Das Capital

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Levin Schücking
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Capital
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–9, S. 1–4, 21–24, 41–44, 57–62, 73–76, 89–94, 105–108, 125–128, 141–144,
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[1]
Das Capital.
Erzählung von Levin Schücking.
1.

Der Fluß, an welchem unsere Geschichte spielt und auf dessen zahlreichen festgemauerten Brücken und leichtgezimmerten Plankenstegen sich ein reges Leben entwickelte, war von allerlei schmutzigen Wassern, welche aus den naheliegenden weitausgedehnten Fabrikanlagen sich in ihn ergossen, trübe gefärbt. Sie verdarben sein reines klares Bergwasser und gaben ihm die häßliche laue Wärme, die sich an kalten Morgen und Abenden in dem leichten grauen Dampfe zeigte, der über den aus Steingeröll und zwischen Felsbrocken dahinschießenden Wassern leise aufwärts zog.

Und wie den Fluß, so hatten die gewaltigen weithin sich erstreckenden Fabrikgebäude mit ihren öden kahlen Ziegelsteinmauern, mit ihren noch öderen und kahleren Ziegeldächern und ihren langweiligen Essen, mit ihrem qualmenden Rauche und ihrer abscheulichen Umgebung von höher und höher wachsenden Schlackenaufschüttungen die landschaftliche Schönheit des einst in seinem Waldkranze so sonnig und friedlich daliegenden Thals verdorben. Rund um sie her war der alte stattliche Bauerhof wie die kleine ländliche Siedelung, die sich mit ihrem warmen Strohdach unter den Wipfeln alter grauer Eichen barg, verschwunden. In weitem Bereich standen zahllose Arbeiterwohnungen, für viele Familien zugleich berechnet, umher und entwickelten mit ihrer melancholischen Verkommenheit eine stumme und herzbrechende Beredsamkeit für die socialistischen Ideen, die bis jetzt leider nur ihre Insassen vielfach wirre und confus gemacht, aber nicht dazu beigetragen hatten, diese Häuser reinlicher, ihre Umgebung fleißiger gepflegt und ordentlicher zu machen, oder die Leute auf den Gedanken zu bringen, daß zerbrochene Scheiben, statt durch vorgeklebtes Papier oder durch zusammengeballte Lumpen, zweckmäßiger durch neues Glas ersetzt würden.

Nur drüben an der anderen, der linken Seite des Flusses lagen auf den niedrigen Vorhügeln des mäßig hohen Waldgebirges noch einzelne der alten Höfe der ursprünglichen Sassen, die einst das ganze Thal beherrschten, bevor die Entdeckung bedeutender Bodenschätze in der Nähe großer und unschwer zu verwerthender Wasserkraft die Industrie herbeigezogen hatte. Hier lag auch ein hübsches kleines Haus mit einem wohlgepflegten Garten davor, [2] weiß verputzt, besponnen mit Reben, die sich zur rechten Seite des Hauses über einen kleinen von weiß angestrichenen Holzständern gehaltenen Laubgang legten, und mit hellen Fenstern hinableuchtend auf das grüne Thal und die häßlichen chaotischen Industrieflecken mit seinen rauchgeschwärzten Dächern und schwarzen Schlackenfeldern darin. Weiter unten schlug der Fluß einen Bogen um eine Ecke des Bergwaldes, die ihm von links her in den Weg trat; hier lag zu seiner rechten Seite ein größeres Gebäude, im schmucken modernen Villenstil mit Terrasse und Veranda, mit hübschen englischen Gartenanlagen rings umher, durch welches sich zwischen den Rasenstücken breite, mit schwarzem Schlackenstaub bedeckte Wege zogen; es war das offenbar der Sitz des das rastlose Treiben und Wirken weiter aufwärts belebenden Princips, des schaffenden und lenkenden Genius des Orts, des „Eins und Alles“ dieses industriellen Mikrokosmos, des „Capitals“.

Was weiter in diesem enger umschlossenen Stück der Landschaft das Auge fesselte, war links, jenseits der mit Fruchtfeldern bedeckten Halde, die nach dem Fluße hinab in grüne Wiesen verlief, der scharfabgeschnittene Saum eines schönen alten Hochwaldes. Er zog in gerader Linie zum Ufer des Gewässers hinab und auf der mittleren Höhe etwa lehnte sich an ihn ein malerischer alter Edelhof mit Zackengiebeln, mit Thürmen und Fahnen; es war als habe die hochmüthige Feudalität sich vor dem Fabrikenlärm, Schmutz, Rauch und Getriebe auf die Flucht begeben und sei von ihm fortgerückt, so weit nur irgend möglich, bis hart an den Hochwald, der die Flucht gehemmt und an den sie nun, wie in seinem Schatten Schutz suchend, sich voll „patriotischer Beängstigungen“ drücke.

Aber das Capital, oder vielmehr sein Vertreter und Besitzer, war in diesem Augenblicke weit entfernt, sich mit der Feudalität, ihren Neigungen und Gefahren zu beschäftigen; der Fabrikherr Gottfried Escher, ein Mann, den Fünfzigern nahe, eine große kräftige Gestalt, mit gewinnenden, sehr festen und große Entschlossenheit andeutenden Zügen – dafür sprach das breite Kinn und die tiefe nie schwindende Furche zwischen den dunklen Brauen – saß eben jetzt in sehr nachdenklicher Haltung unter einer erhöht liegenden Laube seines Gartens. Herr Escher schien mehr mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt; er saß ein wenig zusammengesunken auf der Bank, hatte seine Cigarre ausgehen lassen und blickte sinnend auf den Boden; neben ihm saß ein sehr hübsches schlankes Mädchen, seine älteste Tochter, und hielt, während ihre Hände im Schooße ruhten, ihr feines, regelmäßiges Profil von ihm abgewandt, so daß ihre klugen braunen Augen mit einem wehmüthig ernsten Ausdruck auf dem kleinen weißverputzten Hause ruhen konnten, das jenseits des Flusses auf der Höhe lag.

Nach einer langen Pause blickte Herr Escher auf und beobachtete eine Weile still die Blicke seiner Tochter.

„Elisabeth!“ sagte er endlich leise.

Sie erschrak leicht und wandte erröthend dem Vater ihr Gesicht zu, um ihm doch nun offen und gerade in’s Auge zu blicken.

„Wo sind Deine Gedanken, Kind? Drüben unter Deines Oheims Gotthard Dache?“

Sie nickte leise mit dem Kopfe, um dann ihr Haupt wieder zu wenden und in dieselbe Richtung zu schauen.

„Es ist traurig,“ fuhr Herr Escher nach einer Pause fort, „daß wir Alle zu einem so hartnäckigen zähen Geschlechte gehören – wir Alle, ausgenommen freilich Malwine, die wieder gar zu wenig von dieser Festigkeit besitzt und sich vom Leben schaukeln und tragen läßt, wie eben des Lebens Wellen sie werfen. Für sie aber bin ich Gott sei Dank nicht mehr verantwortlich, und ob die nächste Welle, die sich ihrer bemächtigt, Herr von Maiwand heißt oder einen andern Junkernamen führt, ist mir völlig gleichgültig. „Was mich kümmert“ – Herr Escher sagte das mit leiser Stimme –, „das ist, daß Dein Herz noch immer an Rudolph zu hängen scheint, so energisch ich Dir erklärt habe …“

„O ja,“ fiel hier Elisabeth ein wenig bitter ein, „Deine Energie ließ nichts zu wünschen übrig; wohl aber die Erklärung.“

„War sie nicht deutlich genug? Daß ich nicht zugeben kann, nicht zugeben werde …“

„Das habe ich freilich verstanden,“ unterbrach ihn das junge Mädchen, „nicht aber das Warum.“

„Wende Dich doch an Malwine!“ versetzte heftig Herr Escher, „sie wird’s Dir erklären können – ich will es nicht, weil ich mir das gelobt habe um meines Bruders Gotthard willen. Deshalb kommt das Warum nie über meine Lippen.“

Elisabeth sah ihn groß an.

„An Malwine soll ich mich wenden? Was weiß Malwine von Deinen Beweggründen? Sie würde mir lachend antworten: ‚Ei, blinde Elisabeth, Dein Vater will eben seine einzige Tochter nicht an einen untergeordneten Techniker, der nicht viel mehr ist als ein armer Maschinenschlosser, geben – das ist eine einfache Sache.‘“

„Das würde sie nicht sagen; dazu kennt sie meine Denkungsart zu gut. Wir alle sind Leute, wir Escher, die ihr Leben auf die eigene Kraft gegründet haben, und wenn Hochmuth in uns ist, so richtet er sich nicht wider Die, welche im Kampfe mit dem Leben nach demselben Ehrenpreise ringen, sondern höchstens wider Die, die sich über uns erhaben dünken, weil sie nichts ihrem Verdienste verdanken, sondern Alles dem Glücke und dem Vorurtheile der Anderen, dem Knechtssinne der Welt. Nein, Elisabeth. Malwine würde das nicht zu Dir sagen; aber eine andere, bessere Auskunft über meine Motive würde sie Dir auch wohl nicht geben. Ich zweifle, daß sie es würde. Sie müßte dazu von ihren früheren Beziehungen zu Rudolph reden – damals, als sie noch Sängerin war und Rudolph in der Hauptstadt in einem Kaufmannsgeschäfte diente.“ – –

„Und was,“ fiel Elisabeth betroffen und heftig ein, „was für Beziehungen hatten sie denn zu einander? Welche anderen, als die zwischen einer berühmten und gefeierten Sängerin der Hofbühne und einem armen Commis, der ihr Vetter ist, bestehen konnten?“

„Danach frage mich nicht weiter! Ich will Dir nur, wenn Du mir heiliges Schweigen darüber gelobst, das Eine sagen, daß diese berühmte Sängerin dem Commis ihr ganzes Vermögen opferte, nachdem der Commis sich in die unehrenhafte, ja gründlich unehrenhafte Lage gebracht hatte, es annehmen zu müssen. Nun hast Du Alles gehört, was ich Dir sagen kann. Du wirst darüber schweigen – gegen Jedermann. Es muß darüber geschwiegen werden, und ich verlange das von Dir. Und im Uebrigen vertraue mir, meiner Liebe und Sorge für Dich! Thust Du es, Elisabeth? Gieb mir die Hand darauf, mein Kind!“

Elisabeth’s Augen waren feucht geworden; groß und betroffen blickte sie ihren Vater an und legte langsam ihre Hand in seine Rechte.

„So,“ sagte er, „und nun quäle mich nicht mehr! Ich kann Dir von diesen früheren Beziehungen Malwinens und Rudolph’s nicht mehr sagen, dem Gelöbniß, das ich mir selbst gegeben, nie darüber zu sprechen, nicht weiter untreu werden. Was ich Dir eben sagte, hat mir die Lage, in welcher ich mich befinde, entrissen; Du weißt, Elisabeth, welche Wolke über mir hängt und welche Sorge auf mir liegt. Wenn ein Mann dem Kampfe mit der Welt um ihn her entgegen geht, will er Frieden haben daheim, an seinem eigenen Herde. Ich konnte Dich nicht so in trübe Gedanken verloren und gegen mich empört, mir grollend, dasitzen sehen. Ich kann es nicht ertragen, jetzt nicht, daß Du mich verkennst.“

„Ich grolle Dir nicht, Vater; ich weiß, daß Du mich liebst,“ versetzte Elisabeth und neigte ihr Gesicht, über das jetzt Thränen quollen, auf seine Schulter, auf die sie ihre Stirn drückte.

Nach einer Weile hob er ihr leise das Gesicht, drückte einen flüchtigen Kuß auf ihren Scheitel und stand auf, um gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken zusammengelegt, dem Hause zuzugehen. Er war offenbar mit den eigenen Sorgen viel zu beschäftigt, um noch lange bei dem Kummer seiner Tochter verweilen zu können … es war das eben nur ein Liebesgram, und – das wußte er ja – sein Kind war verständig, klar, entschlossen; sie war sein Blut. Das, was er ihr gesagt, mußte sie beruhigt haben.

Wie wenig ahnte er, welchen Stachel seine Worte für sie gehabt hatten! wie schmerzlich das Licht ihr in’s Herz brannte, das er ihr über die frühern Beziehungen des Mannes, den sie liebte, zu der Verwandten, welche diesem ihr Vermögen geopfert hatte, gegeben. O, es wäre tausendmal besser gewesen, er hätte sie weiter glauben lassen an seinen harten Hochmuth, als ihr solche halbe bittere Enthüllungen zu machen.

[3] Sie stand auf, und als ob es sie nicht mehr an einer Stelle ruhen lasse, schritt sie mit allen Zeichen heftigster Erregung auf dem langen Pfade auf und ab, der zwischen den Anlagen und der sie umgebenden Mauer, durch Gebüsch verdeckt, dahin lief.

Nach einer Weile kam ihr hier ein hübscher Knabe von etwa zwölf Jahren mit wehendem blondem Haare entgegengelaufen, der sich ungestüm an ihre Brust warf und dann weiter eilen wollte.

Sie ergriff seine Hand und hielt ihn fest.

„Wohin, wohin so stürmisch, Karl?“

„Ich will sehen, wieviel Erdbeeren gereift sind; ich will Herrn Landeck davon bringen – er liebt sie.“

„Ist denn die Unterrichtsstunde schon zu Ende?“

„Gewiß, es ist fünf Uhr, und Herr Landeck ist nach Haldenwang gegangen.“

„Schon wieder nach Haldenwang?“

„Ja, zu Cousine Malwine; gehen wir nicht auch einmal zu ihr, Elisabeth?“

„Er war, denk’ ich, noch vor wenigen Tagen dort,“ bemerkte Elisabeth, ohne die Frage zu beantworten.

„Noch vorgestern,“ versetzte Karl; „er hat ja, weißt Du, in Griechenland gelebt, und Du glaubst nicht, wie hübsch er mir davon erzählt. Und er wird mit der Cousine Malwine, die auch dort war, davon reden wollen.“

„Freilich, er wird mit ihr von dem, was sie nun beide kennen, reden wollen,“ entgegnete Elisabeth mit einem flüchtigen ironischen Lächeln, indem sie die Hand ihres Bruders losließ, der zu seinen Erdbeeren davonlief.

„Der elegante Herr Landeck,“ sagte sie sich dann bitter lächelnd, „scheint also auch in den Fesseln der schönen Cousine zu liegen – hat ihn am Ende ganz etwas Anderes in diese Gegend geführt, als die Absicht, Karl’s Erziehung zu leiten, wie wir gutmüthig genug glauben?“

Dabei blieb sie stehen, und mit einem eigenthümlichen Ausdrucke von Schmerz und Zorn blickte sie über die Parkmauer fort auf den drüben jenseits des Flusses liegenden malerischen Edelhof am Walde mit der wehenden Fahne darauf. –




2.

Trotz der Gefahren, die das „Capital“ der Feudalität da oben etwa hätte prophezeien können, flatterte noch heute die Fahne sehr lustig auf dem Edelhofe; sie wehte hoch genug, um in anmuthig bewegtem Spiele ihre Falten dahin fließen zu lassen, und unten am Fuße des Thurmes, auf dessen Höhe sie dieses coquette Spiel trieb, erging sich die Feudalität in heitersten Gesprächen unter einem schönen, von wildem Wein überzogenen, von leichtem Eisengußwerke angerichteten vorhallenartigen Bau, der, über mehrere Treppenstufen erhöht, vor den Sommergemächern des unteren Stockes lag.

Es war eine junge Frau in Trauerkleidern, um welche sich die übrige Gesellschaft wie um ihren Mittelpunkt gereiht hatte, und die doch noch viel zu jugendlich anziehend, viel zu sonnig-heiter, viel zu strahlend aussah, um ihre Aufgabe, ernste Feudalität zu vertreten, mit dem rechten Geschick lösen zu können. Es hätte dazu eines düsteren gestrengen Ritters als Gemahls, eines grauen Burgvogts oder wenigstens einer sauer dreinschauenden Duenna neben ihr bedurft. Gestalten solch würdevoller Art aber fehlten gänzlich. Die Gesellschaft bestand aus sehr modernen Leuten, aus einem etwa sechsunddreißig Jahre alten Herrn in Civil, der aber mit seinem dunklen Schnurrbarte, seinem kurzgeschorenen Haare, seiner ganzen Haltung, einen sehr militärischen Eindruck machte, einem zweiten Herrn in demselben Alter etwa und durchaus nicht militärisch, sondern mit seiner angenehmen Fülle und seinem harmlosen Wesen sehr bürgerlich aussehend, und endlich aus einem dritten, jüngern Manne von noch nicht dreißig Jahren mit einem höchst ausdrucksvollen Kopfe. Er hatte eine hohe gedankenreiche Stirn, „schön gereimte“ und stolze Lippen und ein Wesen, daß man ihn am ersten für einen Diplomaten oder einen der bessern Gesellschaft angehörenden Künstler gehalten hätte. Neben dieser um einen runden Tisch versammelten Gesellschaft stand an einem „stummen Diener“ im Hintergrunde ein schlankes junges Wesen, beschäftigt mit Hülfe eines Lakaien in Livree, der ab und zu ging, den Herrschaften den Thee zu bereiten.

„Ihnen, Doctor,“ hatte sich die junge Frau in Schwarz eben dem behäbigen, wohlgenährten Manne zugewendet, „Ihnen soll ich einmal zum Amüsement etwas vorsingen? Was Sie sich einbilden! Ich werde meine gute Lini bitten, daß sie hineingeht und Ihnen einige Chopin’sche Notturnos oder etwas dem Aehnliches vorspielt, wenn Sie nach Musik dürsten. Unterdeß werde ich den Vortheil haben, daß Sie, aus Höflichkeit schweigend zuhören müssen und mich nicht durch Ihre gräulichen Krankengeschichten quälen dürfen.“

„Aber das ist sehr grausam von Ihnen, Frau Baronin,“ versetzte der Doctor, „da ich Sie nie singen hörte. Es ist auch unvorsichtig von Ihnen, mich durch solche Grausamkeit zu reizen. Wenn ich Ihnen nun zur Strafe bei Ihrem nächsten Migräneanfall die Medicin so einrichtete, daß Sie eine volle halbe Stunde länger harren müßten, bevor die Schmerzen Sie verließen?“

„Ah – das könnten Sie? Welche Giftmischer Ihr Alle seid!“ lachte der militärisch aussehende Herr mit einer unangenehm scharfen Stimme auf – es war viel Metall in der Stimme, aber dieses Metall war zu sehr Schneidigem, Spitzem verarbeitet.

„Ob ich es könnte? Gewiß – je nachdem ich die Dosen meines Recepts bestimmte, könnte ich es, Herr von Maiwand.“

„Es ist wahr,“ sagte jetzt die Baronin, plötzlich sehr ernst, „es ist Euch Leuten eine furchtbare Macht gegeben, und es kommt mir dabei der Gedanke, wie erschreckend viel von unserm Glück, von unserm Wohlsein, von unserm Lebenkönnen abhängt von der Güte anderer Menschen – von dem Nichtgebrauch der Macht, die sie über uns haben. Wie sind wir wehrlos in die Hände solch eines Arztes gegeben! oder jedes Briefboten, dem es einfiele, einen wichtigen Brief in den Ofen zu stecken, statt sich die Mühe zu machen, ihn uns zu bringen! Wie könnten wir uns nach keiner Seite hin bewegen, nichts thun, nichts ausführen, wenn nicht alle die Menschen, deren wir bedürfen, auch die Ehrlichkeit hätten, zu thun, was wir voraussetzen, daß sie thun werden! Wenn man sich das vorstellt, sieht man ein, wie das ganze Leben auf Ehrlichkeit und Güte beruht.“

„Von dieser allgemeinen Güte der Menschen möchte ich doch nicht gerade viel Wesens machen,“ fiel hier der jüngere Mann ein, „sie sind eben gezwungen, verträglich, ehrlich und gut zu sein, weil sonst die Welt einstürzen und sie mit sich begraben würde. Was ich,“ setzte er mit einem Anflug von Ironie hinzu, „mehr als diesen allgemeinen Nichtgebrauch ihrer Macht, uns schaden zu können, wegen dessen Sie die Menschen loben, was ich mehr als das verehre, ist bei schönen Frauen der Nichtgebrauch ihrer Macht.“

„Weil er seltener ist?“ fragte lächelnd der Doctor.

„Weil das Gegentheil ungestrafter bleibt und mehr Unheil anrichtet.“

„Ach, das ist boshaft,“ sagte die Baronin.

„Nur wahr! Was ist ein Streich, den mir die Unehrlichkeit der Menschen spielt, gegen mein herzbrechendes Leid, wenn eine schöne Frau es darauf anlegt, mich unglücklich zu machen! Und davon kann wirklich nur die Güte ihrer Natur sie abhalten; denn für sie giebt es, wenn sie anders handelt, keine Strafe.“

„Doch – mitunter doch!“ rief hier Herr von Maiwand aus, „es giebt doch auch Männer, die nicht ungestraft mit sich coquettiren lassen.“

Die Dame vom Hause warf hier einen eigenthümlichen Seitenblick auf den Mann, der diese Bemerkung gemacht hatte; war es ein Ausdruck von Verachtung oder von Herausforderung, was um ihre feinen rosigen Lippen zuckte? Etwas von beiden war es.

„Es ist nicht hübsch, was Sie sagen, Herr Landeck,“ antwortete sie dann. „Ein so selbstsicherer und weiser Mann muß nur reden, wie er denkt. Und Sie denken nicht daran, daß eine Coquette, wie Herr von Maiwand sich unverblümt ausdrückt, Ihnen je ein herzbrechendes Leid zufügen könnte.“

„Ich danke Ihnen, daß Sie mich für so gefeit ansehen,“ versetzte Landeck. „Doch fühle ich mich durchaus nicht so hochmüthig sicher. Wer durchschaut sofort, ob die Huld einer Frau ernst gemeint oder Coquetterie ist? Wir Männer sind den Frauen gegenüber nun einmal gläubige Seelen; auch in die Kälteste, Härteste legen wir unser eigenes Gefühlsleben hinein, unser eigenes Gemüth …“

[4] „Haben Sie dessen so viel, daß Sie einen Ueberschuß an uns abgeben können?“

Der Doctor lachte.

„Da haben Sie Ihre Strafe, Landeck,“ sagte er. „Aber in welch’ hitzige Debatte sind die Herrschaften gekommen durch meine bescheidene Bitte, einmal unsere gnädige Frau singen zu hören!“

„Es ist das freilich Ihre Schuld nicht, Doctor,“ rief die gnädige Frau aus; „Herr Landeck versteht es einmal, stets das Umgekehrte der Biene zu thun, die aus jeder Blume Honig saugt. Er weiß in jede Conversation ein wenig Gift zu gießen.“

„Ach?“ fiel lächelnd Landeck ein, „das geschieht nur, um Ihnen zu gefallen. Alles, was Sie umgiebt und je umgeben hat, bringt Ihnen so viel Blumen, so viel Honig, hat so viel Süßigkeit für Sie, daß ich mir einbilde, ein wenig Gift muß Ihnen ein wahres Labsal sein.“

Sie machte mit einem leichten Aufzucken der Lippen eine abwehrende Handbewegung gegen ihn, während sie, zum Doctor gewendet, fortfuhr:

„Und daß ich Ihnen Ihre Bitte abschlage, darf Sie nicht kränken – wenn Sie mich nie singen hörten, so trösten Sie sich mit all den andern Herren, die mich auch nie singen hörten!“

„Ich denke doch,“ sagte Landeck betroffen, „Sie hätten mir in Athen sehr oft dieses Glück gegönnt.“

„Und ich meine doch auch,“ sagte Herr von Maiwand aufblickend, „Sie hätten mir von Zeit zu Zeit die Gunst erwiesen, wenigstens in Ihrem Gesange nicht aufzuhören, wenn ich Sie dabei traf.“

Sie unterbrach ihn mit derselben abwehrenden Handbewegung.

„Bilden Sie sich nicht ein, Sie hätten mich singen hören! Ich konnte das immer nur allein, ganz allein für mich, oder vor dem ganzen großen Publicum, vor der ganzen Welt oder doch einem Stücke von ihr auf den erregenden Brettern, in einer ergreifenden Rolle – nicht aber vor dem Einzelnen, nicht vor einem von Ihnen. Da singe nicht ich; da singt etwas Anderes, das eine gute Schule und eine große Routine hat, aus mir heraus, und dieses wohlerzogene brave Etwas, das so genügend seine Pflicht thut, beklatschten Sie, weil Sie glaubten, Sie hätten eine berühmte Sängerin gehört.“

Landeck hatte sie aufmerksam angesehen, während sie so sprach. Er nickte jetzt und sagte:

„Das ist Etwas, das ich von Ihrem Stolze vollständig begreife. Von Ihrer Großmuth, sollte ich sagen, die eine so unwiderstehliche Waffe nicht schwingen mag.“

„Waffe? Sehen Sie denn einen Kampf?“

„Nur einen Angriff freilich, einen Ausfall, eine herbe Demüthigung. Es ist eben Niemand unter uns, der in Ihnen das Verlangen weckt, ihm etwas von den idealen Dingen zu sagen, die Ihre Stimme, wenn Sie allein sind, mit leidenschaftlicher Gluth und hinreißender Macht aussprechen wird. Sie geben unser Einem dafür – Schule und Routine. Das ist denn freilich bitter für uns, und ich bedaure nur, daß ich je Ihre Stimme in meinem einfältigen Glauben, ich hörte Sie singen, bewundert habe. Wie lächerlich muß Ihnen das erschienen sein!“

„Es freut mich, daß Sie mich einmal verstehen, Herr Landeck; ich denke, es ist so, wie Sie sagen,“ versetzte die Baronin wie gereizt.

„Und ich,“ fragte der Doctor, „muß dann wohl für immer darauf verzichten, Sie zu hören, gnädige Frau? Das ist so niederschlagend, daß Sie mir nicht übel nehmen können, wenn ich mich beurlaube, um meinem Kummer darüber in der Einsamkeit nachzuhängen.“

„Das heißt, Sie wollen die Runde bei Ihren Kranken fortsetzen?“

„Ein wenig auch das,“ entgegnete der Doctor und erhob sich. Die Baronin reichte ihm die Hand; er ging dann, sich ebenfalls mit einer flüchtigen Handberührung von dem Thee machenden und bis jetzt schweigsam gebliebenen Fräulein, das bei dieser Berührung leicht erröthete, zu verabschieden, verbeugte sich gegen die zwei Herren, und wollte sich entfernen, als Landeck aufsprang und ihm sagte:

„Ich gehe mit Ihnen, Doctor; es wäre zu gefährlich, Sie Ihrem schweren Kummer in der Einsamkeit allein zu überlassen. Kommen Sie!“

Er verbeugte sich, ohne die freundschaftlichen Händedrücke zu erhalten, womit der Doctor verabschiedet worden war.

Als Beide durch die Eichenallee schritten, die vom Gute parallel mit dem links liegenden Waldsaume zum Flusse hinabführte, sagte der Doctor:

„Sie haben wohl eine große Furcht, Landeck? Man könnte glauben, Sie seien am Ende unserer reizenden Baronin von Athen bis hierher, tief in’s Phäakenland, nachgefolgt.“

„Und worin sollte sich diese Furcht zeigen, Doctor?“

„Nun, in der Art, wie Sie mit ihr verkehren. Sie sind nichts weniger als verbindlich gegen sie, und wer Ihnen nachsagte, Sie machten ihr den Hof, thäte Ihnen Unrecht.“

Herr Landeck lächelte. „Es freut mich, daß Sie das erkennen,“ sagte er. „Je näher eine solche falsche Auslegung dessen, was mich hierher führte, liegt, desto mehr muß es mir angenehm sein zu sehen, daß man sie meinem Erscheinen hier nicht giebt. In der That können Sie versichert sein, daß ich nichts weniger erwartete, als hier dieselbe Frau von Haldenwang wiederzufinden, welche vor einem Jahre einen so belebten und anregenden Kreis deutscher Landsleute in Athen um sich versammelt hatte.“

„Sie waren dort, um archäologische Forschungen zu betreiben?“ fragte der Doctor.

„Aus diesem Grunde war ich zwei Jahre dort,“ antwortete Landeck; „mit einem Aufenthalte auf der trojanischen Ebene habe ich dann meine morgenländischen Studien beschlossen.“

„Und kommen hierher, in unsere ländliche Stille, um hier, wirklich ganz vom Zufall geführt, die Frau wieder zu sehen, die Sie jetzt doch trotz ihrer ewigen kleinen Scharmützel so zu fesseln scheint?“ sagte der Doctor ein wenig ungläubig lächelnd.

„So ist es, wenn ich auch etwas wie ein ironisches Lächeln um Ihren Mund zucken sehe. Die weitest auseinander liegenden Lebenspfade der Menschen haben zuweilen eine wunderliche Caprice, sich zu kreuzen. So der meine und der dieser gnädigen Dame, um dann freilich nach Süd und Nord wieder auseinander zu laufen. Denn außer dem Zufall, der sie eben sich zweimal kreuzen ließ, haben sie nichts miteinander gemein. Ich bin ein armer Teufel von Philologe, den sein Drang in die Welt hinaus und seine Schwärmerei für hellenische Schönheit und die Ueberreste der classischen Welt nicht rasten ließ, bis er vom Ministerium ein Reisestipendium zu archäologischen Forschungen in Athen erhalten hatte. Die dazu auf zwei Jahre bewilligten Mittel sind mit den zwei Jahren zu Ende gegangen; ich bin zurückgekehrt und habe nun sehen müssen, daß ich unterdeß aus meiner eigentlichen Laufbahn herausgeworfen worden. Bis ich eine Anstellung finde, wie sie mir zusagt, habe ich deshalb eine Hauslehrerstelle, auf die ich auch ganz zufällig durch die Zeitung aufmerksam gemacht wurde, angenommen – und so sehen Sie, Doctor, daß durchaus kein Grund zu einer boshaften Voraussetzung vorliegt.“

Der Doctor nickte.

[21] „Nun ja,“ sagte der Doctor, „Sie haben Recht; es liegt wirklich kein Grund vor, anzunehmen, Sie haben wegen der Frau von Haldenwang Ihre Schritte hierher gelenkt. Ob es aber nicht gewisse Leute giebt, die sich darin gefallen, hierin anderer Meinung zu sein, das will ich nicht untersuchen. Das ist dann aber nicht Ihre Schuld, denn Sie, was Sie angeht, thun Alles um zu beweisen, daß Ihnen bei Ihren hellenistischen Studien auch das Capitel von der Circe nicht entgangen ist, und daß Sie die Moral der Geschichte begriffen haben.“

„Vollständig, Doctor. Nur sehe ich hier nicht die Anwendbarkeit dieser Moral.“

„Sehen Sie die Circe nicht? Dann haben Sie das Wachs, welches sich Odysseus in die Ohren steckte, vor die Augen geklebt. Und sehen Sie auch nicht all’ das noch unverwandelte Borstenvieh?“

Der Doctor lachte laut über seinen Scherz und Landeck sagte kopfschüttelnd:

„Das, in der That, sehe ich nicht – ich sehe jetzt nur einen Menschen mit einer sehr boshaften Zunge.“

„Nun freilich,“ fuhr der Doctor fort, „Sie sind erst so kurze Zeit hier und kennen noch nicht den ganzen Hof von unnützen Junkern, Gutsbesitzersöhnen und Industrieprinzen, der die schöne Baronin zu umschwärmen pflegt.“

„Nein, und ich bin keineswegs begierig, die Bekanntschaft dieser, wie Sie behaupten, von der Verwandlung in eine sehr unliebenswürdige Thierspecies bedrohten Freierschaar zu machen – aber …“

„Freierschaar – verzeihen Sie, daß ich Ihnen bei diesem Worte in die Rede falle! – aber dieser Ausdruck ist nicht der richtige. Sie müssen wissen, daß unsere schöne Wittwe die Erbin des stattlichen Gutes Haldenwang nur so lange ist, wie sie sich nicht wieder verheirathet. Wenn sie eine zweite Ehe eingeht, verliert sie es. Unter solchen Umständen ist natürlich bei Leuten dieser Art von einem ernsten Werben nicht die Rede; es ist nur ein Spiel der Eitelkeit. Jeder will durch die Eroberung der schönen jungen Frau für sich einen Triumph feiern und den Andern ärgern. Das ist Alles.“

„Ach,“ sagte Landeck, bei dieser Erwähnung der Verhältnisse der Baronin wie erleichtert aufathmend, „und ist in diesem Wettkampf irgend Einer von ihnen dem Andern voraus?“

„Nicht im Mindesten. Wenn sie nicht so dumm wären, würden sie auch einsehen, daß sie durchaus keine Chancen haben. Die Baronin ist, unter uns gesagt, und nebenbei auch Ihnen ein wenig zur Warnung, das dünkelvollste Weib, das mir je begegnet ist; nicht dünkelvoll etwa à la Donna Diana, wo der Hochmuth doch nur eine arme Taube ist, die verloren, sobald ein anderer Hochmuth gleich einem Stoßfalken noch höher steigt als er – nein, bei ihr haben der Hochmuth der Baronin, der Hochmuth der berühmten Künstlerin und der Hochmuth der schönen Frau ein, sagen wir schonend, ‚Höhenbewußtsein‘ hervorgerufen, an das keines Falken Flügel hinantragen. Solch eine Frau ist durch nichts zu unterjochen, weder durch die geistige Bedeutung eines Mannes, die sie nicht versteht und nicht zu schätzen weiß, noch durch die Leidenschaft eines Mannes, in der sie nichts als einen ihr gebührenden alltäglichen Tribut erblickt. Was sie unterjochen könnte, wäre allerhöchstens die Gewohnheit und das Gewöhnliche, das durch Ausdauer, wie ein Tropfenfall einen Stein aushöhlt, zu seinem Ziele käme – solch ein Mensch z. B. wie dieser Herr von Maiwand, der ihr bereits ganz unentbehrlich geworden zu sein scheint.“

„Er hat, wie man sagt, aus nicht ganz ehrenhaften Gründen den Abschied als Cavallerie-Officier nehmen müssen?“ fragte Landeck.

„So sagt man, und er beutet jetzt den Umstand aus, daß ihm der verstorbene Baron von Haldenwang, mit dessen erster Frau er verwandt war, die Aussicht über die Verwaltung seines Gutes anvertraute, bevor er seine Orientreise antrat. Die Baronin hat ihn in der Stellung gelassen, und Herr von Maiwand ist nicht der Mann, der, wenn er im Rohr sitzt, sich nicht Pfeifen zu schneiden wüßte.“

„Und Sie glauben, er könne diesen stolzen Schwan mit dem souveränen ‚Höhenbewußtsein‘ berücken? Unmöglich!“

„Denken Sie an das, was ich von der Gewohnheit und dem Gewöhnlichen gesagt habe – über ein, zwei Jahre heißt das! Bis dahin wird Herr von Maiwand auch wohl Mittel und Wege entdeckt haben, jener verdrießlichen Testamentsclausel zu entgehen; er ist der Mann dazu. Dann also denken Sie daran!“

„Wenn mein Gedächtniß einer so außerordentlichen Leistung fähig sein sollte,“ fiel lächelnd Landeck ein, „will ich Ihnen den Gefallen thun, Doctor Iselt. Hier aber trennen sich wohl unsere Wege? Und deshalb guten Abend!“

„Guten Abend!“ sagte der Doctor, dem bisherigen Gefährten die Hand reichend und dann dem Wege, der links ab [22] am Flusse entlang lief, folgend, während Landeck eine schmale nur für Fußgänger berechnete Laufbrücke, die über das Gewässer führte, betrat und darauf sich rechts wandte, um flußaufwärts dem Hause des „Capitals“ zuzuschreiten.




3.

Als Landeck seinen Weg der Villa des Herrn Escher zu fortsetzte, dachte er voll Unruhe daran, daß Doctor Iselt wohl schwerlich ganz von seiner eifrigen und beredten Versicherung überzeugt sei, wie nur der reine Zufall ihn hierher in die Nähe der schönen Frau, die er früher an einem andern so fernentlegenen Orte gekannt, geführt habe. Landeck hatte Unrecht darin. Doctor Iselt war von dem, was er ihm vorgesagt, vollständig befriedigt; er ließ sich nicht einfallen, daß ein armer junger Gelehrter, ein Hauslehrer, wirklich habe die Thorheit begehen können, der vornehmen glänzenden Frau nachzuziehen.

Wir haben Landeck andeuten hören, was ihn vor ein Paar Jahren nach Hellas geführt. Dort, in Athen, wo die deutsche Colonie sich zusammenschloß, hatte er sich bei der Familie von Haldenwang, welche gastlich ihre Wohnung allen Landsleuten geöffnet hielt, einführen lassen. Der Mann war ein, wie es schien, nicht gerade reicher, aber sehr wohlhabender Gutsbesitzer aus Norddeutschland, der jedoch die meisten Tage seines Lebens den Genüssen der Residenz gelebt, in der Gesellschaft geglänzt, für die Kunst geschwärmt und endlich eine berühmte Sängerin heimgeführt hatte, die sehr viel jünger war als er. Landeck hatte jedoch sehr bald herausgefühlt, daß es nicht die Kunstschwärmerei gewesen, was den über sein Alter hinaus verbrauchten, blasirt gewordenen Baron Haldenwang in diese Welt großer Erinnerungen und auf den classischen Boden des Schönheitsideals geführt, sondern daß die junge Frau es gewesen, die dem Zuge ihrer licht- und sonnendurstigen Seele nach bis hierher gekommen war und ihren gutmüthigen Gemahl mit sich gezogen hatte, wie er auch in den meisten andern Lebensangelegenheiten ihr die Anregung zu überlassen schien.

Die Sehnsucht nach dem hellenischen Boden und dem blauen Himmel Attikas hatte nun bei ihr, der schönen und lebhaft empfindenden Frau, nicht etwa auf einer ganz außergewöhnlichen Bildung noch einer gelehrten Bekanntschaft mit der Formenschönheit der alten Welt beruht, welche hier ihre verstümmelten und trauernden Ueberreste hinterlassen. Gelehrte Bildung und ernst sinnende Beschäftigung mit den Lebensgestaltungen ferner Jahrhunderte hemmten den frischen und leichten Schlag ihres Herzens nicht. Aber sie trug doch ein Bild schöner geistesfreier und idealer Lebensformen in ihrer Seele. Landeck hatte mehrere Monate in einer stillen beglückten Schwärmerei für sie in Athen gelebt, bis eine plötzliche traurige Katastrophe eingetreten war, die allem ein Ende gemacht hatte. Der Baron von Haldenwang war von einem jener Fieber ergriffen worden, die im Süden das Leben der Fremden bedrohen und zwar an den schönsten und interessantesten Punkten zumeist; er war am Ende der vierten Woche der Krankheit derselben erlegen. Während dieser ganzen Zeit hatte Landeck die Baronin nicht gesprochen und auch ihre Wohnung nur betreten, um sich in das für Besucher offen liegende Buch einzuzeichnen; als er das letzte Mal gekommen, war er ebenfalls nicht empfangen worden; er hatte nur vernommen, daß sie am anderen Tage abreisen werde, und sie dann nur noch in Gegenwart mehrerer Bekannten gesehen, die ihr das Geleit auf den Bahnhof gaben; dort hatte sie ihm weinend stumm die Hand zum Abschiede gereicht, und dann hatte der Eisenbahnzug sie zum Piräus und zur weiteren Heimfahrt entführt.

