Charles Darwin (Sterne)

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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Charles Darwin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 315–16, 318
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[315]
Charles Darwin.
Eine Charakterskizze von Carus Sterne.


Am Nachmittage des 19. April hat ein Fürst im Reiche des Geistes, wie die Welt deren nicht allzu viele gesehen hat, sein Scepter niedergelegt, ohne damit aufzuhören, die Geister zu beherrschen. Selbst die Vielen, welche niemals eine Zeile von ihm gelesen, noch eine klare Einsicht in die Tragweite seiner Gedanken genommen haben, fühlen instinctiv aus der Art, wie man über ihn schreibt und spricht, die Größe des Verlustes heraus, der natürlich in den wissenschaftlichen Kreisen aller Länder am tiefsten empfunden wird. Demselben allgemeinen Gefühle ist auch England gefolgt, indem es allen bigotten Einwendungen, die sich etwa hätten regen können, zum Trotze die sterblichen Ueberreste Darwin’s dorthin zur letzten Ruhe gebettet hat, wo sie hingehören, an die Seite Herschel’s und Newton’s, in die Westminster-Abtei.

Fragt man, was diesen Mann, der sein Leben lang ohne Aemter und öffentliche Thätigkeit geblieben ist, die ihm einen äußeren Glanz und seiner Thätigkeit einen schimmernden Hintergrund hätten geben können, der, anstatt die wissenschaftlichen Versammlungen aller Länder zu besuchen und dort durch wohlausgearbeitete Reden Beifall zu erringen, so unverbrüchlich an seiner freiwilligen Verbannung nach einem kleinen Dorfe der Grafschaft Kent festgehalten hat, daß man ihn darnach den „Einsiedler von Down“ nannte, der auch keine Erfindungen gemacht hat, welche das materielle Wohl der Menschen unmittelbar verbessern könnten, was diesen Mann dennoch in den Augen Derer, die ein Urtheil in solchen Sachen haben, so hoch erhoben hat, so lautet die Antwort: Er hat den Menschen eine neue Weltanschauung gegeben, welche sie von der drückenden Sclaverei der Dogmen nicht nur des Buchstabenglaubens, sondern auch von den noch weit schlimmeren einer verknöcherten Wissenschaft befreit hat. Einen Befreier nicht einzelner Völker, sondern der ganzen Menschheit, nicht aus den Banden des Leibes, sondern aus der Knechtschaft des Geistes haben wir in ihm zu betrauern und zu ehren.

Seinen einfachen Lebensgang haben wir bei Gelegenheit seiner siebenzigsten Geburtstagsfeier den Lesern der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1879, Nr. 7) geschildert und wollen deshalb heute nur von der Bedeutung seiner geistigen Thaten und von den seltenen Charakterfähigkeiten sprechen, die ihn in den Stand setzten, diese Thaten zu vollbringen; denn nicht allein durch Scharfsinn hat er die ihm anfangs stark widerstrebenden Geister überwältigt und zu sich herübergezogen, sondern fast noch mehr durch das Gewicht seiner überwältigenden Persönlichkeit, durch seine nie ruhende Arbeitslust, durch seine Vorsicht im Schließen bei aller Kühnheit und Unerschrockenheit im Folgern, durch seine Milde und Herzensgüte im Urtheilen und Handeln, durch seine seltene Einfachheit und Bescheidenheit im Umgange und Verkehr, und dies hervortreten zu lassen, wird der eigentliche Zweck dieser Zeilen sein.

Zuvor müssen wir jedoch einen flüchtigen Blick auf die Weltanschauung vor dem Auftreten Darwin’s werfen. Seit dem Aufdämmern der Philosophie in Indien und Griechenland hatte der menschliche Geist darnach gerungen, eine Weltanschauung zu gewinnen, die der Größe der Natur, die vor Allem seiner selbst würdig wäre und seine höchsten Empfindungen von jenen Vermenschlichungen befreite, die ein naiver Sinn auf der Kindheitsstufe stehender Völker sich ausgesonnen hatte. Wie eine Schachtel mit lebendigem Spielzeug, starr für immer, unverbesserlich, keiner Entwickelung zum Vollkommneren fähig, sollte die Welt mit ihren Bewohnern, ein für alle Mal, fertig hingestellt worden sein.

