ebenbürtige Familie besitze, die uns eine Hochzeit rüsten könne, sich still mit mir iil Dresden zu vermählen. Ich solle vortänstg meinen Colltraet uicht lösen, sondern, bis er sein Hans eingerichtet und gewisse Hindernisse beseitigt habe, wieder nach Leipzig zurückkehren.

Ich ging in meiner Bezaliberung und Willenlosigkeit alls seine Vorschläge ein lind reiste mit ihm nach Dresden.

Wir kamen gegen Abend ail liild stiegen vor einem düsteren Hanse der Vorstadt ab. Pierre, sein französischer Kammerdiener, den ich schon srüher mit ihm in Leipzig gesehen hatte, empfing nns. Wir fanden in einem großen Zimmer mit weißgetünchten Wänden einen blnlnengeschmückteil Altar, aus .deln reiche Arm- lenchter lnit brennenden Kerzen standen, Vorkehrungen, die, ob- wohl sie mir nicht unerwartet kommen konnten, mich lnit plötzlicher Angst erfülltem

Der Gras sührte mich in ein anstoßendes Cabinet, wo ich meine Toilette ordnete; der Brantkrailz lag für mich bereit.

Als ich in das große Zimmer zurückkehrte, standen ein Geist- licher am Altar und zwei würdige, mir sremde Herren als Zengen bereit. Die heilige Ceremonie begann sogleich; ich ward dem Grasen angetraut und sand, trotz innersten Widerstrebend anch hier, in der letzten Minnte, nur das von mir verlangte Ia!

Nach der Trauung geleitete mich mein Gemahl in das Cabinet zurück, umarmte mich, bat mich, da ich zitterte und ties ergrissen war, der Ruhe zu pstegen, die Reise habe mich angestrengt, er wolle sich dem geistlichen Herrn und seinen Freunden, den Zellgen, empfehlen, ich solle, wenn ich mich erholt habe, ihn im anstoßenden Zimmer erwarten, wo wir mit einander sonpiren würden.

Nach kurzer Zeit kehrte ich ill das große Zimmer zurück. Der Altar nlit deil Armleuchtern war fortgenommen, dafür stand ein Eßtisch lnit zwei Converts inmitten des Raums, ein Paar Lehnsessel daneben und irgendwo znr Seite ein mattbrennendes Licht. Ermüdet wie ich war, setzte ich mich in einen der Sessel nnd wartete.

Ich besaild mich in zu großer Erregung um schlafen zn können, aber ein Gefühl von Schwindel kam über mich.

Mein Blick war starr aus die große, weiße Wand vor mir gerichtet, und mechanisch versolgte ich die schwebenden Schatten, welche bei dein schwacheil Licht jener einen herabgebrannten Kerze darüber hinsnhren.

Plötzlich dichteten sich jene Schatten, ich erkannte die Umrisse einer Gestalt ------ sie glitt, mit schleppendem Kleide aus dem Estrich

wandelnd, heran. Es war eine Frau , doch in sremder Tracht. Als sie mir gegenüber stand, sah sie mich bekümmert am hob die Hände wie klagend und sagte liiit Iammertönen:

.Armes Weib! Armes Weib !. - damit schritt sie vorüber.

Ich wollte anfspringen, schreien, aber ein kaltes Entsetzen lähmte meine Glieder.

Scholl. solgte der Ersten eine Andere. Sie war nicht wie ihre Vorgängerin gekleidet, mich sahen mich noch bleichere Gesichts- züge an, dnnkles Haar stel über ihre Schultern.

,Auch Dn verloren?'. sagte sie liiit schneidendem Ton. ,Allch Du von ihm verlockt?. Sie riß ihr Tuch heruuter und ich sah ein rothes Mal ail ihrem Halse.

Mit einem Angstschrei, der mich selbst entsetzte, schlng ich vom Stuhl zu Boden.“

Einsiedel war aufgesprungen und stalld ihr gegenüber; er hatte die Arme untergeschlagen , lim sein laut pochendes Herz, seine zitternden Nerven zusammenzupressen, jetzt ries er:

„Dn träumtest, Eorolla! Dies war keine Wirklichkeit!“

„Höre nur weiter,“ sagte sie matt. „Als ich die Angen wieder össllete, stand er, mit seiileii gespannten Miellen, seinem eisigen Blick, über mich geneigt.

Ich sprang anf, wehrte ihn ab und wars mich ihm, von Todesangst getrieben, um Gnade stehend, zu Füßen.

Er verschränkte die Arme nnd.. sah mit einem spöttischen Ansdrnck des Trinmphes aus mich nieder.

,Grästn Saint Germain bist und bleibst Dm.. sagte er kühl. ,Da.s Wie, darüber läßt sich handeln.. [683] Und wir handelten, Hildebrand, wir handelten, aber seine erste Bedingung breche ich jetzt. Ich mußte ihm schwören, nie unsere Verbindung und meine Erlebnisse zu verrathen, nie das Liebeswerben eines anderen Mannes anzunehmen, stets ihm zu gehorsamen und, als Zeichen meiner Treue für ihn, diese schwarze Sammetschleife zu tragen.

Da hast Du mein Geheimniß! Auch die treue Wilhelmine kennt es nur halb.

Nachdem ich jene mir von ihm vorgeschriebenen Bedingungen mit den heiligsten Eiden beschworen hatte, gab er mich äußerlich frei und gestattete mir, in derselben Nacht mit einem von ihm herbei geschafften Wagen allein nach Leipzig zurück zu reisen.“

„Teufel von einem Mann!“ rief Einsiedel aus. „Was konnte ihm daran liegen, diese Komödie, dieses Bubenstück mit Dir auszuführen? Denn daß Alles Lug und Betrug war, glaube ich fest. Ich meinte, er habe Dich doch, trotz äußerer Kühle, mit heißer Leidenschaft geliebt. Er habe Dich besitzen wollen. Wenn das aber abgeschlossen ist, wozu die Mühe, Dich zu umgarnen?“

„Dieselbe Frage habe ich mir anfänglich oft vorgelegt. Vielleicht ist in ihm etwas von der Jagdlust des Raubthiers, welches sich an den Qualen der Beute freut; dem das Erhaschen, Zappelnsehen eine Wollust ist. Und dann: er konnte mich in meiner Abhängigkeit gebrauchen! Wie oft habe ich nicht von ihm Befehle empfangen und befolgt, an deren Ausführung ihm vielleicht etwas lag! Ich war stets sein willenloses Werkzeug für geheime Intriguen und bin in Folge meiner Stellung als Künstlerin mit vielen einflußreichen Leutn in Berührung gekommen. Ja, ich gehorchte ihm, denn ich zitterte und zittere noch, ihn zu erzürnen! Ich bin wie ein hülflos flatternder Schmetterling in seiner starken Hand: er gönnt mir Luft zum Athmen so lange es ihm gefällt; drückt er die Hand zu, ist Alles alls.

Sein vor Zeugen ihm angetrautes Weib bin und bleibe ich, in eine Scheidung wird er nie willigen; lehne ich mich gegen ihn auf, so kann er Rechte geltend machen, an die nur zu denken mich mit Entsetzen erfüllt!“

Hildebrand von Einsiedel, der Poet und Idealist, der feine Hofmann und doch so treue kindliche Mensch, war nicht gemacht, die Geliebte aus diesem Netz geheimer Ränke zu befreien. Wäre er aber auch ein Haudegen, ein energischer, welterfahrener Mann gewesen, Corona’s grenzenlose Angst vor ihrem Gebieter, ihre Furcht, nur an die Kette zu rühren, die sie umschlossen hielt, würden seine Thatkraft gelähmt haben.

Sie wollte weiter nichts, als ihm begreiflich machen, daß an eine eheliche Verbindung zwischen ihnen Beiden nicht zu denken sei, und Hildebrand’s weichem, passivem Charakter gegenüber glückte ihr dies Vornehmen bald.

Er gelobte ihr Schweigen und endlich, doch nach manchem Kampf — Entsagung.

Sie versprach, ihn ewig als Freund, als Bruder zu lieben. So schieden sie, auf einer neuen Stufe ihres Verhältnisses zu einander angelangt.

[698]
26.

..^ald nach dem Abendseste ill Tiesllrt kanl am ...5. Anglist der ...^ Liidwigstag heran, ..den man als Namenstag der Herzogin Luise feierte..

Die hohe Frau hatte durch eiil wenig mehr Entgegenkommen liiid Freundlichkeit .neulich in Tiefurt Goethe so ties bewegt mld wieder so sehr für si^. eingenommen, daß er sich sofort mit Pläiieil trug, ihren festlicheil Tag zu verherrlichem Er sand zu seiner Ueberraschiiiig auch diesmal ill der feindlichen Partei - das heißt bei Görtz liiid feinen Anhängern - eine rege Theil- nähme.

Neuerlicher Gewitterregen hatte eine Uederschwemmling des „Steriis“ herbeigeführt, wo ailsänglich ein Festspiel beabsichtigt war, daher mußte man jetzt einen andern Plan entwersem

Am linken User der Ilm sührte, vom Fürstellhanse ans gangbar, eiii erhöhter Weg her; etwas stnßanfwärts stand eine Malier, lim als Kngelfang vom Schießhanfe aus die Umgegend zii schützest; diese sowie ihre Umgebullg lag hoch lind trocken. Hinter der Malier besand sich eiil Platz lilit herrlichen alteii Eschen liiid Gebüsch, derselbe konnte jede Art von Ueberraschüng. bergen; davor, deil weiteren Ansblick versperrend, ließ mall in den bis zum Feste noch übrigen drei Tagen heimlich eilte hübsche kleine Einsiedelei ansbalien, mit Strohdach, Borkendekleidnltg und Mooswälldell, die .. man vorn mld hinten verschiebbar einrichtete.

Goethe mld Seckendorf, der talentvolle Poet lind Compoilist, hatten mittlerweile ihr Festspiel sertig nild lnit den anderen Freliiideil einstlldirt. Sie wollten in Möllchskntten erscheinen, erzähleil, ihr Kloster sei durch die Finthen vernichtet, dies Hänscheil habe mall gerettet, und hierher lade mall die Gesellschaft znr srugaleil Kost, danl1 sollten sich des Borkenhänschens Thüren ansthiin und mall einen bescheiden besetzten Tisch sehen, aus deiil sich llichts bestnde als eine irdene Schüssel mit Bierkalteschale, eiil Laib Brod, Zinnteller und Holzlössel. Weiiil die Hosgesellschaft

Ciiisiedel sragte sie slüsternd, was ihr fehle. .Ob ihre Be- kenntnisse gegen ihn sie beängstigten? Anf seine' Verschwiegenheit liiid vollkommene Hingabe an ihren Willen dürfe sie doch banen.

„Darfst es nicht, Hildebrand,“ entgegnete sie gleichfalls leise und liiit Vorsicht, ,,.ich habe einen An strag vom Meister, der gewiß ..Uebles bezweckt und mich siirchtbar bennrnhigt. O, daß ich.uusersehell bin, .den .dunkelften Plänen als Wertzeug .zu diene.il.!“

Der Frellud bat sie, ihiil ganz zu vertrauen, ihiil Alles mit- zutheilen, was sie bedrücke, was sie thnil solle; vielleicht lasse sich doch etwas ändern. Sie lehnte aber in ängstlicher Weise ab, sagte, der Gras müsse hier sein, sie könne doch nicht umhin, zu gehorchen Das Verll.äiigniß über ihr treibe sie wider ihren Willen! Er möge nicht weiter in sie dringen, sondern ihr Rühe uiid Schoiiuiig gönnen.

Nach deiil Mittagessen wtlrcheu von hurtigen Lakaien die Tische fortgeräumt und von den Milsikern die Instrumente zn einer Polonaise gestimmt.

Man wollte sich nicht so bald trennen, es versprach eiil herrlicher Abend zu werden, die Gesellschaft war liistig lind guter Dinge; der Herzog, nach einigelt Gläsern Champagner sehr aiif^ geränmt, ersrent von der Ueberraschiing , entzückt voil dem neu entdecktem fast unbekanntem Platz , erklärte, die Gesellschaft müsse beisammen bleiben.

So spazierte lilall llilter dein Ephen umher, scherzte, lachte, saß iil Gruppen zusammen, versnchte eiil Tänzchen und unterhielt sich iil der gehobenen Stiminling ganz vortresslich.

Goethe forderte Corona znr Polonaise aiis, sie dankte, da Einsiedel sie srüher darnin gebeteil habe, deil nächsten Colltretanz aber solle er bekonr.lleu. Er erklärte sich einverstanden und trat jetzt mit ihr, strahlend vor Heiterkeit und Ingelldllist , in die Reihen.

Die Ungebnndeiiheit der Diiierstiinnmug fügte es, wie er glalibte, daß er sich plötzlich der Herzogin Lnise niit deiil Ober-

dastehe, nicht wissend, was aus dem Scherze zu lilachen sei, solle ^ hosmeister Graf Görtz gegenüber sich, und heimlich lachend sagte

sich die hintere Wand des Helschens öffnen und unter den alten er sich, daß der hochmüthige Gras stimmt seiner edlen Partneriii

Eschen wohlbesetzte Holztaseln, gepntzte Gäste nild symphonische zu ^.anderen Zeiteii wohl erlefeilere Gegeiltänzer geslicht habeil

Musik sie einladend begrüßen, woralis dann die Glückwünsche der würde, als ihn lilit der Sängerin..

Anwesenden all die geseierte Fürstill den Uebergallg zum sestlicheu Schmanse bildeu sollten.

Diesem Plaue gelnäß spielte sich das Fest am Mittage des ...5. Angnst ab. Der Herzog, seine Gemahlin, Herzogin Amalie nnd ihre nähere Umgebullg hörteu die Redeu der Möuche, als welche Priuz Coustautiu, Goethe, Seckendorf Knebel, Wieland, Eiusiedel nild einige Andere auftratell, stauden erftauut am Tische mit der Kalteschale und athmeten ersrent und lachend alls, als bei dem Wegziehen der Wand das festlich heitere Bild sie eimnd.

Die Mönche machten .ansänglich Miene, ihre Gäste zil be- dienen, mld Goethe, der Pater Decorator, hielt sich hinter delu Stuhle der Herzogin Lnise, um ihr wenigstens die Snppe zn reichen. Dann aber mußtell die würdigeil Herren ill ihren weißest Kuttell sich zwischen den Gästen aii deil Taseln einreihen nild all deil Frelldeil des Mahls wie alle Aildereu theiluehmeu.

Ill den Pansen des Diners schlossen sich deil Illstruliieiltal- vorträgen Gesangsstücke der Sängerinnen Eorolla Schröter und Lliise Rndorf an, worans die gern geseheueu jungen Mädcheu au eiileln der Nebeutische ihren Platz alissuchten.

Goethe hatte sich hellte einmal wieder das Eouvert llebeii Corona gewählt. Bei solcheu festlichen Gelegeiiheiteil durfte er uicht hoffell, uebeu der Freuudiu zlt fitzeil, die, als Gattin des Oberftamlleisters , in der Nähe der höchsten Herrschafteil ihreu Platz falld.

Corona, die schöne liebeliswürdige Künstlerin, übte eine große Anziehungskraft aus ihn ans, wenn er auch wußte, daß ihr Herz seinem Freunde Einsiedel gehörte, der alls ihrer andern Seite saß.

Aber weder für. den einen noch für deil allderlt ihrer Nach- baru sand Corona hellte die rechte Aufmerkfamkeit; sie antwortete

Anch der. Herzogiil stel diese Fügllug unangenehm anf.. nnd fie delltete ihrem Cavalier an, wie sie erftauut sei, daß er uicht sür ein passeltderes st^-ll-st.l gesorgt habe.

Der Graf eiltschiildigte sich liiit nichtssagenden Redensarten. Lnise dachte, der Wein mache ihll collsns, mld dann begann die Mnsik, ehe sich etwas ändern ließ.

Hinter Goethe mld Corona stalld der kleine Baron von Göchhallsen, hellte ilt Folge des wohlthätigen Tranks aus den Händen des Wllnderiiianns ganz besonders leicht mld heiter gestimmt. Er sah dem Taiize zu, wiegte sich ill delt Hüstelt mld schieil seiile gallze Theiliiahnie dem Treidelt der Itigend zu widmeu.

Plötzlich, als Goethe liild Eorolla, ihren Platz vertasseud, vortauzteu , schoß er ilt den Kreis und russte eiii weißes Etwas vom Boden aiis; er sah es nicht näher all, souderit verließ seinen disherigen Staiidort und degab sich ilt die Nähe des Herzogs, der gleichsalls ilt dieser Ouadrille und mit Luise von Göchhauseu tallzte.

,,Sie müssen zugeben, Tllselchelt,“ sagte Kart August fröhlich, „daß dies wieder eiiie F^te ist, die unserem Zanderer drüdelt alle. Ehre macht! Steckt er auch iil der weißeil Fcthlle von einer Kutte, der Goldjunge, die alle die andereu Männer miseritdel kleidet, so sieht er doch immer aus wie eiii jiillger Gott, mld es ist die pnru Unmöglichkeit, wenn lilait auch Ursache dazn hätte, ihm döse zil seiii.“

,,Durchlaucht hadelt Recht, amüsant ist.s heiite, mld ich dich he.renvergnügt!“ ries das kleine Fräulein lliid ließ ihre lachenden ledhastell Angen durch den Kreis heriiili iiiid zii ihrem Partner sahren. „Dero Hätschelhails scheint nachgerade allen Lenten ge- nehm,“ sügte sie liiit einein doshastelt Seitenblicke alis. Gras Görtz

^streut^ starrte . stuf eineu Punkt, wechselte öft die Farde liiid hinzu, d.er^ eben .mit stie^ Grststd^u ein ^ ^ ^ Goethe dezeigte besondere Goethe gegeitiider eiiie seltsame Scheu. ^..t..tst.jd Eoroim tan.tte.

[699] Der Herzog lachte lant ans: „Himmlischer Anblick das! Wie er es nur angefangen hat, Frellnd Wolf, Luise als Gegen- tänzerin zu bekommen? Ich dachte, sie bisse sich lieber den kleinen Finger ab, als meinem armen Parnenü die Ehre zu erzeigen! Na, mich freut's, wenn sie Raison annimmt, wenn er sie zu nns herumkriegt.“

In diesem Angenblicke wurde der Contretanz beendigt; als der Herzog nach der Verabschiedung von seiner Tänzerin sich wandte, stand der kleine Baron voll Göchhallsell vor ihm, tief dienernd, snbmissest lächelnd und offenbar mit einem Amiegell anf dem Herzen.

„Eh, Baron, was wollen Sie? Wo drückt der Schuh?“ fragte der Fürst gnädig.

„Dnrchlancht verzeihen, Dnrchlancht gestatten“ - murmelte der kleine Mann. „Sllpponire, daß dies Schreiben --- meine . ergebenste Pflicht und Schmdigkeit Dero Einficht zu nllterbreiten.“

Damit hielt er dem Herzoge einell zllsamnlengefalteten, adressirten, aber nicht gesiegelten Bries hin. Karl Angnst grifs mechanisch danach.

„Goethes Handschrist und an Lnise! Gewiß ein poetischer Erguß, ein Festcarmen! Wie kommen Sie dazn?“

„Dnrchlancht zu diesten, der Bries stel aus der Tasche des Herrn Legationsruth Goethe, als er in der Onadrille avancirte. Ich stand hinter ihm und enlevirte das Schreiben.“

Als der Oberkämmerer sah, daß er nicht weiter beachtet werbe , zog er sich mit einigen Bücklingen znrück. Der Herzog aber trat zllr Seite und entfaltete fonder Arg und Bedenken den

Briest

Aber welch ein Wechsel auf seinem Antlitze! Flammende Röthe und sahle Blässe, eine zorllig gestaltete Stirn , zerbisselle Lippe, und endlich wilden Griffs ein Zerknittern, Zusammen- drücken des Papiers, das er nlit plötzlichem Rucke ill die Tasche schob. Ohne sich nmznseheu , ohne zu zatlderll , verschwaud er hiuter der Schießmauer und versolgte mechauisch den Weg all der Iml her, der ihll zum Fürsteuhause führte.

