Das Eisenbergwerk in Gonzen

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Textdaten
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Autor: Hermann Alexander von Berlepsch
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Titel: Das Eisenbergwerk in Gonzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 485, 487-489
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1860) b 485.jpg

Erzschlitter am Gonzen in der Schweiz.

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Das Eisenbergwerk im Gonzen.
Von H. A. Berlepsch (in St. Gallen).
(Mit Abbildung.)

Ein jähstolziger, wildaufstrebender Schweizerberg, den jährlich Tausende und Tausende deutscher Vergnügungsreisende von der Thal-Ebene aus anstaunen, ohne den Versuch zu seiner Besteigung zu machen, soll den Vorwurf zu nachstehendem kleinen Landschaftsbilde abgeben. Er hat eine doppelte Berechtigung, unter den bevorzugten Genossen seines schönen Heimathlandes genannt und beachtet zu werden; denn nicht nur bietet er von seinem Gipfel aus großartige Umblicke auf einen Theil der östlichen Schweizer Alpen, sondern er hat auch kulturhistorische Bedeutung und antiquarisches Interesse. Dies ist der Gonzen im Canton St. Gallen.

Seit der im Sommer 1858 stattgehabten Eröffnung der vom Bodensee nach Chur führenden Eisenbahn ist das St. Gallisch-österreichische Rheinthal nicht sowohl ein Wanderziel der Touristen, als vielmehr eine beliebte und immer mehr in Aufnahme kommende Route für alle diejenigen geworden, die auf den Allerwelts-Rigi steigen, die viel besungenen Tell-Orte am Vierwaldstätter See besuchen, und von da aus in’s Mekka und Medina der Schweiz – in’s geliebte Berner Oberland pilgern wollen. Und in der That kann derjenige Tourist, der, aus Deutschland kommend, gleich mit beiden Füßen in die volle Alpenpracht hineinspringen und seine Tour möglichst genußreich einrichten will, keinen befriedigenderen und vortheilhafteren Weg wählen, als diesen. Früher, wenn man in Lindau oder Friedrichshafen (wo die bayerischen und würtembergischen Eisenbahnen enden) den deutschen Boden verließ und, vom Dampfschiff über den Bodensee getragen, die Schweiz in Rorschach oder Romanshorn betrat, verfolgte man die sehr gut conservirten, aber nichts weniger als interessanten Straßen durch das ackerbautreibende, fruchtbaumgesegnete, aber ziemlich ebene Thurgau oder durch das Mousselin webende, freundliche Toggenburg, und langte gegen Abend in Zürich an. Jetzt gehen auch durch diese Strecken Eisenbahnen, – aber die Landschaft blieb natürlich die gleiche, wie früher; sie bietet nichts Außerordentliches, um deswillen man doch die weite Reise macht. Wie ganz anders das alpenumragte, von hohen Firnzinken eingeschlossene, ruinengeschmückte, lachende breite Rheinthal! Sofort beim Eintritt eröffnet es eine Reihe von Gebirgsbildern, die ununterbrochen abwechselnd, immer sich verschiebend, umgestaltend und wie dissolving views in neue reizende Landschaften übergehend, zu den malerisch-überraschendsten gehören, welche die Schweiz aufzuweisen hat. Gleich drüben links stufen sich die Vorarlberger Alpen auf, denen dann ein tiefer, ungemein prächtiger Einblick in’s Montafun und auf die zackenreiche Kette des Rhätikon mit den schneebedeckten Kulmen der Scesaplana, des keckgeformten Zimberspitz, des Gallinakopfes etc. bis zum vergletscherten Silvretta-Massiv folgt, während rechts der patriarchalische Sentis mit seinen Vasallen und den beiden Vorposten Kamor und Hoher Kasten, dann später der Alvier, la Gauschla, die Grauenhörner, und ganz in der Perspektive der Kalanda nacheinander aufmarschiren. Heitere, formenschöne Vordergrund-Gruppen beleben die mit hochstengeligem Mais und Weinreben bepflanzte Thalsohle, und halten die Schaulust durch den jagenden Wechsel ihrer Verwandlungen in unausgesetzter Spannung. Und alle diese pittoresken, wandernden Decorationen kann man vom weich gepolsterten Sopha des Waggon aus während der dreistündigen Fahrt bis Sargans an sich vorübergleiten lassen. Darum erkennt das einmüthige Urtheil der gebildeten Reisewelt diese Eisenbahn als eine der an landschaftlichen Genüssen reichsten auf dem ganzen europäischen Continente an.[1]