Wir brauchen nicht des Nähern an die Spitzfindigkeiten zu erinnern, die erfunden werden mußten, um den Ursprung des Bösen und des Uebels in dieser „besten Welt“ zu erklären und ihre Mängel und Risse zu verkleistern. Fortgeschrittenen, klareren und feiner organisirten Geistern hat diese trostlose, „von außen gestoßene“ Welt niemals Befriedigung geboten, aber ihr Sehnen nach einer bessern Welt, ihr Ruf nach „mehr Licht“ war unstillbar und ohne Antwort geblieben.

Je mehr sich nun die Naturforschung in den letzten Jahrhunderten erhob, je weiter die Kenntniß des Weltgebäudes, wie der Erde und ihrer Bewohner fortschritt, um so unheilbarer wurde der Bruch zwischen der Vernunft und den mythologischen Ueberlieferungen des Alterthums. Zumal die Untersuchung des Erdinnern lieferte von Tag zu Tag neue Beweise, daß andere Wesen als die jetzt lebenden die Erde früher bewohnt haben, zum Theil ungeheuerliche Formen von fabelhafter Bildung und Größe, die kein auch nur entferntes Ebenbild auf der Erde zurückgelassen haben. Jahrhunderte lang hatte man sich begnügt, in diesen Knochen und Versteinerungen „Naturspiele“ oder Reste einer gewaltigen Fluth zu sehen, und noch im Beginne unseres Jahrhunderts haben theologisirende Geologen den „Sündfluthgeruch“ der Fossilien mit ihren feinen Nasen wahrnehmen wollen.

Aber der genaueren Untersuchung der Erdschichten reichte bald eine Sündfluth nicht mehr zur Erklärung des Befundes aus; die Annahme einer ganzen Reihe nach einander erfolgter Austilgungen und Neuschöpfungen wurde nöthig erachtet; denn jede genauer untersuchte Schichtenfolge enthielt organische Ueberreste, die weder mit denen der darunter, noch mit denen der darüber liegenden Schichten Uebereinstimmung zeigten, und man erfand demnach die sogenannte Katastrophenlehre, welche fünf bis sechs auf einander gefolgte große Erdrevolutionen annahm, bei denen Alles drunter und drüber gegangen sei, sodaß alle Lebewesen vertilgt und nachher neu erschaffen werden mußten, etwa wie man einen im Kriege verwüsteten botanischen oder zoologischen Garten nach dem Friedensschlusse mit neuen Pflanzen und Thieren bevölkert.

Alle tiefer empfindenden Geister empörten sich gegen die barbarischen Zumuthungen dieser „Möblirungstheorie“, deren Geschöpfe die unwürdige Vorstellung von Modellen erweckten, die jedesmal ihrer Unvollkommenheit wegen vernichtet und in verbesserter Auflage neu erschffen werden mußten, und namentlich konnte Goethe sich niemals mit „dieser vermaledeiten Polterkammer der neuen Schöpfungen“ befreunden. Er selbst hatte schon am Ende des vorigen Jahrhunderts, gleichzeitig mit dem Großvater Darwin’s in England, die Ansicht von einer ununterbrochenen Entwickelung der Welt und der lebenden Bewohner derselben aufgestellt, und der Letztere hatte seiner sehr ausführlichen Begründung dieser „Entwickelungstheorie“ die Bemerkung hinzugefügt, daß sie ihm als die erhabenste und dem religiösen Gefühle am meisten entsprechende Auffassung des Schöpfungswerkes erscheinen wolle. Diese in ihren Grundzügen vollkommen ausgeführte „Descendenztheorie“ Erasmus Darwin’s hat dann Jean Lamarck im Beginn unseres Jahrhunderts mit großer Ausdauer und Kenntniß der lebenden Wesen weiter aufgebaut, ohne damit einen erheblichen Eindruck bei den Naturforschern seiner Zeit hervorzubringen.

