Tristan und Isolde im alten und neuen Liede

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Titel: Tristan und Isolde im alten und neuen Liede
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–7
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Tristan und Isolde im alten und neuen Liede.


Wem hätte das Herz nicht höher geschlagen, wenn er Tristan und Isolde, diese beiden vom bestrickenden Zauber mittelalterlicher Dichtung umflossenen Heldengestalten, neu belebt vom Doppelstrahle der dramatisch-musikalischen Kunst, über die moderne Bühne schreiten sah? Dasselbe Gefühl ästhetischen Wohlbehagens, welches uns heute Richard Wagner's vielbesprochene Oper einflößt, bemächtigte sich einst auch unserer Altvordern derjenigen Dichtung gegenüber, welcher Wagner die Anregung zu seinem berühmten Tonwerte verdankt. Und doch – den Tristan und die Isolde der alten Dichtung, wer kennt sie noch heute? Nur

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Die Gartenlaube (1875) b 005.jpg

Isolde auf der Schloßtreppe.
Nach dem Oelgemälde von Theodor Pixis in München.

[6] wenige Auserlesene; denn die Erzeugnisse der ersten Glanzperiode unserer Literatur sind längst das fast ausschließliche Eigenthum der classisch Gebildeten unter uns geworden, dem großen Publicum aber sind sie seit lange fremd, wie jene poesiedurchwebten Tage selbst, denen dieses sagenumkränzte Liebespaar seine Existenz verdankt. Wir glauben daher nicht zur Unzeit zu kommen, wenn wir im Nachstehenden, sei es auch nur in gedrängter Kürze, eine Orientirung über die Hauptquelle dieser oft bewunderten Liebesmär sowohl nach ihrem stofflichen Gehalte, wie nach ihrem ästhetischen Werthe zu geben versuchen. Diese Hauptquelle aber, auf welche alle späteren Behandlungen des Tristan-Mythus zurückzuführen sind, ist bekanntlich Gottfried's von Straßburg große Dichtung „Tristan und Isolde“.

Fast bei allen Völkern des Abendlandes finden wir schon frühe die Spuren der sinnreichen und echt menschlichen Mär von Tristan und Isolde, welche ursprünglich aus der Phantasie keltischer Stämme hervorgegangen zu sein scheint. Wie es eine schöpferische Eigenschaft des Schönen ist, daß es überall, wo es sich zeigt, anregend und weckend, befruchtend und zeugend wirkt, so vervollständigte sich auch die Geschichte dieser Liebenden bei allen Völkern, zu denen sie kam, immer auf's Neue. Schon vor unserem Dichter haben Engländer, Franzosen und Deutsche den reichen Stoff vielfach behandelt.

Meister Gottfried von Straßburg, über dessen äußeren Lebenslauf uns nur überliefert worden ist, daß er seinen Zunamen von der alten elsässischen Hauptstadt führt und aus dem Bürgerstande hervorgegangen ist, dichtete sein Epos in den Jahren 1207 bis 1210 und zwar nach dem französischen Vorbilde des Thomas von Bretagne. Trotz der Anlehnung an ein bestimmtes Muster muß die Dichtung indessen als eine originale Leistung betrachtet werden; denn Gottfried prägte dem überlieferten Stoffe den Stempel seines eigenen Dichtergenius auf und schuf uns so, indem er die von tiefsinniger Poesie durchwehten mythischen Vermächtnisse einer fernen Zeit mit seinem eigenen Geiste erfüllte und sein edeles, warmes Herzblut belebend in den todten Sagenstoff goß, eine Dichtung von ureigener und dauernder Schönheit und Lebensfülle.

Der Inhalt des Epos ist in Kürze der folgende.

Die Einleitung erzählt die Liebesabenteuer Riwalin's, Königs im Parmenierlande, mit Blancheflur, der Schwester Marke's, des Königs von Cornwallis in England. Riwalin fällt im Kampfe gegen den benachbarten Fürsten Morgan, Blancheflur aber, von ihrem Bruder verstoßen, stirbt nach der Geburt eines Sohnes, der den bezeichnenden Namen Tristan, das heißt: der Traurige, erhält, da er in Trauer gezeugt und in Trauer geboren worden ist.