Das war vor mehr als Jahresfrist gewesen; seitdem war er selbst zurückgekehrt mit dem Bilde der in ihren Trauergewändern doppelt schönen Frau tief im Herzen. Er hatte die schönsten Stunden seines Lebens in der zauberischen Fremde, in der idealsten Umgebung, die für ihn denkbar war, mit ihr zusammen gelebt. Und es lag ihm in der Seele wie ein Anrecht auch auf ihr Empfinden, auf ein Stück ihres Herzens, denn gemeinsam genossenes Glück, das uns ganz und völlig und bis in die Tiefe unseres Wesens ergriff, bindet ja edle Naturen für immer aneinander.

So dachte er an sie, vergaß über diesen Gedanken alles Andere, lehnte die Anstellungen ab, welche ihm an Lehranstalten geboten wurden, die ihn weit und auf immer von der Baronin entfernt hätten, und verschaffte sich endlich eine bescheidene Hauslehrerstelle in ihrer nächsten Nachbarschaft.

Als aber der Augenblick gekommen, wo er sie wieder sehen sollte, ergriff ihn eine fast peinvolle Sorge, ein niederdrückender Gedanke, der einen Haupttheil seiner Nahrung aus einer fast bis zur Schwäche gehenden Eigenschaft zog, einer Art sensitiven Stolzes, der sich doch wieder mit der größten Bescheidenheit vertrug. Frau von Haldenwang war jetzt frei; sie war Wittwe; trat er jetzt vor sie, wie müßte sie dieses plötzliche, unerwartete Erscheinen deuten? Wie anders, als daß er eben ihr gefolgt sei, daß er ihre frühere Güte gegen ihn in eitelster, kläglichster, beleidigendster Weise ausgedeutet habe, daß er mit Hoffnungen komme, welche ihn, den armen, aussichtslosen, unbedeutenden Menschen, in ihren Augen über alles Maß lächerlich machten und ihm von einer hochmüthigen, viel umworbenen, glänzenden Frau nur eine spöttische und sarkastische Aufnahme zuziehen konnten.

Darum hatte ihm, als er an seinem neuen Wohnort angekommen, fast der Muth gefehlt, zu ihr zu gehen. Durch ein sehr feierliches Billet hatte er sich erst um die Erlaubniß, sich vorstellen zu dürfen, bewerben zu müssen geglaubt. Ihr Diener hatte darauf sofort eine freundliche Einladung gebracht. Und doch war er schüchtern und verlegen bei ihr eingetreten. Sie hatte ihn mit Zeichen lebhaftester Freude empfangen, er es immer wieder betonen zu müssen geglaubt, daß nur der Zufall ihn in diese Gegend geführt, daß er überrascht gewesen, von ihrer Anwesenheit hier zu vernehmen. Und über diesen Versicherungen war sie offenbar kühl und verstimmt geworden, als ob sie nun erst beginne, ihm nicht zu glauben, und nun auch anfange, dieses seltsame Ihr-Nachgezogen-Kommen, dieses überraschende Auftauchen vor ihr in einer für ihn beschämenden Weise auszulegen. Das empörte seinen Stolz. So wurde er, als er in Folge ihrer Einladungen sie öfter sah, herbe, scharf und bis an die äußerste Grenze des Taktvollen ungalant – sie hatte ihn ja heute deshalb die „umgekehrte Biene“ genannt. Auf ihren klaren offenen Zügen, die jede innere Bewegung abspiegelten, zeigte sich sehr oft ein Ausdruck, den Landeck als den zorniger Geringschätzung deutete, und dies hatte die Wirkung gehabt, daß auch sie ihn nun gereizt empfinden ließ, wie sehr ihre gegenseitige Situation geändert sei, wie sehr die Zeit vorüber, wo ihre Herzen von demselben Schlage für irgend einen Gegenstand gemeinsamer Schwärmerei bewegt worden, wie sehr sie, sagte er sich bitter, die Edeldame von Haldenwang sei, die ihn in seiner Stellung zu halten wisse.

Landeck litt furchtbar unter dieser Lage, die ihm aussichtslos und ganz verzweifelt schien, weil sich einerseits immer mehr seine Leidenschaft für Frau von Haldenwang hineinmischte, die ihm jetzt in ihrer Kälte und Strenge tausendmal begehrenswerther schien als je früher in den Tagen ihres harmlosen Verkehrs, und weil er andererseits von Tag zu Tag weniger von der Entschlossenheit der Resignation in sich fühlte, mit der ein stärkerer Mann sich einer hoffnungslosen und ihn innerlich aufreibenden Lage entrissen hätte.

Nur das Gift der Eifersucht hatte sich bisher nicht gemischt in das Schmerzliche und innerlich Aufreibende seiner Lage. Er war gewohnt gewesen, Malwine Haldenwang von Huldigungen umgeben zu sehen, und die, deren Zeuge er hier wieder geworden, schienen ihm nicht gefährlicher Natur.

Jetzt waren Doctor Iselt’s Worte nahe daran gewesen, es ihm einzuträufeln, dieses Gift. Maiwand – sollte dieser Mensch, mit seinem überlegenen sarkastischen Lächeln, mit der neidenswerthen Sicherheit seines stillen, zurückhaltenden, kaustischen Wesens, dieser Mensch, der ihm so antipathisch war, der Mann sein, der Malwinens heitere, bewegliche, offene und sich so ungezwungen gebende Natur gewonnen? Durch die Macht der Gewohnheit? Durch die Macht des Schlangenblicks auf den Vogel, hätte Landeck lieber gedacht.

So kam er heim, unzufrieden mit sich, voll der schmerzlichen Klage, daß ein unwiderstehlicher Zug des Schicksals ihn seinen Lebensweg in dieses Flußthal zurücklenken lasse, heim in das stille Eckzimmer im zweiten Stock in der Villa des Herrn Escher, welches ihm als Wohn-, Arbeits- und Unterrichtszimmer eingeräumt war, während im Nebenraume das kleine Bett seines zwölfjährigen Zöglings Karl dem seinen gegenüber einen Platz gefunden [23] hatte. Es war tiefe Dämmerung geworden, als er in das Zimmer trat. Ueber die die Villa umgebenden Anlagen, auf deren Baumwipfel Landeck aus seinen Fenstern hinabblickte, um das ganze Thal hatte sich tiefe abendliche Stille gelegt, und ein dünner blauer Nebel stieg mit leisem Kräuseln und Bewegen über dem Flußbette auf. Das Haus der Frau von Haldenwang, das Landeck von seinem Fenster aus auf der halben Berghöhe am Waldessaume daliegen sah, verschwamm mit seinen Umrissen in unsichere Linien und schien wie ein phantastisches Phantasiebild auf den Nebeln des Flusses zu ruhen, aus ihnen empor zu wachsen; es ruhte auf dem blauen Duft, wie das ganze Luftschloß seiner Zukunfts-, Lebens- und Glücksträume, sagte er sich bitter. Luftschlösser gebaut und wie ein Träumer das Leben genommen – das hatte er ja immer. Wie ein reicher Mensch aus dem Vollen lebt, so hatte er von seinem Lebensschatze geschöpft und drauf losgezehrt. So war er, seinem innern Triebe nach, aus seiner Laufbahn fort, nach Griechenland gegangen, und so war er jetzt einem blinden Herzenstriebe gefolgt und hierher gekommen, ohne sich vorher zu fragen, mit welch klar ausgesprochener Hoffnung, mit welchem bestimmten Gedanken er denn komme. … Idealismus war der Grundton seines Wesens. Und stand es bei ihr nicht gerade so? Lag nicht in dieser inneren Uebereinstimmung der Zauber, der sie an einander fesselte?




4.

So träumend und sinnend hatte er sich in sein offenes Fenster gelegt und lange in die niedersinkende Nacht hinausgeschaut, mit den Augen dem glimmenden Lichte eines Leuchtkäfers oder dem lautlosen Fluge eines über die stillen Gebüsche dahinschießenden Nachtvogels folgend.

Wenn er nach unten hinabblickte, traf sein Auge auf das grüne Rebendach einer Veranda, die sich an dieser Stelle an die Villa lehnte, und von den Ranken und Blättern so dicht übersponnen war, daß es völlig unmöglich wurde zu erkennen, ob sich Personen darunter befanden oder nicht. Doch vernahm Landeck nach einer Pause ein leises Schreiten da unten und dann Stimmen, die behutsam und gedämpft eine Zwiesprache führten, so daß er den Sinn der Worte nicht verstand. Ohne seinen Platz zu verlassen, achtete er ihrer deshalb nicht weiter, bis das Gespräch lebhafter und lauter wurde und einzelne Ausdrücke ihn trafen, so daß er wider Willen festgehalten und zum Hören gezwungen wurde.

„Ich sag’ Dir zum letzten Male,“ sagte eine tiefe, ernstklingende Männerstimme, die Landeck trotz seines jetzt schon mehrwöchentlichen Aufenthalts in der Familie völlig unbekannt war, „ich sag’ Dir’s, wenn Du Dich nicht versöhnend in’s Mittel legst, wenn Du nicht Deines Vaters starren Willen besiegst, so bricht das Unglück wie ein Sturm über Euch herein. Dein Vater hält diesen Sturm nicht aus. Es ist unmöglich, daß er ihn überwindet. Du kannst das nicht übersehen, nicht erkennen, aber ich, der ich seine Geschäftslage kenne, ich kann’s. Seit zwei Jahren hat er bei aller Fülle von Bestellungen wegen der hohen Löhne ohne einen rechten Vortheil gearbeitet. Seine Arbeiter haben den Vortheil gehabt, nicht er. Dabei hat er seine Reserven aufgezehrt. Kommt eine neue Arbeitseinstellung, so kann er die Ablieferungstermine nicht einhalten und dann kommen, augenblickliche Deckung heischend, seine Tratten zurück …“

„Mein Gott,“ versetzte eine Mädchenstimme – Landeck kannte sie als die der ältern Schwester seines Zöglings – „mein Vater weiß das Alles, Rudolph, aber er giebt nun einmal nicht nach; er erkauft durch Nachgiebigkeit Deines Vaters Hülfe nicht … Er hat seine Gründe und ist ebenso unbeugsam fest, wie es der Deine ist.“

„Und unter dieser Festigkeit, die Du lieber eiserne Starrköpfigkeit nennen solltest, haben sie dann selber und wir zu leiden, wir noch mehr als sie.“

Wir?“ sagte das junge Mädchen mit etwas wie einem kühlen, scharfen Tone. „Ich denke, Du erträgst das Leid immer noch mit achtbarer Fassung, und wenn es Dir allenfalls zu drückend wird, so wanderst Du hinüber zu Malwinen und läßt es Dir von ihr aus der Seele fortsingen.“

Eine Pause folgte. War der Mann, den Elisabeth Escher Rudolph nannte und duzte, von den im Tone herben Vorwurfs gemachten Worten so betroffen worden, daß er nichts zu antworten wußte? Doch nein. Nach einer Weile sagte er mit unterdrückter, wie mühsam an sich haltender Heftigkeit:

„Elisabeth! Habe ich das um Dich verdient? Aber Du bist eben auch, wie unsere Väter sind. Hast Du einmal in einen Gedanken Dich festgebissen, so entreißt ihn Dir keine Macht der Vernunft und der Ueberzeugung mehr.“

„Sag’ lieber: Worte, bloße Worte entreißen mir ihn nicht! Gieb mir Gründe, erkläre mir offen und rückhaltlos, was Dich an Malwinen fesselt, weshalb Du nicht aufhören kannst, Dich in dem Zauberkreise, den diese hochmüthige Frau um sich zieht, zu bewegen, und Dich da von all den vornehmen Herren, die ihr den Hof machen, als eine lächerliche Figur über die Achsel ansehen zu lassen – gieb mir Gründe dafür, und ich will Dir trauen. Sonst nicht.“

„Sonst nicht! Wie hart und bitter Du das aussprichst! Uebrigens beruhige Dich! Ich gehe sehr, sehr selten zu Malwinen und dann spiele ich durchaus keine lächerliche Rolle dort, wenn ich auch nicht in Frack und in Lackstiefeln komme und keine Glacéhandschuhe an meinen schwieligen Arbeiterhänden trage, sondern mit dem Rechte des Vetters erscheine, just wie und wann ich mag.“

„Sie räumt Dir das Recht mit großer Güte und Herzlichkeit ein, scheint es.“

„Sie räumt es mir ein; ich bin jedoch viel zu wenig eitel und anmaßend, um mich deshalb in den Kreis derer, die Malwinen den Hof machen, zu mischen. Es ist meist nur Herr von Maiwand, den ich bei ihr sehe, und ich versichere Dich, daß für Herrn von Maiwand ich der letzte Mensch auf Erden bin, den er lächerlich findet.“

„Das Alles ist keine Erklärung, die mich irgend beruhigen könnte. Ich weiß, wie Ihr damals zusammen gestanden habt, als Du noch in der Residenz warst und Malwine dem dortigen Theater angehörte. Das könnte ich überwinden und vergessen; es liegt hinter Dir und geht mich nichts an, aber daß Du hier den Verkehr fortsetzest, ist eine offene Beleidigung für mich, Rudolph, und darum verlange von mir nicht, daß ich des Vaters Willen umstimme! Wozu? Wen von uns Beiden würde es glücklich machen?“

„Bitterkeit über Bitterkeit! Und ich kann Dir doch nichts antworten, als daß ich mit Malwinen nicht brechen kann, nicht aus irgend einem anderen Grunde als dem der Dankbarkeit, der mich an sie fesselt; auch muß ich den Faden in der Hand behalten, den Faden zur Aufklärung und Feststellung einer Sache, von der meine Ehre und vielleicht auch Malwinens Glück abhängt.“

„Du müßtest mir diese Sache vertrauen können, wenn Du ein gutes Gewissen hättest. Du könntest es mir überlassen, zu beurtheilen, ob Du mit dem Faden, von dem Du redest, wirklich an die schöne Malwine gebunden bist oder nicht.“

„Vertrauen! Das eben ist es, was ich von Dir fordere, wie jeder Mann es von seinem zukünftigen Weibe verlangen darf.“

„Ich bin Dein Weib noch nicht, Rudolph. Ich habe Dir Vertrauen geschenkt, vollständiges Vertrauen – Gott weiß, trotz Allem, was mein Vater gegen Dich sprach, trotz Allem, was er that, mir das Vertrauen zu Dir und zu einer Zukunft an Deiner Seite zu nehmen. Da aber tauchte die verführerische Cousine plötzlich in unserer Nähe als junge, reiche vornehme Frau wieder auf, deren Hand eben frei geworden, schöner, anziehender als je, und Du – ich habe mir das endlich gestehen müssen – Du bist seitdem gegen mich umgewandelt. Das ist eine Thatsache, an der sich nichts ändern läßt. Ich mache Dir ja keine Vorwürfe darüber. Ich beginne nicht davon zu reden; ich antworte Dir nur, wenn Du mir Vorwürfe machst. … Man kann eben lange blind sein, bis ein Augenblick kommt, der uns Licht giebt … und nun mußt Du gehen; es ist die höchste Zeit. Der Vater kann jeden Augenblick aus den Comptoirs drüben heimkehren.“

„Gut denn! Ich gehe. Es bleibt mir ja nichts Anderes übrig, als die Flucht vor der Bitterkeit, die Dich heute so plötzlich, so merkwürdig erfüllt. Was kann es mir denn auch helfen, wenn ich Dir schwöre, daß, wenn ich umgewandelt, das heißt erregt und erschüttert war, als ich Malwine wiedergesehen, dies wahrhaftig nicht durch den Anblick der jungen Frau hervorgerufen wurde, sondern einzig und allein, weil ich Maiwand bei ihr wiedersah. Was kann es helfen, da Du mir nicht mehr vertraust! Vertrautest Du nur der Warnung wegen der Geschäftslage Deines [24] Vaters! Aber auch da ist ja, seh’ ich, wenig Hoffnung; also Adieu, Elisabeth!“

Es zitterte etwas von tiefer Bewegung und Schmerz in der Männerstimme, die diese Worte aussprach, und doch fanden sie nur die kühle Antwort:

„Adieu, Rudolph!“

Der Mann entfernte sich mit einem behutsam auftretenden Schritte; sonst blieb Alles still; es schien, Fräulein Elisabeth Escher, bei der, wie wir sehen, die Eifersucht, von ihrem Vater einmal geweckt, Riesenfortschritte gemacht hatte, saß, ihm nachblickend oder in ihre Gedanken verloren, jetzt allein in der Veranda.

Landeck konnte nicht anders, als sehr betroffen sein von dem, was er vernommen und was ihn in seiner Lauscherrolle festgehalten, trotz der innern Beschämung, die er über sich selbst dabei empfunden. War dieser Rudolph, wie ihn die Eifersucht in dem jungen Mädchen so hart und schneidend beschuldigte, ein neuer Nebenbuhler für ihn bei Frau von Haldenwang? Oder hatte er die Wahrheit gesprochen? Der Ton der Wahrheit hatte Landeck durch seine Stimme zu zittern geschienen. Hatte er irgend ein seltsames feindseliges Verhältniß zu demselben Manne, von dem schon vorhin der Doctor Iselt mit einem eigenthümlichen Argwohn zu Landeck geredet und mit dem dieser sich seitdem so viel beschäftigt hatte? Was hatte Iselt, was nun gar dieser unbekannte Rudolph wider den Mann? –

„Wer ist Rudolph?“ fragte Landeck seinen Zögling, als dieser nach dem Abendessen herauf kam, um seinem Lehrer gute Nacht zu sagen und dann zur Ruhe zu gehen.

„Rudolph? Meinen Sie Vetter Rudolph?“

„Ist er Dein Vetter?“

„Nun ja, gewiß. Er ist Onkel Gotthard’s Sohn, und darum ist er auch mein Vetter, nicht? Aber sonst, wissen Sie, liebe ich ihn nicht. Der Vater will auch nicht, daß ich viel zu ihm und zu Onkel Gotthard hinüber gehe. Zu Onkel Gotthard ging ich sonst gern. Er hat zwei hübsche Eichkätzchen in einem Rollkasten und unter dem Giebel an seinem kleinen Hause da drüben eine Menge Schwalbennester. Wir haben kein einziges. Wenn die Schwalben im Frühjahre bauen, kommt gleich der garstige Andres, der Gärtner, und stößt die unfertigen Nester herab; sie verdürben das Haus, sagt er – und dem Onkel Gotthard seines verderben sie doch nicht.“

„Wohnt der Onkel Gotthard denn in der Nähe?“

„I, sicherlich. Haben Sie denn nicht das Haus an der andern Seite des Flusses gesehen, das hübsche kleine Haus mit dem Garten umher? Kommen Sie in’s Schlafzimmer! Da kann ich es Ihnen durch’s Fenster zeigen.“

Landeck folgte ihm und ließ seine Blicke auf dem anziehenden kleinen Heim auf der halben Bergeshöhe verweilen, welches wir beschrieben haben und das er oft als einen Schmuck der Landschaft in’s Auge gefaßt.

„Da wohnt der Onkel Gotthard und mit ihm Dein Vetter Rudolph?“ fragte er verwundert, daß er im Kreise der Familie unten noch kein einziges Mal einen dieser Namen hatte aussprechen hören.

„Da wohnen Beide. Vetter Rudolph bewohnt das Giebelzimmer, über dessen Fenster die Schwalben nisten. Die Eichkätzchen aber hat der Onkel unten in seinem Wohnzimmer – –“

„Und was sind, was treiben sie Beide da in dem freundlichen Hause?“

„Was sie treiben? Der Vetter Rudolph ist Werkmeister in der Maschinenfabrik der Herren Bartels und Söhne da oben am Fluß, wissen Sie? Und der Onkel Gotthard, der ist auch in der Fabrik; er ist – ich weiß nicht, wie man es nennt, was er ist.“

„Und kommt er nie hierher, der Onkel Gotthard?“

Karl schüttelte den Kopf.

„Er wird zu viel in der Fabrik zu thun haben; früher ging Elisabeth zu ihm hinüber und nahm mich mit sich, aber jetzt nicht mehr; der Rudolph brachte uns zurück bis zum Fluß – aber Rudolph mag ich nicht. Er ist immer so düster und so einsilbig; er hat einen so häßlichen langen Bart. Wollen Sie, daß ich Ihnen Onkel Gotthard’s Haus im Innern zeige, so wollen wir morgen hingehen und sehen, ob die Eichkätzchen noch leben. Der Onkel und Vetter Rudolph werden in der Fabrik sein, aber die alte Gertrud wird zu Hause sein; die zeigt uns die Eichkätzchen.“

„Wenn Dein Vater es nicht gern sieht, daß Du zum Onkel gehst – wohl, weil er fürchtet, daß Du ihm lästig wirst – so wollen wir es unterlassen,“ versetzte Landeck und sandte seinen Zögling zur Ruhe. –

Als er zum Nachtessen heruntergerufen worden, fand er die Familie des Herrn Escher im Speisezimmer versammelt; sie bestand aus dem Hausherrn, der Hausfrau, einer stillen, untergeordneten Frau, die in ihrem Wesen etwas Leidendes hatte und nach ihrem Bildungsstandpunkt nicht recht zu ihrem Gatten zu passen schien, Fräulein Elisabeth, einer zweiten Tochter von etwa vierzehn Jahren und einem paar Herren, die Beamte des Fabrikanten waren, technische Dirigenten seiner Fabrik.

Unter diesen Herren und Herrn Escher war eine äußerst lebhafte Debatte, bereits als Landeck eintrat, im Gange, und sie wurde während der Abendmahlzeit mit demselben Eifer fortgesetzt. Sie drehte sich um die Lage der Arbeiterbevölkerung der Gegend, um die ausschreitenden Anmaßungen der Leute, die wachsende Rohheit unter ihnen und die Folgen der von außen durch fremde Agitatoren unter sie gebrachten Aufregung. Wie sehr man darunter litt, zeigte sich in der Bitterkeit und der zornigen Schärfe, womit alle drei Herren sich darüber aussprachen. Außerdem sah Landeck deutlich, daß alle Drei unter dem Drucke einer großen Sorge, der Angst vor irgend einem möglichen oder bevorstehenden Ausbruch einer Katastrophe standen, wobei doch Herr Escher fest genug seinen Entschluß kundgab, um kein Haarbreit nachzugeben und lieber dem Aeußersten zu trotzen, als sich vor dem Willen der um alle Einsicht und allen Verstand gebrachten Menge zu beugen.

Landeck hatte ähnlichen Gesprächen schon früher zugehört, ohne sich hineinzumischen, da er als Fremder die Sachlage so wenig kannte; heute schienen sie ihm eine besondere Heftigkeit zu haben, und was er vorher aus des Vetters Rudolph Munde vernommen, machte sie für ihn doppelt bedeutungsvoll.

Frau Escher blieb dabei in ihrer gewöhnlichen passiven Haltung, Fräulein Elisabeth aber schien gespannt zuzuhören. Und während das junge Mädchen so, nach ihrem Vater hinüberschauend, Landeck das Gesicht zuwandte, fiel diesem auf, welch große Aehnlichkeit im Schnitt ihrer Gesichtszüge mit denen der Frau von Haldenwang lag. Elisabeth’s schöne, schlanke Gestalt war höher, ihre Haltung im Ganzen kälter und steifer als die jener; statt der Anmuth der Frau von Haldenwang und ihrer unbefangenen Natürlichkeit lag im Wesen Elisabeth’s eine gewisse jungfräuliche Herbheit; ihre Züge aber hatten denselben Charakter, nur war die junge Wittwe schöner, ihr Gesicht klarer, geistig ausdrucksvoller. Es war, als ob sie zwei Portraits derselben Person wären, von denen das eine ein gewöhnlicher Maler, das andere ein großer und genialer Künstler gemalt hätte. Sie waren ja freilich auch verwandt. Den rechten Zusammenhang kannte Landeck nicht, und dieser konnte nicht sehr nahe sein, denn Frau von Haldenwang hatte, wenn Landeck zu ihr gekommen, sich nie nach dem Befinden der Familie, in der er lebte, erkundigt, was doch nahe gelegen hätte, wenn sie in einer engern Verbindung gestanden. Nur einmal hatte er von einem Besuche reden gehört, den Elisabeth oben auf dem Gute gemacht. Ob er erwidert war, wußte er nicht. Es war seltsam. Was trennte alle diese Leute, welche die Natur auf einander anwies, welche ja auch das Leben einander so nahe gerückt hatte? Und wenn Herrn Escher’s Bruder in einer Fabrik beschäftigt, wenn dessen Sohn Rudolph Werkmeister in einer solchen war, weshalb standen sie in solchen Stellungen nicht dem Bruder in seiner eigenen Fabrik bei? Es mußte irgend ein tiefes Zerwürfniß durch diese ganze Blutsgenossenschaft gehen, und die Schuld desselben, sagte sich Landeck, konnte unmöglich auf dem Vater liegen. Dieser Mann machte ihm den Eindruck der unerschütterlichsten Rechtlichkeit und auch der größten Humanität, und in seinem Wesen schien ein fast hochmüthiges Bewußtsein zu liegen, daß er als ein „selbstgemachter Mann“ Niemandem in der Welt etwas schulde, vor Niemandem den Blick niederzuschlagen, nichts, was er gethan, zu bereuen habe.

[41]
5.

Als er das nächste Mal nach Haus Haldenwang hinübergegangen, fand er die junge Frau in ihrem Wohnsalon – es war ein zu kühler Abend, um ihn auf der mit Schlingpflanzen überwölbten Terrasse draußen zuzubringen. Außer dem Gesellschaftsfräulein fand er den unvermeidlichen Herrn von Maiwand anwesend; beide Letzteren waren bei einer Schachpartie beschäftigt, während Frau von Haldenwang in einer Fensterbrüstung saß und in einem Journale las. Bei Landeck’s Eintritt legte sie es wie widerstrebend aus der Hand.

„Ich störe Sie, gnädige Frau. Sie wünschen Ihre Lectüre fortsetzen zu können,“ sagte er. „Gestatten Sie mir, Ihnen vorzulesen, was Sie so zu fesseln scheint!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein,“ versetzte sie. „Wer gute Augen hat, muß selbst lesen und nicht sich vorlesen lassen. Zwischen einem geistreichen Autor und mir ertrage ich keinen Dolmetscher. – Das Journal bringt eine Fortsetzung der Bilder aus unserem Griechenland, welche ich Ihnen schon neulich pries und zu lesen empfahl. Es hat mich seit langem nichts so angezogen. Der Verfasser nennt sich noch immer nicht, aber es ist ein Mann, dem meine ganze Seele zufliegt; so verwandt ist sein Denken und die Art, wie er die Dinge sieht, der meinigen, so sehr schreibt er mir aus dem Herzen. Wenn Sie so schreiben könnten, Herr Landeck – so – so würde ich Ihnen mit Freuden vorsingen, Ihnen allein.“

Landeck wechselte leicht die Farbe und biß sich auf die Lippen; er nahm das Journal und nachdem er den Titel näher angesehen, sagte er:

„Ich zweifle nicht, daß dieser Glückliche, wenn er erfährt, welcher Lohn ihn hier erwartet, sich von dem fernsten Weltende, oder wo er sonst stecken mag, hierher aufmachen wird, ihn in Empfang zu nehmen.“

„Das lautet sehr spöttisch und boshaft,“ versetzte sie, „und doch verletzt mich dieser Spott nicht. Denn ich weiß, er würde in der That einen Lohn darin finden; er würde meinen Gesang verstehen, wie ich das Gemüth, das sich in seinen Worten ausspricht, verstehe.“

„Und weshalb trauen Sie mir nicht zu, daß ich so schreiben könnte?“

„Weshalb nicht? Aufrichtig gesagt, es ist mir nicht im Entferntesten eingefallen, darüber nachzudenken. Und wozu auch? Begnügen wir uns mit der Thatsache. Auch will ich Sie dadurch nicht abhalten, wenn Sie einmal ein recht gründlich gelehrtes Buch über Ihre archäologischen Forschungen herausgeben werden, mir ein Exemplar davon zu überreichen, das ich mit dem größten Respect entgegennehmen werde, vorausgesetzt, daß ich es nicht zu lesen brauche. – Und nun reden wir von etwas Anderem! Weshalb bringen Sie mir nicht einmal Ihren Zögling mit herauf? Cousine Elisabeth hat mir gesagt, daß sie ihn mir heraufsenden werde.“

„Fräulein Elisabeth Escher hat mir nichts darüber mitgetheilt,“ entgegnete Landeck; „ich werde aber mit Herrn Escher von Ihrem Wunsche reden …“

„Bitte, thun Sie das! Ich muß doch sehen, ob mein kleiner Vetter Ihrer Erziehungsmethode Ehre macht.“

Landeck fühlte aus diesen Worten etwas Verletzendes heraus; es schien, die schöne Frau wolle ihn an seine Schulmeisterstellung erinnern und damit demüthigen.

„Ich hoffe, er wird es,“ antwortete er; „wenn man nichts anderes sein will, als was man ist, und dies ganz ist, leistet man ja am Ende immer etwas Befriedigendes. Aber wollen Sie mir nicht sagen, wie mein Zögling zu der Ehre kommt, Ihr Vetter zu sein?“

„Wie,“ entgegnete sie, „hat man Ihnen drüben die Verwandtschaft nicht auseinandergesetzt? Mein Vater war der Bruder des Herrn Escher. Es waren drei Brüder da. Der Onkel Gotthard, der Onkel Gottfried, in dessen Hause Sie wohnen, und mein Vater, alle Drei so verschiedene Charaktere, wie sich ihre Lebensstellung verschieden gestaltet hat.“

„Der Onkel Gotthard und der Onkel Gottfried haben sich doch demselben Berufe gewidmet und bewohnen einen und denselben Ort,“ bemerkte Landeck.

„Nun ja – aber welche Verschiedenheit ist doch in ihrer Lage! Der Onkel Gotthard ist Vorsteher der Schlosserwerkstätte in der Maschinenfabrik von – wie heißen die Leute, Maiwand?“ wandte sie sich an den am andern Ende des Salons in sein Schachspiel Vertieften.

„Der Herren Bartels und Söhne,“ antwortete Herr von Maiwand, flüchtig aufblickend.

Landeck sah aus dieser raschen Antwort, daß er dem ganzen Gange des Gesprächs gefolgt war, was Frau von Haldenwang ja auch nicht anders vorausgesetzt zu haben schien.

„Bartels und Söhne,“ fuhr sie fort, „was ihm eine sehr [42] bescheidene Lebensstellung giebt. Der Onkel Gottfried Escher dagegen, der ganz dieselbe Erziehung genoß, dieselbe gewerbliche Ausbildung erhielt, hat es mit seiner rastlosen Energie, seinem Ehrgeiz, vielleicht auch ein wenig mit seinem Glücke zu einer eigenen Fabrik gebracht und diese nach und nach so erweitert und einsichtig geleitet, daß er ein großer Industrieller geworden ist und, wie ich denke, einen fest gegründeten Wohlstand besitzt …“

„Wenn nicht nächstens der große Strike ausbricht,“ schaltete hier Herr von Maiwand ein, „von dem man behauptet, daß er ihn ruiniren müsse.“

Frau von Haldenwang zuckte die Achseln.

„Der Onkel ist viel zu gescheidt und vorsorglich, um sich so leicht durch ein einziges widriges Ereigniß stürzen zu lassen,“ sagte sie. „Mein Vater nun endlich,“ fuhr sie dann fort, „der, um das Kleeblatt dieser drei brüderlichen Namen voll zu machen, Gottlieb hieß, hatte früh eine große Neigung zu den Studien verrathen, und da er der Aelteste war, hatte man dieser Neigung nachgegeben; er hatte Medicin studirt und war ein geachteter Arzt in der Residenz. Leider mußte ich das Unglück erleben, als er eben in den weitesten Kreisen bekannt und geschätzt zu werden begann, ihn in Folge einer Ansteckung, die er sich bei einer Consultation am Krankenbette zugezogen, zu verlieren; ich war damals erst siebenzehn Jahre alt.“

„Ach, und Sie waren dadurch ganz verwaist?“

„Nicht ganz. Meine Mutter starb viel später, als ich schon Sängerin an der Hofbühne war, auch hat sich ihrer wie meiner der Onkel Gottfried, der mein Vormund wurde, getreulich und sorglich angenommen.“

„Und doch sehen Sie ihn so selten?“ wagte Landeck zu bemerken.

Frau von Haldenwang antwortete auf diese Frage nicht. Sie fragte rasch: „Ist Ihr Zögling intelligent und folgsam?“

„Hinreichend, um mir die Aufgabe, ihn zu erziehen, zu einer lohnenden und nicht gar zu schweren zu machen. Es ist leider nicht viel, was sich an einer solchen jungen Menschenseele bilden läßt. Man kann ihr Kenntnisse beibringen und sie auch denken lehren; man kann aber ihren Gefühlen keine Richtung geben, was doch eben so wichtig wäre, und man kann ihr nichts von der eigenen Erfahrung mittheilen, was noch viel wichtiger wäre, als die Kenntnisse. Deshalb fallen die Männer immer auf’s Neue in dieselben Fehler, in dieselben Schlingen, welche ihnen das Leben stellt, trotz aller guten Lehren.“

„Zum Beispiel in welche Schlingen?“

„Nun, unter Anderem in die der Frauen; die jungen Männer sind in diesem Falle dümmer als die jungen Hühner, die, wenn ein Weih über dem Hofe schwebt, sich aus bloßem Instinct verkriechen; die jungen Männer sehen die Gefahr nicht, bis sie einmal von dem Weih einer Leidenschaft erfaßt sind und zerfleischt werden.“

Frau von Haldenwang lachte und sah ihn dann groß und verwundert an.

„Sie werden wieder zur umgekehrten Biene,“ sagte sie. „Aus meiner harmlosen Frage haben Sie Gift gezogen, und Ihrer Antwort darauf wissen Sie eine Wendung zu geben, die stechen soll.“

Landeck erröthete leicht. Sie mochte ja Recht haben. Er mochte sich ihr sehr unliebenswürdig zeigen. Es macht aber nichts unliebenswürdiger, als sich Jemandem gegenüber zu befinden, dem man größere Achtung und Geltung abringen will und bei dem man dann gewöhnlich ganz falsche Mittel anwendet, um zu diesem Ziele zu gelangen. Er fühlte sich sehr unglücklich bei diesem Gedanken und dadurch völlig hülflos. Mit einem Seufzer sagte er:

„Was hat eine arme Biene für ein anderes Mittel sich geltend zu machen, als indem sie sticht?“

„Muß sie sich denn ‚geltend machen‘?“

„Nein, Sie haben Recht; es ist das für ein so kleines Insect viel zu viel Ehrgeiz.“

Landeck fühlte an dem grollenden tiefen Schmerze, mit dem ihn das überlegene, wie mit ihm spielende Wesen Malwinens erfüllte, wie sehr er die übermüthige Frau liebte. Er schwieg eine Weile, dann sprang er auf.

„Wollen Sie gehen?“

„Ich will Sie nicht länger abhalten, sich aus Griechenland erzählen zu lassen, von einem Manne, der – so viel besser zu erzählen weiß als ich.“

„Ach, Sie haben das übel genommen?“ fragte sie lachend. „Das ist unrecht von Ihnen; es verlangt Niemand, daß Sie außer einem großen Pädagogen …“

„Zu deutsch Schulmeister –“

„Zu deutsch Schulmeister – auch noch ein großer Schriftsteller sein sollen. Sie wissen ja, das Talent ist angeboren, und es nicht zu haben, hat nichts Beschämendes.“

„Ich gehe auch nicht mit dem Gefühle der Beschämung von hier, gnädige Frau, gewiß nicht,“ versetzte er mit einem Ausdruck von leichtem Spott um die feingezeichneten Linien seines Mundes.

„So begleiten Sie mich auf Ihrem Heimwege die Allee hinab,“ sagte sie sich ebenfalls erhebend, „ich möchte ein wenig frische Luft schöpfen.“

Fräulein Lini erhob sich von ihrer Schachpartie, um den Hut und einen leichten Ueberwurf für ihre Gebieterin zu holen; diese nahm ihr die Sachen aus der Hand und sagte dabei, wie es Landeck vorkam, ein wenig gebieterisch:

„Bleiben Sie, bleiben Sie hier, Lini, und unterbrechen Sie Ihre Partie nicht! Spielen Sie weiter, Maiwand!“

Sie ging dabei so rasch zu der auf die Terrasse führenden Glasthür hinaus, daß ihr Wunsch, von den beiden Spielenden nicht begleitet zu werden, offenbar war. Wollte sie mit Landeck allein sein?

Maiwand blickte den Fortschreitenden gedankenvoll nach. Fräulein Lini, welche sich wieder an das Spiel gesetzt hatte, beobachtete ihn dabei und fragte endlich:

„Nun, weshalb kauen Sie so nachdenklich an dem armen Schnurrbart? Sie haben Schach der Dame geboten – verfolgen Sie Ihren Triumph!“

Er ging langsam wieder an’s Spiel.

„Finden Sie nicht Frau von Haldenwang merkwürdig verändert seit einiger Zeit?“ fragte er dabei.

