Das „sprechende Blatt“ des Indianers

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Titel: Das „sprechende Blatt“ des Indianers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 655–658
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[655]
Das „sprechende Blatt“ des Indianers.

Es ist ein eigentümliches Gefühl, in alten, halb oder ganz vergessenen Büchern zu blättern und zu sehen, wie rasch der Welt Dinge entfallen, die im Augenblick, wo sie geschahen werth erschienen, für immer der Erinnerung der Nachwelt aufbewahrt zu werden, und die nun doch für die Mehrzahl der Menschen vollständig untergegangen sind.

Dieses Gefühl überkam mich, als ich unlängst das vergessene Werk „Curiosities of American Literatur“ in der Hand hielt, [656] welches ich in der Bibliothek eines reichen Privatmannes zu Baltimore aufgestöbert hatte. Zwecklos schlug ich ein Blatt um das andere um; hier stand eine jetzt längst vergessene Anekdote von einer gleichfalls vergessenen Autorität; dort Bruchstücke einer philosophischen Abhandlung, deren Scharfsinn einst von Allen bewundert worden und die im Laufe kurzer Zeit doch in Vergessenheit gerathen war, dort der Fetzen einer Statistik – kurz, es war ein Untereinander der verschiedensten Dinge, die zu lesen es unserer mit Dampf dahin brausenden Zeit an Muße wie an Verständniß gebricht.

Während ich gedankenlos hin und her blätterte, gewahrte ich eine Sammlung von Notizen über die Cherokesensprache.[1] Ich las und wurde, trotz des holprigen Compilatorstyls, immer mehr gefesselt. Vor mein geistiges Auge trat eine jener Titanengestalten, deren Geist mit Polypenarmen Alles erfaßt und in sein Bereich zieht; eine jener Feuerseelen, von denen ein segenbringender Glanz ausgeht, welcher die Nacht der Unwissenheit und des Wahnes von einem ganzen Volke verscheucht; ein Mann, dessen Name verdient neben den größten Erfindern aller Zeiten genannt zu werden, der als Stern erster Größe in der Culturgeschichte glänzen würde, hätte er der Trägerin der Civilisation und nicht der indianischen Race allein geleuchtet. Ich hatte den Namen dieses Genies niemals nennen hören, eine englische Encyklopädie kannte nur seine Erfindung; des Spaßes halber suchte ich auch im großen Brockhaus, und ich muß gestehen, daß ich vor der deutschen Gründlichkeit Respect bekam, da stand es: „Georg Gueß, ein Cherokese, erfand ein Silbenalphabet.“

Das war aber auch Alles. Der Mann, welchen die Amerikaner Georg Gueß nannten, hieß bei seinen Landsleuten See-quah-yah. Man sagt, er sei ein Halbblut-Indianer gewesen; das bleibt jedoch dahin gestellt; soviel ist gewiß, daß er von der kaukasischen Race nicht das Geringste in seinem Naturell hatte, noch sich aneignete, vielmehr zäh an den indianischen Sitten festhielt.

Der amerikanische Literat Samuel L. Knapp traf im Jahre 1828 zu Washington mit diesem Philosophen ohne Hosen zusammen, und ihm allein verdankt die Nachwelt das Nähere über diese merkwürdige Persönlichkeit und deren Erfindungen. See-quah-yah, oder Gueß – wie wir ihn fortan der Kürze wegen nennen wollen – war zur Zeit jener Unterredung etwa fünfundsechszig Jahre alt, die Conversation wurde durch zwei cherokesische Dolmetscher vermittelt. Der Indianer erzählte, daß er in seiner Jugend ein geweckter flotter Bursche gewesen sei und schon frühzeitig bei seinem Stamm als Märchenerzähler einen gewissen Ruf erlangt habe; seine umfassende Kenntniß der Traditionen brachte ihn sogar in den Ruf eines „Gelehrten“, was ihn jedoch nicht hinderte, mit in die Kriege zu ziehen und Tomahawk wie Scalpirmesser gehörig zu handhaben. Eine Kniewunde warf ihn jedoch längere Zeit auf’s Krankenlager, ja machte ihn für Lebenszeit zum Invaliden; die Gelegenheit, sich als Krieger oder kühner Jäger auszuzeichnen, war ihm für immer abgeschnitten. So wurde er Philosoph, d. h. nach seiner Art, und an Zeit zum Nachdenken fehlte es ihm fortan nicht.