In Sargans wäre das Ziel für unsere Bergpartie zum Gonzen. – Offen gestanden, für zarte Damen, für altersschwache Herren oder knielahme Männer, für Touristen, die keinen festgenagelten, derben, dicksohligen Bergschuh an den Füßen verleiden mögen, ist unser Gonzen nichts; er verlangt gesunde, steiglustige Beine, etwas Ausdauer im Muskelspiel, leicht athmende Lungenpumpen und frische vernünftige Augen, die, wenn der Weg hie und da ein wenig schmal wird und an einer Tiefe vorüberführt, nicht gleich dem Gehirn schwindelsüchtige Reflex-Komödien vorgaukeln. Wer zu weichlich oder zu schwach ist, folge uns lieber nicht; er bleibe im Wagen und setze seine in ihren Effecten sich immer noch steigernde Reise auf der Eisenbahn längs des Wallensee zum idyllischen Zürichersee fort. – Wem aber oben genannte Requisiten nicht mangeln, wer Proviant an flottem Humor, offenen Sinn für die Pracht der schönen Alpenwelt hat, und vom Wetter begünstigt wird, der nehme den Bergstock zur Hand, etwas zu essen in die Tasche und steige mit uns aus. Mit dem Gonzen macht er eine Vorstudie zur Besteigung höherer Berge.

Da liegt der imposante Koloß mit seiner breiten, wettertrotzigen Felsenstirn, wie ein vorgeschobener Sturmbock, an dem der unbändige Föhn (Südwind) seine Kräfte brechen soll. Er ist eine natürliche Weg- und Wanderscheide, ein dem Touristen von den Alpen aufgeworfenes Fragezeichen, an dessen Fuß drei Schienengleise ineinander münden. Links hinüber geht’s in’s Land der „alten drei Bünde“ im Hohen-Rhätien (Graubünden) nach Chur und über die Berge (Julier, Splügen, Bernhardin) nach Italien, – rechts hinein aber an den felsenumgürteten, rebellisch-wilden Wallensee und in die Urcantone der schweizerischen Eidgenossenschaft. Unwillkürlich fragt jeder Fremde auf dem Sarganser Bahnhofe nach dem Namen unseres Gonzen, denn der Bursch kommt ihm doch zu originell vor. – Denke Dir, lieber Leser, ein weites, rings von hohen Gebirgszügen eingeschlossenes Thaldreieck, an dessen Winkeln sich breite, in der Tiefe duftigblau verschleierte Ausgänge öffnen. In Mitte desselben stehest Du, und drüben an der einen abgrenzenden Wand steigt einige tausend Fuß hoch, ziemlich steil, ein dicht mit Buchen überwaldeter breiter Bergsockel auf. Es ist ein ganz respectabler Gesell, der sich mit vielen der renommirten Höhen- und Aussichtspunkte Mitteldeutschlands messen darf. Aus diesem wächst nun, abermals wieder ein paar Tausend Fuß hoch, senkrecht ein riesiges Felsenfrontispice, kahl, vegetationsentblößt, stolz und starr. Das ist der Gonzen, in dessen Eingeweiden die ältesten Eisenbergwerke der Schweiz und wahrscheinlich aller germanischen Länder sich befinden. Schon vor jenen Zeiten, in denen die Römer sich Helvetiens bemächtigten, und ihre Colonien und Städte (Aventicum = Wifflisburg, Vindonissa = Windisch, Curia Rhätorum = Chur, Arborfelix = Arbon etc.) anlegten, also vor dem vierten Jahrhundert, muß hier Eisen gewonnen worden sein. Denn vor ungefähr dreißig Jahren wurden in unmittelbarster Nähe von Plons, wo gegenwärtig noch das Eisenerz des Gonzen geschmolzen wird, keltische Gräber, aus großen rothen Schieferplatten erbaut, gefunden, und bei den zu Asche zerfallenden Gerippen lagen Eisenschlacken, ein Zeichen also, daß es Eisenschmelzer waren, die hier zur Ruhe bestattet lagen. Wären es Römergräber gewesen, so [488] hätte man sicher Münzen, Thongefäße oder irgend andere, auf weitere Cultur-Entwickelung hinweisende Beigaben gefunden. Denn der Römer verleugnet sich nirgends: wo er seinen Fuß hinsetzte, ließ er irgend ein Denkmal seiner Anwesenheit zurück. Gräber aus der späteren christlichen Zeit können es eben so wenig gewesen sein. da Plons nie eine Kirche und einen Kirchhof hatte, sondern, wie auch noch heute, immer nach Mels eingepfarrt war (was unserem Standpunkte eine Viertelstunde gegenüber liegt).