„Ein wenig,“ antwortete sie; „sie ist schweigsamer, und durchaus nicht liebenswürdiger; wie behandelt sie zum Beispiele oft diesen armen Herrn Landeck! Aber ich denke, darüber haben Sie nicht zu klagen; gegen Sie ist sie seit eben so langer Zeit die Nachgiebigkeit selbst geworden. Früher hatte sie doch über Manches, was Sie angeordnet oder was Sie anriethen, zu rechten und debattiren. Jetzt ist sie mit Allem, was Sie thun und meinen, einverstanden.“

„Das heißt, sie hört mich kaum. Sie scheint von anderen Gedanken so eingenommen, daß sie vergißt, daß es sich bei diesen Sachen um ihre eigenen Interessen handelt …“

„Oder,“ antwortete lächelnd Fräulein Lini, „da Sie sich durch einen kleinen Meisterstreich zum Herrn von Haldenwang gemacht haben, denkt sie wohl, es seien jetzt die Ihren …“

„Ich mich zum Herrn von Haldenwang? Wie verstehen Sie das, Fräulein Lini?“

Fräulein Lini sah ihn mit blinzelnden Augen sehr schlau an. „Spielen Sie nicht den Betroffenen, Herr von Maiwand!“ sagte sie. „Sie sind einmal ein glücklicher Spieler, und es giebt Damen, die sich außerordentlich leicht umgarnen lassen, wie zum Beispiel meine schlecht vertheidigte Königin auf dem Schachbrette hier.“

„Ach,“ warf Maiwand ein, „Sie sind von Ihrem Doctor Iselt, dem Gegenstande Ihrer stillen Verehrung, mit seiner argwöhnischen Skepsis angesteckt. Wenn er solch bösen Einfluß auf Sie übt und Ihr harmloses Gemüth verdirbt, Fräulein Lini, so werden wir ihn als Hausarzt abschaffen.“

Fräulein Lini wechselte unter dem bösen Seitenblicke, den ihr Maiwand dabei zuwarf, ein wenig die Farbe. Sie verstand die Drohung und schwieg. Achselzuckend rückte sie ihre Königin weiter, um dann bald nachher von ihrem Partner völlig matt gesetzt zu sein. –

Malwine von Haldenwang war unterdeß eine Weile schweigend neben Landeck durch die Anlagen und in die Eichenallee hinabgegangen, welche zum Flusse hinunterführte.

Sie machte ein sehr ernstes Gesicht; es lag etwas wie Trauer darauf; es schien etwas um ihre Lippen zu schweben, das sie doch nicht aussprechen konnte oder wollte. War ihr am Ende der Ton des Verkehrs, der zwischen ihr und Landeck zur Herrschaft [43] gekommen, unerträglich geworden? Aber wie war er zu ändern? Landeck hatte einmal Alles gethan, sie zornig zu machen und gegen ihn zu verbittern. Es hatte sie so tief bewegt, so gerührt, so freudig aufgeregt, daß Landeck ihr hierher gefolgt war, daß er plötzlich unerwartet vor ihr stand, mit all den Erinnerungen und Bildern der schönen Ferne, welche ihrem Herzen so theuer geworden. Und nun hatte er eine solch wunderliche Beflissenheit gehabt, ihr zu versichern, daß es ein bloßer Zufall gewesen, der ihn hierher geführt, ganz ohne sein Zuthun, ganz wider seine Erwartung. … Das hatte ja eigenthümlich unfreundlich gelautet, und der Eifer, womit er es wiederholte und betonte, hatte es zu etwas Demüthigendem und Beleidigendem für sie gemacht, als ob er sagen wollte: bilde Dir nichts ein, eitle, gefallsüchtige Frau! Und diese Deutung seines Bestrebens, ihr zu sagen: ich bilde mir nichts ein, hatte sie tief gekränkt und erzürnt und zu jenem fortwährenden Kriege geführt, den sie vielleicht jetzt endlich gern beendet hätte, ohne doch die rechte Wendung dafür zu finden. Denn als sie jetzt endlich zu sprechen begann, war es ziemlich im alten Tone, worin sie sagte:

„Sie sind sehr schweigsam … weshalb unterhalten Sie mich nicht ein wenig? Wissen Sie, daß ich Sie in Athen viel liebenswürdiger fand? Sie hätten hübsch dableiben sollen.“

„Sie können mir glauben, daß ich das gern genug gethan hätte,“ versetzte er, sich die Lippe beißend.

„Weshalb thaten Sie es denn nicht?“ fragte sie mit einem durch diese Antwort offenbar gereizten Tone.

„Weil ich nicht reich genug dazu war; so mußte ich zurückkehren und fühle hier selbst die Wahrheit des Worts, an das Sie mich mahnen:

‚Im engern Kreis verengert sich der Sinn.‘“

„Ach, das ist es nicht, das ist es gar nicht,“ rief sie mit einem fast heftigen Tone aus. „Ihr Sinn ist nicht enger geworden, sondern ganz anders. Sie haben Ihre Natur verändert, wie Wein, der Essig wird. Wie können die äußeren Umgebungen so auf uns wirken? Ich begreife das nicht. Ich bleibe mir immer treu, werde stets dieselbe sein, ob ich in Griechenland auf der Schwelle eines alten, halbzerstörten Tempels sitze und mich da im Sonnenlichte bade, oder ob ich aus den Fenstern von Haldenwang in den Qualm blicke, der drüben aus den Fabrikessen aufsteigt.“

„Doch wohl nicht ganz so. In der Ferne, wo wir uns freier fühlen, wo die Welt um uns her uns erfüllt, uns glücklich und selbstvertrauender macht, geben wir uns leichter, wärmer, offener den Eindrücken hin und sind also natürlich ‚liebenswürdiger‘, wie Sie es ausdrücken. Das Daheim kürzt dann dem Leichtsinne die Flügel und lehrt uns, in unsere gegenseitigen Stellungen zurückkehren und uns beugen unter die realen Lebensmächte, die uns wieder in die harten Arme nehmen. Unsereins wenigstens. Bei Ihnen ist das freilich etwas Anderes. Sie kennen diese Lebensmächte nicht. …“

„Ach, das ist so kleinmüthig, so philisterhaft. Ein Mann muß sich nicht unter die realen Lebensmächte beugen, ohne mit ihnen zu ringen. Er muß sie sich wenigstens nicht erkältend und verbitternd an sein Gemüth kommen lassen. Und was wissen Sie davon, ob ich diese Mächte kenne oder nicht?“

„Ich meine doch, ihren Druck wenigstens nimmt Herr von Maiwand, der für Alles zu sorgen scheint, Ihnen völlig von der Seele.“

Die junge Frau warf einen prüfenden Seitenblick in Landeck’s Züge, und mit einem Ausdrucke, als ob sie eine plötzliche Entdeckung mache, mit einer gewissen Bosheit sagte sie:

„Das ist wahr. Herr von Maiwand ist unermüdlich darin, mir jede Last und Sorge von den Schultern zu nehmen – er ist ein musterhafter Verwalter.“

„Völlig uneigennützig?“ fragte Landeck spöttisch.

„Glauben Sie es nicht?“ entgegnete sie lächelnd, mit dem grausamen Behagen einer Frau, die eine Eifersucht zu stacheln glaubt. „Aber,“ fuhr sie fort, „lassen wir Herrn von Maiwand. Heute möchte ich, daß Sie mir einen Dienst erwiesen – Sie und nicht er, der trotz seiner Verdienste um mich bei Ihnen nicht in Gnaden zu stehen scheint.“

„Verfügen Sie über mich, gnädige Frau!“

„Aber discret – ich muß wissen, daß Sie meinen Wunsch nicht dem Onkel Gottfried, Ihrem gestrengen Herrn Prinzipal, verrathen.“

„O gewiß nicht,“ versetzte er lächelnd, „ich verrathe überhaupt nichts, nicht einmal Ihnen, was ich über Ihre Art, die Leute zu behandeln, z. B. mich wieder nach Athen senden zu wollen, denke.“

„Ich behandle nur die schlecht, welche es verdienen und mich beleidigen. Prüfen Sie einmal ein wenig Ihr Gewissen! Aber darum handelt es sich ja nicht.“

„Sie verlangten einen Dienst von mir.“

„Ja – weil Sie nun doch einmal ein deutscher Gelehrter sind, das heißt ein Mann, der gerade Alles weiß. Ich möchte über etwas Juristisches Auskunft haben. Nämlich: wenn man einen Notar einen Vertrag aufnehmen läßt und darauf diesen Vertrag, mit allen möglichen Unterschriften und Siegeln darunter, übergeben erhalten hat, ist man dann völlig Herr über solch ein Document und kann es verbrennen oder zerreißen – ist damit die ganze Sache abgethan?“

„Welche Vorstellung!“ gab Landeck zur Antwort. „Werden Sie nicht ungnädig, wenn ich Ihnen sage, daß dies die damenhafteste Auffassung von einem juristischen Geschäft ist, die mir vorgekommen.“

„Nein, nein, durchaus nicht,“ antwortete lebhaft Malwine, „man hat es mich versichert.“

„Man hat es Sie versichert? Wer? Wohl auch eine Dame?“

Sie antwortete auf diese directe Frage nicht, sondern sagte:

„Ich muß Ihnen deutlicher erklären, was ich meine. Sehen Sie da drüben jenseits des Flusses die kleine Meierei? Sie gehört zum Hause Haldenwang. Und nun nehmen Sie an, ich wollte sie meiner getreuen Lini für ihre treuen Dienste schenken. Das würde mir zehn Meilen in der Runde den Ruf einer leichtsinnigen Verschwenderin zuziehen, und man würde sagen, es sei eine Schande, daß mein verstorbener Gemahl ein so schönes Gut in die Hände einer ehemaligen Bühnenprinzessin gegeben habe, die es nun verschleudere. Es wäre also nun nichts anderes zu thun, als daß ich mit der Lini zum Notar ginge und diesen ein Document aufnehmen ließe, worin schwarz auf weiß geschrieben stände, daß ich das kleine Besitzthum der Lini für drei- oder viertausend Thaler, welche sie mir dafür ausgezahlt habe, verkauft hätte.“

„Natürlich ohne daß Ihnen in Wirklichkeit das Geld ausbezahlt wäre,“ sagte Landeck; „gewiß könnten Sie in dieser Form eine solche Schenkung machen, und es kommt das wohl nicht selten vor –“

„Sie hören mich nicht zu Ende,“ unterbrach sie ihn. „Also gesetzt, ich hätte ein solches Document, welches mich vor dem Rufe, eine gewissenlose Verschwenderin zu sein, schützte, anfertigen und mir geben lassen. Und gesetzt nun weiter, nach einiger Zeit ertrüge die gute Lini plötzlich nicht mehr das, was Sie meine Art, die Leute schlecht zu behandeln, nennen. Sie empörte sich gegen mich, würfe mir mein Geschenk vor die Füße, verließe mich auf immer. Würde es dann – das ist, was ich wissen möchte – genügen, daß ich eben das Document zerrisse, und wäre damit die Meierei wieder mein, und Alles durchaus wie vorher? Können Sie es mir sagen? Nein! So gehen Sie, mit einem Juristen darüber zu reden.“

„Aber Herr von Maiwand, wenn er erfährt …“

„Was geht Sie Herr von Maiwand an? Glauben Sie ihm Bericht über meine Worte schuldig zu sein?“

„Seien Sie unbesorgt!“ fiel Landeck ein, „er soll nichts davon erfahren, daß Sie so gnädig mir diese Gelegenheit, Ihnen zu dienen, zugewendet. Ich soll also durch einen Juristen ermitteln, ob in einem solchen Falle, wie Sie mir ihn schilderten, ein ‚Scheinkauf‘, wie die Herren von der Rechtsgelehrsamkeit das nennen, ohne alle weiteren Folgen für Sie bleibt. Ich will Ihnen gründlichen Bescheid darüber einholen, obwohl ich mir denken kann, wie die Antwort ausfallen wird.“

„Und wie denken Sie, daß sie ausfallen wird?“

„Man wird mir sagen: Wenn beide Parteien ehrliche Leute sind, so ist natürlich nachher Alles, wie es vorher war. Anders aber, wenn der Beschenkte nicht ehrlich ist, oder wenn Erben desselben, die nicht ehrlich sind, oder auch den Sachverhalt gar nicht kennen, auftreten. Dann müßten Sie beweisen, daß es [44] sich um einen bloßen Scheinkauf gehandelt habe, daß Ihnen die ausbedungene Summe nie bezahlt sei – und das möchte unter Umständen seine Schwierigkeiten für Sie haben.“

„Ich würde das beweisen müssen? Aber der Andere hatte ja nichts, um überhaupt Ansprüche an mich erheben zu können; denn das aufgenommene Document blieb ja in meinen Händen, und ich habe es zerrissen, verbrannt.“

„Das,“ versetzte lächelnd Landeck, „ist eben eine damenhafte Ansicht von juristischen Geschäften. Sie haben die Urkunde zerrissen, aber der Notar bleibt doch da, der sie aufnahm; die Zeugen bleiben da, welche sie unterschrieben. Diese müssen das Vorhandengewesensein eines solchen Vertrages vor Gericht bezeugen. Und dann kann Ihr Gegner, wenn Sie geflissentlich ein ihm werthvolles Document vernichtet haben, eine große Entschädigung von Ihnen verlangen. Das ist doch einzusehen, ohne daß man ein Jurist ist. Und dann ferner: wenn Sie solch ein Document vernichtet haben, so fragt es sich sehr, ob damit irgend etwas für Ihren Widerpart verloren ist. Ich erinnere mich, daß mein verstorbener Vater, als er seinen Abschied als Major nahm, um sich eine Beschäftigung zu verschaffen, einen Garten vor dem Thore meiner Heimathstadt erstand. Er bekam dabei ein Document über den Kauf ausgeliefert, aber es war das nicht das eigentliche Original, bei dessen Aufnahme ich selbst zugegen gewesen war. Das Original bleibt entweder im Archive des Notars, oder es wird dem Gerichte eingereicht; welches von beiden der Fall ist, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es aufbewahrt bleibt. Sie sehen also, meine gnädige Frau, daß in dem Falle, welchen Sie angenommen haben, Fräulein Lini oder Fräulein Lini's Erben immer noch kommen könnten, um sich die hüsche kleine Meierei dort oben von Ihnen auszubitten.“

„Wirklich – wirklich – ist dem wirklich so?“ rief Frau von Haldenwang, offenbar erschrocken.

„Ich glaube nicht, daß ein Jurist Ihnen eine wesentlich anders lautende Antwort geben würde. Also,“ setzte Landeck lächelnd hinzu, „wenn Sie einmal durch ein solches Geschenk in der Maske eines Verkaufs Fräulein Lini’s treue Dienste belohnt haben sollten, so wäre es das Beste, Fräulein Lini noch obendrein stets recht gut zu behandeln und sich dadurch der Gefahr zu entziehen, in einen bedenklichen Proceß mit ihr oder ihren Erben zu gerathen.“

Frau von Haldenwang sah ihn mit einem eigenthümlich unwilligen und fast vorwurfsvollen Blicke an, gerade als ob sie sagen wollte: „Du kannst noch scherzen?“

Beide gingen dann schweigend neben einander her, bis Landeck plötzlich sagte:

„Doch wie dumm, daß ich nicht gleich darauf kam! Es giebt ja ein ganz ausreichendes Mittel, sich vor allen Folgen bei solch einer Sache zu schützen. Sie haben sich nur von dem Andern – in unserm Falle also von Fräulein Lini – einen Revers ausstellen zu lassen.“

„Einen Revers? Was will das sagen?“

„Eine Bescheinigung, daß der ganze Handel ein Scheinkauf war; daß Fräulein Lini niemals für die Meierei auch nur einen Groschen bezahlte oder bezahlen wollte.“

„Das ist wahr, das ist wahr,“ fiel Frau von Haldenwang lebhaft ein, „o, wer daran gedacht hätte!“

„Wer daran gedacht hätte? Ist es denn bereits zu spät!“

Die schöne Frau wandte sich ab, als ob sie plötzlich nach Hause zurückkehren wolle, dann aber wieder Landeck zu, um ihm die Hand zu reichen.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie sehr bewegt, „Sie haben meine ,damenhaften Vorstellungen’ in einer Weise berichtigt, für die ich Ihnen sehr verbunden bin, und wie Sie sagen, so wird es sein; es ist ja Alles so einfach und selbstverständlich, daß ich weiter keiner Ergründung der Sache bedarf – lassen Sie die Juristen also vorläufig nur aus dem Spiele! Adieu, Herr Landeck, Adieu!“

Damit wandte sie sich noch einmal und schritt mit ihrem elastischen anmuthigen Gange über den Kies, auf dem die feinen braunen Stiefelchen knirschten, die Allee wieder hinauf.

Landeck blickte ihr nach, bis sie nach rechts hin in einen der in den Wald führenden Schlangenpfade abbog und verschwand. Betroffen wanderte er dann weiter und über den langen, den Fluß überbrückenden Plankensteg.

Er war abermals mit einem Räthsel mehr belastet. Es war offenbar, daß aus Frau von Haldenwang eine Sorge gesprochen hatte. Und wenn dabei irgend etwas wie ein Scheinkauf zu Grunde lag, irgend etwas so rein Geschäftliches, weshalb wandte sie sich dann an ihn, den Fremden, der mit allem Rechtswesen der Gegend am meisten unbekannt war, der nichts thun konnte, ihr beizustehen, außer dem, was er jetzt schon unwillkürlich that, nämlich rascher zu gehen, um sich daheim von Herrn Escher das „Allgemeine Landrecht“ auszubitten und darin den Titel von Käufen und Verträgen zu studiren? Die Sache beschäftigte ihn so sehr, daß er sich erst durch all die Fragen, die sie in ihm hervorrief, arbeiten mußte, ehe er über ihre Worte nachsinnen konnte, daß sie nur die Menschen mißhandle, welche sie beleidigten, daß er einmal sein Gewissen prüfen solle. Hatte er sie denn wirklich beleidigt? Wenn sie ihm dies so rund heraus vorwarf, so mußte diese Beleidigung auch so sein, daß sie sich offen darüber aussprechen konnte, ohne sich etwas zu vergeben. Sie war die letzte Frau auf Erden, die ihm gestanden hätte: „ich zürne Dir, weil Du nicht um meinetwillen gekommen bist,“ das nicht! Aber weit eher schon: „Ich zürne Dir, weil Du glaubst, es aussprechen und deutlich erklären zu müssen, daß Du nicht um meinetwillen gekommen. Wegen dieser arroganten Thorheit. Als ob ich und die Welt solcher Versicherung bedürfe. Als ob es möglich sei, daß Jemand daran denke, solch ein armer Hauslehrer habe die Verrücktheit …“

Landeck dachte den Satz nicht aus. Ein Gefühl von großer Beschämung überkam ihn und wollte nicht mehr von ihm weichen, weil das Bewußtsein, daß er das Richtige gefunden, und daß er sich bisher mit außergewöhnlicher Tactlosigkeit betragen, ihn in helle Verzweiflung stürzte.

[57]
6.

Als Frau von Haldenwang heim kam, fand sie Herrn von Maiwand auf der Terrasse sitzend, eine Cigarre rauchend und in die Zeitung vertieft, in der er die vierte Seite, welche die Course von allen möglichen Bank-, Eisenbahn-, Industrie- und Schwindelactien brachte, studirte. Er erhob sich, als Frau von Haldenwang an ihm vorübergehen wollte, und zog ihr einen Stuhl herbei.

„Wollen Sie sich nicht von Ihrer langen Promenade mit diesem liebenswürdigen Herrn Landeck ausruhen, Malwine?“ fragte er. „Er sucht seine blonde deutsche Schwärmerei für Sie übrigens unter sehr grober Bärenhaftigkeit zu verbergen und wird dabei oft sehr täppisch. Ich denke, Sie müssen müde sein nach so langer Unterhaltung mit ihm.“

„Die Unterhaltung währte nicht so gar lange,“ versetzte sie, sich niederlassend. „Ich bin auf einem weiten Umwege durch den Wald zurückgekehrt. Ich habe dabei gesehen, daß schöne große Eichen mit dem Forsthammer gezeichnet sind. Sollen sie im nächsten Winter geschlagen werden? Ich will das nicht. Es sind die schönsten im Walde.“

„Auch die schönsten Eichen sind dazu da, um geschlagen zu werden. Unsere Zechen- und Industriebauten haben die Holzpreise bis zu einer Höhe getrieben, daß es lächerlich ist; wir werden im nächsten Winter sehr viel schlagen lassen.“

„Ohne meine Einwilligung nicht, Maiwand. Ich mache Sie verantwortlich dafür.“

„Ah, das ist ja ein ganz neuer Ton, den Sie gegen mich anschlagen, Malwine. Hat Sie dieser Landeck so geärgert, daß Sie an mir geduldigem Hammel den Aerger auslassen wollen?“

„Sie kommen ja gewaltig zähe auf Landeck zurück. Ich wüßte nicht, was er irgend mit meinen Eichen zu schaffen hätte.“

„Das sicherlich nicht,“ versetzte Maiwand, „ich habe aber guten Grund auf ihn zurückzukommen, weil ich Ihnen gestehen muß, daß ich den Ton, den sich dieser junge Mann, auf Ihren früheren Verkehr in Athen gestützt, gegen Sie erlaubt, durchaus unpassend finde. Ob er dort, in Gegenwart meines verstorbenen Vetters, sich bereits so gehen lassen, weiß ich nicht und bezweifle es, weil mein Vetter es schwerlich geduldet hätte. Hier aber, wo Sie, Malwine, in Ihrer jetzigen Stellung zehn Mal behutsamer sein und sich bewachen müssen, ist er unleidlich, und es wäre gut, Sie deuteten dem Onkel Escher an …“

Malwine hatte ihr Gesicht erhoben und sah mit einem so unnachahmlichen Ausdruck von Stolz und Verachtung in die Züge Maiwand’s, daß dieser plötzlich stockte und zögernd hinzusetzte:

„Ich mußte Ihnen das sagen Malwine, und Sie brauchen mich deshalb nicht so entrüstet anzusehen. Ich denke, Sie zu warnen und vor Verdrießlichkeiten zu hüten, hätt’ ich doch ein Recht; das wenigstens hatten Sie mir eingeräumt.“

Sie wandte schweigend das Gesicht ab.

„Ich hüte mich schon selber und habe Niemand ein Recht, mich zu bewachen, gegeben. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen dankbar für die Sorge, meine Interessen zu bewachen, bleibe. Und lassen Sie es sich daran genügen zu wissen, daß ich in der Beziehung ja allen Ihren Rathschlägen blindlings folge.“

„Sie sind heute sehr hart gegen mich, Malwine. Sie wissen recht wohl, daß nicht meine ganze Seele in der Sorge für Ihre Interessen aufgeht.“

„Was doch für Sie und mich das Beste wäre, Herr von Maiwand.“

„Unsere Ansichten sind darüber durchaus verschieden,“ entgegnete er lebhaft, „und die meinen haben das vor den Ihren voraus, daß sie beständiger und sich gleichbleibender sind. Die Ihrigen sind ein wenig wetterwendisch. Sie haben mich, wenigstens vor Kurzem noch glauben lassen, daß Sie anders dächten.“

„Wann hätt’ ich je – doch kommen wir nicht darauf zurück! Was hilft der Streit darüber …“

„Doch, kommen wir darauf zurück! Ich kann unmöglich etwas, von dem mein ganzes Glück und mein Leben abhängt, unerörtert und in Schweigen begraben lassen, wenn ich es durch eine ganz neue Gedanken- und Gefühlsströmung in Ihnen bedroht sehe.“

Auf Malwinens Zügen war sehr deutlich zu lesen, wie drückend und lästig ihr dieses ganze Gespräch war. Doch hatte sie offenbar nicht den Muth, oder fühlte sich Maiwand gegenüber nicht frei genug, um dieses Thema rasch abzubrechen.

„Es ist Ihre Schuld,“ sagte sie, „wenn eine ‚neue Gedankenströmung‘ in mir ist. Sie haben mich zu etwas verführt, was mich jetzt beängstigt, was ich unbedachtsam und gedankenlos auf Ihren Rath hin gethan habe und was, wie ich jetzt einsehe, eine Unredlichkeit war.“ [58] „Ah, Sie meinen doch nicht diesen Scheinverkauf von Haldenwang, das einzige Mittel, das Ihnen das Gut erhält, wenn Sie sich wieder verheirathen?“

„Ich werde über die Moralität dieser Handlung nicht mit Ihnen streiten. Geben Sie mir zu meiner Beruhigung wenigstens einen Revers!“

„Einen Revers? Worüber?“

„Daß es ein Scheinkauf ist, daß Sie von der Summe, deren Empfang ich in der Urkunde bezeugt habe, nie einen Thaler bezahlt haben und nie bezahlen werden.“

Maiwand sah sie leicht erblassend und groß an. Dann sagte er mit einem Lächeln der Verachtung, das über seine bleichen und markirten, aber nicht unschönen Züge flog:

„Wozu das? Sie können ja Ihren Kaufbrief jeden Augenblick zerreißen. Dazu haben Sie ihn ja in Ihre Schatulle geschlossen.“

„Ich weiß nicht, ob das hinreichen würde; ich kann damit wenigstens nicht das Gedächtniß des Notars und der zwei Zeugen, welche dieser, als er den Act niedergeschrieben hatte, hereinrief, zerreißen; wenn Sie heute sterben, Maiwand, könnte irgend ein Verwandter, der Ihr Erbe wäre, mit diesem Notar und diesen Zeugen kommen und behaupten, Haldenwang sei sein. Auch ist es möglich, daß der Notar eine Abschrift behalten hat. Alles das ist mir eingefallen und macht mir Sorge; geben Sie mir deshalb einen Revers!“

„Wenn Sie wünschen, Malwine, weshalb nicht? – obwohl das eigentlich thöricht von mir ist – bei einer so wankelmüthigen Frau, welche die Hoffnungen, die sie den Männern, welche sie lieben, giebt, so leicht nimmt. Ich thäte besser, mein freilich ganz chimärisches Recht auf Haldenwang zu halten, als ein mir theures Unterpfand meines Anspruchs auf die Hand der Besitzerin.“

„Ihres Anspruchs auf meine Hand? Ah, das ist stark. Bin ich etwa Ihre – Verlobte?“

„Nein. Sie haben mir nicht das Glück gönnen wollen, mich öffentlich so zu nennen. Aber Sie haben alles Ihrige, alle Ihre Angelegenheiten mit einem Vertrauen in meine Hände gelegt, das eine Frau dem Manne, der sie liebt, und der ihr dies deutlich genug an den Tag gelegt, nicht gewährt, wenn sie am Ende nicht seine Verlobte werden will.“

„Wissen Sie das so genau? Doch ich sehe, ich bin wohl sehr unbesonnen gewesen,“ versetzte hart und unwillig Malwine, „es ist mir aber nie, niemals eingefallen, mich binden zu wollen. Sie können überzeugt sein, Herr von Maiwand, daß ich meine Freiheit viel zu hoch schätze, viel zu sehr liebe, um mich überhaupt je wieder zu binden.“

„Ach,“ versetzte Maiwand, überlegen lächelnd, „Sie dachten nicht so, als Sie meinen Rath befolgten, zum Scheine mir Haldenwang zu verkaufen, damit Sie es nicht, sobald Sie sich wieder verheiratheten, an die fromme Stiftung herauszugeben brauchten, der es nach dem Testamente meines Vetters zufallen soll – aber Gottlob nicht zufallen kann, wenn es vorher schon von Ihnen veräußert ist. Damals mußten Sie doch an eine neue Verbindung denken, und gaben mir das Recht, zu denken …“

„Ach,“ unterbrach ihn zornig Malwine, „ich dachte an nichts, das ist ja eben mein Fehler, daß ich mich unbehütet und unbesonnen in all solchen Dingen gehen lasse, vertrauensselig und wie ein Kind. Sie rieten mir, Sie drangen in mich, und ich that, was Sie wollten. Und nun beunruhigt es mich und also – geben Sie mir einen Revers!“

Herr von Maiwand zog die Stirnfalten kraus zusammen und biß sich auf die Unterlippe.

„Würde der Sie schützen, wenn nach meinem Tode – Sie fürchten ja, scheint es, irgend ein plötzliches, vorzeitiges Ende für mich so sehr – böse Menschen als meine Erben gegen Sie aufträten?“ entgegnete Maiwand mit einem spöttisch klingenden Tone. „Ich will Ihnen etwas Besseres geben, um Sie zu beruhigen. Ich will in meinem Testamente Sie zu meiner Universal-Erbin einsetzen. Dann kann Niemand nach meinem Tode kommen und Sie im Besitze von Haldenwang stören wollen. Denn gesetzt auch, Sie hätten es wirklich an mich verkauft, so würden Sie es wieder von mir geerbt haben.“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf sagen soll. Sie machen mich nur immer ängstlicher; ich fühle mich wie von einer immer verwickelter werdenden Sache umstrickt – und hören Sie: ich will einen Revers haben – einen Revers will ich, nichts anderes.“

Malwine verfiel bei diesen Worten in die Weise eines halb sich hülflos fühlenden, halb zornigen Kindes; sie stampfte bei ihrem zornigen Ausruf mit den Stiefelchen auf den Boden.

„Ach, Sie und viel zu reizend, Malwine,“ sagte Maiwand jetzt lächelnd und sie mit einem verzehrenden Blicke anschauend, „als daß Sie von mir verlangen dürfen, ich solle selbst irgend etwas, was uns mit einander verbindet, wieder zerreißen.“

„Aber ich,“ sagte sie, jetzt aufspringend und wie von diesen Worten empört, „ich will es – hören Sie: ich will es. Und wenn Sie meinen Willen nicht erfüllen, so – so …“

„So? Was werden Sie thun, Malwine?“ versetzte er gleichmüthig.

Sie wandte ihm mit einer Miene voll Zorn und Verachtung den Rücken und ging in’s Haus.

Maiwand’s Gesicht verfinsterte sich auffallend, als sie verschwunden war.

„Zum Henker,“ sagte er vor sich hin, „wer hat ihr diese Raupe in den Kopf gesetzt? Früher hatte sie für jeden Rath, den ich ihr gab, für Alles, was ich anordnete, nur ein bereitwilliges Ja, Ja! Hat dieser Grieche eine andere Windströmung in ihr hervorgerufen? Habe ich recht gesehen, daß, wenn dieser Mensch erscheint, ihr Wesen sich nicht mehr gleich bleibt, und bald etwas ungewöhnlich Lautes, bald etwas Schweigsames annimmt und die völlig freie Natürlichkeit und Unbefangenheit dahin ist? Soviel ist gewiß, daß der Gedanke an einen Revers nicht in ihrem Kopfe entstanden ist; unmöglich hat sie auch nur eine Vorstellung davon gehabt, was ein Revers ist, bevor es ihr Jemand klar gemacht hat. Aber ebenso unmöglich hat sie sich herabgelassen, mit diesem Menschen von ihren Verhältnissen zu reden. Seltsam! Jedenfalls thue ich wohl, wenn ich den Besuchen des Herrn Landeck auf Haus Haldenwang auf irgend eine Weise ein rasches Ende mache.“

Mit diesen Worten erhob sich Herr von Maiwand, um sich aus dem an die Veranda stoßenden Salon Hut und Ueberzieher zu holen und dann zu den Stallgebäuden hinabzugehen, wo er sich sein hochbeiniges Pferd vorführen ließ, um darauf durch die Waldung in das eine Viertelstunde weit entfernte, flußabwärts liegende Kirchdorf zu reiten, wo er im Hause des Pfarrers sich ein paar freundliche Zimmer gemiethet hatte, seit die junge Frau auf Haus Haldenwang zurückgekehrt war und er also anstandshalber die Wohnung verlassen mußte. welche die Güte seines verstorbenen Vetters ihm darin so lange eingeräumt hatte.

Als er nun in seinen vier Wänden war und es sich hier bequem gemacht hatte – es war merkwürdig, wie viel älter und vom Leben mitgenommener Herrn von Maiwand’s Züge erschienen, wenn er so in seinen dunkelgrünen Schlafrock gehüllt war, als wenn er sich in voller Toilette befand – setzte er sich in das offene Fenster und blickte dem Pfarrer entgegen, einem hagern, vornübergebeugten Manne, der, das Brevier in der Hand und eben die letzten Tagesgebete murmelnd, durch den Gartenpfad daher kam.

„Guten Abend, Ehrwürden!“ redete er ihn an. „Schenken Sie sich die letzte Commemoratio de Sancto Eustachio oder Basileo, oder welch heiligen Mann Sie eben beim Barte haben, und sprechen Sie Amen! Wie stehen die Dinge in Ihrer Pfarrei heute?“

„Schlecht, Herr von Maiwand, schlecht,“ versetzte der Pfarrer unter das Fenster tretend. „Ich rede unter den Weibern zum Frieden, so gut ich kann. Aber was hilft es? Das Weibervolk ist just am maßlosesten in den Ansprüchen, die diese Menschen jetzt machen. Wenn sie nicht in seidenen Kleidern am Sonntage Vergnügungsfahrten in Coupés zweiter Classe machen und von ihren Männern nicht Sect eingeschenkt bekommen, kommen sie sich wie der Menschheit Schmerzenskinder vor. Der Ausschuß verhandelt mit den Fabrikanten, und da diese fest bleiben, wird der Strike, fürchte ich, schon Montag beginnen. Es ist nun die einzige Hoffnung noch, daß sie sich bis dahin selbst bei den Köpfen fassen, denn es sind Agenten sowohl der Sunniten von Berlin, wie der Schiiten von Eisenach, die an Abu Bekr nicht glauben, unter ihnen thätig und beide versprechen ihnen um die [59] Wette Zuschüsse aus ihren Cassen. Ob sie es halten können, ist eine andere Frage.“

„Und eine dritte, wie lange es unsere Herren Fabrikanten werden aushalten können.“

Der Pfarrer zuckte die Achseln. „Bartels und Söhne können es aushalten,“ sagte er. „Ihre Lieferungscontracte sollen in diesem Augenblicke nicht besonders zahlreich und dringend sein. Ob aber Escher, der zudem allein steht und ein viel geringeres Anlage- und Betriebscapital hatte, es aushalten wird – wer weiß es?“

„Fatale Lage das!“ sagte Maiwand, und dachte befriedigt daran, daß, wenn Herr Escher falliren würde, er genöthigt sei, sich des Luxus eines so vornehm auftretenden Hauslehrers zu entäußern – falls – und das war nun wieder eine bedrohliche Seite der Sache, Escher sich nicht an seine Nichte Malwine wenden und ihr Capital zur Stütze des unzulänglichen eigenen in Anspruch nehmen werde.

Der Pfarrer aber fiel ein: „Wohl ist es eine fatale Lage für diese – Leute. Doch sind die Arbeiter von ihnen auch zu lange ausgebeutet. Zu lange hat sich Niemand um das Loos dieser Leute gekümmert. Sie kennen die Noth und das Elend nicht, die noch vor zwanzig Jahren in den Häusern und Hütten der Arbeiter herrschten. Jetzt verfallen sie denn mit ihren Forderungen freilich in’s Uebermaß und bringen die Sündfluth über uns. Wir gehen einer furchtbaren Zukunft entgegen, Herr von Maiwand, denn alle Bande sind ja gelöst. Der Staat ist in den Händen der Freimaurer; der Kirche, die allein retten könnte, werden die Hände geknebelt; das heranwachsende Geschlecht wird auf den gelehrten Schulen mit Gottlosigkeit genährt, und unsere Presse predigt den Atheismus und die Verachtung des Heiligsten. Was soll daraus werden, was kann daraus entstehen als –“

„Die Sündfluth, in der alle die ertrinken werden,“ fiel ihm Maiwand lächelnd in’s Wort, „welche sich nicht bei Zeiten in die Arche der Kirche retten, die natürlich die Sündfluth überdauern und besiegen wird. Wir kennen das, Pastor, wir kennen es. Aber wenn ich die Zukunft auch nicht ganz so nachtrabenschwarz sehe, wie Sie – die Gegenwart kann für uns einige Tage lang hier recht unangenehm werden; hören Sie nur!“

Man vernahm von jenseits der hohen Hagedornhecke, die den Pfarrgarten von der Dorfstraße trennte, einen wüsten Gesang und zugleich den Schall vieler fest und geregelt auftretender Schritte – es waren vielleicht dreihundert Männer in Arbeitstracht, die Arm in Arm und in Reihen geordnet hinter einer rothen Fahne her durch das Dorf zogen, wohl einem großen jenseits liegenden Wirthshause zu.

Der Pfarrer horchte ihnen schweigend eine Weile zu; als sie an seinem Hause vorüber waren, faltete er die Hände und sagte:

„Wir leben in schrecklichen Zeiten, Herr von Maiwand, in schrecklichen Zeiten.“

„Gehen Sie ihnen doch nach, Pastor,“ antwortete Maiwand, „und hören in ihren Versammlungslocalen den Reden, die da jetzt gehalten werden, zu! Sie werden da außerordentlich viel lernen können, um den jetzt beliebten Kanzelton in Ihrer nächsten Predigt zu treffen.“ –




7.

Auf den Werken des Herrn Escher sowohl, wie der benachbarten Industriellen waren die Eigenthümer mit ihren Disponenten, technischen Directoren und anderen Angestellten heute in sehr erregter Berathung, theils unter sich, theils mit den Abgeordneten eines Ausschusses der unzufriedenen Arbeiter gewesen, der gestern dazu gekommen war, sich über die zu stellenden Forderungen zu einigen und sie zu präcisiren. Heute Morgen hatte er sie durch seine Abgeordneten vorlegen lassen: Verminderte Arbeitsstunden, Lohnerhöhung, Antheil an den Versorgungscassen nach halb so langer Zeit, als der Einzelne jetzt auf den Werken beschäftigt gewesen sein mußte, für die Formenhersteller Renumerationen, wenn aus den Formen, die sie gemacht, gewisse Mengen von Gegenständen hervorgegangen, für die Werkmeister und die Vorarbeiter gewisse Tantiemen nach der Ablieferung einer bestimmten Anzahl der in den einzelnen Werkstätten hergestellten Artikel etc.

Es waren das Alles Bedingungen, deren Annahme die Principale hätte ruiniren müssen, auch wenn diese ganz mit eigenem und nicht zum Theil mit fremdem, sich verzinsendem Capital hätten arbeiten müssen. Deshalb wurden sie einfach verworfen – es wurde von den auf Herrn Escher’s Werken zahlreich zusammengekommenen Fabrikbesitzern abgelehnt, auf den Grund solcher Forderungen hin auch nur in Verhandlungen einzutreten. Sie sprachen dies schroff und entschieden aus und beschäftigten sich dann mit den Schutzmaßregeln, die jeder Einzelne für sich gegen den zu erwartenden Sturm treffen konnte, und denjenigen, die sie gemeinsam verabredeten für den Fall, daß ihre persönliche Sicherheit bedroht war. Sie wollten ihre Familien in die nächste Stadt senden – nur Herr Escher, der dort keine Verwandte oder nahestehenden Freunde hatte, verzichtete darauf.

Herr Escher schritt in der beginnenden Abenddämmerung von seinen Werken nach seiner Villa allein heim, dem einsamen Wege nach, der, am Flusse entlang laufend, sein Gemüth, wenn es nicht von Sorgen schwer bedrückt gewesen, ohnehin schon hätte mit einer tiefen Melancholie füllen können; so unaussprechlich öde war dieser schmale schluchtähnliche Weg, der, nach allen Seiten den Blick hemmend, zwischen den berghoch aufgeworfenen schwarzgrauen Schlacken seiner Fabrik hinlief. Als er um eine Wendung des Weges bog, sah er einen Mann in graugrüner Joppe, eine untersetzte kräftige Gestalt mit einem ergrauten Vollbarte und eben solchem Haupthaare, das ein weißer Strohhut bedeckte, sich entgegenkommen. Escher hielt seinen Schritt an, kreuzte die Arme über der Brust und erwartete so stehenden Fußes den sich ihm Nähernden.

