Das Holz und die Bildung

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Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Das Holz und die Bildung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 470-472
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 14 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Vierzehnter Brief.
Das Holz und die Bildung.

Ich habe es oft bemerkt, daß man eine neu ankommende Nummer einer illustrirten Zeitschrift, ehe man zu lesen anfängt, nach den Bildern durchblättert, die man vornehm Illustrationen nennt. Erst wenn dem Auge sein Recht geschehen, kommt der Geist daran. Hat denn aber auch das Auge vor dem Geiste ein Recht? Was meinst Du, Freund? Hat es eins? Ich bin bestimmt der Meinung. Es hat ebenso bestimmt eins, wie die Hausthür ein Recht vor dem Zimmer hat. Die fünf Sinne sind die fünf Hausthüren, durch deren ein Jegliches eintreten muß, was zum Geiste will. Unser Sprüchwort: „was das Auge sieht, das glaubt das Herz“, ist durch und durch Wahrheit; nur ist in demselben der edelste Sinn für alle Sinne gesetzt worden.

Darum erfreuen sich auch illustrirte Bücher und Zeitschriften einer so großen Gunst bei den Lesern. Es ist sicher nicht blos die Freude an den Bildern, [471] es ist mehr noch die geistige Sprache derselben, welche sie durch das Auge mit dem Geiste reden.

Der denkende Leser einer illustrirten Zeitschrift hat gewiß schon manchmal gewünscht, etwas Näheres über die Kunst und die von ihr verwendeten Werkzeuge und Stoffe zu erfahren, welcher er allwöchentlich die neuen, blos für ihn verfertigten Holzschnitte verdankt. Kaum daß ein tagesgeschichtliches Ereigniß oder sonst etwas Neues aufgetaucht ist, so bringt ihm auch schon sein wöchentlicher Freund einen veranschaulichenden Holzschnitt davon.

Die Holzschneidekunst ist in neuerer Zeit mehr denn je ein wichtiges Beförderungsmittel der Volksbildung geworden. Sie scheint sogar die Lithographie hierin überflügeln zu wollen. Allerdings hat sie vor dieser den Vorzug voraus, daß sie, was jene nicht kann, ihre Bilder dem Schriftsetzer mit zwischen seine Lettern und dem Drucker mit unter seine Presse schiebt. Sie schmiegt sich so recht innig an das gedruckte Wort an und hilft ihm dicht an seiner Seite nach, wo es allein nicht ausreicht.

Die Holzschneidekunst ist die Vergeistigung des Holzes, die edelste Verwerthung desselben.


Ist denn aber jede Holzart, oder wenigstens mehrere derselben, dazu brauchbar? Leider nicht. Zu den gröberen Arbeiten, wie Zeuch- und Tapetenformen, genügt wohl das Holz des Apfel- und noch besser des Birnbaumes; aber zu den feineren Arbeiten ist blos das Buchsbaumholz brauchbar. Freilich liefern uns dies nicht die zierlichen Büschchen, welche die Beete Deines Gartens einfassen. In Griechenland, in der Türkei und vorzüglich in Kleinasien wird der Buchsbaum zu einem wirklichen Baume mit einem Stamme von 7–8 Zoll Durchmesser. Schon in Spanien erreicht er eine Höhe von 10–12 Fuß.

Unter allen europäischen Bäumen, so weit sie einen ansehnlichen Stamm bilden. hat der Buchsbaum das feinste und dichteste und also auch das schwerste Holz. Feinheit, Dichtigkeit und Gleichmäßigkeit im Gefüge sind eben die unerläßlichen Eigenschaften eines Holzes, wenn es für die Holzschneidekunst anwendbar sein soll.

Manche unserer harten Holzarten würde sich dazu eignen, wenn sie von gleichmäßiger Beschaffenheit ihres Gefüges wäre. Aber immer sind die einzelnen Jahreslagen, aus denen bekanntlich jedes Holz besteht, auf ihrer inneren. d. h. nach dem Mark zu liegenden Hälfte weicher, als auf der äußeren. Am größten ist dieser Unterschied bei dem Fichten-, Tannen- und Kiefernholze, in welchem bekanntlich weiche und harte dunklere Schichten abwechseln.

