Hermann Sudermanns „Drei Reiherfedern“

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Titel: Hermann Sudermanns „Drei Reiherfedern“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 121–122
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Hermann Sudermanns „Drei Reiherfedern“.
Von Rudolph Stratz. Mit Illustrationen von Ewald Thiel nach der Aufführung im „Deutschen Theater“ zu Berlin.


Die Gartenlaube (1899) b 0121.jpg

Lorbaß und die Begräbnisfrau.

Draußen auf seinem Landsitz Blankensee, an einem schwülen Sommertag des Jahres 1897 war es, daß mir Hermann Sudermann zuerst den vollständigen Plan seiner „Drei Reiherfedern“ erzählte. Von dem Viereck des Baumgartens, das wir im Gespräch immer wieder durchwandelten, schweifte der Blick über märkischen Föhrenwald, über märkischen Schilfsee und Sandboden, von denen auch bei tiefblauem Himmel eine leise, nüchterne Schwermut nie weicht, weithin bis zu den Grenzen des Flachlandes, wo am Horizont ferne, von Gewitterglut durchzitterte, bleifarbige, blaudunstige Nebeltöne zwischen Himmel und Erde schwebten.

Und ein ähnliches Bild, ein fernes, unbestimmtes Gebilde, stieg bei des Dichters Worten vor dem inneren Auge empor. Eine Luftspiegelung in endloser Weite wie ein Traum der Sehnsucht aus Wolkenballen sich zu Weibsgestalt formend und im Winde verwehend ...

Auf einer schaurigen Nebelinsel im Nordmeer hat Prinz Witte, der Held des Dramas, einem heiligen Reiher drei Federn geraubt, dem Gebote der „Begräbnisfrau“ gehorsam, die geheimnisvoll, ein Ueberbleibsel kaum überwundenen Heiden- und Hexentums und doch den Lehren christlicher Barmherzigkeit unterthan, im Sand der Ostseedünen haust und die vom Sturm ans Land gespülten Leichen zur letzten Ruhe bettet. Nun steht er als Sieger vor ihr und heischt die Erfüllung ihres Versprechens für seine That. Die graue Schattengestalt der Begräbnisfrau sieht lächelnd zu ihm auf. „Was wolltest du doch? War es nicht ein Weib?“ Der junge Recke aber verneint.

„... was ich fordere, ist das Weib, das eine!
Nach dem im Trinken meine Sehnsucht dürstet,
In dem ich selber, hochgefürstet,
Als Herold alles Großen mir erscheine!
- - - - - - - - - - - - - - - -
Dies Weib, dies Friedwerk, diese stille Welt,
In der verloren ich mich nie verlier’,
Wo selbst ein Unrecht noch sein Recht behält,
Mein Weib, das fordr’ ich nun von dir!“

Da verkündet ihm die Alte den Zauber, der „als Urkraft aus der Sonne Strahlenleib“ in den drei Reiherfedern eingekapselt liegt und die Gestalt nach ihres Herren Willen wechselt: verbrennt er die erste der Federn, so wird er im Dämmern das Bildnis des ersehnten Weibes schauen. Der Prinz stürzt auf das Herdfeuer der Hütte zu – trotz der Warnung seines Knechts, er schleudert die erste Feder in die Glut – und fern über dem Meer schwebt eine weibliche Riesengestalt in dunklen Umrissen dahin und versinkt im Abendgrauen. Und in seinem Ohr raunt die warnende Stimme der Begräbnisfrau:

„Die zweite der Federn – merk’ es dir gut!
Wird dich in Liebe mit ihr vereinen!
Verbrennst du sie einsam in schweigender Glut,
Muß sie nachtwandelnd vor dir erscheinen!
Und bis die dritte in Flammen verloht,
Reckst du nach ihr die sehnenden Hände:
Der dritten Vernichtung bringt ihr den Tod,
Drum hüte sie wohl und denk’ an das Ende!“

Die Luftspiegelung über den Wogen ist geschwunden. Prinz Witte aber ergreift frohgemut den Wanderstab und zieht ihr nach, einzig begleitet von seinem treuen Genossen Hans Lorbaß, der bis zur Rückkehr seines jugendlichen Fürsten bei der Begräbnisfrau gehaust, ihr die Gruben geschaufelt und in einer gespenstigen wilden Scene zu Beginn des 1. Aktes mit ihr halb lachend, halb grimmig an den offenen Gräbern gute Kameradschaft gehalten hat.

