Das Begegnen in der Oper

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Autor: Amely Bölte
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Titel: Das Begegnen in der Oper
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35/36, S. 373–376, 383–386
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[373]
Das Begegnen in der Oper.
Novelle von Amely Bölte.

Ein warmer Juliabend hatte sich auf Albion´s weite Metropolis herabgesenkt. Die Sonne, die heute glühende Strahlen versendet, neigte sich unter rothen Wolkendecken dem westlichen Horizonte zu, und Blumen und Blätter, die sich vor der Glut des Tages gebeugt, erhoben sich von dem frischen Athemzuge, der säuselnd durch die Atmosphäre strich. –

In den weiten Parks, die sich inmitten London’s ausbreiten, wurde es stiller und stiller. Die bunte Modewelt, zu Wagen und zu Roß, war heimgeeilt, ihr Mittagsmahl einzunehmen, und die Stiefkinder der launigen Fortuna, denen keine Pänaten ein Heim! zuriefen, waren bei dem ersten Dämmern des Abends die einzigen Gäste, die hier umherschlenderten. Oede und still war es auf den weiten, sonneverbrannten Rasenstrecken, - diesem Bette der Armuth, die ihr Nachtlager noch nicht aufgesucht; fast kein Laut war hörbar, als nur von ferne das ewige Rollen und Rasseln der Wagen in den endlosen Straßen, das dumpf, gleich einem fernen Meeresbrausen, das Ohr des einsam Wandernden berührte.

Ein schöner Sommerabend ist eine seltene Erscheinung in diesem Klima, und um so dankbarer zu begrüßen; aber wenige nur genießen diese Spende der Natur. Die Laden schließen sich, Handel und Wandel haben ihr Ziel erreicht, der Comptoirist verläßt seinen Posten, die Modistin setzt ihr Hütchen auf, und die Straßen London´s wimmeln von einer neuen Bevölkerung, als die war, welche der Tag gebracht. Es ist die Betriebsamkeit, die jetzt lustwandeln geht und in dem Garten des Herrn Athem zu schöpfen begehrt; aber nicht das Feld kann sie suchen und nicht die Flur; nicht den sprossenden Halm kann sie belauschen und nicht die keimende Saat; der Abend hat sich gesenkt, Tausende von Gasflämmchen ersetzen die Helle des Tages, und aus diesem endlosen Lichtmeer führt kein Pfad zu des Landmannes einfacher Hütte.

Räume sind es daher und immer wieder Räume, die diese abendlichen Lustwandler aufsuchen. Für die Grisette giebt es einen Ball, für den Commis einen Club, und für den kleinen Kaufmann Vauxhall und Cremome-Garten, mit Feuerwerk, Illumination und [374] Tanz. Wer sich höher versteigen will, besucht ein Theater in der Stadt und in seltenen Fällen sogar eine Oper. – Auch an Vorlesungen und andern Versammlungen zur Unterhaltung und Belehrung fehlt es allabendlich nicht. Das Ausgesuchteste aller Vergnügungen bleibt aber stets die italienische Oper in London, die ein Ensemble bietet, das seines Gleichen nicht kennt.

Auch im Jahre 1851 lag hier das Ziel alles weltlichen Begehrens. Lumley, der Director, hatte sich diesmal selbst überboten und einen Zusammenfluß von Talenten veranstaltet, die Alles übertrafen. Da war die Sonntag mit ihren Nachtigallentönen, da war Grisi, da war die kleine kugelrunde Alboni mit dem Glockenspiele ihrer reichen Altstimme, und würdig ihr zur Seite stand Ida Bertrand; da waren noch ein halbes Dutzend bedeutender Talente, um jede Nebenrolle zur Vollendung zu bringen und endlich erschien zum Schlusse die Tochter eines kleinen deutschen Landpredigers, Fräulein Cruvelli, – um sich die gesammte Künstlerwelt so wie das Publikum zu Füßen zu legen. Eine solche Norma hatte noch kein Theater gesehen, eine so umfangreiche Stimme, mit einer so reinen Höhe und Tiefe hatte nur allenfalls eine Catalani besessen; und dazu eine schöne Gestalt und 21 Jahre! – Dies ist die höchste Vollendung! rief Emanuel Garcia, dessen Urtheil in der musikalischen Welt für entscheidend gilt.

Der Vorhang war eben aufgezogen, die Cruvelli hatte die Scene betreten und athemlos horchte das zum Ersticken gefüllte Haus. Kein Laut regte sich, kein Hüsteln war noch vernehmbar.

Da wurde in einer kleinen Loge, die schon über der Bühne lag, leise angepocht, und ein Herr, der dieselbe bis dahin allein innegehabt, erhob sich, um der unwillkommenen Störung nachzuforschen.

„Ist dies die Theaterloge?“ fragte eine weibliche Stimme, und eine schlanke, jugendliche Gestalt in eleganter Morgentoilette trat ihm vor der jetzt geöffneten Thüre entgegen.

„Zu dienen, Madame!“ versetzte der so Angeredete und verneigte sich überrascht vor dem schönen Gaste.

