Spaziergänge auf dem Meeresboden

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Titel: Spaziergänge auf dem Meeresboden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30; 32, S. 402–404; 431–433
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[402]
Spaziergänge auf dem Meeresboden.
(Von einer in England lebenden deutschen Dame.)
Erster Ausflug.

Wir befanden uns an der Südküste von Devonshire; die Ebbe war im Begriff einzutreten und wir dachten nicht daran, welch’ große Welt von Schöpfungswundern sie uns erschließen könnte, sondern schlenderten am Meeresufer, um uns die langwerdende Zeit zu vertreiben. Dieses eintönigen Lebens müde, klagten wir unsere Noth einem eben zu uns gekommenen Freunde, dem Dr. D... , und dieser kam unserm Gedächtniß zu Hülfe, indem er zu unserer großen Freude uns aufforderte, die Ebbe[1] zu benutzen und mit ihm ein Boot zu einer Fahrt auf dem Meere zu betreten, um die Schönheiten seines Grundes, die uns die hochgehenden Wogen verbergen, zu bewundern.

Wir hatten den folgenden Tag zu unserer Fahrt festgesetzt und bestiegen zur verabredeten Stunde mit zwei Ruderern ein schon für uns bereitstehendes Boot, indem wir uns den Befehlen des Steuermanns fügten. Die Wogen des Wassers waren lebhaft und so klar wie Krystall. Erde, See und Himmel schienen sich vereinigt zu haben, unser Vergnügen zu einem vollkommenen zu machen. Der schöne Strand, herrlich in seiner Sommerpracht, war nicht so weit von uns entfernt, daß wir nicht jeden einzelnen Baum und Masten wilder Blumen genau hätten unterscheiden können, während unser Boot nach Livermaid hinschoß, wo unser erster Landungsplatz sein sollte.

„Was sind dieses für Thierchen im Wasser, Herr Doctor?“ fragte eines der Mädchen.

Ein Ausruf allgemeinen Erstaunens war hörbar, indem wir über die eine Seite des Fahrzeuges in die See schauten. Wir sahen einen ungeheuern Schwarm von luftballonähnlich geformten Thierchen. Das Wasser um unser Boot herum war beinahe mit ihnen bedeckt; einige von 3–4 Zoll, andere nicht einen halben Zoll im Durchmesser. Sie sahen der Hälfte einer Scheibe ähnlich, waren von einer halbdurchsichtigen Substanz, auf der Mitte des Rückens mit einem schönen fliederfarbenen Kreuz, aus vier in der Mitte zusammenlaufenden Ringen bestehend, und sonst in verschiedenen Farben spielend. Die Schönheit der Farben war ausgezeichnet und deutlich zu unterscheiden, wenn das Geschöpf auf der Oberfläche des Wasses erschien und ruhig wieder unter dieselbe tauchte. Herr D. nahm eine halbdurchschnittene Glaskugel, tauchte dieselbe unter das Wasser und brachte ein Exemplar in vollkommen gutem Zustande zum Vorschein.

„Sie sind so zart und empfindlich,“ sagte er – indem er das Glas hoch hielt, um es in gleiche Richtung mit den Strahlen der Sonne zu bringen – „daß ich sie immer auf diese Weise fange, denn wollte man sie mit der Hand oder einem Netze fangen, würden sie jedesmal mehr oder weniger beschädigt. Auf diese Weise aber haben wir uns unserer Beute versichert, ohne sie mit etwas Anderem in Berührung zu bringen, als mit ihrem eignen Elemente.“

„Nun sagen Sie mir, ob Sie jemals ein Geschöpf von solcher Schönheit sahen? Wenn wir ein Ding hätten schaffen sollen, allen Stößen des Meeres ausgesetzt, wir würden nicht so etwas Zartes versucht haben. Seht, wie schön es für sein Element eingerichtet ist! Diese ausgezeichneten Bewegungen! Und wie es den Schwankungen des Wassers so geschickt nachgiebt!“

„Aber wie kommt es, Vater,“ fragte die kleine A., „daß wir nicht schon früher einige gesehen haben?“

„Der Grund davon ist,“ antwortete Herr D, „daß sie sich nur bei sehr ruhigem Wasser zeigen und bei unruhigem sich sofort unter die Meeresgewächse verbergen.“

Leser, wenn Du Dich noch niemals in einem Boote, inmitten einer Menge unterseeischer Felsen befunden hast, welche mit allerhand Seekraut dicht überwachsen, an einem Ufer, wo das Wasser sehr klar ist, so gebe ich Dir den Rath, es sobald als möglich zu thun. Schaue hinab in die Scene, welche sich Deinen Augen offenbaret. Nur zur Zeit der außerordentlichen Ebbe ist dieses unterseeische Schauspiel so schön, dann nur sind die Regionen der größern und verschiedenfarbigen Seegewächse dem Auge aufgedeckt. Schau über den Rand Deines Fahrzeuges in das tiefe klare Wasser, Du wirst einen Anblick haben, welcher Dich für die Mühe Deines Weges belohnt. Bist Du ein Dichter, es wird Dir neuen Stoff zu einer Schöpfung geben, welcher einer poetischen Steuer wohl werth ist. Hier fluthen ungeheuere Zweige viele Fuß lang und verhältnißmäßig breit, einige im tiefsten Olivengrün, andere im prachtvollsten Purpur und andere wiederum in jeder Schattirung von Braun und Roth; während einige darunter entweder von der Wirkung [403] des Lichtes oder von einer Decke von Pflanzenthieren, welche deren Oberfläche mit ihren ausgebreiteten feinen Tentakeln überziehen, so weiß wie Schnee aussehen. Da liegen sie flach und platt, ihre schönen Zweige und Aeste untereinander mischend; die lange Laminaria saccharina, mit ihren gleich Busenstreifen gekräuselten Rändern, alle in dem Wasser sich wiegend, und in unendlichen Bewegungen auf- und niedersteigend; aber Bewegungen so zierlich und würdevoll, daß sie den besten Eindruck der Beständigkeit machen, womit sie sich in ihren felsigen Betten hin- und herbewegen, und von der Festigkeit des Gefüges, sowie der Biegsamkeit des Baues, durch welchen sich diese Art Algen charakterisiren. Doch findet man hier nicht blos vegetabilisches Leben, zwischen den Seepflanzen schwimmen auch verschiedene kleine Fische und in- und außerhalb denselben wiegen und kriegen Dutzende von großen orangefarbenen Sternfischen (cribellae) herum. Auch Eremitenkrabben, in ihren geborgten Häusern, und wunderbare Seeanemonen, mit ihren tausendfarbigen Scheiben, ausgebreitet um kleine Krabben und Weichthiere zu fangen, welche alle in der Nähe herumschwimmen und dem schönen unterseeischen Schauspiel Leben und Abwechselung verleihen.