Nun war auf einem seiner Kriegszüge ein Amerikaner gefangen worden, welcher einen Brief bei sich trug. Der Gefangene, über dieses seltsame Ding befragt, las den Brief laut vor, und obwohl die Rothhäute kein Wort verstanden, so waren sie doch hoch erstaunt über den Zauber, der in den schwarzen Zeichen steckte, die den weißen Mann befähigten, ohne weiteres Nachdenken eine so fließende Rede zu halten. Das „sprechende Blatt“ wurde Gegenstand einer besonderen Berathung, in welcher ein Häuptling die Frage aufwarf, ob der große Geist den Bleichgesichtern jene geheimnißvolle Gewalt verliehen, oder ob diese sie selbst entdeckt hätten. Die meisten Krieger waren der ersteren Ansicht, nur See-quah-yah vertheidigte beharrlich die letztere.

Seitdem kam ihm jenes merkwürdige Blatt nicht mehr aus den Gedanken, er saß monatelang in seinem Wigwam, rauchte und grübelte; über seinem Scheitel zog die Zeit in rastlosem Fluge, um ihn herum wechselten die Jahreszeiten, die Natur mit ihnen, er merkte es kaum, denn eine Idee hatte seine Gedanken gekreuzt, des Opfers eines Menschenlebens vollkommen würdig: er war entschlossen, seiner Nation einen ähnlichen Zauber zu verschaffen. Zuerst ging er daran, auszufinden, wie viele verschiedene Laute seine Muttersprache habe. Da Gueß selbst kein besonders musikalisches Gehör besaß, so nahm er Frau und Kinder zu Hülfe. Für jeden festgestellten Laut machte er sich ein bestimmtes Zeichen; anfangs schien es ihm gerathen Bilder von Thieren, Pflanzen und Waffen zu nehmen, er gab diesen Gedanken aber bald wieder auf und behalf sich mit anderen Merkmalen; so brachte er etwa zweihundert verschiedene Charaktere für sein Alphabet zusammen. Seine Tochter, die ihn bei diesen Experimenten treulich unterstützte und bald im Stande war erfinderisch mitzuwirken, half die Zahl der Schriftzeichen auf fünfundachtzig reduciren.

Nun begann unser Kadmus leicht nachzuahmende Buchstaben zu schaffen, auch das gelang vortrefflich, und so war die Cherokesenschrift erfunden. Als Griffel diente dem Erfinder ein Nagel, als Schreibtafel ein Stück Baumrinde.

So weit erfolgreich, sann er natürlich darauf, seine Erfindung immer mehr zu vervollkommnen. Der nächste Agent der amerikanischen Regierung mußte ihm Papier liefern; Tinte gewann er aus der Rinde eines Waldbaumes, deren färbende Eigenschaften er bereits kannte. Wenn ihm nun auch das Federschneiden anfangs nicht besonders gelingen wollte, so half doch sein erfinderischer Geist auch bald über diese Schwierigkeit hinweg und der Mann, welcher ein Alphabet erfunden hatte, das nahezu viermal so umfassend ist, als das der deutschen Sprache, fand auch aus, daß die Feder einen Spalt haben müsse, um erfolgreich damit arbeiten zu können.

Der schwierigste Theil seiner Arbeit war jedoch noch zu thun, nämlich den Cherokesen die Erfindung plausibel zu machen. Das Neue stößt bei allen Völkern, sie mögen nun viel oder wenig, oder auch gar keine Seife beim Waschen gebrauchen, auf Widerstand, man denke an Guttenberg, Fulton u. a. Jener amerikanische Wunderdoctor hat ganz recht, wenn er sagt. „Es ist keine Kunst eine Medicin zu erfinden, die Alles heilt, aber eine Kunst ist es das Publicum glauben zu machen, daß sie Alles heilt.“ Auch Gueß mußte erfahren, wie schwer es ist den Widerstand der stumpfen Welt zu besiegen. Schon seit längerer Zeit hatte man sein Treiben mit Mißtrauen und Mißfallen betrachtet; man hielt ihn für einen bösen Zauberer und mied ihn; der Wahn wurde sogar dermaßen geschürt, daß eine Zeitlang sein Leben gefährdet war.

Ungeachtet dieser wenig ermuthigenden Stimmung gelang es ihm doch, die bedeutendsten Männer seiner „Nation“ in seinem Wigwam zu versammeln, um sie über seine Entdeckung in’s Klare zu setzen. Er erinnerte sie an den Streit über jenes „sprechende Blatt“, begann dann seine damals geäußerte Ansicht näher zu begründen, wobei er sogleich eine genaue Erklärung der Schreibkunst mit einlaufen ließ, und schließlich rückte er mit seiner Erfindung heraus.

