Das „Wunderblut“ und seine Erzeuger

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Titel: Das „Wunderblut“ und seine Erzeuger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 123
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das „Wunderblut“ und seine Erzeuger.
Von M. Hagenau.


Zu den Naturerscheinungen, welche seit jeher die Phantasie der Völker mächtig erregt und beunruhigt haben, gehört das Auftreten des „Wunderblutes“. Es geschieht von Zeit zu Zeit, daß aus Nahrungsmitteln, wie Brot, Reis, Kartoffeln, in Eiern und in Milch, rote Pünktchen sich zeigen, die im Laufe der Zeit zu breiten, in dem reinsten Karminrot leuchtenden Streifen und Flecken auswachsen. Mitunter färben sich nach einem Regen kleine Pfützen oder mit Regenwasser gefüllte Höhlungen in Felsen und Steinen blutigrot, ja zuweilen können Teiche und Seen die an das Blut erinnernde, unheimliche Farbe annehmen.

In früheren Zeiten glaubten die Völker Europas, daß diese Färbungen wirklich durch Blut verursacht würden, das durch einen Zauber oder ein Wunder auf die verschiedenen in Frage kommenden Gegenstände gelangt wäre. Dieses „Wunderblut“ gab vielfach Anlaß zu schlimmen Verfolgungen unschuldiger der Hexerei oder der Gotteslästerung beschuldigter Menschen. Bei rohen Naturvölkern ist dies noch heute der Fall, und wie Emin Pascha berichtete, betrachten die Sudanneger die Rotfärbung der Kuhmilch als eine Folge der Zauberkünste und forschen bei ihrem Auftreten nach dem vermeintlichen Schuldigen.

Für die civilisierten Völker ist dieser Aberglaube ein längst überwundener Standpunkt. Das Mikroskop half den Schleier lüften, der für das menschliche Auge über der Erscheinung des „Wunderblutes“ jahrtausendelang gebreitet war. Ehrenberg, der berühmte Pfadfinder in der „unsichtbaren“ Welt, hat im Jahre 1849 festgestellt, daß die rote Farbe auf unsern Speisen durch ein winzig kleines, nur mit Hilfe eines Mikroskops erkennbares Lebewesen erzeugt wird. Er nannte es Wundermonade (Monas prodigiosa); heute nennen es die Forscher, da es den Bakterien zugezählt werden muß, Bacillus oder auch Micrococcus prodigiosa

Das Mikroskop belehrte ferner die Menschen, daß auch die anderen obenerwähnten roten Färbungen, wie z. B. die der Gewässer, durch kleinste Lebewesen verursacht werden, die zum Teil Aufgußtierchen (Infusorien), zum Teil Algen und Bakterien sind. Ihre Verbreitung ist ungemein weit; sie reicht von den Polen zum Aequator und vom Meeresgrunde bis zu den höchsten Gipfeln der Berge. Diese winzigen Färber lassen Schneefelder in Polarländern und auf hohen Bergen in wunderbarem Rot erstrahlen, und sie sind es, die das Wasser der Seen und Teiche „in Blut verwandeln“.

Die fortschreitende Forschung hat gezeigt, daß die Mikrobien nicht nur rote Farbstoffe erzeugen. Es giebt unter ihnen Arten, die auch grüne, gelbe, blaue Tinten herstellen. Man hat diese Wesen in künstliche chemische Lösungen versetzt, die wein- und essigsaures Ammoniak enthielten und völlig farblos waren. Die Bakterien erzeugten darin in kürzester Zeit blaue, grüne und gelbe Färbungen. Ja, es ist festgestellt worden, daß jeder Farbenton, den die modernen Chemiker in ihren Retorten hervorbringen, auch von den Bakterien erzeugt werden kann. Die Wundermonade arbeitet so fleißig, daß man, was die Menge anbelangt, daran denken könnte, den Farbstoff praktisch zu verwerten. Leider ist er ebenso vergänglich wie schön, schon durch das Licht wird er bald zerstört. Wir verdanken jedoch seit alter Zeit eine Anzahl trefflicher und berühmter Farbstoffe verschiedenen Bakterienarten.

So wird durch Batterien der farblose Zellsaft der Indigopflanze derart umgewandelt, daß er schließlich das hochgeschätzte Indigoblau liefert. In ähnlicher Weise sind Orseille und Lakmus Erzeugnisse der kleinsten Lebewesen, die je nach ihrer Art der Menschheit viel schweren Schaden zufügen oder den größten Nutzen erweisen.

Doch kehren wir zurück zu den Erzeugern des roten Farbstoffes! Zu ihnen zählen einige Angehörige einer sehr seltsamen Bakteriengruppe. Jedermann kennt den Schwefelwasserstoff, jenes Gas, das z. B. beim Faulen von Eiern entsteht und sich durch einen abscheulichen Geruch kennzeichnet. Der Schwefelwasserstoff ist für Tiere und Pflanzen tödliches Gift. Es giebt aber Bakterien, die in einer Flüssigkeit, die mit diesem giftigen Gase völlig gesättigt ist, ganz wohlgemut leben. Sie erzeugen den Schwefelwasserstoff selbst, indem sie schwefelhaltende Körper, wie die Eier, zersetzen, unter Umständen verarbeiten sie auch dieses Gas. Dabei scheidet sich in ihrem Innern reiner Schwefel in Gestalt kleiner weißer Kügelchen ab. Man hat darum diese Gruppe der kleinen Lebewesen Schwefelbakterien genannt.