„Gotthard, bist Du’s?“ sagte er mit einer Stimme, deren bewegten Ton er nicht verbergen zu wollen schien.

„Ich bin’s, Gottfried. Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Nein – lange nicht. Nahmst Du diesen Weg, mir etwas zu sagen?“

„Ja. Nichts Bestimmtes eigentlich. Aber ich dächte, es sei doch gut, wenn wir noch einmal uns sprächen, bevor ich diesen Sturm über Dich und die Deinigen losbrechen lasse.“

„Du ihn losbrechen läßt? Bist Du denn Der, der ihn schürt?“

„Nein. Ich stehe zu den Arbeitern, weil ich zu ihnen gehöre, weil meine Wünsche auf ihrer Seite sind und nicht auf der des Capitals. Aber geschürt hab’ ich ihn nicht. Im Gegentheil, ich habe beschwichtigt. Jedoch die fremden Aufwiegler sind mächtiger als ich. Das Volk schwört nun einmal auf ihre Reden und ihre Schlagworte. Doch hat es so viel Besinnung behalten, nicht auch auf ihre Ehrlichkeit zu schwören. Da vertraut es mir und einigen Anderen aus seiner Mitte. Wir bilden das Comité, das die Geldmittel zusammenbringen und verwenden soll, um mit Nachdruck den Strike durchzuführen. Es hängt von mir ab, ihnen zu sagen: ‚Ihr könnt eine allgemeine Arbeitseinstellung beginnen, weil unsere Mittel dazu reichen,‘ oder auch: ‚Nur die Arbeiter von Bartels u. Söhne, gegen die sich die meisten Beschwerden richten, können es, weil es nicht möglich ist, mit den vorhandenen Mitteln Alle durch die arbeitslose Zeit zu bringen.‘ Dann bleibst Du von der Sache unberührt und hast nur nachher zu sehen, wie Du Dich zu Deinen Leuten stellst und in die Bedingungen fügst, welche Bartels u. Söhnen abgezwungen sein werden. Es wird wohl von beiden Seiten nachgegeben werden; wozu sich Deine Standes- und Interessengenossen endlich nach schwerem Kampfe verstehen, das wirst Du dann ja auch einräumen können, nachdem Du ohne Kampf und Störung Deines Betriebes durchgekommen bist.“

„Wenn Du das kannst, Gotthard, wenn Du so viel über die mißleiteten Menschen vermagst, so thue es! Denn ich verhehle Dir nicht: eine längere Arbeitseinstellung auf meinen Werken wird mich ruiniren.“

„Das weiß ich.“

„Und auch das magst Du wissen, daß ich nichtsdestoweniger die uns vorgelegten Forderungen niemals bewilligen werde. Schon deshalb nicht, weil ich mir nichts abtrotzen lasse. Und ferner nicht, weil sie so, wie sie gestellt werden, mich ebenso gut ruiniren.“

„Nun also, dann gieb mir nach!“

„Worin?“

„In Dem, was ich Dir als Bedingung stelle. Laß den Dünkel fahren, mit dem Du Dich der Verbindung von Rudolph [60] und Elisabeth widersetzest! Finde Dich darein, Deine Tochter an – einen einfachen Werkmeister zu geben!“

Escher trat, während seine verschränkten Arme auseinander glitten, einen Schritt zurück. Er blickte fest in die groß auf ihn gerichteten Augen seines Bruders, und mit einem Ausdrucke von großer Bitterkeit, der sich um seine Lippen legte, antwortete er:

„Ach, also auch Du willst meine Lage ausbeuten und mir Bedingungen abtrotzen, Gotthard?“

„Abtrotzen, oder nicht – magst Du’s so nennen, wenn ich komme und wie ein Bruder zu Dir spreche! Rudolph liebt Elisabeth. Der Junge geht mir zu Grunde an dieser Leidenschaft; zu Grunde an Deinem Hochmuthe, der sich nicht darein finden kann, daß Deine Tochter nur eines ehrlichen Arbeiters Weib werden soll. Nun, mein Gott, es ist nicht meine Schuld, daß nicht mehr aus ihm geworden ist. Du weißt ja selbst, daß ich nichts an ihm gespart habe, daß ich ihn auf eine Handelsschule gegeben und dann in einem guten Hause in der Hauptstadt untergebracht habe, damit ein tüchtiger Kaufmann aus ihm werde. Aber er wollte ja nicht aushalten da. Er sei nicht zum Geldmenschen geboren, sagte er. Die Menschen, unter denen er da leben müsse, seien ihm zu windig. Ein Arbeiter wollte er werden. Ein Maschinenschlosser. Und er ist es geworden, aber ein tüchtiger, ein Mann, der schon seinen Weg noch machen wird. Franz Bartels und Söhne …“

„Ich habe nichts gegen seine Tüchtigkeit, Gotthard. Aber ich werde ihm meine Tochter nicht geben. Nie!“

„Ist das Dein letztes Wort? Auch jetzt noch, wo ich Dir sage, besinne Dich, was Du thust? Wo es in meiner Hand liegt, Dich in’s Elend zu bringen?

Wenn Du das über Dich vermagst, gegen Deinen Bruder, so thu’s!“

„Bruder! Handelst Du wie ein Bruder – Du mit Deinem miserablen Hochmuthe? Jämmerliche Menschen seid Ihr, Ihr Bourgeois alle zusammen. Wahrhaftig, sie haben Recht, die da sagen, daß es eine verrückte Weltordnung ist, worin Ihr, denen der Zufall das Capital gegeben, herabschauen dürft auf uns, denen der Zufall kein Capital, sondern nur die Arbeitskraft gab, worin Ihr, die Ihr es habt, diejenigen ausbeuten dürft, die es nicht haben, worin Ihr, die Ihr Geld aus Euren Händen rollen lassen könnt, die Herren Derer seid, welche aus ihren Händen nur ihre ehrlich wirkende Kraft hervorgehen lassen können. Und nun gar Du,“ fuhr Gotthard Escher mit einem Tone unsäglicher bitterer Verachtung fort, „Du mit Deinem Capital …“

„Gotthard,“ rief hier der Fabrikant zornig aus – „ich warne Dich, davon wieder zu beginnen. Ich warne Dich.“

„Warne so viel Du willst – was verschlägt’s mir? Ich sage Dir’s dennoch in’s Gesicht, der Unterschied zwischen uns Beiden ist der, daß ich kein Capital hatte und deshalb ein armer Quäler bleiben mußte mein Leben lang, ein Arbeiter, dessen Sohn Dir für Deine Tochter nicht gut genug ist, und daß Du Dir so hübsch zu Nutzen zu machen wußtest, daß unser Bruder Gottlieb Dich zum Vormunde Malwinens machte. Du bekamst dadurch sein erspartes Capital in die Hände und, statt es treu für Deine Mündel zu verwalten, benutztest Du es, um damit zu speculiren, um Dir eine Fabrik zu gründen – eigentlich war’s eine Schufterei – aber was thut’s – es ist Dir ja so ziemlich geglückt. Malwine hat zwar, so viel ich weiß, bis heute noch keinen Pfennig von dem Ihren erhalten, wird’s auch wohl, wenn der Strike Dich ruinirt, ihr Leben nicht. Aber sie bedarf’s ja nicht, und bis heute bist Du ein großer angesehener Mann damit geworden.“

Gottfried Escher’s Gesicht war völlig blaß geworden. Seine Brust hob und senkte sich wie unter dem Drucke von etwas, das er mit dem Aufgebote seiner ganzen Selbstbeherrschung niederkämpfen mußte; seine Lippen öffneten sich und schlossen sich dann wieder; während in seine Züge dann ein voller Strom von Blut schoß, der sie dunkelroth färbte, trat er rasch einen Schritt vor, und seinen Bruder zur Seite schiebend, setzte er mit raschem zornigem Gange seinen Weg heimwärts fort.

Sein Bruder schaute ihm mit gerunzelten Brauen und düsteren Blicken nach.

„Wenn unser Vater hätte erleben müssen, was aus dem da geworden ist!“ murmelte er ingrimmig vor sich hin.

Und dann wandte auch er sich und ging den Fabrikgebäuden zu, wo eine Brücke über den Fluß lief, über die er an’s andere Ufer und auf den Weg kam, der zu seinem einsam liegenden Hause auf der Halde führte. Er ging langsam, wie ein Mann, den eine schwere Sorge niederdrückt und der weiß, daß ihn in seinen vier Wänden kein Trost seiner Sorge erwartet. So trat er durch das kleine Gitterthor in den vor dem Hause liegenden wohl gepflegten Garten. Auf der Bank neben der Hausthür saß ein hoch und kräftig gebauter junger Mann mit dunklem Vollbarte, der, als er ihn erblickte, ihm rasch entgegenging.

„Was ist in Eurem Ausschusse beschlossen, Vater? – Welche Nachrichten habt Ihr?“ fragte er hastig.

„Für heute noch nichts, Rudolph. Wir erwarten noch zwei Telegramme aus Dresden und aus Berlin. Aber ich habe Deinen Oheim Gottfried gesprochen. Ich habe zum letzten Male in Frieden zu ihm zu reden versucht. Ich habe ihm angeboten, ihn zu schützen, zu retten …“

„Nun?“ rief der junge Mann hochathmend aus.

„Es ist Alles vergeblich bei dem da, Rudolph.“

Rudolph schwieg. Der Alte starrte auf den Kies des Gartenpfades nieder. Rudolph wandte sich seufzend und ging langsam wieder hinauf zu der eben verlassenen Bank. Sein Vater kam und setzte sich neben ihn.

„Daß sich Elisabeth so geduldig in die Tyrannei dieses harten Mannes schmiegt!“ sagte Gotthard Escher.

„O Elisabeth!“ rief Rudolph aus, „sie ist hart, wie er. Sie zürnt mir, weil ich nicht ganz von Malwinen lasse; sie ist in thörichtster Weise eifersüchtig auf Malwine. Und ich kann doch nicht mit Malwine brechen, ich kann es nicht. Sie ist meine Verwandte. Sie hat mir niemals etwas zu Leide gethan. Im Gegentheil, wie viel Gutes hat sie mir nicht damals erwiesen, als ich noch in der Hauptstadt Kaufmannsgehülfe und sie die berühmte Sängerin war! Wie viel verdanke ich ihr nicht!“ Rudolph sprach das mit einem Tone von Innigkeit, als ob es sich um irgend einen wesentlichsten Dienst handelte, den ein Mensch einem Anderen leisten kann. „Und dann,“ fuhr er fort, „hab’ ich andere Gründe, die mich an Malwinens Haus fesseln, Gründe, über die ich einst werde reden können … nur heute nicht – weder zu Dir noch zu ihr.

„Ich,“ fiel ihm sein Vater in’s Wort, „forsche nicht nach Deinen Gründen – ich verlange nicht, daß Du Malwinen aufgiebst, weil Elisabeth eifersüchtig auf sie ist. Es sind das Eure Sachen, die mich nichts angehen. Ich liebe Malwine nicht, wie Du ja weißt. Vielleicht, weil sie mir zu fremd und weil sie zu hochfliegend ist. Ein Mann, der sein Leben lang die rauhe Pflicht that, die ihm das Leben aufgab, und solch ein Wesen, das immer wie auf leichten Flügeln hoch über die Erdennoth wegflattert, das versteht sich nicht zusammen. Dein Onkel Gottfried,“ setzte der alte Mann in bitterem Tone hinzu, „versteht es vielleicht besser. Wenigstens hat er es auf’s Beste auszubeuten gewußt … Er! –“

„Auszubeuten? Der Onkel Gottfried? Und wieso?“

Rudolph’s Vater zuckte die Achseln.

„Er hat es gethan,“ sagte er in einem Tone von Zorn und Ingrimm. „Hast Du Dich denn nie gefragt, woher er, der früher war, was ich, ein Maschinenbauer wie ich, das Capital genommen hat, um sich zu etabliren, um eine Fabrik zu bauen? – glaubst Du, es sei ihm über Nacht vom heiligen Nicolaus gebracht worden?“

„Woher er es genommen? Nun, er hat ja ganz klein begonnen; was er an Capital bedurfte, hatte er sich erspart, von seinem früheren Principal als Vorschuß erhalten – was weiß ich – und dann hat er unter den glücklichsten Zeitverhältnissen begonnen, wie sie damals bei dem hohen Schutz, den unser Eisen hatte, noch bestanden; die Kohlen bekam man ja halb geschenkt …“

„Larifari,“ fiel Gotthard Escher ein, „mit all dem baut man ein Kartenhaus, aber keine Fabrik. Willst Du wissen, wie er’s gemacht hat? Er hat einfach das Vermögen Malwinens, das ihm als ihrem Vormunde anvertraut war, an sich genommen und es für sich verbraucht: es waren, denk’ ich, nahe an zwölftausend Thaler. Frag’ Malwine, falls sie Dir die Wahrheit sagen will!“

„Vater,“ fuhr Rudolph hastig, wie tief erschrocken auf – „das ist nicht wahr, bei Gott es ist nicht wahr – das ist ein erbärmlicher, ein ganz abscheulicher Argwohn …“

[62] „Hoho, mein Junge, wahr’ Deine Worte! Glaubst Du, ich sagte meinem leiblichen Bruder eine Schlechtigkeit nach, ohne meiner Sache gewiß zu sein? Weshalb meiden wir uns denn, er und ich, schon seit Jahren? Weshalb gehen wir, wenn unsere Wege einmal, was selten geschieht, sich kreuzen, mit einem trockenen ‚Guten Tag!‘ an einander vorüber? Hältst Du Deinen Vater für einen bösen, unfriedlichen, neidischen Menschen, der seinen Bruder haßt, weil dieser Glück gehabt hat und reich geworden ist, während er selber arm blieb?“

„Und doch sag’ ich Dir, Vater, ich sage Dir, Du irrst, Du irrst ganz fürchterlich,“ rief Rudolph in höchst merkwürdiger Aufregung aus.

„Frag’ doch Malwine! Frag’ sie, wo ihr Capital sei, das Capital, das ihr Vater ersparte und sich abdarbte, um seinem Kinde etwas zu hinterlassen? Vielleicht wird sie es Dir sagen – vielleicht nicht. Aber ich weiß es. Und das, eben das wurmt mich, daß ein Mensch nur hingehn und sich irgend ein Capital rauben, erschwindeln, unterschlagen darf, um dann den Herrn in der Welt spielen und andere Menschen, die nur ihre ehrliche Arbeitskraft haben und nichts weiter, ausbeuten zu können, daß er mit einem Sacke Geld in der Hand, den er vielleicht nur gestohlen hat, sprechen kann: jetzt bin ich ein Brahmine in dieser vortrefflichen Kastenwelt, und ihr, ihr Andern seid Parias, Parias, die sich nicht einfallen lassen sollen, hinaufzublicken zu meiner Tochter. Das wurmt mich. – Wenn er das Capital mit auf die Welt brächte, wie einen sechsten Sinn, wie ein drittes Auge oder ein Paar Finger an den Händen mehr, die er vor anderen Sterblichen voraus hätte, dann wollte ich mir’s gefallen lassen. So aber nicht. So sag’ ich: das ist nicht Gottes, sondern des Teufels Weltordnung, und darum steh’ ich auf Seiten der Arbeiter im Kampfe wider das Capital.“

[73] „Ach,“ sagte heftig Rudolph, „das Capital – das ist Euch allen zu einem Spukgespenst geworden, das Euch die Nachtruhe stört. Die Welt glaubt nicht mehr an den Vampyr und Nachtmähren, aber sie glaubt an das Capital, eine Art Ding mit ungeheuren Fledermausflügeln und einem Rüssel, das armen Leuten das Blut aussaugt. Der Onkel Gottfried ist eben mit drei Augen auf die Welt gekommen; das dritte ist seine Umsicht – und mit einem Fingerpaare mehr; das ist seine Arbeitskraft – und mit einem sechsten Sinne; das ist seine Gabe, das Richtige zur rechten Zeit zu thun. Und was Du von Malwinens Capital sagst …“

„So weiß ich, was ich sage,“ fuhr barsch und erzürnt über den Widerspruch der Alte dazwischen. „Als sie sich mit dem Baron Haldenwang verheirathete, war Gottfried krank. So kam es, daß ich in die Stadt mußte, um ihr als Zeuge zu dienen und damit doch einer von unserer Familie dabei sei. Malwine hatte es verlangt, um nicht so wie die reine wie vom Himmel gefallene Bühnenprinzessin dazustehen; sie wollte, daß Einer von den Ihren dabei sei. So mußte ich mich, da Gottfried nicht gehen konnte, wohl entschließen und ging. Am Tage vor der Trauung sprach ich über ihre Verhältnisse und die unseren mit Haldenwang. Haldenwang hob es rühmend hervor, daß Malwine solche große Ordnung in ihren Geldangelegenheiten gehalten; daß sie so gut wie gar keine Schulden und noch einen hübschen Gehaltrest von der Theatercasse zu fordern habe. Ich bemerkte, daß ihr das ja auch leicht geworden, da sie das hübsche Capital von ihrem Vater geerbt habe. ‚Davon‘, fiel mir der Baron Haldenwang lächelnd und achselzuckend in’s Wort, ‚hat sie nie einen Pfennig gehabt – das hat Ihr Bruder Gottfried, der ihr Vormund war, für sich behalten und es in seine Fabrik gesteckt – so viel‘, fuhr Haldenwang fort, ‚hat sie mir, als ich die Sache einmal berührte, davon gesagt, aber auch nicht mehr; ich sah, daß es ihr peinlich war, davon zu reden, und so will ich auch die Sache auf sich beruhen lassen.‘“ –

„Du kannst Dir denken, Rudolph,“ redete Gotthard Escher weiter, „wie mich das traf. Ich war gekommen, um bei Malwinens Trauung mit dem stolzen Baron die Ehrenhaftigkeit einer achtungswerthen Bürgerfamilie zu vertreten; ich hatte dabei auch den festen Grund unter mir gehabt, daß sie nicht ohne eine respectable Mitgift zu ihrem Manne komme, sondern just so viel bringe, als wenn Haldenwang eine adlige Dame seines Standes geheirathet hätte, die ja hier zu Lande auch aus den Familiengütern nichts weiter erhalten, als so viel wie etwa Malwine haben mußte. Und nun mußte ich das hören! Sie hatte nichts, und ihr Vormund, ihres Vaters leiblicher Bruder, er hatte so an ihr gehandelt. Wie mußten wir in den Augen dieses hochmüthigen Edelmannes erscheinen! Es war ein Schlag für mich, den ich nicht wieder verwunden habe.“

„Also das hat Dir Haldenwang gesagt?“ flüsterte mit schwer gepreßter Stimme Rudolph, der während der Worte seines Vaters, die Hände zusammenkrampfend, dagesessen und ihm in's Gesicht gestarrt hatte – das hat er Dir gesagt?“

Rudolph blickte dabei in seines Vaters Züge, als ob er ihn mit seinen Blicken zwingen könne, das Alles ungesagt, ungeschehen zu machen. Aber sein Vater antwortete ruhig:

„Das hat er mir gesagt, wie es ihm Malwine gesagt hat, die es wissen muß und ihren Bräutigam nicht belogen hat. Oder glaubst Du, daß Malwine ihr Capital für ihre Pariser Schneiderinnen, für ihre Hüte und seidenen Kleider vergeudet und dann ihrem Bräutigam vorgelogen hat, ihr Vormund habe es in seine Tasche gesteckt?“

„Nein, nein, nein!“ rief Rudolph aus, „und doch, und doch …“

„Du zweifelst immer noch? Nun wohl, dann will ich Dir mehr sagen. Als ich damals heimkam und Gottfried wiedersah, hielt ich natürlich nicht mit meinen Vorwürfen zurück. Und er, er sprach keine Silbe zu seiner Rechtfertigung; er leugnete mit keinem Worte. Sein böses Gewissen gab ihm nichts Besseres ein, als mit forcirtem Zorne und Aufbrausen jede Aufklärung zu verweigern.“

Rudolph sprang auf wie in heller Verzweiflung.

„Gieb Dich d’rein, Rudolph!“ fuhr der Alte fort. „Ich habe davon Dir gegenüber geschwiegen bis heute; denn was ging’s Dich an? Aber heute hab’ ich Dir’s gesagt, damit es Dir ein Trost darüber sei, daß dieser Mann nicht Dein Schwiegervater werden will; sein Hochmuth kann Dich jetzt nicht mehr kränken. Ich habe es Dir auch gesagt, damit Du nicht denkst, Dein Vater handle unbrüderlich an ihm, wenn er jetzt die Hände in den Schooß legt und unthätig zuschaut, wie der Sturm ihn erfaßt und die Wogen des Schicksals über ihn dahingehen. Denn ich rühre jetzt nicht den kleinen Finger mehr für ihn – lieber spreche ich mit den Frommen: es ist Gottes Strafgericht.“

Gotthard Escher erhob sich mit Mühe von der Bank; er schien sich an diesem Tage sehr ermüdet zu haben und es jetzt [74] erst, wo er eine Weile gesessen, zu verspüren. Dann, die Hand auf die Lehne der Bank gelegt, stand er eine Weile und sah nach dem östlichen Himmel, an dem sich die blasse Mondscheibe jetzt bei der niedergesunkenen Nacht in helles Silber verwandelt hatte. Endlich ließ er, ein paar unverständliche Worte murmelnd, das Haupt sinken und ging in’s Haus.

Rudolph stampfte, als er verschwunden, mit dem Fuße auf den Boden. Er murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen, und seine Hände ballten sich krampfhaft, dann lief er wie in einer dem Wahnsinn nahen Aufregung im Gartenpfade auf und ab.




8.

Landeck ging am andern Tage zu einer ungewöhnlich frühen Stunde nach Haus Haldenwang. Er wollte womöglich Malwinen allein sprechen, um ihr mitzutheilen, was er aus dem Landrecht herausstudirt hatte, und sie zu fragen, ob es ihr genüge, oder ob er noch bei einem Juristen sich Raths erholen solle; er wollte dann in die eine Stunde weit entlegene Stadt wandern.

Auf dem Wege begegnete er dem Doctor Iselt, der seiner Landpraxis nachging.

„Ach,“ sagte der Doctor lachend, „finde ich Sie wieder ‚das Land der Griechen mit der Seele suchend‘? Heute aber finden Sie Ihre Aspasia nicht daheim. Als ich die Stadt verließ, sah ich sie an mir vorüberfahren. Sie fuhr bei unserm Justizrath und Notar vor, und zwar allein, ohne ihren getreuen Herrn von Maiwand, ohne den sie sonst Geschäfte nicht zu machen pflegt. Wenn sie den Menschen ganz abschüttelte, thäte sie am besten. Aber was wollen Sie? Man erzieht unsere Frauen nicht so, daß sie in Geschäftssachen auf ihren eigenen Füßen stehen können. Und Frau von Haldenwang nun gar – sie und Geschäfte!“

Die Nachricht machte Landeck ein wenig betroffen; er hatte gehofft, Malwinen einen Dienst erweisen zu können, und sah nun, daß sie sich selbst zu helfen gegangen. Daß es Frauen gar oft einem armen Verehrer gegenüber so machen, darin hatte er bis jetzt noch keine Erfahrung.

„Man würde sicherlich die ideale und vertrauensvolle Natur dieser Frau,“ sagte er nach einer Pause, „leicht mißbrauchen können, wenn man ihre Geschäfte zu besorgen hätte, und es beunruhigt mich sehr, daß Sie so ohne Umschweife diesen Herrn von Maiwand für dazu fähig erklären.“

„Ich habe meine Gründe dazu, meine guten Gründe,“ versetzte Iselt. „Ein Arzt, müssen Sie wissen, bekommt Einblicke in mancherlei Verhältnisse, die Anderen verhüllt bleiben; er ist eine Art Beichtvater seiner Patienten und hat dann freilich auch das ‚sigillum confessionis‘ zu bewahren.“

„Weshalb man denn auch keine indiscreten Fragen an ihn richten darf. Aber man darf ihm desto mehr vertrauen. Darf man?“

„Gewiß. Lastet etwas auf Ihrem Herzen? Dann nur heraus damit!“

„Nicht gerade auf meinem Herzen, Doctor. Aber mit Ihren Beschuldigungen gegen jenen Mann machen Sie mir es doppelt bedeutungsvoll, daß Frau von Haldenwang mir gestern in einem Tone, durch den ich glaubte, eine gewisse Sorge klingen zu hören, den Auftrag gab, im Stillen zu ergründen, was es eigentlich mit einem Scheinkaufe für eine Bewandtniß habe, inwiefern man dabei sicher sei, nicht am Ende wider seinen Willen um sein Eigenthum zu kommen. Was in aller Welt kann diese Frage für ein Interesse für sie haben? Und falls sie es hat, weshalb hat ihr Factotum Maiwand sie nicht längst darüber aufgeklärt, weshalb fragt sie mich?“

Der Doctor schwieg eine Weile.

„Man muß auf den Verdacht kommen,“ fuhr Landeck fort, „daß am Ende gar dieser Mann selbst es ist, von dem sie zu solch einer Sache, von welcher sie jetzt Nachtheile befürchtet, überredet worden ist.“

Doctor Iselt nickte. „Auf den Gedanken muß man freilich kommen. Scheinkauf? Wahrhaftig, da liegt ja der Verdacht nahe. Die Baronin ist nach dem Testament ihres Mannes Eigenthümerin von Haldenwang; sie kann damit machen, was sie will, es also auch verkaufen. Nur wenn sie wieder heirathet, fällt das Gut an eine fromme Stiftung. Sehen Sie also? Dieser Maiwand hat ihr gerathen: „Verkaufen Sie jetzt das Gut durch einen Scheinkauf! Dann können Sie heirathen, sobald Sie Lust haben. Verkaufen Sie es an den ersten Besten, an wen Sie wollen, an mich zum Beispiel! Dann sind Sie frei. Haben Sie sich wieder vermählt, so kann die fromme Stiftung nichts erhalten. Sie sagen ihr: das Gut ist nicht mehr da; ich habe es verkauft. Und später giebt durch Schenkung, durch neuen Scheinkauf der Ankäufer Ihnen Ihr Gut zurück.“

„Das wäre freilich eine einfache Operation,“ sagte Landeck, „und wenn Maiwand im Stande wäre, ihr eine im Grunde doch so unehrliche Handlungsweise anzurathen …“

„So wollen wir nur hoffen, daß sie nicht schon darauf eingegangen ist, aber es ist jedenfalls verdächtig, daß sie mit einem Tone der Sorge Sie gefragt hat und nicht ihn. Sie muß also beginnen, ihm zu mißtrauen. Und so gehen Sie denn und unterlassen Sie nichts, um ihr deutlich zu machen, in welche Gefahr sie durch eine solche Operation gerathen würde!“

„Freilich in die, daß der Ankäufer ganz einfach das Versprechen jener Rückgabe später vergäße.“

„Oder,“ fiel Doctor Iselt ein, „gewisse Bedingungen daran knüpfte, z. B. die: ‚Heirathe mich! Dann bist Du von selber wieder die Herrin in dem Besitzthume, das Du mir verkauftest.‘“

Landeck blieb stehen. Er athmete tief auf.

„Ach,“ sagte er, „welch diabolischen Gedanken rufen Sie da in mir herauf, Doctor!“

„Daß er am Ende die arme Frau zu der ganzen Sache nur deshalb beredet, um ihr später diese Bedingung stellen zu können? Nun, wahrhaftig, unmöglich wäre es nicht. – Aber unsere Wege trennen sich hier. Gehen Sie hinauf und warten Sie dort oben ihre Rückkehr ab! Sie können dann ja über die Angelegenheit mit ihr sprechen und werden klug genug sein, ihr so viel zu entlocken, daß wir erfahren, ob wir Recht haben oder ein Paar mißtrauische Bösewichter sind. Auf Wiedersehn, Herr Landeck!“

„Auf Wiedersehn, Doctor!“

„Und hören Sie, Herr Landeck!“ fuhr der Doctor sich wieder zu ihm wendend fort, „theilen Sie mir mit, was Sie weiter erfahren! Ich werde unterdeß unsern Justizrath und Notar ein wenig zu sondiren suchen. Vielleicht vermag ich auch etwas zu thun, um der Frau von Haldenwang, wenn sie wirklich in die Schlinge gegangen sein sollte, wirksam beistehen, aus derselben wieder frei zu werden. Es würde ihr dann wahrscheinlich sehr willkommen sein, beweisen zu können daß Herr von Maiwand nicht im Stande ist, auch nur einen Morgen von Haldenwang ernsthaft anzukaufen und zu bezahlen, auch nur einen ‚Are‘, um mich zeitgemäß auszudrücken. Und dazu, um den Beweis zu führen, kann ich vielleicht einen Beitrag liefern. Wir werden sehen, wir werden ja sehen.“

Der Doctor ging, zum Abschied mit der Hand winkend, und Landeck setzte langsam seinen Weg fort. Was der Doctor ihm gesagt, hatte ihn in eine furchtbar beklemmende Sorge gestürzt. Es schien das ja Alles so wahrscheinlich, so natürlich. Maiwand konnte nicht so lange um Malwinen gewesen sein, ohne nach ihrem Besitze zu begehren, – das war unmöglich – ohne Hoffnungen zu hegen, die sie sicherlich selber in ihrer arglosen Weise sich zu geben und durch ihr unbegrenztes Vertrauen zu seiner Verwaltung ihrer Angelegenheiten genährt hatte. Und wie nahe lag es dann, zu glauben, daß er ein Mittel ausgesonnen hatte, sie durch äußere Rücksichten an sich zu fesseln, sie durch Verhältnisse an sich zu ketten, in denen sie sich ganz hülflos in seiner Macht fühlen mußte!

Landeck fühlte sich dadurch zugleich grenzenlos empört. Freilich, es war ja Alles nur eine bloße in die Luft gebaute Voraussetzung, Alles nur Combination dieses mißtrauischen Doctors Iselt; aber er konnte nicht wieder davon loskommen. Der beängstigende Gedanke ließ ihn nicht mehr frei, und eine eifersüchtige Wuth mischte sich hinein, in welcher er am liebsten diesen Herrn von Maiwand vernichtet hätte. –

Aber auch das, auch das war ja grenzenlose Thorheit. Hatte sie denn je diesen Mann lieben können? Hatte sie ihm je wirklich Grund zu der Hoffnung, sie werde ihm einmal gehören, geben können? Nein – das war unmöglich, völlig unmöglich. –

Als er sich langsam durch die kleine Parkanlage, welche [75] Haldenwang umgab, dem Edelhof näherte und der Treppe zuschritt, die aus diesen Anlagen auf die Veranda führte, sah er dort oben zwei Männer in, wie es schien, sehr eifrigem Gespräche mit einander. Der eine saß hinter dem runden Tische aus Gußeisen; der andere stand mit über der Brust verschlungenen Armen in einer wie drohenden Haltung vor ihm. Sie sprachen laut und heftig; laut und heftig zu reden war sonst Herrn von Maiwand’s Art und Weise nicht – denn diesen erkannte Landeck bald in dem Sitzenden. Der Andere war ihm fremd, bis er näher kommend dessen Stimme erkannte – es war die des Mannes, dessen Zwiegespräch mit Fräulein Elisabeth er angehört hatte, Rudolph, der Neffe des Herrn Escher also, der „Vetter Rudolph“, von dem ihm sein Zögling Karl erzählt hatte. Mit einer gewissen Spannung faßte er das Aeußere dieses jungen Mannes in’s Auge. Er machte ihm den vortheilhaftesten Eindruck durch seine Erscheinung, die viel mehr männlich Gereiftes zeigte, als Landeck erwartet hatte, wenn ihm auch Karl von dem großen Vollbart erzählte, den er verabscheute. Rudolph hatte eine feste Gestalt, offene, sehr gebräunte Züge und lockiges, dunkles Haar; er war jedoch ziemlich nachlässig gekleidet, durchaus nicht salonfähig, und schien einen Besuch bei Frau von Haldenwang, bei der ihn Landeck ja auch nie getroffen hatte, nicht beabsichtigt zu haben. Vielleicht halte er mit Maiwand nur in einer Geschäftsangelegenheit zu reden, als Werkmeister seiner Fabrik; es war ja Landeck überhaupt aufgefallen, wie die Mitglieder dieser Familie Escher sich so fern von einander hielten; oder hatte Fräulein Elisabeth mit ihrer Eifersucht Recht gehabt, und durfte sich Rudolph erlauben, in solch bequemer grauer Joppe, mit einem so nachlässig umgeschlungenen Halstuche zu seiner schönen und vornehmen Cousine zu kommen?

Landeck wandte sich, als er in den Gehörkreis der beiden Sprechenden gekommen war, ohne von ihnen bemerkt zu werden, wieder zurück und schritt auf einem der sich schlängelnden Kieswege der andern Seite des Gebäudes zu. Er wollte die Verhandlung der Männer nicht unterbrechen; es schien auch nach der Lebhaftigkeit, womit sie dieselbe führten, daß sie einen Dritten wohl sehr störend gefunden hätten.

Und dem war freilich so. Die Unterhaltung zwischen dem Werkmeister Rudolph Escher und dem Herrn von Maiwand bewegte sich um einen Gegenstand, bei dem sie einen Dritten höchstens hätten brauchen können, um den Ausbruch eines Kampfes zwischen den zornig erhitzten Gemüthern zu verhindern.

„Wenn Sie einen Funken von Ehrlichkeit in sich haben, Herr von Maiwand,“ hatte Rudolph eben ausgerufen, „so müssen Sie sofort mit mir zu meinem Vater gehen und ihm erklären, wohin das Vermögen Malwinens gekommen, in wessen Hände es gefallen ist, und wenn Sie einen Funken menschlicher Theilnahme in sich fühlen, so müssen Sie mit mir zu meinem Onkel Gottfried Escher gehen und ihm erklären, daß nicht ich, wahrhaftig nicht ich der Schuldige war, daß er, wenn er die Hand seiner Tochter in die meinige legt, sie wahrhaftig nicht in die eines – Cassendiebes legt.“

„Lächerliche Zumuthung das!“ hatte Maiwand darauf geantwortet, seine Cigarre am Tischrande abstoßend und wie in großer Gemüthsruhe das linke Bein auf das rechte hinaufziehend, „höchst lächerlich! Ich begreife gar nicht, wie Sie auf diese alten längst abgethanen Geschichten zurückkommen können. Was geht mich diese Sache jetzt noch an – bin ich etwa der Cassendieb gewesen? Das waren am Ende …“

Er stockte, wie noch zögernd, den Satz auszusprechen, aber Rudolph ergänzte ihn.

„Das war ich – ich war es, nicht wahr, das wollten Sie sagen? Nein, nicht ich bin es gewesen, mein Herr von Maiwand, sondern Sie, Sie waren es, der mich überrumpelte und täuschte und verführte, meine Stellung so zu mißbrauchen, das Vertrauen, welches mir mein Chef gezeigt hatte, so erbärmlich zu hintergehen. Und nun fordere ich Sie auf, wie ein ehrlicher Mann zu handeln und Ihre Schuld zu gestehen – oder bei Gott! ich breche meinen Schwur, Sie nicht zu verrathen und sage Malwinen Alles, Alles. Ich weiß, daß ich Sie damit vernichten kann. Denn glauben Sie nicht, daß es mir entgangen ist, wie Sie im Stillen – nicht offen; das würde Malwinen scheu machen – nein, im Stillen, allmählich, durch die Macht der Gewohnheit, durch das Gefühl der Unentbehrlichkeit Ihrer Dienste meine Cousine zu umgarnen und endlich zur Ihrigen zu machen suchen. Und das Alles, dieser ganze fein eingefädelte Plan, alle Ihre bisherigen Anstrengungen sind zu Nichte gemacht, sobald ich rede, sobald ich Malwinen sage, welch ein Mensch Sie sind. Sie wird Sie verachten.“

Maiwand erblaßte ein wenig; er führte seine Cigarre, ohne zu bemerken, daß er das Feuer derselben längst ausgestoßen hatte, immer wieder zum Munde, und dann sagte er gezwungen lächelnd:

„Wenn Sie meineidig werden wollen, kann ich Sie nicht hindern. Aber einen Vortheil davon werden Sie nicht haben. Ich würde einfach erklären, daß Sie lügen. Und glaubt Malwine Ihnen dennoch – nun wohl, was verschlägt mir’s? Ich bin, Gottlob! nicht in der Lage, mich vor der ‚Verachtung‘ Malwinens sehr fürchten zu müssen. Was thut’s? In der Ehe kommt es öfter vor, daß die Weiber ihre Männer ein wenig verachten.“

„Ah – Sie wollen nicht sagen …“

„Daß Malwine mein Weib sei? Nein, das nicht. Nur, daß sehr gewichtige Gründe für sie da sind, es zu werden.“

Rudolph sah ihn höchst überrascht an.

„Und wenn Sie überhaupt,“ fuhr Maiwand fort, „der Ansicht sind, daß man Dem, was Sie sagen und erzählen, auch dann, wenn ich Ihnen widersprechen sollte, Glauben beimessen wird, wohlan, so erzählen Sie doch selber Alles Ihrem Vater und Ihrem trefflichen Oheim Escher, von dem Sie behaupten, daß er eines ungerechten Verdachtes wegen sich weigert, Ihnen seine Tochter zu geben. Weshalb reden Sie dann nicht selber?“

„Deshalb, weil Beide mißtrauische, durch das Leben, in dessen Mitte sie stehen, argwöhnisch gemachte Menschen sind, weil sie mir vorhalten würden: ‚Weshalb sprichst Du erst jetzt …‘“

„Worin sie dann auch Recht hätten.“

„Recht? Ich habe Ihnen ja gesagt, wie ich erst am gestrigen Abend von meinem Vater vernommen habe, welch einen unseligen bösen Verdacht er wider seinen Bruder hegt; wie dieser Bruder aber den Verdacht lieber auf sich duldet als meinen Vater aufzuklären, und wie er nur so handeln kann, weil er meinen Vater zu schonen sucht, indem er ihm etwas vorenthält, was, wie er offenbar glaubt, eine schlechte Handlung von mir ist. Ich habe Ihnen gesagt, wie dies Alles mir erst gestern klar geworden, wie mir jetzt erst klar geworden, weshalb der Onkel mir Elisabeth’s Hand verweigert, und wie dies mich zwingt, zu Ihnen zu kommen und Sie aufzufordern, als Mann Ihre Pflicht zu thun … das fordere ich von Ihnen, das fordere ich augenblicklich, und wenn Sie sich weigern, so werde ich Erde und Hölle in Bewegung setzen, um Sie zu zwingen …“

„Was ich für Pflicht halte, darüber habe ich selber ganz allein zu entscheiden, mein bester Herr Escher, und wenn Sie sich einbilden, mich zwingen zu können, so muß ich Ihnen gestehen, daß ich das einfach für kindisch halte. Damit, mein’ ich, könnten wir diese Unterredung enden.“

„Enden? Sie glauben wirklich, wir wären damit zu Ende, ich ließe mich beschwichtigen, ehe ich Ihnen gesagt habe, daß ich Sie für einen ehrlosen Buben halte, daß ich, wenn Sie mein Verlangen nicht erfüllen, Sie laut und überall dafür erklären werde?“

„Mensch!“ rief Maiwand aufspringend, und ihm ein Paar Schritte entgegentretend.

