Das Gemälde

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Autor: Conrad Ferdinand Meyer
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Titel: Das Gemälde
Untertitel:
aus: Gedichte, Seite 101–104
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von H. Haessel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
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[101]

Das Gemälde.

Trüb brennt der Schenke Kerzenlicht,
Der Wirthin junges Angesicht,
Ermüdet, schlummertrunken,
Nickt auf die Brust gesunken,

5
Denn schon ist Mitternacht vorbei.

Am Schiefertische spielen Zwei,
Die weißen Würfel schallen,
Schlecht ist der Wurf gefallen –
Ein junges wildes Augenpaar

10
Droht aus verworrnem Lockenhaar:

„Das war mein letztes Silberstück!
Doch wenden muß sich jetzt das Glück!
Du, Alter, mußt mir borgen!
Wir spielen bis zum Morgen!“

15
Mit grünen Katzenaugen blitzt

Der Alte, der im Dunkel sitzt:
„Laß dich zu Bette legen,
Die Mutter spricht den Segen!“
Des Jungen Faust zerdrückt das Glas

20
Mit einem Fluch – „Kind, weißt du was?

‚Ein Schlößlein steht auf grünem Plan‘
So fängt ein altes Märchen an.
Ich meine das im Walde,
Hier oben an der Halde.

25
Verschlossen sind die Fenster,
[102]
Drin hausen nur Gespenster

Für den der an Gespenster glaubt –
Sobald das Jahr den Wald entlaubt,
Macht sich der Herr von hinnen

30
Von diesen lust’gen Zinnen –

Schwelgt in der Stadt im Marmorsaal
Und spielt bei luft’gem Kerzenstrahl.
Kling, kling! Ich hör’ es klingen,
Wie goldne Füchse springen …

35
Dein Vater – ward mir recht gesagt? –

War Pächter und ist ausgejagt …
Da weißt du droben ein und aus,
Du kennst den Hund, du kennst das Haus –
Ich borgte mir das Spielgeld frisch

40
Von dieses reichen Mannes Tisch!

Nimm was da liegt, nimm was da steht:
Ein Prunkgeschirr, ein Goldgerät,
Mir darfst du’s gleich verhandeln,
Ich kann’s in Münze wandeln.

45
Von selber öffnet sich der Schrein,

Du müßtest nicht ein Schlosser sein …“
Der Bursche lauscht mit dumpfem Hirn
Dem höllischen Gemunkel,
Ein Schatten steht auf seiner Stirn,

50
Ein Schatten tief und dunkel:

Und wieder leis und lüstern
Beginnt das grimme Flüstern:
„Kurt, sieh den Lauf der Welt dir an!
Was wohl gelingt, ist wohl gethan!

55
Betrachte dir die Thaten

Der großen Diplomaten,

[103]
Die klugen Herrn verstehn den Pfiff,

Ein leiser Schritt, ein sich’rer Griff!
Dann spielt man hübsch Verstecken

60
Und läßt sich nicht entdecken –

Du blickst so wild als wollt’st du mich
Erstechen, Kurt, besinne dich!
Wo suchst du deine Schlüssel, Kurt?
Du trägst den ganzen Bund am Gurt! …“

65
Er stürzt hinaus, empört, bethört,

Die Wirthin, die ihn schreiten hört,
Lallt halb im Traum, sie weiß nicht wie:
„Wie geht’s der Mutter? Grüße sie!“
Er taumelt in die Nacht hinaus,

70
Um seine Stirn fliegt ein Gebraus

Betrunkener Gedanken
Und seine Schritte wanken.
Er stürmt empor die Strecke
Zum Schloß auf Schneees Decke,

75
Das Gitter übersteigt er leis

Und knisternd bricht das Tannenreis,
Er schleicht und nach der Leiter langt
Er, die am Dach der Scheune hangt,
Er steht am Herrenhause schon,

80
Er klettert über den Balkon,

Sein Herz, er hört es pochen
Und hat die Thür erbrochen.
Rasch ist ein Wachslicht angebrannt,
Laut kracht es in der Täfelwand,

85
Ihm steigt das Haar, hin starrt er wild

Und sieht ein farbenlieblich Bild,
Von lichtem Reif umgeben,

[104]
Sich aus dem Düster heben:

Den Schlummer eines Knaben sieht

90
Er, neben dem die Mutter kniet,

Die blauen Augen strahlen licht
Von einer guten Zuversicht,
Nicht kann den Blick er wenden
Von diesen fleh’nden Händen …

95
Da muß mit Thränenbächen

Die harte Rinde brechen –
Dumpf klirrend fällt der Schlüsselbund.
Die Mutter dankt mit frohem Mund.
Er flüchtet über den Balkon,

100
Die Leiter trägt er schnell davon,

Als wandelt’ er auf Gluten –
Und wendet sich zum Guten.