Die Häuptlinge schüttelten halb zweifelnd, halb mitleidig die Köpfe, und es war wahrscheinlich ein großes Glück für unsern Erfinder, daß es bei den Indianern keine Narrenhäuser gab, er wäre wohl ohne Weiteres eingesteckt worden. So aber sagten sie gar nichts und warteten ab, bis See-quah-yah sie überzeugen werde. Wir haben bereits oben gesehen, daß seine Tochter bei der Erfindung half; diese sollte jetzt den Beweis liefern. Sie mußte mit einem Häuptling den Wigwam verlassen; der Sachem wurde ersucht, einen Gedanken auszusprechen, und Gueß schrieb denselben auf. Das Mädchen wurde gerufen, man hielt ihm das Papier hin und – die Rothhäute sprangen vor Staunen und Schrecken von ihren Sitzen. Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Unser Erfinder konnte die erregten Gemüther kaum beschwichtigen und erst, als er nochmals betheuert hatte, daß durchaus keine Zauberei im Spiele sei, durfte er seine Experimente fortsetzen; er verließ das Zelt und das Mädchen mußte schreiben, auch dieses wurde gelesen.

Nach einer kurzen Berathung begannen die Häuptlinge die Sache in einem milderen Lichte zu betrachten und schließlich gewann die Ueberzeugung Raum, daß der lahme See-quah-yah eine äußerst wichtige Erfindung gemacht habe.

Allen in Nordamerika lebenden Volksclassen, sie mögen nun kaukasisches, indisches oder äthiopisches Blut in den Adern haben, ist das gemein, daß bei ihnen die That auf den Gedanken folgt. Rasch entschlossen, führen sie das Beschlossene rasch aus. Wie das Klima dieses Landes sich immer in Extremen bewegt und die Uebergänge fast gar nicht bemerkbar sind, so seine Bewohner; [657] sie wechseln ihre Ansicht eben so leicht wie die Hemden, und Ideen, die in Europa Decennien der Vorbereitung brauchen, werden hier über Nacht als selbstverständlich acceptirt. Noch ehe die Häuptlinge sich trennten, wurde beschlossen, dem Gueß eine Anzahl talentvoller junger Leute zu übergeben damit er dieselben in seiner Kunst unterrichte. Schon nach wenigen Wochen konnte er eine Prüfung veranstalten, die äußerst günstig ausfiel. Das war ein Freudentag der Cherokesen, wie seit Entdeckung des großen Pfeifensteinbruches kein zweiter die Indianer beglückte. Eine Büffeljagd wurde zu Ehren der Erfindung veranstaltet und ein langes Gastmahl folgte.

Der Leser muß nicht glauben, daß ich hier das Histörchen, welches sich an die Entdeckung des pythagoräischen Lehrsatzes knüpft, aufwärmen wolle; man lese nur Knapp’s Bericht, und diesem trockenen Yankee liegt sicherlich nichts ferner, als witzige Beziehungen; die Büffeljagd zu Ehren der neuerfundenen Cherokesenschrift hat tatsächlich stattgefunden und zeigt, daß – wie Heine sehr treffend bemerkte – seit den Tagen des Pythagoras bei jeder neuen Erfindung die Ochsen zittern müssen.

Bei dem Mahle erhielt Gueß den Ehrenplatz und die Indianer betrachteten ihn als ein höheres Wesen, denn der weise, große Manitou war mit ihm. Der noch vor Kurzem verachtete, von allen Kriegern scheu gemiedene Invalide wurde jetzt Häuptling der Nation, aber den Kriegspfad beschritt er nicht wieder, vielmehr gründete er in allen Cherokesendörfern Schulen und sorgte dafür, daß seine Erfindung in unglaublich kurzer Zeit Gemeingut der Nation wurde.

Die amerikanische Regierung – von jeher bereit, Alles zu thun, was die Civilisirung der Rothhäute fördern kann, die aber leider durch die Geldgier ihrer Agenten und die Landgier der früher dominirenden Sclavenbarone, hauptsächlich aber durch die von beiden Factoren provocirte grausame Kriegführung der Indianer oft zum Vernichtungskrieg gegen dieselben gezwungen wurde – besorgte einen Guß Typen für das von Gueß erfundene Alphabet und gab den Cherokesen die Mittel, in ihrer neuen westlichen Heimath – sie wurden nämlich zu jener Zeit von Georgia nach Kansas verwiesen – eine Zeitung zu etabliren, die in englischer und cherokestscher Sprache erscheint und unter dem Namen „Phönix“ noch heute in New-Echota prosperirt.