Außerdem findet man droben im Bergwerk noch Stollen (horizontale Gänge), die mit dem Meißel ausgehauen sind, also aus den Zeiten vor Erfindung des Schießpulvers (13. Jahrhundert) herrühren. Dies ist das eine culturhistorisch sehr interessante Moment. Aber ein zweiter Umstand beschäftigt unsere Aufmerksamkeit in noch höherem Grade. Bei den meisten Bergwerken muß der Grubenmann durch senkrecht niedergehende Schachte erst tief in’s Erdinnere hinabsteigen, ehe er zur Erzader kommt; hier müssen umgekehrt die Bergleute erst 2200 Fuß am Berge hinauf steigen, um geraden Weges in die Stollen einfahren zu können. Dies ist bei den meisten schweizerischen Bergwerken der Fall.

In dieser Höhe herrscht denn ein seltsames, mehr als bei einem anderen Bergwerke an das Märchenschaurige, Sagengeheimnißvolle erinnerndes Treiben. Aber es sind keine Motive aus dem koboldischen Gnomen-Reiche, welches die phantastische Poesie in die unterirdischen Höhlen und Gänge der Bergwerke verlegte, und jedem dieser zwergenhaften Erdmännlein mit langem Bart einen funkelnden Diamant verlieh, den es an der Stirn als leuchtende Lampe trägt, – es sind eher Figuren, die uns aus dem mittelalterlich-unheimlichen Gebiete der goldsuchenden Venetianer und ihrer mysteriösen Verbündeten, aus der zigeunerhaften Waldromantik her bekannt sind, gewissermaßen Reminiscenzen aus dem Faustsagen-Cyklus.