Die Musik zu einem Meuuet, Gläserklirreu und lacheude Stimmen solgtcu ihm; er aber hörte uichts davon, seine Gedanken wühlten und bohrten zu gewaltig in ihm; das Blut kochte ill seinen Adern und jede Spur sroher Weinlaulle, die ihu belebt hatte, war erstorbeu.

Iu seinem Palais angekommeu, besaht er: „Ein Pserd!“ nnd ritt wenige Millnten später allein im Gesellschaftsanznge zum Thore hinaus. Da hing er wie willenlos und gebrochen im Sattel, in seinem ruthell, goldgestickten Sammetrocke, schlass eine Reitpeitsche haltend, die sein Groom ihm eingehändigt hatte.

Die Stallbedienten, welche ihm nachsahen, schüttelten die Köpse.

„Wenn er noch wetterte und .flnchte, wär.s mir lieber,“ fagte ein alter Kntscher.

„Das schöne Zeug, die weiße Seideuhose ist hin,“ meinte edauermd ein junger Reitknecht.

Der aber, dem diese Bemerkungen galtell, ahnte nicht, daß er etwas thne, was aussalleu müsse. Er hatte überhaupt kein auderes Gesühl als das eilte entsetzliche: seilt Frenltd, seilt Lieb- lillg, seilt herrliches Vorbild - war eilt gemeiner Heuchler ulld verrieth ihu unter gleißeltdetu Scheitt; Irrthum schieu ihm nn- möglich. Er hatte die ganze Sachlage mit eigeueu Angen geseheu; Göchhauseu staud hinter Goethe, Luise tanzte ihm gegenüber; gewiß hatte dieser es so eingerichtet, um ihr den Bries zlt geben!

Was nur Luise zu dellt Briefe gesagt hätte? Er mußte doch tllit ihr schon seiner Sache gewiß sein, um dies zu wageu! Also auch sie eine Scheinheilige? Sie, die Strenge, gegen ihu so Kühle! Aber sreilich, eilt Apoll, ein genialer Feuerkops wie Goethe! Er wußte und fühlte es ja felbst, wie ihm die Herzen zustogen ! Eiu tiefer Seufzer hob seine Brust. Nein, dies kouute er ihm nicht verzeihen! Liebte er auch Ltlife nicht, so war sie doch sein Weib, die Herzogin, die Hüterin seiner Ehre!

Trennung von Beiden war der einzige, der Endgedanke aller Ueberleguttgett. Wo hatte er nur seine Augen gehabt, daß er nicht laugst geseheu, wie der Freuttd sie iltuiger verehrte, als recht war? Freilich, so wie es der Brief aussprach, das hätte er doch uicht gedacht. Und es war nicht allem Goethe's Haudschrist, es waren Redewetldmlgeu, Worte, wie er sie ost von ihllt gehört,

^ und doch dies Unglaubliche, diese kecke Sprache sinnlicher Leiden- fckmft ! Er wiederholte sich einzelne Sätze, die sich seinem Ge- dächtniß eingebrannt :

„Süßer, verschmälster Engel, den zu besitzen, zlt entschädigen mir Seligkeit .wäre! - Ich sehe und tränme uichts, als die Himmelssterue Deiner Augeu; o Luise, wenn Dn Dich zu mir herab neigen , . mich glücklich machen wolltest! - Er, der Dich nicht zu würbigest versteht, entbehrt auch nichts!“

„Seine Liebe für die Stein ist stngirt, ist. ihllt ein Deck- nmntel,“ . fuhr der Herzog in seinem Selbstgespräche sort. „Die Fran ist seine Vertrante, Hehlerin, Zwischenträgerin. Welch ein erbärmliches, verworsenes Gezücht, nttter dem ich lebe! Ich, dem das Höchste ist: ein edler Mettschenkreis!“

Sein Pserd blieb in diesem Augenblicke an einem Gebüsche stehen und znpste Blätter ab.

Jetzt znerst kehrte er zur Gegenwart znrück , sah sich nm, wo er sich besalld, und nahm die Zügel fester. Er war, ohne es zu wissen, den Weg atl Goethe's Gartenhans vorbei, nach Ober.- weimar geritten.

Die Sonne sank bereits; am liebsten wäre er landein ge- sprengt, hätte alles, was Klärendes und Trennendes geschehen mttßte, brieflich abgemacht, aber so im Staatskleide ohne alle Vorbereitung und Begleitung? Er nannte sich selbst seige nnd riß plötzl.j.h sein Pserd herttttt. Ein wilder Zorn flammte in ihm ans'; er schlug mit der Peitsche über des Rosses Flanke und slog in sausendem Galopp den^Weg in wenigen Minnten zurück, für deu er vorhitt ittt träumeuden Berweilen so lange Zeit gebrancht hatte. Die rasche Bewegung that ihm wohl; die Sonne war jetzt im Untergehen, ein schönes, tiesglühetldes Abelldroth verklärte die Gegelld; er mäßigte die rasche Gangart seines Pferdes, hielt fich gerüstet für alles, was geschehen mttßte, und kühlte sich älter, aber anch fester gewordelt.

Sein Empstnden der bitteru Erfahrung war aus dem dutttpfeu Wehgefühl in das Begreifeu der Sachlage übergegattgeu. Er er- kauute, daß er ktlrz und kräftig mit den Diugen fertig werden müsse.

So weit in seinettt Getnüthe gekommen, wllrde er dnrch einen Anrtts aus seinettt Gedankengange ausgeschreckt; mlwillkürlich hielt er beinl Tou dieser Stimme seilt Pferd an ttltd waudte den Blick hinauf, woher der. Rnf kam.

Da stand Goethe in feitter Alltugskkeidung auf dem Allan, vom warmen Abeltdroth nmstofsetl, mit heiter strahlenden Blicken, nnd ries ihn noch einmal an:

„Mein lieber gnädiger Herr, wohin sind Sie uns entstohen? Warnm verließen Sie das Fest?“

„Elender!“ knirschte der Herzog. Er wollte ihn ja nichk wiedersehen, hielt es unter seiner Würde, je wieder ein Wort mit ihm zu wechseln; dennoch, bei seinem herzbewegende Anblick, dem Rns dieser geliebten Stimme widerstand er tticht. Rasch ent- schlossen wollte er jetzt alles gleich persönlich mit ihm abmachen, das war der einzig richtige, männkich tapsere Entschlnß!

Er sprang vom Pferde, Philipp nahm dessen Zügel, und Karl August eilte iu.s Haus.

Schou aus der Truppe zog er den verhättguißvolleu Bries hervor, glättete deuselbeu mit zitterudett Häudett und reichte ihn dellt verräterischen Freuude , als dieser ihm obeu an der Treppe elttgegen kam.

„Was soll dies Papier?“ sragte Goethe.

„Lies!“ herrschte der Fürst ihn an.

Beiden traten , mechanisch vorgehend, in Goethe'.. Zimmer; dieser wandte sich zum Fenster, um bei dem scheidenden Licht sehen zu könuett, was ihm der Herzog gegeben.

„Ein Bries von mir?“ sragte er erstauut, „nnd an die Herzogin?“

Der Herzog lachte höhnisch ans; der Andere hatte diesen Ton nie von ihm gehört.

Goethe las tlnd erstarrte.

„Meine Schrift!“ sagte er. „Manches von meinen Gedanken nnd Redewendttugelt, und doch so - das ist ittsalu!“ .

Er wars in tiefem Widerwille de Bries lttittelt in's Zimmer und ries:

„Durchlaucht, das schrieb ich nicht!“ ,,Dn - Dn leugltest?“

[706] ^ch deschwöre, daß ich nichts von dieseiit Briefe weiß!.' begann .....^ Goethe .nach eilier Panse iit tieser Bewegung.

,,Wäru es möglich? .Soll - darf ............. kqun ich buchen ?^

ries der Herzog.

,,Nicht ohne Bewei.s; wir müssen deil Urheber entdeckeil!“

„Deil Urheber? Göchhallsen, der alte Tropf, gab mir den Bries; er hatte ihn aus Deiner Tasche salleit sehen.“

„Welch ein Gespiiiitst von Lllg und Trug! Dahmker steckt eitt Anderer als dieser blöde Baron!“

„Ein Anderer! Wer?“

[707] Goethe starrte zu Boden; er wußte recht gllt, wer .ihn hicl- los sein wollte , wer stets gegen ihu mtrlgulrte. Dies aber .war doch ein gewagtes Spiel. Wer konnte einell solchen Brief ver- fasten, so täuschend gemacht? .Das war eine im Betrllg geübte .^and ! .Datauchte ihm plötzlich das Deinste Gannergesicht ans, das er je, wenn auch nur einmal stüchtig , llemich als Eorona so sehr erschrak, in Tiesnrt gesehen.

„Hat der Landgras Adolf Ew. Dnrchlancht nicht gesagt, daß der Wllndermalm Saillt Germain ein besonderes Geschick besitze, jede Handschrist nachzuahmen?“ .

Der Herzag starrte ' ihn an : „Saint Germain ? wie kommst Dn aus den? Welchen Grund sollte er haben, mich mit Dir zn entzweien?“

„Dem im Trüben stschen zu wollen. In Kastel findet er keine dauernde Stellung, vielleicht möchte er meinen Platz ein- nehmen. Ich weiß, er hat sich all verschiedenen deutschen Hösell festzusetzen verslicht.“

„Und wenn .anch, vermag er den Bries in Deine Tasche zn . .zaubern?“

„Der Bries war nicht iil meiner Tasche.“

„Woher. kam er denn zu Göchhauselt?“

Eine Palise solgte; endlich sprach Goethe gepreßt:

„Meine Partnerin Corolla steht ill Verbilldnllg mit dem Grasen, wie wir wissen.“

„Ilt, durch Kanflnann. Sollte sie allf sein Geheiß den Brief .verloren haben.? Komm, hin zu ihr!“ .

Goethe raffte den Brief anf, erklärte sich einverstanden mld schritt nlit denl Fürsten durch dell dämmerigen Abend der Stadt zn. Schweigend, aber innerlich beschäftigt, krellzten sie die Straßen .4; .und standen bald vor der Thür der .Sängerin.

Millchell Probst öffnete auf ihr Anpochen das Wohnzimmer, ^ ein Licht in der. Hand, und lebhaft erschreckend, als sie die Herren sah.

„Corolla ist krank vom Fest gekommen,“ sagte sie nlit weiner- licher Stimme.

Ans dem Nebenzimmer hörte mall ein kralnpshastes Schluchzen. Der Herzog ließ sich nicht abweisen. „Hier... .handelt es sich mll höhere Rücksichten, glltes Kind, als die Schonung eines hysterischen Allsalls!“ sagte er barsch llnd trat mit dem Freunde ein. Er nahm das Licht aus des Mädchens Hand mld ging. den kläglichen Tüllen nach; Goethe solgte.

Gleich darauf standen sie vor Corona, die noch im Gefell- schaftskleide sich mit th.ränenüberströmtem .Angesicht von einem s. .kleinen. ^Ruhebett ausrichtete. . Sie starrte die Männer an nnd ^ zuckte sichtlich zusammen, als sie Goethe gewahrte.

.„Kennen Sie ..diefen Brief, Eorona?“ sragte der Herzog nnd hielt ihr das zusammengefaltete Schreiben entgegen.

. Die Sängerin verhüllte ihre Augen und begann auf's Nene zll schmchzen.

„Das. ist das Schuldbewußtsein!“ ries der Herzog triiimphirelld. „Arme^ Corolla ! Was hat .Sie dazu .bewogen gegell mich . .so häßlich zu illtrigllirest?“ sprach Goethe milber. Das schöne Mädcheu raug die Hände: ,,.O, ich bin ein willenloses Werkzeug des Schrecklichen!“ . ,,Saint Germans?“ ries der Herzog. ... „Ia!“ hauchte Corolla und verhüllte ihr Gesicht. „Also doch!“

.„Ich war davon überzeugt und freue mich, mein Fürst, daß Sie diese Warnung empfangen“

,,Ist der Gras hier? Mit wem steckt er zusammen? Hat er Ihnen selbst das Schreiben gegeben?“

„Nein; Gras Görtz in seinem Anstrage. Mit diesem hält er. zusammen“

„Aha!“ ries der Herzog mit einer gewissen Schadenfreude; das war Ielnand, den er. erreichen und strafen konnte.

,,Verzeihllng ! Gnade! Sie wissen nicht, wie elend ich bst^ wie ich zu dem gezwungen wllrde, was ich so ungern that!“ jammerte Corona, glitt vom Sopha herab alls ihre Kniee und hob flehend die Arme empor.

. Si^ sah in ihrer Erregung so schön aus,. es srellte dell Herzog so sehr, den Druck von seinem Gemüthe abwersen zu können .den Freund gerechtfertigt ^ finden, daß er der Flehenden gnadig die Hand reichte, sie sogar bat, .sich zu beruhigen, er werbe sich und ihr scholl .Frieden verschasfell vor dem Uebelthäter, werde

scholl auszuräumen wissell, fle solle, der so sichtlicher Reue, seiner mld Goethe's voller Vergehnllg gewiß. sein

Nachdem sie Schommg und Verschwiegenheit gelobt hattell, gingen die beiden Frennde Arm ill Arm davon.

Die Oual, aus einander gerissen zu werdell, war ihnen vor.- ahnend zu Theil geworden,. deshalb enlpsalldell sie wärmer deml je für einander.

„Die Schelme konnten leicht ihren Zweck erreichen,“ sagte der Herzog jetzt nachdenklich. „Ich war in meinem Sinnen^ schlössen, Dich nie wieder .zll. sehen, da Irrthnnl mir mmlöglich schien Als Dn aber, vom Abendgold mllslossen, über ^mir ans dem Altall standest und mich riefst, hörte alles Denken mld Wollen alls, da' mein Herz mich zu Dir riß!“

„Heil diesem edlen, die Wahrheit erkennenden Herzen!“ rief Goethe bewegt.

Daml überlegten sie gemeinschaftlich, wie die Lage zu klären, wie allfzllrällmen und zu strafen sei.

Der Herzog ließ am andern Morgen den Grasen Görtz zlt sich bescheiden und mahnt ihu schars ill^s Gebet.

Karl Augnst konnte ill solchen Fällelt schonungslos herb sein,. mld der Uebelthäter käm arg ilsts Gedränge. Der Fürst sagte ihm gerade alls dell Kops, er habe den gesälschtell Bries ans Goethes Spur geworfen mld , nur mll dies zu kömlell, dell allf- fälligen Schritt gethall, mit der Herzogiu ihm gegellüber zu tallzell. Er habe ihll glaubeu machell wollen, daß Goethe der Herzogin bei der tour ck^ uulin dell Brief zuzustecken beabsichtigt.

Letztere Beschuldigung war richtig, die erstere nicht ganz nlld mlr aus Schommg für Corona llmgesormt.

Immerhin besalld sich. der Graf in einer großen Verlegenheit. Er kannte die Rücksichtslosigkeit seines jungen Gebieters, sein strenges Rechtsgesühl, das tlicht lnit sich markten ließ, mld begrisf, daß er nie wieder zlt Gunst mld Glladell kommen werbe.

Er wählte also ein ill solchen Fällen beliebtes Mittel, dell Kops aus der Schlinge zu zieheu; er spielte den Gekränktelt ulld bat um seine Entlassung.

„Gehell Sie ilt des Tensels Namen salnmt Ihren Helfers- helserll, und je eher. je lieber!“ ries der Herzog und verabschiedete . feilsten alten Mentor in vollem Zorne.

Goethe, der bei seinem glltell .Gewissen mld der baldigen Ausklärung jenerIntriglle nicht so tief berührt worden war wie der Herzog, versllchte dell hohen, herzlich geliebten Fremld zu be- ruhigen

Er erinnerte daran, wie er ihll stets vor Saillt. Germain gewarnt, mld beglückwünschte ihn .zu der Krise, welche eine so gesunde Reactiou hervorgerufen habe.

„Wir silld wie schwimmende Töpse, die sich all einander stoßen“ sagte er, mit der ihm eigenen Ueberlegellheit sein Thema.. ill reslectirender Weise behandelnd. „Ulld dem Menschen ill seinem zerbrechlichen Kahll ist ebell deshalb das Ruder ..ber Eillsicht ill die Halld gegeben, damit er nicht der Willkür der Wellen sondern .dem Wollen seiner Ueberlegmlg Folge leiste. Das ist jetzt ge- schehell, mein lieber gnädiger Herr, mld somit kömlell Sie fagell, daß Sie durch alle jelle Erfahrungen einen Fortschritt. gemacht haben!“

„Ich glanbe Dir, daß Saillt Germain ein Betrüger nlld Erzschllst ist,“ sagte der Herzog lebhast. „Wissen möchte ich aber doch, wie er es allgesangen hat, mich in den Hörselberg zu führen, nnd wer seine Vemis war! Letztere. Frage könntest Dlt mir ^jetzt beantworten, da keine Gesahr mehr ist, daß er Macht über mich bekommt.“

„Weml Sie Ihren Frieden nlit der Herzogilt geschlossen haben, oder weml sollst eine Wendling eintritt! Und für jene erste Frage wird sich auch wühl noch die Antwort finden,“ er.- widerte Goethe schelmisch atlsweichelld, sodaß Karl August sich^ weml auch murrend lilld widerstrebend, sügte.

Bei einer späteren Gelegenheit trug Goethe nlit. ...einem heimlichen Lächeln - dem Herzoge die Bitte vor, den Heilgehülfen Iohtmll Bernstein in Ilmeuan als Wundarzt für die Berg^ . kllappenschaft anzustellen ^.

Cr war mittlerweile ill Imlenall und bei Gretchell gewefen, hatte genaue Eillficht von allen Verhältnissen genommen mld [708] hoffte, niit ihrer Heirath einen Abschluß und die günstigste Wendling für deil Herzog zu stlldell. Dieser sah aber deil Freulid jetzt groß au.

„Was sällt Dir eilt?“ sagte er befremdet. - „Warst Du es uicht, der mir ernstlich abrieth, Dergleichen zu thuil; mein Geld nicht zu verschwenden? Jetzt habe ich mir die Sache auch über- legt, habe dell jungen Menschen ueulich abgewiesen, jetzt bleibt es dabei!“

Gras Görtz säumte nicht lange, dem Drällgell des Herzogs zii folgell und Weimar zu verlassen. Er siedelte iil der nächsten Zeit lilit seiiier Familie uach Berlin über, wo er später wieder eine Hosstelluitg aullahm.

Die plötzliche Verabschiedung des Grafell Görtz liild das, was von der Ursache verlautete, übte eiiieii höchst ungünstigen

Wnudermatlnes die Klust zwischeu dem jungen fürstlichen Ehe-. paare erweiterten liiid nene Entsremdliltg zwischen ihlieil herbei- führten.

Mit Christoph Kalifiiiann, der längere Zeit in Weimar ge- wohnt hatte, machte der Herzog kllrzen Proceß ; er ließ ihm einen Platz iii deiil Reifewagen zur Verfügung stellen, der behufs Aus-. befferung an den Rhein geschickt wnrde. Kausmanu ging später als Arzt znr Brüdergemeinde nach Herruhtlt.

.Gras Saint Geriiiaiil verschwand ebenso geheiinnißvoll nach dein Mißlingen seines Anschlags aus Weimar, wie er dahin ge- kommen war; llian hörte später, er sei mit dem Landgrafen Karl voil Hesseil dem zweiten Sohn des regierenden Herrn,.. nach Schleswig gegangen, wo sich bald der Mysticismus zur vollen Blüthe elltsaltete; Schleswig wurde der Sammelplatz aller wunder.


Einfluß auf die Herzogin Luise. Der Hosmarschall hatte ihr seiiten Abschiedsbesuch gemacht, hatte über ungerechte Behandlung, über eine perstde Intrigne gegen sich uiid gegen seine hohe Ge. bieterin geklagt und hiuzugesügt, seilt Respect, seine Loyalität verbiete ihm, mehr zu sagen.