Man findet sie in den Seehäfen; sie zersetzen allerlei Abfallstoffe, die auf den Grund gesunken sind, und wo sie sich festgesetzt haben, machen sie durch die Entwicklung des giftigen Gases alles andere Leben unmöglich; auf und über dem Schlamm, den sie beherrschen, können weder Seetiere noch Seepflanzen gedeihen; er ist dann der sogenannte „tote Grund“.

Die Schwefelbakterien kommen auch in Gräben und Teichen vor, in denen sie an der Zersetzung der Pflanzen- und Tierreste thätig sind. Gewässer, in denen sie reichlich vorhanden sind, zeichnen sich in der Regel durch eine schwarze Färbung aus; dieselbe kommt dadurch zustande, daß aus dem Schwefelwasserstoff und Eisenverbindungen, die in dem Wasser enthalten sind, das schwarze Schwefeleisen sich bildet.

Viele dieser Schwefelbakterien haben eine völlig weiße Färbung. Sie bedecken wie eine weiße Haut den Grundschlamm. Es giebt aber auch Arten von ihnen, die eine schöne pfirsichblütrote Färbung aufweisen. Der Farbstoff, Bakteriopurpurin, liegt im Zellenleibe der Bakterien und ist im Wasser und auch im Alkohol nicht löslich.

Wie lästig und für die Fischerei verderblich diese Batterien werden können, davon genügt ein Bericht „Ueber Rotfärbung des Wassers in Fischteichen“, den Dr. Otto Zacharias, Leiter der Biologischen Station in Plön, soeben in Nr. 1 der „Fischerei Zeitung“ (1899) veröffentlicht hat. Graf Fritz von Schwerin in Wendisch-Wilmersdorf sandte Dr. Zacharias eine Wasserprobe zur Untersuchung und knüpfte daran etwa folgende Mitteilung.

Ein dem Grafen von Schwerin gehöriger Teich liegt mitten im Park und erhält allherbstlich eine reiche Zufuhr welker Blätter von den ringsumstehenden Kastanien-, Linden- und Erlenbäumen. Zu Beginn des Jahres 1897 war das Wasser in den Luhmen (d. h. in den ins Eis geschlagenen Löchern) noch völlig geruchlos, und die Karpfen standen in der Nähe, um Luft zu schnappen. Schon am 10. Januar aber konnte man viele Fische tot unter dem Eise liegen sehen. Als dann am 13. früh ein etwa 30 Schritt im Quadrat haltendes Stück der Eisdecke weggenommen wurde, zeigte sich das darunter befindliche Wasser hellbräunlich gefärbt und verbreitete einen intensiven Jauchegeruch. Am Rande des Teiches gewahrte man gleichzeitig einen Wasserstreifen von hochroter Farbe, der etwa 20 Schritt lang war. Von hier aus zog es wie schwimmende Wolken nach der Mitte hin, und schließlich sah auch die ganze vom Eis entblößte Teichfläche so aus, als ob man viele Eimer frischen Blutes hineingegossen hätte.

Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß die Rotfärbung des Teichwassers von einem Schwefelbakterium (Chromatium Okenii) herrührte. Dasselbe ist bohnenförmig gestaltet, 0,014 mm lang und 0,006 mm breit, und ist an einem Körperende mit einem beweglichen Faden, der sogenannten Geißel, versehen, mit deren Hilfe es rudern und im Wasser sich schwimmend erhalten kann.

In demselben Bericht wird noch ein zweiter Fall von Rotfärbung eines Fischwassers beschrieben. Es handelte sich um einen kleinen Karpfenteich bei Herne in Westfalen. Dort lagerte auf dem Wasser eine mehr oder weniger dicke Schicht, die sich bei Eintritt der Dämmerung oder bei trübem Wetter grün färbte, wogegen sie unter dem Einflüsse des Sonnenscheins ihre purpurrote Färbung allmählich wiedergewann. Die Untersuchung des Wassers ergab, daß in diesem Falle ein Infusorium, Astasia haematodes, der Träger des Farbstoffes war. Es ist dies ein spindelförmiger Organismus von 0,120 mm Länge und 0,034 mm Breite, in dessen Körpermasse viele kleine blutrote Körnchen eingelagert sind. Die Astasia haematodes wurde im Jahre 1829 von Ehrenberg in einer sibirischen Steppenlache entdeckt; in [124] Deutschland war sie noch niemals beobachtet worden, um so merkwürdiger erscheint ihr so massenhaftes Auftreten in einem westfälischen Teiche.

Mit dem Eintritt der kühleren Jahreszeit nahm die Zahl der Infusorien ab, und im September 1897 waren sie verschwunden. Im Sommer des vorigen Jahres traten sie wieder auf, aber in einer bei weitem geringeren Menge. Ein schädlicher Einfluß auf die Fische konnte nicht bemerkt werden.

Schließlich möchten wir noch eines rotfärbenden Bakteriums erwähnen, das den Menschen befällt und zur Entstehung des „roten Schweißes“ Anlaß bietet. Es ist der Micrococcus haematodes, der durch gelatinöse Massen verbundene Kolonien bildet. Er haftet an den Haaren der Körperstellen, an welchen sich der rote Schweiß bildet, z. B. in den Achselhöhlen. Sein Farbstoff hat dieselben Eigenschaften wie der des Micrococcus prodigiosus. Der Organismus gedeiht nur bei entsprechender Wärme und wächst in Kulturen bei 37°C. Das „Blutschwitzen“, das er vortäuscht, braucht zu keiner Sorge Anlaß zu geben. Es läßt sich leicht und rasch durch antiseptische Behandlung der betroffenen Körperstelle beseitigen.