Canada. Niagara-Fälle

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Autor: unbekannt
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Titel: Canada. Niagara-Fälle
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 581–583
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Amerikanische Briefe.
Die Arbeits- und Lohn-Verhältnisse in Canada. – „Die tausend Inseln“ und ihre Zukunft. – Kingston. – Coburg. – „Das mittelländische Meer“ der neuen Welt. – Geologischer und mineralogischer Naturschätz der vereinigten Staaten. – Der Berg von Eisen. – Der Niagara-Fluß. – Queenstown. – Hamilton und die große Westeisenbahn. – Todtentanz um der Wasserkegel. – Die Kanäle zwischen Erie- und Ontario-See. – Das deutsche Hotel an den Niagara-Fällen. – Die Größenverhältnisse und Wirkungen der Niagara-Katarrakte auf den Correspondenten und die Amerikaner.

Von Neu-Schottland, den Städten Halifax, Quebeck und Montreal und was sich daran schließt, habe ich in flüchtigen Umrissen mitgetheilt, was ich gesehen und erfahren, dabei aber ein interessantes Dokument, welches mir in der Einwanderungs-Agentur von Buchanan in Quebeck abschriftlich mitgetheilt ward, vergessen. Es ist eine Lohn-Liste für die verschiedenen Arten von Arbeitern, die in Canada gebraucht werden, mit einem speciellen Bedarf derselben für Toronto allein. Für diese Stadt allein waren im Bureau von Buchanan bestellt: über 1000 Zimmerleute und Tischler, 1000 Maurer, 3000 Handarbeiter und Arbeitslustige im Allgemeinen, 500 Stubenmaler und im Verhältniß andere Handwerker, Dienstboten und Hände für Ackerbau und Gärtnerei. In Toronto allein fehlte es an mindestens 1000 Häusern für die gestiegene Zahl der Einwohner. Das ist ein Beispiel. Mit nur unbedeutenden Unterschieden gilt dasselbe von allen andern größern Städten Canada’s und den angrenzenden Ackerbaudistrikten. Die Lohnliste theile ich, übersetzt in Thaler und Groschen, für die hauptsächlichsten Arbeiterklassen mit. Maurer bekommen täglich bis über 3 Thaler, ebenso Dachdecker, Steinhauer, Tischler und Zimmerleute, Stubenmaler und andere Bauhandwerker nur etwas weniger, Hutmacher bis 3 Thaler, Schneider von 2 bis 3 Thaler, Schneiderinnen bis 20 Sgr., Drucker und Setzer bis 3 Thaler, Schuhmacher bis 2, Tapezierer 2 bis 2 Thlr. 20 Sgr., Böttcher ebensoviel, Arbeiter auf dem Felde mit Wohnung und Kost 20 Sgr. bis 1 Thlr. 10 Sgr., Handlanger und Tagelöhner aller Art bis 2 Thlr., Kinder von 12 bis 14 Jahren bis 15 Sgr., Kleidermacherinnen mit Kost bis 20 Sgr., Eisenbahnarbeiter 2 Thlr. und drüber, Dienstmädchen monatlich von 2 bis 8 Thaler, männliche Dienstboten von 16 bis 24 Thaler, Laufburschen 7 bis 10 Thaler, Fuhrleute mit einem Pferde bis 20 Sgr. für die Ladung innerhalb der Stadt. Dabei gilt als Regel, daß die Löhne noch durchweg steigen, während Verbrauchs- und Luxusgegenstände eine Neigung zu größerer Wohlfeilheit beibehalten, da die Industrie im Lande mit gesteigerter Zufuhr von Außen der steigenden Bevölkerung in Produktion von Vorräthen immer vorauseilen. Mit ein paar gesunden Armen, ein Bischen Arbeitslust und etwas Englisch im Kopfe kommt hier Jeder schnell und sicher vorwärts, d. h. zu so viel Kapital, daß er sich in irgend einer Weise als ein selbsständiger Mann etabliren und für Kinder und Kindeskinder emporblühen und Wurzel fassen kann. Ich sage dies in Erinnerung an manche Deutsche, die ich bald einzeln, bald in Gruppen unter den

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Die tausend Inseln im Lawrencefluß.

verschiedensten Verhältnissen antraf, deren einzelne Schicksale und Biographieen alle auf einen „Lebenslauf in aufsteigender Linie“ hinausgingen.