Die so zart empfindende Fürstin, der jede öffentliche Be-. sprechnllg, jede Vermengung ihres Nameiis liiit einer anffälligen Angelegenheit höchst empfindlich war, hörte, wo es sich um ihre Perfon handelte, nlit feinem Ohr, und so kaltltte sie bald die Ur- suche der Verabschiedung ihres Hosmarschalls: er sollte Goethe beschuldigt haben, daß dieser ihr nachstelle, daß er sich ihr in un- geziemender Weise nahe! Goethe hatte allerdings versucht, ihr Artigkeiten zu erzeigelt, hatte das Gespräch mit ihr zu vertiesell, auf eritste Punkte zli sichren gesncht. Sie war vielleicht doch nicht znrückhaltend geung gewesen? O, sie konnte an diesem Hofe, wo es so wenig Formen und Schranken gab, nicht vorsichtig gentig sein! So überlegte sie, tiltd so geschah es, daß die Ränke des

glänbigell Männer der Zeit; der Lalidgras nahm alil Secteiiwefen lebhasteii Antheil und verfaßte unter dem Beistallde Saiitt Germain.s aufsehenerregende, phantastisch religiöse Bücher.

Corona würde sich jetzt erleichtert mld befreit gefühlt habeli, wenn ihr nicht der Graf ilt eitlem kurzem geheimilißvoll gehaltelleil Schreibe seine baldige Rückkehr in Atlssicht gestellt liiid ihr die Versicherung gegeben hätte, daß er im Geiste mit ihr sei uiid Keuntniß von all ihrem Thult und Treibell erhalte.

Deiii wiederholten Werben Hildebrulld.s voll Einsiedel setzte sie also stets die alte Antwort, daß sie gebnnden sei und bleibe, elttgegen. Er ward bald uach der Verabschiedung des Grasen Görtz zum Hofmarschall der Herzogin Luise eruaiiut und seiile Lebens- stelltlng dadurch noch mehr über die der Kültstlerill erhoben.

So mußte das Paar iil gezwungeuer Entsagung und bei ruhiger Ueberlegung der Ansicht Ranlil geben, daß eine Heirath kannl aussührbar sei.

[724] .'...^er Willter kam, und das Treibell der Gesellschaft lenkte in die ....-..-^ altell Bahnen. Nach Görtz' Entfernung - gleichbedeuteud mit dem Spreugell seiner Partei -- nahte sich der Kammerherr Sieglnllnd von Seckendorf Goethen in einer nicht mißzllverstehenden Weife. War dieser allch nicht frei von Argwohn gegen dell eleganten Eavalier, so schätzte er doch die Begabung des gewandten Mannes.

Eines Tages befnchte Seckendorf Goethe ohne äußeren Amaß uud fagte ihm offen, daß er ein Verlallgen trage, sich mit ihm über die frühere und gegenwärtige Stellung zu einander auszusprechen, nnd daß er wünsche, Goethen freund schaftlich näher zu treten.

Mit dem Ton .der Wahrheit fuhr er .fort:

„Sie haben mich bezwungen, lieber Legationsrath; die kräftige Spruche des Herzeus, welche. wir aus Ihrell Worten und Werken entgegentönt, hat meine Unzufriedenheit, selbst meinen Vorsatz zu kritisiruu, zum Schweigell gebracht. Ehe ich's wußte uud wollte, war ich Ihnen gegenüber mitten im Taumel der Empstndung, welche voll uuu all , da kein Görtz seinen störenden . Einfluß geltend macht, die herrschende bleiben soll!“

„Schonen wir dus Abwesenden!“ entgegnete Goethe mit^ edler Abwehr jenes schiefen Rechtfertigungsversuchs. Milder fuhr er sort:

„Ich bin Ihnen dankbar .für Ihr Entgegenkommen nlld glaube, daß die Spreu der Eitelkeit eine .zu mageres Futter ist, um. sich darum ...^ raufen und die gute Natur zu .hemmen.“

In der Wintersaison ging ganz unerwartet ein neuer Stern allst Es war dies Christel voll Laßberg, die sich eudlich so weit gekrästigt hatte, nln den längst beabsichtigten Tanz- und Anstand^-. unterbricht des tollangebenden Meister^ Adam Aulhorn zu genießen. Nachdem sie sich allmählich und ill aller Stille zu einer zarten Schönheitsblüthe entfaltet hatte, .war ihre linkische Schüchternheit in bescheidene Anmut, ihre stumme Scheu in anziehende Zurück- haltullg verwaudelt.

Die Männer ihres Kreises nahten sich ihr nach und uach sämmtlich. Vom Herzog all ward Ieder mehr oder welliger au- gezogell, um sich doch bald wieder mit der Versicherung abzuwenden, man komme nicht weiter mit ihrf.^^^

Daß der Blick ihres blauen Auges einen herzbewegenden Schimmer habe, daß sie ..im Tanzen und Schlittschuhlausen, ill jeder Bewegung ihres schlanken Körpers voll der „Biegsamkeit des Schilsrohrs und der Leichtigkeit. einer Libelle“ sei , wie Meister Aulhorn gern wiederholte, gaben alle Männer zu, und doch warell sie an dell Toll gefälligen Entgegenkommens, an dell prickeln- den Reiz des Neckens und Herallssorderns so gewöhnt, daß sie sich mit dieser so ill sich. geschlossenen Erscheinung nicht dauernd verständigen konnten.

Der Grundton in Christel^ Wesen war jene „süß leidende Sentimentalität“ ihrer Zeit, welche, vom Sturm und Drang des brallselldell Iugendlnuthes , der jetzigell mstsunkelndell Gesellschaft verscheucht, keine Geltung mehr sand und nur noch Achtullgsersolge errang. Mall war noch überschwäuglich^.m Wort und That, wenn e^ eben paßte, aber lachte doch scholl über die Enlpstnd- snlnkeit schöller Seelen. Christel glich einer verspäteten Frühlings- blnlne^.eineln Veilchen, das, voll greller Sonnnerglnth getrossen, schmerzlich unter derselben leidet.

Sie hatte ihr Tagebuch sortgesetzt, und ein weiteres Stück desselben lalltete:

,,Iln Winter 1^.

Ich glanbe, die Menschen haben. mich alle bisher für geistes- schwach gehalten. Noch jetzt spüre ich etlvas wie Erstallnell bei dell Leuten, wenn ich mich so ziemlich benehme wie die Anderll.

Gehe ich aber ernstlich mit mir zu Rath, so verdiene ich diese überraschten Mienen, nicht deshalb, daß ich ihre Komödie zn spielen weiß, sondern, daß ich mich herbeilasse mitzllthlln.wie.sie. Denn recht wahr und schlicht und gallz er selbst kann Niemand .in der eleganten .Welt, der sogenannten guten Gesellschaft sein! Wie oft mnß ich Iemaud freundlich begrüßen, der mir zuwider ist; wie ost lächeln, wenn ich tief betrübt bin; wie oft darf ich nicht jauchzen, wenn ich's möchte, und mein heißes Empfinden, meine Anbetung für ihn zeigen darf ich nnll und nie! Iedes Wort voll seinem Mnnde, das all mein Ohr tönt, läßt alle meine Nerven erbebell, wie der Luithauch die Aeolsharse. Ach, und wenn er mich berührt, durchzuckt mich Wonne, und ich möchte vergehen, wie der Thautropfell vor dem Sonnenstrahl! ^^..^Wer würde mich darin verstehen? Sie würden mich „sellti- mental“ nennen , eine „Wertherin“, wie neulich Angnste sagte. Wie leer aber ist das Lebell, welch ein Kreislauf alltäglicher, felbstsüchtiger Unerträglichkeil , wenn mall die großen , tiefen Ge- fühle allsstreicht!

Mein Vater ist mit mir zllsrieden ; aber darf ich mich frenell über seinen Stolz aus meine äußerlich allgeleruteu Vorzüge? Er schenkt mir mehr neue Kleider, als ich mag, und sagte gesteru, als wir voll Kauzler voll Koppensels^ Soiree kamen:

„Endlich herrscht nur eine Stimme darüber, daß Du schöller bist als die Kalbs Ia, die seinste Rasse entwickelt sich langsam. Jetzt gilt^s, Christinchell, eine bessere Partie zu macheu, als die dicke Auguste, dallu habeu wir endlich die .Kalbes stläuzelld. geschlagen!“

Das also soll mein Glück, der Inhalt meines Lebens sein: Gnsichell zu denlüthigen? O Eitelkeit und Thorheit! Armer Vater, daß ich Dir gerade diesen größten Wunsch nicht erfüllen kann! Welche Lüge, welch ein Betrug würde. es sein, mit meinem Herzell voll grenzenloser Liebe für ihn einem andern Manne vermählt zu werdell! Nie, uie wird das geschehen, und wenn Auguste Kalb mir noch so weit all Eheglück und Ehre voran kommt ; mag sie^s, ich göllue ihr alles Beste uach ihrem Siull.

Nur selteu überstillt mich noch die ohnmächtige Starrheit, wie ill meiner Ingend; ich irre auch nicht mehr ill Zerstreutheit ab, lvie früher, und ich bin froh, daß ich eudlich sein kann wie andere. Menschen. Bill ich allein, so gebe ich mich getrost meinen süßen Träumereien hin, deren alleiniger Inhalt er ist.

Ich glanbe nicht, ich kann es nicht glanbell, daß er die Stein liebt; sie silld so verschieden all Jahrell und Wesell. Er so feurig., sie so saust. Er so lebhaft, stürmeud, thatkruftig, fie

fo rllhig, e nachdenllich und schwermütig. Er ^ll vtl bei tr

Sein; in der Gesellschaft merkt nlall lacht, daß sle sich nahestehe.

Fort mit Argwohn und Sort^e, ich wm das G^ck gemeßen,

das endlich mir zu Theil wir!“

Hei, wle die rote Abendsonne aus dem blanken, bläulich

stimmernden Else des Schwallsees glitte, welche Farben llnd

Lichter d^ g^! Wie die Bänme ringsnm sich unter de

glitzernden Reissträußen banschten lvie unter jllugem Laube, nnd

wie jeder Halm am Uferraude ^ill Kröulein trag, ledes gedickte

Schilsrohr, jeder flirre Zweig malerisch ^himmelte nl Miller

weiße Zier!

Ein herrticher Wintertag ging zur Rüste, aber um für die

Lustigell voll Weimar erst rechte zu begilmell.

Die vornehm WeU war vom Herzoge zu einem Putsch auf

dem Eise bei Beleuchtung und Musik nnl vier Uhr eingeladell.

[726] 

Das Schlittschuhlalisen war, zum Theil dllrch Klopstock.s begeisterte Odell, Mode geworden liiid mir wenige Personell des Hoskreises schlosseil sich voil dieser reizvollen Bewegung alls. Es wurden Schliltschnhpolonaisen ansgesührt, Onadrillen verbucht oder Hand in Haud Reiheu- und Schlallgenläiise gehaltem

Dann versammelte man sich ail einem mit Bmiken und einem Windosen versehenen Bretterhänscheii , das 'liiii Ufer hergerichtet war, plallderte, lachte, ersauil ueue Uebungen und ging liiit frischen Kräften an das leideltschaftlich . betriebelle Verguügen.

Eben fuhr wieder die ermüdete Ingend nlit erhitzten Wangen nlld lenchtenden Angen am Büstetzelt zllsaillilleil.

Da ertlallgell ein paar schmetternde Trompetenstöße, und ganz nnerwartet kam ein Maskenzng herallgelausem Die sackeltrageudell Husarell bildeten eine hellbeleuchtete Gasse, durch welche diese Ueberraschung, mit freudigen Ah.s! und schmeichelhaften Zuruseu begrüßt, daher flog.

Es war eine Kosakenhochzeit, die man darstellte. Der Het- mann, mit geschwllngener Knute voran, dirigirte das Ganze, dann solgteil Mllsikanteit mit Trompeten, Pauke und Trommel, die einen seltsamen Lärm inl Lunsen ausführten. Hieranf das Brautpaar mit Kränzeil liiid Sträußen tomisch ausgeputzt, darauf die Eltern uud Hochzeitsgäste. Dieser Zug sührte einen .scherzhaften, wilden Eistallz allf nild fand großen Beifall ; es waren die gewandtesten Länfer aus der Gesellschaft, die sich eben, anßerhalb der Belelichtliilg, im Wagelt oder Gebüsch den Maskenpntz übergeworfen hatten.

Deit Bräntigam machte Siegmund voll Seckendorf, die Braut Auguste von Kalb. Etiles der nächsten Paare war Christel voil Laßberg lnit ihrem Vetter, dem Grasen Erich Wrangel, der wieder in ihrem Hanse zum Bestich war; den Kosaken-Hetiilann machte Goethe.

Als liiait nach Beendigung des Tanzes auf den Verfamm- ltlngsplatz zufuhr, glitt Seckeudorf, seine Partnerin alt der .Hand haltend, zum Herzoge heran.

Dieser elltpstiig ihn lachend lind lobend:

,,Sie waren Beide vorzüglich, liiid die Ueberraschung ist prächtig gelungen! Ich hatte keilte Ahlttillg voit Ihrem samoselt Witz!“

„Sollten wir Dtlrchlancht vielleicht noch eine Ueberraschung bereiten können?“ ries der Bräutigam. „Hier stelle ich Eurer Durchbricht Fräulein Auguste voit Kalb als iiieiite Braut, und uicht allem iiil Spiel, soudern in Wirklichkeit vor!“

„Ah!“ machte Karl Angnst, „endlich! Das ist ja ein.wahres Gaiiditiill: .Gtlsichen kommt unter die Haube; lta, sie wird froh feilt!“

„Das siiid wir Beide, Durchlaucht,“ sagte Augtiste empstitdlich.

„Eh natürlich, er hätt.s soiist ja lassell können. Frent mich aber recht ftir Sie Beide, und nun kommen Si heran, daß ich Ihre Gestlndheit nlit einem vollen Glase heißen Ptinsch ausbringe. Das neue Brautpaar lebe hoch, hurrah!“

Em Tüsch, und fämintliche Anwesende rieselt mit: hurrah, hurrah !

Daun ging es ait ein Umdrängen, Glückwünschen, Hände- schütteln und Besprechen des neuen Ereignisses. Die Meisten hatten sich.s lange gedacht , daß es so kommen müssen Andere verlangten Einzelheiten, kuüpfteu unter sich Mtlthmaßultgen an nnd machten spöttische Bemerkungen, sowie sie den Rücken wandten.

Dies alles widerte Goethe alt; nltmnthig warf er seine Knute in die Ecke. Sein Blick schwerste über die eiltsailie, moitd- beglänzte Fläche des Sees, er bot einer zusällig uebeu ihm stehenden Dame die Hand und sagte:

,,Komlnell Sie, Fräulein von Laßberg, lassen Sie uns dieser tollen Komödie den Rücken wenden!“

Sie legte stiiiiiiii und beseligt ihre Hand in die seine, und langsam glitten sie zusammen über die Eisbahn.

,,Die Höflichkeit des Herzens ist in der besten Gesellschaft so selten, wie die Polizei des Gewissens!“ sprach er ernsten Tons.. „Mit Verdrnß sehe ich, wie man kaum heimlich Witzboldereien ans der Glücklichen Unkosten^ losläßt nud- ihnen Rübchelt schabt. Zndem bin ich kein Verehrer Ihrer Freundin, die als schüchterne Braut in meinen Augen eine lächerliche Farce spielt. Wie wird dies Wesen atis Seckendorf wirken, der eben anstng sich zur Natur uud Wahrhastigkeit zu bekehren?“

„Sollte die Liehe nicht immer veredeln?“ wagte Christel zaghast zu eiitgegiieil.

Er sah znr Seite auf seine Begleiterin; vielleicht blickte er fie jetzt zum ersten Male mit etwas wie Intereffe an. Das Mond- licht spiegelte. sich m ihren ernsten Angen, die mit seelenvollem Alisdrnck alls ihn schallten, ihre schlanke Gestalt hob sich vortheil- hast in dem hellblallen Kosakenjäckchen, er sand sie hübsch, aber zll bmmenhast zart, um ein rechtes Gesallell all ihr zu haben. Ihr ganzes Wesen erinnerte ihn an seine überwundene jugendliche Sentimentalität.

Vor acht oder zehn Jahren hätte sie mir vielleicht gefährlich werdell können - und doch nicht, ich liebte immer mehr das Naive - dachte er und erwiderte:

„Die Liebe, gewiß; aller was ift denn zwischen den Beiden ^ Liebe? Sie können sich einander gehranchen, das ist Alles! Man erkennt ja Niemand an als Deil, der lins nützt.“

Seiiie Worte thaten Christel weh, sie waren in dem iin- bewnßten Verlangen, ihrer Gefühlsschwelgerei entgegen zu treten, herber gesagt, als er's meinte. Schwermüthig antwortete sie:

„O, wie öde ist das Leben, wenn ich es aus jenem Gesichts- pnnkte ansehe! Man sollte es von sich wersen, wenn es ohne reine, gewaltige Empstndnugen ist!“

„Sie sind ja kurz damit sertig, mein Fräulein. Ich will Ihnen zu Ihrer Ermnthigung erzähleil, was mir herlte meine Mtltter schreibt - eine prächtige alte Frau, die viele Meuscheu gern habeil und Frau Aja nennen; sie sagt: Suche keine Dornen, mein Sohn, hasche die kleineu Freuden; silld die Thüren niedrig, so bücke Dich; kannst Dn deit Stein aus dem Wege stoßen, so thn.s, ist er zu schwer, geh. um ihil herliin, .so wirst Du alle Tage etwas stnden, das Dich sreut!“

„Ia, wer das könnte, so leichten Sinnes wäre!“

„Ich antworte wieder mit Frau Aja.s Worten: Wer wird sich grämen, daß nicht immer Vollmond ist, und daß die Sonne jetzt nicht so warm macht wie iin Inli? Nnr das Gegenwärtige. gut gebrauchen und gar nicht darau gedacht, daß es anders sein könnte, so kommt lnan am besten durch die Welt, und das Durch-. kommen ist doch die Hauptsache!“

„Ach, ost ist es sehr schwer!“ senszte sie leise.

Man kam eben wieder bei der Gesellschaft an, und Goethe. war im Grunde sroh, die trübe Gesährtin zu verlassen. Ihu hatte das Zusammensein nicht von dem Unbehagen entlastet, welches jene Verlobung ihm . verursachte.

Christel war nicht gauz uuberechtigt, vorahueltd Sorge uud Schmerz zu empstndell. Sie wußte längst, daß ihr Vater sie mit dem reichen Majoratsherrll, ihrem Vetter Erich Wrangel, zu ver- binden wünsche, und hente hatte sie delt sie beängstigeitdeit Eilldrnck gewonnen, daß Erich sie liebe und liiii sie zu werbell beabsichtige. Die plötzliche Verlobung Aligustens mit denl Kammerherrn von Seckendors mußte - davou war sie überzeugt - den alteil Herrn slirchtbar aufregen und lnit eifersüchtigem Zorn erfüllen. Er würde in sie dringen, jene bessere Partie nicht ansznschlagen, nnd konnte sie dem Vetter, denl sie wie ihrem Brnder gut war, eine Neignltg henchelit, die sie nicht für ihn empsand? Eilt Herz geben, welches ein Anderer völlig anssüllte? Konnte sie eine Ehe ohne Liebe eingehen? Nie! Niemals!

Als nach der Rückkehr zum Bretterhänschen Goethe .sich von Christel verabschiedet hatte, trat sogleich der Better Erich zn ihr und bat sie, auch lnit ihm noch ein paar langsame Fahrten zn machen. Er erklärte sich aber auch sogleich bereit, sie nach Hanse zu begleiten, als sie über Müdigkeit klagte.

Die Gesellschaft besand sich ohnehin im Ausbruche, und so ließen Beide ihre Schlittschnhe abschnallen, er reichte ihr den Arm, welchen sie zerstreut annahm, und dann begaben sie sich, ziemlich abgesondert von dell Uebrigen, aus den mondhell be- leuchteten Heimweg.

