Critik der reinen Vernunft (1781)/1. Hauptstück. Die Disciplin der reinen Vernunft

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« II Transscendentale Methodenlehre Immanuel Kant
Critik der reinen Vernunft (1781)
Inhalt
Des ersten Hauptstücks Erster Abschnitt. Die Disciplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche. »
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Der
Transscendentalen Methodenlehre
Erstes Hauptstück.
Die Disciplin der reinen Vernunft.
Die negativen Urtheile, die es nicht blos der logischen Form, sondern auch dem Inhalte nach sind, stehen bey der Wißbegierde der Menschen in keiner sonderlichen Achtung; man sieht sie wol gar als neidische Feinde unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkentnißtriebes| an und es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung und noch mehr, um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.

 Man kan zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken, in Ansehung des Inhalts aber unserer Erkentniß überhaupt, ob sie durch ein Urtheil erweitert, oder beschränkt wird, haben die verneinende das eigenthümliche Geschäfte, lediglich den Irrthum abzuhalten. Daher auch negative Sätze, welche eine falsche Erkentniß abhalten sollen, wo doch niemals ein Irrthum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer, d. i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen und eben darum oft lächerlich seyn. Wie der Satz ienes Schulredners: daß Alexander, ohne Kriegsheer, keine Länder hätte erobern können.

 Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkentniß sehr enge, der Anreitz zum Urtheilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr betrüglich und der Nachtheil aus dem Irrthum erheblich ist, da hat das Negative der Unterweisung, welches blos dazu dient, um uns vor Irrthümer zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive Belehrung, dadurch unser Erkentniß Zuwachs bekommen könte. Man nennet den Zwang, wodurch der beständige Hang von gewissen Regeln abzuweichen, eingeschränkt und endlich vertilget wird, die Disciplin. Sie ist von der Cultur unterschieden, welche blos eine Fertigkeit verschaffen soll, ohne eine andere, schon vorhandene, dagegen aufzuheben. Zu der Bildung eines Talents,| welches schon für sich selbst einen Antrieb zur Aeußerung hat, wird also die Disciplin einen negativen,[1] die Cultur aber und Doctrin einen positiven Beitrag leisten.

 Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine freie und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und Witz), in mancher Absicht einer Disciplin bedürfen, wird iederman leicht zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt, allen anderen Bestrebungen ihre Disciplin vorzuschreiben, selbst noch eine solche nöthig habe, das mag allerdings befremdlich scheinen, und in der That ist sie auch einer solchen Demüthigung eben darum bisher entgangen, weil, bey der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande, womit sie auftritt, niemand auf den Verdacht eines leichtsinnigen Spiels, mit Einbildungen statt Begriffen, und Worten statt Sachen, leichtlich gerathen konte.

 Es bedarf keiner Critik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil ihre Grundsätze am Probierstein der Erfahrung| einer continuirlichen Prüfung unterworfen werden, imgleichen auch nicht in der Mathematik, wo ihre Begriffe an der reinen Anschauung so fort in concreto dargestellet werden müssen, und iedes Ungegründete und Willkührliche dadurch alsbald offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise halten, nemlich in ihrem transscendentalen Gebrauche nach blossen Begriffen, da bedarf sie so gar sehr einer Disciplin, die ihren Hang zur Erweiterung, über die enge Gränzen möglicher Erfahrung, bändige, und sie von Ausschweifung und Irrthum abhalte, daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft blos mit diesem negativen Nutzen zu thun hat. Einzelnen Verirrungen kan durch Censur und den Ursachen derselben durch Critik abgeholfen werden. Wo aber, wie in der reinen Vernunft, ein ganzes System von Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die unter sich wol verbunden und unter gemeinschaftlichen Principien vereinigt sind, da scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung erforderlich zu seyn, welche unter dem Nahmen einer Disciplin aus der Natur der Vernunft und der Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein System der Vorsicht und Selbstprüfung errichte, vor welchem kein falscher vernünftelnder Schein bestehen kan, sondern sich sofort, unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung, verrathen muß. |  Es ist aber wol zu merken: daß ich in diesem zweiten Haupttheile[WS 1] der transscendentalen Critik die Disciplin der reinen Vernunft nicht auf den Inhalt, sondern blos auf die Methode der Erkentniß aus reiner Vernunft richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre geschehen. Es hat aber der Vernunftgebrauch so viel Aehnliches, auf welchen Gegenstand er auch angewandt werden mag, und ist doch, so fern er transscendental seyn soll, zugleich von allem anderen so wesentlich unterschieden, daß, ohne die warnende Negativlehre einer besonders darauf gestellten Disciplin, die Irrthümer nicht zu verhüten sind, die aus einer unschicklichen Befolgung solcher Methoden, die zwar sonst der Vernunft, aber nur nicht hier wol anpassen, nothwendig entspringen müssen.



  1. Ich weiß wol: daß man in der Schulsprache den Nahmen der Disciplin mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein, es giebt dagegen so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck, als Zucht, von dem zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschieden wird, und die Natur der Dinge erheischt es auch selbst, vor diesen Unterschied die einzige schickliche Ausdrücke aufzubewahren, daß ich wünsche, man möge niemals erlauben, ienes Wort in anderer als negativer Bedeutung zu brauchen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hauptheile


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