Dies schrieb ich auf dem Dampfschiffe zwischen Montreal und Kingston am Eingange in den Ontario-See. Die vierundzwanzigstündige Reise gab dem Auge so viel Weide, daß ich bald alles Schreiben vergaß. Ich will Sie nicht mit Naturmalerei aufhalten, der Aufzählung von blühenden Städten und Trauben von weißen, winkenden Dörfern im Grünen, die uns auf beiden Seiten des mächtigen Lawrence begleiteten; nur ein Wort über das Paradies der „tausend Inseln“, durch welche wir uns aus dem über eine deutsche Stunde breiten Lawrence in den Ontario-See hindurch wandten. Die Inseln sind von allen möglichen Größen und Gestalten, von dem einzeln und öde sich erhebenden Felsen bis zum weitesten, duftigsten Parke und Paradiese mit allen möglichen Schattirungen von Laubwerk und Blumen und Thieren. Die größte, die Wolfsinsel, Kingston gegenüber, streckt sich durch die Mündung des Lawrence in den See über vier deutsche Meilen bei einer Breite von 1 bis 11/2 Meilen. Die ganze Inselgruppe spiegelt sich grün und [582] duftig 12 Meilen lang in den blauen Wogen des riesigen Flusses. „Die tausend Inseln“ sind schon jetzt das Ziel von Tausenden, die in New-York u. s. w. der glühenden Sommerhitze entfliehen wollen. Hier und da erhebt sich ein weißer Palast, eine schöne Villa aus dem Grünen, um sich im Flusse zu spiegeln; wie wird’s hier in 20 bis 30 Jahren aussehen? Mancher sorgenvolle, um sein Leben und seine Kinder bekümmerte Einwanderer sitzt hier einst reich und glücklich im Kreise der Familie und Freunde unter dem Portikus seines fürstlichen Hauses und blickt auf seine Blumen und Bäume und hinaus auf das freudige Gewimmel von Dampfschiffen, Gondeln und Kähnen, die sich lustig zwischen tausend Inseln umhertummeln, und sieht mit Wohlgefallen in seine hohle Hand, aus welcher die weiche Sommerluft und die Güte seines Schicksals die harten Schwielen verwischt, und in sein Gesicht, aus welchem ein glückliches Alter die Furchen seiner Jugend wegglättet, und die lockigen, rothwangigen Kinder hören auf zu spielen und horchen der seltsamen Sprache, die der Vater oder Großvater mit einem alten Landsmanne aus Deutschland spricht.

In Kingston hielt ich mich blos eine halbe Stunde auf; ich kann also von den breiten Straßen mit bläulich-weißen Kalksteinhäusern und dem prächtigen Hafen weiter nichts sagen, als daß ich drüber hingeblickt habe. Das Dampfschiff, welches mich über den Ontario-See hinweg nach dem 36 deutsche Meilen entlegenen Toronto bringen sollte, ließ mir keine Zeit weiter. An der kanadischen Seite hin kämpfte der luxuriöse Palast mit seiner riesigen Dampfkraft fortwährend siegreich mit den ärgerlichen Wogen, die hier in einer Länge von etwa 40 deutschen Meilen (mit 14 Breite) ganz den Charakter des großen Meeres annahmen. Der Capitain sagte mir, daß der Onlario-See 234 Fuß über dem Spiegel des atlantischen Meeres liege, so daß der Lawrence in einer Länge von blos 130 deutschen Meilen um eben so viel fallen muß. Dies erklärt die ungeheueren Stromschnellen und die unzählige Masse kostbarer, zum Theil fabelhaft großartiger Kanäle, durch welche Kunst und Kapitalkraft dem mächtigsten Strome Trotz bieten. Der See ist stellenweise 600 Fuß tief, so daß sich das Wasser verhältnißmäßig warm hält und im Winter niemals friert. Deshalb genießt auch die ganze ungeheuere Landmasse, welche den See einschließt, ein bedeutend milderes Klima, als andere Gegenden Canada’s, wo der Winter zum Theil eine eben so sibirische Strenge erreicht, als der Sommer mit tropischer Hitze wetteifern soll. Der Ontario-See ist das mittelländische Meer der neuen Welt, um dessen milde, fruchtbare Gestade sich cultivirtere und reichere Völker ohne nationale Barbareien erheben werden, wie um das alte, welches Carthago, Rom, Griechenland, Frankreich, England und Spanien seit Jahrtausenden um politische Oberherrschaft blutig streiten sah und neuerdings noch Rußland fortwährend anspornt, sich der Schlüssel zu seinen Thoren zu bemächtigen, obgleich alle Völker vollkommen Platz haben, und eben so wenig Schlüssel und Thore nöthig sein würden, wie auf dem Ontario-See, wenn die alten Völker so – modern wären, wie die verschiedenen Völkermassen, die man kurzweg Amerikaner nennt.