Wir steigen bergauf an dem altersgrauen, auf Felsen stehenden Schlosse Sargans vorbei, durch Wiesen, in denen malerische, tiefbraune Holzhäuser mit steinbelasteten Dächern stehen, und treten in schattigkühlen Buchenwald, Links, drüben überm breiten Seezthal, erschließt sich der Einblick in das schluchtig geöffnete Weißtannenthal und auf die duftig überhauchten Bergweiden der Ragazer, Melser und Flumser Alpen. – Da begegnen wir den ersten Merkmalen des Bergbaues, dem Erzplatz, wo die rothgrauen Eisensteine von den Schlittern abgeladen werden, um durch Pferde- oder Eseltransport hinüber in die Hochöfen von Plons geschafft zu werden. Der waldige Hohlweg wird steiler, dämmeriger. Jetzt kommen Staffagestudien für Landschaftsmaler, wie sie kein Berg der Schweiz schöner und in größerer Auswahl liefert. Zwischen der Säulenhalle der glattrindigen, dichtbelaubten Buchen haben Sturztrümmer, graue Felsenbrocken in allen Größen und Figuren ihre Lagerstätte aufgeschlagen, und überlassen in indifferenter Ruhe es der verschämt jungfräulichen Waldvegetation, sie lebensvoll bunt zu schmücken. Zerstreute Sonnenlichter, welche durch das Blättergewölbe der vollen Laubkuppeln sich einstehlen, um mit den Orchideen und Mairiesli heimlich einen Augenblick zu kosen, fallen in ihrer Strahlenbrechung violett-dämmerig auf den Boden und contrastiren so wunderbar zu der übrigen Farben-Zusammenstellung, daß sie, vom Maler wiedergegeben, als kokette Erfindung, als outrirte Effecthascherei gelten würden.

Was leuchtet dort so schimmernd hell zwischen den weißgrauen Stammsäulen hindurch, wie verborgenes Mauerwerk? Es ist die Waldkapelle in lauschiger Einsamkeit, von grünen Reflexen überzittert. Ein Ort für stille Selbsteinkehr, mag wohl schon mancher der Bergknappen, wenn er auf’s Neue an seinen gefährlichen Broderwerb ging, hier frommer, inbrünstiger gebetet haben, als drunten in der großen Dorfkirche oder bei den Kapuzinern zu Mels. Ungeachtet der vielen hineingehangenen Heiligenbildlein sieht das kleine Gotteshaus weder katholisch noch protestantisch aus; es hat gar keine confessionelle Färbung, sondern erscheint in seiner großen Einfalt wie ein dem Welt-Cultus der Natur errichtetes Heiligthum. Wer Lessings schwärmerisches Bild: „die Kapelle im Walde“ kennt, hat hier ein Original zu dem genialen tiefempfundenen Meisterwerke.

Ein schriller Ton durchfährt den Wald und schreckt uns aus der elegischen Stimmung auf. Er kommt aus dem um eine Felsenecke biegenden Hohlwege herab. Nun mischen sich menschliche Stimmen, Zurufe, hallend hinein, und das knatternde, knirschende Geräusch wird lauter, breiter, voller. Da erscheint droben in der hohlen Gasse ein Mann, braunroth vom Kopf bis zu den Füßen, der mit energischem Kraftaufwande einen Schlitten zurückzuhalten sich bemüht. In wahrhaft athletischen Bewegungen, kämpfend gegen die auf ihn eindringende Schwere, legt er sich in die halbmondförmig aufragenden Schlittenkufen wie der personificirte active Widerstand. Jetzt überwältigt ihn der Druck; mit beiden Beinen stemmt er sich in den aufgewühlten steinigen Sand, daß Staubwolken rundum aufdampfen. Er geht nicht mehr, er gleitet, wie auf der Eisbahn, mit der Last herab; seine dick mit Eisen beschlagenen Holzschuhe durchschneiden das am Boden liegende Geröll wie der Kiel eines Schiffes die Wogen. Jetzt steuert er scharf auf eine Felsenecke zu; dort zerschellt es ihn, wenn er anprallt. Aber trotz der jagenden Hast, mit der der Braune herabkommt, ist er seines Fahrzeuges mächtig; mit lautem Zuruf wirft er die schwere Last herum, die kreischend über die Steine hinschleift. Jetzt sehen wir auch, wem der Zuruf galt; hinter dem mit 20 Centnern Eisenstein beladenen Schlitten ist ein Gehülfe des eigentlichen Schlitters bemüht, die enteilende Last zu hemmen und mittelst schwerer eiserner Ketten die treibende Wucht zu schwächen. Jetzt schleifen sie an uns vorüber, mit freundlichem Gruß unseren Gruß erwidernd. Sie halten an. Es gehören Pferdeknochen und Löwenkraft dazu, täglich zwei Mal die entleerten Schlitten auf den Schultern zwei Stunden hoch hinauf zu tragen, an die Mündungen der Gruben, um dann, ebenfalls zwei Mal, in beschriebener Weise, bei einer Neigung von durchschnittlich 30 Grad, wieder herab zu fahren.