„O liebe Eoüsine!“ begann nach einigen Schritten der junge Mann mit warmem Tone , „welch ein glückliches, heiteres Leben habe ich während der ganzen Urlanbszeit alt Deiner Seite gesührt! Welch ein köstliches Fest war dies wieder! Mir ist, als sollte ich ans einem Himmel scheiden, wenn ich ilt wenigen Tagen abreise! Könnte ich.s mit der Gewißheit, meines Engels Herz gewonnen zu haben, so würde ich beseligt von hinnen gehen, aber diese Gewißheit sehlt mir noch. Ehristinchen, liebes Ehristinchen, sag. mir.s osten, wie Dn für mich empstndest! Warnm bist Dn manchmal so schen und kühl gegen mich ? Was dl.lrf ich uon Dir hoffen?“



so^ [727] Dies war trotz Allem, was sie aus seinem Verhalten heraus. gefühlt, doch eine so plötzliche Frage, daß sie ihr den Athem versetzte und sie sich ein paar Minnten vergeblich bemühte, ihm zll antworten.

Endlich stammelte sie: „Gewiß habe ich Dich gern.. guter Erich! Haben wir nicht allezeit wie Geschwister verkehrt?“

Er sah sie tranrig an, und sie suhr herzlicher sort : „Dränge mich nicht, laß die Zeit hingehen.“

„Ich soll also noch warten, Christine?. Gnt, es schadet llichts, wär.s auch Jahr und Tag! Ich muß ja doch bald sort; lvenll Du llur sreuudlich gegen mich bist, ift alles Andere Neben- fache. Konnllt Zeit, kommt Rath, liebes Chriftillchen, mein bist ulld bleibst Dn doch!“

In diesem Angellblicke trat ihnen aus dem Laßberg.schen Haufe der Oberst in feinem langen Reitermantel entgegen.

„Ihr kommt spät; wollte Ench abholen; nnn, ich sehe, Ihr seid gut mit einander ansgehoben“ - setzte er mit zusriedeuem Tone hinzu und suhr dann hastig fort: ,,Ist.s wahr, was mir eben Lichtenberg vor der Thür erzählt, daß die Gnste Kalb mit Seckendorf verlobt ist?“

Beide bestätigten es. Der alte Herr stlichte iil den Bart, als er die Hausthür hinter den Eingetretellen abschloß; dann lachte er kurz auf und murmelte vor sich hin:

„Paß ans, Herr Nachbar, endlich übertrumpfen wir Dich doch!“

Es bereitete dem Obersten eine große Enttänschung, als sein Neffe einige Tage später mit ablassendem Urlaube sein Halls verließ, ohne, wie er glanbte sest erwarten zu können, bei ihm nm Christel^ Hand zu werben Ulld seine daraus solgeude düstere, nmeidliche Lauue, welche diesmal lange anhielt, anälte Schwester und Tochter peinlich.

[741]
29.

..f.^oethe erkannte sehr wohl, daß seine Stellung znr Herzogin e^.^ Luise nach der plötzlichen Entsernung des Grasen Görtz wieder eine weniger gute geworden sei; außerdem verdroß es ihn, daß es ihm nicht gelang, trotz allell heißen Wünschens und Bemühens ein besseres Verhält- tliß zwischen dem Her- zoge und -.seiner Ge- mahlin anznbahueu.

Er war es aber uicht allein, der außer dell Betheiligten uuter dieser Störung litt.

Der nähere Kreis der Herzogin Amalie wußte, wie betrübt die edle Frau über

das ...Nißverhältmß

des jungen fürstlicheu Paares war; ein Zu- stand , für welcheu sie aber doch ihren Sohn in erster Linie verantwortlich macheu mußte. Vergebeus saun auch sie, wie ..zu helfen sei. Karl Angnst lehnte jeden Versuch der Vernlitte- lung schross ab, und so blieb nichts übrig, als vorlänstg die Dinge ungehindert gehen zll lassen.

Ilt dieser Mißstim-

lilung wandte sich Goethe mit wärmerem Anschlnsse denn je an die Frenndin. Er sand auch, was er billiger Weise erwarten kottute, aber doch nicht alles, was sein liebesehttelt- des Herz begehrte, und immer wieder erneuer- teu sich zwischeu deit beiden Peuschen jene

Kämpse des Wollens

lttld Sollens, der Lei- denschaft und Psticht, welchen Charlotte ge- wohnlich durch eine Flucht und längeren Ansenthcklt in Koch- berg, wohin Goethe i ihr nicht folgen durfte, entrann. Manchmal aber räumte auch er das Feld, und so geschah es in diesem Winter. Die Verlobung der Kalb, mit der er nie wieder auf einen freundschaftlichen Fuß gekommen war, die Fest- lichkeiteu dem Brautpaare zu Ehren verdrossen ihn, und er saßte deu Eutschluß, einen längeren Ansflng zu unternehmen.

Der Ausforderuttg des Herzogs, eine Wildschweinsjagd in der Gegend von Eisenach mitzumachen, fvlgend, ritt er mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen, mit der munteren Jagd- gesellschaft davon und machte eine Harzreise im December, die manche Beschwerde brachte, ihn aber mit neuem Muthe, ueuer Freudigkeit erstillte.

Iedeu Tag schrieb er der Freuudiu; in einem der Briese klagte er über Heimweh uach ihr und fügte hiuztl: „Ich habe

Dir viel erzählt uuterwegs; o, ich bin ein gesprächiger Mensch, wenn ich allem bin!“

Als er endlich znrück kam, trug er seine Gedichte und Be- merkungeu, die er aus der Reife gesammelt, unverzüglich zur Freundin. Sie empstug ihn wie iltlltter herzlich und mit der

liebliche Klarheit ihres Wesens, die ihn so sehr entzückte. Alles brieflich Angedeutete malte er ihr aus, uud sie ging mit warmer Theilnahme auf seine Gedanken und Ersah- rungen ein.

Der Winter verging unter den hergebrach- ten Freud eu und Fest- lichkeiteu.

Seckendorfs Hoch- zeit mit Auguste wurde bei herannahendem Frühjahre in so ge- ränschvoller Aenßer- lichtest gefeiert, daß der Oberst von Laß.- berg im Nachbarhause auf's Neue in die allergrimmigste Stint- tuung gerieth.

Goethe hatte iudes- seu nicht der blonden Försterstochter ver- gesseu, er wollte sie durch schttelle Verhei- rathung mit ihrem Geliebten vor allen Anfälligkeiten schützeu und sie dem Gesichts- kreise des Freuudes so weit als möglich entrücken.

Nach wiederholten Eriiinerungett nnd Bitten, denl Feld- scheergehülsen Bern- fteilt eine seste An- stellnug zu geben - denen der Herzog aber stets eigensinnige Ab- lehnung entgegeuge- setzt hatte, kanten die Umstände den Wim- schen Goethe's zu Hülse.

Bei der Besicht.- gttug eines uettett

Schachtes ilt Ilmeuau machte der Herzog einen Fehltritt, stürzte, wurde besiuuungslos herausgetragen und von dem jungen Wuttd- arzt durch sorgsältige Behaudlung rasch wieder hergestellt; jetzt zauderte er nicht läuger, des erprobte Helfers Wüusche zu er- fülle, und eruannte ihn mit angemessener Besoldung zum Land- chirurgen.

Die Freude, der Dauk des jungen Mannes waren grenzenlos. „O, nun kann ich heirathen!“ ries er ein Mal über das audere. „Wie wird Gretchen froh sein; welch glückliche Menschen haben Eure Durchlaucht gemacht!“

„Das ist ein närrischer Kerl,“ sagte der Herzog, nicht ohue Theilnahme, „tlutt er doch, als ob Heiratheu die größte Selig- keit wäre; curiofer Geschmack!“

[742] 7^

Goethe lächelte still für sich. Er hegte die Hoffmtng , bald wieder ganz offen zu dem Freunde reden zu können und ihn von einer Leidenschaft zu heilen, welche er als Hanpthemmniß seines Eheglücks ansah.

Bernstein später zur Seite nehmend, trug er ihm Grüße für seine Braut aus und bat, daß mall ihll davou in Kelmtuiß setze, wann der Hochzeitstag bestimmt sei.

„Sie werden sich hier in der Kirche von Ilmenan tranen lasseil?“ sragte er.

„Zu dieilell, Herr Legatiousrath , die Förstereien aus dem Walde silld hier eingepsarrt.“

„Nnn denn, alls Wiederfehn an Ihrem Freudentage!“

Goethe kehrte mit dem Herzoge nach Weimar znrück. Dieser erwähnte, da es nun die Zeit der vorjährigen Abentener war, wieder mehrfach „seiner Venns“ und redete sich sogar nochmals in Zorn gegen delt Freund , der sie ihm neidisch vorenthalte, - der es nicht gut mit ihm meine, --- nicht zu ihm stehe - der es liebe, Geheimnißkrämerei zu treiben.

Goethe ließ alle diese Vorwürfe über sich ergehen, endlich sagte er:

„Ich hoste, mein lieber gnädiger Herr, daß Sie die Ersehnte binnen wenigen Wochen wiedersehen werden, und bin überzeugt, daß ich nicht vergebens aus Ihr großes Herz zähle, welches dann, wenn alle Verhältnisse am Tage liegell, mir gewiß Recht geben wird.“

Er brauchte nicht lange aus eine Einladllng des Bräntigams ^ zu warten. Bernstein schrieb ihm, seine Hochzeit sei aus den dritten Mai sestgesetzt, die Trauung stnde Mittags zwölf Uhr ill der Kirche von Ilmenan statt und er sei der glücklichste Meusch auf der Welt.

Mit diesem Briese ging Goethe zum Herzog.

„Ich möchte zur Hochzeit reitest, mein Fürst,“ sagte er ver- gnügt. „Wenn Sie mit wollen, ist's nln so besser. Es giebt ^ gewiß eine lustige Wirtschaft, unendliche Bratwürste lind eitlen flotten Tanz mit frischen, hübschen Mädels, welchem ich nicht ans dem Wege gehe.“

Karl Angnst erklärte sich sosort bereit, nlit von der Partie zn sein; dergleichen Freuden reizten ihn, und itl bester Lanne sagte er:

„Da kriegt man die Schöne dieses verliebten Pflasterschmierers anch zu sehen; na, so gewaltig viel wird nicht daran sein!“

Goethe bezwang ein Lächeln und tras die näheren Ver- abredungen für den Ritt.

In heiterer Stimmnug und unter herzlichem Geplauder legten die beiden Freunde am dritten Mai, nur begleitet von einem Reitknechte, den langen, aber in aller Frühlingsherrlichkeit prangenden Weg durch das schöne Thüringerland znrück und be- .fanden sich bald llach els Uhr angesichts ihres Reiseziels.

Als sie in das Städtchen einrttten, länteten die Kirchen- glvckell, und alsbald begab sich der Herzog mit Goethe uach dem Gotteshause.

Sie standen unter andern Zuschauern nahe. der Kirchenthür, als aus dem mit Tannenzweigen bestreuten Wege unter Orgel- klang der sestliche Zng zu der hochgelegenen Kirche heraufkam.

Vorau ging der Förster, recht stattlich und würdig, eine alte Verwandte des Bräutigams führend, dann folgten paarweife sech.^ frische Brantjungfern in ihrem besten ländlichen Putz, und jetzt endlich kam das Bralttpaar.

Goethe beobachtete mit klopfendem Herzen den Freund; wie würde sein Wagniß ausfallen?

Sowie der Herzog Gretchen - schön und lieblich im Schnlncke der Braut - erblickte, verfärbten sich seine Züge, er griff mit einem Laut der Ueberraschung nach des Freundes Arm, starrte das Mädchen mit weitgeöffneten .Angen an und murmelte:

„Bei alleu Göllern, sie ist es!“

Dann warf er einen zornflammenden Blick auf Goethe, stieß deffen Arm von sich und knirschte zwischen den Zähnen hervor:

„Wie konntest Du mir das thnn?“ wandte ihm den Rücken nnd schritt erzürnt davon.

Goethe eilte ihm nach, sobald er es, ohne Aufsehen zu erregen, konnte, und holte ihn auf der andern, menschenleeren Seite der Kirche ein.

Mit dem tiefsten Ernste fagte er:

„Jetzt höre mich, Karl; ich habe mich Dir nie so nahe ge- stellt, wie Dtl fordertest, weil ich volt Dir über mein Verdienst empfing. Heute bin ich Deiner Liebe werth, heute handle ich als

treuer Frettttd,. und Du grollst? Besinne Dich, siel^ mein Thun im rechten . Lichte , Karl! Laß Dein besseres Ich in Dir Herr werdeu ! Ich bewahrte Dich und jeues schöne, schuldlose Mädcheu vor einem Verhältnisse, das zu Eurem beiderseitigen Elende führen mttßte. Sieh^ doch ein, daß ich als rechtschaffener Mann, als Dein wahrer Frennd nicht anders konnte!“

„Diefer widerwärtige Bernstein, mir die Mittel zu feiner Heirath abznschwindeln!“ rief der Herzog grimmig die Hand ballend, ohne Goethe anzusehen und offenbar in der Lanne, nach einem Gegenstande zu fachen, an welchem er feinett Zorn atts- laffeu könne.

Es rührte Goethe, daß bei aller Ergriffenheit die Liebe des^ Frenudes für ihu so groß war, daß er sich fofort ittftiuctiv uach eitlem andern Objecte als Ableiter feines Ingrimms. nmfah.

„Dlt irrst Dich, Freuud,“ erwiderte er herzlich, „diefer Chirurg hat Dir wefeutliche Dieuste geleistet; er war lauge mit ihr verlobt; ja sie ging nur aas die bewaßte Komödie eilt, weil man sie glaaben machte, daß sie Dich damit bestimmen könne, ihren Verlobten anznstellen.“

„Also sprachst Dn nlit ihr über den Hörselberg?“

„Ia, sie hat mir die ganze Geschichte unter Thränen der Beschämung gebeichtet, weil sie aus meinen Fragen entnehmen konnte, daß sie sich aus eine ziemlich thörichte Angelegenheit ein- gelassen habe. Ich sagte Dir schon, daß der Gras sie seinen Zwecken dienstbar machte unter dem Vorwande, Deine Gunst für ihren Verlobten zu gewinnen. Er hatte sie aus einem Jahr- markte in Ilmenan kennen gelernt lind ihr sein Unternehmen als ein harmloses Festspiel vorgestellt. Von Ruhla, wo sie bei Ver- wandten war, holte er sie selbst im Wagen am zweitett Mai gegen Abend ab. Er teilte ihr mit, daß sie nach Eisenach fahren würden; sie glaubte ihm, denn sie war zum ersten Male itl der Gegend; aus Einzelnheiten entnehme ich aber, daß sie keine nördliche, sondern eine südliche Richtung einschlngen, was ja zn Deinem kurzen Ritt passen würde. Er brachte sie für die Nacht in ein bescheidenes Gasthans und empfahl ihr, sich znrück- gezogen zu halten. Sie gehorchte gern, da sie fürchtete, Bekannten zn begegnen. Am dritten war er Morgens ein paar Stnnden bei ihr, sie für ihre Rolle einznüben. Gegen Abend kam er wieder und brachte ihr einen großen Mantel mit Kapnze, den er über ihr helles Costüm legte; sie gingen dann durch einen Wald- weg znr halben Höhe eitles Berges lttld stiegen auf einer Leiter itt einen Schacht oder ein Loch hinnnter. Saint Germain hatte eine Laterne znr Hand und führte sie über einen Steg in die Nische, wo sie das goldeue Ruhebett und andere Vorkehrungen sand. Dann leistete ihr Pierre, der Kammerdiener des Grasen, der schon ntit ihnen gefahren war, längere Zeit.Gefellschaft, er redete ihr ermutigend zu und zündete hier und da Fackeln att; was fich weiter begab, weißt Dlt. Nach Dir verließ Gretchen mit Pierre die Höhle und wurde atn andern Morgen in aller Frühe nach Ruhla zurückgefahren.“

„Das füße Geschöps wirklich lebend, und nun doch verloren!“ mnrmelte Kart Angnst. „Gieb mir zn, daß Ihr, Dn und das Geschick, mir gransattt mitgespielt.“

„Armer Frennd! Es kann sein, daß der Mensch zu Zeiten dnrch das Schicksal gräßlich gedroschen wird; aber wenn es reiche Garben trifft, so zerknittert es nur das Stroh, und die Körner springen lustig heraus!“

,,Weisheitskrätuer,“ sagte der Herzog bitter und spöttisch.

Iu diesem Augenblicke stiltttnte die Orgel in der Kirche, nachdem sie - während der Tranntlgseeremvnie - geschwiegett, die feierliche Melodie zu dem Liede au:

„Nun danket alle Gott!“ welches die Versammlung drinnen mitsang.

„Wäre es nicht recht, uns da zu betheiligen?“ sprach Goethe innig, mit einem Wink nach der Kirche.

Der Herzog laltschte; die zornige Spannung in seinen Zügen ließ nach , er nmschlang plötzlich mit beiden Armen den Frettttd, drückte ihn fest atl seine Brust und ries:

„O Dn redlicher Warner, Dn getrelter Eckart!“

„Gnt mein ich^s gewiß, und besser ist^s mir zu folgen, als jenem Mephisto Saint Germain!' Nun aber kommen Sie, Gretchen wird sich hochgeehrt fühlen, nlit Eurer Durchlaucht an ihrettl Ehrentage den Reigen zu erössnen. Ich hoste, wir können nns jetzt mit gutem Gewissen unter die Glücklichen mischen?“ [743] „Das können, das wollen wir; komm, laß nlls fröhlich sein!“

Goethe erkannte mit lebhaster Freude , daß er und das bessere Selbst des Herzogs den Sieg errungen hatten.

Arm in Arm gingen sie nach dem Schießhanse, wo der Hochzeitstanz stattstnden sollte.

Die vorwiegende Stiinmultg des jungen Fürsten war jetzt Nengier, wie ihm sein Ideal in der Nähe gesalleu werde. Er brannte daraus, mit Gretchell zu verkehreu, zu sprecheu, zu tauzeu.

Die Anknnst der vornehmen Gäste beglückte die Hochzeits- gesellschaft, und der Bräutigam beeilte sich, die Braut, oder viel- mehr junge Fran, dem Herzoge zum Ehrentanz vorznführen.

Endlich war also der Augenblick gekommen, nach welchem er sich ein Jahr lang so heiß gesehnt hatte!

Aber entsprach sie dem von seiner Phantasie mit allem Seeleureiz ansgeschmückten Bilde? Sie war sehr schön, aber. schen, refpectvoll und leblos bei seiner Amläherung. Es schien ihm, als habe Saint Germain ebenso gut eine hübsche Puppe als Spielzeug darbieteu können, wie dieses Wesen, in dem anch gar nichts von jener Glnth und Innigkeit zu liegen schien, welche damals ihre Pantomimen athmeten.

„Alles Dressur des Tauseudküllstlers damals!“ dachte er, wagte aber aus Verdruß und Beschämung nicht alif das gemein-

schaftliche Abeuteuer zurückzukommen Die junge Frau schieu zll furchten, daß er sie daraus aurede, deuu sie wechselte jedesmal die Farbe, wenn er zu ihr sprach, und war sichtlich sroh, als er sie ihrem Gatteu loieder zllsührte, ill desseu Nähe sie sich dauu gauz herzlich liud aumuthig gab.

Der Herzog war eher ermüdet als sollst und rannte dem Freunde zu : die wüste Wirthschaft laugweile ihn, er gehe, woraus Goethe sich ihm allschloß.

Mit der uatürlicheu Osseuheit seines Wesens, die der Herzog dem älteren Freuude gegeuüber stets an den Tag legte, gab er ihiil auch jetzt zu, wie recht der Frennd, der getreue Eckart gethau habe, ihu von der Versolgung dieser Lauue abzuhalteu.