Rudolph erwartete ihn hochaufgerichtet und trotzig.

„Was wollen Sie? Glauben Sie, ich nähme das Wort zurück? Niemals! Und nun fordern Sie mich! Ich stehe zu Dienst.“

„Ich Sie fordern?“ rief in grenzenloser Wuth, aber sich zum Lachen zwingend, Maiwand aus, „ich Sie? Sie vergessen denn doch gar zu sehr, was Sie sind, und was ich bin. Als ob ein Edelmann und Officier sich mit – einem Arbeiter schlüge!“

Rudolph schien dieses Wort so zu empören daß er, dicht an Maiwand herantretend, den Arm mit der sich ballenden Faust erhob. Maiwand griff, wie nach einer Waffe, nach dem auf dem Tische liegenden Papiermesser, aber Rudolph’s Arm wurde, bevor er einen Schlag führen konnte, von einem festen Griff um den Knöchel gefaßt und eisern niedergedrückt: Landeck stand neben ihm und zwischen den beiden zornigen Männern.

Landeck hatte, um die Zeit hinzubringen, langsam wandelnd [76] durch die den Edelhof umgebenden Anlagen, einen Kreis um das ganze Gebäude gemacht; so war er, um die letzte Ecke desselben biegend, an die andere Seite der Veranda, als die, von der er ausgegangen, gekommen und hatte zu seiner größten Ueberraschung dicht vor sich die beiden hadernden Männer gesehen, ihre letzten Wechselreden gehört, hatte einen unaussprechlich widrigen Eindruck von der zu giftigster Wuth entstellten Physiognomie des Mannes, den er zu hassen begann, erhalten, und in heftigster Empörung über die dünkelhafte Ueberhebung dieses Menschen dem ehrlichen und gebildeten Arbeiter gegenüber, war er zwischen sie gesprungen, und während er Rudolph’s Arm niederdrückte, rief er jetzt hochathmend aus:

„Halten Sie ein, Herr Escher! Wenn dieser Mann zu hochmüthig ist, sich mit Ihnen zu schlagen, vielleicht gewährt er mir die Ehre; ich nehme Ihre Sache auf mich. Senden Sie mir Ihre Zeugen, Herr von Maiwand! Ich werde Ihnen, wenn Sie es verlangen sollten, mein Doctordiplom vorlegen. Der Edelmann läßt sich dann vielleicht herab, mich als satisfactionsfähig zu betrachten.“

Maiwand sah ihn mit düstern, haßerfüllten Blicken an. Verächtlich sich wendend, sagte er dann:

„Sie? Wer zum Teufel führt Sie just in diesem Augenblicke her? Ist diese Scene etwa abgekartet? Mir ist’s ganz recht, ein Paar Kugeln mit Ihnen zu wechseln. Ich werde Ihnen meine Zeugen senden. Zweifeln Sie nicht daran! Unterdeß begreifen Sie, daß Sie hier auf Haldenwang bis dahin nichts mehr zu suchen haben. Ich denke, Sie begreifen das.“

Er wandte sich und ging raschen Schrittes durch die offenstehende Fensterthür in den Salon im Innern des Gebäudes.

Rudolph betrachtete unterdessen ein wenig überrascht den ihm so plötzlich gekommenen Bundesgenossen.

„Sie nehmen meinen Streit mit diesem Menschen auf?“ rief er aus. „Sie, Herr Landeck? So hörte ich Sie nennen – ich sah Sie auch früher schon, obwohl ich bis jetzt nicht Gelegenheit hatte, Ihnen näher bekannt zu werden. Ich selbst bin Ihnen aber ja völlig fremd. Sie werden meinen Namen nicht einmal kennen: Rudolph Escher …“

„Ich weiß. Ich sehe Sie freilich zum ersten Male, aber ich habe, indem ich Sie sehe, die Ueberzeugung, daß in diesem Streit mit dem Herrn Maiwand nicht das Unrecht auf Ihrer Seite ist, und der höhnische Dünkel dieses Junkers empörte mich; es war vielleicht thöricht, daß ich mich so hinreißen ließ, ehe ich auch nur die leiseste Ahnung hatte, was eigentlich der Gegenstand Ihres Streites war, aber – was wollen Sie? – das Blut stieg mir eben zu Kopfe, und ich finde eine Genugthuung darin, einen solchen Hochmuth zu züchtigen.“

Rudolph starrte ihn noch immer an, ohne sich recht in die Sache finden zu können, bis Landeck lächelnd fortfuhr:

„Ich habe eben noch nicht lange genug das Studentenblut verschwitzt; auf der Hochschule, wissen Sie, macht man nicht viel Federlesens und ist ‚schnell fertig mit dem Worte‘. Und nun kommen Sie! Sie werden sich heimbegeben wollen, und ich werde mir erlauben, Sie zu begleiten, um mir von Ihnen einige Aufklärungen geben zu lassen, was eigentlich diesen Streit zwischen Ihnen heraufbeschwor.“

„Ich werde allerdings heimgehen, und bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich begleiten wollen,“ versetzte Rudolph, von einem der Stühle zur Seite seinen grauen Sommerhut aufnehmend und sich der Treppe zuwendend, die aus der Veranda in die Anlagen hinabführte.

Landeck folgte ihm. Als sie neben einander zwischen den Rasenplätzen der Eichenallee zuschritten, sagte Rudolph, ein paar Mal tief aufathmend:

„Vor Allem verzeihen Sie mir zuerst die Frage – ich bin nicht in der Stimmung, viel Umschweife zu machen –: wie kommen Sie eigentlich hierher, Herr Landeck?“

„Ich bin ein alter Bekannter der Frau von Haldenwang –“

„Von Athen her – ich weiß,“ fiel Rudolph ein, „sie hat es mir, als ich sie das letzte Mal sah, gesagt. Ich meine, wie kommen Sie hierher, just jetzt, grad’ in diesem Augenblick?“

„Frau von Haldenwang hat die Güte gehabt, mir ihr Vertrauen in einer Angelegenheit zu schenken, worin sie einer Ermittelung bedurfte; ich kam, sie ihr zu bringen, fand sie aber nicht.“

„Ah, sie hat Ihnen ihr Vertrauen geschenkt; nun, das überrascht mich nicht, nach der Wärme, womit sie sich über Sie ausdrückte, und so darf ich es am Ende auch. Sie verlangten eben von mir, daß ich Ihnen den eigentlichen Grund meines Streites mit Herrn von Maiwand mittheile; wahrhaftig, es ist das eigentlich ein sehr naives Verlangen – es heißt so viel, als Ihnen den ganzen Inhalt meiner Seele ausschütten zu sollen …“

„Was ich nicht ahnen konnte,“ unterbrach ihn Landeck, „ich bitte also um Verzeihung wegen meiner Indiscretion.“

„Nein, nein, das sollen Sie nicht. Ich habe oft genug im Stillen darüber gegrübelt, wie ich doch nur einen theilnehmenden Freund, einen Beistand in meiner schweren Aufgabe fände, mit meiner einfach ehrlichen und grade durchgehenden Natur einen durchtriebenen Intriganten zu fassen und zu überwinden; ich fühlte mich so hülflos, so waffenlos ihm gegenüber; nun stehen Sie mitten im vollen Ausbruch meines Krieges wider ihn so plötzlich als mein Beistand an meiner Seite – wie sollte ich Ihnen nicht vertrauen? Ich kenne Sie durch meine Cousine Malwine, die so große Dinge auf Sie hält, also will ich Ihnen erzählen, was mich zwang, diesem Maiwand so gegenüber zu treten. Sie sollen Alles hören. Alles.“

„Sie können überzeugt sein, daß ich Ihr Vertrauen zu ehren wissen werde.“

„Wenn ich das nicht glaubte, würde ich Ihnen nicht Dinge sagen, die ich noch Niemandem auf Erden gesagt habe. Also hören Sie! Aber wahrhaftig, ich bin zu erregt, um so im raschen Gehen zusammenhängend erzählen zu können. Dort links unter der Eichengruppe steht eine Bank. Setzen wir uns dort!“

[89]
9.

Sie gingen der Bank zu, auf der sie sich niederließen. Rudolph nahm seinen Hut ab und wischte sich die von Schweiß perlende Stirn; aus seinen Zügen sprach dieselbe hastige Erregung, die in seiner stoßweisen Art zu reden lag.

„Was ich Ihnen zunächst zu erzählen habe, ist eine Geschichte, die sich vor mehreren Jahren abgespielt hat. Damals war ich Kaufmann, Commis in einem Hause der Residenz, das sehr große und sehr verschiedenartige Geschäfte, eigentlich Korn- und Oelhandel, aber auch Banquiergeschäfte betrieb. Meine Cousine Malwine glänzte als Stern am dortigen Theaterhimmel; sie sang erste Rollen auf der königlichen Hofbühne. Man schwärmte für ihre Stimme, bewunderte ihre Schönheit, und die, welche sie persönlich kannten, verehrten sie wegen ihres durchaus achtungswerthen Charakters, ihrer reservirten Haltung, ihrer von jeder Gefallsucht freien Natürlichkeit, die sie in einer Welt wie die, worin sie stand, zu einem Phönix machte. Wer sie am meisten verehrte, am meisten für sie schwärmte, war ein liebenswürdiger ältlicher Herr, ein unbeschäftigter Junggeselle, der seine Winter in der Hauptstadt verlebte und ein leidenschaftlicher Theaterfreund war, ein Herr von Haldenwang. Es war ihm leicht geworden, sie persönlich kennen zu lernen, da er aus derselben Gegend war, aus der Malwinens Vater stammte, da er ihren Oheim und Vormund, den Onkel Gottfried, sehr wohl kannte. Und dann verliebte er sich in sie, machte ihr Heirathsanträge, wurde abgewiesen, hielt sich damit doch nicht für geschlagen und – siegte endlich. Sie reichte ihm ihre Hand, und hat diesen Schritt auch nicht bereut; ihre aristokratische, oder wenn Sie lieber wollen, echte und solide Natur paßte besser in den Edelhof von Haldenwang hinein, als in die Leinwandlappen, welche die Pagode der Selika oder die Burg der Prinzessin Bertha in der ‚Undine‘ darstellen. Sie achtete und verehrte ihren Gatten. Wenn sie ihn nicht leidenschaftlich liebte – nun, ich glaube, das Bedürfniß zu lieben ist in Malwinen nie stark ausgebildet gewesen, und genug, sie willigte ein, Baronin Haldenwang zu werden.

Ich war um jene Zeit, wie gesagt, Commis in der Hauptstadt, verkehrte von Zeit zu Zeit mit Malwinen, erhielt durch sie freien Eintritt in’s Theater, so oft ich wünschte, fand sie überhaupt immer von der größten und treuherzigsten Liebenswürdigkeit für den armen, so tief unter ihr stehenden Vetter. Und da ich dazu die ganz besondere Gunst meines Principals genoß, so war ich ein glücklicher Mensch, so glücklich, wie je einer am Abend, wenn die Bureaustunden zu Ende, mit der feinen Havanna im Munde, den Hut schräg auf dem Ohre, die breiten Trottoirplatten der Hauptstraßen hinuntergeschritten ist oder gar vom Klange seiner Sporenrädchen hat wiederklingen machen, wie ich, wenn ich eine meiner zwei wöchentlichen Reitstunden zu nehmen ging. Selige Tage das! Das Vertrauen meines Principals gründete sich hauptsächlich darauf, daß ich der Neffe von Malwinens Vater war. Dieser, ein ausgezeichneter Arzt, hatte den alten Herrn einst in einer schweren Krankheit behandelt und ihm, wie er glaubte, das Leben gerettet. Er war deshalb voll Aufmerksamkeiten für die Tochter seines Lebensretters und glaubte für den Neffen desselben nicht genug thun zu können, um ihn in seiner Laufbahn zu fördern. Der gutmüthige Mann ahnte nicht, was aus seinem unglücklichen Vertrauen zu einem unberathenen leichtsinnigen jungen Menschen entstehen sollte. Das Unglück wollte, daß er sich von einem Cassirer betrogen sah, einem älteren Manne, dem er völlig vertraut hatte; in seinem Aerger machte er mich zum interimistischen Cassirer; einem, wenn auch noch nicht geschäftserfahrenen, aber ehrlichen Menschen aus so guter Familie, sagte er, wolle er sich vorläufig lieber anvertrauen, als einem alten, von der heutigen Verdorbenheit angesteckten Prakticus. So wurde ich verantwortlicher Hüter von Geldern, die sich an manchen Tagen auf zwanzig- oder dreißigtausend Thaler und mehr beliefen.

In dieser Zeit sitze ich eines Tages, während das übrige Personal zum Frühstücken gegangen ist, allein in meinem Cassenzimmer, da ich noch einzutragen und zu ordnen habe, als, ein wenig erregt und rascher in seinem Wesen und seinen Bewegungen wie gewöhnlich, Herr von Maiwand bei mir eintritt. Er war damals Officier, und als ein entfernter Vetter des Herrn von Haldenwang hatte er sich durch diesen bei Malwinen einführen lassen, wo ich ihn mehrmals gesehen hatte und mit vorzugsweiser Höflichkeit von ihm behandelt war; ein Gimpel, wie ich, der sich in seiner Commisrolle in Malwinens glänzendem Salon sehr demüthig und bescheiden fühlte, weiß so etwas zu würdigen. Herr von Maiwand also trat zu mir ein und eröffnete mir ohne Umschweife, ich habe ihm sofort und rasch neuntausendfünfhundert Thaler aus meiner Casse zu geben. Herr von Haldenwang, der Verlobte meiner Cousine, habe sie gestern Abend im Spiele verloren und sei durch sein Ehrenwort gebunden, sie im Laufe des Tages zu bezahlen; er habe an seinen Rentmeister telegraphirt, ihm die Summe sofort zu beschaffen, [90] aber sie könne vor dem morgigen Abende unter keinen Umständen ankommen; die Freunde, die, wie er gehofft, eine so große Summe ihm sogleich vorstrecken könnten, seien augenblicklich nicht in der Lage; also müsse meine Casse aushelfen bis zum Abend des folgenden, vielleicht auch bis zum Morgen des dritten Tages. Herr von Haldenwang sende ihn deshalb zu mir.

Ich fuhr stutzig zurück. ‚Woran denken Sie! Das darf ich nicht – daran ist nicht zu denken!‘ rief ich mit einem Tone aus, als wär’ ich über diese Zumuthung vollständig entrüstet. Aber ich war nichts weniger als das. Daß Herr von Haldenwang einen solchen Dienst von mir geleistet haben wollte, daß ich ihm so wesentlich nützen konnte, und dadurch auch Malwine verpflichten, die immer die Güte selbst für mich gewesen, hatte etwas Verführerisches für mich. Gefahr war ja auch nicht bei der Sache. Herr von Haldenwang war ein reicher Mann; Niemand wußte das besser als ich, sein nächster Landsmann, der als Junge so manchen Stecken in seinen Wäldern geschnitten, so manches Vogelnest in seinen Hecken ausgenommen – ich rief deshalb noch einmal: ‚ich kann und darf das nicht ohne den Principal, und der Principal ist auf zwei Tage verreist,‘ war aber schwach genug, auf die Suada zu horchen, womit Maiwand mich jetzt überschüttete, um mir zu beweisen, daß ich meinem demnächstigen Verwandten, dem Baron, einen solchen Dienst gar nicht abschlagen dürfe und könne, daß dies ja den Bräutigam Malwinens auf ganz gefährliche Gedanken bringen könne, ihn, der durch seine Verbindung mit einer so viel niedriger gestellten Familie diese in so hohem Grade ehre und nun nicht einmal bei einer kleinen Dienstleistung auf sie zählen könne, daß es ja alle seine Gefühle erkälten müsse, daß ich nicht die Naivetät haben werde, dem Baron Haldenwang in’s Gesicht sagen zu lassen, ich, der junge Kaufmannscommis, vertraue ihm, dem vornehmen, hochstehenden Manne, nicht ein mäßiges Capital auf zweimal vierundzwanzig Stunden an, und so weiter, und so weiter – kurz, ich war so schwach, ihn zu hören, und endlich so schwach, ihm nachzugeben; ich öffnete meine Casse und zahlte ihm in Gold und guten Banknoten neuntausendfünfhundert Thaler auf den Tisch, die er eilfertig in seiner Brusttasche barg. Und dann war ich obendrein noch solch ein Thor, ihm den Gefallen zu thun, zu schwören, daß ich von der Sache Niemand auf Erden ein Wort sagen würde, Niemand, denn, betheuerte er, der Baron Haldenwang sei in äußerster Sorge, daß Malwine von der Sache erfahre, diese würde dann sicherlich glauben, er sei ein Spieler, was er doch sonst gar nicht sei, und dann würde sie ihm ihre Hand wieder entziehen, und das würde er nicht überleben, sondern sich alsdann eine Kugel durch den Kopf jagen. Als ich Maiwand auch darüber beruhigt und Alles, was er verlangte, geschworen hatte, entfernte er sich eilig – mit seinem Raube, von dem ich nie einen Thaler wieder gesehen habe.“

„Ah,“ rief Landeck aus, „das ist ja ganz und völlig unglaublich!“

„Und doch ist es so – doch sage ich Ihnen die einfache Wahrheit … ich habe nie von Herrn von Maiwand diese Summe, noch auch den geringsten Theil davon zurückbekommen. Gleich nachdem Maiwand gegangen war, hatte ich wie eine innere Ahnung meines Verlustes. Eine große und stets wachsende Sorge überkam mich, die ich mir freilich als eine Thorheit vorwarf, die sich jedoch nicht beschwichtigen lassen wollte und die in eine wahre Verzweiflung überging, als am Morgen, am Vormittage, ja auch am Nachmittage des dritten Tages kein Herr von Maiwand in meinem Cassenlocal erschien. Als die Geschäftsstunden zu Ende waren, rannte ich zu ihm. Er war nicht zu Hause. Umsonst hielt ich auf der Straße vor seiner Wohnung Wacht. Er kam nicht. Ich hätte mich in den Fluß stürzen mögen, über dessen Brücke ich spät in der Nacht in mein Quartier heimkehren mußte. Auch am andern Tage erschien Maiwand nicht im Geschäftslocal und war am Abende nicht in seiner Wohnung zu finden. Nur einen Brief von ihm erhielt ich in der ersten Morgenstunde des folgenden Tages.

‚Der verwünschte Rentmeister,‘ lauteten diese Zeilen, ‚hat meinen Vetter im Stiche gelassen; er fordert drei Wochen Zeit, das Verlangte flüssig zu machen. Verfluchte Geschichte das! Ich laufe unterdeß beim Volke Israel umher, um meinem Vetter das Nöthige zur Deckung der Schuld aufzutreiben. Also nur ein wenig Geduld und keine Sorge! Ihr M.‘

Keine Sorge! Ich sollte keine Sorge haben! Welche Vorstellung hatte dieser Mensch von der Ordnung und Pünktlichkeit eines kaufmännischen Geschäfts, von der Möglichkeit, eine solche Zahlung, wie ich sie ihm gemacht, so lange dem Chef verborgen zu halten, bis er mit seinem ‚Volke Israel‘ zurecht gekommen! Am folgenden Tage war Samstag; an diesem Tage pflegte der Chef die Casse zu revidiren und mit dem Cassirer zu besprechen, wie viel man von den Baarbeständen auf die Bank senden, oder je nach den Bedürfnissen der nächsten Woche am Montag aus der Bank werde holen lassen müssen. Ich konnte nicht abwarten, daß man bei dieser Gelegenheit das Deficit entdecken werde; ich mußte, wenn ein Fünkchen Ehre in mir war, die Sache vorher meinem Chef ankündigen – und dazu hatte ich nun wieder die Stirn nicht. So lief ich denn in meiner Noth zu dem einzigen Menschen in der ganzen Stadt, auf dessen Theilnahme ich in dieser Sache rechnen konnte – zu Malwinen. Ich brach in meiner Noth den Schwur, den ich Maiwand geleistet; ich sagte Malwinen Alles.

Wie sehr sie erschrak, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Für sie hatte die Sache zwei fatale Seiten. Zu der Noth des Vetters, der ihr seine Verzweiflung ausschüttete und dabei so entschlossen schien, sich zu erschießen, kam für sie die Entdeckung, daß sie vielleicht die Braut eines Spielers sei, daß sich für sie das so häufige Schicksal berühmter Sängerinnen wiederholen zu sollen schien; sie hielt sich die Namen aller Derer vor, die, von einem aristokratischen Namen und der Aussicht auf eine glänzende Lebensstellung verlockt, sich einem Manne vermählten, der sie später durch seine Spielwuth ruinirte. Erst nach langer heftiger Erregung fand sie die Ruhe wieder, einen Entschluß in der Sache zu fassen.

‚Es thut uns große Vorsicht noth, Rudolph,‘ sagte sie. ‚Zuerst kommt es darauf an, Dich zu retten – vor der Entehrung, vor der gerichtlichen Bestrafung. Aus dieser Gefahr muß ich Dich retten; ich will sogleich zu Deinem Chef fahren und mit ihm reden. Ich werde ihm sagen, daß ich die fehlende Summe in kurzer Zeit mit meinem eigenen Vermögen ersetzen werde …‘ ‚ Aber mein Gott, wie könnte ich das zugeben!‘ fiel ich heftig ein.

‚Weißt Du das Geld auf anderem Wege zu beschaffen? Oder soll Dein Chef, dieser brave vertrauensvolle Mann, der so viel Güte für uns Beide hatte, durch uns um das Seinige kommen, durch uns? Da ist also nichts anderes zu thun. Ich schreibe noch heute an den Onkel Gottfried, meinen Vormund, daß ich die Auslieferung meines Vermögens verlange. Von mir vor einem Verlust gesichert, wird Dein Chef dann Nachsicht haben und sich damit begnügen, Dich im Stillen und ohne öffentliche Kränkung Deiner Ehre zu entlassen. Was aber Haldenwang angeht, so muß ich durchaus wissen, ob dieser Mann einmal und zufällig ein großes Spielunglück hatte, oder ob er überhaupt von der Leidenschaft des Spiels besessen ist. Ist das letztere der Fall, so breche ich mit ihm. Das steht unerschütterlich bei mir fest. Um der Sache auf den Grund zu kommen, muß ich ihn beobachten lassen. Die Werkzeuge dazu werde ich finden. Von dieser Angelegenheit werde ich ihm keine Silbe sagen. Es wäre thöricht, ihm zu verrathen, daß ich hinter diese Sache gekommen; er würde klug genug sein, sich alsdann zu beherrschen; es würde mir unmöglich gemacht werden, die Wahrheit zu entdecken. Also darüber tiefes Schweigen. Und nun zu Deinem Chef. Du fährst mit mir zu ihm und gehst dort in Dein Geschäftslocal, bis er Dich rufen läßt; sei guten Muths! Ich werde ihn beschwichtigen.‘

Malwinens Entschlossenheit und Klarheit aber das, was zu thun, hatte mir meinen Lebensmuth wiedergegeben. Ich habe sie nie mehr bewundert, als in jener Stunde. Ich weiß, welch tiefes Gemüth Malwine besitzt, und nie zeigte sich dies mir mehr, verehrungswürdiger, als jetzt, wo sie so ohne jedes Bedenken ihr ganzes Vermögen dahin gab, um mich vor dem Untergange zu retten, und ihrem Bräutigam ein solches Opfer verschweigen wollte. Wie erbärmlich und verächtlich kam ich mir vor, daß ich mich in die Lage gebracht, ihr Opfer annehmen zu müssen, daß sie dabei noch Alles that, mich aus meiner Zerschmetterung aufzurichten, indem sie mir wieder und wieder sagte, sie sei verpflichtet, so gegen mich zu handeln, weil ich ja doch das Geld nur ihr zu Gefallen hergegeben, weil es mir ja [91] doch nie im Traum eingefallen sein würde, so etwas für einen andern Menschen als ihren Bräutigam zu thun.

Wie sie es gesagt, geschah es. Sie verhandelte mit meinem Chef, und dieser ging in seiner Güte so weit, mir alle Vorwürfe, ja selbst eine auffällig rasche Entlassung zu ersparen. Er ließ am nächsten Montag Morgen einen älteren Gehülfen als Cassirer eintreten und mich in meiner früheren Geschäftsfunction bis zum nächsten Quartal weiter arbeiten. Dann trat ich aus. Ich selbst wünschte, diese Stellung zu verlassen; ich hatte nie große Lust zum Kaufmannsstande, und jetzt war er mir völlig verleidet. Die ganze Stadt, in der ich so schreckliche Stunden erlitten, war mir verhaßt; ich dankte Gott, daß ich sie hinter mir hatte und wieder bei meinem Vater war, um nichts zu sein, als ein tüchtiger Arbeiter. Ich lernte die Maschinenschlosserei und seitdem bin ich Werkmeister in der Fabrik, in der mein Vater thätig ist…“

„Aber Herr von Maiwand unterdeß?“ rief Landeck aus.

„Herr von Maiwand, freilich!“ fuhr Rudolph mit bitterem Tone fort. „Dieser Edle mußte es nicht möglich gefunden haben, mit dem ‚Volke Israel‘ fertig zu werden; er hat auch wohl seine desfallsigen Bemühungen sehr gewissenberuhigt eingestellt, da Malwine ihm einen Wink gegeben hatte, der ihm sagte, daß sie mich aus der Verlegenheit gezogen. Malwine hat mir nämlich wirklich ihr ganzes kleines Vermögen geopfert. Und dann hat sie ihren Vorsatz ausgeführt, sich zu überzeugen, ob Herr von Haldenwang ein Spieler sei oder nicht; sie hat ihn beobachten lassen und sich nach seiner Vergangenheit erkundigt; sie hat nicht die geringsten Thatsachen erfahren, welche diesen Verdacht bestätigen konnten; sie hat Haldenwang deshalb vertrauensvoll ihre Hand am Altare reichen können; sie ist bis auf diese Stunde überzeugt, daß ihr verstorbener Gatte damals ganz ausnahmsweise der Verlockung zu hohem Spiele erlegen und so ausgeplündert sei …“

„Und diese Ueberzeugung,“ nahm Landeck das Wort, „haben auch Sie, Herr Escher?“

„In jener Zeit, wo ich eine vertrauensvolle Seele war, wie es Malwine noch heute ist, ein so leicht zu täuschender Gimpel,“ versetzte Rudolph, „da hatte ich sie. Seitdem bin ich klüger geworden. Daß Herr von Maiwand wegen übermäßiger Schulden und unehrenhaften Betragens gegen seine Gläubiger ein halbes Jahr später den Dienst quittiren mußte, brachte mich auf den Verdacht, den ich ihm selber ausgesprochen habe, als er später, nach der Abreise Haldenwang’s und Malwinens nach Griechenland, hierher kam, um die Aufsicht über Haldenwang’s Besitzungen zu führen; es mochte das ein Posten sein, den der Letztere dem entfernten Verwandten aus Mitleid gab, weil er sonst nirgends ein Unterkommen hatte. Ich sagte ihm geradezu: ‚Damals haben Sie mich auf’s Schmählichste getäuscht, Herr von Maiwand. Sie waren es, der in der Klemme war, Sie selbst, dem ein Wucherer vielleicht mit der Wechselhaft drohte, und da mißbrauchten Sie den Namen Ihres reichen Vetters, um mir die Summe abzuschwindeln, deren Sie augenblicklich bedurften. Sie mochten die Hoffnung hegen, die Summe bei irgend einem andern Wucherer in den nächsten Tagen aufzutreiben und sie mir zurückzubringen – ich will das glauben, und es war ja natürlich, denn Sie konnten nicht wünschen, daß Ihr Vetter je den Betrug erfahre; aber leider kannten die sämmtlichen Wucherer der Stadt wohl Ihren Namen zu gut, und keiner that Ihnen mehr den Gefallen.‘“

„Und was antwortete er?“

„Mit einer beneidenswerthen Ruhe antwortete er: ‚ich sei ein mißtrauischer Geselle, aber lächerlich mit meinem Argwohne. Uebrigens mißgönne er mir das Privatvergnügen nicht, mir die Sache so auszulegen, müsse sich aber alle Erörterungen darüber verbitten, da es sich um eine alte längst abgethane Geschichte handle und durch Malwinen alles ausgeglichen sei; ob mein ehemaliger Chef sein Geld zurückerhalten von Haldenwang oder von Haldenwang’s Frau, das sei völlig dasselbe und darüber jetzt noch zu reden gänzlich überflüssig. Auch warne er mich vor solchen Reden, und namentlich, daß ich Malwinen einen solchen Verdacht einflöße; er werde mich dann als Verleumder dem Staatsanwalt anzeigen, und es werde mir schwerlich angenehm sein, von diesem über meine kurze Laufbahn als Cassirer in der Hauptstadt in’s Verhör genommen zu werden.‘“

„Der freche Schurke!“ rief Landeck aus.

„Daß dieses Wort nicht zu hart ist, habe ich leider noch so eben gesehen,“ versetzte Rudolph; „wäre eine Spur Gewissen und Scham in ihm, so würde er heute gethan haben, wozu ich ihn im Namen von Pflicht und Ehre aufforderte …“

„Und was verlangten Sie von ihm?“

„Auch das will ich Ihnen erklären. Ich sagte Ihnen, daß Malwine sich damals von ihrem Vormunde ihr ganzes Vermögen ausantworten ließ. Mein Vater weiß nun aus Haldenwang’s eigenem Munde, daß Malwine diesem kein Vermögen zubrachte. Zur Erklärung scheint sie ihm gesagt zu haben, sie habe es ihrem Vormunde zu seinem Etablissement gelassen – gewiß hat sie ihm die Beschämung ersparen wollen, ihm zu gestehen, daß sie seine angebliche Spielschuld, an welche sie selbst ja noch immer glaubt, gedeckt habe. Ich habe zu meiner unsäglichen Zerknirschung erfahren müssen, daß mein Vater meinen Oheim der Abscheulichkeit bezichtigt, seiner Mündel Vermögen unterschlagen, für sich selbst verwendet zu haben. Und nun – als ob die unseligen Folgen dieser entsetzlichen Geschichte gar kein Ende haben sollten, ist mir noch der schreckliche Verdacht gekommen, daß mein Oheim Gottfried wieder mich schuldig glaubt, durch eine tolle Verschwendung in der Hauptstadt und einen Griff in die mir anvertraute Casse Malwinen gezwungen zu haben, zu meiner Rettung ihr Vermögen hinzugeben. Was in der Welt sonst könnte ihn so hartnäckig, so unerbittlich gegen meine Bewerbung um Elisabeth’s Hand machen, die er mir ohne Angabe eines Grundes verweigert? Darum verlangte ich von Maiwand, daß er mit mir vor meinen Vater trete und diesem rund und offen heraus die Wahrheit erkläre: wohin Malwinens Vermögen gegangen; daß er dem Herrn Escher, meinem Oheim, sage, wodurch die Lücke in der Casse meines ehemaligen Chefs entstanden sei, die Malwinens Vermögen ausgefüllt habe.“

„Was er natürlich verweigert?“

„Sie selbst haben es gehört.“

„Aber ich sehe nicht ein,“ fuhr Landeck fort, „daß Sie deshalb zu verzweifeln haben. Klären Sie ganz einfach Frau von Haldenwang über Alles auf, und bitten Sie ebenso einfach Ihre Cousine, das zu thun, wozu Sie Maiwand nicht gewinnen können! Sie kennt ja dann den Zusammenhang der Dinge ganz ebenso gut, und kann Ihnen sowohl bei Ihrem Vater wie bei dem Oheim Escher als Zeugin dienen. …“

„Ah“ – rief Rudolph achselzuckend aus, „wenn ich auch Maiwand’s Drohungen trotzen wollte, glauben Sie, daß diese argwöhnischen Männer den bloßen Worten Malwinens irgend glauben, irgend etwas Anderes darin sehen würden, als ein kleines zwischen uns jungen Leuten geschmiedetes Complot?“

„Der Argwohn scheint freilich etwas wie eine Erbkrankheit in Ihrer Familie – aber ich meine doch …“

„Was Sie auch meinen,“ unterbrach ihn Rudolph, „Sie vergessen, daß Herr von Maiwand, der Edelmann, der ehemalige Officier, ihnen ein Ehrenmann scheint.“

Landeck schüttelte befremdet den Kopf.

„Ich werde niemals,“ fuhr Rudolph fort, „einen Glauben, ein Vorurtheil, das diese beiden Männer seit Jahren mit sich herumgetragen haben, und das so viel Zeit hatte, sich in ihnen festzusetzen, durch bloße Worte und ohne schlagende Beweise in Händen zu haben, umstoßen – es sei denn durch Maiwand’s eigenes Geständniß.“

„Und wie ihn dazu zwingen?“ rief Landeck jetzt aus. „Wenn wir auch den Doctor Iselt als Dritten im Bunde heranzögen, ich sehe dennoch kein Mittel, wie wir dieses Menschen Herr würden.“

„Den Doctor Iselt?“ fragte Rudolph. „Weshalb glauben Sie, daß er dabei ein Bundesgenosse für uns sein würde?“

„Er scheint eine besondere Abneigung gegen Maiwand zu haben; er hat vorhin in mir den Verdacht rege gemacht, daß dieser sich mit irgend einer bösen Absicht gegen Malwinens Eigenthum, mit einer betrügerischen Operation trägt, die sie gefährdete.“

Landeck erzählte Rudolph von dem Auftrage, den Malwine ihm gegeben, und dann den Inhalt seines Gesprächs mit dem Doctor.

„So wäre es ja eine wahre Wohlthat für die Welt, wenn Sie diesen Menschen im Duell erschössen, bevor er irgend eine [92] solche Spitzbüberei gegen Malwine ausführen könnte,“ rief Rudolph aus.

„Und doch für Sie schlimm,“ gab Landeck zur Antwort – „dann wäre es mit seiner Zeugenschaft zu Ihrer Rechtfertigung und zur Aufklärung Ihres Vaters und Ihres Oheims für immer aus.“

„Das freilich! Aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten,“ rief Rudolph zornig, „diesen bösen Menschen zu züchtigen – führen Sie Ihre Waffe mit fester Hand ihm gegenüber!“

„Verlassen Sie sich darauf,“ entgegnete Landeck mit sehr entschlossenem Tone. „Und geben Sie Ihre Sache nicht verloren! Ich werde mit Frau von Haldenwang reden. Sie wird mir ja glauben, daß sie sich, wenn Doctor Iselt’s Voraussetzungen irgend gegründet sind, in eine heillose Lage hat locken lassen, und daß nur schleuniges, energisches Handeln, offenes Vorgehen bei Gericht sie daraus rettet. Dadurch aber wird jenes Menschen Charakter der Welt enthüllt; er ist dann nicht mehr der Ehrenmann in den Augen Ihres Vaters und Ihres Oheims – diese werden Ihnen von jenem Augenblicke an glauben.“

Rudolph schien durch diese Aussicht nicht sehr getröstet. Aber was war für den Augenblick zu thun? Die beiden jungen Männer mußten sich, ohne zu einem weitern Entschlusse gekommen zu sein, endlich erheben und den weitern Heimweg antreten. Als ihre Pfade sich trennten, nahmen sie mit warmem Händedrucke Abschied von einander; Rudolph wollte noch am heutigen Abende den Doctor Iselt aufsuchen, dessen Beistand man bei dem bevorstehenden Duell bedurfte; er wollte versuchen, nähere und bestimmtere Andeutungen über den Grund seiner Beurtheilung Maiwand’s von ihm zu erhalten, und am morgigen Tage Landeck über den Erfolg dieses Versuchs Bericht erstatten.




10.

Eine halbe Stunde später stand Frau von Haldenwang, aus der Stadt heimgekehrt, in ihrem Salon mit hochwogender Brust und gerötheten Wangen vor Maiwand, der eben mit leidenschaftlicher Beredsamkeit auf sie einsprach; auch seine Wangen waren geröthet; auch ihn hatte die gewöhnlich zur Schau getragene überlegene Ruhe verlassen. Seine Augen blitzten; seine Lippen zitterten, während der Strom seiner Rede über sie fortging.

„O, mein Gott,“ fiel sie ihm endlich in’s Wort, „so halten Sie doch ein, verschonen Sie mich endlich einmal mit dieser Fluth von Anschuldigungen, Beschwörungen, Betheuerungen! Ich will ja Alles einräumen; ich will mich ja schuldig bekennen; ich will mich ja auf’s Tiefste demüthigen. Ich wiederhole es Ihnen, ja, ja, ja, ich mag sehr leichtsinnig, sehr unvorsichtig, sehr kopflos gehandelt haben. Ich mag durch das unbedingte Vertrauen und die unbefangene Freundschaft, die ich Ihnen zeigte, grenzenlos verbrecherisch geworden sein; ich mag dadurch Hoffnungen in Ihnen genährt haben, von denen ich nicht im Entferntesten dachte, daß Sie dieselben wirklich hegten. Aber wenn ich Ihnen nun erkläre, daß ich nicht wußte, daß eine Frau nicht voll offener, harmloser Freundlichkeit gegen einen Mann sein darf, und daß Sie sich getäuscht haben, Herr von Maiwand, völlig und gründlich getäuscht, so kann ja nun Alles zu Ende und wieder Frieden unter uns sein. Sie wissen nun für alle Zeit, daß ich nicht bin wie viele andere Frauen, die jede ihrer Bewegungen behutsam überwachen und, wenn ein Mann in ihrer Nähe ist, ihre Worte anders setzen, ihre Augen anders aufschlagen, ihren Arm anders ausstrecken – ich sehe, wenn ich mich ausspreche, den Menschen, das Menschengemüth und die Menschenseele vor mir und nicht, ob es Mann oder Weib ist, mit dem ich rede. Gewiß, es mag sehr verkehrt sein, sich so ohne Zwang gehen zu lassen, aber Sie kannten mich lange genug, um mich richtig beurtheilen zu können und mir diese Scene zu ersparen!“

„Scene zu ersparen – welch eine Grausamkeit, daß Sie von mir verlangen, ich solle nicht einmal reden, wie mir’s um’s Herz ist, während die Leidenschaft für Sie mich wahnsinnig macht, mich in den Tod treiben wird …“

„Ach, die Leidenschaft tödtet nicht gleich. Der Wahnsinn hindert Sie nicht an einer außerordentlich beredten Beweisführung, daß ich ganz furchtbar schuldig sei und dadurch Buße thun müsse, daß ich Ihr Weib werde. – Wenn Sie mir Ihre Leidenschaft beweisen wollen, so thun Sie es durch Gehorsam! Geben Sie mir, was ich von Ihnen verlange, den Revers, und dann, falls wirklich meine Nähe Ihren Seelenfrieden stört, verlassen Sie mich!“

„Sie sind wirklich abscheulich, so abscheulich in Ihrer erbarmungslosen Härte,“ rief Maiwand, während seine Augen die hellste Wuth sprühten und sein Mund eine eigenthümliche Verzerrung zeigte, „daß Sie mich ja vollständig selbst herausfordern zu jeder mir nur möglichen Rache. – Oder fürchten Sie etwa diese Rache nicht, haben Sie, um sich vor ihr sicher zu stellen, mir vielleicht Ihren griechischen Palikaren auf den Hals gesendet, um Händel mit mir zu beginnen, und mich unschädlich zu machen? – Der Mensch hat mich mit seiner Herausforderung so plötzlich und unmotivirt, so ganz sinnlos überfallen, daß ich es wirklich glauben muß …“

„Von wem reden Sie? Was sollen diese Worte bedeuten?“ unterbrach ihn Malwine betroffen.