„Dann habe ich mein Ziel erreicht,“ versetzte die holde Fremde und trat ein, um von einem Platze Besitz zu nehmen. –

Der Herr schloß die Thüre und folgte ihr dann in den Vordergrund der engen Loge, die nur zwei Stühle faßte. „Vielleicht geben Sie meinem Sitze den Vorzug, Madame?“ fragte er höflich, indem er mit artiger Handbewegung andeutete, daß ihr die Wahl zustehe.

„Ich bin vollkommen zufrieden mit meinem Platze,“ antwortete sie mit einer verbindlichen Verneigung des schönen Hauptes und nahm ihre Lorgnette hervor, um auf die Bühne zu schauen. Julius Piat setzte sich und versuchte ihrem Beispiele zu folgen, aber es wollte ihm kaum gelingen. Jede kleinste Bewegung seines vis-à-vis, ein Knistern des Kleides, eine Bewegung der Hand zog sein Auge von der Bühne, und er gewahrte dabei zugleich, daß sein Blick nur mechanisch dort geweilt und seine Gedanken sich neben seiner unbekannten Nachbarin verloren. Er wußte bereits, daß ihr Kleid himmelblau und ihr Haar lichtblond sei; er wußte, daß aus dem weiten hängenden Spitzenärmel eine kleine Hand in enganschließendem weißen Glacéhandschuh hervorsah; er wußte, daß jedes Lächeln eine Reihe Perlenzähne und die holdesten Grübchen hervorrief, in denen der kleine Gott selber zu wohnen schien. Warum also sich nicht freuen an dem Schönen, das ihm so nahe war? Nur fürchtete er, sie durch den dreist auf sie gerichteten Blick zu kränken, sonst wahrlich hätte er der Oper heute auch keinen Schein von Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Jetzt fiel der Vorhang, der erste Act war vorüber, und die Pause mochte Jeder nach Wohlgefallen ausfüllen. Der junge Mann sprang auf, lehnte sich über die Brüstung, musterte das Theater und maß jetzt mit bedächtigen Schritten einige Male die kleine Loge. Die junge Dame legte ihr Opernglas bei Seite, fächelte sich Kühlung und las dann den Theaterzettel. „Erlauben Sie, daß ich mich Ihres Textbuches einen Augenblick bediene, Herr Piat?“ redete sie den mit verschränkten Armen auf seiner Stuhllehne Ruhenden an.

Herr Piat? – So wußte sie seinen Namen? – Er starrte sie in sprachloser Verwunderung an, und einige Minuten vergingen, ehe er seiner wieder so weit bewußt wurde, um die erwartete Antwort zu ertheilen. – „Ja so! Sie wünschten das Textbuch,“ sagte er verlegen; „es steht Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.“ Er lehnte sich über seinen Stuhl um es ihr zu reichen, war aber so ungeschickt, es fallen zu lassen. „Verzeihen Sie!“ stammelte er und bemühte sich, das kleine Heft vom Boden aufzuheben, „die Nennung meines Namens hat mich verwirrt gemacht. Ich begreife nicht, woher Sie ihn kennen.“

„Das ist ungalant,“ versetzte sie mit schelmischem Lächeln, während sie in dem ihr gebotenen Büchlein blätterte; „wir haben es gerne, wenn man uns ein klein bischen Allwissenheit zutraut.“ –

„Ich glaubte, Allmacht sei das Attribut, das schönen Frauen zukäme; und mit Recht. Können sie ja doch mit einem Blick beseligen und vernichten, – einen Himmel schaffen, oder den Unglücklichen, der nicht zu gefallen verstand, in die siebente Hölle verbannen. – Aber Allwissenheit? – Sie verzeihen, Gnädige! wenn ich Ihnen hier kein Vorrecht vor uns zugestehe.“

Sie lächelte und blickte schelmisch zu ihm auf. „Soll ich Ihnen sagen, warum Sie mir diese Eigenschaft absprechen?“

„Gern! und ich werde sehen, ob sich Ihre Allwissenheit auch dabei erweist.“

„Sie sind neugierig wie unsere Urgroßmutter. Es liegt Ihnen nur daran zu wissen, wie und wo ich Ihren Namen erfahren. Nicht so?“

„Ich kann Ihnen wirklich nicht widersprechen,“ sagte er lachend. „Ich begreife durchaus nicht, wie ich Ihnen bekannt sein konnte, ohne daß ich Sie je gesehen.“

„Das ist in der That höchst wunderbar, besonders da auch ich Sie nie erblickt, Sie mir also auch völlig unbekannt waren.“

„Aber mein Name? Sie nannten mich doch; – oder hätte mir das etwa geträumt?“

[375] „Wachend allenfalls, denn ich sprach ihn wirklich aus, Herr Piat.“

„Sie kannten mich also nicht und kannten mich doch?“ sagte er verwundert.

„Verzeihen Sie! Ich kannte Sie nicht, ich nannte Sie nur. Aber – um Ihrer Neugierde keine härtere Probe aufzuerlegen – Madame Carlotts hatte mit mir von Ihnen gesprochen und daß Sie diese Loge mitunter besuchten. Auch war sie es, die mir diesen Platz überließ.“

„Ach! Nun verstehe ich!“

„Wie sich das ganze wunderbare Räthsel in einfache Prosa auflöst. So geht es leider oft im Leben!“

„Leider!“ wiederholte er seufzend.