Hans Lorbaß, eine knorrige Prachtgestalt dieses dramatischen Gedichtes, ist mehr als blinder Vasall seines Herrn, denn er dient ihm und ist doch der Stärkere und weiß es. Wunschlos, wo jener in die Ferne sehnt, mit dem Leben abgeschlossen, wo jener die höchste Wonne der Welt sucht, bärentapfer alle Abenteuer seines jungen Prinzen mit durchfechtend und innerlich all den Dingen doch schon fern, ein riesenstarker, trotzig lachender Ahasver, den kein Glück und Unglück mehr betrüben kann als das seines Herrn, so schreitet er schwergerüstet hinter ihm drein wie die That hinter dem irrenden Gedanken.

Jetzt eben, im 2. Akt, rettet er ihn vor dem sicheren Tode. Auf seiner Wanderung gelangt Prinz Witte in die Hauptstadt der schönen, sanften Königinwitwe von Samland, die, um dem Reiche einen neuen Herrn zu geben, den Fürsten heiraten [122] Wird, der im Turniere um sie siegt. Aber keiner der versammelten Großen wagt den Kampf gegen den furchtbaren Seekönig Widwolf, den Herzog von Gothland, einen Bastard, der dort den jungen rechtmäßigen Thronerben, eben den Prinzen Witte, verjagt hat. Am Hofe der Königin von Samland treffen jetzt die beiden todfeindlichen Brüder zusammen und heben die Klingen. Mit wilder Wut dringt der räuberische Herzog auf den Prinzen ein, den er längst auf sein Geheiß durch Hans Lorbaß getötet wähnte, und der Prinz ist seinem Gegner nicht gewachsen. Er denkt nicht an das Weib da oben, um das sie kämpfen, er denkt an jenes Weib in der Ferne, das er sucht – und stürzt schwergetroffen nieder. Schon scheint er verloren, da wirft sich Hans Lorbaß vor ihn. Mit seiner Donnerstimme entfesselt er die Wut des rings die Tribünen füllenden Volkes gegen den Seekönig und seine wüste Heerschar – die Strandräuber werden verjagt und Prinz Witte ins Schloß getragen, überwunden und doch Sieger.

Sieger im Kampf um die Hand der Königin, die er im 3. Akt gewonnen hat. Aber innerlich unfroh und gebrochen. Bei seiner ersten Fahrt nach dem fernen Glück über den Wellen ist er an der rauhen Wirklichkeit der Dinge zerschellt. Ohnmächtig hat er dagelegen, der Schützling, der Gast, dann der Gatte der sanften gütigen Frau, die er nur mit halbem Lächeln, mit in der Weite suchenden Augen liebt, und findet nicht mehr die Kraft, von ihr zu gehen, und fühlt, wie es in ihm von Tag zu Tag matter und stiller wird.

„Füge dich, heißt: belüge dich. Gleichviel:
Ich nehm’ es als ein artig Possenspiel
Und spiele, spiele, spiele mich ganz müd’,
In Dunst und Nebel schläfrig eingewickelt.

