Das Associationswesen in Belgien, Frankreich und England

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Autor: unbekannt
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Titel: Das Associationswesen in Belgien, Frankreich und England
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 475–476
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[475] Das Associationswesen in Belgien, Frankreich und England.

Die Leser der Gartenlaube haben sich so entschieden für unsere deutschen Associationen interessirt, daß es ihnen sicher von Interesse sein wird, etwas über den Stand dieser hochwichtigen Angelegenheit in den obengenannten Nachbarländern zu erfahren. Während bisher ein ziemlich mühsames Studium dazu gehörte, und man aus einer Menge einzeln verstreuter Notizen sich nur ein höchst unvollständiges Bild der einschlagenden Zustände verschaffen konnte, hat sich ein auch um die deutschen Associationen hochverdienter Mann, der Professor Huber, gegenwärtig in Wernigerode am Harz, der schwierigen und mühsamen Arbeit unterzogen, Alles hierher Gehörige zu sammeln und durch eigne Anschauung an Ort und Stelle zu prüfen und zu sichten. Die reiche Ausbeute seiner Entdeckungsreise – denn eine solche verdient das Unternehmen genannt zu werden – liegt nun gegenwärtig in seinen „Reisebriefen aus Belgien, Frankreich und England im Sommer 1854, zwei Bände 8., Hamburg, Agentur des rauhen Hauses,“ vor, einem Werke, welches man für Jeden, der den Stand der Sache gründlich kennen lernen will, für unentbehrlich achten muß. Von den großartigen Cités ouvrières zu Paris bis zu den Associationen abgelegener Vorstädte, von den Unternehmungen der belgischen Regierung bis zu den zahlreichen Privatvereinen Englands gibt das Buch die werthvollsten statistischen und geschäftlichen Details. Bei der Beschränktheit des uns gestatteten Raumes lassen wir nur in Kürze einige Fingerzeige in Bezug auf den reichhaltigen Inhalt hier folgen, welche besser, als jede Empfehlung, dazu dienen werden, das Publikum für die Lektüre des interessanten Buches zu interessiren.

Von den vier Cités ouvrières zu Paris bestehen drei in einem einzigen großen Hofe, eine in einzelnen kleinen Wohnhäusern mit Gärten und gemeinschaftlichen Wirthschaftsgebäuden. Ausgeführt und benutzt ist bisher nur eine der erstern, die Cité Napoleon, ein Gebäude von drei Stockwerken, welches Wohnungen von einer Stube, zwei Kammern, Küche und Vorplatz zum jährlichen Preise von 200–300 Franken enthält, einem Miethzins, der nicht viel geringer als der gewöhnliche ist, wofür aber die Wohnungen besser sind und obenein ein gemeinschaftliches Wasch- und Badehaus enthalten.

Die Arbeiterkolonie zu Mühlhausen im Elsaß, 1851 von einer Aktiengesellschaft mit einem Kapitale von 900,000 Franks gegründet, hatte bis 1854 200 Wohnhäuser gebaut und wollte noch 100 hinzufügen, jedes für eine Familie mit Gärtchen, welche gemiethet und als Eigenthum gegen gewisse, nicht lästige Abschlagszahlungen erworben werden können. Sie ist eine wahre Musteranstalt für gemeinnützige Baugesellschaften dieser Art, und ihr Beispiel nicht genug anzuempfehlen.

Eine diesen Bestrebungen verwandte Wirksamkeit, die Arbeiter mit einem kleinen Grundeigenthum zu verseben, üben die in England bestehenden 130 Gesellschaften zur Erwerbung von Ländereien im Großen und deren Parzellirung, ursprünglich zu dem Zweck, zur Parlamentswahl stimmfähig zu machen. Sie repräsentiren ein Aktienkapital von 3,600,000 Pfund St., hatten bis 1854 bereits 310 Güter gekauft und in 19,500 Parzellen ausgethan, welche großentheils mit einem Wohnhause bebaut wurden.

Eine enorme Bedeutung haben ferner in England die vom Verfasser als Distributiv-Associationen bezeichneten Vereine, welche die Anschaffung von Bedürfnissen im Großen bezwecken, um ihren Mitgliedern bei Abnahme kleinerer Parthien billige Preise und gute Qualität zu sichern. So zählte man in England, ohne Irland, 190 solcher cooperative-stones, d. h. von Associationen gegründete Läden und Magazine, welche sowohl die billige Versorgung ihrer Mitglieder, als eine Dividende am Geschäftsgewinn gewährten, und von denen einzelne sich bis zu einem jährlichen Umsatz von 12,000 Pfund und mehr erheben.

Auch für die Kooperativ-Associationen, die Vereinigung von Arbeitern einer bestimmten Branche zum Betriebe eines Gewerbes für gemeinschaftliche Rechnung ist in England das Meiste geschehn. Der Verfasser [476] weist 35 nach, wovon 15 auf London kommen. Sie zählen gegen 25,000 Mitglieder, welche sich dadurch von bloßer Lohnarbeit zum selbstständigen Geschäftsbetriebe aufgeschwungen haben, indem Jeder zwar für seine geleistete Arbeit Stücklohn erhält, außerdem aber Antheil am Geschäftsgewinne hat. Meist von höchst ärmlichen Anfängen ausgehend, haben sich fast alle zu einem gedeihlichen Verkehr aufgeschwungen. Meist gehören die Geschäfte der eigentlichen Handwerksindustrie an, doch beweisen zwei Maschinenbauwerkstätten und eine Baumwollspinnerei, welche dazu gehören, daß die Association auch bei Fabrikunternehmungen mit Erfolg angewendet werden kann. Ueberhaupt bewährt sich dabei der Satz: daß die Association die einzige Verkehrsform für die unbemittelte Arbeiterklasse ist, welche dazu dient, den bisherigen handwerksmäßigen Gewerbebetrieb derselben in den für die Zukunft allein noch möglichen fabrikmäßigen überzuleiten.

Die französischen Kooperativ-Associationen sind fast einzig auf Paris beschränkt, wo deren gegenwärtig sich noch 31 meist in blühendem Zustande befinden. Sie gehören ebenfalls fast durchgängig der Handwerksindustrie an, welche sie jedoch auf fabrikmäßigen Fuße in großen Ateliers betreiben.

Wie übrigens auch Privatunternehmer das Wohl ihrer Arbeiter allmälig mehr in das Auge fassen, beweisen einige interessante Beispiele in England. So die Price’s patent-candle-company von 400 Aktionären, die in vier Fabriken an 4000 Arbeiter beschäftigt, darunter 1500 Kinder. Sie hat eine Fabrikschule auch für Erwachsene, veranstaltet besondere Vergnügungsparthien mit den Kindern, hält ihnen Spielplätze etc. Für die Arbeiter bestehen Wasch-, Bade- und Speiseanstalten, auch können sie durch Anlegung ihrer Ersparnisse im Geschäft mit der Zeit selbst Aktionäre werden. Ferner die Fabrik des Herrn Salt zu Saltaire auf 700 Arbeiter Cottages (kleine Wohnhäuser mit Gärten) berechnet, von denen bereits 100 fertig sind, mit Kirche, Schulen, Gesellschaftshaus, Bäckerei, Vorraths-, Verkaufshaus, Gartenanlagen, Spielplätzen etc.

Doch wir überschreiten den uns gestatteten Raum, wollten wir des vielen Interessanten auch nur flüchtig Erwähnung thun, und rathen den Lesern, sich statt dieser trocknen Aufzählung, an das Buch selbst zu machen, das wohl kein Einsichtiger ohne Befriedigung aus den Händen legen wird.