Selbst als Charles Lyell im Jahre 1830 seine Grundzüge der Geologie veröffentlicht und überzeugend nachgewiesen hatte, daß die Erdentwickelung immer nach denselben Grundgesetzen vor sich gegangen sei, die wir noch heute in Wirksamkeit sehen, und daß die Verschiedenheit der einzelnen Erdschichten nur dadurch den Anschein plötzlicher und gewaltsamer Umwälzungen annähme, weil sich in ihnen die langsame Wirkung unendlicher Zeiträume in einen einzigen Anblick zusammendränge, wurde die Katastrophenlehre, so weit sie die Lebewesen anging, nicht aufgegeben. Die in diese Periode fallende Parteinahme der sogenannten „naturphilosophischen Schule“ (Hauptvertreter: Oken in Deutschland und [316] Etienne Geoffroy de Saint Hilaire in Frankreich) für die Entwickelung der Lebewesen aus einander hatte ihr durch die Unklarheit ihrer Ideen mehr geschadet als genützt. Die größten Zoologen und Botaniker der Zeit, Allen voran Cuvier, Decandolle und der alle Naturwissenschaften in seinem universellen Geiste zusammenfassende Humboldt, gehörten zu ihren entschiedensten Gegnern. Sie bekannten sich trotz aller dagegen laut gewordenen Einwürfe unverbrüchlich zu dem Dogma von der Beständigkeit der Arten, die sich seit ihrer ersten Entstehung nicht verändert hätten und daher auch niemals aus einander hervorgegangen sein könnten.

So war der Stand der Wissenschaft, als Darwin, reich an neugewonnenen Anschauungen, im Herbst 1836 von seiner Reise um die Welt zurückgekehrt war. Mit aufmerksamem Auge hatte er verfolgt, wie die von ihm in Südamerika ausgegrabenen vorweltlichen Thiere nur in demselben Welttheile lebende und ihnen nahestehende Vertreter besaßen, und konnte den Gedanken einer Verkettung zwischen ihnen nicht mehr los werden; er hatte ferner beobachtet, wie jede isolirte Insel ihre besonderen, nur ihr eigenthümlichen Thier- und Pflanzenarten aufwies, und er beschloß, näher zu untersuchen, ob die Lebensformen in Wahrheit so unwandelbar seien, wie man behauptete, oder ob sie eine Neigung, sich nach äußeren Verhältnissen zu wandeln, zeigten, wie Goethe und Lamarck behaupteten, und ob demnach ein Hervorgehen der einen aus der andern Art überhaupt denkbar sei.

Glücklicher Weise erlaubte ihm der Stand seines Vermögens, diesen Plan auf seinem Landgute zu Down in größtem Maßstabe auszuführen und den Rath zu befolgen, welchen ihm Lyell bald nach seiner Rückkehr (December 1836) gegeben: keine Anstellung zu suchen, keine Präsidentschaften und Ehrenämter zu übernehmen, zu denen sich genug passende Leute fänden, „die nichts zu versäumen hätten“. Schon wenige Jahre darauf war seine Vermuthung, daß die organischen Wesen veränderlicher seien, als man zugeben wollte, durch seine eingehenden Studien an Hausthieren und Culturpflanzen zu einer vollkommenen Ueberzeugung geworden, und durch die Beschäftigung mit einem Werke des Nationalökonomen Malthus war er zu der Erkenntniß gelangt, daß in dem nie ruhenden Kampfe um das Dasein eine Ursache gegeben sei, die zufälligen Abänderungen der Lebewesen in eine bestimmte Bahn zu leiten, indem nur solche Abänderungen Aussicht hätten sich zu befestigen, die als zweckmäßig für den besonderen Fall sich bewährten.

Wir können und wollen hier nicht Darwin’s gesammte Theorie aus einander setzen, sondern nur bei dem eigenthümlichen Charakterzug der wissenschaftlichen Vorsicht verweilen, die ihn veranlaßte, diese Ahnungen einer höheren Auffassung des Lebens nicht zu veröffentlichen, sondern sie nur seinen vertrautesten Freunden mitzutheilen, im Uebrigen aber noch anderthalb Jahrzehnte (!) weiter zu beobachten und Thatsachen zu sammeln, um jene Ansichten entweder festgestützt zu sehen oder sie aufzugeben.