„Wenn ich Gretcheu allem in ihrem Walde getrosten hätte, das Herz voll von Sehnsucht uach ihr, wer weiß, ob ich dauu uicht doch leideuschaftlich entstammt. wäre, aber besser, viel besser

ist es so!“

„Ganz gewiß, mein thenrer gnädiger Herr!“ ries Goethe warm. „Ihr edles Herz, durch Wagelnnth, Abentenerlnst und Ihre hohe Stellung manchmal irre gesührt, stndet sich stets wieder aus den rechten Weg znrück, mag.s auch znvor manchen Kampf lnit zanberischen Schattenspiegelungen gegeben haben!“

[758]
30.

1^r^ie kann Luise Dir entgegenkommen?“ sagte die Herzogin ^.-^ Amalie einige Wochen später zu ihrem Sohne, dem Herzoge, der mit ernstem Ausdruck neben ihrem Sopha stand, in welchem sie eisrig und lebhaft redend saß.

„Sag mir selbst, Karl, kann von ihr eine Avallee ausgehen? Sie, eine zarksühkende Frau und so lauge von Dir uegligirt, ja gemieden! Das Herz dreht sich Eiuem um, wenn man die stumme Onal des armen Geschöpfes ansieht!“

Der. Herzog wurde unruhig. ,,Sie hat es nicht anders gewollt,“ stieß er hervor. „Ich bin auch nicht in Abrahame Schooß gebettet! Wie Du nur so für sie Partei nehmen kannst?“

„Nehme ich denn Partei? höchstens etwas Rücksicht. Bedenke, wie sie erzogen ist. Ihre Mutter, Karoline von Psalz-Birkellseld, Freuudiu meines Oheims Friedrich von Preußeu, war doch, lvie allbekannt, eine durch Feinheit und hohe Bikdullg hervorragende Frau. Wiekand sagt von ihr: wäre ich König der Schicksake, sollte sie Königin von Europa werden! Von solcher Mlltter salumt den Schwestern vor eilt paar Jahreu llach Petersburg gesührt, mit der Aufsicht, vielleicht Kaiserin vllu Rußland zn werden, hat sie den dortigelt Glanz, die großen Formelt der Etikette mit Admiratiou in ihr junges Herz gesogen. Und nnll hier, was konnten wir ihr aubieteu? Das Schloß war abgebrannt, als sie kam, sie wohnte beschränkt, ein Hosstaat wurde ihr erst uach .tlnd nach arrangirt ; sie entbehrte viel, nach ihrer Anssassung ; natürlich, daß sie Heimweh bekam tmd tlicht sroh war. Wir Beiden sind auch - nnl gerecht zu sein - nicht danach gemacht, ihren Ansprüchelt all vornehme Fae.ons völlig zu gellügen -...'.

„Gottlob, daß wir.s nicht silld, Mutter!“ unterbrach er sie mit heiternt Auflachen, beugte sich herab und küßte die lebeu- sprühende Frau alls die Stiru. Sie drückte ihm mit liebevollem Blick die Halld und sllhr sort:

„Was willst Dn? Man kann sich die Leute nicht durch die Schablone malen. Ihr beiden scheint, wie die Dinge gehen, sreikich gar tlicht für einander gemacht, habt Ench kaum jemals recht lieb gehabt ------ wann aber lieben sich Fürsten? Betonen wir die

Pflichten, Kart, die Ihr für einander und für das Land habt! Ich sagte Dir nenlich schon, wenn das so fortgehe, müfse ich Constantill ebenbürtig verheirathell. Der dlttnnle Knabe will's tticht! Du wirst auch nicht für seine Kinder tagwerken wollen. Also mach ein Ende und lebe wieder mit Lltisetl, wie sich 's gehört! Ulld so horribke ist.s doch im Grnnde auch uicht, sie ist ein hübsches Weibchen, das tansend anderll Männern wohlgefiele.“

„Luise? Mag sie hübsch sein, ich empstude ihre Reize nicht. Feuer, Capriee, Unverstand machen ein Weib begehrenswert; voll alledem hat Lliise gar nichts. Sie ist correct und tugendhast, wie eine still duldende Madonna.“

„Ueberwiude Dich und komme ihr entgegen ! Also Karl, sei brav, gieb eudlich meinen Bitteu.uach. Dlt siehst selbst, der jetzige Zustatld ist abominable!“

„Wenn sie will, warum tlicht? Iu letzter Zeit hatte sie nichts als spröde Abkehnllng für mich.“

„Mir hat sie mit nicht mißzliverstehetlder Betonung gesagt: sie kenne ihre Pskicht tlnd werde sich derselben ttie entziehen!“

„Wohlan, hier meine Halld darauf, ich will versuchen, wieder mit ihr ill's Gleiche zu konmteu!“

[759] 

Der Herzog ging; es war Sonnabend, er wnßte, daß die Freunde zur Matinee bei der Göchhallsen waren, und wollte irgend ein Fest in Vorschlag bringen, um mit seiner Gemahlin zusammenzutreffen lind in zwangloser Weise eiiie verständigende Unterredung mit ihr hercheizuführen. Er hatte sie so lauge uicht iu ihrem Zimmer ausgesucht und scheute sich davor.

Kart .August erkuudigte sich, was man für heute Nachmittag vorhabe, und ob mall vielleicht zu morgen eineil Ansflng be- absichtige? Er stelle was man wolle znr Verfügung, da er all einem so köstlichen Frühlingstage nicht im Hanse sitzen möge, zumal nicht an einem Sollutag-Nachmittage.

Alsbald schwirrten Pläne verschiedenster Art hin und her. Eine Fahrt llach Iena, nach Zwätzen, Blirgaii, llach der Schneide- liiühle kam ill Vorschlag. Dem Herzoge war dies Alles nicht recht. Er wußte, daß, wenn Luise sich betheilige, sie mit ihren Hofdamen in einem Wagen fahre, und daß in denl bnnten Ge- wimmel einer Landpartie bei knrzein Allfenthalte inl Gasthanse oder im Freien an ein nnbeachtetes Aussprechen nicht zu denken sei. Endlich sagte er:

„Ich will Sonntag Mittag in Belvedere ein kleines Diner gebeli, nachher können wir im Part prmneniren liild lins, so gli es gehen will, linterhi.mem“

Man wanderte. sich inl Stilleil, daß der Herzog selbst einen solch zahmen Plail entwarf, der ..sollst nicht nach seinem

Geschmacke gewesen wäre, Goethe aber lächelte verständnisvoll llnd ersrent.

Karl August besahl Seckendorf, den Oberhosmarschall von Witzleben zu benachrichtigen und die Liste der Einzuladenden von ihm später in Elnpsang zu nehmen.

Bald daraus schlug die übliche Stiiilde zum Aiisbrnch. Nur Eiuer blieb bei der Göchhauseu zurück, um, wie er sagte, seineu Priuzeu zu erwarten; dieser Eiue war Knebel.

Cr lehnte sich behaglich iil deiil kleineu, nlit buntem Kattuu überzogenen Sopha der Hosdame zurück iind bat sie, ihil lloch etwas bei sich ^ll dmdell.

„Warllm nicht, mon ^amnrnckc. ?“ sagte sie ill ihrer heitereu Weise; „discutirull wir! Aber blasell Sie mir nicht Trübsal!“ „Etwas derart wird doch als Vorspiel kommen“ „So stecke ich geistig Baumwolle in die Ohreil.“ „Verschließen Sie Ihren Geist meinetwegen, thnn Sie nnr Ihr Herz ans.“

„Sie halten sich also geradezu für bemitleidungswürdig nnd appelliren all mein Gemüth? Wer hat Ihllen ansgebnndell, daß ich nlit solcher Schwachheit behastet bin?“ sragte sie schalkhast. „Eill Bischen davon hat doch wohl Ieder abgekriegt?“ „Ans nieinen Theil ist zum Glück nicht allzu viel gekommen. Ich lasse dell lieben Gott einen glitell Mann sein lind Iedell vor seiner Thür fegen. Müssen Sie mir aber absolnt etwas voll Ihrem Staube zukommen lassell, so will ich sehen, welche Schalen ulld Absälle Ihrer Wesenheit derselbe enthält. Flöten Sie los; ich stimme die Klageposaune für den Refrain liiid werde nach einigen Patlfeil schon richtig eiilfallen.“

„Sie filld tinverbefferlich spöttisch, Thusnelda, und fast sollte einem der Math alisgehen, mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu lvageu, aber ich weiß doch, daß hinter der stachligen Außellseite ein rechtschaffenes Herz wohnt.“

„Löcken Sie wider den Stachel!“ sagte sie feierlich. Cs war zu bewundern, daß er nicht bei dem Aublick ihrer drolligen Miene ill Lachen ansbrach; es schierl ihm aber gar nicht darnach zu Mnth.

„Ich fühle mich oft entsetzlich einsam, nilbefriedigt nild iin.- glücklich,“ sagte er niit dem tiefsten Ernst.

„Eill ebenso nenes wie tragisches Geständniß ,“ entgegnete sie, seineil Ton nachahmend.

„Wie sangen Sie es nur au, gleich mir vereinzelt, ebenso wellig durch eiile große Berufspsticht erhobeil, weder lnit Glücks- gütern noch mit Annehmlichkeiten .gesegnet, sich den stets heitern Sinn zu bewahren?“

,,Ah, Sie wollen ein moralisches Recept?“ „Neimen Sie.s, wie Sie mögen; ich habe oft schon die Cmpstndung gehabt, mich an Ichneil ausruhten zii können; Ihr leichtlebig Wesen hat mich befreit, Ihre Heiterkeit strich angesteckt. Ia, wenn die Theorie von der Crgänzling etwas taiigt, passen wir besonders gut zlisaiilmeil.“

Der Sollntag Mittag versammelte eine aliserlefene Gefell- schaft inl Ciilpfaiigsfaale des Belvedereschlosses. Cs waren nur Personell befohlen, von denen der Herzog wnßte, daß sie seiner Gemahlin zusagten. Kart August hatte sich endlich den Entschluß abgerungen, eine Versöhullug mit Luife zu sucheil; dieser Vorsatz ließ aber eiil beklemmendes Gesühl ill seinem Gemüthe entstehen, lind voll Spannung ging er deiil Zusammensein entgegen.

Hätte er einen andern Alisweg gewiißt, so würde er den- selben gewählt habeil; denn noch immer sprach llichts in seinem Herzeil für die sanfte, hoheitsvolle Fran. Es war nur das Unter. liegen seiner Gegengründe; er gab lediglich den Vorstelligen

seiner Mntter und seines trenell Freulldes llach. Augenblicklich ohne Herzeusidol, war es mehr ein verdrosseues Sichfügeu, als eiil eigenes Verlangen, deiil er Rechnung trug: Zugleich aber lag ihm darail, von Lliisell nicht abgelehnt zu werden; er sühlte, daß es dann zu einem dauernden, nie anszngleichenden Brnche kommen

müßte; daß, wenn er jetzt keine Uebereinknnst erzielte, seine Mannes- ehre, sein Selbstgefühl so empstndlich verletzt sein würden, daß er den Schlag nie verwinden könnte. Deshalb die Spannung nnd die rücksichtsvolle Answahl der Gäste; seine Gattin sollte erheitert werden, sollte guter Lanne sein, dann hostte er sie zu versöhnen.

Unter den Eingeladellen befalld sich als Beichtvater nlld Freund Lliistns auch der Generalsnperintelldel.lt Herder, dessen Anwesenheit dem jungen Fürsten von vornherein ein-seierlich ge- spaiilites Gesühl gab.

Als die Gesellschaft versammelt war und der Herzog mit seiner Gemahlin, seiner Mntter und Constantin eintrat, lim deil sich tief verneigenden Kreis zu begrüßen, hatte er nicht die Cmpstndung, zii seiileiil Vergnügen gute Freunde bei sich zii eiilpsangen, wonach er Verlangen getragen, sondern nur die, einem Eeremoniell, einer Rücksicht zu gellügeu, als derell Vestalldtheil er die blasse Frau an seiner Seite allsah. Er streifte sie mit einem verdrießlichen Seiten- blicke und wurde sich lilit wahrem Schmerz wieder einmal der völligen Verschiedenheit ihrer beiden Natllren bewlißt.

Das Diner verlies unter den üblichen Formen; nach demselben wnrdeil die Flügelthürell des Empsangssaals geöffnet, welche alif

„Sie denken: hier .ein fünftes Rad aiil Wageil und da eins, giebt znfammeri einen leidlicheu Karreut Es gehört aber doch lloch mehr dazu.“

„Der nahe Anschluß an ein fröhliches Weib würde mir wohlthull, Luise; sollte ich diese beglückeude Ergällzung meines unbefriedigteil, trüben Ichs in Ihlleu gesunden haben? Köllnteil . Sie mich mit allen meinen düsteren Lannen lieben, mir Ihre Hand reichen?“

„Zll jedem Contretanz, Frennd Knebel, gern, aber nicht znr ^ Ehe, dazn ist Thllsnelda Göchhansen nicht gemacht. Ich muß meine Rolle allein alisfpieleil , lind, Hand ansts Herz, Camerad, Sie lieben mich auch gar nicht!“

Er sah sie erschrocken ail und stammelte: „O ja, o doch!“

„Flaufen , alter Frelilld , reden Sie sich keinen Unsinn ein, ich weiß besser, wen Sie lieb haben, als Sie selbst es zu wissen scheinen. .Werden Sie doch Ihrem Singvogel , Ihrem hübschen Rlidelchen nicht liiigetren! Der Mensch ist thöricht, der sich srei- willig in eine sremde Maske zwingt! Frenell Sie sich, daß ich nicht so lillverllünstig bin, Ihnen mit einem geschllichzten Ia rnn deii Hals zil sallen. Es wäre ein wahrer Iammer für Sie, wenn Sie mich heirathen müßten. Sie können nicht recht znm Entschmß kommen, sich Ihrer Liebstell zu erklären; Sie meinen, daß die bürgerliche Sängerin für den ritterlichen Lndwig von Knebel nicht recht paßt, Sie wollen sich vor der Versnchllng retten mid kommen deshalb zu mir. Schönen Dank, edler Herr, nnd alls Dankbarkeit diesen guten Rath: solgen Sie Ihrem Herzen, dann wird Ihnen wohler!“

„Lnise!“

„So heißt die Rudorf, ich bin Ihre ganz ergebene Collegin Thllsnelda!“

„Nnn denn, Thllsnelda, geschlechtsloser Dämon, der Sie sind, soll ich Ihnen zürnen oder danken für deil Rath?“

„Ich denke, Ihr erleichtertes Gemüth sagt Ihllen, was ich verdiene! Aber gute Freunde wolleil und können wir bleiben!“

Sie hielt ihm ihre kleine Hand hiil, iil die er herzlich lind iil der That mit einem erleichterten Gesühl einschlng. [760] eine lnit Orangerie besetzte Terrasse sichrten, von der aus mall in den Park gelangte. ... .

Mall trank dell Kasser im Freien und zerstreute sich plalldernd iu Grllppell, hier und da hinschlellderlld.

Die Herzogilt Luise gillg mit Herder alls einer der Terrassell entlang. Sie sagte in ihrer rllhigell Weise :

„Ich besand mich diesen Morgen so nnwohl, daß ich nicht znr Kirche kommen konnte ; wllßte ich doch auch, daß es meine Pslicht sei, hellte hier zu erscheinen. Bitte, verehrter Herr, theilen Sie mir in Kürze einen Anszng Ihrer Predigt mit; die Hossnung, hier etwas davon aus Ihrem Mnnde zu vernehmen, war mein Trost.“

„Ich habe über das Evangelillm der Eintracht gepredigt,“ erwiderte der geistliche Herr und begann dem Wunsche der Fürstin zu willfahren.

Er blieb erhoben von feinem Thema, das er in schöuer Begeisterung ausführte, vor ihr steheu; seine freie Stirn schien zll .glänzen, sein helles Ange die Natur in ihren verborgensten Geheimnissen allsspähen zu wollen.

Die andächtige Hörerin sah gesesselt zlt dem Manne ans, von welchem sie schon ost Trost und Ermuthigung für ihr betrübtes Herz empsallgen. Sie dankte ihm bewegt, als er ausgeredet hatte, und sagte:

„Wenn ich Ihr klares Urtheil, Ihre erhabene Auffassiillg, die immer nur aus einem, aus dem höchsten Gesichtspllnkte sieht, mir recht zu eigell machen könnte, würde sowohl manche beglückte Stunde, wie auch manche Stllnde des Leids eine höhere Weihe empfangen. Ia, oft war ich letzthin bis znr Kleinmütigkeit gesunken, alles düfter und dmupf nnl mich her, alle Hossnung erloschen!“

Als Luise uach dieselt Worten, die sie, Herder vereherlugsvoll anblickend, gesprocheu hatte, wieder vor sich hillsah, bemerkte sie dell Herzog, lvie er mit Kllebel in dem Galige, ill welchem man nicht answeichell konnte, alls sie zllkam.

Sie war durch ihre Schwiegermutter mit der Wahrscheinlich- keit eines Annäherungsversnchs von Seiten des Herzogs bekannt gemacht und hatte den Morgen ill einer peinlichen Erregung zugebracht. Die gallze Znsammenstellung der hentigen Gesellschaft beloies ihr eine seltene Rücksichtnahme alls sie selber..

.Jetzt, a.s Kalt Angnst alls sie zntrat, wllß.e sie, daß es zll einer Erörterung kommen werde. ! Ill Folge der eben gepflogenen Unterrednllg nlit dem geistlichen Herrn vermochte sie es jedoch leichter als sonst, Bitterkeit tlnd Empsindlichkeit znrückztldrältgell ; aber ein Gesühl der Schell, stärker als da sie dem Herzoge ver- mahlt wllrde, hielt ihr ganzes Sein in Banden.

Erbleichend schmg sie vor seinem Blick die Angen nieder, nnd ein Beben, dessen sie nicht Herr war, lies durch ihre Glieder.

Knebel blieb mit seinem Frennde Herder znrück und bog mit demselben in den nächsten abzweigenden Weg ein, während der Herzog seiner Gemahlin den Arm bot und sie mit einigen raschen Schritten dem Gehörkreise der Männer entsührte.

Trotz allen guten Willens wurde es jetzt Karl Angstst doch schwer, irgend ein Wort an die Frau zu richten, die nlit so. sichtlicher Pein an seiner Seite aushielt. Ihre Blässe, ihr Zitterll entgingen ihm nicht und zeigten nur zu deutlich, daß ihr Herz t ihm keine Liebessehnsucht entgegen brachte. Ihr Gemeinplätze über Wetter und Frühling zu sagen, schien ihm, bei seinem natürlichen ossnen Charakter, lächerlich, und deshalb währte es mehrere Secltlldell, bis er sich so weit sammelte, daß er sie nlit einiger Unbesallgenheit anreden konnte.

„Mir däncht, Luise,“ sagte er ernst, „wir haben ulls in uuserllt Verhalten gegen einander schon zu lauge von dem Wege der Pslicht entfernt. Wie denken Enre Liebden über einen Ans- gleich, eine Versöhnung?^

„Ich hoffe, daß ich nie meine Pflicht außer Augen gelassen habe ! Eine Annähermlg konnte unter keinen Umständen von mir ausgehen“

„Natürlich, correct wie immer!“ ries er spöttisch und bitter. „Gllt, komme Alles allf mein Hallpt, sei ich der Sünder, der Gescholtelle, gleichviel! Kurz und büudig, Lllise: betrachtest Dn Dich noch als mein Weib oder nicht?“

„Ich habe nie gewagt, daran zlt zweifeln daß ich es still,“ flüsterte die Herzogin tief gesenkten Hauptes, nlit einem holden Erröthell alls dell zarten Wallgen , das dell Herzog mit einem bisher ungekannlen Reiz erstillte. Dichter zog er ihren Alm nnter den seinen, lind lange wandelte das hohe Paar einsam ill dell verschwiegenen Gällgell des köstlichen Parkes.

[774]
31.
Christel von Laßberg’s Tagebuch.