Im weiten Sinne gehört zu dem „mittelländischen Meere der neuen Welt“ die ganze Reihe von Süßwasserseen, welche die nordamerikanische Halbinsel (zwischen dem Golf von Mexico und der Hudsons-Bay) in dem großen Becken des nordamerikanischen Continents von Nordwest nach Südost in einer Länge von mehr als 1000 deutschen Meilen durchschneiden und vom großen eisbedeckten, Eskimo-durchschwärmten Bärensee herunter bis zum grünen, milden Ontario fast überall durch natürliche Wasserstraßen und mit jedem Tage mehr durch Kunst verbunden werden. Das ist allein ein Vorzug Nordamerikas vor aller übrigen Erdoberfläche, der durch keine Cultur und Regierungsweisheit ersetzt werden kann, da die geringen Höhen von Flußgebieten ohnehin überall Canäle zulassen, durch welche man bald von den Lawrence- und Seengebieten in das ungeheuere Becken des Mississippi und Missouri hinübersteigen und selbst den stillen (jetzt bereits sehr lauten) Ocean erreichen wird. Diese Süßwasserseen nehmen zusammen einen Flächeninhalt von mehr als 40 Millionen Quadrat-Ackern ein und befruchten ein Landgebiet von 8–9000 deutschen Meilen. Sie übertreffen alle Süßwasser der übrigen Erde an Umfang und Wasserkraft.

Der Capitain, der sich immer ein Vergnügen daraus machte, die ungeheuern natürlichen Vorzüge seines Landes auseinanderzusetzen und durch verschiedene Specialkarten anschaulich zu machen, hielt auch gern Vorträge über die geologischen und mineralischen Schätze der vereinigten Staaten. Letztere sind für unsere Vorstellungen wohl durchaus fabelhaft und werden von Jedem, der nicht anderweitige Autoritäten studirt, zu den amerikanischen Windbeuteleien gerechnet werden. Was sagt z. B. der Leser von dem 700 Fuß hohen und 4 englische Meilen im Umfange messenden Berge von purem Eisen im Staate Missouri und der Behauptung unseres Capitains, daß man von ihm die Schienen zu einer Doppeleisenbahn rings um die Erde nehmen könnte, ohne daß man eine besondere Abnahme desselben merken würde? Daß im Staate Illinois allein Kohlen auf 30,000 Jahre für eine zehn- bis zwanzigfache Bevölkerung vorräthig lägen? Daß das jetzige Gebiet der Vereinigten Staaten mit Vergnügen 400,000,000 Menschen ernähren würde, wenn sie nur so gefällig sein möchten, herzukommen? Der Leser wird ohne Weiteres sagen: Das ist amerikanische Großprahlerei. Aber er mag sich denn auch die Mühe nehmen, andere Leute zu hören, welche genau und scharf studirt, gemessen und beobachtet haben. Ich erinnere mich, in deutschen und englischen Blättern Nordamerika’und Canada’s Auszüge aus Richard Wagner’s Buche: „Reisen in Nordamerika in den Jahren 1852 und 1853“ gelesen zu haben, welche diese enormen Zahlen- und Massenverhältnisse überall bekräftigen. Und so viel ich von dem Verfasser gehört habe (sein Buch selbst habe ich hier noch nicht gesehen), steht sein gründliches Wissen und seine genaue, scharfe Beobachtungsgabe außer Zweifel.