In diesem Augenblick streift der Kiel an den Grund des kleinen Bassins, in welchen unser Bootführer uns gefahren hatte, und zuerst an das Land springend half er uns Allen über den Rand der schlüpfrigen Seegewächse, welche unsern Landungsplatz bildeten. Sein Fahrzeug der Aufsicht eines Knaben übergebend, stand er mit Hammer und Meisel in der Hand, fertig, seinen Antheil an unsern Thaten zu nehmen.

Herr D., der Führer und Fürst unserer Expedition rief uns bald um einen der schönsten Fluthteiche zusammen.

Was sind Fluthteiche? Wie oft ist mir diese Frage vorgelegt worden! Jeder wird leicht einsehen, daß wo Erhöhungen auch Vertiefungen sind, und ebenso daß es Felsenarten von verschiedener Festigkeit gibt, so daß einige vom Wasser leichter abgerieben werden als andere. Der weichere Theil des Steines wird von den rastlosen Arbeiten des Wassers weggespült; dadurch bilden sich größere und kleinere Höhlen. Diese werden bei gewöhnlich hohem Wasserstande von der See bedeckt, und halten das Wasser, wenn die Fluth abgelaufen ist, zurück und sind folglich stets angefüllt. Wenn kein Sturm die Tiefe beunruhigt, ist das Wasser in diesen außerordentlich klar und durchsichtig. In diesen Lagunen hausen alle Arten von Uferthieren, beschützt durch die überhängenden Zweige der Seegewächse. Da sie immer unter Wasser sind, gehören sie oft zu den Arten, welche gewöhnlich nicht so nahe am Lande gefunden werden.

Ein Fluthteich ist eine tiefe, ovale, tassenförmige Höhlung, ungefähr 3 Fuß im weitesten Durchmesser und von derselben Tiefe und so schön von der Natur in Kalkfelsen eingehauen, mit einer so glatten Oberfläche, als ob sie von einem Steinhauer gearbeitet wäre.

Um den Rand herum wachsen Büschel der gewöhnlichen Koralle, welche eine weiße buschige Krause bilden, und ungefähr sechs Zoll in die Tiefe reichen. Einige Exemplare des blasigen Fucus findet man daselbst vereinzelt. Die gewölbten Vordertheile der schön geblätterten Laminaria, welche ich schon früher erwähnt, hingen ziemlich bis zum Boden hinunter, genau gleichend, ausgenommen in ihren braunen Farben, den mit Hirschzungenkraut überwachsenen Häufen, welche oft die Vorderseiten englischer Häuser zieren. Unter den Korallen findet man einige kleine rothe Seekräuter, wie z. B. Rhodomenia palmata und den dunkelrothen Chrondus crispus in schönen Büscheln wachsend, und einen stahlblauen regenbogenfarbenen Schein wiederspiegelnd. Alle die niedern Parthien der Seiten und des Bodens sind, mit Ausnahme von zwei oder drei kleinen Ulvas, ganz frei von Seekraut bis auf wenig überrindete Flecke des Korallengrundes. Die ganze Oberfläche des Felsens in diesen tiefen Theilen ist ganz klar, so daß uns nichts die Ansicht der Seeanemonen (actiniae), welche aus den Löchern hervorragen, stören kann. Sie breiten ihre runden Scheiben gleich flachen Blüthen aus, welche an der innern Fläche hängen. Es liegt etwas ungemein Reizendes in einem solchen Vivarium. Wenn ich an den felsigen Rand niederkniee und mein Gesicht an das Wasser bringe, wird das ganze Innere deutlich sichtbar. Die verschiedenen Formen und wunderschönen Farben der Seegewächse, vorzüglich des purpurfarbenen Chrondus, sind wohl der Bewunderung werth, und kann ich die kleinen Seeheuschrecken und andere Crustacea geschäftig von Gewächs zu Gewächs schwimmen sehen, oder wie sie ihren instinktartigen Bewegungen unter den Zweigen – wahre Wälder für sie – folgen. Kleine Fische, zu dem Geschlecht der Meerquappen gehörend, verbergen sich unter dem Schatten der Büschel, oder schießen zuweilen mit zitterndem Schwänze hervor. Ein oder zwei zartgeformte Sterne kriechen vermittelst ihrer langen und biegsamen Arme bedächtig herum, und zwar in einer Weise, die eine lächerliche Karrikatur eines mit Händen und Füßen in die Höhe kletternden Menschen darstellt; nur muß man sich einen von dem Scheitel des Kopfes herausgewachsenen Arm hinzudenken.