Im December 1778. Erich will wiederkommen; er will das Weihnachtsfest mit uns verleben, wie in den vorigen Jahren. Welch eine Zeit steht mir bevor! Was soll ich ihm entgegnen, wenn er seine Werbung erneuert, wenn mein Vater davon Kenntniß erhält? Ich werde Erich’s trauriges Gesicht sehen, er wird an meiner Güte, meiner Aufrichtigkeit zweifeln – o, wie soll ich mich retten? Wie soll ich ausweichen, ohne Schmerz zu bereiten, ohne delt wahren Zustand meines Herzens zu verrathen?

Er ist mit meinem Bruder Max angekommen. Vater war zur Post gegangen und brachte sie, so heiter gelaunt wie selten, gleich in’s Wohnzimmer. Erich eilte auf mich zu; ich vermochte es nicht, ihm einen Schritt entgegen zu gehen. Es schien mir, er wolle die Arme ausbreiten, mich zu umfangen, ich aber wich zurück und reichte ihm die Hand. Und doch, als ich ihn ansah, wie gut gefiel er mir! Das offene, frische Gesicht, das blonde, gelockte Haar, die stattliche, schlanke Gestalt, als ob ich seine Schwester wäre, wallte ihm mein Herz entgegen, und ich hätte ihn ebenso gern umarmt wie Bruder Max. Er aber meint es nicht so, das sehe, das fühle ich aus jedem Blick und Wort!

Die Beiden durcheilen die Stadt, Besuche zu machen; es geht in unserem Hause jetzt fröhlicher zu als sonst. Täglich kommen Gäste und Einladungen von allen Seiten. Ich muß mich putzen, muß mitgehen, tanzen, lächeln und immer und immer Erich’s Entgegenkommen zurückweisen, obwohl ich doch weiß, es hilft nichts, er will endlich ein Ja auf seine Frage.

Und Er, mein hoher Gebieter, dem ich jetzt oft nahen darf, ihm – ach, das fürchte ich – ihm bin ich nichts, als das Veilchen am Wege, das sein Fuß achtlos zertritt! Aber sind Liebe, Bewunderung, Anbetung keine starken, selbstständigen Empfindungen? Was ist gegen diesen jauchzenden Lebensodem meiner Brust, der mich so viele Jahre lang schon erhält, das schwächliche Gefühl mühsam abgezogener Gegenliebe? Halb Eitelkeit und halb Dankbarkeit. Und so manches Herz mag sich damit begnügen?

Nein, ich kann diese Alltagskost nicht nehmen, nicht geben! Goethe behandelt mich wie alle anderen Mädchen; er tanzt fast an jedem Ballabend mit mir, sagt mir hier und da auch etwas Gutes, Artiges; mehr empfangen die Anderen auch nicht.

Gestern Abend, als wir vom Schlosse heimkehrten, nahm Vetter Erich so entschieden meinen Arm, Vater und Max folgten so langsam, daß ich mit Zittern fühlte: jetzt schlägt die große Prüfungsstunde!

„Christel,“ sagte er weich, „endlich mußt Du mir näher angehören. Meine scheue Taube, flieg mir nicht wieder davon. Sieh, geduldig wartete ich auf Deinen Wunsch Jahr und Tag. Jetzt hoffe ich auf Dein Jawort, jetzt halte ich’s nicht länger aus. Deines Vaters Segen habe ich; was zaudern wir? Die Welt hält uns längst für einig, und warum wollen wir unser Glück, unser wonniges Zusammensein, nicht noch reizvoller genießen? O Christel, sage ja, sei endlich mein!“

So etwa sprach der gute Vetter; armer, lieber Erich! Ich habe Dir wohl recht unzusammenhängend geantwortet? Es ist auch gleichviel, was ich sagte.

Wir waren nah am Hause und traten ein. Tante Barbara kam uns mit Licht entgegen; dann standen wir plötzlich alle in der Wohnstube. Vater nahm meine und Erich’s Hand, fügte sie in einander und sprach feierlich:

„So gesegne denn Gott Euren Bund, meine Kinder! Mir erfüllt sich ein großer Wunsch. Du, liebe Tochter, verschönst mir die letzten Tage eines vielgetrübten Lebens! Mit Zuversicht lege ich Dich in die Arme dieses tugendhaften Jünglings, an dessen Seite Dir ein glückliches Loos beschieden sein wird. Ein Leben, geheiligt durch das Gebet Eures Vaters!“

Er war so beredt, so gerührt, wie ich ihn nie zuvor gesehen.

Wir umarmten uns Alle unter einander, oder vielmehr, sie umarmten Alle mich.

Ich war starr, wie früher so oft, und weiß nicht, wie ich mit Barbara in meine Kammer gekommen bin. Die gute Alte kleidete mich aus, wie sie es jeden Abend thut, und sprach vielerlei zu mir; ich hörte nur Ton und Worte, den Sinn begriff ich nicht; in derselben Starre brachte ich die halbe Nacht zu, während der anderen Hälfte saß ich aufrecht und weinte. O, was soll aus mir werden?

[775] 

77^

Crtragen kann ich's nicht so, ich mnst eiiieu Versuch zu meiner Rettullg wagen und mit meinem Vater sprechen. Gesaßt bin ich alis feilten fürchterlichsten Zorn, ja, wenn er will, kann er mich tödten.

Ich ging zu ihm in sein selten betretenes Zimmer. Er kam mir liebreich eutgegem „..Nein Kind ist bleich,“ sagte er liild saßte ^lliich am Kiull. ,,Frisch aus und mllilter, kleine Grafeubrautt Die gallze Stadt wird Dich beileideu, bist auch lleidenswerth ! Ist ein Staatsjunge, Dein Erich, mir fast lieber als mein eigner Sohil. Aller Verdruß und Grimm, den ich im Leben zlt schluckeu gekriegt, wird jetzt wett gemacht!“ „Vater - Vater!“ stammelte ich. „Was soll das Gejammer?“ „O, ich bitte Dich aus Herzeusgruud!“ „Na - briug mir keinen Unsinn vor!“ ..,Vater, höre, rette mich! Ich liebe Erich nicht, ja ich schandere vor einer Ehe. mit ihm , ich könnte ebenso gut Brnder Ma.r heirathen!“

„Flauselt, Hirngespinste! Warst immer ein absouderliches Ding! Jetzt aber, Fräulein Narrethei, ist^s Zeit, die Schrullen nnd Romangeschichten abzuthun, sollst geht darau dreier Menschen Lebensglück zu Grunde.“

Er sprach sehr ernst, aber nicht so zornig wie sonst. Ich sagte ihm noch einmal recht eindrillglich, daß ich in Verzweistung über meinen Brantstaud sei; ich bat ihil, mich nicht zil vermähleu, mich bei sich zu behalten

Erst suhr er mich au: ob ich einen Andern liebe? Ich erbebte und sprach in einem voil der Herzeilsangst ein- gegebenen Wortstrom dagegen. Er wars sich dann plötzlich - wie ein Baum , der gefällt wird - alif einen Stuhl am Tisch, nahm den Kops in die Hände und stöhnte laut. „Es ist zu viel,“ murmelte er, „zwingen - zwingen kann ich sie nicht! Geh, schick Erich sort, aber dann ist von Freude ilt meineln Lebeu nicht mehr die Rede.“

Das ergriff mich fnrchtbar; ich sah sein Lebeu voll .Ent- täuschungen und Kummer klar vor mir; es war mir jetzt gleichviel, was aus mir werde, wenn nur aus seiilelt .öden Psad noch ein Sonnenstrahl stel! Ich warf mich vor ihm auf die Kniee, tmlfaßte ihn und bat, er möge getrost seilt, ich wolle seinen Willen thtln.

So nehme ich also mein Leid und eine tranrige Lebenslüge allf mich! ^....^

Er ist jetzt mit Ma.r in seine Garnison zurückgekehrt nlld nusere Hochzeit ist auf den Herbst angesetzt, so habe ich also noch länger als ein halbes Jahr Frist. Was kann sich in der Zeit alles zutragen! Diese Spanne Zeit will ich leben, frei feilt, ihu sehen! Vielleicht stndet sich doch noch ein Entrinnen!

Im Februar .1^9. Die gauze Stadt ift in Aufregung, ein glückliches Ereigniß bewegt alle Gemüther, die Frau Herzogin Luise hat eine Prinzessilt geboren. Sie soll sehr schwach sein uud der Herzog sehr ärgerlich, da er ganz fest auf einen Erb- prinzen gerechuet hatte.

Gesellige Lustbarkeiteu gab es in letzter Zeit weiliger, ich als Braut hätte mich auch ausschließe dürseu. Aber wie dauu ihn sehe, ihu, der trotz allem meiner Seele Entzücken ist tlltd bleibt? So habe ich mitgemacht, was sich mir bot.

O, dieser Herrliche, wie hoch steht er über allen anderen Männern! Wie viele bewultderitde Angen blicke zil ihm empor; wie tmcheirrt, wie herrschend schreitet er durch die Menge! Nnr wenn ich ihn nie gesehen hätte, könnte ich Erich lieben.

Er arbeitet jetzt mit Bertnch, den herzoglichen Hosgärtnerm nnd vielen Gehülsen, um einen Park am User der Ilm altznlegen. Dahin richten sich nun die Schritte aller Spaziergänger. Ieder will das rüstige Schaffen und Werden beobachte; Viele aber wollen auch, wie ich - ihn fehelt, das sühle, das weiß ich ! Und köstlich ist.s, wie er leuchtenden Blicks ilt freier blauer Frühlings. lnft dasteht, anordnet, den Eindruck beschreibt, den das Fertige machen wird, selbst zum Grabscheit greist, Gesträuche beschneidet und ganz Leben und Fener ist für die Sache, der er sich hingiebt. Er adelt alles, was er angreift; mir erscheint jetzt Wege ziehen nltd Bälime pflanzen wie eine neue Art Poesie.

Ich lebe im dämmernden Schwindel so hin, bin jeden Abend ilt Verzweistung über de vergangeneil Tag, der mich dem Herbste näher sührt. Vater spricht ost von unserer Hochzeit; Tante Barbara schasst viel Leinezeug herbei, Erich schreibt von Liebe und Sehnsucht, und ich - o, was soll ich bei alledem, das mich fremd ansieht, srelud, verwirrend und trostlos!

Inni. Karoline voit Ilteu ist mir iit letzter Zeit Frenndin geworden , sie leidet ja ihren Liebesschmerz wie ich. Prinz Constalttiit ist jetzt, um voll der Gelieblell entsernt zu werden, auf Reisen geschickt, die, wie man meint, Jahre danern können. Das arme Linchen ist nntröstlich, und doch wie glücklich kann sie sein, da nur die Ungtlnst der Berhältnisse sie trennte. Sie sagte mir, daß Goethe voll Theilnahme für sie sei und sie ost herzlich tröste, obgleich er auch von ihrer Heirath mit dem Prinzen ab- gerathen habe. So weiß sie es selbst nicht, soll sie ihm gut oder böse sein; seine Gewalt über alle Gemüther, seine Herrlichkeit erkennt sie an, und wir sprechen ost über ihn.

Inli. Cs wird eine nene Aufführung geplant, ein Stück ist es, das er vor zwei Jahren gedichtet hat. Viele Personen kommen darin vor, und ich bin auch zur Mitwirkung ansgesordert.

Ich sagte zn; nur dies noch! Ihn täglich in den Proben sehen, ihn declamiren, anordnen hören, nein, ich kann nicht daraus verzichte! Vater runzelte die Stirn und sagte: ,,Weuu Erich nnr zufrieden ift, daß Du die Narrenspoffelt mitmachst?“

Ich nahm die Verautwortung aus mich. Uusere Hochzeit ist aus den ...5. August festgesetzt, am ^9. kommt Erich. Am ^. soll zur Rückkehr der Herzoge Amalie, die verreist. ist, jeues seltsame Stück: „Der Triumph der Empstndsamkeit“, ausgesührt werden. Das ist also mein Letztes!

Nur genießen bis so lange; nur ihn sehen! Nie werde ich es mehr, wenn ich mit Erich in seine Garnison gehe. Hinter dem ^5. liegt das gallze Dasein schwarz und öde. Es sind noch zweinuddreißig Tage bis dahin!

Die Probelt nehmen ihren Fortgang, jetzt nur noch zwanzig Tage! Ost snche ich mir eine versteckte Ecke, sehe ihn an und präge sein Bild fest in meine Seele.

Großer Gott, nur noch neu Tage, und daun - Tante Barbara tadelt mich, daß ich mich nicht um meine Ausstattung kümmere. Hente sagte sie.

„Christel, wie bist Du jetzt so vergnügungssüchtig !“

Dieseu Nachmittag ist Probe bei der Stein ; um Alles möchte ich nicht sehleu! ^^^^^

Was habe ich geseheu, erlebt! - O Eleud, grausames Eleud!

Das Stück war dtlrchprobirt, in den Zimmern ward es warm, man össuete die Thüreu zlt der Terrasse; die Gesellschaft zerstreute sich, spazierte draußen aus den neuen Parkwegeu, ver- theilte sich ill den Zimmern.

Ich saß allein im Eckcabiltet , wo es dämmerig war, uud .konnte vom ostenen Fenster aus ihn mit Frau von Stein aus der Terrasse hiu und her gehe sehe; delu und wann drang ein Wort voll ihm zu mir; es war so schöu!

Endlich setzten sie sich unter meinem Fenster nieder. An- fänglich wollte ich eisstehen, aber seine Nähe berauschte ulld bannte mich, daß ich in meine alte Starrheit verstel und mich nicht rühre konnte. Sein Kops mit den dtlnklen Locken ragte etwas über die Bank des ostenen Fensters hervor, an dem ich saß; ich hätte sein Haar küssen können, ohne daß er^s merkte; aber ich vermochte kein Glied zu bewegen. Mir war so ver- schleiert zu Mnth von seliger Empstndung, daß selbst seine Rede mich nicht weckte, sie rauschte wie ein süß murmeluder Bach au meinem Ohre dahin.

Dann antwortete Frau von Stein, dabei erholte ich mich, sodaß ich verstaud, was er nun sagte, obwohl seine Stimme ge- dämpft war und einen wunderbar zärtlichen Klang hätte.

„Ich werde müde an delt Menschen und habe keine Sprache mehr für sie, wenn ich nicht eine Weile mit Dir bin, lieb Gold; entziehe Dich mir nicht, sonst schließt sich meine Natur wie eine Blume, wenn die Souue sich wegwendet.“

„Ich dars meine Pstichten als Wirthin nicht vernachlässigen.“

„Hast Dn nicht auch Pflichte der Liebe? Du weißt, daß Niemaltd da ist, der Dich heißer liebt als ich, daß Keiner Dich mehr bedarf.“ [776] Also doch . schrie e.^ in mir, alsa dt^ch, . ^ie besitzt sein ^erz^ ihr gehört er an. O ^lend, .a packst des Jammers.

Jch barg meinen ^.pf in den bänden.

l.lndeu^ nur sal) t.tder empfand ich, daß Jemand steh zn detn ^aare da dranßen gesellte und daß e^ ausstand. daß i^l) alsein mar.

Nal.l) geraumer .Zeit lam ^art.tline zu mir, sagte, sie l)nl.e mich ^esllt^l,. die Gesellschaft sei st^rt, mlr mußten .anfbreel)en.

Wir fingen ^ ieh in einem Wirhel t^erz^eistnn^^ ^m.pstndnn^en. ^r.^O ^rt-^ G.att, ieh konnte es nicht ans- denken, ohne daß sich mein Geist verwirrte.

Jch glaube, mir hatlen einen seinen Abende Linien sa^te es mir und meinte, ick,- sei st.. erregt und seltsam, wir wollten nach spazieren gehen, da^ merde mir gut thnn. Wir fingen. Wt.thin:^ Wa.s ^arbllne .planderte.^ Jch meiß es nil.t)t.

^lo.^li.^ standen unr am rankenden Wel,r, in der Fiust^i^ dicht schattender Linden. V-ar uns der Fru^ mi1^ d^m ^ei^eu Schaum. der starte herunterfallend .pläts^erte und branste. ^lnd dann der F^l^l^l^ ^iu ^eis.^ Mensichenbild , an.... dem meißen Sl^anm anstaubend. mit langem dunklen e^aar und seinen .Zn^en. ^Der warf sick^ nieder, sel)wamm, s.-hnellte auf, ^anch,zle ^ t-^ uud linkte mir^

Jlr) ^0wme. schrie e.^ in mir, ^n sollst nit^t ^erl^ebens l0.^en. meine Seele nennt Dit.-l): .^err. ^eht^r.-ht Dir, ist Dein . .Zn ^ir,. zn Dir in die sck)änmige Tiefen ist ^rlÖsnn^, d^ ist ^ein.^ baden t^n aller Seelenant^st, aller Zn^nns^, die s0 dräuend dasteht.

Sck).r^eit^end ^int^ 1ck) an Linnens Seite naeh .^anse.

Still, utein .^erz^ lebt mt^hl, Jl,r Alle ^ it^ ft^e nur i^ nur Dir ^ ich k^tnme.

(Ft^rtse^n^ s^l.^

[790]
32.

.Verzeihung, meine Mntter! Verzeihung!“ schluchzte eine ties ......^ zur Erde gebeugte Gestalt, die aus ihren Kuieeu am Lager

der alten Frau von Wertheru lag, welche, krank und bleich, sich umsonst bemühte, der Knieeudelt zu antworten.

Endlich überwaud die Leideude ihre Schwäche, ihre Gemüths- ausregnllg soweit, daß sie erlüge Worte hervor zu stammeln vermochte.

„Steh. ans, Emilie! - Unglückliches Kind! Sprich - er-.

kläre mir Alles!“

Die Knieellde ergriss der Kranken abgezehrte Rechte, preßte wiederholt ihre brennenden Lippen darans und ries:

„O, ein gutes ^Wort von Ihnen, Dank, glühenden Dank! ------

..Nutter, wie habe ich mich nach Ihnen gesehnt! Wie snrchtbar ist es, sich selbst zu den Todten geworsen zu haben!“

Die alte Dame bat sie, sich auf den Stuhl neben ihrem Bette zu setzen, dann fnhr sie mühsam und leise sprechend sort:

„Ich kann.s noch nicht fassen, daß Dn es wirllich bist, Emilie, die vor drei Jahren Gestorbene ! Mein liebes Schmerzens- killd - für dessen Tod ich Gott mit tausend Thränen dankte. Emilie erstanden! Ist.s auch keine Fieberphantasie? Laß Dich betasten, komm näher. Nein, so greistich kann eine Vision nicht sein!“

„Ich bin^s, o Mntter, ich bin^s! Ich halte und küsse Ihre Hände, ich streichle Ihre Wangen, ich dars Sie wieder anblicken, dars es wagen, Ihnen zu beichten, mein armes, jammervolles, be- ladenes Herz ansznschütten?“

„Nnr rnhig, Kind, ich ertrage Deinen Ansturm nicht; setze Dich da hin; meine Hand magst Dn halten, und daun erzähle, beichte, wie Du es nennst, ich verstehe von allem Vorgesallenen gar nichts.“

„Wo soll ich beginneil, Mutter? Sie waren voll Sorge sür mich, des Herzogs halber; der ward mir nicht gesährlich, er meinte es auch gar nicht ernstlich. Er war noch so jlillg, wollte lustig sein. Dies Spiel, diese harmlose Thorheit hals mir so gut über mein elelldes Zusammeulebeu mit Werthern hinweg!“ Emilie schilderte nuu ausführlich, wie ihre Leidenschaft zu deln Hansgenossen, dem stillen Gelehrten Moritz von Einfiedel, fich angesponnen, wie die Trenuungsstuude sie zu einauder geführt habe. Wie sie auf dem Gute des Bruders das Scheideu vou Moritz nicht zu überstehen vermocht und wie sie endlich nlit ein- allder beschlossen, eine Komödie iiüs Werk zu setzell, die sie rette. „Währeud ich heimlich mit dem Geliebtell entwich,“ suhr sie be- wegt sort, „ließ mein treuer Bruder eine Pnppe statt meiner beisetzen und schrieb meine Todesanzeige. Aber das kühne Aben- teuer hatte sich bitter gerächt. Die Ansbeutllng der Goldberg- werte ill Asrika war eine versehlte Specnlation gewesen, wir haben Jahre schwerster Kämpse durchgemacht.“

„Und was nnn, unglückliches Kind?“ sragte die Mntter.

