Buchanan und Dallas

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Autor: unbekannt
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Titel: Buchanan und Dallas
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 401–402
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zwei bedeutungsvolle Köpfe Amerika’s
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[401]
Zwei bedeutungsvolle Köpfe Amerika’s.
Buchanan und Dallas.

Die „demokratische Convention in Cincinnati“ ernannte in einer Vorwahl den ehemaligen amerikanischen Gesandten in England James Buchanan zu ihrem Präsidents-Candidaten, d. h. sie beschloß, daß alle Demokraten für dessen Wahl zum Präsidenten der vereinigten Staaten stimmen sollten.

Damit man das amerikanische Wort „Demokrat“ nicht mißverstehe, sei hier nur kurz darauf aufmerksam gemacht, daß man in Amerika nicht mehr nach Preß- und Versammlungsfreiheit, Habeas-Corpus-Akte, Wahlrecht und dergleichen continentalen demokratischen Gütern zu streben braucht. Das sind dort längst abgemachte Sachen und verstehen sich von selbst, wie Morgens Sonnenauf- und Abends Sonnenuntergang. Demokraten nennt man in Amerika die politische Partei, welche die möglichste Selbstständigkeit der Einzelstaaten, die möglichste Unabhängigkeit vom Congresse erstrebt, ohne deshalb die „Union“ aufgeben zu wollen. Sie sind deshalb auch für Beibehaltung der Sklaverei und die Sklavengesetze.

Die Gartenlaube (1856) b 401.jpg

James Buchanan George Mifflin Dallas.

Wer ist James Buchanan, der „nominirte“ amerikanische Präsident im Sinne der Demokraten? Sein Vater war ein Irländer, der vor achtzig Jahren nach Pennsylvanien auswanderte. Hier ward er am 23. April 1791 geboren. Er studirte Rechte und kam 1812 in die Praxis als Advokat. Doch ward er bald darauf als Vertreter Pennsylvaniens für den Congreß, das amerikanische Gesammt-Parlament, gewählt, und begann so früh seine politische Laufbahn, die er bisher, mit geringen Unterbrechungen, nie wieder verließ. Erst 1831 trat er von seiner populären Congreßthätigkeit in’s Privatleben zurück, ward aber bald darauf vom General Jackson überredet, eine Mission an den Hof von Petersburg zu übernehmen, wofür er zum Mitglied des Senats und zweimal wieder für den Congreß gewählt ward. Im März 1845 zum Minister oder Staatssecretair erhoben, diente er Amerika vier Jahre in dieser Eigenschaft, worauf er wieder in’s Privatleben zurückkehrte, aber auch nur, um 1853 die Gesandtschaft für den Hof von St. James zu übernehmen. Unter dieser seiner letzten Thätigkeit entwickelten sich die Streitigkeiten Amerika’s mit England um Crampton’s geheime Werbeoffizierpfuscherei und Centralamerika. Er soll England gegenüber nicht energisch genug (Andere sagen: zu energisch) gehandelt haben, weshalb er vor einigen Monaten die Vertretung Amerika’s am Hofe Lord Palmerston’s aufgab, um sie einem wenn nicht klügeren, so doch einem feineren und würdigeren Herrn, George Mifflin Dallas zu übertragen.

Als dieser unlängst in einem mächtigen Dampfer zu Liverpool ankam, machten die Passagiere darauf große Augen. Der freundliche, vornehme alte Herr mit weißen Haaren war auf der Reise wie ein gewöhnlicher Kaufmann angesehen worden. Jetzt hieß es plötzlich: das ist Dallas, der neue amerikanische Gesandte. Hat er Frieden oder Krieg bei sich in der Tasche? – Beides, denn er brachte Instruktionen, welche die englische Diplomatie consequenter Weise zum Kriege genöthigt haben würde, die aber, da sie bestimmt und energisch waren, den Lord Palmerston und die Seinen sofort überzeugten, daß die amerikanische Regierung, [402] obgleich blos im schwarzen Leibrock auftretend, und selbst an Höfen der Uniformen keinen Staatsrock anziehend, sich durch den Heiligenschein, den Pomp und die Renommage der englischen Diplomaten nicht blenden und einschüchtern lasse.

Dallas, den 10. Juli 1792 geboren, ist Sohn des Schatzsekretairs Dallas unter Madison und machte eine ähnliche Carrière wie Buchanan. Jurist und Politiker, wie dieser, und ebenfalls Demokrat, wich er in seiner amtlichen Beschäftigung von demselben hauptsächtlich nur durch seinen Gesandtschaftsposten in Petersburg und seine Vice-Präsidentschaft der vereinigten Staaten (1844) ab. Im Uebrigen sind beide amerikanische Staatsmänner von ziemlich gleicher Richtung und Fassung, nur daß Dallas den Vorzug einer imponirenden, vornehmeren, klüger-gemessenen und deshalb energischeren Thätigkeit und Persönlichkeit vor dem Irländer Buchanan voraus hat.

Wir sind viel zu wenig mit den innern politischen Verhältnissen und Stimmungen Amerika’s bekannt, als daß wir genau angeben könnten, welchen speciellen Verdiensten letzterer seine Präsidentschafts-Candidatur verdanke. Wir geben die Physiognomien beider Männer eben nur als solche. So sehen die beiden Männer aus, welche Englands prahlerisches Kriegsgeschrei durch Einfachheit und Energie blamirten und die krim-gedemüthigte englische Diplomatie noch einmal demüthigten. Es sind die beiden bedeutungsvollen Köpfe, mit denen Amerika seine Überlegenheit über die diplomatischen der alten Welt überhaupt bewährte (nicht blos die Englands). Dabei hat das feiste Gesicht Buchanan’s vielleicht noch eine große Bedeutung für die nächsten Jahre, die wahrscheinlich tiefbrennende Lebensfragen Amerika’s und mittelbar auch unserer alten Welt entscheiden.