Eine Exekution

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Titel: Eine Exekution
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 468–470
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[468]
Eine Exekution.

Wenn je zwei benachbarte Volksstämme sich recht gründlich hassen, so sind es gewiß die Neapolitaner und Sicilianer, und selbst bei Anlässen, denen alle gegenseitige Beziehungen zwischen beiden Theilen fehlen, verläugnen sich die feindlichen Gesinnungen nicht. Folgender Vorfall, der sich im Sommer v. J. in Palermo ereignete, mag hierfür sprechen.

Paoli, ein Unteroffizier der neapolitanischen Besatzung in Palermo, war wegen eines gröblichen Dienstvergebens vom Kriegsgerichte zum Tode verurtheilt worden.

Die Sicilianer, bei denen die neapolitanischen Soldaten eben nicht im Rufe besondern Muthes stehen, erwarteten voller Spannung den Tag der Exekution, um zu sehen, wie sich ein Neapolitaner beim Sterben benehmen werde.

Die Neapolitaner sahen ihrerseits den Tag nicht ohne Besorgniß nahen. Obwohl, wenn die Begeisterung sie packt, so tapfer als irgend ein Volk der Erde, liegt es doch nicht in ihrem Charakter, dem Tode kaltblütig entgegenzutreten. Wenn nun ihr Kamerad wie ein Feigling starb, so fiel die Schande auf sie alle zurück und der Triumph der Sicilianer war vollständig. Den dergestalt möglichen übeln Eindruck fanden die höhern Offiziere so bedenklich, daß sie sich an den König mit der Bitte um Umwandlung der Todesstrafe wandten. Allein es handelte sich, wie erwähnt, um ein im Dienst begangenes grobes Verbrechen gegen einen Vorgesetzten und der König glaubte der Gerechtigkeit freien Lauf lassen zu müssen.

Ein Offiziersrath wurde zusammenberufen und berieth die bei diesem mißlichen Anlasse zu ergreifenden Maßregeln. Unter andern Vorschlägen tauchte auch der auf, den Verurtheilten im Innern der Citadelle erschießen [469] zu lassen. Dagegen wurde indeß eingewendet, daß hiermit durchaus nichts gewonnen sei, indem eine solche, im Stillen vollzogene Exekution nur dazu dienen würde, die Sicilianer in ihrer boshaften Nachrede, die man gerade fürchtete, zu bestärken. Eine Reihe anderer Vorschläge litt an demselben Uebelstande; man erörterte und verwarf alle, ohne einen gewünschten Ausweg zu finden.

Dazu kam, daß das Benehmen des Verurtheilten der Art war, daß nicht nur die Befürchtung, er möge eines feigen Todes sterben, sich steigerte, sondern daß sie geradezu zur Gewißheit wurde. Seit ihm sein Urtheil eröffnet worden, brachte er die ganze Zeit mit Weinen und Wimmern zu und empfahl sich unaufhörlich der Gnade des heiligen Januarius, der unter den Heiligen Neapels die erste Stelle entnimmt. Es war klar, daß Paoli auf den Richtplatz geschleppt werden mußte und daß er wie ein Kapuziner sterben würde.

Unter verschiedenen Vorwänden hatte man schon mehrere Male den Tag der Exekution verschoben, bis endlich jeder neue Aufschub unmöglich geworden war. Die Offiziere traten zu einer dritten Berathung zusammen, suchten nochmals nach einem Auskunftsmittel, und fanden keins. Schon wollte man auseinander geben, dem Himmel die Sorge für alles Weitere überlassend, als der Regimentsprediger plötzlich sich mir der Hand an die Stirn schlug und erklärte, daß er so eben den von Allen so lange gesuchten Ausweg gefunden habe.

Alle wollten wissen, worin dieser bestände, der Prediger machte es jedoch zur Bedingung, daß er dies vorerst für sich behalten dürfe, da das Gelingen seines Planes von der strengsten Geheimhaltung abhinge. Auf die weitere Frage, ob das Mittel auch sicher sei, versicherte er, mit seinem Kopfe dafür einstehen zu können.

Die Exekution wurde nun auf den folgenden Tag 10 Uhr Morgens festgesetzt, und man bestimmte zu derselben die zwischen dem Pellegrino und Castellamare liegende Ebene, auf welcher sich bequem die ganze Bevölkerung Palermo's ausbreiten konnte.