Dies ist das treue Bild eines dieser Fluthteiche, welche sich durch Abreibung des Wassers in den festen Felsen unter dem Meere bilden. Andere Vertiefungen zwischen den Felsen sind abschüssig und die Lagunen in vielen Fällen von 20–30 Fuß im Durchschnitt und nicht so tief im Verhältniß. Es war eine von letzteren, an welche Herr D. die ganze Gesellschaft rief. Eine unvergeßlich schöne, zauberhafte Scene. Ungeheuere Wälder jener großen schlüpfrigen, braunen Seegewächse, deren lederartige Zweige hier und da an das Ufer geworfen werden, standen an den Seiten der Vertiefung aufgerichtet, welche ungefähr halb voll des klarsten Wassers war und sich ganz bis an das Meer hinaus erstreckte, theilweis ganze Morgen von Felsen über den außerordentlichen niedern Wasserstand bedeckend. Die Vertiefungen an den Seiten bis in die Tiefe dicht mit allerhand marinevegetabilischer Stickerei und Häkelei von den verschiedensten Farben und Schattirungen umfranzt, z. B. der Cystoseira ericoides, prangend und schillernd in jeder Farbe des Regenbogens. Während wir hin- und hergingen, spielten die Farben von Lila in Erbsengrau, von Blau zu Braun und Gelb, je nachdem sich die Sonnenstrahlen an ihnen brachen. Es war eine dicke, fleischige Pflanze, welche diese brillante Wirkung hervorbrachte. Natürlich ließen wir es uns angelegen sein, mit unsern Hakenstöcken schöne Zweige herauszufischen; aber in dem Augenblicke, als sie aus dem Wasser herausgenommen waren, verschwanden alle deren herrliche Farbentinten, und wir fanden nichts als ein dunkles Gewirr von leblosem, grünbräunlich aussehendem Gras.

„Das schadet nicht,“ sagte Herr D, „thut es nur in diesen mit Wasser gefüllten Glastopf.“ Dies geschah. In dem Augenblick, wo sich das klare Wasser darüber schloß, kehrten alle seine herrlichen Farben wieder, so voll und schön wie vorher. „Lege es zu den andern Gegenständen, und wir werden uns zur Zeit damit unterhalten,“ befahl Herr D. der kleinen A. „Nun, Kinder, wo könnt Ihr Saphire finden, welche so schön wie diese glänzen?“ auf einen Bündel dunkler Seegewächse deutend, welche aussahen, wie Bäume in Aladin’s Garten mit Edelsteinen behangen.

„Was ist dies, Herr D.?“ fragte Fräulein C. „Sind dies lebende Geschöpfe?“

„Nein, mein Fräulein, dies ist nur eine Wirkung des Lichtes an den Blättern des Seegrases. Das ist der Chrondus crispus und der Effect der Erscheinung ist nicht so vorübergehend, als bei den andern Seegewächsen; denn seht,“ sagte er, indem er sich über den Rand des Teiches lehnte, seinen Arm entblößte und ein Gebund der schönen flimmernden Edelsteine aus dem Wasser zog. Unsere Saphire blieben beinahe so schön wie vorher, und behielten ihren schönen metallischen Glanz wie im Wasser, bis das Gras ziemlich ganz abgestorben war.

Nachdem wir die verschiedensten Sachen zu unsern Studien gesammelt hatten und bemerkten, daß die Fluth langsam gegen uns herangekrochen kam, verließen wir diesen schönen Platz, und uns in kleine Gruppen theilend, fingen wir an, die Löcher und Felsen zu untersuchen. Steine wurden umgewandt, um zu sehen, ob ein Geschöpf Schutz unter denselben gesucht; Andere schlugen fleißig Stücken von den Felsen mit ihren Korallen, in der Hoffnung, einige von den delicaten Pflanzenthieren darunter zu finden, um dieselben mit Muße prüfen zu können, bis Herr D. die ganze Gesellschaft wieder zusammenrief, um in das Boot bis zur nächsten Bucht zu fahren. Drei von uns – von denen ich eine war – entdeckten, daß wir abgesondert waren. Wir hatten jedoch Muth genug, durch das Wasser zu waden und uns der Hauptgesellschaft im Boot anzuschließen. Da Salzwasser selten oder niemals erkältet, hatten wir unseres Naßwerdens wegen nichts zu befürchten.

[404] Wir fanden einige, von den ungeheuern lederartigen Zweigen der Laminaria digitata, mit ganz vorzüglich kleinen Muscheln besetzt; sie hängen mit ihren kleinen, gelblich weißen, dreifachen, sehr tief blaugestreiften Schaalen an ihnen, wie in gegliederten Ketten. Keins dieser lieblichen Thiere war größer, als ungefähr 1/6 Zoll in Länge und 1/8 Zoll in Breite. Sie lebten einige Tage in dem mit Wasser angefüllten Glase, in welches wir sie gethan hatten, und zeigten ihren kleinen, zarten, weißen Körper, und Fühlfäden (antennae), wenn sie an der Seite des durchsichtigen Gefäßes hingen. Ich hätte sie für eine Patella pellucida gehalten, wenn sie nicht zu klein gewesen wären; aber Kapitain Browns’ Muschellehre zu Folge, sind diese einen Zoll lang, und habe ich niemals Muscheln gefunden, welche meinen kleinen Lieblingen im geringsten geähnelt hätten.

