Das Geheimmittelwesen der Gegenwart

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Autor: Eugen Dieterich
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Titel: Das Geheimmittelwesen der Gegenwart
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 416
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wundermittel und ihre Bewertung
Blätter und Blüthen
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[416] Das Geheimmittelwesen der Gegenwart. I. Nachdem durch die immer größere Ausbreitung dieses Handelszweiges ein Schwindel getrieben wird, welcher seines Gleichen sucht, so erlauben wir uns, von Zeit zu Zeit eine kleine Blumenlese unter den am meisten gerühmten Wundermitteln zu halten und durch chemische Analysen und hieraus festgestellte Calculationen zu beweisen, daß derartige Industrielle nur auf die Geldbeutel ihrer Mitmenschen speculiren und sich keine Scrupel machen, für oft sauer verdiente Groschen Allbekanntes oder Wirkungsloses zu bieten.[1]

1) Stollwerk’s Brustbonbons; Hausmittel gegen Husten, Halsübel etc. Geprüft und attestirt von dreiundzwanzig Aerzten, gekrönt durch zwei Preismedaillen. Ist nach der Untersuchung von Wittstein ganz ordinärer Zucker, welchem man durch ein homöopathisches Quantum eines unschädlichen Kräuterabsudes ein mystisches, schmutzig-trübes Aussehen gegeben hat. Das Paquet enthält knapp fünf Loth Bonbons, kostet vier Neugroschen, hat aber incl. Verpackung einen Werth von elf Pfennigen sächsisch. Man kaufe sich dafür ein Pfund ordinären Zucker zu vier Neugroschen, da man auf Spuren eines Kräuterabsudes getrost verzichten kann.[WS 1]

2) Didier’s weiße Senfkörner; helfen gegen nahezu dreißig Krankheiten, welche der jedem Paquete beigegebene Prospect einzeln aufzählt und dabei bemerkt, daß man diese Liste sogar noch vergrößern könne. Dieselben sind ferner bei den Engländern und Amerikanern in dem Maße populär, daß sie die unentbehrlichen „Gesundheits-Sicherheits-Ventile“ derselben bilden. Ist eine gute, ausgesuchte Sorte weißen Senfes, welche pro Centner einen Werth von höchstens acht Thalern, pro Pfund zwei Neugroschen vier Pfennigen beanspruchen kann. Das halbe Paquet enthält ein Pfund und kostet bei uns siebenzehn bis achtzehn Neugroschen; folglich werfen wir bei jedem solchen Einkauf einen halben Thaler zum Fenster hinaus, abgesehen davon, daß sich die meisten unserer Aerzte gegen dieses Mittel aussprechen.

3) Weißer Brustsyrup von G. A. W. Mayer in Breslau; hilft gegen Alles, was Hals und Brust belästigt. Hager und Jacobsen geben nach ihrer Untersuchung folgende Vorschrift: Zehn Pfund Zucker, drei bis vier Pfund Wasser und drei Pfund Rettigsaft werden abgekocht und abgeschäumt, bis der Zucker vollkommen gelöst ist. Die Originalflasche enthält zweiundsiebenzig Loth solchen Saft und kostet zwei Thaler, ist aber nicht den vierten Theil werth, der Wirkungslosigkeit bei so hartnäckigen Uebeln, für welche der Brustsyrup angepriesen wird, gar nicht zu gedenken.

4) Augenessenz von Romershausen; ist nach W. Müller ein weingeistiger Fenchelsamenauszug im Verhältnisse 1–12. Die Originalflasche enthält ein halbes Pfund dieser sehr simplen Tinctur, kostet einen Thaler, ist aber noch keine vier Neugroschen werth.

5) Bergmann’s Zahnwolle. Ist ordinärer Baumwollfaden, in Staniol gewickelt; wird angebrannt, ausgeblasen und der Rauch der glimmenden Wolle in die Nase eingesogen, bis Thränen aus den Augen kommen und der Zahnschmerz aufhört. Kostet zwei und einen halben Neugroschen und ist keinen Pfennig werth. Kann durch jede brennende Lunte oder durch einen glimmenden Holzspahn ersetzt werden.

6) Kornneuburger Viehpulver, ein Pfund sechszehn Neugroschen, besteht nach R. Hofmann aus achtzig Theilen zerfallenem Glaubersalz, zehn Theilen Schwefel, fünf Theilen Calmus und ebensoviel Enzianwurzel. Eigentlicher Werth drei Neugroschen pro Pfund.

Eugen Dieterich.




  1. Besonders empfehlenswerth ist das kürzlich erschienene „Taschenbuch der Geheimmittellehre“ von Dr. G. C. Wittstein. Dasselbe enthält eine Zusammenstellung der meisten bis jetzt untersuchten Artikel. Preis 21 Ngr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. dazu Erklärung von Franz Stollwerck im Heft 33.