5
Nur daß bisweilen ein verirrter Süd,

Der ängstlich mit den Sonnenflügeln schlägt,
Traumtöne, halb zerstoben und zerstückelt,
An meine müd’ gewordne Seele trägt!“

Stärker und stärker klingen in ihm die Traumtöne und lockender winkt in unerreichbarer, unbekannter Ferne das heißersehnte Ideal. Und endlich kann er sich nicht mehr bezwingen. Er will das Weib vor feinen Augen sehen, das ihm die Zauberin am Bernsteinstrand versprochen hat, das zu ihm gehört, das sein Glück im Leben, sein Trost im Sterben sein soll. Einsam in der Stille der Mitternacht wirft er nach dem Geheiß der Begräbnisfrau die zweite Feder in das Kohlenbecken, die Flamme loht empor und in der aufgegangenen Thüre steht – mit geschlossenen Augen wie im Traume wandelnd, die Königin, seine Frau ....

Er aber, der Verblendete, erkennt das liebliche Bildnis nicht. Er sieht nicht, daß er das Kleinod längst in Händen hat, nach dem er strebt –, daß sein, ihm vom Schicksal bestimmtes Weib eben die Königin ist. Ihm ist sie nur die unwillkommene Störerin des Zaubers, die verhinderte, daß ihm sein Glück erschien. Nun kann es ihm nicht mehr erscheinen. Denn der Talisman ist dahin. Darum schlägt er auch das Anerbieten seiner Gattin, ihm die Freiheit zurückzugeben, aus. Sein Dasein ist arm und öde geworden für alle Zeit. Er muß es hier im Dämmerschein verbringen, still und ergeben, an der Seite seiner Frau, die neben ihm sitzend mit gütigem Lächeln, ganz verzweifelnde Liebe und Demut, seinen Schlummer bewacht. Mit dieser Scene, einer der schönsten, die Sudermann je schrieb, verklingt im Mondschein und leisem Gesang spielender Mägde draußen der dritte Akt.

Der vierte bringt Prinz Witte die Befreiung in zweierlei Form. Einmal innerlich; schon lange glimmt in ihm der Haß gegen seinen kleinen Stiefsohn, den Erben der Krone, neben dem er sich als ein Nichts fühlt, und eben diese Empfindung verleitet ihn nun, als der wilde Seekönig, sein Halbbruder, rachedrohend wieder vor der Stadt erscheint, zu einem dumpfen thatenlosen Hindämmern. Lange schwankt der getreue Lorbaß, ob er nicht, als äußerstes Mittel, seinen Herrn wachzurütteln, das Kind ermorden soll. Aber eben, daß er es nicht thut, daß der Gedanke des Herrn sich diesmal nicht zur That des Dieners verdichtet, giebt Prinz Witte die Kraft, im entscheidenden Augenblick doch das Schwert zu ergreifen. In erneutem Zweikampf streckt er seinen eindringenden Halbbruder tot zu Boden, dessen Mannen fliehen; die Königin, das Volk und die Stadt sind gerettet.

Mit dieser Sühnung seiner früheren Niederlage hat Prinz Witte sich auch äußerlich von allem, was ihn hier hält, befreit.

Er nimmt Abschied von der Königin und zieht mit Hans Lorbaß in die dämmernde Ferne, ein unsteter Pilger, vor dem die Traumessehnsucht seines Lebens, wie der Regenbogen vor dem Wanderer, immer weiter und weiter zurückweicht.

Die Jahre rollen. Fünfzehnmal sind Sommer und Winter vergangen. Graue Fäden ziehen sich durch des Prinzen Locken, der Schnee des Greisenalters deckt Hans Lorbaß’ trotziges Haupt – da kommen die beiden matt und müde von fruchtloser Abenteuerfahrt wieder zurück zu der Stelle, wo sie einst die Jagd nach dem Glück begannen, zum Kirchhof der Begräbnisfrau am Bernsteinstrand. Von ferne winken die weißen Zinnen der Stadt der Königin von Samland und eine bittere Sehnsucht regt sich im Herzen des sterbensmüden Wandersmanns beim Anblick der vertrauten Stätte, wo vor langen Jahren „ein einzig Mal des Glückes Flügel ihn gestreift“. Und wie er sinnt und träumt, steht plötzlich die Vergangenheit lebend vor ihm, das Weib, das er verlassen, und ihr zum Jüngling gereifter Sohn. In tiefer Reue sieht Prinz Witte sie an. Bei ihr war die Ruhe, war der Frieden seines Lebens, und ihn zog der Zauber der Reiherfedern rastlos von ihr hinweg, hinter dem unbekannten, kaum geschauten Traumbild her. Dem Zauber fluchend, der sein Leben zerstört und elend gemacht hat, opfert er die letzte Feder, nach den Worten der Norne.