Der getreue Marschall Rual übernimmt die Fürsorge für den Knaben. Vom siebenten Jahre an läßt er ihn in allen Wissenschaften und Fertigkeiten unterrichten, so daß er mit dem vierzehnten viele Sprachen sprechen kann und in ritterlichen Uebungen erfahren ist. Da fällt er in die Gewalt norwegischer Kaufleute, welche ihn als gute Beute mit sich führen. Als aber ein Sturm sie auf dem Meere überfällt, da setzen sie, von Gewissensbissen gefoltert, den Knaben an der Küste von Cornwallis aus. König Marke hält gerade eine Jagd ab, und dies giebt Tristan Gelegenheit, sich als trefflichen Jäger und Hornbläser zu zeigen. So erwirbt er die Gunst des Königs, der ihn an seinem Hofe freundlich aufnimmt. Inzwischen ist auch der treue Rual, der den Verlorenen überall gesucht hat, zu Tintayol, Marke's Hauptstadt, eingetroffen und klärt den König über Tristan's Herkunft auf. Marke begrüßt ihn als seinen Neffen und schlägt ihn zum Ritter. Die ersten Thaten Tristan's sind, daß er den Tod seines Vaters an Morgan rächt, indem er denselben erschlägt und Cornwallis von einem Tribute an Irland befreit, der in der Lieferung von dreißig schönen Knaben besteht. Er erreicht dies, indem er Morolt, den Eintreiber des Tributes, im Zweikampfe tödtet. Aber Tristan ist durch einen vergifteten Pfeil des Gegners verwundet worden. Heilung kann ihm nur Morolt's Schwester, die weise und zauberkundige Königin von Irland, schaffen. Als Spielmann und unter dem Namen Tantris begiebt er sich nach Irland und findet durch die Königin die ersehnte Heilung. Zum Danke ertheilt er deren Tochter, der blonden Isolde, Unterricht im Saitenspiele und kehrt dann nach Cornwallis zurück. Seine Schilderungen von der schönen Isolde erwecken in dem greisen König Marke den Wunsch, die liebreizende Jungfrau zur Gemahlin zu haben. Tristan begiebt sich daher als Freiwerber seines Onkels wieder nach Irland, und nachdem er einen gewaltigen Drachen, welcher das Land verwüstet, getödtet hat, geht er mit der schönen Isolde als Marke's Braut zu Schiffe.

Hiermit hebt in der Dichtung der wichtigste Moment und zugleich die Wendung zum Tragischen an. Die Königin hatte nämlich ihre Nichte Brangäne, welche Isolde begleitet, einen Liebestrank mit der Weisung mitgegeben, denselben am Hochzeitsabende in das Getränk der Neuvermählten zu mischen. In Folge eines Irrthums trinken Tristan und Isolde während der Reise von dem verhängnißvollen Zaubertranke und entbrennen in gegenseitiger Liebe. Die Vernunft in ihnen unterliegt der Leidenschaft, und nun beginnt nach der Vermählung des Königs Marke mit Isolde eine schmähliche Täuschung des Alten, hinter dessen Rücken das Liebesverhältniß Tristan's mit der schönen Irländerin sich lange ungestört fortspielt, bis Marke endlich doch Verdacht schöpft. Unter der Schilderung von mancherlei Abenteuern, welche die Liebenden zu bestehen haben, nimmt die Dichtung ihren Fortgang: Marke verbannt Beide mehrmals von seinem Hofe und ruft sie, von Zweifeln an ihrer Schuld bewegt, immer auf's Neue wieder zurück. Längere Zeit führen sie ein märchenhaftes Liebesleben in der Wildniß. Endlich verrathen die Liebenden sich vollends durch eine Unvorsichtigkeit, und Tristan muß vor dem Zorne Marke's fliehen. Auf seinen Wanderungen gelangt er an den Hof des Herzogs von Arundel, wo er in dessen Sohne Kahedin einen Freund findet. Dieser hat eine schöne Schwester, welche ebenfalls Isolde heißt und wegen ihrer schneeweißen Hände den Zunamen Weißhand führt. Ihre unwiderstehlichen Reize umstricken den vor Sehnsucht nach der ersten Geliebten fast sinnverwirrten Tristan mit dämonischer Gewalt, und in seinem erregten Gemüthe fließen die Gestalten der beiden Isolden zu einer zusammen. Da ergreifen ihn im Gefühle seiner Treulosigkeit gegen die Jugendgeliebte schwere Qualen des Gewissens. Indem der Dichter diesen peinvollen Zustand Tristan's schildert, bricht er sein Gedicht plötzlich ab. Man weiß nicht, ob der Tod oder eine andere Ursache ihm die Feder aus der Hand nahm.