„Nun, meine Freundinnen, will ich Euch benachrichtigen,“ sagte Madame D., „daß wir beim nächsten Landen nachsehen müssen, was unsere Körbe enthalten, damit wir unser Mittagsmahl halten können.“

„Auf jeden Fall,“ erwiederte Herr D., „denn ich bin hungrig wie eine Krappe. Sie wissen, meine Damen, Derartiges verliert die Hälfte der Schönheit, wenn Zeit und Platz nicht gehalten werden. Ich denke, unser nächster Landungsplatz soll hinter dem Brückenpfeiler zu Paington sein. Wir finden dort einige uns schützende Klippen. Ich schlage vor, daß wir dahin gehen, essen und trinken. Die, welche müde sind, mögen ruhen, während ich mit Hammer und Meisel einen neuen Angriff auf die Felsen mache, und einige von den großen Seeanemonen abzuschlagen suche. Diese sollten jederzeit mit Felsen und Allem abgelöst werden, denn wenn man sie lostrennt, beschädigt man sicher ihre Saugbasis, und ist die Haut davon gebrochen, so ist unsere Actinia crassicornis bald nichts mehr als ein Häufchen Verwesung, denn das beschädigte Stück löst sich ab und das Geschöpf bricht in Stücken. Es sind prachtvolle Schönheiten, wenn in gutem Zustande, demohngeachtet wünschte ich ein oder zwei purpurfarbene und einige von den scharlachnen und weißen Abarten zu besitzen. Nun, Kinder und Damen, springt an’s Land, wo möglich mit trockenen Füßen.“

Wir landeten und versammelten uns unter dem Schatten der Klippe, fielen ernstlich über unser Mittagsessen her, und mit solchem Appetit, wie ihn nur Ausflüge am Seeufer hervorbringen können. –

[431]
Zweiter Ausflug.

Als wir am Abend desselben Tages in dem D.’schen Hause versammelt waren und gehörig gegessen und getrunken hatten, kehrten wir in das Familienzimmer zurück, um unseres Wirthes aufgespeicherte Marine-Weisheit zu studiren.

„Nun, jungen Leute,“ sagte Herr D., „kommt her zu mir. Nehmt diese Lupe und Ihr werdet einen Baum voll Affen erblicken. Sie sitzen so dick darauf, daß kaum Platz für alle ist, ohne daß sich Einer auf des Andern Rücken hockt.“

Ein schreckliches Gelächter entstand unter den Mädchen, als sie durch das Vergrößerungsglas in den Wasserbehälter schauten, worin ein Zweig des vielfarbigen Seegrases von ungefähr 6–8 Zoll Höhe sich befand.

„O seht nur! Da ist Einer auf des Andern Schultern geklettert, und bewegt und küßt seine Hand, während er dahinfährt! Hier ist ein anderer auf dem höchsten Zweige, welcher dasitzt, als ob er eine Rede halten wollte. Jetzt verläßt er plötzlich seinen Platz und macht Sprünge von Zweig zu Zweig. Das sind gewiß ganz eigenthümliche Thiere, wie sie zwischen den Zweigen des Seegrases herumschwärmen und in der That nicht unähnlich auf Bäumen herumkletternden Affen.“

„Ach das müssen doch wenigstens 30–40 sein,“ sagte Fräulein C.

„Mehr noch! Zum wenigstens springen und klettern Hundert hier herum. Ich habe niemals solche komische Bewegungen und Possen gesehen. Bitte, sagen Sie uns, was das für Thierchen sind?

„Es sind dies kleine Fangkrebschen, Caprella, welche an den Gestaden herumschwärmen,“ erwiederte Herr D. „Sie pflegen sich mit den Hinterfüßen fest an Zoophyten zu halten, um sich mit ihrer gespenstigen Gestalt frei im Wasser, durch welches sie sich rück- und vorwärts bewegen, aufzurichten und mit ihren eigenthümlich geformten Vorderfüßen irgend eine vorüberziehende Beute zu fangen. Man braucht nicht viel Kenntniß dazu, um zu sehen, daß die Caprella zum Geschlecht der Raubthiere gehört. Es sind, von Ferne gesehen, komische gerippenähnliche Geschöpfe, mit langen dünnen, aus wenig Gelenken zusammengefügten Körpern und langen zappelnden Gliedern. Seht, wie es sich mit den sechs Hinterfüßen an das Seegras angeklammert hat! Und dann beobachtet diese eigenthümlich aufgerichteten Fangfäden, welche von dem Scheitel des Kopfes ausgehen, und die Bewegungen der Vorderfüße des Geschöpfes, welche ihm das Ansehen eines seine Hand küssenden Affen geben. Seht Ihr die eigenthümlich viereckig geformten Taschen an seinem Körper, welche wiederum mit schaufelähnlichen Figuren versehen sind?“

„Diese komischen Bewegungen, welche sie mit floßfederartigen Rudern machen, müßt Ihr sehen,“ sagte Fräulein C. „Wie diese Geschöpfe an den glätteren Theilen des Grasstengels hinklettern! Es bewegt sich wie eine Raupe, seinen langen fußlosen Körper in Schlingungen biegend, wie es sich mit seinen Vorderfüßen festhält, und die Hinterfüße an die Vorderfüße bringt, um sich dadurch vorwärts zu schieben. Und wie schnell geht das! Jetzt hat es sich von dem Grasstengel losgelassen und ist bis auf den Boden des Glases getaucht, was aussah, wie wenn ein Knabe sich mit dem Kopfe zuerst von einem Felsen herab in die See stürzte.“