Es gibt sauere Beschäftigungen im Erwerbsleben, die jedes Stücklein trockenen Brodes mit Thränen netzen; aber es gibt wohl kaum eine zweite, bei welcher eine größere Consumtion der Kräfte stattfindet. Wir werden es fühlen, wenn wir wieder hinabsteigen, wie empfindlich der andauernd jähe Fall des Weges unsere Kniee und Schenkel berührt; und doch gehen wir frei, völlig Herr unserer Bewegungen, unserer Zeit, unserer Kräfte. Nun denke man sich das rasend-forcirte Ineinanderstauchen der Knochen, die verzweifelte Anspannung aller Sehnen und Bänder des Schlitters, wenn er seiner ihn drängenden Last mächtig bleiben will. Man sollte glauben, es seien Männer von Stahl und Eisen. Und doch sehen sie gar nicht so herkulisch aus. Sechs Franken (1 Thlr. 18 Ngr.) ist der Tagelohn für je zwei Männer eines Schlittens. Nun wähne man aber nicht, einem todtmüden, lebensmatten, mit der Welt zerfallenen Proletariate, wie dem in den englischen Steinkohlengruben, zu begegnen, dem die Leiden der gesellschaftlichen Stellung mit tiefgeätzten Linien in’s Antlitz gezeichnet sind, – im Gegentheil, es ist ein heiteres, redseliges, lachlustiges Volk, das sich nur immer darüber wundert, wie man eine solche Leidenschaft für die Besteigung der Berge haben könne. Eine kurze Rast in Mitte der im Walde gelagerten Schlitter, wenn sie ihre schweren Fahrzeuge auf Kopf und Schultern wieder bergan tragen, gewährt viel Unterhaltung, vorausgesetzt, daß man ihren Oberländer Dialekt versteht. Mitunter wird man bei der Ankunft von irgend einer Seite her angeredet, ohne den Sprecher entdecken zu können; endlich erblickt das suchende Auge ganz nahe, im rothen dürren Buchenlaub, den in der Farbe gleich rothen Schlitter am Boden hingestreckt, der sammt seinen Cameraden in schallenden Lachjubel ausbricht, uns vexirt zu haben. So gefahrvoll die Beschäftigung ist, so wenig namhafte Unglücksfälle kommen vor; sie scheinen in Gottes besonderer Obhut zu stehen. So ereignete es sich am Dienstag vor Pfingsten (dieses Jahres), daß von der Felswand herunterstürzende Steine einem Manne den auf dem Kopfe getragenen Schlitten total zerschmetterten, ohne ihm selbst den mindesten Schaden zuzufügen.