„Von Ihrem athenischen Freunde rede ich, von diesem Landeck, der mich zum Duelle herausgefordert hat, ohne daß ich im Geringsten begreife, was ich diesem mir höchst gleichgültigen Schulmeister soll gethan haben, das nur durch Blut gesühnt werden könnte. Aber immerhin. Lassen Sie immerhin so Ihren ‚Klephten‘ gegen mich los, Malwine! Auf diese Art bringen Sie mich nicht zum Rückzuge.“

„Ich weiß von der Sache nicht das Mindeste,“ fiel Malwine ein, „und was Sie sprechen, enthält einen zu albernen Verdacht, als daß Sie selbst auch nur im Entferntesten daran glauben könnten!“

„Quälen Sie nicht auch mich, indem Sie mir einen albernen Verdacht zeigen … indem Sie auf’s Tödtlichste meine Ehre durch dieses stürmische Verlangen dessen, was Sie einen ‚Revers‘ nennen, kränken. Hören Sie auf, mir von diesem Revers zu reden, und ich will Ihnen versprechen, so lange Ihnen nicht von meiner Leidenschaft zu reden. Und ich denke, auf diese Bedingungen hin schließen wir Frieden, Malwine. Wahrhaftig, es wird mir schwerer werden, seine Bedingungen zu erfüllen, als Ihnen.“

Er wandte sich ab, und die Arme aber die Brust verschränkt, begann er langsam mit der Miene eines auf’s tiefste gekränkten Mannes, den ein namenloser Schmerz darnieder beugt, auf und ab zu gehen.

Malwine ließ sich wie gebrochen in einen Armsessel gleiten. Sie war wie vernichtet. Sie hätte, wenn nicht Maiwand gegenwärtig gewesen wäre, in lautes Weinen und Schluchzen ausbrechen mögen. Davon hielt ihr Stolz sie jetzt zurück. Sie war verzweifelt darüber, daß sie sich solche Worte von einem solchen Manne gefallen lassen mußte. Weshalb war sie nicht schroffer, kälter, verschlossener gegen ihn gewesen, weshalb hatte sie ihm in Allem und Jedem so völlig vertraut? – So war es gekommen, daß sie vor einigen Wochen auf seinen Vorschlag wegen des Scheinkaufs eingegangen war, um so die beschränkende Clausel im Testamente ihres Mannes zu umgehen. Sie müsse, hatte er dann eines Tages gesagt, mit ihm zum Justizrath fahren, um einen Kauf-Act wegen eines Wiesenstückes zu unterschreiben, dort werde sie gleich den bewußten Scheinkaufs-Act mit unterschreiben können; da hatte sie wohl geantwortet, daß sie ja ihre Einwilligung dazu noch gar nicht gegeben, aber sie hatte, als er nun drängend den ganzen Strom seiner Beredsamkeit über sie ergossen, endlich ‚Ja‘ gesagt, wenn sie aufrichtig gegen sich sein wollte, am meisten, um nur dem langen Geschwätz über die Sache ein Ende zu machen. Und so war es geschehen. Während die Männer im Arbeitszimmer verhandelt hatten, hatte Malwine sich im Empfangszimmer mit der Frau Justizräthin unterhalten; dann hatte man sie hereingerufen, um ihr das Geschriebene vorzulesen und es sie unterzeichnen zu lassen.

Und dann – was war es gewesen, was ihr sodann eine gewisse Sorge um das Geschehene eingeflößt? Zuerst eine merkbare Aenderung in Maiwand’s Wesen, eine unumwundene keckere Sprache, womit er ihr jetzt seine Huldigungen vortrug, etwas Herrisches, das sein Ton so unverkennbar annahm, daß es selbst ihrer Lini aufgefallen war und diese ein paar Bemerkungen darüber hatte fallen lassen. Ferner der Kaufact selbst, den ihr der Justizrath gesendet und der doch so erschreckend ernst und feierlich lautete – und dann eine sich steigernde Gereiztheit gegen Maiwand, [93] die, seit Landeck in ihren Lebenskreis eingetreten, wuchs und wuchs. Je mehr Landeck alle ihre Gedanken an sich riß, desto unerträglicher wurde ihr, daß gerade in seiner Gegenwart Maiwand ein vertrauliches Wesen gegen sie annahm, als habe er irgend ein Recht auf sie, desto zorniger suchte sie Gründe zu Vorwürfen und zu Mißtrauen wider diesen Mann, der ihr lästig wurde – und endlich stellte sie Landeck jene Fragen, deren sie ahnen ließ, daß sie in einer Schlinge gefangen sei.

Und jetzt, jetzt ertrug sie diese Lage nicht mehr; sie sollte ein Ende finden, mit Güte oder mit Gewalt.

Am andern Morgen sandte sie in der Frühe schon einen Diener mit einem Billet zu Landeck. Sie bat ihn darin, möglichst bald zu ihr auf Haus Haldenwang zu kommen. Landeck konnte, als er die Botschaft bekam, ihr sogleich Folge leisten. Im Hause des Fabrikanten herrschte eine Aufregung, daß nicht daran zu denken war, Karl heute an einen ordentlichen Unterricht fesseln zu können. Der Strike war ausgebrochen; draußen um die Fabrikgebäude herum herrschte ein wilder Tumult – ein Theil der Arbeiter hatte sich in einer drohenden Haltung gegen die Gebäude aufgepflanzt und haderte und stritt mit einem anderen Theile, der sie abmahnte, die Beschädigungen an den Maschinen vorzunehmen, womit die ersteren drohten. So wäre es unmöglich gewesen, heute die Aufmerksamkeit des Knaben an seine Bücher und Aufgaben zu fesseln; dieser stand mit dem Hausdiener unten am Flusse und schaute dem wüsten Treiben aus der Ferne zu. Landeck machte sich also, doppelt erregt, durch das, was er hinter sich zurückließ, und das, was ihn bei Malwine erwarten konnte, auf den Weg nach Haldenwang. Als er hier ankam, wurde er sogleich zu Malwinen in ihr Wohnzimmer im ersten Stock geführt, einen höchst elegant und geschmackvoll eingerichteten Raum, in dessen Mitte ein prachtvoller Flügel stand. Landeck hatte bisher dieses Heiligthum noch nicht betreten, da die Dame des Hauses ihre Besuche im unteren Salon zu empfangen pflegte.

Aus einem Seitencabinet trat Frau von Haldenwang ihm lebhaft entgegen.

„Ich habe Sie herübergebeten und danke Ihnen, daß Sie so rasch kommen, Landeck,“ sagte sie. „Ich muß wissen, was gestern hier vorgegangen ist – zwischen Ihnen und Maiwand – daß auch Sie noch Streit mit Maiwand suchen und mir solch einen Verdruß bereiten müssen!“

„Ich – Ihnen Verdruß, gnädige Frau?“ rief Landeck bestürzt über diese Anrede aus, „das – ich versichere Sie – war meine Absicht nicht.“

„Absicht oder nicht,“ unterbrach, ihn Malwine, „aber setzen Sie sich! Ich will Ihnen Alles erzählen, damit Sie sehen, daß ich das Recht habe, Ihnen dieses Duell zu verbieten.“

Sie hatte, auf einem Divan Platz genommen und deutete für Landeck auf einen zur Seite stehenden Sessel.

„Ich mußte gestern von Herrn von Maiwand die bittersten Vorwürfe über Ihre Herausforderung hören,“ fuhr sie fort; „denn Sie müssen wissen, daß ich leider in ein Zerwürfniß mit diesem Manne, der sich bisher mit so großem Eifer aller meiner Interessen annahm, gerathen und daß ich sehr unglücklich darüber bin. Herr von Maiwand hat mich zu einem Schritte verleitet, den ich in hohem Grade bereue; ich war so leichtsinnig, wie ich unbedingt seinem Rathe in allen meinen Angelegenheiten, die geschäftlicher Natur waren, folgte, ihm auch in Dem zu folgen, dieses Gut Haldenwang zum Schein an ihn zu verkaufen.“

„Also es ist wirklich so – an ihn selbst!“ rief Landeck erschrocken aus.

„So ist es. Meine Sorge deswegen deutete ich Ihnen bereits vorgestern an, als ich Ihnen auftrug, sich zu erkundigen, welche Folgen ein solcher Schritt haben könne. Was Sie mir darauf sagten, steigerte in hohem Grade meine Unruhe über das, was ich gethan. Ich sprach mit Maiwand über einen Revers, dessen Ausstellung ich wünschen müsse, aber die Aufnahme, die mein Wunsch bei ihm fand, machte mich noch mehr bestürzt, und so entschloß ich mich gestern, zu dem Justizrath zu fahren, der als Notar den unglückseligen Act aufgenommen hatte. Der Justizrath sagte mir, wie er sofort überzeugt gewesen, daß es sich um ein Scheingeschäft gehandelt, da er aus einer Schuldklage, die bei Gericht wider Maiwand schon vor längerer Zeit eingelaufen, sehr wohl wisse, daß dieser ohne Vermögen sei, daß er sich jedoch nicht erlaubt habe, mir in der Sache einen Rath, eine Warnung aufzudrängen, da er eben in der Vornahme des Actes, den wir ihn aufnehmen lassen, auf ein Verhältniß zwischen Maiwand und mir geschlossen habe, welches jede Dazwischenkunft seinerseits so tactlos wie überflüssig gemacht haben würde.“

Malwinens Wangen zeigten einen Anflug zornigen Erröthens, als sie diese Worte sprach. Sie fuhr dann, ihre Schultern zurückwerfend und mit einer unnachahmlichen Bewegung von Stolz ihren Kopf aufrichtend, fort: „Wenn das nicht der Fall sei, meinte der Justizrath, [94] und wenn ich, wie ich ihm eben gesagt, keine Vorsichtsmaßregeln gegen einen Mißbrauch dessen, was nun einmal geschehen, getroffen, und keinen Revers in Händen habe, dann könne ich in eine üble Lage gerathen. Er wolle durchaus nicht die Loyalität des Herrn von Maiwand in Zweifel ziehen; aber Herr von Maiwand könne sterben, und dann würden sich sicherlich Erben melden, die mein Gut als ihr Eigenthum betrachten würden. Er könne von Gläubigern – da deren vorhanden zu sein scheinen – gedrängt werden, und diese, wenn sie von dem Kaufe vernommen, auf Haldenwang Hand legen wollen; ich könne also unmöglich der Sache ruhig ihren weiteren Verlauf lassen; ich müssen mir von Maiwand einen Revers verschaffen, der entweder notariell oder doch mindestens durch Unterschrift von Zeugen bekräftigt sei. Weigere sich Herr von Maiwand, diesen auszustellen, so müsse ich sofort wider ihn klagen – ich habe dann das Mittel, ihm den Eid zuschieben zu können, und schlimmsten Falls ließen sich Beweise herbeischaffen, daß Maiwand gar nicht im Stande gewesen sei, etwas anderes als einen bloßen Scheinkauf abzuschließen. Mit dieser Auskunft kehrte ich vom Justizrathe heim – in welcher Aufregung können Sie sich denken. So fand ich Maiwand hier, und nach den ersten Worten über die Sache sah ich, daß er in der zornigsten Stimmung war, sah mich in einer Lage ihm gegenüber, die mich ganz außer mich bringt. Um das Uebel vollständig zu machen, waren Sie nun noch dagewesen und hatten ihn gefordert – ich bitte Sie um Gotteswillen, welcher Wahnsinn! Wollen Sie ihn erschießen und so das herbeiführen, was für mich am allerschlimmsten wäre, wie der Justizrath mir auseinandergesetzt hat? Was geht Sie überhaupt die Sache, was geht Sie Maiwand an?“

Ein wenig bestürzt versetzte Landeck:

„Ich bedaure tief, wenn ich etwas gethan haben sollte, was durchaus gegen Ihre Interessen ist, gnädige Frau, aber es ist leider geschehen, und dieses Duell muß ich ausfechten, jetzt, nachdem ich so übermüthig dabei als der Herausforderer aufgetreten.“

„Ich will es aber nicht – hören Sie, ich will es nicht, Landeck. Sie sollen mir Ihr Ehrenwort geben …“

„Ehe Sie das verlangen, gnädige Frau,“ fiel Landeck ein, „müssen Sie hören, wie Alles sich gemacht und geschickt hat – und dann urtheilen Sie! Ich will Ihnen rückhaltlos Alles erzählen. Aus der merkwürdigen Verschwiegenheit, die ich über alle Verhältnisse der Familie Escher hier waltend finde, ist ja ohnehin schon Unheil genug entstanden. Darum sage ich Ihnen erstens Alles, was ich gestern erfuhr, auch wenn es Ihre Angst um Ihr Verhältniß zu Maiwand nur vermehren kann, indem es Ihnen zeigt, welchen Charakter im Grunde dieser Mann hat, dem Sie so sehr vertrauten.“ [105] Landeck erzählte nun Malwinen die ganze Sachlage, in welche ihn gestern Rudolph eingeweiht hatte, in kurzen bündigen Worten. Malwine wurde dabei immer erregter, immer erschrockener, bis sie endlich, ihre Hände wie im tiefsten Verzagen zusammenfaltend, ausrief:

„Aber ich bitte Sie, dann wäre ja Maiwand ein ganz nichtswürdiger und abscheulicher Mensch, von dem ich das Aergste zu befürchten hätte. Glauben Sie wirklich, daß Rudolph’s Verdacht wahr und gegründet ist, daß es Maiwand war, der für sich die Summe erschwindelte?“

„Ich kenne Rudolph so wenig,“ entgegnete Landeck, „ich sah ihn gestern zum ersten Male – es wäre vorschnell, wenn ich ein festes Urtheil auf seine Darstellung der Sache baute. Sie kann einseitig sein, durch den langen Groll, den er still mit sich umher getragen, getrübt – wer weiß das? Aber ich habe Ihren verstorbenen Gemahl gekannt, und ich frage Sie, Sie selbst, Frau von Haldenwang: halten Sie ihn für fähig, einen jungen Menschen zu einer Pflichtverletzung verführen zu lassen, oder, wenn dies geschehen wäre, ihn alsdann im Stiche zu lassen?“

„Sie haben Recht,“ sagte Malwine stockend und groß die Augen zu ihm aufschlagend, „Sie haben Recht und ich hätte mir das längst, längst selbst sagen können. Weshalb bin ich so kindisch arglos, so vertrauensvoll und einfältig gläubig Allem gegenüber, was man mir sagt!“

„Weil Sie eine völlig reine und goldig helle Seele haben, und die Organe der Lüge und des Schlechten gar nicht in Ihnen sind. Wie könnten Sie da sie in Anderen vermuthen?“

„Das lautet,“ warf Malwine mit leisem Erröthen und ein wenig wegwerfendem Tone ein, „ja völlig anders, als was Sie mir früher von den Frauen zu hören gegeben haben. Danach, schien es, gab es für Sie in den Frauen nur Organe für alle möglichen kleinen Bosheiten. Aber streiten wir nicht darüber! Sagen Sie mir lieber, was ich thun, was ich beginnen soll – jetzt, wo ich alles und jedes Vertrauen zu Maiwand verloren habe und überdies mich noch vor dem Menschen in meinem eigenen Hause fürchte.“

„Wenn Sie meinen Rath verlangen, so lautet er kurz so: weihen Sie Ihren ehemaligen Vormund, Ihren Oheim Escher, in dies Alles ein und beauftragen Sie ihn, an Ihrer Stelle Maiwand zur Ausstellung eines Reverses und zum Verlassen der Stellung, die Sie ihm als Verwalter Ihres Vermögen eingeräumt haben, aufzufordern – wo nicht, zum Justizrath zu gehen und diesen um die Einleitung der Klage wider Maiwand zu ersuchen!“

„Aber wohin soll er sich dann wenden, was beginnen, wenn ich ihm auf diese Art seine Existenz raube? Er wird sich widersetzen bis auf’s Aeußerste. Und der Oheim Escher, mit dem bin ich ja überworfen seit jener unseligen Geschichte. Er weigerte sich, mir mein Vermögen zu solch leichtsinniger Verschleuderung, wie er es nannte, auszuliefern. Er war außer sich darüber; er erinnerte mich an die jahrelange Mühe, die mein armer Vater sich gegeben, nur ein solches kleines Vermögen zu hinterlassen, das ich nun fortwerfen wolle, um einen mit unverantwortlichem Leichtsinn gemachten Cassendefecet zu verdecken. Ich solle, eiferte er, den Schuldigen seinem Schicksal überlassen, und ihm, dem Oheim, nicht zumuthen, durch die Auslieferung des Vermögens die Hand zu einer ganz verrückten Handlung zu bieten. Ich mußte ihm erst in den allerentschiedensten Ausdrücken klar machen, daß ich nun und nimmer zugeben werde, daß mein Vetter Rudolph in Haft und Schande komme, daß ich auf meinem Recht bestehe und daß er meinen Willen nicht beugen werde, bis er sich im äußersten Zorn in die Sache fügte und that, was ich verlangte. Aber er hat mir meine Handlungsweise von damals nie verziehen, bis heute nicht; er würde mir jetzt erklären, daß er durchaus keine Lust habe, sich je wieder in meine Geschäfte zu mischen … und außerdem ist er ja in diesem Augenblick durch seine eigenen Angelegenheiten, durch diesen Arbeiteraufruhr so in Anspruch genommen, daß Niemand von ihm Teilnahme für andere Dinge verlangen kann.“

„Wie glücklich Sie mich machen würden, wenn Sie mir das Vertrauen schenkten, mich für Sie handeln zu lassen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen,“ antwortete Landeck. „Aber meine unselige Uebereilung hat mir ja ein Eingreifen in diese Sache unmöglich gemacht. Ich kann nicht mit dem Manne verhandeln, den ich gefordert habe.“

„Nein, das können Sie nicht,“ sagte Alwine mit einer zornigen Bitterkeit. „Sie sehen, wie verkehrt und thöricht Sie gehandelt haben.“

Bei diesem Vorwurf blickte Landeck betroffen in Malwinens Züge. Es lag darin das Geständniß, daß sie durch nichts Anderes abgehalten sei, ihn zu ihrem Anwalt und Vertheidiger zu machen, und dies konnte ihn nur mit einer großen Freude erfüllen.

[106] „Wollen Sie,“ rief er lebhaft und hocherröthend aus, „daß ich zu ihm gehe und eine Ausgleichung mit ihm suche, daß ich meine Worte und meine Herausforderung zurücknehme? Es würde mir schwer werden, und ich weiß in der That nicht, ob es sich mit meiner Ehre vertrüge, aber was verschlägt mir das Alles, wenn Sie es wollen, wenn es Ihretwegen geschieht! Ich könnte dann in Ihrem Namen und Auftrag mit ihm verhandeln. Wenn Sie mir dazu Vollmacht geben wollen, so bin ich bereit.“

Malwine schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.

„Wie könnt’ ich ein solches Opfer Ihres Ehrgefühls annehmen?“ sagte sie mit traurigem Tone. „Welche Folgen würde das haben! Welche Schlüsse würden Sie daraus ziehen! Welche Erwartungen und welche Folgerungen!“

„Keine andern Folgerungen als die, daß Sie mir die ‚Beleidigung‘ verziehen haben, von der Sie neulich redeten. O Sie hatten Recht, ich bin so tactlos, so thöricht, so unvorsichtig gewesen. Wollen Sie mir nicht gönnen, etwas thun zu dürfen, um mein Vergehen zu büßen?“

„Nein, nein,“ fügte sie aufstehend und langsam durch das Zimmer zum nächsten Fenster schreitend hinzu, „ich bin so schmerzlich belehrt worden, wohin es führt, wenn man einem Manne vertraut, wenn man ihm gestattet, uns Dienste zu leisten, statt ihn in eisigster Kälte und Unnahbarkeit fern zu halten!“

„Aber ich bitte Sie, gnädige Frau,“ rief Landeck nun seinerseits aufspringend aus, „fühlen Sie nicht, wie furchtbar ungerecht Sie sind, daß Sie Erfahrungen, die dieser Maiwand Sie machen ließ, auch bei mir befürchten zu müssen glauben? Es ist abscheulich, daß Sie mich und ihn ohne Weiteres in eine Kategorie stellen – das habe ich nicht verdient und …“

„O, machen Sie mir noch Vorwürfe?“ unterbrach sie ihn in einem Tone des Zorns wie ein schmollendes Kind. „Quälen Sie mich noch mehr, als ob Sie mich nicht schon genug gequält hätten? Sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich bin?“

„Das sehe ich freilich,“ versetzte Landeck, „aber wenn ich Sie gequält habe, so habe ich doch auch das Recht wie die Pflicht meinen Fehler wieder gut zu machen, so viel er gut zu machen ist. Ich sehe ja auch, daß Sie Niemand anders haben, Ihnen beizustehen, Ihnen zu helfen, als mich, und ich, ich werde Ihnen helfen, trotz allem was Sie sagen mögen … wenn Sie mir auch Ihre Vollmacht dazu verweigern: Ihre Lage, die Verhältnisse geben sie mir. Ich bitte, ich flehe Sie deshalb an, thun Sie nichts selber, vermeiden Sie jedes Wort mit Maiwand über dies Alles – und lassen Sie mich handeln!“

„Was wollen Sie thun?“ rief Malwine halb erschrocken, halb erstaunt aus.

„Ich weiß es selbst nicht in diesem Augenblick. Aber vertrauen Sie mir, daß ich das Rechte finden werde! Vertrauen Sie mir!“

Damit wandte er sich ab und eilte davon.

Malwine ging, als er verschwunden war, langsam zu ihrem früheren Sitze zurück. Sie stützte sinnend das Kinn auf ihre Hand.

„Wie unglücklich ist eine Frau, die allein steht!“ sagte sie nach einer Pause seufzend. „Wenn er mich rettete vor diesem bösen Menschen, so hätte ich an ihm einen neuen Tyrannen. Und ich fühle, ich weiß, er wird es. Nun denn, in Gottes Namen!“

Sie blickte durch’s Fenster in die ferne weite Himmelsbläue, und ihre Züge verloren allmählich alle ihre frühere Spannung, ihren Ausdruck von Erregung. Eine eigenthümliche Ruhe schien über sie zu kommen, je mehr und mehr ihre Gedanken sich mit ihrer „Rettung“ durch Landeck beschäftigten und mit der „Tyrannei“, in welche sie alsdann gerathen würde. –




11.

Landeck eilte heim, um in seiner Wohnung Rudolph zu erwarten, der, nach der Verabredung vom gestrigen Tage, am Vormittage zu ihm kommen wollte, um ihm das Resultat seiner Unterredung mit dem Arzte mitzutheilen. Landeck war um so gespannter auf diese Mittheilung, als er selbst in diesem Augenblick noch nicht im Entferntesten einen Plan hatte, einen bestimmten Weg vor sich sah, wie er das, was er Malwinen gelobt hatte, ausführen solle; er wußte, er fühlte in seiner stürmischen Aufregung nur, daß er sein Gelöbniß lösen werde und müsse, und sollte es ihm das Leben kosten.

Als er die Gartenanlagen um die Villa des Herrn Escher betrat, sah er, daß Rudolph bereits gekommen war – aber Rudolph machte keine Miene, von ihm Notiz zu nehmen; er ging mit Elisabeth in dem Gange, der an der niedrigen Seitenmauer des Gartens entlang führte, auf und ab, und Beide sprachen mit unterdrückter Stimme, aber äußerst lebhaft mit einander.

„Der Vater,“ hatte Elisabeth eben gesagt, „ist außer sich – Gott gebe nur, daß die beiden erregten Männer nicht aufeinander stoßen! Daß Dein Vater, sein leiblicher Bruder, so habe wider ihn handeln können, da er ihm doch selber gestanden, daß es in seiner Macht gelegen, unsere Arbeiter von dem Strike zurückzuhalten, das hat ihn so furchtbar empört, so über alle Rücksichten fortgerissen, so offen und zornig vor meiner Mutter und mir Alles aussprechen lassen, was er bisher tief in sich verbarg. Und so ist mir endlich dieses schreckliche Licht gekommen, weshalb die unselige alte Spannung zwischen ihnen, und weshalb der Vater so hartnäckig wider unsere Verbindung ist. O Rudolph, Rudolph, welch unglückselige Stunde war das, wo Du so entsetzlich schwach warst …“

„Wenn Du mir diese Stunde vorwirfst, Elisabeth,“ unterbrach Rudolph sie, „wenn Du an meine Schuld dabei glaubst, wie es Dein Vater thut, wenn Du, wie er, überzeugt bist, ich hätte in der Noth, in die ich durch meine eigene Verschwendung und Liederlichkeit gerathen, meinen Herrn bestohlen – dann, bei Gott, Elisabeth, will ich den Untergang der Sonne, die jetzt auf uns scheint, nicht mehr sehen – dann mache ich meinem Leben ein Ende.“

„O nein, nein, nein,“ versetzte Elisabeth, mit der Linken seinen Arm ergreifend und fest umklammernd, während sie mit der Rechten ihr Tuch zu den Augen führte, um die strömenden Thränen abzutrocknen, „ich glaube Dir ja Alles, Alles, Rudolph; mein ganzes Herz sagt es mir, Du kannst so schlecht nicht gewesen sein – aber ist unser Unglück desto weniger groß darum? Der Vater glaubt es nun einmal – und bei seinem harten argwöhnischen Sinne –, wer wird ihm ausreden, was er glaubt, wer wird ihn überzeugen, daß die Sachen so zusammenhängen, wie Du sagst!“

„Das ist freilich zum Verzweifeln,“ rief Rudolph aus, „und ich würde verzweifeln, wenn ich nicht sähe, daß Du mir wenigstens vertraust und mir gut geblieben bist, Elisabeth, nachdem ich Dir eben gesagt habe, wie Alles gekommen ist und wie es zusammenhängt. Und nicht wahr, Du siehst jetzt auch ein, jetzt, wo ich Dir Alles gebeichtet, daß ich gar nicht anders konnte, als mit Malwinen auf dem Fuße guter Freundschaft bleiben, nicht allein wegen dessen, was Malwine für mich that, sondern auch, um Fühlung mit diesem Maiwand zu behalten …“

„Gewiß, gewiß, es ist mir jetzt selbst, als sei ich eine Thörin gewesen mit meiner Eifersucht. Unter dem furchtbaren Schrecken, den meines Vaters Worte mir erregt haben, und dem Kummer darüber ist es mir, als sei ich mit meiner Eifersucht recht erbärmlich und klein gewesen – ich will es Dir gestehen, Rudolph, es war auch weniger in mir der Glaube, daß Du Malwinen lieben könntest, als der Verdruß darüber, daß Malwine denken könne, Du gehörtest zu der Schaar ihrer Anbeter – sieh, dazu warst Du mir zu gut; das ließ mich so trotzig grollen … aber es ist vorüber, Alles, Alles. Rede nicht mehr davon … aber schaffe Rath und Hülfe, daß wir die Väter versöhnen, daß mein Vater von der Wahrheit überzeugt wird und daß er Dich und Dein Handeln in einem andern Lichte erblickt!“

Rudolph hatte Elisabeth’s Hand ergriffen und drückte glühende Küsse darauf.

„Also Du hast an meiner Liebe nicht gezweifelt, Elisabeth? – Du hast es wirklich nicht … o wie danke ich Dir für dieses Wort“ … es hat mich so unsäglich empört und erbittert, es hat mir so mein ganzes Leben vergiftet, daß Du keinen Glauben an mich hattest, wenn ich Dir sagte, daß ich mit Malwinen nicht brechen könne …“

[107] Elisabeth, deren Thränen wieder hervorbrachen, warf sich schluchzend an seine Brust.

„Nein, nein, nein, es war ja kindisch und abscheulich, und auch der Aerger war dabei, daß Du mir nicht gehorchtest, und weil ich meinen Willen nicht durchsetzte – o gewiß, ich war recht schlecht, Rudolph. Vergieb, vergieb mir und thue Alles, um der Wahrheit den Sieg zu verschaffen! Ich flehe Dich an …“

„Das werde ich, Elisabeth – und wenn ich ein Verbrechen begehen müßte, ich will jenen bösen Menschen zum Reden zwingen, da wir nun einmal kein anderes Auskunftsmittel haben … und dort unten sehe ich Landeck stehen; er harrt meiner. Er ist mein Verbündeter in der Sache … also auf Wiedersehen, Elisabeth! Ich hoffe, wir Beide athmen leichter, wenn wir uns wiedersehen.“

Er riß sich von ihr los und eilte zu dem seiner harrenden Freunde.

Beide hatten sich eine neue Verwickelung ihrer Lage mitzutheilen. Rudolph, indem er Landeck sagte, was er eben von Elisabeth erfahren. Herr Escher hatte nämlich in furchtbarer Entrüstung seinen Bruder, den Vater Rudolph’s, angeklagt, daß dieser die Arbeiter auf seinen Werken nicht von dem Strike abgehalten habe; er hatte sich ferner im Zorn offen darüber ausgesprochen, wie Malwinen’s Vermögen zur Deckung des Deficits in der Casse verwandt worden, die Rudolph angegriffen. Damit hatte denn auch Elisabeth ein ganz erschreckendes Licht über jenen unheilvollen Vorgang in der Residenz bekommen, das sie in Verzweiflung gestürzt, bis Rudolph sie eben durch eine offene Schilderung des Hergangs zu beschwichtigen gewußt. – Landeck theilte dagegen den Inhalt seiner Unterredung mit Malwinen mit, welche ihn in ebenso große Spannung seines ganzen Willens gebracht. Er fragte Rudolph dann nach dem Ergebniß seines Schrittes beim Doctor Iselt … aber Rudolph hatte von diesem nichts vernommen, was sie fördern konnte. Doctor Iselt hatte nur mitgetheilt, daß er früher, als er in der Hauptstadt Assistenzarzt gewesen, ein junges durch Maiwand verlassenes Mädchen in einer Krankheit behandelt und damals genug über ihn gehört habe, um zu seiner Ansicht über den Charakter des Mannes berechtigt zu sein, und daß er in die Hauptstadt geschrieben, um gewisse nähere Angaben hierüber zu erhalten. Das half den jungen Männern aber sehr wenig.

„Es bleibt uns nichts übrig, als uns an meinen Vater zu wenden,“ rief Rudolph aus. „Wir wollen ihm schildern, wie Malwine durch diesen Maiwand, durch die thörichte Handlung, zu der sie sich von ihm verlocken ließ, bedroht ist. Er ist klug und entschlossen; seine Arbeiter folgen ihm unbedingt; er soll sich mit diesen der Sache annehmen und bei unserem Feinde nöthigenfalls Gewalt brauchen. Wenn ein halb Dutzend entschlossener Männer den Herrn von Maiwand einfängt und ihm droht, ihn, wenn er nicht Alles gesteht und schriftlich bekundet, was man von ihm will, in eines unserer Frischfeuer schleudern zu wollen – ich denke, das hilft.“

„Ah – Sie wollen Gewalt brauchen, Rudolph,“ rief Landeck beunruhigt aus, „gegen einen so durchtriebenen und verschlagenen Menschen ist das sehr gefährlich.“

„Eben weil er so durchtrieben und verschlagen ist, bleibt uns ja nichts Anderes übrig. Oder wissen Sie ein anderes Mittel? Sie wissen keins. Deshalb kommen Sie – begleiten Sie mich! Wir wollen zu meinem Vater gehen. Sie sollen mich unterstützen bei ihm, indem Sie ihm Malwinens Lage Maiwand gegenüber schildern – kommen Sie!“

Rudolph zog ungestüm Landeck mit sich fort. Dieser folgte ihm, obwohl er nichts weniger als einverstanden war mit dem verzweifelten Entschlusse seines Freundes. So schritten sie aus den Anlagen hinaus und dem Wege nach, der flußaufwärts zu den Fabriken und dort über eine Brücke über den Fluß führte. Am Aufgange zur Brücke stand eine Menge Arbeiter beisammen; sie ließen sie schweigend vorüberziehen; einige grüßten Rudolph, der im besten Ansehen bei ihnen stand; überhaupt schien, nachdem die friedlichere Partei, welche gegen die Zerstörung der Maschinen war, bei ihnen gesiegt hatte, einige Beruhigung eingetreten. Jenseits des Flusses kamen mehrere ältere Männer in der Richtung von des Werkmeisters Hause her ihnen entgegen; sie blieben stehen, als sie Rudolph erreicht hatten, und einer sagte:

„Es ist gut, daß Sie kommen, Herr Rudolph Escher. Gehen Sie rasch und sehen Sie nach Ihrem Vater; es ist dem Manne etwas zugestoßen, was ihn ganz verstört macht. Wir hatten mit ihm zu verhandeln – wegen der Strikecasse und der Vertheilung der ankommenden Gelder, wissen Sie – aber es ist gar nicht mit ihm zu reden; es ist, als ob er von Sinnen sei und nicht mehr wüßte, was er sagt.“

„Es ist, als ob ihn der Schlag getroffen,“ sagte ein anderer der Arbeiter.

„Er ist erkrankt?“ rief Rudolph erschrocken aus.

„Krank? Ich weiß nicht, ob’s just das ist. Sehen Sie selbst!“ versetzte der Erstere.

Rudolph eilte so schnell davon, den Weg zu dem hochliegenden kleinen Hause hinauf, daß Landeck alle Mühe hatte, ihm nachzukommen. Als sie den Garten betraten, sahen sie Rudolph’s Vater auf der Bank vor dem Hause sitzen. Die Hände zwischen den Knieen zusammengeklammert, vornübergebeugt, saß er da, starr auf den Boden niederblickend; das Geräusch der nahenden Schritte ließ ihn aufblicken … und als ob der Anblick der beiden hastig daher kommenden jungen Männer etwas Erschreckendes für ihn hätte, erhob er sich mit offenbarer Anstrengung und schien vor ihnen in die nahe offene Hausthür fliehen zu wollen. Aber nach einem Schritte, den er gemacht, sank er wie gebrochen und kraftlos auf die Bank, an deren Armlehne er sich gehalten, zurück.

„Vater – Vater – was ist Dir? Was ist Dir zugestoßen?“ rief Rudolph, jetzt schon an seiner Seite und, um ihn zu unterstützen, seinen Arm ergreifend.

„Weshalb kommst Du?“ stieß der Alte mühsam und doch zornig hervor – „geh’ fort, geh’ hinein, laß’ mich! Ich will allein sein – geh’ hinein!“

„Wie kann ich hineingehen, ehe Du mir sagst, was Dir ist, was vorgefallen, ob Du krank bist, was Du hast, Vater?“

„Was mir ist – das soll ich Dir sagen vor dem Fremden da? Geh’ hinein, sag’ ich Dir – geh’ – ich will’s. Laß’ mich!“

Rudolph stand rathlos diesem räthselhaften Wesen seines Vaters gegenüber.

„Soll ich hinabeilen und nach dem Arzte senden?“ fragte Landeck besorgt.

„Lassen Sie den Arzt!“ rief der Alte – „hier ist nichts zu heilen. Was gethan ist, das ist gethan; was zerbrochen, das leimt kein Arzt mehr.“

„Aber,“ sagte jetzt Rudolph beinahe entrüstet durch diese seltsame schroffe Weise, „was ist denn gethan und was ist zerbrochen? Du sollst reden, Vater – Du kannst nicht glauben, ich ginge und ließe Dich so in Deinem Kummer oder in Deinem Leiden, bevor Du mir seinen Grund gesagt und ich weiß, was Dir geschehen ist.“

„Gesagt … ich soll es noch sagen – vor dem Fremden da sagen? Wahrhaftig, ich sollt’ es, ich sollt’ es thun, ich sollt’ es offen in die Welt hinausschreien, daß ich selbst nichts als ein alter böser Narr bin, der seinen Bruder, seinen leiblichen Bruder umbringt und ruinirt, und daß mein Sohn, mein eigener einziger Sohn, für den ich gearbeitet, gedarbt, erworben, für den ich gelebt habe, ein, ein …“

Er sprach das Wort nicht aus. Trotz seines inneren Jammers, trotz der entsetzlichen, niederschmetternden Last auf seiner Brust, die ihn nur keuchend Athem holen ließ, schien die Rücksicht auf die Gegenwart Landeck’s das Wort auf seiner Zunge festzubannen – er murmelte nur unhörbar das Wort, schlug dann langsam das Auge auf, und der Blick, den er nun auf Rudolph’s Züge richtete, hatte eine ganz unbeschreibliche Sprache von Zorn, Groll und tiefem Elende.

Landeck, der den Grund dieser Scene nach Rudolph’s früheren offenen Geständnissen längst glaubte verstanden zu haben, trat jetzt dichter heran an den alten Mann, und seine Hand beschwichtigend auf seine Schultern legend, sagte er:

„Sie durften das Wort, welches eben auf Ihrer Lippe lag, vor mir laut aussprechen; es würde der Ehrenhaftigkeit Ihres Sohnes in meinen Augen nicht das Geringste nehmen. Aber es ist besser, daß Sie es nicht sprechen, denn glauben Sie mir, Sie würden ein großes Unrecht an ihm begehen. Was Sie auch von ihm glauben mögen …“

Gotthard Escher unterbrach hier Landeck’s Rede durch einen [108] Blick voll zorniger Verachtung und eine heftig abwehrende Bewegung mit der Hand.

„Glaubt nicht, mich noch belügen zu können!“ sagte er mit leiser Stimme und unendlich verachtungsvoller Betonung – „da leset und dann geht!“

Er zog mit zitternder Hand Papiere aus der Brusttasche hervor und reichte sie Rudolph. Während dieser sie erfaßte und gespannt entfaltete, erhob sich der Alte mühsam und schritt wankend in’s Haus hinein, dessen Thür er hinter sich zuschlug.

