Das Burgfräulein von Windeck (Chamisso)

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Autor: Adelbert von Chamisso
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Titel: Das Burgfräulein von Windeck
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 467–469
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[467]
Das Burgfräulein von Windeck.

Halt an den schnaubenden Rappen,
Verblendeter Rittersmann!
Gen Windeck fleucht, dich verlockend,
Der luftige Hirsch hinan.

[468]
5
Und vor den mächtigen Thürmen,

Vom äußern verfallenen Thor,
Durchschweifte sein Auge die Trümmer,
Worunter das Wild sich verlor,

Da war es so einsam und stille,

10
Es brannte die Sonne so heiß,

Er trocknete tiefaufathmend
Von seiner Stirne den Schweiß.

„Ach, würde des köstlichen Weines
Mir nur ein Trinkhorn voll,

15
Den hier der verschüttete Keller

Verborgen noch hegen soll!“

Kaum waren die Worte beflügelt
Von seinen Lippen geflohn,
So bog um die Epheumauer

20
Die sorgende Schaffnerin schon.


Die zarte, die herrliche Jungfrau,
In blendend weißem Gewand,
Den Schlüsselbund im Gürtel,
Das Trinkhorn hoch in der Hand.

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Er schlürfte mit gierigem Munde

Den würzig köstlichen Wein,
Er schlürfte verzehrende Flammen
In seinen Busen hinein.

Des Auges klare Tiefe!

30
Der Locken flüssiges Gold! –

Es falteten seine Hände
Sich flehend um Minnesold.

Sie sah ihn an mitleidig
Und ernst und wunderbar,

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Und war so schnell verschwunden,

Wie schnell sie erschienen war.

Er hat seit dieser Stunde,
An Windecks Trümmern[1] gebannt,
Nicht Ruh noch Rast gefunden,

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Und keine Hoffnung gekannt.


Er schlich im wachen Traume,
Gespenstig, siech und bleich.
Zu sterben nicht vermögend
Und keinem Lebendigen gleich.

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Sie sagen: sie sey ihm noch einmal

Erschienen nach langer Zeit,
Und hab’ ihn geküßt auf die Lippen,
Und so ihn vom Leben befreit.

Adalbert von Chamisso.
  1. Anmerkung Wikisource: Druckfehler, richtig: Trümmer, vgl. Werke 1836 S.148 , Gedichte 1875 S.113