„Nun, Ihr Kleinen,“ sagte Madame D., „nehmt das Glas mit den Affen in das Fenster und amüsirt Euch damit, hier ist eine Lupe, damit Ihr sie besser sehen könnt. Jetzt, Fräulein O., werde ich Ihnen etwas zeigen, was Sie noch nicht gesehen haben. Bemerken Sie den langen rosafarbnen hornigen Zweig, welcher parasitisch an dem Korallenzweige wächst? Es ist dies die Coryne squamata eine der schönsten und interessantesten Zoophyten, jedoch nicht selten vorkommend. Wenn Sie die Säulen genau betrachten, von welchen die Nebenzweige ausgehen, werden Sie finden, daß die Zweige sowie die Säule mit Roth umzogen und hohl sind, und eine eigenthümliche Masse einschließen. Diese Substanz ist der lebende Zoophyte, die hörnige Schale sein Polypidom oder Wohnplatz. Können sie die Büschel der kleinen rothfarbenen Knöpfe dieser Scheiben, welche die Enden der Zweige kräuseln, sehen? Jede von diesen gefransten Scheiben (einige, welche Sie sehen, sind rund, andere länglich viereckig, andere von noch seltsameren Formen) ist ein Polypenkopf, und diese kleinen Punkte mit knotigen Enden wie die Fühler eines Seeigels, mit welchen es umgeben ist, sind die Fangwerkzeuge oder Tentakeln. Es ist eine Art Hydra. Jedes dieser Thiere hat nicht weniger denn neun Köpfe, jeder mit zwei bis zwölf Tentakeln besetzt. Die Köpfe sterben aus und ersetzen sich nach einer gewissen Jahreszeit durch neue. Sobald sich ein solcher bildet, bemerkt man anfänglich einen rosafarbigen, sich nach und nach vergrößernden Knopf und ein zweiter und dritter erscheint, bis der Kopf vollständig ist. Wenn Sie genau darauf achten, können Sie deren graziöse, doch langsamen Bewegungen sehen. Jedes Tentakel ist in Bewegung, die Scheiben verändern ihre Gestalt fortwährend: die welche jetzt rund war, verlängert sich, und die lange und schmale rundet und kugelt sich wieder. Seht wie schön es den großen Kopf an seinem zerbrechlichen Stamme bewegt, gleich einer Dame, welche den auf ihrem Schwanenhalse sitzenden Kopf auf- und niederbückt und den Haarlocken freies Spiel läßt. Aber seht doch diese kleine liebliche dunkle Kreatur zwischen den Korallenzweigen auffahrend? Was ist das?“

„Ich kann Sie versichern, daß ich es nicht weiß,“ sagte Herr D. „Immer findet man etwas Neues und glaube ich, daß meine Entdeckungen nicht eher ein Ende nehmen werden, bis daß ich zu blind bin, länger danach zu sehen.“

Der Gegenstand, von welchem ich sprach, war eine Feder mit außerordentlichen flaumenartigen Fransen – zum wenigsten schienen sie mir so. Sie war nicht, wenn ausgedehnt, über 1/6 Zoll groß, aber schön genug, um Augen und Gedanken Stunden lang zu beschäftigen. Die Feder bestand aus zwölf kleinern.

Zuerst stieg sie gleich einem gallertartigen Klumpen in die Höhe, der sich nach und nach vergrößerte und an seinen äußern Spitzen anfing zu entwickeln. Bald hatte sie die Gestalt einer mit Regenbogenfarben geschmückten aufgeblüheten Blume. Ihre natürliche Farbe war fleischig, aber die Strahlen des Lichtes brachen sich auf eine so eigenthümliche Weise, daß in einer Entfernung der brennenden Kerze (denn alle diese Dinge wurden bei einem Lichte besehen, und immer so gestellt, daß es seine Strahlen in’s Glas werfen konnte) seine Schattirung blau ward, während es in einer andern mit Orangegelb, Weiß, Rosa und noch ein Dutzend andern Farben punktirt erschien. Aber das schöne reine Blau war immer die hervorstechendste. Durch eine Berührung des Wassers fiel das zierliche Geschöpf in das Korallenbad zurück, erhob sich jedoch dann wieder in solcher schattenhaften Weise, daß es Einer von uns mit einem Traume, ein Anderer mit einem Gedanken verglich.

Während Herr D. und ich mit einigen Andern unser Korallenfeld untersuchten, hatte Madame D. ein hohes enges Glas herbeigebracht, mit klarem Seewasser gefüllt und einen Zweig des gemeinen groben Seegrases (Fucus serratus) hineingetaucht. Sie rief mich zu sich und ließ mich nach dem Zweige und den Blättern des Grases sehen. Wie unendlich groß war mein Entzücken über das sich meinen Augen darbietende Schauspiel. Zurst sah ich nichts als eine rauhe braune Rinde, welche den ganzen Zweig einschloß und in runden Flecken auf den Blätter desselben lag. Nach einer Weile jedoch entdeckte ich kleine weiße durchsichtige Klümpchen, welche immer eins nach dem andern sich vergrößerten und am Ende sich zu Spitzen bildeten, aus welchen noch andere herausschossen – gerade wie die Röhren eines Fernrohres, das man auseinander zieht. – Aber eine kleine Bewegung des Tisches machte meiner bewundernden Erwartung ein Ende; denn in einem Augenblick verschwanden alle die Spitzen, welche in Hunderten herauszukommen schienen, und nichts als der braune unansehnliche Ueberzug blieb zurück.

Noch gab ich Achtung und ward bald für meine Geduld durch das Wiedererscheinen der Spitzen reichlich belohnt, welche diesmal viel schneller und in viel größern Massen zum Vorschein kamen.