Rudolph hatte unterdeß die Papiere – es waren zwei Briefe, die er in Händen hielt – zu lesen begonnen.

„Sie mögen mit mir lesen, Landeck,“ sagte er dabei, „ich habe Ihnen Alles gesagt und brauche nichts mehr vor Ihnen zu verbergen. Sehen wir nach, was dies ist!“

Landeck trat zu ihm und las mit ihm das Blatt, das Rudolph in seiner zitternden Hand hielt. Es lautete:

„Du hast keine Schonung gegen mich gehabt, jahrelang nicht in Deinen argwöhnischen Gedanken, jetzt sogar nicht mehr in Deinem gehässigen Handeln. Ich wär’ ein Thor, wenn ich noch länger Schonung übte, statt die Anklage, die Du mir in’s Gesicht schleudertest, offen zurückzuweisen. Darum sage ich Dir: es ist nicht Hochmuth, wenn ich Elisabeth Deinem Rudolph nicht geben will, sondern ich will es nicht, weil Rudolph sie nicht verdient, weil er kein Mensch ist, dem ich meiner Tochter Schicksal anvertraue. Und Malwinens Vermögen habe ich nicht unterschlagen, nicht leichtsinnig für mich verwendet, nicht ‚das Capital‘ daraus gemacht, das Ding, das Leute Deiner verworrenen Anschauung als den Dämon der heutigen Welt betrachten; nein, dieses Vermögen ist Malwinen bis auf Heller und Pfennig ausbezahlt worden, weil sie es verlangte und gebieterisch von mir forderte, um den groben Cassendiebstahl zu verdecken, den Dein Rudolph vor Jahren in der Hauptstadt begangen hat.

Dein Bruder Gottfried Escher.“

Rudolph ließ, nach Luft ringend, das Blatt zu Boden fallen; er vermochte kaum noch das mit zitternden Händen gehaltene zweite zu lesen. Es war ein vergilbter alter Brief Malwinens und lautete:

„Lieber Onkel, ich bin Dir dankbar für die Vorstellungen, die Du mir machst und die unter anderen Umständen ja auch gewiß bestimmend für mich sein würden. Wie die Dinge liegen, können sie es aber nicht; denn es handelt sich um die Ehre unseres Namens, um das Schicksal Rudolph’s. Denn um Dir die Wahrheit zu sagen: er hat eben eine Lücke in seiner Casse, zu deren Füllung beinahe mein ganzes Vermögen erforderlich ist, Du aber wirst nicht wollen, daß ich es darauf ankommen lasse, daß man ihn verhaftet, wider ihn processirt, ihn zum Zuchthaus verurtheilt. Das geht nicht, Onkel. Du siehst das ein – also sende mir umgehend meine von Dir so wohl gehüteten Staatspapiere, und indem Du Dich von ihnen trennst, denke: das leichtsinnige Kind, die Malwine, ist mündig, seit einem Jahre mündig und hat ihren eigenen Kopf, den sie diesmal unbeugsam und hartnäckig aufsetzt. Natürlich muß die Sache für immer auf’s Strengste vor Onkel Gotthard verborgen bleiben.

In der zuverlässigen Erwartung, daß ich übermorgen Abend ganz bestimmt das Paket erhalten werde,

Deine getreue und dankbare Nichte Malwine.“

„Da haben wir’s,“ sagte Rudolph, tief aufathmend und mit Thränen der Verzweiflung im Auge den Brief Landeck reichend, der eben auch den zu Boden gefallenem aufgegriffen hatte, „nun ist so gut wie das Aeußerste geschehen, das Allerletzte. Das wird meinem Vater das Herz brechen, und ich stehe selber da wie gebrochen und kraftlos. Was soll ich thun?“

„Nur Eines nicht,“ versetzte Landeck, „erschüttert in die Züge des bleich gewordenen und schwer athmenden jungen Mannes blickend, „nur Eines nicht, nur nicht verzweifeln! Was wir Ihrem Vater sagen könnten, das würde freilich wenig bei ihm verfangen; er würde weder Ihnen noch mir, der als Ihr Freund auftritt, glauben. Aber er wird, er muß am Ende doch Einer glauben, der besten Zeugin in der ganzen Sache, Malwinen.“

Rudolph schüttelte hoffnungslos den Kopf, aber Landeck ließ sich nicht irre machen.

„Es ist nicht anders möglich,“ fuhr er fort, „als daß Malwinens Persönlichkeit so viel Einfluß auf ihn übt, daß er sich nach und nach ihr gefangen giebt und ihr glaubt. Die Wahrheit wird sich eine Bahn zu seinem Herzen brechen. Gehen Sie hinein, bewachen Sie Ihren Vater, sehen Sie, was Sie zu seiner Pflege thun können! Ich eile unterdeß nach Haldenwang und unterrichte Malwine von dem Allem. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß sie mit mir hierher kommen wird, um diesem armen alten Manne zu sagen, wie schweres Unrecht er seinem Sohne thut.“

„Sie kennen den harten mißtrauischen Kopf meines Vaters nicht,“ entgegnete Rudolph trostlos zu Boden blickend.

„Mag sein,“ versetzte Landeck, „und doch ist dies das Einzige und gewiß auch das Beste, was im Augenblick geschehen kann.“

Damit wandte er sich, ohne auf weitere Einwürfe zu hören, und schritt eilends den Gartenpfad wieder hinab und dann den Weg über die Berghalde, den er eben gekommen, hinunter, der Flußbrücke neben den Fabrikgebäuden zu.

Es war ein weiter Weg, erst über diese Brücke, dann am jenseitigen Flußufer hin, an Herrn Escher’s Villa vorüber und weiter hinab, bis zu der schmalen Laufbrücke, die wieder auf’s andere Ufer und zu der Eichenallee führte, welche zum Hause Haldenwang hinauf leitete. Eine halbe Stunde Gehens mochte es sein.

Landeck eilte in seiner heftigen Aufregung so angestrengt wie möglich – doch sollte er nicht unaufgehalten den Weg machen; als er, um ihn möglichst abzukürzen, quer durch den Garten der Villa schritt, trat der Landbriefträger eben die Stufen des Hauses hinab und rief seinen Namen; er mußte irgend eine recommandirte Sendung haben, denn nur mit solchen erschien er, da Herr Escher die übrigens Correspondenzen für sich und sein Haus täglich im nächsten Städtchen abholen ließ. In der That zog der Postmann aus seiner schwarzen Tasche einen fünffach gesiegelten Brief nebst einem Empfangsschein hervor. Landeck gab dem Manne, der für seinen Verkehr mit der Landbevölkerung und den Arbeitern vorsichtiger Weise Schreibzeug bei sich führte, seine Quittung; im Weitergehen öffnete er dann den Brief, der nur wenige Zeilen enthielt, und barg die in demselben eingeschlossenen Banknoten, welche eine nicht unbedeutende Summe ausmachten, in seiner Brieftasche.

Und dann hastete er in seiner Erregung weiter. Rasches Gehen dämpft in eigenthümlicher Weise die Schärfe des Gedankenlebens; in Landeck war, als er in der Eichenallee jenseits des Flusses angekommen, der Gedanke an das, was er eigentlich bei Malwinen wollte, schon sehr in den Hintergrund getreten, verdrängt von einem traumhaften Zustande, in welchem er nur noch wie magisch gezogen zu ihr eilte, wie in dunklem Drange, wie im unbewußten Gefühle, daß bei ihr für ihn Heil und Friede sei und Rettung aus jedem Sturme, und wie für ihn, so auch für die Freunde, um deren Kummer und Noth er eben so stürmisch unter den hohen Eichenwipfeln dahinschritt, jetzt schon an der Stelle vorüber, wo sich Malwine neulich von ihm getrennt, dann an dem Platze im Walde, wo ihm Rudolph die Geschichte seines Fehltrittes anvertraut hatte.

Als er Haus Haldenwang endlich erreicht hatte, hemmte er plötzlich seinen Schritt, ging dann leise, tief aufathmend die Stufen zur Nebenveranda hinauf und stand unter dieser still, wie festgebannt; im Wohnsalon, in den die offenstehende Fensterthür führte, saß Malwine vor einem kleinen Pianino und sang. Landeck hatte sie nicht mehr singen gehört, seit sie in Athen zuweilen einige kleinere Lieder des Abends im engeren Kreise vorgetragen; jetzt, wo sie allein war, hatte sie eine ihrer großen Opern-Arien begonnen, und es schien sich ihre ganze Seele darin auszuströmen, auszustürmen, mit einer Fülle und Macht, mit einer so hinreißenden Gewalt tiefer Leidenschaft, daß Landeck wie völlig bezaubert stand. Sie war wie entrückt der Welt um sie her, aller Enge, allem Fesselnden, allem Erdenelende. Ihre Seele fuhr dahin im rauschenden Siegeszuge auf den Wogen unendlicher Schönheit, über die Höhen ewiger Gedanken. Es war eine wunderbare Stimme, und eine wunderbare Seelenoffenbarung lag darin – man mußte sie gehört haben, um Malwinen ganz zu verstehen, um ihrem Wesen, ihrem sorglosen, oft übermüthig scheinenden Hinwegschreiten über die Bedingungen des Lebens, ihrer Art, die Dinge und die Menschen wie spielend zu nehmen, ganz gerecht werden zu können, um das souveräne Freiheitsgefühl und das stolze Bewußtsein einer bevorzugten Natur zu begreifen.

[125] Landeck stand und lauschte, elektrisirt, außer sich, wie an den Boden gefesselt, und doch mit unwiderstehlicher Macht gezogen, zu ihr hin zu eilen, ihr zu Füßen zu stürzen, ihr in flammenden Worten zu sagen, wie grenzenlos er sie liebe und wie er sein Leben dahin geben möchte für sie … da hielt sie plötzlich im Gesange inne und erhob sich rasch. Landeck trat hastigen Schrittes in den Salon, die tiefste Erregung in den Zügen. Malwine stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus, auch ihre Augen blitzten wunderbar auf, und ihm entgegenfliegend warf sie sich an seine Brust.

„Gott sei gelobt!“ rief sie aus, „Sie bringen mir Rettung. Sie haben gesiegt, gesiegt – ich sehe es an Ihrem flammenden Gesichte. Sie haben mich befreit, Landeck, Sie … Sie …“

Und dabei drückte sie ihn stürmisch an sich.

Landeck stand wie vom Blitze getroffen, in unendlicher Seligkeit, daß das Weib, welches er liebte, so ihre Gegenliebe verrieth und voll Hingebung in seinen Armen lag, aber zugleich auch voll tödtlicher Beschämung. Er hatte ja gar nicht gesiegt; er hatte ja das Versprechen, das er ihr gegeben, als er zuletzt von ihr gegangen, noch nicht im Entferntesten erfüllt. Er hatte nicht einmal eine Vorstellung davon, wie er es erfüllen könne. Er hatte auch nicht das Mindeste gethan, um solche Dankbarkeit, solche Liebe, solch eine stürmische Hingabe zu verdienen. Er fühlte sich vernichtet, grenzenlos gedemüthigt durch Malwinens Wort, und durch den Ausbruch ihres Gefühls für ihn, in dem ja allein der Schlüssel zu dieser stürmischen Vertrauensseligkeit lag, wieder ebenso grenzenlos glücklich.

Er wußte nichts zu thun, als leise, scheu ihren Scheitel zu küssen – dann, seinen Arm um sie schlingend, sagte er halblaut:

„Malwine, Sie machen mich so selig, daß ich sterben möchte mit diesem Glücke im Herzen, dann brauchte ich Ihnen ja auch nicht das furchtbar demüthigende Geständniß zu machen, daß Sie sich irren, daß ich bis zu dieser Stunde nichts thun konnte, um …“

Sie fuhr wie von einer Schlange gestochen zurück.

„Daß Sie nichts thun konnten, nichts gethan haben,“ rief sie aus, „um mich aus der Lage voll Schrecken und Angst, in der ich bin, zu befreien, um dieser unerträglichen Empörung wider meine eigene erbärmliche Schwäche und Unvorsichtigkeit ein Ende zu machen, um mich endlich wieder aufathmen zu lassen? Sie haben nichts dazu gethan? … Und Sie stürzten doch von mir fort mit dem heiligen Schwure, mich retten zu wollen …“

Betroffen über diesen heftigen Vorwurf, der nun doch wieder so ungerecht war, stammelte er:

„Das will ich ja auch, gewiß will ich diesen Schwur halten, und der Himmel wird mir beistehen dazu. Für’s Erste handelt es sich aber nicht um das, was ich thun kann, sondern um etwas, das Sie thun sollen, um Ihre Hülfe und Dazwischenkunft; ohne die Ihr Vetter Rudolph verzweifeln muß. Sein Vater hat Alles erfahren, und sein Vater wird einen Schlaganfall bekommen, wenn …“

Malwine hatte sich längst abgewandt. Sie hatte sich wankenden Schritts zum Sopha zurückbegeben, und darin wie kraftlos zusammengesunken, drückte sie ihr bleich gewordenes Gesicht in die Kissen.

„Wenn,“ fuhr Landeck fort, „Sie nicht Hülfe bringen, wenn Sie nicht zu dem alten Manne gehen und ihm die Ueberzeugung geben, daß Rudolph nicht so schuldig ist, wie er glaubte –“

Malwine machte heftig und wiederholt eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

„Gehen Sie, gehen Sie!“ schluchzte sie, „ich will Sie nicht wiedersehen. Ich kann den Ton Ihrer Stimme nicht hören. Verlassen Sie mich!“

Landeck stand wie an den Boden geheftet. Er fühlte ein furchtbares Unrecht, das ihm angethan wurde, fühlte sich in der Höhe seines plötzlichen Glückes eben so plötzlich niedergeschmettert; daß das Gefühl der Beschämung in Malwine sich so herrisch und so verwundend an ihm ausließ, daß ihre Thränen die eines mit sich selbst unzufriedenen Kindes waren, wußte er im Augenblick nicht zu deuten, nicht zu verzeihen; es empörte ihn.

„Ich gehe ja,“ rief er aus, „und Sie können sicher sein, daß Sie mich nicht wieder sehen, bevor ich mein Gelübde gelöst habe, aber denken Sie an das, was ich Ihnen über Rudolph sagte, denken Sie an Rudolph, haben Sie mit ihm wenigstens Barmherzigkeit!“

Malwine antwortete nur durch eine abermalige, aber schwächere, langsamere Bewegung der Hand, ein wiederholtes Fortwinken.

Landeck ging. Er schritt die Verandastufen hinab, durch die Anlagen der Eichenallee zu, in einer schwer zu beschreibenden [126] Erregung und einer Spannung seines Wesens, die sich jetzt vollauf bis zum Unerträglichen steigerte. Nach allen Seiten hin war es bis zu dem Punkte gekommen, wo die Lösung gefunden, die Klärung der Lage herbeigeführt werden mußte, wo Tod und Leben von dem Ausgange des Conflicts abhingen. Rudolph, so direct als Verbrecher beschuldigt, mußte sich in Escher’s Augen rechtfertigen. Der alte Gotthard mußte eine beruhigende Aufklärung erhalten, sollte der Kummer über den Sohn, an dem sein ganzes Herz gehangen, und in welchem allein er zu leben schien, den unglücklichen Mann nicht tödten. Malwine mußte von der Angst, womit ihr Bedränger sie erfüllte, gerettet werden, oder Landeck hatte zu befürchten, daß sie, die zu raschen und rücksichtslosen Entschlüssen sicherlich leicht genug zu bestimmen war, in dieser Angst und in der Beschämung über ihre stürmisch kundgegebene Neigung die Flucht ergreifen und ihm auf immer entschwinden würde; für ihn selbst handelte es sich ja jetzt um seine Ehre, um seine Wiederherstellung in Malwinens Augen und somit auch um sein ganzes Lebensglück. Er mußte eine Lösung finden, mußte sie ohne Zögern finden.

Aber wie sie finden? Durch die Macht des Rechts und der Wahrheit, die hinter ihm standen? Was war bei einem Menschen wie Maiwand damit zu erreichen, so lange er ohne weitere Waffen ihm gegenübertrat! Und mit andern Waffen ihm gegenübertreten, ihn im Duell tödten, das half noch weniger. Es verschlimmerte ja nur die ganze Lage und machte sie heillos. Mit Gewalt von dem Elenden erzwingen, was man von ihm verlangte, das war Rudolph’s Plan gewesen, ein Plan der Verzweiflung, aber chimärisch; er konnte am Ende dahin führen, daß Maiwand sich, als der angegriffene, gefährdete, zu keiner Schonung mehr verpflichtete Theil, offen als Feind erklärte und von den Mitteln, die er nun einmal zum Unglück besaß, Gebrauch machte, um Malwine zu bedrängen. Und konnte denn List und Klugheit helfen, Verschlagenheit dem verschlagenen Menschen gegenüber? Freilich, sie am ersten, wenn nur Landeck nicht solch eine bemitleidenswerthe reine Seele gewesen wäre, der List und Verschlagenheit so fern lagen, daß es ihm stets mißlungen war, nur die geringste Nothlüge hervorzubringen! Und doch, eine Lüge, eine freche, mit der kühnsten Energie auftretende Lüge konnte helfen, und in dem Augenblick, wo dieser Gedanke über Landeck kann, war er auch entschlossen, sie zu gebrauchen.

Er ging zum Schlosse zurück, diesmal der Gesindestube, die durch eine Seitenthür in’s Freie führte, sich zuwendend. Dort fragte er nach Herrn von Maiwand. Dieser war am heutigen Vormittag nicht wie gewöhnlich nach Haldenwang herausgekommen. Also mußte er in seiner Wohnung beim Pfarrer im Dorfe sein. Landeck trat unverdrossen seine Wanderung dahin an. Er fühlte nach all den Gängen an diesem Tage nichts von Ermüdung. Er schritt vorwärts, rastlos vorwärts, alles Sinnen und Denken nur auf das, was er beschlossen hatte, concentrirend, jeden Gedanken, der seine Energie hätte lähmen können, jedes Bedenken wider die List, die Lüge, welche er zu seinem Mittel machen wollte, mit Gewalt von sich abweisend. Er fühlte dieses Bedenken, die Beklommenheit darum schwer genug auf der Brust liegen, aber bis zu seinem Haupte, bis zur lähmenden Besinnung und Erwägung sollte das Bedenken nicht kommen. Die frische Farbe der Entschlossenheit sollte nicht durch des Gedankens Blässe angekränkelt werden. Er wollte es nicht und wäre es ein Verbrechen gewesen, was er beging, er wollte es ausführen, um all der Pein und Qual um sich her und in sich ein Ende zu machen.




12.

So gelangte er zum Pfarrhofe, in dem Maiwand wohnte. In den Gängen des Gartens sah er über die Hecke fort den Pfarrer an der Seite des Doctor Iselt auf- und abgehen. Beide in lebhaftem Gespräche miteinander; der Arbeiterstrike gab ja überall jetzt den Leuten den ausgiebigsten Gesprächsstoff.

Er trat in’s Haus und in die geräumige Küche, in der eine am Feuer beschäftigte Magd ohne weitere Anmeldung ihm die Thür zu Maiwand’s Zimmer öffnete. Dieser saß in seinem Schlafrocke hinter Büchern und Rechnungen, mit deren Controlle und Eintragung er beschäftigt war. Er schien ruhig seines Amtes als Malwinens Oberrentmeister zu walten. Langsam hob er den Kopf. Seine Züge zogen sich eigenthümlich zusammen, als er Landeck vor sich treten sah. Ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich zu erheben, lehnte er sich in seinen Armstuhl zurück und blickte Landeck schweigend an.

„Sie finden es ein wenig tactlos, Herr von Maiwand,“ sagte dieser, sich zur äußersten Ruhe und einem völlig unbefangenen Ton zwingend, „daß statt meiner Zeugen, welche Sie erwarteten, ich selber bei Ihnen erscheine …“

„Freilich!“ versetzte Maiwand in einem Tone verächtlicher Lässigkeit.

„Aber ich dachte, daß wir unseren Streit am besten so beilegen. Ich bedaure diesen. Ich wünsche nicht, mich mit Ihnen zu schlagen, und deshalb komme ich, um Ihnen die Genugthuung zu geben, die Sie als Edelmann verlangen können. Ich gebe Ihnen die offene Erklärung, daß ich vorschnell, ohne Kenntniß der Sache und der Natur des zwischen Ihnen und Herrn Rudolph Escher entstandenen Streites meine Forderung ausgesprochen habe und sie zurücknehme. Sind Sie damit zufrieden?“

Eine boshafte Freude blitzte in Maiwand’s Augen auf.

„Ich finde diesen Schritt von Ihrer Seite nur sehr verständig und weise, Herr Landeck,“ versetzte er mit einem überlegenen Lächeln. „Es haben sich Leute, welche besser als Sie mit den Waffen umzugehen wußten, besonnen, bevor sie sich mit mir schlugen. Eine andere Frage ist es jedoch, ob ich mit der Genugthuung, welche Sie bieten, zufrieden bin. Diese Erklärung zwischen vier Wänden und unter vier Augen kann mir nicht genügen. Ich müßte sie da verlangen, wo Sie Ihre, wie Sie bekennen, sehr unmotivirte Beleidigung ausgesprochen haben, an derselben Stelle …“

„Ich verstehe, in Haldenwang, in Gegenwart der Frau von Haldenwang wohl gar,“ fiel Landeck bitter lächelnd ein; er mußte im Stillen die Geistesgegenwart des Mannes anerkennen, der sofort der Sache eine solche Wendung zu geben suchte, daß dadurch Landeck in Malwinens Augen feig und verächtlich erscheinen mußte. „Ich wäre auch damit einverstanden, Herr von Maiwand,“ erwiderte er, „wenn dem sich nicht ein sehr großes und entschiedenes Hinderniß in den Weg stellte.“

„Und das Hinderniß wäre?“

Landeck, den Maiwand bisher, ohne ihm einen Sitz anzubieten, vor sich stehen lassen, wandte sich, um sich einen Stuhl herbeizuholen, stellte ihn neben den Tisch, an dem sein Gegner saß, und, nachdem er sich gesetzt und Hut und Handschuhe abgelegt, zog er ruhig sein Cigarrenetui hervor.

„Nun,“ fragte Maiwand, ihn mit einiger Verwunderung ansehend, „es scheint, Sie halten, ein wenig voreilig, den Frieden bereits für geschlossen?“

„So sehr,“ entgegnete Landeck, „daß ich Sie um ein wenig Feuer bitte.“

Maiwand schob ihm lässig ein Feuerzeug zu.

„Wollen Sie jetzt die Gewogenheit haben und auf das Hinderniß zurückkommen?“ sagte er dabei.

„Das Hinderniß? Gewiß!“ versetzte Landeck, und nachdem er seine Cigarre in Brand gesetzt, fuhr er fort:

„Das Hinderniß besteht darin, daß Sie nicht nach Haldenwang zurückkehren werden, Herr von Maiwand, also nicht davon die Rede sein kann, daß wir dort Erklärungen austauschen. Sie müssen deshalb schon mit meiner jetzigen unter vier Augen vorlieb nehmen.“

„Daß ich nicht nach Haldenwang zurückkehren werde?“ fragte mit halb verwundertem, halb verächtlichem Lächeln Herr von Maiwand.

„So sagt’ ich.“

„Daß Sie es sagten, hört’ ich – ich möchte vernehmen, weshalb Sie es sagten.“

„Sie werden nicht dahin zurückkehren, weil Frau von Haldenwang es nicht wünscht und Ihnen dies durch mich ausdrücken läßt.“

„Ah!“ lachte Maiwand gezwungen auf, „eine sehr naive Botschaft, welche Sie da übernommen haben. Sie haben mich bei Ihrem Eintreten hier allerdings nur ein wenig an Ihrem Tacte zweifeln lassen; jetzt, gesteh’ ich Ihnen, muß ich an Ihrem Verstande zweifeln …“

„Bitte, Herr von Maiwand! Wir haben eben, denk’ ich, [127] einen Grund, uns in einem Duell die Hälse zu brechen, aus der Welt geschafft – vermeiden wir es, uns einen zweiten, neuen zu schaffen! Frau von Haldenwang hat mir die Botschaft übertragen, und es wird Ihnen sowohl der Inhalt derselben, wie der Umstand, daß ich sie Ihnen überbringe, wie der fernere, daß ich dafür sorgen werde, daß Sie den Willen der Dame respectiren, es wird Ihnen das Alles weniger naiv erscheinen, wenn ich Ihnen sage, daß Beides sich durch meine Verlobung mit Frau von Haldenwang erklärt. Frau von Haldenwang ist seit einer Stunde meine Braut. Doch hat sie mir zur Bedingung gemacht, daß ich, um rund herauszureden, sie vor jeder weitern Begegnung mit Ihnen schütze und Sie bewege, baldmöglichst von hier zu verschwinden. Ich hoffe, Sie sind klug, Sie sind Menschenkenner genug, sich zu sagen, daß man, wenn man sich dadurch die Hand einer solchen Frau erkauft, eine solche Bedingung ausführt, ausführt mit all’ der Energie, Kraft und Entschlossenheit, deren ein Mann nur irgend fähig ist.“

„Pest – Sie – Malwine Ihre Braut?!“ sagte Maiwand, ihn anstarrend, als ob er einen Geist sähe, und dann aufspringend, um sich doch gleich wieder niederzulassen, rief er aus: „Das ist eine verdammte Lüge, oder wenn es keine ist, dann gnade Gott ihr und Ihnen …“

„Daß es keine Lüge ist, Herr von Maiwand, sehen Sie daraus, daß ich im Stande bin, Ihnen hier die Mittel zu Ihrer Abreise zu übergeben, zu Ihrer Existenz in den nächsten Monaten.“

Landeck holte seine Brieftasche hervor, nahm daraus die Banknoten, welche ihm vorhin der Briefträger gebracht, und legte sie vor sich auf den Tisch.

„Es sind fünf Hundertthalerscheine,“ sagte er, „Sie begreifen, daß ich sie nicht von dem Gehalte, welches Herr Escher mir gewährt, habe ersparen können …“

Maiwand richtete jetzt seine wild aufflammenden Blicke darauf.

„Und mit diesem Bettel gedenkt man mich abzukaufen? Wirklich und wahrhaftig glaubt man, mich damit loszuwerden?“ rief er, gezwungen auflachend.

„Man würde das allerdings,“ versetzte Landeck ruhig und seine Augen festen und entschlossenen Blicks nicht von denen Maiwand’s abwendend, „man würde es für genügend halten, wenn man sich mit Ihrer bloßen Abreise begnügen könnte. Das ist aber leider nicht der Fall. Sie haben Frau von Haldenwang zu einem juristischen Geschäfte verleitet, welches sie in die unangenehme Lage bringt, gegen Sie den Schutz der Gerichte anrufen zu müssen. Das ist ihr in hohem Grade unangenehm, und um dies überflüssig zu machen, hat sie mich beauftragt, mit Ihnen über den Preis zu verhandeln, den Sie verlangen, zuerst für einen Revers, welcher Frau von Haldenwang sicher stellt, und sodann für einen Schein, worin Sie erklären, aus der Rudolph Escher anvertrauten Casse vor ein paar Jahren die Summe von neuntausendfünfhundert Thalern mit dem unwahren Vorgeben entnommen zu haben, es sei für Herrn von Haldenwang und werde am folgenden Tage zurückgebracht werden. Auch diesen Schein werden Sie ausstellen, wogegen ich Ihnen die Erklärung auf Ehre und Gewissen geben werde, daß dieser Schein niemals gegen Sie gebraucht werde, daß er binnen der nächsten zweimal vierundzwanzig Stunden von mir verbrannt werden soll.“

„Immer besser,“ lachte nun, nachdem er anfangs Landeck ganz überrascht angestarrt hatte, Maiwand wieder auf, „immer besser! Ist das Alles?“

„Was wir wünschen, ja; sagen Sie nur, was Sie als Preis dieser zwei Schriftstücke verlangen. Ich werde Ihnen denselben ebenfalls schriftlich zusichern, vorausgesetzt, Sie halten sich in den Grenzen der Bescheidenheit.“

Maiwand war wieder aufgesprungen. Er hatte dabei, einen Fluch murmelnd, den Sessel zur Seite geschleudert und rannte jetzt im Zimmer auf und nieder.

„Was ich Ihnen von dem Allen gewähren will, Herr Landeck? Eine Kugel, die ich Ihnen in’s Hirn jagen werde.“

„Möglich! Falls Sie mir vom Officiercorps Ihres früheren Regiments ein Zeugniß bringen, daß Sie noch satisfactionsfähig, werde ich mich nicht weigern können, mich mit Ihnen zu schlagen. Ich werde dann entweder Sie erschießen oder Sie mich; im letzteren Falle werden Sie Frau von Haldenwang nicht angenehmer werden. Ich darf sogar annehmen, daß sie dann Alles aufbieten wird, um mich an Ihnen zu rächen. Ein Duell bietet Ihnen also weder in dem einen Falle, noch im anderen einen erheblichen Vortheil. Ich kann Ihnen nur rathen, meinen Vorschlag anzunehmen und mir eine Summe zu nennen, für welche Sie sich zu dem bequemen, was wir wünschen. Wenn nicht, nun wohl, so nehme ich diese Banknoten wieder an mich, und wünsche Ihnen guten Tag, Herr von Maiwand. Ich werde dann in die Stadt hinüberwandern und den Justizrath beauftragen, gerichtlich Ihre Einwilligung zur Lösung jenes Contractes, zu dem Sie Frau von Haldenwang verführt haben, zu erzwingen; es wird das rasch und leicht thunlich sein, da der Beweis, daß Sie nie die Absicht, das heißt die Möglichkeit hatten, Haldenwang zu kaufen, bald erbracht ist.“

Landeck war auch aufgestanden und hatte kaltblütig die Banknoten wieder an sich genommen; so stand er und folgte mit beobachtendem Auge den Bewegungen des wie ein wüthendes Thier im Käfig auf- und abschreitenden Gegners.

„Ich weiß nicht,“ rief dieser mit einem Fluche aus, „was mich abhält, Sie zum Fenster hinauszuwerfen, Sie zu erwürgen.“

„Vielleicht der Gedanke, daß es Ihnen nicht gelingen würde,“ sagte Landeck, ruhig die Arme über die Brust verschlingend; „vielleicht auch die Ueberzeugung, daß es Ihnen durchaus nichts helfen würde, daß Sie sich in Ihr Schicksal ergeben müssen. Diese Ueberzeugung ist es ja eben, was Sie so in Wuth versetzt.“

Maiwand stampfte mit dem Fuße; er machte, indem er jetzt Landeck sein Gesicht zuwandte, einen entsetzlichen Eindruck. Seine Züge waren verzerrt, seine halbzusammengekniffenen Augen wie mit Blut unterlaufen.

„Heben Sie sich fort von hier, oder ich werde zum Mörder an Ihnen!“ schrie er, „fort – oder …“

„Es scheint mir,“ sagte in diesem Augenblicke eine dritte Stimme, „die Verhandlung ist an einem Punkte angekommen, wo ein Dritter als friedenstiftender Obmann nöthig wird.“ Es war Doctor Iselt, der plötzlich aus einer Seitenthür trat.

Landeck athmete, obwohl er seines Sieges gewiß war, doch erleichtert auf; er ahnte in Iselt einen guten Bundesgenossen. Maiwand trat diesem drohend, seiner kaum mehr mächtig in steigender Wuth entgegen.

„Sie sind überflüssig hier. Was wollen Sie, Iselt?“ brachte er mühsam, heiser hervor, „scheeren Sie sich zum Teufel, Beide! Oder ich brauche meine Waffen …“

„Ein Arzt,“ versetzte Iselt, „ist nie überflüssig, wenn ein beruhigendes Mittel so nothwendig wird, wie bei Ihnen in diesem Augenblicke[WS 1], Maiwand. Ich habe drinnen im Arbeitszimmer des Pfarrers, wo ich diesem ein Recept schreiben sollte und dabei Ihren Streit anhörte, sogleich auch für Sie eins aufgeschrieben. Hier ist es. Herr Landeck wird es in der rechten Apotheke abzuliefern die Güte haben.“

Dabei zog er aus der Brusttasche seines Rockes einen langen, vielfach zusammengefalteten, schmutzigen und viel beschriebenen Papierstreifen hervor. Landeck musterte ihn und sah, daß es ein über neuntausendfünfhundert Thaler ausgestellter Wechsel war, unterschrieben von Ernst Friedrich von Maiwand. Unter den Prolongationsvermerken, welche die Rückseite trug, stand die Quittungsnotiz: „Betrag heute erhalten mit Thaler 9500. B., den 17. Juni 186*. Aaron Baer.“

„Zum Teufel – wie kommt dieser Wisch in Ihre Hände?!“ rief erschrocken Maiwand aus, nachdem er einen Blick darauf geworfen.

Landeck barg den „Wisch“ erfreut in seiner Brusttasche; auch er sah Iselt erstaunt an, sagte aber nur:

„Ihr Recept ist vortrefflich, Doctor. Es wird unseren Streit allerdings wundersam beruhigen. Es macht ihn bereits fast gegenstandslos, und wir können die Unterhandlung abbrechen. Sie wissen, Herr von Maiwand, daß Sie auf Haldenwang nicht mehr gewünscht werden, und werden nicht mehr dort erscheinen, um sich dies doch nicht gar zu deutlich von dem Dienstvolke sagen zu lassen, das über den Willen seiner Gebieterin unterrichtet ist. Ihre Erklärung, daß Sie schuld gewesen an der unglücklichen Nachgiebigkeit Rudolph Escher’s, bedürfen wir jetzt nicht mehr, denn der Wechsel in meiner Tasche beweist vollständig, [128] wohin jene Summe damals gewandert ist. Die Sorge, welche Frau von Haldenwang wegen des Vertrags hegte, zu dem Sie sie verleiteten, wird ihr durch das Gericht abgenommen werden. Seien Sie dessen sicher! Also können wir uns Ihnen empfehlen, Herr von Maiwand.“

Herr von Maiwand athmete tief und schwer; er war sehr bleich geworden. Das Papier, welches Doctor Iselt Landeck übergeben, hatte in der That eine merkwürdige Wirkung geübt. Es hatte seinen Zorn, wie es schien, plötzlich gebrochen. Er mochte sich sagen, daß nun Alles für ihn zu Ende, daß dieses Blatt ihn in Malwinens Augen unrettbar verderben mußte, für immer.

„Sie können sich empfehlen, meine Herren,“ preßte er mühsam hervor, „und mich der Frau von Haldenwang, wenn’s beliebt. Ich bin nicht der Mann, der sich aufdrängt. Wenn Sie übrigens das Geld, das Sie mir boten, in der That daran wenden wollen, so will ich Ihnen den Revers, den Sie wünschen und der uns einen häßlichen Proceß erspart, ausstellen.“

„Damit bin ich einverstanden. Haben Sie die Güte, diesen Revers zu schreiben!“

Maiwand nahm seinen früheren Platz wieder ein und zog ein Schreibzeug herbei – sehr langsam und gemessen und mit zitternder Hand. Dann starrte er auf das Papier. Er bedurfte offenbar einiger Zeit, um sich zu fassen und seine Gedanken zu ordnen. Landeck sprach deshalb den Wunsch aus, ihm den Wortlaut der Bescheinigung zu dictiren, und Maiwand nickte dazu. Es bedurfte nur weniger Zeilen, worin die Erklärung enthalten war, daß der mit Tag und Datum näher bezeichnete Vertrag nur ein Scheinvertrag gewesen, daß vom Ankäufer keine Zahlung geleistet worden, daß dieser nie beabsichtigt habe, daraus Rechte herzuleiten, und auf alle solche, falls sie ihm erwachsen, verzichte. Maiwand unterzeichnete dann das Schriftstück. Landeck und Iselt thaten es als Zeugen ebenfalls, und dann legte Landeck jenem die dafür als Preis versprochenen fünf Banknoten wieder auf den Tisch. –

Maiwand starrte darauf hin und dann die beiden sich jetzt zum Gehen wendenden Männer an, als frage er sich in diesem Augenblicke, ob er denn eigentlich wache oder träume – und in der That, die niederschmetternde Raschheit, womit sich sein Schicksal so urplötzlich gewendet hatte, war geeignet genug, ihm einen solchen Eindruck zu machen, und ihn so vernichtet den beiden sich entfernenden Gegnern nachstieren zu lassen. –

Als diese draußen vor dem Pfarrhause waren, schob Landeck hoch und glückselig aufathmend seinen Arm unter den Iselt’s und sagte:

„Wie soll ich Ihnen danken, Doctor? Niemals traf ein ungehoffter Bundesgenosse im richtigeren Moment ein als Sie soeben. Wie aber, ich bitte Sie, war es Ihnen möglich, sich jenes Document zu verschaffen, womit ich jetzt dem armen Rudolph das Leben wiedergeben kann?“

„Das ist sehr einfach zugegangen,“ versetzte der Doctor. „Ich erhielt es an diesem Vormittag, als ich eben im Begriffe war meinen Rundgang zu meinen Patienten anzutreten. Sie müssen nämlich wissen, daß ich vor Jahren einmal als Arzt in einer Familie thätig war, die aus einer Frau und ihrer Tochter bestand, anständigen Bürgersleuten, welche ein paar elegant meublirte Zimmer an Officiere zu vermiethen pflegten. In ihrem Hause hatte Herr von Maiwand lange sein Hauptquartier aufgeschlagen, und die Zeit dazu benutzt, das Mädchen unglücklich zu machen; aus den Schilderungen der Mutter lernte ich zuerst den Leumund dieses Herrn kennen. Sie erzählte mir mehr als ich verlangte von dem Leben, das er geführt, von den Schulden, die er gemacht, von den Wucherern, die ihn bedrängt und es verstanden, die Wechsel, die er ihnen ausgestellt, ganz unglaublich und lawinenhaft wachsen zu lassen. Auch von einem Herrn Aaron Baer, der seine Vorschüsse von einigen tausend Thalern bis zu der Summe von neuntausendfünfhundert Thalern hinaufgeschwindelt und dann stürmisch Zahlung verlangt habe. Da ich zu solchem Schwindel ungläubig den Kopf schüttelte, schloß die gute Frau ihren Secretair auf und zog das Blatt hervor; sie hatte es beim Aufräumen in dem Papierkorbe gefunden, in den es Maiwand, nachdem er es bezahlt und zornig zusammengeballt, geworfen, und hatte es als Merkwürdigkeit, als Document zur Sittengeschichte des neunzehnten Jahrhunderts aufbewahrt, Dessen erinnerte ich mich, als Sie mir zuerst von dem Scheinkaufe von Haldenwang redeten, und dann kam mir der Gedanke, daß ein solches Beweismittel für die finanzielle Lage Maiwand’s der Frau von Haldenwang wichtig werden könne, wenn sie mit ihm in Zerwürfniß und Proceß über ihren leichtsinnigen Kaufvertrag gerathe. Ich schrieb also an jene Frau in der Residenz und bat sie um das für sie werthlose Blatt, falls sie es noch besitze, und, wie Sie sehen, ich erhielt es. Als mich dann der Pfarrer in sein Schreibzimmer führte, wo ich ihm ein Recept screiben wollte, vernahm ich Ihre erhitzte Stimme im anstoßenden Raume, und folgte eine Weile mit begreiflicher Spannung der Debatte, die ich freilich nur zum Theil verstand, doch hörte ich genug, um zu begreifen, wie wichtig Ihnen der alte Wechsel sein mußte, den ich eben erhalten. Von einer Erklärung Maiwand’s über dieselbe Summe, auf welche der Wechsel lautet, sprachen Sie ja gerade. Daß ich den Horcher gemacht, werden Sie mir also schon vergeben. Sie schrieen ja ohnehin so laut, daß es gar nicht möglich gewesen wäre, nicht zu horchen, und weil ich also auch vernommen habe, in welcher Eigenschaft Sie diesem Bösewichte die Stirn geboten, so lassen Sie mich jetzt vor allen Dingen Ihnen Glück, alles überschwengliche Glück wünschen, Ihnen, ‚dem der große Wurf gelungen‘, der nun doch bekennen muß, was kluge Leute ohnehin sich sagen konnten, daß er aus dem fernen Hellas dieser Helena gefolgt ist, die er sich nun, ein tapferer Achill und kluger Odysseus zugleich …“

„Ich bitte Sie bei allen Göttern dieses Hellas,“ fiel Landeck erschrocken ein, „hören Sie auf! Sie sind völlig im Irrthume, wenn Sie glauben, meine Versicherung, ich habe ein Recht, für Frau von Haldenwang aufzutreten, sei irgend etwas Anderes gewesen, als eine Kriegslist, ohne die ich nicht den geringsten Erfolg hoffen durfte. Ich mußte meinem Gegner alle und jede Hoffnung, daß er sein eigentliches Ziel je erreichen werde, mit einem Schlage nehmen. Dazu gab es nur ein Mittel, eine, wenn Sie wollen, freche Lüge.“

„Ah bah,“ unterbrach ihn lachend Iselt, „ich glaube nicht an Ihre Lügen. Ein so classischer Mensch wie Sie und lügen! Die Lügen gehören in die Romantik.“

„Und doch, ich schwöre Ihnen, daß ich log,“ fiel Landeck heftig ein, „und Sie werden mich grenzenlos unglücklich machen, wenn je ein Wort über Ihre Zunge käme, welches die Kriegslist, die ich brauchte, verriethe.“

Iselt schüttelte den Kopf und lachte:

„‚Ich schwöre, daß ich log – ich log, was ich schwur‘ – was soll ich darauf geben? Ich habe Ihnen gesagt, daß ein Arzt etwas von einem Beichtvater an sich hat und das Beichtsiegel zu bewahren weiß. Darum und meines treuen Beistandes willen, dächt’ ich, könnten Sie ein wenig offener gegen mich sein. Aber beruhigen Sie sich! Ich werde Ihnen durch fehlende Discretion keinen Verdruß machen.“

Doctor Iselt sprach das wie durch Landeck’s Mangel an Vertrauen ein wenig verdrossen und schwieg dann. So eilten sie Beide auf dem Wege nach Haldenwang dahin, bis in der Nähe des Gutes Iselt zurückblieb.