Unsere Reise den Ontario hinauf hatte außer den Genüssen, welche uns die hellgrünen Gestade der kanadischen Seite mit weißen Dörfern und Städten, unter welchen sich auch ein freundliches, lachendes Häusermeer mit dem gemüthlichen Namen Coburg zeigte, durch das Fernrohr gewährte, nichts besonders Merkwürdiges. Die Gestade sind größtentheils flach und nur weiter hinten und oben nach Toronto zu bekommt Alles ein malerisches, bilderreiches Gepräge. Doch bekam ich Toronto selbst vorläufig nur aus sehr weiter Ferne in seiner majestätischen Lage zu sehen, da ich zu denen gehörte, die sich mit der Dampfschiffgesellschaft, welche den Niagara-Fällen schon Hunderttausende von Dollars verdankt, nach jenem größten Naturwunder bringen ließen. Die Fahrt auf dem Ontario-See in den etwa eine halbe Stunde breiten Niagara-Fluß hinein, zeigte uns zunächst nur flache Ufer. Je weiter wir aber hinaufdrangen, desto mehr engte sich der Fluß zwischen steigenden Rändern, die sich allmälig bis zu 200 Fuß hohen Felsenwänden erhoben. Wir landeten in Lewiston auf der amerikanischen Seite, von wo aus die Niagara-Fälle hauptsächlich besucht werden, doch da der Capitain mich versichert hatte, daß sie von der canadischen Seile den besten Eindruck machten, lief ich in demselben Augenblicke zurück und mit dem Dampfschiffe weiter nach Queenstown hinüber. Hier wurden die Passagiere von Droschkenkutschern und Lastträgern beinahe meuchlings überfallen und Einige ziemlich handgreiflich mit Gewalt gepackt, hineingeschoben und fortgefahren. Um mich stritten sich zwei schwarze Burschen, die sich gegenseitig als wahre Halsabschneider schilderten, so daß ich mich vor dem Einen so gut gewarnt fühlte, wie vor dem Andern. Ich sprang, in den bedeckten Karren des Einen und fühlte mich sofort einen miserabeln, steilen Weg hinaufgerädert. Bald hatte ich die berühmten Queenstown-Höhen erreicht, wo der englische General Brock (1812) im Kampfe fiel und die jetzt eben mit einem neuen Denkmale versehen werden. Die Höhen laufen von hier aus um den Ontario-See herum bis nach Toronto und schließen manche Städte und Dörfer, zunächst das prächtig gelegene Hamilton und die große canadische West-Eisenbahn ein, welche von Erie aus oberhalb der Fälle am Niagara herunter und um den Ontariosee herumläuft und die östlichen und westlichen Theile Nordamerika’s, den atlantischen Ocean, den Mississippi und eine Menge der wichtigsten Handels- und Kulturplätze regelmäßig verbindet. Die Feierlichkeiten zur Einweihung dieser ungeheuern Bahn, welche am 17. Januar stattfanden, werden als eins der größten Festlichkeiten dieses Jahrhunderts geschildert. Die meisten Staaten hatten ihre Deputationen geschickt. New-York allein 400 Personen. In Detroit nahmen 2000 Personen an dem Festessen Theil. In Hamilton fanden ähnliche Festlichkeiten Statt. Und selbst in London konnten sich die Actionäre ein feierliches Festessen nicht versagen, als sie hörten, daß die Bahn während der ersten drei Monate im Durchschnitte 5000 Pfund Sterling wöchentlich eingenommen habe.

Um das Schauspiel der Niagara-Fälle in allen seinen Theilen zu genießen, stellte ich mich erst auf die 1040 Fuß breite [583] eiserne Hängebrücke, welche man bei Queenstown über den Fluß geschlagen, um von hier aus mehr dem fernen, dumpfen Donner der Wassermassen zu lauschen, als ihn zu sehen. In der That war nichts zu sehen, als eine wilde, wüste, tiefe, unheimliche Wassermasse in Dampf und Nebel gehüllt. Desto furchtbarer, desto grausenhafter und erhabener war das ruhige, dumpfe, seit vielen Jahrtausenden ununterbrochen donnernde Rauschen, das nichts von seiner dämonischen Kraft und Jugend verloren hat, während Hunderte und aber Hunderte von Menschengeschlechtern aufblühten und zu Staub und Asche wurden. Die Ufer an beiden Seiten fallen steil tief hinab, hier und da mit Baum- und Buschwerk bekleidet, an manchen Stellen vom obersten Rande bis zum Bette unten 400–500 Fuß tief.