Bald war die ganze Oberfläche der Rinde mit diesen bedeckt; eins öffnete sich nach dem andern mit ungefähr zwanzig eiszapfenähnlichen Tentakeln, die sich in die Form eines offnen Lampenschirmes ordneten. Ich erinnere mich nicht, jemals ein so reizendes [432] Schauspiel gesehen zu haben. Viele Tausende dieser kleinen lieblichen Dinger hatten sich vollkommen entwickelt, und spritzten von ihren festen Sitzen im Wasser umher, ihre lilienweißen Köpfe so weit niederbiegend, bis sie ziemlich flach auf dem Blatte lagen, um sie plötzlich wieder aufzuheben, und mit jedem einzelnen Tentakel zwickernd, ohne Zweifel um seinen spärlichen Raub zu fangen. Diese unsichtbaren Partikelchen des Lebens, Infusorien, an welchen das Wasser so reich ist und von welchen die kleinen Kreaturen leben, dieses ausgezeichnete Pflanzenthier ist das Cyclorum papillosum. Man findet es in Menge an den Seegewächsen, ein wenig über dem niederen Wasserstande, aber nur wenige, welche den Strand besuchen, sehen es, weil sie nicht wissen, daß der rauhe schmutzige Ueberzug, welcher das Seegras bedeckt, der Garten ist, aus welchem durch die Berührung der Fee des Meereswassers die delikatesten Lebensblumen hervorschießen. Ich zählte 38 dieser kleinen Thiere auf einem Fleckchen nicht größer als mein Fingernagel. Man kann deren Gestalt ohne Lupe sehen, aber nicht die Einzelnheiten, welche ich eben angeführt habe. Da ich nicht gern lateinische Namen, wo deutsche angewandt werden können, führe, will ich sie von jetzt an Weingläser nennen, denn sie sind den glockenförmigen Weingläsern sehr ähnlich, wenn sie mit ihren schönen glasigen Tentakeln aufrecht an ihrem leichten Stengel stehen.

Ich ward von Herrn D. zurückgerufen, um in sein Glas, in welches er einen neuen Gegenstand gestellt hatte, zu sehen. Es war dies eine Gruppe von Enten- und Schüsselmuscheln (Balanus cranchii), alle damit beschäftigt, ihre großen, braunen, handförmigen Netze, mit welchen sie ihr Abendbrot fangen wollten, auszuwerfen. Obgleich sehr unterhaltend, war es für uns nichts Neues mehr, und ich konnte mich dabei nicht aufhalten, da ich eben eine andere Art Zoophyten entdeckte, welche dem Stein, wo sie sich niedergelassen, ein Busenstreifen ähnliches Aussehen gaben. Auf der einen Seite war ein kleiner, bernsteinfarbiger Berg, dicht mit gleichmäßigen Zellen besetzt, einer Honigscheibe ähnlich. Von jeder sprangen bernsteingelbe Tentakeln hervor, ungefähr wie meine Lieblings-„Weingläser“ geformt. Auch bemerkte ich eine Art der Sertularia, welche wie ein Wald kleiner kompakter Zellen in zwei gegenüberliegenden Reihen dastanden. Einige der Hauptzweige waren über einen Zoll groß, von welchen mehrere auf jeder Seite mit kleineren Zweigen regelmäßig abwechselten. Die ganze Pflanze sah aus wie ein Baum. Von jeder dieser Zellen des oberen Theiles der Seitenzweige ragten kleine blasige Sterne hervor, wie kleine Jasminblüthen, nur ganz durchscheinend und glänzend.

An vielen Theilen des Steines erhoben sich einzelne Röhren, von welchen weiße Sterne an der Spitze, mit den vorhergehenden ziemlich ähnlich, hervorstanden; aber das Lieblichste und Ueberraschendste war eine Menge von schneeweißen Zickzackstämmen und Zweigen, welche so leicht waren, daß sie beständig fibrirten, und an jeder Spitze eisige Quasten erscheinen ließen, welche, wenn sie sich bogen, schimmerten und glänzten und mit ihren Diamantspitzen im Wasser zitterten. Der Stein sah aus wie ein Blumengarten, und dieser wiederum wie ein Beet voll weißer Astern und war von einer gläsernen Durchsichtigkeit. Das hübsche Gewächs war die Laomedia geniculata. Eine Schnecke, mit lauter einförmigen Blumen besetzt, lang und röhrenförmig, wie der Stengel einer blühenden Lilie, milchweis und undurchsichtig, entdeckte ich außerdem im Glase. Sie erhoben sich zuerst in kleinen, weißen, runden Klümpchen, dehnten sich später nach und nach aus, bis die Lilienstengel mit fünf bis acht zartgeformten Blumenblättern besetzt erschienen. Diese Schnecke war der Wohnplatz einer kleinen Eremitenkrabbe (Pagurus Bernhardus). Diese große runde Schnecke war auf jedem Theile ihrer Oberfläche mit einer Masse von hübschen Zoophyten (Hydractinia echinata) besetzt, welche, als die Krabbe darüber kletterte, wie ein Kopf voll weißer Haare wogten. Einige dieser Geschöpfe waren einen vollen Viertelzoll lang, und standen so dicht wie Haare, so daß sie der Schnecke ein mit weißem Pelz überzogenes Ansehen gaben.