Wer von den monströsen Zeichnungen der Indianer und von den Hieroglyphen, die sich zuweilen an ihren Denksteinen befinden, auf das von Gueß erfundene Alphabet schließen wollte, würde sich sehr täuschen. Ich war wirklich erstaunt, als ich nach langem Nachforschen das erste in der Cherokesensprache gedruckte Buch sah. Die Charaktere sind so einfach, so symmetrisch abgerundet, daß ich wirklich zweifelte, ob dieses die Erfindung eines Indianers sei. In dem Alphabet sind sechszehn englische große Buchstaben, und Gueß mag dieselben jenem „sprechenden Blatt“ entnommen haben; aber woher bekam er das große und kleine Lambda, das Rho, das kleine Beta, letzteres sogar in der doppelten Schreibweise, und das große Gamma, die wir alle in der vollendetsten Weise hier wiederfinden? Selbst das Zend und Sanskrit ist in diesem Alphabet vertreten. Ein Silbenzeichen hat große Aehnlichkeit mit einer Maultrommel, deren Zunge ausgebrochen ist, ein anderes sieht einem Korkzieher nicht unähnlich.

Gueß blieb jedoch nicht bei dieser einen Erfindung stehen, sondern fand bald heraus, daß der weiße Mann auch noch in anderer Beziehung manchen Vorsprung habe. Das Nächste, was er vermißte, war ein sichtbares, maßgebendes Hülfsmittel für das Rechnen. Selbstverständlich kannte er weder arabische noch römische Ziffern; die Cherokesen hatten zwar Worte für alle Zahlen bis Hundert, aber sie hatten kein gemeinschaftliches Hülfsmittel für’s Addiren, Subtrahiren etc. Er sann nach und erfand ohne Euclid und ohne Adam Riese die vier Species. Seine größte Schwierigkeit war, den Zahlen in ihrer respectiven Bedeutung im Decimalsystem die gehörige Stelle anzuweisen; auch diese überwand er und es gelang ihm, seinen Landsleuten klare Begriffe von allen Zahlen bis zu einer Million zu verschaffen. Als Herr Knapp seine Bekanntschaft machte, war er ein tüchtiger Mathematiker.

Nun hat er doch wohl genug erfunden, wird der Leser denken. Noch lange nicht. Ein solcher Geist ist rastlos tätig, immer in fremden, unbekannten Regionen schweifend, für ihn giebt es kein Ziel, bis ihm der Tod sein unerbittliches „Genug“ zurraunt.

Gueß hatte bei seiner Alphabeterfindung leidlich Zeichnen gelernt. Wie alle Naturmenschen liebte er die Natur, und wenn er den Urwald im herbstlichen Blätterschmuck sah, wenn er die Pracht des Himmels beobachtete, wenn die Sonne im Spätherbst allabendlich von ihm Abschied nahm, so that es ihm in der Seele weh, eine solche Scene nicht festhalten zu können. Er sprach mit einem Agenten der Regierung darüber und hörte zu seiner Freude, daß der weiße Mann dieses meisterhaft verstehe. Sein Entzücken war jedoch vollkommen, als ihm der Agent einen Farbekasten verschrieb. Ohne weitere Anweisung machte sich Gueß daran, die Farben zu studiren, und sehr bald hatte er ausgefunden, daß durch Mischung derselben verschiedene Nuancen entstehen; nach kurzen Vorstudien begann er, die Natur mit überraschender Treue zu copiren. Seine Landschaften und Thierstücke erregten selbst bei Weißen Aufsehen, dieselben sind natürlich im Vergleich mit den Leistungen der kaukasischen Race roh, aber nicht selten geistreich und dabei immer correct. Einige derselben befinden sich in dem an Curiositäten und Indianer-Antiquitäten so reichen Smithsonian-Institut zu Washington, und diese Bilder verrathen eine bedeutende Kenntniß der Perspective.