Am Abende begab sich der Regimentsprediger in’s Gefängniß, wo sich ihm der Verurtheilte, in der Meinung, es handle sich nun um die Vorbereitung zum Tode, laut schreiend und jammernd entgegen warf. Der Gefangene, den man sonst durch die dicken Kerkermauern hindurch winseln gehört hatte, begann aber, nachdem der Prediger einige Zeit mit ihm gesprochen, ruhig zu werden, und als dieser ihn verließ und der Thürschließer wieder eintrat, pfiff der kurz vorher noch so Zerknirschte ein ganz lustiges Liedchen.

„Sieh einmal da,“ meinte der Schließer, „wir scheinen wohl ganz vergessen zu haben, daß wir morgen todtgeschossen werden?“

„Nichts weniger als das,“ versetzte der Soldat, „allein die Beichte hat mir mit Gottes Hülfe wohl gethan, so daß ich nun guten Muths geworden bin.“

„Das ist freilich etwas Anderes,“ gab der Schließer zurück. „Möchten Sie sonst noch etwas haben?“

„Ein gutes Abendessen wäre mir recht,“ entgegnete Paoli.

Seit zwei Tagen hatte er nichts zu sich genommen, so daß er, als man ihm zu essen brachte, wie ein Wolf darüber herfiel, zwei Flaschen Syrakuser dazu trank, sich auf sein Lager warf und dann fest einschlief. Am andern Morgen mußte man ihm fast einen Arm ausreißen, ehe er erwachte, während sonst der arme Teufel die ganze Nacht vor Angst nicht schlafen gekonnt hatte. Noch nie war dem Schließer ein gefaßterer Mensch vorgekommen. In der Stadt hieß es, der Verurtheilte bereite sich auf den Tod wie zu einem Feste vor. Die Sicilianer hegten indeß starke Zweifel und meinten: „Man müsse es abwarten!“

Um sieben Uhr Morgens wurde der Gefangene abgeholt. Er war gerade im Begriff sich anzukleiden, und hatte sich mit seinem frisch gewaschenen Hemd und den sauber gebürsteten Kleidern so stattlich herausgeputzt, als es ein neapolitanischer Soldat nur immer kann.

Paoli hat um die Gunst, daß man ihn nach dem Richtplatz gehen lasse und ihm die Hände nicht binde. Beides wurde ihm gewährt.

Der Marineplatz, wo das Gefängniß lag, war Kopf an Kopf mit Neugierigen besetzt. Als Paoli erschien, grüßte er freundlichst die Menge; von Furcht war in seinem Gesichte nichts zu lesen. Die Sicilianer konnten sich von ihrem Staunen nicht erholen.

Der Verurtheilte schritt, in Begleitung des Korporals und der zur Exekution bestimmten neun Mann, ruhig und fest, ja fast stolz durch die Straßen. Von Zeit zu Zeit begegnete er unterwegs einem Kameraden, dem er mit Erlaubniß seiner Begleitung die Hand reichte, und wenn ihn dabei der Eine oder Andere beklagte, antwortete er mit irgend einem tröstlichen Sprüchlein, wie „das Leben ist ja doch nur eine Reise,“ oder „einmal muß doch gestorben sein,“ und ging dann ruhig weiter.

Die Neapolitaner triumphirten.

Bei einer Weinkneipe angelangt, gewahrte er zwei seiner Kameraden, welche auf die neben der Thür stehende Bank gestiegen waren, um ihn vorüber kommen zu sehen. Er ging auf sie zu, sie boten ihm ein letztes Glas Wein an und bis an den Rand ließ er sich’s füllen. Dann hob er’s mit fester Hand in die Höhe und rief, indem er es austrank, mit eben so fester Stimme: „Auf das Wohl Sr. Majestät unsers gnädigen Königs Ferdinand!“ Selbst die Sicilianer konnten bei dieser Scene ihre Bewunderung dem muthigen Manne nicht versagen.

Man langte auf dem Richtplatze an, und hier, so meinten die Sicilianer würde dieser erkünstelte Muth, der durch eine augenblickliche Aufregung hervorgerufen, schnell zusammenbrechen. Ganz im Gegentheil schien jedoch der Muth des Verurtheilten zu wachsen, als er den für ihn bestimmten Platz erblickte. Er stellte sich selbst auf denselben hin und erbat sich noch als letzte Gunst, daß man ihm die Augen nicht verbinde und er selbst Feuer kommandiren dürfe. Diese Bitte wurde ihm nicht abgeschlagen.