„Und doch will man den Augenblick nicht festhalten, will alle Räthsel gelöst sehen.“

„Nicht ich. Das trifft bei mir nicht zu.“

Nicht?“ fragte die Dame gezogen mit einem schalkhaften Lächeln.

„Nicht im Allgemeinen; wirklich nicht. Ich bin ein Kind des Augenblicks, und freue mich des Scheines der Dinge, ohne ihrem Warum nachzuforschen. Ich bin kein praktischer Mensch, ich lebe in der Welt meinen Ideen und verlange von der Erde nichts als eine Seele, mich zu lieben.“

„Und hat die Erde Ihren Wunsch gewährt?“

„Noch nicht, aber sie wird es, ich zweifle daran nicht,“ sagte er und sah ihr tief in das Auge. Sie senkte erröthend den Blick und wandte ihn dann der Bühne zu, wo eben der zweite Act begonnen hatte. Die Cruvelli sang und spielte heute zu hinreißend, um nicht zu fesseln, und der Schluß dieses Actes fand das ganze Haus in Bewegung, Sträuße flogen von allen Seiten und nur eine Stimme des Beifalls war hörbar. Auch Julius Piat hatte sein Bravo ertönen lassen und seine Hände dem allgemeinen Sturme geliehen. Als jetzt eine Stille eintrat, bemerkte seine Nachbarin:

„Wunderbar! Wie dieses Mädchen einen Conflict von Leidenschaften darstellen kann, von denen ihr junges Leben keine Ahnung hat.“

„Keine Erfahrung, meinen Sie; denn darin liegt ja eben die Macht des Genies, daß es sich in alle Zustände zu versetzen weiß, bis es davon, wie von der Macht der Wirklichkeit, ergriffen wird. Der Dichter, der Künstler sind groß durch dieses Intuitive ihrer Natur. Nur wer nicht aus sich heraus kann, ist zum Geschäftsmanne tauglich, dem die Wahrheit einseitig vorliegen muß, der nur den eng vorgezeichneten Pfad verfolgen kann.“

„Und welcher Laufbahn haben Sie sich bestimmt, wenn ich so fragen darf?“

„Keiner. Ich tauge für Beide nicht. Mir fehlt die Form für die Erste und die Neigung für die Zweite. Ich kann mich freuen am Schönen, aber ich kann es nicht hervorbringen.“

„Glücklich für Sie, daß Sie nur genießen dürfen, daß kein „muß“ Sie zwingt, selbst schaffen und leisten zu sollen.“

„Meinen Sie mit dem muß die leere Börse, so möchte dieser Mahner wohl öfter vor der Thüre stehen, als mir lieb ist; aber ich leihe ihm ein taubes Ohr und lebe unbeirrt fort. Geht es dann in Europa nicht länger, so bieten mir die Wälder Amerika’s immer noch Freiheit, Luft und – Einsamkeit.“

„So glauben Sie wirklich, Sie könnten Europa eines Tages ein Lebewohl sagen und auf Alles verzichten, was Ihnen die Kunst bietet?“

„Gewiß! – nur nicht allein. Wie die Pflanze die Sonne erstrebt, so bedarf ich der Liebe. Finde ich das Wesen, das die Natur mich zu ergänzen geschaffen, dann wird die Natur der Tempel, wo ich opfere.“

„Aber ein großer Entschluß für ein Mädchen, in eine so fremde, ferne Welt hinaus zu ziehen.“

„Es ist ein Prüfstein ihrer echten Liebe. Gilt ihr auf dieser Welt noch etwas höher, als der Mann ihrer Wahl, dann taugt sie mir nicht, dann sind wir nicht für einander geschaffen, und unsere Liebe war eine Täuschung der Sinne. Würden alle Verbindungen unter diesen Bedingungen geschlossen, so wäre es wirklich wie im Himmel geschehen, und das tiefsinnige Sprichwort hätte seine rechte Bedeutung gefunden.“

„Sie scheinen der Meinung, daß die Natur für jeden Mann eine Frau geschaffen, und daß diese herauszufinden seine Aufgabe sei.“

„Allerdings! Und wie könnte es anders sein? – Nur das Gleiche sucht das Gleiche und gesellt sich zu einander.“

„Woran aber das Gleiche erkennen?“

„An der innern Beziehung. An dem Verstehen auch ohne Worte.“

„Und wenn man sich irrt?“

„Man irrt sich nicht, wenn man sich nicht irren will. Der Irrtum, wo er begangen wird, entsteht durch die befangenen Sinne; und sollen diese für uns über ein ganzes Leben entscheiden? – Der Mensch hat, indem er dies geschehen ließ, eine große Verantwortung, der Menschheit gegenüber, auf sich geladen. Die Folgen sind unberechnenbar.“ –

„Ich habe diese Theorie nie aufstellen hören.“

„Und findet dieselbe in Ihrer Brust ein Echo, das ein Amen dazu ruft?“

„Ich glaube ja.“

„Dann verstehen wir uns.“

Die junge Dame wurde verlegen und fächelte sich Kühlung zu. „Sehen Sie die unvergleichliche Stellung der Cruvelli! Wir haben uns Beide den Vorwurf zu machen, nicht achtsam genug auf das uns Nächstliegende gewesen zu sein. Wir kamen die Oper zu sehen, und verplaudern die Vorstellung.“

„Sie haben sich in diesem Augenblicke noch einen andern Vorwurf zu machen, der härter trifft.“

„Und welcher wäre das?“ fragt sie überrascht durch den Ernst seines Ausdruckes.