Es ist bekannt, wie erst eine äußere Veranlassung, die Entdeckung derselben Grundsätze durch den englischen Naturforscher und Reisenden A. R. Wallace, und das heftige Drängen seiner Freunde Hooker und Lyell ihn veranlassen konnten, eine kleine, diesen Naturforschern seit langen Jahren im Manuscript bekannte Abhandlung am 1. Juli 1858, gleichzeitig mit der Wallace’schen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Er scheint völlig geneigt gewesen zu sein, Wallace die Priorität der weltbewegenden Entdeckung zu überlassen.

In der vor wenigen Monaten erschienenen zweibändigen Biographie Lyell’s findet sich ein launiger Brief desselben an Darwin, aus welchem hervorgeht, welches Drängen dazu gehört haben muß, ihm sein Werk über die „Entstehung der Arten“ abzulocken. Seine Beobachtungen seien noch lange nicht abgeschlossen, noch nicht hinreichend geprüft und geordnet, hatte er eingewandt. „Und wenn Sie hundert Jahre alt werden sollten, würden Sie doch mit Ihren Beobachtungen und Bedenken noch nicht ganz fertig sein, und ich bin von Herzen froh, daß ich Sie im Bunde mit Hooker dazu gebracht habe, das Buch zu veröffentlichen, ohne auf eine Zeit zu warten, die niemals gekommen wäre“, so ungefähr erwidert ihm Lyell auf die, wie es scheint, immer noch ängstliche Zusendung seines Buches und fügt den Rath bei, nur einige der klarsten und lehrreichsten Fälle zur Erläuterung des Textes beizufügen, die ganze Fülle der Beweise und Beobachtungen aber späteren Werken vorzubehalten. So geschah es und so war es offenbar am besten. Man kann nur mit Freuden daran denken, daß es ihm und nicht Wallace vorbehalten gewesen ist, der Vorkämpfer der neuen Weltanschauung zu werden. Wallace ist ohne Zweifel ein höchst kenntnißreicher und scharfsinniger Mann, der, wie Darwin sich einmal ausdrückte, eine natürliche Gabe besitzt, Schwierigkeiten aller Art spielend aufzulösen, aber er vereinigt die größten Gegensätze in seinem Geiste, Gegensätze, die ihn wenig dazu geeignet erscheinen lassen, die Welt zu seinen Ansichten zu bekehren. Er ist Bibelgläubiger und Spiritist, und nimmt den Menschen ausdrücklich von den Gesetzen aus, welchen die übrigen Lebewesen gehorchen; auch besitzt er weder die Ruhe und Ausdauer, noch die strenge Selbstkritik, durch die sich Darwin’s Arbeiten so sehr auszeichnen. Den Letzteren sehen wir jedesmal seinen neuen Aufstellungen gegenüber sich selbst alle jene Einwürfe machen, die irgend dagegen in’s Feld geführt werden können, und darum hat man ihm trotz der Kühnheit vieler seiner Ideen so wenig Mißverständnisse nachweisen können.

Nichtsdestoweniger waren die Angriffe, die man gegen sein im October 1859 erschienenes Werk über die „Entstehung der Arten“ schleuderte, anfangs sehr heftiger Art, und man hätte allen Grund gehabt, selbst für die richtigen Gedanken eines solchen Werkes Befürchtungen zu hegen, wenn die Darstellung weniger kritisch durchdacht und überlegt gewesen wäre. Die Orthodoxen, welche in seinem Auftreten einen Angriff auf die Grundlagen der Gesellschaft fanden, verbündeten sich mit den conservativen Naturforschern, die sich in dem althergebrachten Schlendrian ihrer Gedankencirkel gestört sahen, und es gab einen Guerillakrieg, wie ihn die Welt auf naturwissenschaftlichem Gebiete noch nicht erlebt hatte. Diesen aus allen Winkeln und Weltecken erfolgenden Angriffen gegenüber war Darwin’s Verhalten geradezu bewunderungswürdig. Mochte man seine Ansichten als „Träume eines Nachmittagsschläfchens“ oder als „ein Chaos von Unglaublichkeiten und Dummdreistigkeiten“ oder als „die kurzsichtigste, niedrigstdummste und brutalste Lehre“ (die in Gänsefüßchen gefaßten Musterstücke sind wirkliche Leistungen dreier hervorragender deutscher Gelehrten!) oder wie noch sonst ausschelten, – er antwortete nicht darauf, und als ihm in den letzten beiden Jahren (1880, 1881) von einem jungen Scribenten, der sich dadurch Ruf verschaffen wollte, immer und immer von Neuem in den englischen Zeitungen eine „literarische Fälschung“ vorgeworfen wurde, wollte er anfangs nicht einmal zugeben, daß der Verfasser dieses Artikels, welcher die Grundlosigkeit des abgeschmackten Vorwurfs am klarsten darlegen konnte, dies vollführte. Den wenigen Gegnern, die ihm mit sachlichen Einwendungen entgegengetreten sind, antwortete er mit ungewöhnlicher Liebenswürdigkeit, und Solche, die nur im Allgemeinen gegen ihn polemisirten, wie z. B. Moritz Wagner oder Ernst von Baer, pflegte er in seinen Werken mit desto größerer Auszeichnung zu erwähnen.