Diesen Fehler nun hat das Buchsholz nicht. Es ist durch und durch von ganz egalem Gefüge und die Jahreslagen gränzen sich nur durch etwas dunklere Gränzlinien gegen einander ab. Seine Farbe ist Dir schon bekannt, denn Du kennst das Buchsholz von anderer Verwendung her, z. B. zu Kämmen, Löffeln, Werkzeuggriffen und vielen anderen Dingen.

Trotz aller Dichtigkeit und Feinheit entdeckt das Mikroskop darin doch unzählige Löcherchen. Diese sind allerdings so fein, daß sie von der Druckerschwärze überdeckt werden und im Abdruck nicht sichtbar bleiben.

Beistehende Figur wird Dir gewiß Vergnügen machen. Sie ist ein Bild von einem Holzstock, so nennt der Holzschneider eine solche Buchsbaumtafel, welcher nicht nur sein Porträt zeigt, sondern auf der rechten Seite auch das mikroskopische Bild seines anatomischen Baues trägt.

Die Gartenlaube (1853) b 471.jpg

Ich will Dir erzählen, wie das Ding entstanden ist.

Von dem Holzschneider ließ ich mir einen recht schönen dicht gewachsenen, feinjährigen nennt es der Holzarbeiter, Stock geben. Er hat genau die Schrifthöhe, daß er mit den Buchstaben in den Rahmen der Buchdruckerpresse paßt. Du siehst die Hirnholzfläche, wie man es nennt, denn nur in diese läßt sich schneiden, ohne daß die Schnitte splitterig werden, was auf der Aderholzfläche der Fall sein würde. Mit einem anatomischen, haarscharfen Messer schnitt ich nun vom Hirnholz und vom Aderholz ein dünnes Blättchen ab, viel dünner als das feinste Postpapier, und brachte sie unter zwei Glastäfelchen, um sie unter dem Mikroskop betrachten zu können. Nun überzog ich, wie man es für den Holzschnitt immer thun muß, die ganz glattgeschliffene Holzfläche mit einer dünnen Schicht von weißer Farbe, damit mich beim Zeichnen und nachher den Holzschneider beim Schneiden die vielen verschiedenfarbigen Jahrgänge nicht störten. Auf diesen weißen Grund zeichnete ich dann das mikroskopische Bild des Hirnholzes I. und des Aderholzes II., bei 500maliger Vergrößerung. Man muß dazu einen sehr harten Bleistift nehmen, damit die Striche fein und scharf werden. Von der nichtbezeichneten Fläche des Holzes wusch ich dann rings um die Zeichnung die [472] weiße Farbe wieder weg, um die Jahrringe sichtbar sein zu lassen.

Nun bekam der Holzschneider den Stock. Man muß einen bis zum Druck fertig geschnittenen Stock sehen, um das Mühsame dieser Arbeit zu begreifen; denn jeder Bleistiftstrich der Zeichnung, der also auf dem Papiere im Druck erscheinen soll, muß erhaben werden und alles Weiße wird herausgeschnitten und gestochen. Ein fertiger Holzstock ist also ein umgekehrtes Petschaft. Auf diesem ist das Bild vertieft und druckt sich im Siegellack erhaben ab; auf jenem ist das Bild erhaben. Zu dieser Arbeit wendet der Holzschneider wenigstens zwanzig verschiedene schneidende und stechende Werkzeuge an.

Nachdem die schwerere Arbeit der beiden anatomischen Figuren erledigt war, blieb dem Holzschneider nur noch die leichte Arbeit, den Stock selbst zu schneiden, um mich so auszudrücken; d. h. er grub mit einem spitzen Grabstichel eine feine Linie jeden Jahresring entlang, so daß wir nun mit Ausnahme dieser Linien das ganze Holz schwarz drucken sehen. Du wirst finden, daß dieses Stückchen Holz über 120 Jahre alt ist.

Nun will ich Dir aber auch einige Erläuterungen zu den beiden anatomischen Figuren geben. Erinnere Dich dabei immer daran, daß Du sie 400 Mal größer siehst als die Wirklichkeit. Du würdest die beiden winzigen Holzblättchen zwischen den beiden Glastäfelchen leicht übersehen haben, so klein sind sie.