Nach zweistündigem, ziemlich strengem Steigen durch den Wald lichtet sich’s, und wir gelangen endlich an’s hölzerne Knappenhaus. Alles um und um ist bolusroth, die Wände, die Treppen, das Dach, der Erdboden, der gemüthliche Obersteiger Bärtsch, der uns bewillkommnet, ja sogar der ursprünglich mausgraue Hauskater. Hier wird, will man in eine der drei Gruben einfahren, der Erlaubnißschein des Hütten-Verwalters von Plons abgegeben. Kaffee, Brod und frisches Wasser ist Alles, was Gastfreundschaft an Erquickung bieten kann; darum ist Proviant in der Reisetasche von Nöthen. Während wir an dem prächtigen Niederblick in’s Rheinthal uns erfreuen, kommt die Schaar der Grubenarbeiter eisenklappernden Trittes zum Mittagbrod (11 Uhr). Wie der Müller von seinem Geschäftsbetriebe weiß, der Kaminfeger rußschwarz ist, so feuern diese Leute in hochkupferrother Farbe. Es würde diabolischer [489] Mephistophelismus aus den weißglänzenden Augen leuchten, wenn nicht der gutmüthige Gruß und der von strenger Arbeit ermüdete schwerfällige Gang uns rasch trösteten, daß hier durchaus keine Teufeleien zu befürchten sind. Nicht einmal von Geistern und Unholden werden sie geneckt, denn ihre Gruben sind gesund, werden weder von „bösen und schlagenden Wettern“, noch von Wildwassern heimgesucht, und das feste Gestein (blauschwarzer Kalk) bürgt dafür, daß kein Stollen „nachfällig“ werde. Von einem einzigen traditionellen, geisterhaften Anzeichen wissen sie zu erzählen, das noch in unseren Zeiten repetirt, und dies ist folgendes: Wenn die Knappen im ziemlich unergiebigem Gestein arbeiten und die Oeffnung neuer reichhaltiger Erzgänge bevorsteht, so geschieht es, während sie ahnungslos im Knappenhause beim Essen sitzen, daß vom Bergwerke her, über die Steine bis auf die hölzerne Stiege laute Tritte erschallen, als ob dreißig und mehr Arbeiter mit schweren, eisenbeschlagenen Schuhen sich näherten. Die Knappen springen hinaus – aber Nichts ist zu hören, noch zu sehen, nur der Waldbach rauscht durch die einförmige Stille.

Imposant, schaurig, großartig ist der Eingang zur mittleren Grube. Wir stehen am Fuße der beinahe 2000 Fuß hohen Felsenwand. Diese ist gespalten; eine fast senkrechte Schlucht klafft wie eine riesige Wunde uns entgegen. Nach dem Berg-Innern zu verdüstert es sich geheimnißvoll. Bergdohlen umflattern die Klüfte, in denen sie nisten, mit schwirrendem Geschrei, das wie in einer Kirche wiederhallt. Hoch droben gähnen schwarze, höhlenartige Löcher, und daneben klebt eine dunkele Holzbaracke im Gestein wie ein angebautes Schwalbennest. Das ist die Grubenpforte. Von dieser gleiten in jähen, aus rohen Baumstämmen construirten Rinnen die guten und schlechten Erze polternd hernieder. Hei! glitzert es da wie californische Beute und peruanischer Ueberfluß von den im brennenden Sonnenschein goldgelb flimmernden Schwefelkiesen, diesem hüttenmännischen Unkraute, das alle Metalle im Ofen verdirbt. Wie gar oft im Menschenleben äußerer Prunk und Glanz innere Gehaltlosigkeit und moralische oder geistige Fäulniß verdecken muß, während gediegene Charaktere voll inneren Werthes schlicht, anspruchslos, einfach dahergehen, so auch hier. In der Neben-Rinne kommt das unscheinbare, aber köstliche, gehaltvolle Mangan-Erz herab, das wie hellgrauer Kalkstein aussieht. – Es geht an’s Klettern; steil hinauf, neben der Kluft, führt eine pfadähnliche Zickzacklinie an blühenden gelben Alpenprimeln und feuerroth leuchtenden Eriken (im Volksmunde „Brüsch“ genannt) vorüber, zu einem schmalen Felsenband, und über dieses in die Schlucht hinein. Das ist ein unheimlicher Aufenthalt, der unwillkürlich an Lenau’s Faust erinnert, wo er die erste Bekanntschaft mit dem bösen Geiste macht:

„Da plötzlich wankt und weicht von seinem Tritt
Ein Stein und reißt ihn jach zum Abgrund mit;
Doch faßt ihn rettend eine starke Hand
Und stellt ihn ruhig auf den Felsenrand:
Ein finstrer Jäger blickt in’s Aug’ ihm stumm
Und schwindet um das Felseneck hinum.“