So hat er in der That bald die meisten seiner Gegner entwaffnet; die Formen der Polemik wurden immer höflicher, und es blieb schließlich nur noch eine Art Sport der Gegenpartei, ihm einen unschädlichen Gegenpapst zu wählen, der nach einander bald Wallace, A. de Quatrefages, Ernst von Baer, sogar Nathusius und Max Müller geheißen hat, um diese Führer zu größeren Leistungen durch die Huldigungen ihres Heerbannes anzuspornen. Wir dürfen billig bezweifeln, ob es einem andern Forscher und mit andern Mitteln möglich gewesen wäre, eine solche wilde Opposition so schnell zum Schweigen zu bringen, und bis zu einem solchen Grade eine Umwandlung der Gesinnungen hervorzurufen, daß selbst die Blätter der Gegenparteien in London für sein Begräbniß in dem englischen Ruhmesdome eingetreten sind. Dazu muß man bedenken, daß seine Stellung im Anfange eine schwache war; denn die Thatsachen der Erblichkeit, Veränderlichkeit, Anpassung etc. lassen sich dem nicht unmittelbar beweisen, der sie bezweifeln will, und die Vorwesenkunde oder Paläontologie, welche allein greifbare Beweise für den allseitigen Zusammenhang der Lebensformen, für die Entwickelung derselben aus einander liefern kann, war damals noch sehr lückenhaft; die trennenden Zwischenräume zwischen den einzelnen Gruppen waren augenfälliger als die zusammenhängenden Formenreihen.

Die Vögel, um nur eins der auffallendsten Beispiele zu nennen, standen ganz isolirt im System, und kein greifbarer Nachweis war vorhanden, auf welchem Wege sie sich von den andern Wirbelthieren abgezweigt haben könnten, und ebenso vollständig fehlte eine Brücke von den Wirbellosen zu den Wirbelthieren. Als Darwin aussprach, daß früher sicherlich ausgestorbene, aber vielleicht vollkommen verloren gegangene Zwischenformen zwischen den Vögeln und andern Wirbelthieren existirt haben müßten, da konnte man [318] ihm bequem vorwerfen – und man hat es natürlich auch gethan – daß sein Gebäude sich weniger auf den Thatsachen der Erdfunde als auf den Lücken derselben aufbaue. Diese von ihm vor zwanzig Jahren verkündeten Zwischenformen sind seitdem in großer Reichhaltigkeit und überzeugender Vollständigkeit gefunden worden. Nicht nur von den reptilienartigen Urvögeln, sondern auch von den Ahnenformen unserer Raubthiere, Pferde, Schweine, Wiederkäuer etc. hat man seitdem ganze Entwickelungsreihen in der alten, wie namentlich in der neuen Welt ausgegraben, und beinahe jeder neue Fund auf paläontologischem Gebiete war ein Beweis für Darwin.