Die Geologie hat nachgewiesen, daß die Fälle einst 11/2 deutsche Meilen weiter unten waren. Hier hat sich sonach das Sprichwort von dem Tropfen, der einen Stein aushöhlt, im großartigsten Maßstabe bewährt. Die Wasser haben festen Kalkfelsen 11/2 Meilen lang, eine halbe Stunde breit und 5–600 Fuß tief im Laufe von Jahrtausenden weggemeiselt. Weiter oben nach den Fällen zu fing der bisher lichtgrüne, ruhige Guß an zu kochen und zu wirbeln. An einer besonders engen Stelle bildet die gewaltig drängende Masse, die sich nicht schnell genug Platz verschaffen kann, fortwährend einen etwa 10 Fuß hohen Kegel, um welchen hineingeworfene Gegenstände oft Wochen lang in unablässiger Wuth getrieben werden. Ein Herr, der sich zu mir gesellte, erzählte mir, daß unlängst die Leichen von zwei englischen Deserteurs, welche weit oberhalb der Fälle über den Fluß hätten schwimmen wollen, von dem Sturze gepackt, hinabgeschleudert und hier über drei Wochen lang ununterbrochen um den Kegel herumgetanzt seien, als erfreuten sie sich da unten der übermüthigsten Lebenslust.

Das größte Naturwunder war dem nüchternen Amerikaner lange ein Dorn im Auge: er konnte ja mit seinen Schiffen weder von dem Erie in den Ontario hinab, noch aus letzterem in ersteren hinaufsteigen. Jetzt geht’s freilich desto besser und zwar mit einem jährlichen Gewinn von 350,000 Thalern durch die Thore des Welland-Kanals, der vom Port Dalhousie am Ontario sich durch 56 Schleusen aus Port Colborne in den Erie erhebt. Der Kanal reicht jetzt schon nicht mehr hin, um alle die Schiffe hinauf- und hinabzulassen, so daß die Regierung der vereinigten Staaten einen zweiten auf ihrer Seite ausgraben läßt. Der Welland-Kanal ist ein Werk der englischen Canadier.

Durch Wiesen, Baum- und Buschwerk, niedliche und prächtige Farms, reinliche, grasende Kühe, brachte mich endlich mein schwarzer Kutscher bis in die Nähe der berühmten Fälle, die ich – unromantisch genug – zuerst durch die schmutzigen Scheiben der Droschke erblickte. Auch beim Aussteigen blieb ich eigennützig genug, um einem langen Kerle nachzulaufen, der meinen Koffer von der Droschke raubte und ihn ohne Complimente in eins jener riesigen Hotels trug, denen man in Amerika fast eben so oft begegnet, als in Deutschland niedrigen Hütten. Eliston-House nannte sich das Ungeheuer mit mehr als 500 Zimmern und Betten und einem Speisesaale, wo man an dem einen Ende kaum das andere sehen konnte. Es ist das Eigenthum eines Deutschen, A. Zimmermann, der für sein Privatvergnügen noch ein besonderes Palais mit Park und Blumengarten bewohnt. Die Kellner sprachen in allen Zungen der Welt und schillerten in allen Farben vom tiefsten Schwarz durch Schinkenbraun, Indianerroth, Mulattengelb bis zum vollständigsten Milch und Blut jungfräulicher, deutscher Jugend.

Doch was ist das Alles gegen diesen Anblick und diesen festen, dröhnenden, dumpfen, immer im gleichen Tone unermüdlich seit Jahrtausenden her und in künftige Jahrtausende hineinbrausenden Donner! Wie soll ich den Eindruck schildern! Man hat die Niagara-Fälle in allen Sprachen und Tonarten oft genug beschrieben und besungen. Am Häufigsten und Leichtesten ist eine Anhäufung von poetischen Bildern und Interjektionen, von Gefühlsausbrüchen und Entzückungen. Damit befriedigt aber nur Der, welcher das Wunder wirklich sah und seine furchtbare Wirkung in sich zittern fühlte, sein eignes Ich. Wenigstens bleibt es immer sehr fraglich, ob man den Leser durch die gelungenste, wahrhaft empfundene Schilderung mit sich fortreißt und ihm eine richtige Vorstellung gebe.