Aber auch hierbei blieb er nicht stehen; er sah die unzähligen blinkenden Kleinigkeiten der Weißen und sann darauf, auch diesem nachzuahmen. Gueß wurde deshalb Feuerarbeiter. Bei seinem Stamm waren wohl einige Schmiede, diese verstanden jedoch nichts weiter, als einen rohen Tomahawk zurechtzuhämmern, oder ein Gewehrschloß zu repariren. Gueß schmiedete nach den bei amerikanischen Officieren gesehenen Mustern silberne Sporen, Löffel, goldene Ringe etc. zum großen Entzücken der rothen Krieger und ihrer Frauen. Durch diese sich fast auf alle den Bedürfnissen eines Naturvolkes entsprechende Gewerbe und Künste erstreckende, theils schöpferische, theils reproductive Thätigkeit wurde Gueß der Schöpfer der Civilisation seines Stammes, und selten hat wohl ein einzelner Mann einen so mächtigen Einfluß auf die Cultur eines rohen Volkes ausgeübt, als dieser heidnische Indianer.

Von den Cherokesen fast abgöttisch verehrt und von den Weißen, besonders den Häuptern der Regierung in Washington, mit großer Auszeichnung behandelt, hätte man meinen sollen, der Abend seines Lebens sei ein heiterer, wolkenloser gewesen; leider war es nicht so. Auch ihn traf das Loos, welches seit Prometheus fast alle die ereilte, „welche der Menschheit einen Schmerz gestillt“.

Die amerikanischen Missionäre bemächtigten sich nämlich sehr bald seiner Erfindung, übersetzten die Bibel in die Cherokesensprache und verdrängten die von Gueß und seinen Schülern verfaßten Lehrbücher durch ihre christlichen Handfibeln aus den Cherokesenschulen. Der alte Mann aber hing treu an seinem Manitou, und alle Bekehrungsversuche scheiterten an seiner Zähigkeit. Die Missionäre konnten bei dem gewaltigen Einfluß, welchen Gueß besaß, auf keine Erfolge unter den Cherokesen rechnen, sie sannen deshalb darauf ihn unschädlich zu machen. Noch einmal wurde Aberglaube und Wahn gegen ihn heraufbeschworen und dieses wirkte, eine Familie um die andere wandte sich von ihm ab, wie vor zwanzig Jahren stand er abermals allein und verachtet da, aber diesmal ohne Hoffnung; kein fester Mannesmuth half ihm über die Bitterkeiten des täglichen Lebens, keine Zuversicht auf bessere künftige Zeiten erhellte seine Pfade, sein Leben war ohne Ziel, sein Kampf gegen die Verleumdung ohne Siegeshoffnung – er verfluchte seine Erfindung, brach sein Zelt ab und zog mit seiner Familie im Spätherbst des Jahres 1842 der mexicanischen Grenze zu, wo er sich bei San Fernando niederließ. Dort starb er nach einem langen furchtbaren Winter, der ihn fast dem Hungertode nahe brachte, im August 1843 als achtzigjähriger Greis.

Noch rast auf den Prairien des fernen Westens der Vernichtungskampf gegen die rothen Kinder dieses Continents; noch lesen wir täglich von Blutbädern der Sioux, Apachen, Comanchen und anderer Stämme, vor deren Gräueln die historische Massacre von Wyoming in Nichts verschwindet; von den Cherokesen indessen hört man nur selten, außer etwa, daß eine Deputation in Washington angekommen ist, um die Verträge zu erneuern und gelegentlich „den großen Vater“ – wie der Präsident seit den Tagen von Washington von den Indianern genannt wird – einmal zu sehen. Fast mitten unter den Weißen wohnend, haben sie längst die nomadischen Gewohnheiten der rothen Race aufgegeben, es sind die civilisirtesten [658] Rothhäute Nordamerikas. Wenn jedoch die Cherokesen ein civilisirtes Völkchen geworden sind, das Ackerbau, Gewerbe und Handel treibt, Kunst und Wissenschaft pflegt, eine geordnete Staatsverwaltung besitzt, überhaupt eine Republik in der Republik bildet, so war es nicht Kreuz und Schwert der Weißen, was sie auf diese Bahn leitete, sondern vielmehr der Himmelsfunke Genie, welcher in der Brust dieser Rothhaut schlummerte und durch die Berührung mit europäischer Cultur entzündet wurde; der Name See-quah-yah verdient deshalb einen ehrenvollen Platz in der Culturgeschichte der Völker.


  1. Die Cherokesen, die, wie bekannt, als der numerisch stärkste und als der civilisirteste Stamm unter allen nordamerikanischen Indianern gelten, siedelten im Jahre 1838 in das heutige Indianergebiet westlich von Arkansas über und treiben daselbst Ackerbau und Baumwollcultur.