Die andere obenerwähnte große Lücke hat das Studium der Entwickelungsgeschichte, welches erst durch Darwin einen wahren Inhalt und Aufschwung erhalten hat, soweit ausgefüllt, daß die Ableitung der Wirbelthiere von den Wirbellosen nicht mehr ernsthaft in Zweifel gezogen werden kann. Hier haben namentlich deutsche Forscher, Fritz Müller, Häckel, O. Schmidt, Weismann und Andere das Werk Darwin’s fortgeführt, und in der Entwickelungsgeschichte des Einzelwesens die oft wunderbar getreue, oft auch stark getrübte Wiederholung seiner Stammesgeschichte nachgewiesen. Man hat dem Urheber der neuen Weltanschauung vorgeworfen, er sei nicht ganz consequent vorgegangen und habe ursprünglich den Menschen von der allgemeinen Entwickelung des Thierreiches ausgeschlossen. Allein dies ist ein Irrthum, der nur dadurch möglich war, daß der erste Uebersetzer der „Entstehung der Arten“, Professor Bronn, eine den Menschen betreffende Stelle dieses Werkes weggelassen hatte, um dem Verfasser Anfechtungen nach dieser Richtung zu ersparen. Allerdings hatte Darwin die Folgerungen für die Stellung des Menschen in der Natur nicht gleich anfangs so stark betont, wie es von manchen seiner Anhänger gewünscht worden wäre, aber wie recht er daran gethan, zeigte der neue Sturm, der sich gegen ihn erhob, als er in seinen späteren Werken auf das betreffende Verhältniß näher einging.

Auch dieser Sturm hat sich inzwischen gelegt, und mit der Wissenschaft vom Menschen sind auch alle Geisteswissenschaften, die Philosophie, Psychologie, Ethik etc. in die gewaltige Bewegung eingetreten; der Gedanke, daß Alles, was ist, aus unvollkommenen Anfängen emporgewachsen ist, bildet gegenwärtig das fruchtbarste Ferment aller Wissenschaften. Nach allen Richtungen hin haben Darwin’s Arbeiten die wirksamsten Anregungen gegeben: die Geschichtswissenschaften wurden durch die „Vorgeschichte“ des Menschen ergänzt; in den Gesellschaftswissenschaften richtete sich der Blick auf die primitiven Zustände der wilden Völker; für die Aesthetik wurde eine Grundlage in dem Schönheitsgefühl der Thiere, z. B. der Bevorzugung schöner Blumen durch honigsuchende Insecten gefunden. So wurde der Darwinismus zu jener Schraube und jenem Hebel des Archimedes, um die alte Weltanschauung aus ihren Angeln zu heben.

Wir können hier nicht auf die späteren ausführenden Werke Darwin’s näher eingehen, sondern wollen nur auf die beispiellose Arbeitssumme hinweisen, die in diesen Werken und in dem sich an sie knüpfenden, über den ganzen Erdball ausgedehnten Briefwechsel aufgespeichert liegt. Welcher Sclave oder Frohnarbeiter – so möchte man hier fragen – hat wohl in seinem Leben so eifrig, so unablässig gearbeitet, wie dieser Mann, den kein materielles Bedürfniß dazu trieb? Man kann von ihm sagen, er sei auf dem Schlachtfelde gestorben; denn sein Arbeitszimmer war ein solches in geistiger Beziehung, ein Feldherrngemach, von dem aus eine Welt von Vorurtheilen besiegt werden mußte. Aber obwohl er das für Reformatoren seltene Glück erlebt hat, den vollständigen Sieg seiner Ansichten zu erleben, ruhte er doch nicht auf seinen wohlverdienten Lorbeeren, sondern überraschte noch in seinem hohen Alter alljährlich die Welt mit einem neuen werthvollen Werke und gedachte noch lange nicht die Hände in den Schooß zu legen. Nach welcher Richtung hin man auch Rath holend bei ihm anfragte, überall hatte er noch „Stöße von Notizen“ liegen, die der Verarbeitung harrten, und so ist er bis in die letzten Wochen seines Lebens hinein im Dienste der Menschheit thätig gewesen, ein unvergleichlicher, unermüdlicher Arbeiter, der nichts für sich beanspruchte, nicht einmal die Anerkennung der Welt. Wenn irgendwo, so dürften hier die Worte Hamlet’s an ihrem Platze sein:

„Er war ein Mann – nehmt Alles nur in Allem! –
Wir werden nimmer seines Gleichen sehn.“