Gottfried's Dichtung fand zwei Fortsetzer, den einen um 1250 in Ulrich von Türheim, den anderen im letzten Drittel desselben Jahrhunderts in Heinrich von Freiberg. Beide weichen in ihren Fortsetzungen in manchen Punkten voneinander ab. Den Grundzügen nach aber lassen sie die Liebesmär folgendermaßen enden: Tristan kann den Versuchungen, in welche er sich durch die Liebe zur Isolde Weißhand verstrickt fühlte, nicht widerstehen und vermählt sich mit ihr. Allein diesem Frevel an der ersten Geliebten folgt schnell die Vergeltung auf dem Fuße nach. Sofort nach geschlossenem Bunde fällt ihm die Reue auf's Herz, so schwer, daß er in der Brautnacht, von bangem Zagen des Gewissens ergriffen, sein Weib unberührt läßt. Nachdem dann diese Halbehe eine Zeitlang bestanden und Tristan auf seinen abenteuerlichen Streifereien die andere Isolde noch einmal gesehen und all seine Herzenspein durch ihre süße Nähe doppelt empfunden hat, wird er bei einer Liebesfehde seines Schwagers Kahedin tödtlich verwundet. Im Gefühle seines herannahenden Endes ergreift ihn namenlose Sehnsucht zu seiner ersten Geliebten, der blonden Isolde; er entsendet daher einen Boten nach Cornwallis, dieselbe zu ihm einzuladen, damit sie ihn heile, und giebt ihm den Befehl, wenn er bei seiner Heimkehr die Geliebte mitbringe, ein weißes Segel aufzuhissen, wenn nicht, ein schwarzes. – Die blonde Isolde folgt dem Rufe des Geliebten. Das Schiff naht sich. Auf Tristan's Frage nach dem Segel antwortet die eifersüchtige Weißhand, es wehe ein schwarzes. Augenblicklicher Tod des schwer Verwundeten ist die Folge dieser Bosheit sein Weibes. Die blonde Isolde kommt, vernimmt den Tod des heißgeliebten Mannes, eilt in's Münster, wohin sein Leichnam gebracht worden, und stirbt über dem Geliebten. König Marke holt die Leichen der Liebenden nach Tintayol, läßt sie nebeneinander bestatten und pflanzt auf Tristan's Grab einen Rosenstock, auf das Isoldens eine Rebe. Rosenstock und Rebe verschlingen ihr Gezweig unzertrennlich ineinander; denn selbst im Tode läßt Liebe von Liebe nicht.

So endet die Mär von Tristan und Isolde.

In dem Nachworte zu seiner verdienstvollen Uebersetzung [7] dieser Dichtung hat Karl Simrock trefflich nachgewiesen, wie der Grundgedanke des Gottfried’schen Epos dem Wesen nach derselbe ist, den wir in den Sagen von Pyramus und Thisbe, von Hero und Leander, von Romeo und Julie ausgeprägt finden. Die Liebe kennt in ihrer Einseitigkeit kein anderes Gesetz als das eigene; sie durchbricht, wenn es sein muß, die Schranken der Sitte und der Gesellschaft, und beladen mit dieser Schuld geht sie an sich selbst zu Grunde. In allen diesen Liebessagen enden die Liebenden durch einen Irrthum über den geliebten Gegenstand, und dieser Irrthum erscheint als eine nothwendige Folge ihrer Schuld. „Pyramus ist in demselben Irrthume wie Romeo; er hält die Geliebte für todt, weil er ihr zerrissenes, blutiges Gewand findet. Er mißt sich selbst die Schuld ihres Todes bei und ersticht sich über ihrem Gewande, wie Romeo über Juliens vermeintlicher Leiche das Gift trinkt.“ Thisbe und Julie sterben vor Schmerz an der Seite der Geliebten. Aehnlich ist es mit Hero und Leander, ähnlich mit Tristan und Isolde. Leander stirbt, weil ihm mit der Fackel Hero’s der Stern der Liebe zu verlöschen schien, und dem Tristan bricht das Herz, weil das angeblich schwarze Segel ihm die letzte Hoffnung raubt.