„Sie sind nicht wahr gewesen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Sie wissen es. Sie wissen, daß unser Gespräch Sie näher anging, als die Vorstellung der Cruvelli. Sie konnten sich und mich nicht täuschen wollen.“

Sie errötete tief. –

„Sie sind mir so fremd, Herr Piat, daß die Wendung, die unsere Unterhaltung nahm, mich in Verlegenheit [376] setzte. Ich wünschte daher davon abzubrechen, und verfuhr vielleicht nicht ganz geschickt dabei, wie Ihr Mißfallen mir andeutet.“

„Sie folgten der Mode. Sie sprachen wie die Welt es lehrt; wer aber eine höchste Wahrheit erkennt und sucht, der darf in diesem Tone nicht reden.“

„Ich gestehe das zu, aber – läßt es sich denn vermeiden, so lange man in der Welt lebt, nicht unwahr zu sein? – Die Höflichkeit ist meistens doch Lüge.“

„Die Höflichkeit der Welt – nicht die des Herzens, und das bleibt doch die erste Höflichkeit. – Außerdem giebt es aber für die Frauen noch so manche Regeln des Schicklichen, die alle in das Gebiet der Lüge streifen; darf ich Sie bitten, in Bezug auf diese über sich zu wachen?“

„Der Einzelne muß mit dem Strome schwimmen, Herr Piat.“

„Sagen Sie, der Einzelne darf nicht gegen den Strom schwimmen, so gebe ich Ihnen recht. Lassen Sie uns aber keins von Beiden thun, sondern am Ufer sitzen und von da aus in die Fluthen schauen.“

„Ist es aber nicht unsere Mission, das Leben mitzuleben, ein Glied in der großen Kette zu sein, Herr Piat?“

„Gewiß! – Aber das Glied kann einen stärkeren oder kleineren Ring haben, es kann sich bilden, wie es will.“

„Oder wie die Umstände es wollen.“

„Nicht doch, Verehrteste – wie soll, wie darf ich Sie nennen? Sagen Sie einen Namen, bei dessen Nennung ich mir Ihr Bild zurückrufe.“

„Nennen Sie mich Susanne.“

„Und weiter?“

„Reicht das nicht hin?“

„Nicht ganz. Schriftlich würde ein Vorname keine Dienste leisten.“

„So nehmen Sie meine Karte!“ sagte sie lächelnd, indem sie ihm ein Blättchen aus ihrem Etuis reichte und sich zugleich erhob, um die Loge zu verlassen.

„Sie gehen schon?“ sagte Piat und sah ihr mit vorwurfsvollem Blicke zu.

„Ein muß treibt mich von hinnen,“ sagte sie seufzend.

„Man muß nur das, was man zugleich aus Neigung thut,“ versetzte er einwendend.

„Meine Erfahrung hat mir leider immer das Gegentheil bewiesen, vielleicht aber geht es den Männern hierin besser. Vielleicht müssen Sie nur, wo sie auch wollen.“

„Und warum sollte eine Frau dies nicht ebenso können?“

„Sie kann es, aber sie wird ein Paria der Gesellschaft.“

„Aber doch nicht deshalb, weil sie die Oper eine halbe Stunde später verläßt, als Sie so eben beabsichtigen?“

„In meinem Falle, gewiß. Der Diener wartet meiner; um eilf Uhr kann ich mit Anstand heimgehen, um zwölf Uhr nicht.“

„Da habe ich wieder etwas gelernt,“ versetzte Piat mit leichter Ironie. „Also auch die Zeit hat ihr Sittenregister. Sei es denn! Sie haben dieses unerbittliche Gesetzbuch ja nicht entworfen, so muß ich Ihnen die Grausamkeit wohl verzeihen, die mich um eine schöne Lebensstunde ärmer macht. Vielleicht darf ich aber den Weg mit Ihnen zurücklegen? – “

„Gern, wenn Ihre Füße damit einverstanden sind.“

„Sie wurden nie berufen, mir einen lieberen Dienst zu leisten,“ versetzte Piat und bot der jungen Dame den Arm, um sie die enge Stiege hinab zu führen, die durch die Maschinerien der Coulissen hinter die Bühne führte, die man durchkreuzen mußte, um den Ausgang zu gewinnen. Hier sah es jetzt bunt aus. Man war mit Vorbereitungen zum Ballet beschäftigt, von allen Seiten her hüpften Nymphen und Götter und eilten der Bühne zu, um im Hintergrunde derselben noch einmal die Stellungen zu probiren, die das Publikum bewundern sollte. Niemand dachte dabei an den Andern, Jeder hatte augenscheinlich nur sich im Sinne, war nur auf seinen Erfolg bedacht und wenig bekümmert um das Ganze. [383] Höchst seltsam nehmen sich diese vereinzelten Bestrebungen aus, und traurig und peinlich war der Eindruck, den sie hinterließen! Es war das Bild der großen Weltbühne, der Cultus des Ich in seinem Schmuck als Pantomime. Und der Mond, den man jetzt eben aufzog, die Wolken, die den Horizont nur dunkeln sollten, der Donner, den man eben sanft versuchte, das Alles paßte vollkommen in diese Schöpfung, die der Menschengeist erfunden.