Fräulein A. brachte jetzt eine große auf einem Drahtgestell stehende, mit Wasser angefüllte Glaskugel, in welcher die am Morgen gefangenen Meduse herumschwammen. Aber das Wasser war ganz trübe. Es sah ungereinigtem Kalbfuß-Gelée ähnlich, deshalb konnten wir das Geschöpf nicht eher in Augenschein nehmen, bis Herr D. das unreine Wasser mit reinem vertauscht hatte. Obgleich ganz klar, wurde es doch bald durch die fortwährenden Ausschwitzungen der Medusen getrübt. Wir hatten jedoch Zeit, die anmuthigen Bewegungen dieses Geschöpfes zu beobachten: den feinen, gefransten Rand, das fortwährende Ausdehnen und Zusammenziehen der Tentakeln, welche öfter einen halben Zoll vom Rand herunterhingen, dann wieder ganz zusammengezogen waren, je nachdem sich der Ring zusammenzog oder ausdehnte, wodurch der ballonartige Körper vorwärts getrieben ward, die gekräuselten und wie mit Falbeln besetzt aussehenden Gehänge, von welchen vier kreuzweise vom Mittelpunkt des untern Schirmtheiles hängen, steigend und fallend, so daß sie einen Augenblick tief in’s Wasser hingen, und den andern gänzlich unsichtbar wurden.

„Folgt mir jetzt,“ sagte Herr D., indem er das Glas nahm und nach der Thüre zu ging. Er führte uns Alle in eine kellerartige Stube, ein einziges Licht mitnehmend. Daselbst angelangt, rief er mit seiner tiefen Baßstimme: „Nun löscht das Licht aus, denn wir müssen totale Finsterniß haben.“

Nachdem dies geschehen, peitschte unser Freund mit einem Gebund Zweige das Wasser, worin sich die Medusen befanden. Welch’ ein wunderbares Schauspiel! Das Wasser war voll Feuer, jeder Zweig schien von Phosphorglanz erleuchtet, jeder Tropfen Wasser war ein Diamant, und in der Mitte des Wassers glänzten zwei feurige Ringe, die Medusen, in einem Gewand von glänzendem Licht, kleine Sonnen von Glanz und Glorie. Als Herr D., angetrieben durch den Beifall der Zuschauer, das Wasser immer heftiger schlug, wurde das seltsame Feuerwerk im Wasser noch schöner. Die Wassertropfen, welche er in seinem Eifer über den Rand an den Boden spritzte, glänzten wie Johanniswürmchen, und Blitze des Lichtes flogen nach allen Seiten umher.

„Seht Ihr,“ sagte er endlich, „hier haben wir den Schlüssel zu den geheimnißvollen Erscheinungen, welche die Seeleute und Andere so oft in Verlegenheit und Furcht gebracht haben. Ich meine die phosphorischen Lichter, welche zu gewissen Zeiten die Wogen des Meeres erleuchten. Man kann dann die Ruder, so oft sie aus dem Wasser hervorkommen, mit Feuer überzogen sehen. Jeder Tropfen, der niederfällt, erscheint wie ein Tropfen Feuer. Ich habe sogar ganze, morgengroße Flächen Wassers wie Feuer gesehen und Schiffskiele, welche auf ihrem Wege große feurige Streifen hinter sich zurückließen. Manchmal ist die Oberfläche des Meeres ganz und gar Licht, jede Welle bricht sich zu einem feurigen Kamm. Dieser prachtvolle Effekt entsteht durch die Masse von Zoophyten und vorzüglich Medusen, welche sich in dem Wasser drängen. Unsere Exemplare hier gehören zu den größern, aber es giebt noch Myriaden in dem Meere, nicht größer wie eine Erbse und noch andere, unsichtbar für das unbewaffnete Auge. Wenn sie jedoch phosphorisch leuchten – vielleicht besteht darin ihr Denken und Fühlen, insofern ja auch nach dem berühmten Ausspruch Moleschott’s kein Denken ohne Phosphor möglich sein soll – werden alle die Myriaden unsichtbarer beseelter Stäubchen sichtbar, da sich jedes mit einem wirklichen flammenden Heiligenscheine umgiebt. Jedes Stäubchen wird dann eine Sonne, strahlend und leuchtend aus eigner, innerer Lebens- und Gedankenfülle. Diese Sonnen der Tiefe leuchten in ein Leben hinab, von welchem wir bis jetzt blos Randbemerkungen kennen, auf ein Leben, gegen dessen Fülle, Farben- und Formenreichthum, gegen dessen Schönheiten und Schrecken unser oberflächliches Pflanzen- und Thierleben arm erscheinen würde; sie beleuchten unterseeische Gebirge beinahe eine deutsche Meile hoch oder tief und in unergründliche Tiefen hinab, in welche selbst kein centnerschweres Senkblei an meilenlangen Tauen hinabreicht, auf Meerungeheuer, gegen dessen scheußliche Gestaltung und Grausamkeit unsere grimmigsten Raubthiere zu Lämmern werden, auf riesige Pflanzenthiere, wie tausendjährige Eichen groß, aus deren tödtlichen Umarmungen, Saug- und Schlingapparaten sich der stärkste Mann nicht loswinden kann. Ein Matrose, der im indischen Oceane von einem solchen Raubpflanzenthier gepackt ward, rettete sich blos dadurch, daß er die von dem Ungeheuer umklammerten Glieder eins nach dem andern aus dessen lebendigen, gierigen Zweigen loshieb. Das ist entsetzlich! Aber die Natur fragt nicht danach, was uns entsetzlich erscheinen mag. Sie schafft und verschlingt in unerschöpflicher Energie und Fülle ununterbrochen das Herrlichste und Häßlichste, selbst mitten in Tod und Zerstörung neues Leben, neue Lust und Qual des Entsetzens, des Bestehens und Vergehens. Wir kennen ihre Gesetze, ihre Pläne, ihre Aesthetik nicht, wir suchen blos darnach und sind glücklich, wenn wir einmal ihre tiefsten Geheimnisse ahnen. Weil wir noch nicht in ihr inneres Wesen eindringen, [433] den Umfang ihrer Gestaltungsgesetze noch nicht übersehen können, deshalb erscheint uns Vieles unbegreiflich, sinnlos, häßlich, grausam, während uns oft die wunderbarsten Schönheiten mitten in ihrer dunkeln Werkstatt überraschen. Welch’, in Prachtscenen und Feuerwerken, zum Schlusse des letzten Aktes prunkendes Theaterstück könnte mit dem Schlusse unseres Spazierganges unterm Meere, mit unserm Feuerwerk aus dem Wasser wetteifern?“