„Wohin wollen Sie, Doctor?“ fragte Landeck.

„Zu meinen Kranken, Sie sind, wenn ich Sie nicht begleite, um Zeuge des zärtlichen Dankes zu sein, der Ihnen da oben werden wird, desto sicherer, daß ich Sie nicht verrathe.“

„Nein, nein,“ rief Landeck aus, indem er sein geröthetes Gesicht vom Doctor abwandte und die Hand ihm auf die Schulter legte, „Sie sollen mir jetzt einen großen, großen Freundschaftsdienst leisten. Ich selbst, ich kann jetzt nicht zu Frau von Haldenwang gehen – ich kann es nicht.“

„Sie können es nicht? Weshalb nicht?“

„Denken Sie, es wäre – nun, was weiß ich selbst, was es ist? – aber ich kann es nicht. Es scheint mir so anmaßend, so unverschämt, wenn Sie wollen, vor eine arme Frau, deren Herz voll schwerer Sorge ist, zu treten und ihr zu sagen: da bin ich, Dein Retter, Dein Befreier. Ich habe Alles erreicht, erkämpft, was Du bedarfst, um wieder glücklich und frei aufzuathmen. Kann man so vor Frau von Haldenwang treten? O nein, das müssen Sie selbst fühlen, man kann es nicht. Mir ist es wenigstens unmöglich.

[141] „Sie sind ein wunderlicher Mensch, Landeck,“ versetzte Doctor Iselt. „Frau von Haldenwang hat Sie ausgesandt und Ihnen die nöthige Summe Geldes gegeben, deren Sie bei Ihrer Mission bedurften. Sie haben ihren Auftrag, ihr den unseligen Menschen vom Halse zu schaffen, glücklich ausgeführt, und nun sind Sie zu blöde, ihr dies selbst zu sagen.“

„Freilich, es mag Ihnen thöricht erscheinen – ich kann es Ihnen auch weiter nicht erklären – aber es ist einmal so – ich bringe es nicht über mich, und Sie sollen, während ich zu Rudolph Escher eile, um ihm den Wechsel zu bringen, der ihn rechtfertigt, zu Frau von Haldenwang gehen und ihr sagen, daß Maiwand abzieht. Sie sollen ihr seinen Revers übergeben, ihr sagen, daß ich das Wort, welches ich ihr gegeben, also voll und ganz gelöst – wollen Sie es?“

„Weshalb sollt’ ich nicht gern Frau von Haldenwang eine gute Nachricht überbringen?“ versetzte Doctor Iselt, „obwohl ich gestehen muß, daß Sie der wunderlichste Sterbliche sind, der mir je vorgekommen.“

„Und Sie reichen mir die Hand darauf, daß Sie von meiner Kriegslist nichts erwähnen?“

Iselt reichte, ein wenig zögernd, die Hand hin. Landeck zog sein Taschenbuch hervor und nahm die darin untergebrachten Papiere heraus, von denen er den von Maiwand ausgestellte Revers dem Doctor übergab.

„Sehen Sie hier, Doctor,“ sagte er dabei, „den Beweis, daß ich die Unwahrheit sagte, als ich Maiwand vorgab, ich trete als Verlobter der Frau von Haldenwang auf, und zum Zeugniß auf das Geld wies, das ich von ihr erhalten; die Banknoten die ich ihm gab, erklären sich ganz einfach durch diesen Brief. Da Sie so Viel erfahren haben, mögen Sie auch das wissen.“

Er gab ihm den Brief, den er am Morgen erhalten. Iselt öffnete ihn und las ein geschäftsmäßiges Schreiben der Expedition eines sehr weit verbreiteten Journals, womit dieselbe das Honorar für die in ihrem Blatte abgedruckten „Hellenischen Wanderungen“ übersandte und um Fortsetzung dieser mit so vielem Beifall aufgenommenen Mittheilungen bat. –

„Ah, also auch das erfährt man auf diese Art: Sie sind der Verfasser dieser die Frau von Haldenwang so entzückenden ‚Hellenischen Wanderungen‘. Wie hochmüthig, das zu verschweigen! Sie dachten wohl, es würde Ihrer Gelehrtenwürde Eintrag thun, wenn man erführe, daß Sie solche amusante und geistreiche Artikel zu schreiben verstehen?“

„Das nicht – aber wie konnte ich mich dazu bekennen, nachdem Frau von Haldenwang den ersten so übermäßig gelobt hatte!“

„Sie sind der eigenthümlichste Kauz, der mir vorgekommen ist,“ rief Iselt lachend aus.

„Und Sie, Doctor, hoffentlich der verschwiegenste aller Aerzte. Ich vertraue auch in diesem Punkte auf das Beichtsiegel. Vergessen Sie das nicht!“

Damit nahm Landeck den Brief wieder an sich, gab dem Doctor zum Abschied die Hand und eilte fort.

Iselt sah ihm eine Weile verwundert nach. Er schüttelte mehrere Male den Kopf und fragte sich höchst betroffen, ob er wirklich Landeck glauben solle oder nicht. Jedenfalls war seine Neugier in einem solchen Maße erweckt, daß er sich vornahm, Alles zu thun, nur durch kluges Sondiren bei Frau von Haldenwang Klarheit über die Situation zu erhalten, in welcher sich dieser „Hellene“ dieser „Helena“ gegenüber befände. So kam er bald nachher auf dem Gute an und wurde in den Salon geführt, wo Malwine gleich darauf erschien. Ein erster Blick in ihre Züge zeigte ihm, daß er keine Braut, wenigstens keine glückliche Braut vor sich habe: sie sah erregt, abgespannt aus und fixirte ihn mit eigenthümlich unsteten Blicken.

„Sie, Doctor? Was führt Sie her?“ fragte sie, „ist Jemand von den Leuten erkrankt, ohne daß ich es wüßte?“

„Nicht doch, gnädige Frau,“ versetzte Iselt lächelnd, „ich komme diesmal nicht als Arzt, sondern als ein Bote, der Herold in einer griechischen Tragödie, gesandt von einem fernen Heroen, um nach geschlagener Schlacht seine Großthaten zu verkünden. Ihr Heros hat Wunder gethan. Er hat diese Gefilde von einem Ungethüm befreit, die lernäische Schlange erschlagen, den nemeischen Löwen gebändigt, Alles, was Sie nur wünschen können, und zum Zeichen dessen läßt er durch mich die Haut des Löwen Ihnen zu Füßen legen – oder, was denselben Werth hat, dieses Blatt Papier.“

Malwine blickte erstaunt auf das Papier und dann in Iselt’s Züge.

„Um Gotteswillen, was bedeutet das?“ rief sie aus, „sprechen Sie deutlich!“

„Sprach ich nicht deutlich genug? Herr Landeck hat den Drachen bezwungen. Maiwand wird nie mehr auf Haldenwang erscheinen, hat Ihnen diesen Revers da ausgestellt und macht sich aus dem Staube, soweit er mit den fünfhundert Thalern [142] Reisegeld, die Herr Landeck ihm großmüthig geschenkt hat, nur irgend gelangen kann.“

„Und das, das Alles ist wirklich wahr?“ fragte Malwine, die Hände auf’s Herz pressend, während ihre Züge sich lebhaft vor freudiger Wallung rötheten. „Aber,“ fuhr sie im nächsten Augenblicke fort, „warum kommt nicht Landeck selbst, es mir zu sagen? Weshalb sendet er Sie, weshalb sagt es mir nicht sein eigner Mund?“

„Danach,“ rief Iselt aus, „habe ich ihn ebenfalls gefragt, und nur die Antwort erhalten, er vermöge es nicht über sich, wodurch ich gerade nicht klüger geworden bin.“

Malwinens Röthe wich wieder einer leichten Blässe.

„O, er hat Recht,“ sagte sie vor sich hinflüsternd, „er zürnt mir, er zürnt mir mit Recht – ich habe ihn so unwürdig beleidigt.“

„Sie haben ihn beleidigt?“ fiel Iselt, der die letzten Worte gehört hatte, ein; „das muß nicht eben schwer und unversöhnlich gewesen sein, gnädige Frau. Er hätte sich sonst nicht Ihretwegen in die Höhle des Löwen gewagt, auf die Gefahr hin, von diesem erwürgt zu werden, was wahrhaftig beinahe geschehen wäre, und dann noch sein sauer verdientes kleines Honorarcapital daran gewendet – ja so, das sollt’ ich ja nicht verrathen …“

„Was sollten Sie nicht verrathen?“

„Daß Landeck außer anderen Dingen, durch welche ihm das Werk gelang, auch noch das Geld aufwandte, welches ihm seine ‚Hellenischen Wanderungen‘ eingebracht – das sollte ich nicht verrathen und thu’ es doch mit einer gewissen Schadenfreude, weil ich neulich sah, wie wenig Sie daran dachten: Er sei fähig, so etwas zu leisten.“

„In der That?“ rief Malwine aus, „also hatte ich doch Recht.“

„Sie hatten Recht? Nein, Sie hatten Unrecht. Sehr!“

„Ich ahnte, ich wußte es ja, daß er sie geschrieben. Und es verstimmte mich, daß er mir dies nicht anvertrauen wollte …“

„Sie hatten die Aufsätze zu sehr gelobt, und nun bäumte sich etwas, das ihn zu einem weißen Raben unter den Schriftstellern macht, in ihm gegen solch ein Bekenntniß auf – die schüchterne Bescheidenheit.“

„Ah, wie wäre das möglich … es war der männliche gelehrte Hochmuth in ihm, der sich nicht herablassen wollte, die lobenden Worte, die eine Frau darüber fallen ließ, auch nur vom Boden aufzuheben.“

„Da täuschen Sie sich. Er hat mir gesagt, daß Ihre Begeisterung für seine Arbeit ihn schamroth und stumm gemacht … aber Sie werden ihn ja selbst sprechen.“

„Ja, ja,“ rief Malwine aus, „das das will ich auf der Stelle … wo ist Landeck? wo finde ich ihn? … ich will ihn sehen, ihm sagen, wie ich ihm danke – o, wie will ich ihm danken … sagen Sie mir, Doctor, wo ich ihn finde!“

„Er ist zum Hause Gotthard Escher’s geeilt, zu Ihrem Vetter Rudolph.“

Malwine klingelte. Ein Diener trat ein; er trug eine Karte in der Hand.

„Der Kutscher soll sofort anspannen und vorfahren, sofort!“ rief Malwine ihm entgegen. „Was haben Sie da?“

Der Diener legte die Karte auf den Tisch und antwortete:

„Herr von Maiwand ist soeben vorübergeritten und hat dem Gärtner in den Anlagen diese Karte gegeben.“

Malwine eilte, sie zu nehmen. Sie las unter dem Namen „Freiherr von Maiwand“ die mit Bleistift geschriebenen Worte: „wünscht Glück zur Verlobung und wird dafür sorgen, daß die Anzeige davon der Waisenhausverwaltung zu M. noch heute zugeht.“

Malwine blickte betroffen auf. „Welche Erbärmlichkeit!“ sagte sie dann. „Wissen Sie, was der boshafte Mensch damit sagen will, mit diesem Glückwunsche zur Verlobung?“

Sie schob die Karte dem Doctor hin. Dieser las sie und antwortete lächelnd:

„Er setzt, scheint es, Ihre Verlobung mit Landeck voraus.“

„Aber was, um’s Himmelswillen, kann ihn dazu berechtigen? Landeck kann ihm nichts gesagt haben, was ihn zu dieser Annahme verführte.“

„Würden Sie Landeck unversöhnlich zürnen,“ fragte Iselt, der durch eine solche Vertheidigung Landeck’s dem Versprechen welches er ihm gegeben, nicht untreu zu werden glaubte, „würden Sie ihm unversöhnlich zürnen, wenn er als das beste, ja, einzige Mittel, diesem Maiwand jede Hoffnung zu nehmen und ihn zum Abzuge zu bewegen, betrachtet hätte: die Erklärung, Sie seien – seine Braut?“

Malwine sah ihn ganz bestürzt an.

„Ist dem so, Doctor – ist dem so?“ sagte sie, tief aufathmend, nach einer Pause.

Der Doctor zuckte die Schultern.

Malwine wandte sich ab, wie um dem Doctor die Bewegung zu verbergen, die sich auf ihren Zügen ausdrückte. So trat sie hinaus auf die Schwelle der Fensterthür, welche auf die Veranda führte, dem Wagen entgegensehend, der nach einer Weile um die Ecke des Gebäudes bog. Der Diener, der zugleich erschienen war, brachte Tuch und Hut, und Malwine ging, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Wagen zu besteigen. Dem Doctor winkte sie nur mit der Hand einen Abschiedsgruß zu und legte sich tief in den Wagen zurück, wie um einer weitern Unterredung mit ihm auszuweichen. Gleich darauf zogen die Pferde an, und der Wagen rollte fort.

Doctor Iselt sah ihm mit einem stillen Lächeln nach.

„Ich bin begierig, was daraus wird,“ sagte er für sich, „ob sie ihm seine Kriegslist – denn eine solche ist es ja in der That, sehe ich nun, blos gewesen, und er hat mich wenigstens nicht belogen –, ob sie ihm diese kecke Kriegslist verzeiht. Sie war doch dadurch stark aus den Angeln geworfen. Und eine verwegene Wendung war es. Wenn er klug ist, beweist er ihr, daß, wenn sie seine Erklärung Lügen straft, morgen im Tage Maiwand wieder da sein wird. Vielleicht rettet ihn das und macht ihr solchen Eindruck, daß sie am Ende gar – aus der Lüge Wahrheit macht.“

Unterdeß rollte der Wagen mit Malwinen dahin – auf einem ziemlich großen Umwege, da für Fuhrwerk die nächsten Brücken nicht benutzbar waren. Als Malwine endlich am Gartenthore ihres Oheims Gotthard angekommen und nun durch den Baumgang sich dem Hause näherte, erblickte sie durch das geöffnete Fenster eine unerwartet zahlreiche Versammlung in dem Wohnzimmer des Werkmeisters. Ohne anzuklopfen, trat sie rasch ein und wurde von Ausrufen freudigen Erstaunens begrüßt; erstaunt blickte aber auch sie auf die beiden überraschenden Gruppen, die sich ihrem Auge darboten: auf dem alten Roßhaarsopha im Hintergrunde des Zimmers saß der Onkel Gotthard, neben ihm, seine Hand in seiner Rechten haltend, der Oheim Gottfried Escher, wie es schien, in friedlichster Unterhaltung mit ihm; an dem Seitenfenster standen Rudolph, Elisabeth und Landeck, und Elisabeth schmiegte sich mit einem glückstrahlenden Gesichte an Rudolph, der sie umschlungen hielt, während seine Linke wie betheuernd auf dem Arme Landeck’s, zu dem er redete, lag.

„Malwine, rief der Fabrikant aus, „Du – und gerade jetzt?! Wahrhaftig, Du konntest in keinem glücklicheren Augenblicke in die Mitte Deiner Angehörigen treten, die ja jetzt sich alle zusammengefunden – und in Liebe und Treue sich wieder gefunden haben.“




13.

Daß es so gekommen – es war das Werk dessen gewesen, der in diesem Augenblicke, bald erbleichend, bald erröthend, all’ die beredte Entschlossenheit verloren hatte, mit der er eben den Frieden gestiftet, der, als sei er sich einer furchtbaren Schuld gegen Malwinen bewußt, bei ihrem Eintreten zusammengefahren war und am liebsten jetzt sich völlig unsichtbar gemacht hätte.

Als er sich von Iselt getrennt, hatte er, den Weg zum Hause Gotthard’s wieder durch Herrn Escher’s Villa nehmend, diesen und Elisabeth in dem Pfade vor dem Wohnhause auf- und abwandelnd getroffen. Herr Escher, dem seine Eile aufgefallen war, hatte ihn angerufen und Landeck ihm mit dem Tone offenen Vorwurfs gesagt:

„Ich eile zu Ihrem Bruder, Herr Escher, um den hart getroffenen Mann aufzurichten. Sie haben ihm ein Leid zugefügt, das ihn schwer zu Boden drückt. Ob Sie recht daran thaten, das kommt mir nicht zu zu beurtheilen; ich weiß nur, [143] daß Sie bei diesem Allen Rudolph ein großes Unrecht gethan haben; ich habe hier auf meiner Brust den Beweis, daß seine Schuld nicht so groß ist, wie Sie wähnen, und diesen Beweis eile ich eben Ihrem Bruder zu bringen, damit der unglückliche Mann vor dem Schlaganfalle gerettet werde, der ihn bedroht. …“

Herr Escher starrte den Sprechenden tief erblassend an. Das Wort Schlaganfall hatte eine eigenthümliche Wirkung auf ihn. Gleich nachdem er seine Sendung an seinen Bruder abgesandt, hatte ihn etwas wie Reue und Unzufriedenheit mit sich selbst ergriffen, das Gefühl, eine unedle Rache genommen zu haben, ihn gedrückt – jetzt ergriff er tieferschüttert Landeck’s Arm und sagte:

„Sie sahen meinen Bruder? Sie wissen, daß … Kommen Sie! Ich will selbst nach ihm sehen, ich will Sie begleiten. Elisabeth, komme auch Du! Wenn er erkrankt, soll Alles zu seiner Pflege geschehen … kommen Sie!“

Er schritt hastig vorwärts. Elisabeth und Landeck schlossen sich ihm an.

„Das Beste wird sein,“ fuhr dieser dabei fort, „wenn Sie mir beistehen, Herr Escher, ihn vor dem Erkranken zu bewahren; wenn Sie helfen, ihm die Last vom Herzen zu nehmen. Beginnen Sie selbst damit, Rudolph’s Schuld in einem anderen Lichte zu sehen, als Sie dies bisher gethan haben! Dieses Licht war vollständig falsch, und Sie waren ungerecht gegen Ihren Neffen, dem nichts weiter zur Last fällt, als daß er in einem unglücklichen Augenblicke sich von einem Intriguanten und Lügner beschwindeln ließ – damals, als er noch viel zu jung war, um jenes Mißtrauen in sich hegen zu können, das reifere Menschen vor den Schlingen der Intriguanten bewahrt.“

Elisabeth warf Landeck einen Blick voll flammender Dankbarkeit zu; dieser fuhr doppelt lebhaft und warm zu reden fort. Er schilderte Escher den ganzen Hergang jenes Ereignisses, das einen so düsteren Schatten noch bis in diese Stunde hereinwarf; Escher hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, ohne ein Wort zu reden; nur als Landeck ihm sagte, daß er den Beweis, wozu das Rudolph abgeschwindelte Geld verwandt worden, in seiner Brusttasche trage, blieb er stehen, als ob er das Blatt mit eignen Augen sehen wolle; gleich darauf winkte er wieder wie abwehrend mit der Hand und eilte nur noch stürmischer weiter zum Hause seines Bruders hinan.

Als sie oben in Gotthard Escher’s Garten angekommen waren, fanden sie Rudolph vor dem Hause auf der Bank sitzend und langsam das vor Gram umdüsterte Haupt erhebend, um die Nahenden überrascht anzustarren; erst als sie dicht vor ihm waren, erhob er sich, und eine noch größere Ueberraschung malte sich in seinen Zügen, als sein Oheim ihm bewegt die Hand entgegenstreckte und, athemlos vom raschen Schreiten auf dem ansteigenden Wege nicht weniger als von seiner inneren Bewegung, sagte:

„Rudolph, ich glaube, ich habe Dir ein Unrecht abzubitten, Dir nicht weniger wie Deinem Vater – ich komme das zu thun – nimm meine Hand, Rudolph, und – wo ist Dein Vater, wo ist er?“

Rudolph war so bewegt, daß er im ersten Augenblicke keine Antwort fand. Er blickte auf seinen Oheim, auf Elisabeth; der strahlende Ausdruck von Glück in Elisabeth’s Zügen schien ihm erst zu sagen, daß er sich nicht täusche, nicht träume. Mühsam nur brachte er die Worte hervor:

„Onkel Gottfried, das sagen Sie mir – Sie – und Sie glauben nicht mehr …“

„Wo ist Dein Vater, Rudolph?“ wiederholte in seiner Hast Herr Escher, der bereits weiterschritt und, ohne eine Antwort abzuwarten, nun in das Haus und das zur Rechten des kleinen Flurs liegende Wohnzimmer seines Bruders hinein eilte.

Gotthard Escher lag hier der Länge nach ausgestreckt auf einem alten schwarzen Roßhaarsopha. Es war dasselbe, das schon in beider Brüder Elternhause gestanden, auf dem sie beide schon als Knaben sich getummelt; am Fenster der kleine runde Tisch auf den geschweiften Beinen, es war der, welcher ihrer Mutter Arbeitstisch gewesen – und hinter dem Ofen der alte Lehnstuhl, war es nicht auch derselbe, in welchem ihr Vater des Abends von seiner Tagesarbeit geruht, in dem sitzend er sie, die wilden Buben, so oft an sich gezogen und zwischen seinen Knieen festgehalten und ihnen scheltend, doch mit weicher Hand die Scheitel gestrichen oder ihnen beigestanden, mit den Schulaufgaben für den andern Tag fertig zu werden?

Auf Gottfried Escher stürmten, als sein Blick durch diesen Raum schweifte, alle diese lange nicht mehr geweckten Erinnerungen ein; sie erschütterten ihn … er wurde sich selber fremd mit seiner langen gehässigen Entfernung von dem Bruder, der so treu sich zum Hüter dessen gemacht, woran sein gutes altes Herz hing, und als dieser Bruder sich nun aufrichtete und ihn mit den großen grauen Augen unter seinen dicken blonden Brauen her halb verwundert, halb wie hülfesuchend anblickte, da war es ihm, als leuchte ihm aus diesen Augen der Blick ihrer Mutter entgegen; er fühlte Thränen in seine Wimpern treten, und beide Hände ausstreckend trat er vor den Bruder hin, mit halblauter zitternder Stimme „Gotthard!“ ausrufend und „kannst Du mir je verzeihen, was ich gethan?“

Gotthard hatte die dargebotenen Hände nicht ergriffen. Er stützte sich mit den seinigen auf das Sopha, um sich aufzurichten. Er schaute nur mit dem hülfesuchenden Blick den Bruder an; er schüttelte den Kopf und sagte dann, vor sich niedersehend, mit einem Tone herzbrechender Niedergeschlagenheit:

„Du hast mir einen schweren Schlag gegeben, Gottfried. Ich habe genug bekommen damit. Es war ein harter Stoß am Ende eines langen Lebens. Ich wollte nur, ich hätte es nicht verdient gehabt um Dich. Aber ich habe es verdient gehabt – ich habe es. Ich habe Dir nichts zu verzeihen, Gottfried. Ich habe mich schwer an dem Sohne meines Vaters versündigt und bin gestraft dafür an meinem Sohne.“

Gottfried Escher ließ sich neben ihm auf dem Sopha nieder, und die Hand auf seine Schulter legend sagte er:

„Gotthard, sprich nicht so! Wie Du mir, so hatte ich ja Deinem Sohne Unrecht gethan: wir hielten beide störrisch an einem falschen Glauben fest, und daß wir ihn, ohne zu untersuchen, fest hielten in Argwohn und Härte, darin liegt unsere Schuld, nur ist die meine größer wegen dessen, was ich heute in meiner Verzweiflung an Dir that. Sieh auf und höre dort den Mann reden!“ er wies auf Landeck, der mit Rudolph und Elisabeth nach ihm eingetreten war; „dieser Mann weiß um Alles, und er hält einen Beweis in Händen, daß Rudolph nichts Schlechtes gethan, als er das Opfer einer Verführung wurde, der er zu widerstehen zu jung, zu arglos, zu unerfahren war … laß Dir Alles von ihm sagen! Er spricht mit der Wärme, welche nur die Wahrheit giebt – und dann verzeih’ Rudolph, wie Du mir verzeihst!“

„Nein, nein,“ rief hier Rudolph, dicht vor seinen Vater tretend, „ich will keinen Dritten zum Vertheidiger zwischen mir und meinem Vater. Sieh mich an, Vater, sieh mir in’s Auge, und wenn Du nicht genug darin liest, um zu wissen, daß ich nichts gethan, was mich unwürdig macht für immer, Dein Sohn zu heißen, dann frag’ Du selber mich, wie Alles gekommen und ich will Dir Red’ und Antwort stehen …“

Gotthard Escher sah zu ihm auf mit einem langen Blick, der milder und milder und endlich feucht wurde, der sich dann auf seinen Bruder und dann wieder auf Rudolph wandte – endlich sagte er wie erleichtert aufathmend, wie eine schwere Last von sich werfend:

„Ja, ja, Gottfried, Du hast Recht! Laß uns an einander glauben, laß uns glauben!“

„Du kannst glauben, Gotthard,“ fiel sein Bruder ein. „Um Dir zu zeigen, daß auch ich es thue, daß ich an Rudolph’s unverdorbenes Herz glaube, und wie sehr ich wünsche, Dich mit ihm und mit mir auszusöhnen, erfülle ich jetzt gern Deinen Wunsch und gebe Deinem Sohne mit vollem Vertrauen mein geliebtestes Kind zum Weibe – es war ja Dein Herzenswunsch, Gotthard; deshalb füg’ Du nun ihre Hände zusammen!“

„O Vater, wie gut Du bist!“ jubelte Elisabeth, sich stürmisch in ihres Vaters Arme werfend, während Rudolph in seiner Freude sich über die Hand Gotthard Escher’s beugte und sie stumm, keines Wortes mächtig an die Lippen preßte. –

Eine kurze Zeit nach dieser Scene war Malwine plötzlich in das Zimmer getreten und von den Ihren freudig umringt worden, während Landeck ein so großes Verlangen gefühlt hatte, sich schuldbewußt aus dem Kreis dieser Glücklichen zu stehlen.

„Also,“ sagte Malwine, nachdem ihr von allen Seiten in raschen Worten, was geschehen, erzählt worden, „also,“ sagte sie [144] zu Gottfried Escher gewendet, „Du zürnst Rudolph nicht mehr, und dann, nicht wahr, Oheim Gottfried, mein gestrenger Vormund, dann zürnst Du auch der eigenwilligen, leichtsinnigen Malwine nicht mehr, daß sie einst so scharf ihren Willen durchsetzte?“

„Wie sollt' ich Dir noch zürnen, Malwine?“ entgegnete er, „Du handeltest damals groß und edel. Daß ich erfuhr, wie Du bewogen wurdest, so zu handeln, dafür hilf mir hier Deinem griechischen Freunde Landeck danken! Er war der Mann, der mich auf den Grund der Dinge blicken ließ, der so eindringlich zu reden wußte, daß ich einsah, wie viel Unrecht ich in Gedanken begangen – und leider auch heute in meinem Handeln gegen Gotthard …“

„Ja, ihm, Landeck allein verdanken wir den Frieden, Malwine,“ rief hier Elisabeth, indem sie sich zu Landeck wandte und ihn, mit ihren beiden Händen seine Rechte umfassend, heranzog.

„Ihm – auch Ihr! Und Ihr wißt noch nicht einmal,“ sagte Malwine mit leiserer, schüchterner Stimme und offenbar plötzlich mit einer schweren Befangenheit ringend, „Ihr wißt nicht, was er für mich gethan, wie er für mich gekämpft und gesiegt hat …“

„O, reden Sie nicht davon!“ unterbrach Landeck sie beschämt, „Sie sehen, wie ungehärmt und unverwundet ich aus dem Kampfe hervorgegangen bin …“

„Und doch haben Sie Alles, Alles für uns vollbracht,“ sagte sie, „wie soll ich Ihnen danken?“

„Sie sollen mir wirklich nicht danken,“ versetzte er jetzt fast heftig in seiner hülflosen Verlegenheit, „es ist wahrhaftig nichts Großes, was ich zu Stande gebracht, und ich that es ja auch um Rudolph’s willen, am Ende gar nur meiner selbst willen, aus bloßem gestacheltem Ehrgeiz, und da Sie, nur Sie, diesen Ehrgeiz so zu stacheln gewußt haben, daß er mir den rechten Muth gab, so ist ja eigentlich Alles nur Ihnen zu verdanken.“

„Ein wenig haben Sie Recht,“ entgegnete Malwine, ihm tief in’s Auge schauend, „wenn nicht den Muth, den Ihnen Niemand zu geben braucht, gab ich Ihnen doch die wirksamste Waffe und legte auf Ihre Lippe das entscheidende Wort, womit Sie den Gegner besiegten.“

„Das gaben Sie mir?“ fragte Landeck sie nicht verstehend, nicht wagend, sie zu verstehen.

„Das gab ich Ihnen, als ich Ihnen am heutigen Morgen das Recht gab, mich Ihre Braut zu nennen, Landeck …“

Landeck wurde purpurroth.

„Sie gaben mir dazu das Recht? O mein Gott!“ stammelte er, „als ich das Wort aussprach – und Sie wissen es, daß ich das that? Hat mich Iselt so schnell verrathen? – als ich das Wort aussprach, da hatte ich wohl das Bewußtsein, daß ich etwas that, was nichts entschuldigen konnte, nichts, aber Sie hörten es ja nicht, sollten es nie hören und erfahren, und ich hatte ja so vergeblich nach einem anderen Mittel gesucht, mich gequält, um eins zu finden, und in der Verzweiflung, in die Ihr Zorn mich stürzte, in dem furchtbaren Gefühl, etwas vollbringen zu müssen, das …“

„Weshalb alle diese Worte, Landeck?!“ unterbrach ihn Malwine rasch und tief aufathmend, „ich verlange ja das Alles nicht zu hören. Sie thaten, was Sie berechtigt waren, zu thun. Ich hatte Ihnen ja,“ sie sprach die Worte sehr leise, „ich hatte Ihnen ja mein Gefühl für Sie verrathen. Und darum durften Sie reden. Eine ehrliche Frau offenbart nicht ihr Gefühl; sie giebt nicht ihr Herz, ohne sich selbst zu geben. Wenn ich Ihnen in einem Augenblicke stürmischer Erregung mein Gefühl für Sie zeigte, wußten Sie auch, daß meine Hand Ihnen gehörte. Und hier, hier ist sie.“

Landeck war keines Wortes mächtig. Er blickte sie einen Augenblick an, als traue er seinem Ohre, seinen Sinnen nicht, und dann kniete er vor ihr nieder und küßte ihre Hand, auf die seine Thränen niederfielen.

„Welche Wendung für uns Alle diese eine Stunde enthält!“ rief hier Gottfried Escher, während die Anderen erstaunt und überrascht ihrer erregten Theilnahme in eben so lebhaften Ausrufen und gerührten Glückwünschen Luft machten.

„Aber mein Gott,“ sagte plötzlich Landeck aufspringend, „wie darf ich – Sie, die reiche Malwine, und ich, der arme – –„

„Trösten Sie sich darüber, Landeck!“ unterbrach ihn bitter lächelnd Gottfried Escher, „arm werden wir Alle bald sein, wenn diese Arbeitseinstellung lange dauert …“

„Das aber, das soll sie nicht,“ sagte hier sein Bruder Gotthard mit düsterer Entschlossenheit. „Das ist jetzt meine Sache, Gottfried, und verlaß’ Dich darin auf mich! Ihr soll ein Ende werden.“

Er war aufgesprungen, alle seine Bewegungen zeigten wieder die frühere eiserne Kraft des Mannes und seine Züge die tödtlichste Entschlossenheit. „Es sind,“ fuhr er fort, „genug unter ihnen, die gern fortarbeiten möchten, aber sie haben nicht den Muth, denn die Andern, die wissen, daß der ganze Anschlag zusammenfällt, wenn nicht Alle bis auf den Letzten zusammenstehen, haben sie mit dem Tode bedroht. Den Muth wollen wir ihnen geben; ich und Rudolph werden sie zusammenbringen und ihnen zeigen, wie wir die Arbeit wieder mit denen beginnen, die sich uns anschließen, und die Todtschläger mögen dann kommen, wenn sie Lust haben!“

Der alte Mann nahm seinen Hut und steckte eine Waffe zu sich, auch Rudolph that so, und Beide eilten davon, den Fabrikanlagen zu. Gottfried Escher folgte ihnen. Er sah, wie sie mit einer Gruppe Arbeiter zusammenstießen und mit ihnen in lebhaften Wortwechsel geriethen. Nach einer Weile theilte sich die Gruppe; mehrere gingen nach verschiedenen Seiten auseinander, aber beinahe ein Dutzend folgte dem alten Gotthard und seinem Sohne nach den weiter oben liegenden Gebäuden von Bartels und Söhnen.

Escher schritt jetzt, um eine Centnerlast erleichtert, seiner Villa zu. Er wußte, daß in einer Sache wie diese nur der Anfang schwer ist und daß der ganzen Agitation jetzt der Kern ausgebrochen war. Und in der That zeigte sich schon am andern Tage der Einfluß, den sein Bruder durch seine Persönlichkeit auf die Arbeiter ausübte, und die Macht seines Beispiels siegreich. Von Herrn Escher’s Leuten stellte sich ein volles Drittel schon am folgenden Morgen bedingungslos zur Arbeit ein, und der Rest kam im Laufe der zwei folgenden Tage. Ein wenig länger hatten Bartels und Söhne zu warten und zu verhandeln, doch war am Ende der Woche auch hier Alles ausgeglichen. Gegen Gotthard Escher und den Werkmeister Rudolph als Verräther, als Treulose, als Judasse war dann freilich am nächsten Sonntage in den Schenken viel Eiferns, Drohens und Schimpfens. Dabei und bei einigen mit allen möglichen Arten des grausamsten Todes drohenden anonymen Briefen blieb es dann aber.

Herr von Maiwand reiste schon am nächsten Tage ab, nachdem er sich in der That das boshafte Vergnügen gemacht, die Verwaltung des betreffenden als eventueller Erbe eingesetzten Waisenhauses brieflich von der bevorstehenden Vermählung der Frau Malwine von Haldenwang mit dem Herrn Landeck zu benachrichtigen. Malwine von Haldenwang ging darüber leicht hinweg. Als ihr der Diener ein Schreiben brachte, welches die Ankunft eines zur Unterhandlung bevollmächtigten Commissars ankündigte, war sie eben beschäftigt, Landeck eine ihrer großen Arien vorzusingen – jetzt sang sie ihm und ließ ihn gern die ganze Gewalt ihrer mächtigen Stimme empfinden. Sie ließ sich durch den Brief nicht stören und setzte ihren Gesang ruhig fort; als sie geendet hatte, sagte sie:

„Soll ich Dich nun, da man uns von hier fortsendet, in die rechte Reisestimmung durch Beethoven’s ‚Kennst Du das Land‘ versetzen?“

Landeck schüttelte den Kopf.

„Noch nicht,“ antwortete er lächelnd, „denn wir sind noch lange nicht reisebereit; wir wollen uns doch erst durch eine Verhandlung mit billigdenkenden Leuten dies hübsche Heim sichern, bevor wir ‚ziehen‘! Dein Vermögen in andern Werthen reicht vollständig hin, um von den Herren von der Verwaltung Haus Haldenwang zurückzukaufen, und ich denke, Du giebst mir auch dazu Vollmacht.“

„Zu Allem, was Du willst,“ versetzte sie, „aber Beethoven's Lied singe ich, wenn Du mit Deiner Verhandlung fertig bist, dennoch.“


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Angenblicke