Denke Dir das Holz, und das gilt von jeder Holzart, aus lauter unendlich feinen Röhrchen von verschiedener Länge zusammengesetzt. Diese Röhrchen haften in ihren Wandungen fest aneinander. Die einen sind weiter als die andern, dünnhäutiger und fast immer siebartig mit außerordentlich kleinen Löcherchen versehen. Sie sind fast immer die längeren. Man nennt sie Gefäße. Die anderen sind enger, von sehr verschiedener Länge, oft nicht viel länger als weit und selten so lang oder länger als die Gefäße. Auch sie haben fast immer kleine Löcher in ihrer Haut. Das sind die Zellen. Du wirst leicht errathen, welchen Zweck diese Löcher haben, die von je zwei aneinander liegenden Zellen oder Gefäßen immer aneinanderstoßen. Sie dienen beim Aufwärtssteigen des Frühjahrssaftes als kleine Pforten von einem Zellenraum in den andern. Der kleinste Nadelstich mit der feinsten englischen Nähnadel in ein Kartenblatt gemacht ist ein Riese gegen diese Zellenöffnungen. Außer diesem in der Längsrichtung des Stammes verlaufenden Gewebe finden wir in jedem Holze in der entgegengesetzten Richtung, d. h. strahlenförmig von dem Marke nach der Rinde verlaufende. Das sind die sogenannten Markstrahlen oder wie sie der Tischler namentlich am Eichen- und Buchenholze nennt: Spiegelfasern. Sie dienen zur seitlichen Saftverbreitung und ihre Zellenhäute, sie bestehen nur aus wenig verlängerten Zellen, sind daher auch stets durchbohrt, porös.

An dem Querschnitt, I., sehen wir links einen solchen Markstrahl, m; in dem übrigen Gewebe sehen wir die größeren Querschnitte von vier Gefäßen. Eigentlich hätte ich den großen, weißen, von ihnen eingeschlossenen Raum schwarz und darauf die weißen Linien der Jahrringe des Holzes schneiden lassen sollen, dann würde die Figur so ausgesehen haben, wie sich das Ding in der Wirklichkeit darstellt, als ein Stückchen Brüsseler Spitze auf dem Holze liegend, welches durch ihre Löcher durchblickt. Alles Uebrige sind Zellenquerschnitte. In denselben siehst Du mehrere sehr feine einander umgebende Kreislinien und im Mittelpunkte einen kleinen dunkler gesäumten Kreis. Dieser letztere ist der kleine allein übrig gebliebene Hohlraum der Zelle; zwischen ihm und der äußersten Zellenhaut liegen die verschiedenen Schichten – diese deuten eben jene einander umschließenden Kreislinien an – des sogenannten Holzstoffes, der sich nach und nach auf der innern Wand der Zellen eben so abgelagert hat, wie sich inwendig im Weinfasse nach und nach der Weinstein ansetzt. Auf diesem Stoffe beruht namentlich die Schwere und Dichtigkeit des Holzes. An einigen Zellen wirst Du ihn vermissen; sie sind dünnwandig geblieben.

In Figur II. siehst Du dies alles im Längsschnitt, und zwar gleichlaufend mit der Rinde. Daher sehen wir bei m einen Querabschnitt eines Markstrahls; g 1. und g 2. sind zwei Gefäße, an deren jedes sich in der Mitte ein anderes darüber ansetzt, welches durch eine durchbrochene Scheidewand von ihm getrennt ist. Alles übrige sind Zellen und zwar dünnwandigere als die in I., weil ich das Schnittchen von der Splintseite nahm. Daher sehen wir auch die Zellenräume größer und die allerdings schon ziemlich verdickten Wände von den zahlreichen, ebenfalls gespaltenen, Löchern unterbrochen.

Sieh, nun kennst Du das feine harte Holz, worein auch für Dich so manches belehrende und unterhaltende Bild geschnitten worden ist. Das Buchsholz steht in seiner Verwendbarkeit für die Holzschneidekunst (Xylographie) eben so einzig da, wie der Solenhofener Kalkschiefer für die Lithographie, von deren naturwissenschaftlicher Seite ich Dir ein andermal schreibe.