<poem> „Wenn diese Feder in Flammen verloht, Dann sinkt ein unseliges Weib in den Tod, Das Weib, dessen Schatten einst drüben entschwand, Das Weib, das ich suchte und niemals fand ....“

Da bricht die Königin zusammen. Ihr galt der Zauber.

<poem>

„Nun sind wir zwei genesen – Bin doch.. dein Glück.. gewesen
Von aller Not ... Bis.. in den .. Tod.“

Sie stirbt. Und ihm offenbart sich zu spät das Rätsel seines Lebens. Was er begehrte, besaß er, ohne es zu wissen, und sah es nicht und ließ es achtlos hinter sich.

Ueber den Verzweifelnden breitet die einer offenen Gruft entstiegene Begräbnisfrau ihre grauen Schleierarme und geleitet ihn hinüber in die Ewigkeit.

„So von Schuld und Lust und Leide Und so soll für alle beide
Sprach ich seine Seele rein. Nichts gewesen sein.“

Damit schließt das Drama.

„Ich bin der Sehnsucht nimmermüder Sohn.“ In diesem Wort des Prinzen im zweiten Akt spiegelt sich der ganze Inhalt der gedankentiefen und formvollendeten Dichtung wieder, deren geheimnisvolle Schwermut von dem Farbenreiz einer wahrhaft herrlichen Verssprache verklärt wird. Sudermann hat schon einmal, in dem Einakter „Das Ewig-Männliche“, seinen Stoff in gebundene Form gegossen. Aber wo in jenem „Spiel“ die Reime tändelnd perlten und schillerten, umschleiern sie hier mit ihrer Farbenpracht die tiefsten Rätsel-Regungen des Menschenherzens, die, „am Grenzstein unserer Ahnung“, zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem schwebend zur Heimat aller Dinge zurückstreben, im Sinne der letzten Worte im „Faust“: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“

Mit dieser Verkörperung erfüllten und doch unerfüllten Harrens und Hoffens schließen sich die „Drei Reiherfedern“ an das vorhergegangene Werk des Dichters, den „Johannes“, an. Dort die Sehnsucht nach dem Himmel, hier die Sehnsucht nach der Erde. Der Täufer sucht das Heil und sieht nicht, daß es schon unter uns wandelt, der Märchenprinz sucht das Glück und sieht nicht, daß es schon neben ihm steht. Beides sind die Tragödien des Blinden, den, nach schweren Läuterungen durch Leidenschaft und Zweifel, im Sterben die höchste Erkenntnis überkommt und seinen Tod erhellt, die Erkenntnis der Liebe, da der göttlichen Liebe, dort der reinen Liebe des Weibes.

Das Werk, das am 21. Januar gleichzeitig an den Hofbühnen zu Stuttgart und Dresden und am „Deutschen Theater“ zu Berlin in Scene ging und am selben Tag auch in Buchform erschien, verlangt viel von den Darstellern und giebt ihnen viel. Beides vereinigten in mustergültiger Weise die Künstler des „Deutschen Theaters“, Josef Kainz als Prinz, Teresina Geßner als Königin, Hermann Müller als Herzog von Gothland, Luise Dumont als Begräbnisfrau, Emanuel Reicher als Majordom und vor allem Hermann Nissen als Hans Lorbaß. Wie er breitschulterig und breitbeinig dastand, unter buschigen Brauen die Feueraugen glühend, ein Riese unter Menschen, da erschien er gleich dem grimmen Hagen aus der Nibelungen Not als das Urbild germanischer Reckenkraft und Dienertreue.