Piat und seine Begleiterin eilten schnell durch diesen Bühnenjahrmarkt, ohne daß Jemand Zeit gefunden hätte, sie auch nur durch einen Blick auf ihrem Wege anzuhalten. Draußen schienen die Sterne hell. Auf diesen nackten Mechanismus der Kunst machte das einfache Walten der Natur, die scheinbare Ruhe bei der unendlichen Bewegung, die sich dem Auge nur durch den Gedanken verräth, einen wohlthätigen Eindruck. Es war eine laue Sommernacht. In den Straßen wurde es schon stille. Der Diener folgte mit einförmigem Tritte. Bald traten sie in den Park von St. James. Hinter dem Palaste der Königin zog eben die Mondscheibe herauf und warf ihr falbes Licht auf die ganze herrliche Umgebung. Die hundertäugigen Gasflämmchen erbleichten vor dem prächtigen Gestirne, und fügten sich darin, ihm zur Folie zu dienen. Der herrliche Thurm von Westminster aber, den kein Strahl getroffen, blieb in seine düsteren Farben gehüllt, und sprach zu dem blauen Nachthimmel mit ernster Mahnung von vergangenen Zeiten.

„Wie schön ist es hier;“ rief Susanne überrascht. „Der Park nimmt sich nie so gut aus, wenn die Sonne scheint und es hier von Menschen wogt.“

„Waren Sie nie zuvor des Abends hier? Wie viel entbehrten Sie da. Um Mitternacht hier zu wandeln, ist mein schönstes Vergnügen. Ich lasse dann oft sinnend die Abendgebete dieser zwei Millionen Seelen an meinem innern Auge vorübergehen und sehe da Himmel und Hölle, Liebe und Haß, Tod und Leben, in wunderbar buntem Gemisch. – Welche Contraste des Lebens, des Denkens, des Empfindens hausen da beisammen! – Sie sollten hier mitunter Abends einsam wandeln.“

[384] „Sie scherzen.“

„Keineswegs. – Warum auch?“

„Es würde sich ja nicht schicken.“

„Nicht schicken, im Angesicht der Sterne zu lustwandeln? Gütige Allmacht! Man sieht es wohl, daß deine Hand das Buch nicht schrieb, worin diese Gesetze verzeichnet sind. Nicht wandeln im Angesichte eines gestirnten Himmels? Wem da die Seele nicht groß wird, wem da der Busen nicht schwillt, der hat die Natur so klein angelegt, daß er nicht einmal staunen kann vor ihrer Größe! – Wie schade, daß die Pruderie des Jahrhunderts auch hier ihren Maßstab anlegen mußte!“

„Aber allen Ernstes, Herr Piat! Meinen Sie wirklich, ein Mädchen könnte am Abend allein spazieren gehen?“

„Und warum nicht? – Was sollte sie abhalten? Der Anstand? Sagen Sie selbst, ob ein Spaziergang nicht anständig ist. Dagegen die so viel Preis gebende Toilette, die wir eben in der ersten Logenreihe gewahrten, diese verstößt allerdings gegen den Anstand, aber Niemand findet daran zu erinnern, weil es so Mode ist. Solche Widersprüche bilden unsere Sittengesetze. Es ist unglaublich, zu welchen Absurditäten wir damit bereits gekommen sind. Aber, – ich will mir den Augenblick nicht damit verderben, diesen Punkt zu erörtern. Wir haben leider Ihre Wohnung gleich erreicht. Sagen Sie mir nun nur noch eilig, wie, wo, wann ich Sie wiedersehen darf.“

„Ich verlasse London übermorgen, um den Winter in Irland zuzubringen.“

„So bald schon? – Aber morgen – wo verbringen Sie den morgenden Tag?“

„Zu Hause, mit Packen.“

„Darf ich Sie besuchen?“

Sie schüttelte verneinend das Haupt.

„Den Besuch eines jungen Herrn anzunehmen, steht mir nicht zu. Ich lebe als Gesellschafterin bei einer irischen Dame, und die Regeln des Anständigen sind hier sehr eng zugeschnitten.“

„Ich muß Sie aber doch wiedersehen? So treffen Sie mich morgen Abend bei Signora Carlotti.“

„Thue ich recht, wenn ich eine solche Verabredung mit Ihnen treffe?“

„Welche kleine Bedenklichkeit!“

„Gut denn! So will ich um sieben Uhr dort sein.“

Die Hausthür stand schon weit geöffnet.