Jedermann weiß, daß die Niagara-Katarrhakte in zwei Haupttheile zerfallen, welche durch die Ziegeninsel getrennt werden, den hufeisenförmigen auf der kanadischen Seite und den amerikanischen. Die Windung des Flusses drüben bringt den amerikanischen beinahe in einem rechten Winkel dem Beschauer gegenüber. Und das ist der Hauptgrund, weshalb man das ganze Wunder von der kanadischen Seite am Vortheilhaftesten auf sich wirken lassen kann, wiewohl auch der Umstand, daß man sich hier mit dem Haupte der Fälle in einer Linie befindet und hinunter sehen muß, eine optische Täuschung hinsichtlich der Tiefe hervorruft und so die erhabene Größe und Schönheit der Erscheinung schwächen mag. Doch bleibt mehr, als genug, um uns in allen Nerven und Fasern zu packen, zu erheben, auszudehnen und unser engbegrenztes Wesen auf die entzückendste Weise mit den heranjagenden Wassermassen hinunterzustürzen und mit ihnen in eine Unendlichkeit von Wasserstaub aufzulösen. Wie ich so, zufällig ganz allein, auf einem Felsenstück dicht am Rande da saß, die Wasser immerwährend heran- und hinunterstürzen und in Staub zerschmettern sah, glaubte ich immer mit hinuntergerissen und zerschmettert und über die ganze Welt versprüht zu werden, glaubte ich, hier sitzen bleiben und mich so auflösen lassen zu können. Und so verlor der Tod hier ganz seine Schrecken, und so erfuhr ich hier vielleicht zum ersten Male in meinem Leben den vollen ganzen Begriff und die göttliche Gewalt dessen, was der Aesthetiker mit vieler Mühe als „das Erhabene“ philosophisch begreiflich zu machen sucht. Die Mittel, welche diesen Eindruck anzeigen, grenzen auch schon an das Erhabene.

Durch genaue Messungen hat man gefunden, daß jede Minute 19,500,000 Cubikfuß Wasser in einer Tiefe von 20 und einer Breite von 4125 Fuß, auf der canadischen Seite 158 und auf der amerikanischen 164 Fuß tief herabstürzen. Die Breite dehnt sich also mit Einschluß der grünen Ziegeninsel etwa ein Fünftel deutsche Meile aus.

Eine halbe Stunde abwärts von den Fällen spannt sich wieder eine riesige Eisenbrücke wie ein feines Gewebe über den Fluß. Von der Mitte dieser Brücke aus ist der Blick auf die donnernden Schaummassen vor und die gepeitschten Wogen unter uns vielleicht der gewaltigste und erhabenste, den uns die Natur überhaupt bieten kann. Man steht wie ein Atom ohne Schwere, ohne Körper, ruhig wie ein Gott, auf Luft und Schaum – die luftige Brücke brachte mich hinüber nach Amerika und zwar nach Manchester. Dieser Name allein setzte mich wieder plötzlich derb auf die Erde. Die sich dicht neben dieser gewaltigsten Naturerhabenheit neubildende Stadt soll also Manchester heißen. Den Amerikanern haben also diese 19 Millionen Cubikfuß Wasser jede Minute umsonst gedonnert. Sie wollen ein Mühlrad über die Niagara-Katarrhakte setzen und damit 19 Millionen Baumwollenspindeln drehen. Sehr praktischer aber auch sehr kattuner Gedanke!

Die amerikanischen Leute von Manchester und Callicoe haben eine Brücke nach der Ziegeninsel hinüberschlagen lassen, um Jedem, der dieses originellste Stück Erde besuchen will, 25 Cents abzunehmen. Jeder giebt hier gewiß seinen letzten Heller hin, um in diesem Inselwalde zwischen den beiden Katarrhakten zu wandern, vorn am Abgrunde eine steile, hölzerne Treppe hinunter zu steigen und auf engen Felsenpfaden 50 Schritt weit hinter den herabstürzenden Wogen zu verschwinden und zuletzt über eine Brücke nach dem einsam aus einem Felsen mitten aus der stürzenden Wasserwuth sich erhebenden Thurm zu klettern, um sich einen letzten, großen, umfassenden Eindruck in die Seele zu prägen. Die sinkende Sonne goß ringsum weit in unbegrenzte Fernen ihr himmlisches Gold auf den weißen Schaum und alle Höhen und Flächen der großen, unfaßbaren neuen Welt herab, als ich zögernd den letzten Blick von einem Naturbilde zurückzog, welches die geologische Bildungskraft der Erde wohl nur einmal zu erzeugen im Stande war.



Anmerkung des WS-Bearbeiters:
Dieser Beitrag erschien als Nr. VI. in der Reihe Amerikanische Briefe.
Nr. V Quebeck siehe Heft 40
Nr. VII Von Canada nach Cincinnati folgt in Heft 52.