Das Erdprofil

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Titel: Das Erdprofil
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 219
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1889) b 219.jpg

Schematische Darstellung des Erdprofils.

[218] Das Erdprofil. Französische Gelehrte haben beschlossen, auf der diesjährigen „Weltausstellung“ in Paris einen Riesenglobus auszustellen, dessen Umfang 40 Meter und dessen Durchmesser 12,73 Meter betragen würde. In 24 Stunden soll sich dieser Globus einmal um seine Achse drehen. Ein solcher Globus, auf dem die Strecke von einem Millimeter einem Kilometer aus der Erde entspricht und auf dem Paris einen Fleck von etwa 1 qcm einnehmen würde, kann in der That in einzelnen Theilen eine richtige Anschauung von dem Relief der Erde geben, dem neugierigen Besucher deutlich vor Augen führen, wie winzig die höchsten Bergerhöhungen und die tiefsten Tiefen der Oceane im Vergleich zu der ganzen Erdmasse sind.

Um sich jedoch diese interessanten Verhältnisse klar zu vergegenwärtigen, braucht man nicht nach Paris zu gehen; in anderer und viel vollkommenerer Weise werden sie uns durch das Werk eines deutschen Forschers veranschaulicht, durch „Das Erdprofil“ von Hauptmann Ferdinand Lingg (Verlag von Pilory und Löhle in München). Wie würde wohl „der Erdapfel" aussehen, wenn wir einen Schnitt durch denselben machen könnten. Welches Profil würde uns alsdann die Oberfläche der Erde zeigen, wenn wir uns vor die durchschnittene Erdhälfte hinstellten, wie zackig würden die Berge und die Meere erscheinen? Im Geiste können wir dieses Experiment wohl ausführen und den Durchschnitt durch Eintragung von bekannten Thatsachen beleben.

Schematisch sind schon solche Zusammenstellungen oft gegeben worden, und wir bringen in der beifolgenden Abbildung eine solche. In der Mitte der Tafel sehen wir eine Linie, die den Meeresspiegel darstellen soll. Ueber ihr sind, nach den Erdtheilen geordnet, die hervorragendste Berge der Erde eingetragen in dunkel schraffirten Gruppen. unter „Asien“ finden wir auch den höchsten ständig bewohnten Ort der Erde, Kloster Hánle in Kashmir in 4611 Metern Höhe angedeutet. Ueber dem Atlantischen Ocean schwebt ein Ballonzeichen, es bedeutet die höchste von den Luftschiffern erreichte Höhe. So hoch hat sich Glaisher am 5. September 1862 um 2 Uhr (30 Sekunden) nachmittags verstiegen. Um jene Zeit war es dort über den Wolken recht kalt, denn die Temperatur betrug - 24 1/2 °C. und der Luftdruck nur noch 175 mm, voraus die Höhe, bis zu der Glaisher aufgestiegen war, auf 11272 Meter berechnet wurde. Er hat somit selbst den Adler, den König der Lüfte, und seine gefiederten Verwandten übertroffen, denn man nimmt an, daß der Kondor in den Anden mit 6300 Metern Höhe die Grenze des Vogelzuges erreicht. Hoch über diesen Zeichen sehen wir in der Mitte der Tafel noch eine Linie, welche die untere Grenze des Aufleuchtens der Sternschnuppen bezeichnet.

Unter dem Meeresspiegel zeigt der schraffirte Theil das räthselhafte Innere der Erde. Die dunkle breite Masse bildet nur einen Theil der Erdschale, denn im Vergleich zu den eingetragenen Bergeshöhen etc. ist sie nur 63,7 km tief, beträgt also den hundertsten Theil des Erdradius. Der Leser möge sich noch 199 solche schraffirte Streifen zu dem Bilde hinzudenken, dann wird er die Höhe des Gaurisankar mit dem Durchmesser der Erde vergleichen können.