„Moritz will deil Herzog bittell, ihn wieder inl Bergsache anznstelleu, und dann hosfen wir, uns llach tallseudsältigem Elend, nach vollem Ausgestoßeusein, wieder im Leben lind iil der Menschen Achtung herznstellen.“

„Dn hast viel gelitten, Emilie! Ich sehe, ich sühle es!“

„Fnrchtbar, Mutter! Noth und Elend jeder Art hat nlls heimgesucht; wir haben es aber treulich lilit einauder getragen Auch Gewisseusachal wegen unserer thörichten Handlungsweise lag schwer aus nns, aber ill unserer ausharreuden Liebe sand sich eine große Hülse. Glatlbeu Sie mir, theure Mutter, es war eine Schnle des Lebens, die Ihrer leichtsinnigen Emilie genützt hat.“

Die Rückkehr der hübschen und beliebten Frau von Werthern ans dem Lande des Todes ries in Weimars höheren Gesellschafts- kreifen einen wahren Sturm der Ausregung hervor.

Der Herzog stürzte wüthend über die Komödie, welche man ihm gespielt, zu Goethe, ließ diesen kaum zu Worte koiiiiiieii uud schalt aus den nnerhörten Betrug, welchen mall sich gegen ihn erlaubt habe.

„Schade,“ erwiderte endlich Goethe mit voller Ruhe, „daß in dieser platteu Werkeltagswelt nichts Außerordentliche^ mehr zu Staude gebracht wird.“

Karl August stutzte.

„Wie, Du verteidigst die Lalidstreicheriu?“

„Ich liieiile uur, daß mein lieber giiädiger Herr, der allem Abenteuerlichen so hold ist, feiiie Freude ail denl Streiche der beideu Leutchen haben müßte, die, wie Werthern's Ehe beschaffeu war., im Gruude llichts Klügeres thun konnten“

Der Herzog lachte und gab nach einigem Hill- und Herreden dem Frellnde Recht. Aber dieser wollte noch mehr.

Moritz von Einfiedel, der Goethes Intereffe für das Bergsach sowie seinen Einstnß kannte, hatte ihn früh Morgens anfgeflicht, ihm alle Verchältniffe mitgetheilt nild ihn um seine Verwendung beim Herzoge gebeteil. Einsiedel galt voll jeher für einen tüchtigen nnd pstichttreltell Beamtem so betrachtete Goethe seme Wieder. anstellung als Gewillil und zauderte nicht, dieselbe bei seinem sürstlichen Frennde zu besürworten.

Es gelang ihm auch, den Herzog milder zu ftimmeu und demselben endlich die Ueberzengung zu gebeu, daß Einsiedel^ Wiederausuahme nicht völlig zu verwerseu sei; damit war vor- läusig geung erreicht.

Kart August sorcherte den Freuud zu einem Spaziergange auf. Es war ein herrlicher Nachmittag, die Geselligkeit ruhte heute, morgen sollte die Generälprobe für „Deu Triumph der Empsindsamkeit“ stattstuden und dann übermorgen, am ........ Angnst,

die Heimkehr der Herzogin Mntter mit denl Spiel geseiert werdeil.

Man schlenderte unter lebhastem Gespräche dem Parke zu, ersreute sich alii Gedeihen der neuen Anpstanzungen , plante Weiteres uiid kaiil eudlich an die Ilm, deren seuchteu, kühlen Diist man an dein warmeu Tage wohlthuend empsand.

Da sahen sie plötzlich mehrere Parkarcheiter und Mühl. knechte ill der Nähe des Wehrs znsammeneilen , ein Kahn stieß vom Ufer, man hantirte mit Stangen und hob endlich einen Körper in den Nachen.

„Das scheint eiil Ertrunkener!“ ries der Herzog.

„Ich glanbe, es ist eiiie Frau, ich sah ein weißes Kleid,“ entgegnete Goethe, während Beide ihre Schritte .cheschlennigtem nm zur Stelle zu gelangen

Die Männer hoben eben Ehristel von Laßberg^s schlanke, leblose Gestalt an das User und legten sie aus deil Rasen.

„Großer Gott, ist sie todt? Wie ist das Unglück geschehen?“ ries der Herzog.

Goethe knieete zu ihr nieder, legte sein Ohr an ihren Mund, versuchte seinen Odem zwischen ihre kalten Lippen zu blasen, lauschte aus ihren Herzschlag, uutersuchte ihren Puls, rieb ihre Hände, hielt sie ausgerichtet im Arme und that Alles , um sie wieder zu beleben.

„Geben Sie sich keine Mühe mit ihr, Herr,“ sagte ein alter Parkausseher , der dazn trat, sie liegt schon seit gestern Abend darin und muß sestgehakt sein, soust wäre sie weiter getriebell. Als ich spät weine Runde machte, sah ich eine weiße Gestalt durch die Büsche sliegell, sie verschwand hier am Ufer - es hätte iiiir. fast gegrant. Es war zu duukel, um etwas im Wafser zu er- kennen, dachte auch, ich könne mich geirrt habeu, aber hellte Morgen sand ich diesen seidenen Stöckelschuh, da wußte ich, daß es eine Vornehme geweseil, die ich gestern Abend hatte lausen sehen“

„O, wenn. ich doch etwas später hier gebadet hätte!“ .ries Goethe bewegten Tons, „dann würde ich sie gerettet haben. Ia, sie ist todt!“ .

Der Herzog stalid daneben, und die Arbeiter zogen sich ehrsllrchtsvoll zurück.

„Welch ein süßes Geschöps sie war!“ fuhr Goethe fort, ihreu bleichen Kopf noch immer im Arme haltend. „Mir däucht, wir habeil, als sie lebte, den Reiz dieses Mädchens nie so erkannt, sie gleicht einer. geknickten weißen Rose.“

Der Herzog stüsterte: „Sie war Brirnt des Grafen Wrt.mgel, die Hochzeit sollte iii diesem Monat noch geseiert werden; der Brälitigam wird sich doch keiner Treulosigkeit schnldig gemacht hüben? Denn hier liegt ossenbar Selbstmord vor.“

„Sie tragt ein Bilch in ihren Gürtel geschoben, es ist fest mit einem Seidentnche umwundem wir wollen es aii iiiis nehmen; weim sie fortgetragen wird, möchte es herab fallell, vielleicht findet sich hier schon eine Anskllirliiig.“

[791] 

Goethe .zog das eingehüllte Buch aus Christel's Gürtel mld löste das Seidentttch ; sie hatte es gut verwahrt. Erstamlt las er auf dellt Umschlage seinen Namen.

,,Es ist an mich adressirt, so dars ich es als mein Eigen.- thnm betrachten.“ Er riß Schnur tlnd Siegel aus und ösfnete

das Bnch.

Sein Werk „Werther's Leiden“ stel ihm entgegen, ein Heft betriebenen Papiers lag in demselben. Erschrocken und verletzt schob er es in . die Tasche.

„Sie scheint das Opser einer thör.ichten Sentimentalität zn fein,“ sagte er düster.

Der Herzog ries die Parkarbeiter herbei und gebot ihnen, die Leiche in das nächstgelegene Hans, - dasjenige des Ober- stallmeisters von Stein, zu tragen.

Fran von Stein kam ihnen erschrocken entgegen, sie ließ das unglückliche Mädchen, welches gestern noch ihr Gast gewesen, atts eitt Bett legen.

-.Natt sprach hitt und her über das Ereigniß ; Herr volt Stein gillg, delt Oberst von Laßberg zu benachrichtigen , der Herzog verließ mit ihm das Hans, und Goethe blieb tnit Frau von Stein im Zimmer, neben der Kammer, iit welcher Christel lag, allein.

Er saß am Fenster und blätterte in den Papieren, welche er dem Bnche entnommen hatte. Es war Ehristells Tagebnch.

Sehr bald übersah er mit tiesetn Herzensweh den Zusammen- hang und vermochte den Schmerz dieser Entdeckung nicht vor. der Frenndin zu verbergett.

„Biu ich denn nur in der Welt, mich in ewig uttschttldiger Schuld zu wiudeu?“ seuszte er bekümmert. ,,Hier ein Herz, wie ich es suche, ein Herz, das mir Alles hätte sein und geben können, wenn ich es nur gesnnden und aus den rechten Weg gesnnder Entwickelung zu leiteu vermocht hätte. So aber elend durch mich, verwirrt durch meine Liebe zu Dir, durch meinen .Werther.. ttlld jammervoll zu Grnnde gegangen!“

Fran von Stein suchte ihn ansznrichten, sie betottte, wie völlig arglos er bis jetzt Ehristel gegenüber gewesen, und wie dies ganz ohne seine Schuld über ihn gekommen sei. Es gelang ihr auch nach liebevollem Znreden , . ihn zu bernhigen und seine leidenschaftliche Zärtlichkeit zu beschwichtigen, mit der er in sie drang, sich ihm näher als bisher anznschließett.

Eharlottens ebenbürtiger Geist war es, der ihn sesselte; an ihrem ernsten, erprobten Charakter wollte er delt seinen stählen. Nur tnit einem starken, guten Menschen konnte er glücklich seitt; nnr ein solcher konnte ihm helsen, weiter zu streben zu immer größerer Klarheit und Wahrheit.

Während dies Alles in seiner Seele wogte und er mit steigender Sehnsucht innerlich die Geliebte nmschloß, hatte diese leise einen Strauß frischer Blumen, welche Goethe diesen Morgen ans seinem Garten geschickt, aus der Vase genommen, damit das Zimmer verlassen und war zu der bleichen Tobten heran getreten.

Sie löste das Band, welches den Strauß zusammenhielt, ttnd schmückte das zarte Mädchen mit den frischgefärbten Blüthen des Hochsommers, ordnete ihr Kleid gesälliger, um dadllrch dem unglücklichen Vater, der jeden Angenblick eintreten konnte, das schreckliche Ereigniß milder vor Angen zu führen..

Als Goethe Herrn von Stein mit dem hastig znschreitenden Oberst von Laßberg aus das Hans zukommen sah, verließ er, getrieben von einem Unbehagen, das ihn fast wie Schnldbewnßtsein drückte, Zimmer und Hans durch Hinterthiiren.

Christel's Vertttächtniß hielt er aber sest aus seitter Brust geborgetl.

Goethe kam in einer uusäglich zlviespältigen Stimmuttg iu seinem Hause au; er begab sich sogleich aus seinen Altatt, wo er iu Ruhe die Tagebuchblätter der armen Christel zu lesett ttttd still für sich über ihr Wesen, Leiden und Thuu zu sinnen dachte.

Die Sonne stand schou tief, ein warmes, röthliches Licht flammte über die ihm so liebe und beruhigende Rundsicht. Es that ihm wohl, hier Friedeu und uuveröltdertes Seilt zu stnden, wo er sich so aufgestört fühlte, und ihm schien, als müsse vieles nm ihn her verschoben sein.

Nie war ihm eilte Ahnung von Christel. s Neigung angestiegen; ihr stilles, gesühlsseliges Wesen hatte ihn nicht angesprochen. Er

konnte nur beklagen, wenn sein „Werther“ diese Richtung ihrc.^ Weseus gesördert hatte. Auch ihn beherrschte einst diese Gemüths- stimmung, welche jetzt aber weit hinter ihm lug.. Er selbst .......

das wnßte er bestimmt und ersah es aus ihren Aufzeichnungen .......

hatte ihr keinen Anlaß zu jener nnseligen Leidenschaft gegeben, ttnd daß sie seine Neigung znr Steitt sich zu etwas Ungeheuer- lichem aufgebauscht, stieß ihu als Uugesundheit ab.

Endlich war das Tagebuch durchflogen Welch eine tranrige Verirrung, welch ein Schwelgen in füßem Weh! Wie gänzlich abgewandt allen Forderungen des Lebens und der Psticht! Halb verzogen, halb verwahrlost erschien ihm diese Seele, die doch wieder so viel Innigkeit besaß, daß sie unter verständiger Führung Schmuck nnd Glück eines Manneslebens hätte werden können.

Während er also nachdachte, hörte er leichte Schritte hinter sich herantrippeln, schallte sich um und begrüßte Luise von Goch- hattsen, welche kni.rte tlnd mit möglichst ernsten Mienen sich ttnd ihren plötzlichen Besnch einsührte. Würbevoll sagte sie:

„Meine Frau Herzogin hörte von dem stattgehabten Unglücks- sall, sie wagte weder zu Laßberg's noch zu Stein's zu schicken, wo das arme Kind liegt, mit sich des Näheren zu insormirun, deshalb erbot ich mich nachzufragen und fprach: ^Durchlaucht, ich eile zum Doetor Wolf, der steht den Lenten als Dichter nttd Denker. itsts Herz!^ Ist es wahr, daß jener perstde Schwede die Aermste sitzen ließ?“

„Erst erholen Sie sich und nehmen Sie Platz bei mir, Thnsnelda,“ sagte Goethe zu der athetttlosen kleinen Dame. „Dann will ich Ihre brennende Nettgier mit tröpselnden Andetttungen, so weit ich darf, zu löschen snchen.“

Die Göchhansen setzte sich ihm gegenüber und blickte ihn tnit ihren klttgert Augen scharf au.

„Gebett Sie so wenig Sie wollen, ich werde mir den Rest eotnbiniren.“

„Wohlan; die arme Christel war eine nndiscipli.nirte Natnr, die sich in eingebildete Liebesleidenschaft warf, eine Leideltschaft, von welcher der Betreffende keine Ahnung hatte; so gerteth sie ill einelt Collslict mit ihrem Heirathsplall und wllßte keine andere Lösllng als den Tod.“

„Natürlich silld Sie, der Stern Weimars, der Hätschelhaus, jener heimlich Geliebte! Aber Sie habeu Recht, das nicht ans.- zusprechen. Packen wir serner alle Schnld dieses Vorsalls ans den schlanken Schweden; der wird sich schwerlich hier wieder sehen lassen. Eine recht betrübende Geschichte! Unerhörtes ist es aber nicht. Wo viele Zahlen tnit einander snmmiren, muß endlich eitt Facit gezogen werden, zwischen dem dauu auch einige Nulleu sind. Es ist eben nach Art und Anlage, wie man eine Niete trägt.“

Sie sah, indem sie dies sagte, plötzlich so lies bekümmert, ja düster aus, daß Goethe sie mit lebhast auswallender Theil- uahiite stritte.

„Thnsnelda, auch Sie ein Herzeusweh?“

,,Souderbar, nicht wahr, daß uuterm Buckel sich auch der- gleicheu einnistet?“

„Sie? Karl Angnst?“ sragte Goethe fast unwillkürlich.

„Ia! Während alle wie Närrchen in Sie verliebt waren gittg ich meinen eignen Weg. Was kümmert's ihn, wenn ich ihn liebe? Es ist ja auch kein sentimentales Schmachten mit irgend welchem Anspruch. Sie sind redlicher Eamerad genug, diese ver- zwickte Schrulle des kleinen Kobolds nicht an die große Glocke ztt hängen, darnm ltlag...s. meinethalben Ihnen zugestanden seitt. Was kann man dasür, wenn Einen elementare Kräste packen? Schlimm genug für das Wesen volt Fleisch und Bein in solche Stampfe zu geruthen, und nur gesttltdes Wollen kann da retten, atts daß man nicht zum Brei alberner Gesühlsseligkeit zerstoßetl werde. l^t.^on^ ll.r cfa^n^ ! Oder zu dentsch: schuppst die Grilleu weg!“

Goethe reichte ihr voll Freuudschaft und Anerkennung die Hand. Wie heiter trug sie ihre völlige Hossnungslosigkeit aus Liebesglück; welch eilt tapserer Geist wohute unter der spottenden, scherzenden Anßenseite !

„Ich brauche Ihnen keine Verschwiegenheit zu gelobett, Luise,“ sagte er herzlich. „Sie habeu Recht, aus unsere gute Calneradschaft zu zählen. Mir dämmerte hier und da eine Ahnung atts von Ihrem Getnüthszttstande, aber man läßt sich immer wieder von der Anßenseite täuschen und nimmt Ausnahmen all, wo gewisse allgemein menschliche Gesühle die Regel sind.“ [792] ,,^in Märien ^0n bansend und ^iner ^acht^ l^bt Jhr lster in dem Nest in Seene ^efe.^l,^ st^ach sie ^ie Jemand, der .oott einem ^öhepnnkt an^ Rundschau hält und nun die zurück.^ liegenden ^rei^niffe leidenschaftslos refnmirl. ,,Ans ^nren Märchen^ tränten nächst ietzt aUgemach die Wirklichkeit in seltsameren Formen t-11-l^ al^ u^eun Jhr den alleu Schlendrian hättet bestehen lassen. Wnndert ^nch nicht, -wenn die ^ehe andere Füchte trätet, als die ^üchenbtchne^ es sprieß aUemal nur die Saat ^tnf, die man ^ePflallzl l)a^ ^l)re ^ichternatnr wird damit znfrieden fein^. sie kränzt sich mi^ den Ranken der ^ede, kellert süßen Wein ans dett zerstampften ^ru^ten und berankt sich und Andere. Jft es uicht so, Meister W^f:^

Körper, diesen triefenden ^rest einer entblätterten ^lnme ^efel)en,

wenn Sie .oan der stummen ^erzweistnn^ des Katers gehört hätten^ Mitleid fragte die ^öchhanfen in ihrer alten, nnbe^ kümmerten Weisen ,,.nazn .Mitleid^ Sie bedarf dessen i^etzt nich^ mehr^ und ^wrher, als sie lit.., wnßte niemand da^tm und kümmerte sich auch deiner darnm. ^Der ^ater aber l)at sich rwn ieher fo weni^ um sein .^ind bemnlst, daß er sich nicht wundern darf,, wenn es ihn ^etzt nicht um ^rath fragten

^unverbesserliche. Ader gut so , um uns wieder einige Festigest zu ^eben, meinst ^Dn nicht anch, Wolsgang

^ Tl^nsnelda la^. ,,^nre .Dnrchlancht werden sich trösten^ ich aber berichte, was ich l^el)ört^ und schlü-pfe dann in^ ^ia

Gänfemädcheu^

Nach dem Oelgetnälde von Ernestine F^i^drichsem

Goethe l^atte ftttnend zn^^r^ r^ls er sich einflickte ih^ ^ antworten, ^nard die Thür zum Al.an ^nf^eftoßen^ und der Herzog trat zu den beiden.

,,So, st^ fa^te er leihst ^ilßend, ,,hier haben sich schon .Z.nei zu tl)re^ inneren Anfrl^ll.^ znfammen befunden , zwischen

denen ich ^ern der .Drttte din^ ^0 ttttsere mnntere Thusnelda

ist, da bleibt ^eiterung ni^i au^

^urchlancht zu dienen,. dera ^t^fnärrins^ st^te sie in ^lte^

scheltttischer Weise lni.reud.

,,Ste sind ^nirllich nn^e^^llst^i^ in Jhretn ^ntnt^r. Tchnfel.^ ,,Oben sch^itutn^nd wie ^ ^rlst^stl und ebenste leichl

kartet. ^

,,Was fa^en Sie zu de^ ^ll^en ^reigniß^

,,^aß Jeder auf seine ^ist^ mit dein Leben fertig wirb.^

,,.Das süße ^estl^^ ^ie würden ^Nilleid^nil der

Akutsten em^lliden l^ab.^n, ^l^l Sie dt^fen l)t.tlden,^ dlet.^tt

^o-peta mit dem fratnnten Wunsch, daß die lneledlen Herren nicht t^tnl ^i.ren tränm^n ^

^Die ^öchhanstn grüßte, sandte sich zum (.^ehen, und ^t.teihe betitele sie dis in^ anstoßende ..Zimmer^ während der ^rzt.^ tnit ^erschränllen Armen am ^ande des Altans lel)nte und seinett ernsten ^li^ in die rofi^en Wolkettntnrandnn^en der scheidenden t^Onne tanchte. Jndetn ^aelhe zum Lebewolst der kleinen Hofdame die ^and drü^le, flüsterte er il)r zn.