Hier brausen im Winter und Frühjahr die Lauinen mit donnerndem Krachen hernieder und füllen die breite, hohe Schlucht nach und nach mit ihren abgelagerten Schneemassen aus. Kein Bergmann, kein Schlitter würde es wagen, im Winter den Weg, den wir soeben passirten, zurückzulegen. Darum führt im Innern des Bergwerkes ein sogenannter Winterweg von der mittleren Grube zu der hinter dem Knappenhause sich öffnenden vorderen Grube.

Um ein Bild vom Inneren des Grubenbaues zu geben, müßte das, was allen Lesern aus anderen Bergwerksbeschreibungen schon genugsam bekannt ist, wiederholt werden. Lange, nachtdunkele Gänge, bald ganz horizontal, bald etwas steigend oder fallend, der laufende Hund (Grubenwagen) auf den Schienen, dumpfschallendes Hämmern der Arbeiter, wandernde Grubenlichter, donnerndes Knallen beim Sprengen und rasselndes Fallen des Gesteins nach dem Schuß, das Alles ist, wie gesagt, allgemeiner Natur. Nur eine Eigenthümlichkeit verdient Erwähnung. In der Grube Nr. 1, wo hauptsächlich reichhaltiger Magnet- und Rotheisenstein gewonnen werden, ist die Lagerung gen N.-O. abfallend vielfach geknickt und gebogen und darum der Gang der Stollen auch ein wellenförmiges Auf- und Absteigen. In der mittleren Grube dagegen, wo vorherrschend kohlensaures Mangan-Erz exploitirt wird, steht der Gang fast vertical, sodaß die Stollen aus hölzernem Einbau über grausen schwarzen Tiefen, früher abgebauten Gängen, eingesprengt sind. Das Bergwerk wird seit 1824 auf’s Neune durch Herrn Neher von Schaffhausen betrieben und gewinnt jährlich ca. 40,000 Centner 40 bis 60 Procent haltendes Erz.

Um endlich auf die Spitze des Gonzen zu gelangen, bedarf es nochmaligen 11/2stündigen Steigens; erst geht es an einer etwa 50 Sprossen zählenden, in die Felsenwand senkrecht mit Ketten befestigten Leiter hinauf (hierzu bedarf es eines schwindelfreien Kopfes), dann übers Ochsenälpli immer auf Rasenboden und zwischen einzelnstehenden Wettertannen ansteigend zu dem 5643 Fuß überm Meer erhabenen Gipfel (also 100 Fuß höher als der Rigi). Die Aussicht erschließt sich besonders gen Ost und Süd. Die Spitzen, welche man da droben sieht, hier einzeln aufzuzählen, dürfte den Leser wenig interessiren. Wer hinaufgeht, orientirt sich mit Hülfe einer guten Karte bald. Möge rüstigen Alpenfreunden die Besteigung des Gonzen hierdurch angelegentlichst empfohlen sein.




  1. Wer auf seiner Rigi- oder Berner-Oberlands-Fahrt das pompöse Rheinthal profitiren will, dem rathe ich in Rorschach zu übernachten (Krone, Hirsch oder Schiff), – Morgens sechs Uhr mit dem ersten Zug bis Ragaz (wenn er den Gonzen nicht besteigen will, zu fahren, das hochromantische Taminathal bis Bad Pfäffers (1 Stunde) zu Fuß zu gehen, die heißen Quellen zu besuchen, Nachmittags bis Sargans zurück, längs des wildprächtigen Wallensee nach Glarus zu fahren, dort zu übernachten und am andern Tage mit Eisenbahn bis Rapperschwyl, von da per Dampfschiff auf dem Zürichersn nach Zürich. Wer meinen Rath befolgt, wird mir’s Dank wissen.