Auch unter dem Meeresspiegel haben wir einiges eingetragen: zunächst die größten bisher gelotheten Tiefen der Oceane und namentlich die größte bekannte Meerestiefe, die Tuscaroratiefe im Großen Ocean in der Nähe von Japan, die 8513 Meter beträgt; ferner zwei winzige Striche, welche die Grenzen der menschlichen Wühlarbeit bedeuten. es sind dies das tiefste Bohrloch zu Schladebach, dessen Tiefe 1695 Metern[1] beträgt und auf dessen Grunde die Temperatur von 44°C herrscht, sowie der tiefste Schacht, der etwa 1000 Meter tiefe Adalbertschacht zu Pribram in Böhmen. Noch tiefer vermag sich unser Geist zu versenken, wir können nach verschiedenartigen [219] Berechnungen einige Erdbebencentra eintragen – aber wir sind damit an der Grenze unseres Wissens angelangt und wir können nur vermuthen, daß tiefer unten im Erdinnern eine Zone des Schmelzflüssigen vorhanden ist und daß unter ihr in Tiefen, die auf unserer Tafel nichtmehr zu sehen sind, der Eisenkern der Erdkugel sich befindet. Unsere Skizze ist in Anbetracht des Raummangels und der wenigen willkürlich gewählten Eintragungen nur eine äußerst schwache Nachahmung eines wirklichen Erdprofils, und doch wirkt sie bereits in ihrer Einfachheit und Dürftigkeit in vielfacher Beziehung anregend.

Wenn wir aber anstatt dieser Skizze eine wirkliche Zeichnung des Erdprofils ausführen würden, wenn wir die Erde so mitten durchgeschnitten durch die beiden Pole und die Kaiserstadt Berlin uns dächten und dann auf diesem Durchschnitt alles das von Forschungsergebnissen eintragen würden, was der Fleiß der Gelehrten seit Jahrhunderten zusammengetragen hat, müßte nicht eine solche Abbildung des Erdprofils lehrreich im höchsten Grade sein? Eine solche Zeichnung würde gewiß ein förmliches Buch bilden, in dem wir Stunden und Tage lang studiren könnten und aus dem wir eine wirkliche Anschauung von der Größe und dem Bau der Erde erhalten müßten. Nun, eine solche Zeichnung bietet uns eben „Das Erdprofil“ von Ferdinand Lingg. Es umfaßt allerdings nicht den Durchschnitt der ganzen Erde Nordpol bis zum Südpol; denn was hätte wohl Ferdinand Lingg als Erdprofil am Nordpol oder mitten im „dunklen Welttheil“ eintragen können? Doch nur Vermuthungen, denn wir kennen noch so wenig von dem Planeten, auf dem wir wohnen, und nur einen sehr, sehr geringen Theil desselben haben wir wirklich wissenschaftlich erforscht.

Darum mußte sich Lingg Beschränkung auferlegen und giebt uns nur das Erdprofil der Zone von 31° bis 65° n. Br. und zwar in einer Linie, die von Drontheim in Norwegen über Berlin bis nach Tripolis reicht. Dieses Erdprofil bezieht sich aber gerade auf einen der bestdurchforschten Theile unserer Erde und giebt uns darum wahre Thatsachen. Wie in dem geplanten Pariser Globus sind auch hier die Maßverhältnisse derart, daß 1 mm der Zeichnung l km der Wirklichkeit entspricht.

Auf diesem Erdprofil ist nun eine überaus große Zahl von wichtigen Thatsachen eingetragen, welche sich auf den Bau der Mutter Erde und ihre atmosphärische Hülle beziehen.

Jeder Naturfreund, nicht nur der Fachmann, wird diese eigenartige Leistung mit Freuden begrüßen und aus ihr die überraschendste Belehrung schöpfen können. Für denjenigen, der mit den Elementen der Erdkunde bereits vertraut ist, ist das „Erdprofil“ Linggs ein ausgezeichnetes Selbstbildungsmittel, welches ihn aufs nachhaltigste zu weiteren Studien anregen wird.



  1. Neuerdings wird diese Tiefe mit 1716 Metern angegeben