,,Mnll), Lnife, bleiben Sie sich selbst tren, und so nber Gräber ^0rwärls.^

Sie sich ihn ^roß, mit dem Anfdli^en aller il)rer Energie

int An^e an und flüsterte zttrü^:

unbesorgt, F^ltlld Wolf, bin stl^n in lledttttt^ und lnerde niel)t an^ der ^0l^e fallen.^

^elnegten ^emüches kehrte er zum ^el^e zltrü^.

[808] ^^ief bewegt voll dem Einblick, den die ällßerlich immer frohe ^..t...... Thnsnelda ihm in ihr Gemüthslebell gewährt, mld voll inniger

Theilnahme für ihre attsfichtslofe Neigung faß Goethe nachdenklich detn Herzog gegenüber und schallte wortlos itl die webeudell Schatten der Dämmerung.

„Trotz alles Scherzes und Gefpöttes Thuslleldeus,“ fagte Karl August uach langer Paltfe, „ist mir^s doch ltltntöglich, nach solchem ergreifenden Ereigniß gleich wieder zur glatten .Tages- ordnmlg zurückzukehren Meitl Herz sehnt sich , mehr deml je, nach etwas Ungekanntetn, nie Besessenem! Es ist ein Drang ilt mir, der mich all Deine Freltltdesbrnst treibt und sich vielleicht ilt einem ernsten Gespräch mit Dir Gellüge verschafft.“

„Darf ich als treuer Freulld diefem Dratlge Richtuttg uud Namen gebe?“

„Null?“

„Es ist uichts Neues, was ich Ihnen nenne, mein theurer gnädiger Herr, nur ein lieber, lange gekatluter Name: Lltife!“

„Luife?“ sprach Karl August sitmeud, „mir ist, als hätte ich sie lange nicht gesehen Sie lebt mlr. für ihr Kind und zieht sich jetzt gallz alls der Welt mld Gesellschaft zurück. Seit ein paar Mottatetl ist sie itl Belvedere, ich war ttttr. selten da lttld tlie allem lttit ihr.“

„Und ist die Kleine Ihnen noch immer nichts?“

„Was willst Dn? Ein rosenrotes Flbschlern, wie kann das eilten Mann ittteressiren?“

„Sie müssen dem lieben kleinen Menschellgeschöps Zeit lasten, zu werdest.“ .

„Ia, weml es ein Sohn wäre! Ielnand, für den mall arbeitet, sorgt, der die eigenen Ideen und Pläne weiter führt!“

[810] ichter Freude er- ^ziehen , und der Sohn und Erbe kommt hostentlich später.“

Nach einer Pause sagte der Herzog, indem er mit großeu Schritten den engen Raum des Altaus durchmaß:

„Deichst wohl, das stete Tröpfeln höhlt den Stein? Nnll, einen Stein fühle ich hier in meiner lillkeu Seite just nicht. Und Du magst Recht haben, daß den schmerzlichen Drang, mich nach all dein Herzbewegenden anzuschließen, ein Weib am besten stillen könnte. Sind es doch Weiber, voil deileil der Schmerz ausgeht. Erst die Lügnerin, die wiedererstandeile Milli, und nun dies arme Wasserjüngsertein ! Das war ein wunderbarer Tag! Also, Luise heißt die Summe Deines Trustes? Nach ihr sehen kann ich ja morgen.“

„Thnn Sie das; und gebe Ihnen Gott eiiie glückliche Stliilde!“

Seit der Gebllrt der kleinen Prinzessin war die Herzogin Lnise weniger zurückhaltend ; sie liebte es jetzt, mit andereil jungen Müttern über die Pflege und das Gedeihen kleiner Kinder. zn reden, umgab sich nicht mehr so ängstlich abschließend nlit ihren Hosdamen liild hatte sich besonders in Freuudschaft - so viel sie deren geben koiiilte und bedurfte - Frau von Stein angeschlossen. Sie correspoudirte mit ihr , wenn sie nicht an demselben Orte waren, nild sah sie ost bei sich.

Frau von Stein empfand .von je her eine liebevolle Ver- ehrmlg für die edle, sittenstrenge jlillge Fürstin und hatte es ost versucht, ihr naher zu treten. Sie ging daher jetzt mit Vergnügen ans die Artigkeiten Luisens ein lind solgte am Morgen nach denl Todestage der armen Christel von Laßberg einer Ans- sorderung der Herzogin, sie zu besuchen.

Die beiden Daiiieil saßen im Gesellschaftssalon all den offenen Flügeltüren , die auf Terrasse und Part hinausführten. Die Wiege der kleinen Prinzessin, welche jetzt siebeil Monate alt war, stand znr Seite, und sriedlich schlummerte das liebliche kleine Wesen iil den weißen Kissen.

Frau von Steiit erzählte ausführlich voll den gestrigen Er- eignissen, voll denen nur unvollkommene Kemltniß in die Ein- samkeit der hohen Frau gedrungen war.

Schwermütigen Blicks lauschte diese dem Bericht der Ver- trautem die wohl wußte, daß Emilie von Werthern iil der. Herzogin ein gallz anderes und viel größeres Interesse wachrufen mußte, als die arme kleine Laßberg. So verweilte sie auch lällger bei der Schilderung von Emilien.. Rückkehr mit allen daraus bezüglichen Nebennlnständem

Die.-' Herzogin hing ihren Gedanken nach und hörte endlich kaum noch aus das Geplauder der Freundin.

Also Milli, welche sie sich ill dein nächsten Verhältniß zn ihrem Gatten gedacht hatte, ließ sich damals von einem andern Liebhaber entführen? Sie mußte diesem schon zu jener Zeit sehr nahe gestanden haben, da sie ihm srelidig iil die ungewisse Ferne solgte. Mit Beschämung stel ihr die Stunde ein, in der sie voll eifer- süchtigen Stolzes, ilt reizbarer Allswallnltg jenen großen Riß zwischen sich und deiil Herzog herbeisührte , der ltoch heute uicht gauz geschlossen war.

Wie ost hatte sie sich seitdem gesagt. die Möglichkeit einer rechten Liebe zu ihrem Gemahl sei mit Milli von Werthern im Erbbegräbniß zu Leitzkau eiltgesargt! Und ltuu war diese Milli erstanden, unter Umständen, die Karl August sreisprachett! So hatte sie also, in ungerechtem Trotz und falschem Scheine solgeltd, drei Jahre lang ihr Herz dem verschlossen, der eiil geheiligtes Recht auch aus ihre Liebe besaß! O, wie sollte sie diese Pslicht- vertetzung, dies tranrige Mißverständest wieder gut macheu ? Wie follte sie ihren Gemahl von der für ihn aufwallenden warmen Empfindung überzengeil?

„Meine liebe Stein,“ sagte sie plötzlich, „hörten Sie vielleicht, wie der Herzog die Rückkehr der Werthern ausnahm?“

„Er schalt aus den Betrug, und nlit Recht.“

„Im das ist's! Wollte die Frau durchaus ihre Ehe lösen, so mnßte sie es voll mutiger Offenheit iiild iii loyaler Weise thuii.“

„Die Scheidung soll jetzt, wie ich höre, eingeleitet werden, uud Herr von Eiusiedel bewirbt sich tiiii eiiie Altstemillg. Diesen Morgen kanteten auch leider die Nachrichtelt über deil Zlistaitd

der trestlicheit alten Frau von Werthern, die Milli jetzt pstegt, äußerst bedenklich.“

Iit dieseiii Atigeltblicke meldete . der Lakai den Wagen der Frau Oberstamlteister.

Beide Daliieil erhobeu sich. Luise war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt,. um die Frenndill noch zurückhalten zu mögen ; sie schlug jedoch vor, man solle den schöneren und längeren Weg über die Terrasse und durch den Park nach dem vorderen Host. platz wählett, wo der Wagen am Portal hielt.

Wenige Minuten , nachdem die Damen durch die Terrassen. thür deit Salon verlassen hatten, trat der Herzog, aus dem vordern Schloß kommend, ilt das leere Gemach.

Er hatte, als er vom Pserde stieg, mit Befriedigung gehört, daß Frau voit Steiit bei seiner Gemahlin sei: noch immer empfand er eine unbestimmte Schen vor dem Alleinsein mit Luisen. Jetzt, da er Niemand im Zimmer sand, athmete er erleichtert ans.

Er hatte sich Goethes neue Erittitertiug vielsach überlegt; die Liebeleien, welche sein Herz anderweitig gesesselt hatten, waren sämmtlich ill Nichts verslogen. Milli, Gretchen und alle die Franen und Mädchen, die seine Phantasie beschädigtem denen er vorübergehend huldigte, ließeit ihm keinen tieseren Eindrtlck zurück. Der Fretiitd tras doch vielleicht die Wahrheit, wenn er sagte, daß Luise die Reizendste voit allen sei. Vielleicht gelang es ihm anch, noch ihre Kälte zu besiegeit und mit ihr sich zu einem uubesattgett tranlicheit Bunde zu vereinigen, wie er es so lebhast begehrte. Der Versuch dazu mußte noch einiital gemacht werden, hierin hatte Goethe Recht.

Als der Herzag sich iit dem leeren Salon umsah, tras sein Blick aus die Wiege, in der sein Kind schlies. Er sühlte sein Herz lebhafter schlagen in einer plötzlichen und natürlichen Regnug für dies kleiite Geschöps, an dem er bislang so wenig Theil genommen hatte. War es doch sein und zugleich ein natürliches Band zwischen ihm und Lnise! Er schämte sich , ein so gleichgültiger Vater ge- wesen zu sein, und sretite sich , daß er hier ganz unbeachtet der sich lebhast regenden Herzeitsempstltdultg solgelt konnte.

Er schlng die Umhänge des Bettchelts zurück rlltd lteigte sich über das Kiud. Aber das war ja kein rötliches Fröschlein mehr! Weiß, rund und reizvoll in jeder Form lag ein kleines Engelsbild vor ihm. Jetzt schlug es ein Paar lachende blatte Angen aus, hob das Köpschen aus dem Kiffen und griff nach seinen Wangen. Er beugte sich tiefer und bedeckte das zarte Gesicht mit vorsichtigen Küssen.

„Du liebes, süßes Geschöps,“ murmelte er, „uud ich wußte kaum von Dir und kümmerte mich nicht um Dich!“

Als er sich jetzt wieder empor. richtete, streckte die Kleine ihre Arme höher nach ihm ans. Er hatte nie eilt kleines Kind be- rührt, nun aber, als das hülslose Wesen ihn anlachte und allerlei drollige Latite plapperte, umfaßte er es, hob es heraus, drückte deit weichen kleinen Körper innig ait sich und erwiderte das wortlose Geplauder des Kindes auf feine Weise.

„Du beklagst Dich, armes Caroliltcheu,“ sagte er zärtlich, „daß Du solch eilten schlechten Vater hast, der sich gar nicht nm Dich kümmert, und Du bist doch eilt so hübsches Prinzeßchem wie litait sich nur wünschen kann. Ia, ja, armes Diltg, das soll lttiit besser werden, wir sind jetzt gute Freunde, Du bist mein Schützchen, mein Herzenskind, und sollst es bleiben!“

Wer weiß, wie lauge der junge Vater, dieser ersten liebe- vollen Regung solgeltd, sich noch der Unterhaltung mit seinem Kinde hingegeben, wenn nicht eine weiche, zitternde Frauenstimme dicht hinter ihm „Karl!“ gertlseu hatte.

Er sah sich um, Luise staltd da und sah ihn sreuudlich au. Sorgsaiit legte er die Kleine wieder in ihre Wiege, dann trat er ties bewegt aus seine Frau zu:.

„Vergieb mir,“ sagte er, ihre Hand ergreisend, „daß ich Ench Beide vernachlässigte. Wie das möglich war,. weiß ich ill diesem Augenblicke wirklich nicht zu sagen.“

,,O, ich wollte ja Dich um Vergebung bitten! Eben bin ich mir bewußt geworden, daß ich Dir mit meiner Eifersucht ans Milli bitteres Unrecht gethan, daß ich in allen den Jahren ohne rechten Grund verschlossen liiid kalt gegen Dich gewesen hm..'...

,,Lnise, liebes Weib! So sollen mir uns endlich wirklich angehören?“ ries er, sie beglückt iil seine Arme schließend.

. . Inniger. als es je geschehen, zärtlicher als in der ersten Zeit ihrer Ehe sandeit sich ihre Lippen, iimsaßten sie sich gegenseitig.

1 [811] Dann saßen sie Hand in Hand an der Wiege ihres Killdes lind fingen nun an, wie ein Brautpaar, welches sich llach vielen Hindernissen vereinigt, ihre Herzen zu erschließen.

„Mich kennst Du,“ sagte Kart August in seiner schlichten, offenen Weise, „ich habe es nie verstanden, mich zu verstecken, mich besser zu machen, als ich bin; ich habe ost gefühlt, daß Dir meine Art mich zu geben nicht gllt geung sei, vermochte meine Natnr aber nicht aus dell Kops zu stellen.“

„Vergieb, wenn ich Dich je dergleichen fühlen ließ! Snche mich zu entschnldigen. Ich fühlte immer, daß wir uns nicht ver- standen. Ich konnte Dir nichts sein, nichts mit Dir theilen, nnd das bedrückte mich nnsäglich! Jetzt weiß ich, daß es Besseres giebt, als höstsche Form, als Glanz und Gepränge --“

„Und das wäre, Luise?“

„Eiu häusliches Glück, Dein Beisall, Deine Liebe.“ „Also wirklich? Dn könntest schlicht und herzlich sein?“

„Ich möchte es lernen. Lange fürchtete ich, daß meine ab- geschlossene Existenz auf Dich nicht wirken könne; in tiefer Ver- zweistung grübelte ich über mich felbst. Zerstrenende Arbeit ist ja ein den Prinzessinnen gänzlich versagtes Glück, so saß ich nnd sank immer mehr in nnthätige Schwermnth. Da schenkte Gott mir das Kind, unsern kleinen Engel! Mit Earolinchen fange ich llen an zu leben und hoste nun auch Dich zu gewinnen; das ist ein Segen über mein Verdienst!“

„Dn hast mich ost durch kühle Strenge von Dir entsernt, Lnise; vielleicht konntest Dn nicht anders? Dann wieder empsand ich auch Respect, weil Deine Individnalität von einer besonderen Eonsegnenz und Ueberzengungstrene getragen wnrde. Versuchelt wir.s uuu, wie weit wir Ieder dem Andern auf seinem Wege ans Liebe entgegen kommen können!“

Als der Herzog am andern Tage dem Freunde die gute Nachricht volt der eudlichen, wahren Vereinigung mit seinem Weibe brachte, als er sich einen glücklichen Gatten und Vater nannte und sich in hoher Gemüthserregung an Goethe.s Brust warf, seierte der Getreue mit ihm ein Fest der innigsten Genugtuung.

„Mag Luise kein aus den Wolken herab gesenktes Ideal sein,“ ries Karl Angnst begeistert, „als welches ich sie ost ansah - Gott sei Dank, daß sie es nicht ist! Aber eines der heerlichsten Geschöpfe, wie diese Erde sie selten hervorbringt, alls der wir Alle entsprossen, das ist sie!“

In der nächsten Zeit hielt der Herzog sich uuausgesetzt bei den Seineu in Belvedere aus und feierte jetzt recht eigentlich seine Flitterwochen.

Dann aber, im Spätherbste, glaubte er, daß seiner rastloseu Natur das häusliche Behagen dauernd nicht gesund sei. Er wollte nicht, daß die neue, süße Kost ihu übersättige, und so schlug er Goethen eine Reise vor.

Dieser ging mit Freuden aus den Platt eitt. Konnte er doch nach einer neuerlichen leidenschaftlichen Utiterredung tnit Fran von Stein in kein ruhiges Geleise tnit ihr kommen. Immer wieder brach sein erregtes Gesühl durch und wurde stets ans's Neue von ihr zurückgewiesen; das gab ein seltsam verstörtes Ztt- sammensein.

„Lassen Sie uns einen abenteuerlichen Zng in die Schweiz machen, lieber gnädiger Herr,“ bat Goethe. ,,Das Anschauelt

der großartigen Natnr, ein Aufenthalt in dem mit Gottvertrauelt uud Herzenseinfalt gesegnetett Lavater'scheu Familienkreise wird nns wohlthnn und einen reinen Natursiuu in uns stärken. Ge- wiß wird eine neue Epoche Ihres und meines Lebens von dieseltt notwendigen Abschnitt anfangen!“

„Ia, Dll hast Recht, mein Wolf, ein solcher Abschluß mit der Vergangenheit ist gut! Neugeboren werden wir heimkehren,“ sagte der Herzog zustimmend. i

Mit ernstem Sinnen entgegnete Goethe: „Die Zeit, welche ich seit dem November 1775 hier ittt Treiben der Welt zubringe, getratte ich noch nicht abschließend zu übersehen. Gott helle weiter und gebe Licht, daß wir uns nicht selbst zu viel im Wege stehen, lasse uns vom Morgen zum Abend das Gehörige thnn ttnd gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Möge die Idee des Reinen immer lichter in uns werden!“

Es bleibt nicht viel hinzuzufügen , da die „Weimarschen Bransejahre“ mit der. Schweizerreise, nach welcher der Herzog sowohl wie Goethe in ruhigere Bahnen lenkten, ihr Ende erreichten.

Das treue Freundesverhältuiß zwischen Goethe tlnd Karl August blieb ungetrübt bis an ihr Ende; auch die Herzogin Lnise erkannte endlich in Goethe einen stets aufrichtig ergebenen Freund, dem sie später dankbar zugethau war. Die kleine am 9. Febrnar 1779 geborene Prinzessin starb 1784, im Jahre 1789 ward dem damals eng verbundenen Paare Ersatz zu Theil in einer andern Prinzessin, Caroline Lnise - der Mntter der Herzogin Helene von Orleans -, welcher noch zwei Prinzen solgtett.

Die Herzogin Alltalie erhielt sich lange ihre lebensvolle Frische und blieb nnzertrennlich von ihrer muntern Thnsnelda.

Prinz Eonstantin, endgültig von seiner Ingendliebe getrennt, knüpfte aus seinen Reisen weit unpassendere Verbindungen an, die den Seinigen manche Verlegenheiten bereiteten, und starb jung.

Knebel vermählte sich später mit Lnise Rudors, der be- scheidenen Sängerin, zog sich vom Hose zurück und lebte glücklich mit ihr in ländlicher Stille.

Corona Schröter. wagte es nie, sich zu vermählen; Einsiedel blieb ihr treuer Freuttd, doch zog sie später mit ihrer Wilhelmine nach Ilmenan. Von dem Grasen von Saint Germain hörte man die wnnderbarsten Gerüchte; in Weimar ward er .nie mehr gesehen.

Wedel heiratete bald nach der Schweizerreise die längst ge- liebte Henriette von Wöllwarth und wurde mit dem verständigeu Mädchen äußerst glücklich.

Emilie von Werthern erlangte die Scheidung von ihrem Gemahl, beerbte ihre Schwiegermutter, die das alte Testament zn Entiliens Gunsten znfällig nie geändert hatte, und verband fich endlich legal mit Moritz von Einsiedel, der eine Wiederanstellung durchsetzte. Ihr gewesener Gemahl, der Rittmeister von Werthern, heiratete ein Fränlein von Ziegesar in zweiter Ehe.

Als die Altensteiner Höhle unweit Liebenstein und Barchseld entdeckt wttrde, wußte der Herzog Kart August, in welchen ,,Hörselberg“ Saint Gerntain ihn einst geführt hatte, und lachte jetzt herzlich über sein jugendliches Interesse an des Wustder- luaultes Persönlichkeit. Stets rechnete er aber dies Abenteuer zu seineu ergötzlichsten Erinnerungen.


  1. Oger, ein dem Rübezahl vergleichbarer böser Dämon, der namentlich Gemüthskranke in seine Gewalt zu bekommen sucht.