Aber während Herr D. so sprach, hatte er aufgehört, das Wasser zu peitschen, so daß uns dichte, unheimliche Finsterniß umgab, in welche nur die unerschöpflichen Variationen blühender und leuchtender Medusen schwach hereinschimmerten und uns selbst zu unheimlichen Schatten und Gespenstern umzuwandeln schienen. Das Grauen der Nacht und Tiefe umschlich uns. Ich selbst fürchtete mich. Eins der Kinder klammerte sich krampfhaft an mich und verbarg sein Gesicht in mein Kleid. „Licht, Licht!“ wimmerte es; „die feurigen Gesichter im Wasser sehen so schrecklich aus, als wollten sie mich haben!“

Ich dachte an den Erlkönig. Wir hatten hier wirklich so etwas vom Erlkönig der Tiefe, des unergründlichen, erdumgürtenden Oceans vor uns. Wir Erwachsenen lachten über die Furcht des Kindes, aber als eine Krustacee („Birgus“ nannte sie Herr D.) aus einem Gefäße hervorbrach, und mit ihren langen, auf teleskopischen Stangen [2] leuchtenden Augen glotzig und grimmig umhergesticulirte, als wollte sie sich ein Opfer unter uns aussuchen, da hörte auch unter uns der Spaß auf. Das Kind schrie so herzzerreißend in Furcht und Entsetzen auf, daß wir Alle, so rasch wir konnten, die schöne, erleuchtete Erdoberfläche zu erreichen suchten, unser comfortables Zimmer, wo die Lampe freundlich wieder brannte, und wo am Tage die strahlende Königin des Himmels und Erden alles Grauen der Natur- und Phantasietiefen gebieterisch, aber freundlich in Schranken zu halten weiß.


  1. Es haben Manche und selbst Diejenigen, welche am Meere wohnen, nicht immer klare und genaue Kenntniß von den Ursachen der Fluth und Ebbe, oder des hohen und niederen Wasserstandes. Wir hören von hohen Fluthen und tiefen Ebben. Die erstere fällt in die Periode des Neu- oder des Vollmondes, wenn die scheinbare Bewegung der Sonne mit der des Mondes zusammenfällt und daher beide in ihren Anziehungskräften sich vereinigen; die letztere zur Zeit wenn der Mond in der Mitte seiner Bahn steht. Der Ab- oder Zufluß des Wassers braucht je 6 Stunden. Folglich ist in 24 Stunden 2mal hoch und 2mal niedrig Wasser; aber jedesmal 26 oder 27 Minuten später, als vorher, so daß, wenn die Fluth den einen Tag sich um 12 Uhr einstellt, sie den folgenden Tag 3/4 Stunde später kommt, und so fort jeden Tag. Die hohe Fluth, erscheint, wie es sich von selbst versteht, alle 14 Tage. Die Wellen des Meeres nehmen bei niederem Wasser an Größe ab und in demselben Grade zu, wenn das hohe Wasser zurückkehrt. Diese hohe Fluth dauert 3 Tage, zur Zeit des Neu- oder Vollmondes. Das Wasser steigt und fällt dann viel höher und tiefer, schneller und energischer, weil jetzt während der 6 Stunden je ein viel größerer Raum von den Wellen zurückgelegt werden muß, und diejenigen, welche das Ufer besuchen, sollten darauf achten, sonst würden sie sehr leicht vom Wasser überholt werden können. Es versteht sich, daß die Zeit des Tages, wenn der Stand des Wassers am höchsten oder niedrigsten ist, abhängt von der Gegend der Küste, wo man sich befindet. An der Südküste von Devonshire ist die außerordentliche Ebbe um 12 Uhr und die höchste Fluth um 6 Uhr, Morgens und Abends. Dann ist es Zeit für diejenigen, welche sich für die wunderbaren Schöpfungen des Meeres interessiren. Während der Ebbe werden weit in die See hinausliegende Felsen, sonst gewöhnlich mit Wasser bedeckt, trocknes Land, und die vorzüglichsten Zoophyten, Mollusken, Anneliden u. s. w., sowie auch seltene Algen zugänglich. Denn viele interessante Arten existiren blos, insofern sie beständig unter Wasser sein können; daher versteht es sich, daß diese Felsen, welche nur einige Minuten von Wasser entblößt sind, was nur 2mal im Monat vorkommt, sich dazu eignen, solche Arten am leichtesten zu liefern. Im März und September, zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, bedeckt und entblößt das Wasser den Grund mehr als sonst und bietet demnach dem Marine-Botaniker und Zoophytologisten Gelegenheit für seine Studien.
  2. Viele Seekrebse tragen ihre Augen auf hohlen Stangen. Wenn diese Stange eine Röhre und das Auge eine entsprechende Linse ist, kann man folgern, daß sie durch ein Perspektiv oder Teleskop Alles vergrößert, außerdem sehr weit und sogar um die Ecke sehen können. Der Birgus, eine Eremitenkrabbe, klettert sehr oft aus seinem Elemente bis in die höchsten Bäume hinauf, um deren Früchte zu verspeisen.