Jetzt nahte sich ihm sein Beichtiger, umarmte ihn, reichte ihm das Kruzifix zum Küssen und spendete ihm einige Worte des Trostes, die jedoch keinen großen Eindruck zu machen schienen. Dann folgte noch die [470] Absolution und der Geistliche entfernte sich, damit das blutige Werk seinen Vollzug nähme.

Der Verurtheilte richtete sich stolz empor, das Gesicht gegen Palermo und den Rücken gegen den Pellegrino gewandt. Der Korporal und die neun Mann machten zehn Schritt zurück, ein „Halt!“ ertönte und sie stellten sich auf.

Dieses feierliches Schweigen herrschte weithin. Der Verurteilte kommandirte mit fester und ruhiger Stimme: „Ladet!“ „Fertig!“ „Feuer!“ und sank bei dem letzten Worte, von sieben Kugeln durchbohrt, ohne einen Laut auszustoßen zusammen.

Die Neapolitaner triumphirten, denn die Nationalehre war gerettet.

Die Sicilianer gingen verstimmt nach Hause, und ärgerten sich, daß ein Neapolitaner so wacker sterben könne. – – –

Wir sind jetzt dem Leser die Mittheilung des Mittels schuldig, durch welches der Regimentsprediger den feigen Neapolitaner so muthig und entschlossen zu machen gewußt hatte. Wie schon erzählt worden, hatte Paoli, als ihn der Regimentsprediger am Abend vorher besucht, gejammert und wehgeklagt, indem er gemeint, das letzte Stündchen sei nun gekommen. Anstatt jedoch den Gefangenen auf den Tod vorzubereiten, kündigte ihm der Prediger an, daß der König ihn begnadigt habe.

„Begnadigt?“ rief Paoli, die Hände des Priesters fassend; „begnadigt?!“

„Begnadigt!“

„Was! ich werde nicht erschossen werden? Was! ich werde nicht sterben? werde am Leben bleiben?“ frug der Gefangene, dem die Kunde kaum glaublich schien.

„Ganz und gar begnadigt,“ versetzte der Priester; „nur hat Se. Majestät um des Beispiels willen eine Bedingung gestellt.“

„Welche?“ frug der Soldat ängstlich.

„Es müssen nämlich alle Vorbereitungen zu der Exekution getroffen werden, gerade so als ob sie wirklich stattfände. Sie werden heute Abend beichten, als ob Sie morgen sterben sollten; man wird Sie abholen, wie wenn Sie nicht begnadigt wären; Sie zum Richtplatz fuhren, wie wenn Sie erschossen werden sollten. Damit endlich auch das Beispiel vollständig sei, wird man sogar auf Sie feuern, allein die Gewehre werden nur mit Pulver geladen sein.“

„Verhält es sich auch gewiß so, wie Sie sagen?“ fragte der Verurtheilte, dem ein Theil dieser Procedur als ganz überflüssig vorkam.

„Welchen Grund könnte ich haben, Sie zu hintergehen?“ entgegnete der Priester.

„Das ist richtig,“ meinte der Soldat. „Also, ehrwürdiger Vater, bin ich begnadigt? Es ist gewiß, daß ich nicht sterben werde?“

„Mein Wort darauf.“

„Nun denn, so lebe der König! der heilige Januarius! die ganze Welt!“ rief Paoli, indem er fröhlich in seinem Gefängniß umhertanzte.

„Ei, ei, was machen Sie, mein Sohn? was stellt das vor?“ rief der Mönch. „Vergessen Sie denn, daß es mir verboten war, Ihnen dieses Geheimniß zu verrathen, und daß Niemand etwas von Dem, was ich Ihnen gesagt, ahnen darf, hauptsächlich aber der Schließer nicht.“

Paoli sah die Richtigkeit des Gesagten ein, kniete nieder und beichtete. Der Priester ertheilte ihm die Absolution. Ehe dieser sich hierauf entfernte, fragte ihn der Gefangene nochmals, ob sich auch Alles wirklich so verhalte, wie er angegeben. Der Priester bestätigte seine Worte wiederum und ging.

Der feige Soldat konnte nun muthig zum Tode schreiten, da er das Ganze für eine Komödie hielt. Der List des Priesters aber war es gelungen, die Nationalehre der Neapolitaner zu retten.