„Also Lebewohl denn für heute!“ rief Piat, ihre Hand ergreifend, und sah sie mit einem Blicke an, der ihr tief in die Seele ging. „Auch in der Ferne bleiben Sie mir noch, wachend und träumend; das Leben kann uns trennen, aber wiederfinden müssen wir uns, das steht fest in mir.“

Susanne erwiederte leise den Druck seiner Hand und schlüpfte in das Haus. Piat weilte noch eine Minute lang auf der Schwelle desselben, dann trat er langsam und sinnend seinen Rückweg an. –




„Susanne an eine Freundin.
Lisdof den 1. Januar. 

„Sie schelten, theure Anna, daß Ihnen auf drei Briefe keine Antwort geworden, während mir, bei der Einsamkeit, in der ich hier lebe, nicht einmal die Entschuldigung bleibe, daß es mir an Zeit zum Schreiben fehle. Sie haben Recht, ich habe keine Entschuldigung und verdiene Ihre Vorwürfe vollkommen. Ja, noch mehr, ich klage mich selbst auf das Härteste deshalb an, und habe dennoch, trotz dieses Bewußtseins meiner sich täglich mehrenden Schuld, nicht zu dem Entschlusse kommen können, die Feder zu ergreifen.

„Was ich Ihnen zu sagen hatte, war zu schmerzlich, als daß ich es mit Leichtigkeit in Worte zu kleiden vermochte. Und hätte ich mich auf Mittheilungen beschränkt, die das äußere Leben angingen, so hätten Sie zwischen den Zeilen gelesen, daß ein Schmerz an mir nage, und das Verschweigen desselben dem mangelnden Vertrauen zugeschrieben. Das hätte Sie gekränkt, und kränken wollte ich Sie nicht. So schwieg ich denn, bis ich Muth hatte zu reden.

„Wo nun aber anfangen? Mit Empfindungen oder mit Thatsachen? Ach! Sie ahnen auch jetzt noch nicht, was mich dieser Brief kostet! –

„Lassen Sie mich aber kurz sein.

„Es war im Juni des letzten Jahres, da traf ich in der Oper, in der sogenannten Künstlerloge, mit einem jungen Manne zusammen, der mir als höchst interessant in seiner idealen Auffassung des Lebens geschildert worden war. Er entsprach meiner Erwartung, ja, er übertraf sie, und Alles, was ich von dem harmonischen Zusammenschmelzen zweier Seelen geträumt hatte, fand sich hier verwirklicht. Er begleitete mich nach Hause und sein letztes Wort war ein Ausspruch, daß das Leben uns nicht mehr trennen könne.

„Wie ich mein Zimmer erreichte, welch ein Jubelgesang des Gebetes aus meiner Seele aufstieg, welche rosige Träume mich umwickelten, das will ich Ihnen nicht beschreiben. – Am folgenden Morgen berührten meine Füße den Boden kaum. – Ich sollte ihn am Abend noch einmal wiedersehen, hatte versprochen, ihn um sieben Uhr bei Signora Carlotti zu treffen, und schwelgte in dem Gedanken dieses Wiedersehens. – Trotzdem daß Alles schon verpackt war, mußte mein himmelblaues Kleid, das mir am besten stand, doch wieder hervorgesucht werden, und trotz der vielen Geschäfte, die sich häuften, konnte die Zofe grade heute mein Haar durchaus nicht nach meinem Geschmacke aufwinden.

„Zur bestimmten Stunde war ich an Ort und Stelle und horchte auf jeden schallenden Tritt. Minute nach Minute verrann, aber Niemand kam. Ich wurde bleich vor Täuschung und Angst. Um acht Uhr wollte mich Lady Hexter in ihrem Wagen abholen und er konnte sich verspäten. Was dann? – Oh! Ich konnte es nicht ausdenken. – Mit fieberhafter Angst folgte ich den Schlägen des Pendels und mein Puls diente demselben als beistimmender Pendant.

„Endlich schlug es wirklich acht und der Wagen fuhr vor. Ich hätte weinen mögen! – Und ich durfte nicht einmal sagen, was mich quälte, welche grausame Täuschung ich erfahren! – Lady Hexter wollte in die Oper fahren. Da saß ich nun neben ihr in der Loge und schaute hinüber nach dem Platze, wo ich gestern [385] so selige Stunden erlebt. Wer mochte heute meine Stelle dort einnehmen?

„Ich nahm mein Glas hervor und blickte genauer hin. Sah ich denn recht? Da saß ja Piat – und neben ihm eine Dame, mit der er sich eifrig unterhielt. O! Fluch über diesen Wankelmuth der Männer! Also auch er war nicht anders als sie alle; heute gefiel ihm die Eine, morgen die Andere. Aber unmöglich! – Seine Worte, die Wahrheit, die aus seinen Mienen sprach. – Ich lehnte mich weit vor, er sollte mich sehen, vielleicht kam er dann zu uns herüber. Aber er sah mich und – dennoch kam er nicht. Trostlos vergrub ich mich nun in den Schatten unserer Loge und Kopfweh vorschützend, nahm ich an nichts mehr Theil.