Von modernen Dichtern ist die Geschichte von Tristan und Isolde mehrfach bearbeitet worden. Der tiefsinnige Immermann, geeignet wie kaum ein Zweiter für die Umdichtung dieses alten Stoffes im Sinne der modernen Anschauungen, starb über dem unvollendeten Werke. H. Kurtz ist es dagegen in jüngster Zeit gelungen, eine treffliche, den Ansprüchen der Neuzeit entsprechende Nachdichtung des Gottfried’schen Epos zu Stande zu bringen. Aber wie das Quellwasser seine metallische Frische am reinsten unmittelbar an der Quelle selbst bewahrt, so sprudelt der Geist kindlich frommer Einfalt, vermählt mit männlichem Ernste, auch in der herrlichen Schöpfung des alten Sängers lauterer und reiner, als in einer der späteren Nach- und Umdichtungen.

Meister Gottfried ist der Goethe des Mittelalters. Ein geborener Realist, lieh er seinen Gebilden die Farben des wirklichen Lebens und zeigte sich stets ebenso kampfesmuthig und schonungslos, wo es galt, gegen Lüge und Anmaßung Front zu machen, wie hingebend und warm, wo er Gutes und Schönes besang. Feinsinnig und zart in der Schilderung von Seelenzuständen, tief und umfassend in der Kenntniß von Welt und Menschen, schwungvoll und fast überreich an Phantasie, maßvoll und melodisch in der dichterischen Sprache, läßt er, um ein wahrhaft großer Dichter zu sein, nur Eines, die künstlerische Bewältigung des gewählten Stoffes, vermissen; denn die Umrisse seines Epos und der einzelnen Theile desselben lassen Präcision und Ebenmaß oft genug entbehren. Allein dieser Mangel, dem wir bei den gleichzeitigen deutschen Dichtern, Hartmann von der Aue etwa ausgenommen, fast durchgängig begegnen, dürfte eben deshalb mehr auf die Rechnung der damaligen Zeit als auf die unseres Dichters zu setzen sein.

Die neueste Nachdichtung der alten Liebesmär von Tristan und Isolde ist eine Tondichtung, die oben bereits erwähnte gleichnamige Oper Richard Wagner’s. Ueber den musikalischen Werth derselben hier zu urtheilen, kann natürlich nicht unsere Aufgabe sein, und auch in Betreff des vom Componisten selbst abgefaßten Libretto’s können wir nur ganz im Allgemeinen erwähnen, daß es in wesentlichen Punkten von der Dichtung Gottfried’s abweicht und derselben gegenüber selbstverständlich einen ziemlich abgeblaßten Eindruck macht.

Der geistvolle Maler, Professor Theodor Pixis in München, durch seine schönen Illustrationen zu deutschen Volksliedern, sowie zu Milton’s „Verlorenem Paradies“ rühmlich bekannt, hat eine „Richard-Wagner-Galerie“ nach seinen Original-Oelgemälden und Cartons in Photographien von Albert in München veröffentlicht, von welchen zwei ihre Gegenstände der Oper „Tristan und Isolde“ entnehmen: „Isolde, den Geliebten erwartend“, und „Isolde an der Leiche Tristan’s“.

Das erstgenannte Bild schmückt die heutige Nummer dieses Blattes. Der Künstler zeigt uns das liebreizende Weib, wie es in der herrlichen Mondnacht auf der alten Treppe des Schlosses dem Geliebten sehnsuchtsvoll mit dem Schleier winkt, nachdem das Zeichen, daß Alles zum heimlich-süßen Stelldichein bereit ist, soeben durch Auslöschen der Fackel gegeben worden.

Mögen die trefflichen Bilder unseres Künstlers, obwohl sie zunächst nur die Werke des modernen Tondichters illustriren wollen, auch das Andenken des alten Sängers in uns auf’s Neue erwecken; denn Gottfried ist werth, daß sein Lorbeer durch die Jahrhunderte hindurch zu uns herüberleuchte, und mit gerechtem Stolze können wir auch auf ihn das Dichterwort anwenden:

„Er war unser“.
E. Z.