„Als wir endlich aufbrachen und ich mit weinenden Augen in den Wagen schlüpfen wollte, fühlte ich ein Papier in meine Hand gedrückt; woher es kam, konnte ich in dem Gedränge nicht unterscheiden. So wie ich nach Hause kam und mein Zimmer erreichte, entfaltete ich das Blättchen und fand mit Bleistift darauf geschrieben:

„Wo einmal Du vertrauest,
Da traue ohne Wanken.“ J. P.

„Das war von ihm, kein Zweifel! – Weinend sank ich auf meine Kniee und drückte schluchzend das Haupt in die Kissen, um endlich dem lange zurückgehaltenen Strom der Empfindung Luft zu gönnen. So war er doch noch derselbe! So hatte er mich nicht absichtsvoll täuschen wollen. – Warum aber war er ausgeblieben? – Warum sandte er mir nicht ein Wort der Erklärung? – Unter Zweifeln und Bangen, Hoffnung und Mißtrauen schwand die Nacht, und die Stunde der Abreise war da, ehe ich noch das Auge geschlossen.

„Nie war ich so ungerne von London geschieden, als eben heute! Er blieb ja dort. Nur ein Tag noch, und ich durfte hoffen, ihn zu sehen, ein Wort von ihm zu hören, das mich beruhigte; aber mit diesem Zweifel im Herzen zu scheiden, das war fürchterlich! –

„Wir kamen in Lisdof an. Der Kreislauf der gewohnten Tage begann, aber meine Gedanken waren ferne von meinen Beschäftigungen. Mechanisch verrichtete ich was mir oblag; aber Theilnahme und Interesse konnte mir nichts mehr abgewinnen. Ich legte schwarze Kleider an und trauerte, wie um einen Todten, um mein verlorenes Ideal. Die Menschen glaubten, es sei mir ein lieber Verwandter gestorben, und ließen mich gehen; was ich betrauerte, war leider mehr als todt für mich.

„Hier ist Ihnen nun das Räthsel meines langen Schweigens gelöst. Lassen wir die Sache hiermit aber beendet sein; jede Andeutung würde mir Schmerz machen, und der Rath und Trost, den Ihre Güte mir spenden möchte, könnte mir nur wehe thun. Also – sprechen wir nie mehr davon.

„Und nun leben Sie wohl, theure Anna, und schließen Sie mich in Ihr Gebet ein. – Daß ich heute nicht aufgelegt bin, zu gleichgültigen Dingen überzugehen, sondern hier schließe, werden Sie verzeihlich finden.

Ihre Susanne.“ 




Der Winter nahte seinem Ende. Schon schmückte das erste zarte Grün die fruchtbaren Gefilde des feuchten Bodens, da rollte der Wagen Lady Hexter’s, mit ihren schönen stolzen Rappen bespannt, rasch der Hauptstadt zu. Ein bleiches Mädchenantlitz, von einem schwarzen Krepphute überschattet, schaute zu einem der Wagenfenster hinaus. Es war Susanne, die heute zum ersten Male die Hauptstadt Irlands begrüßte, und mit achtsamem Blicke die Umgebung des reizend gelegenen Ortes musterte.

Lady Hexter wollte sich von der Langeweile ihres Landaufenthaltes erholen, willkommen war ihr daher die Nachricht, daß gerade heute ein ausgezeichnetes Concert stattfinde, in welchem der berühmte Sänger Peretti sich hören lasse. Billete zu den besten Sitzen wurden schnell noch bestellt und erhalten. Um acht Uhr fuhr der Wagen vor und als eben das erste Stück zu Ende war, trat Lady Hexter in Begleitung Susanne’s in den Saal, den bereits eine glänzende Gesellschaft füllte.

Kaum hatte man sich gesetzt, so drängte sich ein Kreis von Herren heran, um Lady Hexter zu begrüßen. So leise diese sich auch nahten, so wirkte deren Begrüßung dennoch störend, besonders für Susanna, die der Musik mit ganzer Seele zugethan war und sich ungern einen Ton entgehen ließ. – Die Concerte in England sind sehr lang. Das Publikum sieht immer noch zu sehr auf die Quantitat, ohne Einsicht der Unmöglichkeit, sein Ohr so viele Stunden lang ohne Anstrengung leihen zu können; und ein Concert soll ein Vergnügen und keine Arbeit sein. Die lange Pause, die die Hälfte der Stücke theilt, wird daher zu einer nothwendigen Wohlthat, ohne die man unfähig wäre, über die letzten Stunden hinauszukommen. – Eben war nun dieselbe eingetreten, und ein großer Theil des Auditoriums hatte sich entfernt, um Athem zu schöpfen, der Saal war daher vergleichsmäßig leer geworden und ein freier Blick über die Versammlung vergönnt. Susanna hatte ihr Auge träumerisch hier und dorthin gleiten lassen, ohne daß ein besonderes Interesse es irgendwo fesselte. Jetzt plötzlich färbte Purpurgluth ihre Wangen und ihre ganze Gestalt verlängerte sich. Was mochte ihr aufgefallen sein?

Wir folgen ihrem Blicke und bemerken hart an der Thüre, die in das Gemach führt, in welchem die Sänger sich aufhalten, einen bleichen jungen Mann gegen einen Pfeiler gelehnt, dessen Auge jetzt eben ihrem überraschten Blicke begegnet. Auch seine Wangen färbt jetzt Purpurgluth, er streicht sich das blonde Haar aus der hohen Stirne, steht einen Augenblick wie unschlüssig und tritt dann rasch vor. Susanne folgt seinen Bewegungen mit verhaltenem Athem. Ihr Sitz läßt einen freien Zugang zu; er steht jetzt neben ihr und bietet ihr seine Hand. Wer schildert das Glück dieser Minute? – Der Kummer eines ganzen Jahres, jeder Vorwurf, jedes Mißtrauen war mit einem Blicke dahin. „Susanne!“ sagte er mit einem Tone, der tief in ihre Seele drang, „Susanne, Sie haben mich nicht vergessen?“

Sie zitterte. „Was brachte Sie hierher?“ fragte sie bewegt.

[386] „Das Schicksal, meine Ahnung, mein guter Stern. Wir mußten uns ja wiederfinden.“

„Doch kamen Sie an jenem Abende nicht?“

„Mißtrauten Sie mir deshalb?“

„Ich läugne es nicht, ich zweifelte und trauerte um Sie.“

„Trotz jener Zeilen, die ich Ihnen am Wagen reichte?“

„Sie beruhigten mich nicht.“

„Susanne!“ sagte er vorwurfsvoll, „dann haben wir uns nicht verstanden.“

Sie sah beschämt vor sich herab. „Ich konnte nicht anders, Herr Piat,“ sagte sie schmerzlich. „Es hat mir viele kummervolle Stunden gekostet.“

„Und diese Trauerkleider?“

„Sie gelten dem Zweifel, der mein Herz beschlich.“

„Arme Susanne! Ich zweifelte nicht, und kam nach Irland in dem festen Glauben, Sie zu finden. – Habe ich mich in irgend einem Sinne getäuscht?“

„Nein!“ sagte sie fest und schaute ihm in das Auge.

„So werden Sie das Vertrauen gewinnen, das Ihnen das sociale Leben geraubt hat, und Ihrer innern Stimme wieder Gehör schenken lernen. Morgen früh komme ich zu Ihnen. Nennen Sie mir Ihre Wohnung.“

Die Musik begann von Neuem; das rückkehrende Auditorium trennte sie für jetzt und auch beim Hinausgehen konnte Susanne ihren Freund nur noch durch einen Blick begrüßen. Aber der kommende Morgen, der sollte ihn ja zu ihr führen und jedes Dunkel aufhellen. Trotz der Ermüdung der Reise war sie schon mit anbrechendem Tage wach und lange angekleidet, ehe noch das übrige Haus sich zu regen begann. Die Trauer war abgelegt, eine muntere Farbe hatte die Stelle vertreten und sich dem freudestrahlenden Gesichte angepaßt. So stand sie harrend am Fenster, jeder Männertritt auf der Straße trieb das Blut in ihre Wangen, jedes Klopfen an der Hausthüre vermehrte die Schläge ihres Herzens. Endlich um die zehnte Stunde wurde es draußen auf dem Gange laut und der Diener rief herein: „Herr Piat!“

Vierzehn Tage später in der Abendstunde sehen wir ein Schiff im Hafen von Dublin mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt. Passagiere gehen ungeduldig auf dem Deck auf und ab und harren des Zeichens, welches das Lichten der Anker bekundet. Am obern Deck stehen zwei Personen über den Rand gelehnt und schauen sinnig in die mit jeder Minute düsterer werdende Nacht hinaus. Der Herr hält die Hand der Dame in der seinigen, sein Blick leuchtet in hoher Befriedigung, während er sein Auge auf seiner Gefährtin ruhen läßt, die sich an ihn schmiegt, als wolle sie sich seiner Gegenwart noch erst recht versichern, indem sie der Küste den Abschiedsgruß zuwinkt.

„Noch ist es Zeit, Susanne,“ spricht eine tiefe, weiche Stimme. „Ein Wort der Reue oder des Bedenkens, und jenes kleine Boot führt Dich an das Ufer zurück.“

„Wie Du nur fragst, Julius!“ versetzt sie mit ruhigem Lächeln. „Wenn ich nun auch noch umkehren wollte, könnte ich denn, nachdem das große Wort: „und er soll Dein Herr sein,“ gesprochen?“

„Es ist eine Form, deren Sinn wir nicht mehr anerkennen.“

„Aber mein Herz sprach sein Amen dazu, und nimmt es auch jetzt nicht zurück. Und so laß uns denn getrost in Deine Wälder ziehen, mein Julius, und sei versichert, daß die Hütte, die Du mir bauest, stets meine liebste Heimath sein wird.“

Er zog sie sanft an sich und küßte sie leise. „Und Glauben und Vertrauen sei das Motto, das über unserer Schwelle geschrieben, und mit solchen Penaten trotzen wir einer Welt!“ sprach er feierlich, und blickte zu den Wolken auf, durch deren grauen Schleier eben ein Strahl des Mondes hervorbrach, um das Lächeln des Glückes zweier in Harmonie vereinigter Wesen aufzufangen.