Das Löwenhaus des Mormonen-Propheten und seine Frauen

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Autor: George Stein
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Titel: Das Löwenhaus des Mormonen-Propheten und seine Frauen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 422–425
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[422]
Das Löwenhaus des Mormonen-Propheten und seine Frauen.
Von George Stein in New-York.

Der außerordentliche Eifer, mit welchem gegenwärtig in Washington ein Kreuzzug gegen die Mormonen zur Ausrottung der Vielweiberei gepredigt wird, läßt zwar vermuten, daß noch andere als religiöse und sittliche Gründe denselben erweckt haben; mit um so größerer Sicherheit läßt sich aber annehmen, daß die Tage der Blüthe des Mormonismus im Territorium Utah gezählt sind und daß Brigham Young sammt seinen Weibern und Anhängern beiderlei Geschlechts bald in der Lage sein dürfte, von [423] der ihm so herzlich angebotenen Gastfreundschaft des Präsidenten Juarez von Mexico Gebrauch machen zu müssen. Der schlaue und energische Brigham sucht das ihm drohende Geschick mit aller Macht abzuwenden und bedient sich dazu der verschiedenartigsten Mittel, unter denen die Ertheilung des Stimmrechts an die Frauen und seine Herausforderung des bekannten Geistlichen, des Reverend Dr. Newman, zu einer öffentlichen, im Tabernakel der Salzseestadt abzuhaltenden Disputation über die Berechtigung der Vielweiberei wohl die eigenthümlichsten und zugleich die wirkungslosesten sein dürften.

Dr. Newman hat den ihm hingeworfenen Fehdehandschuh sofort aufgenommen, und das Turnier, in welchem diese im Allgemeinen etwas aus der Mode gekommene Institution

„Durch die Macht der Argumente,
Durch der Logik Kettenschlüsse
Und Citate von Autoren,
Die man anerkennen müsse,“

bekämpft und vertheidigt werden soll, wird demnächst stattfinden. Wer immer aber auch in diesem seltsamen „geistlichen Turnei“ der Sieger bleiben mag, soviel ist gewiß, daß selbst ein unzweifelhafter Sieg Brigham’s nicht sein Schicksal abzuwenden im Stande sein wird. Dem mächtigen Andrange der „christlichen“ Civilisation, welche die unsern Welttheil überspannende Pacific-Eisenbahn plötzlich mit dem Herzen des Mormonismus in so nahe Berührung gebracht hat, wird derselbe nicht zu widerstehen vermögen, und Diejenigen, welche eine öde Sandwüste in ein Paradies verwandelt haben, werden bald der fanatischen Intoleranz des Puritanismus und der Gier nach ihren nunmehr hochcultivirten und werthvollen Ländereien weichen müssen, wie sie diesen selben Verfolgern bereits zweimal das Feld zu räumen gezwungen waren.

Einstweilen erfreut sich der Prophet des „neuen Jerusalem“ seines Lebens im Kreise seiner zahlreichen „schöneren Hälften“, und den vielen Lesern der „Gartenlaube“ dürfte eine Schilderung des Haushaltes dieses merkwürdigen Mannes um so eher willkommen sein, als bis jetzt, soviel ich weiß, außerhalb des „neuen Jerusalem“ noch nichts Verläßliches darüber bekannt geworden ist. Es ist auch in der That nicht so leicht, über diesen Haushalt sichere Daten zu erhalten, denn ein Versuch, in das Innere des „Löwenhauses“, wie der Harem Brigham’s genannt wird, einzudringen, ist mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden. Zwar ist über das „Löwenhaus“ bereits fast ebensoviel geschrieben worden wie über den Harem des Sultans von Constantinopel; indessen zeichnen sich die Schilderungen beider mit dem Schleier des Geheimnisses umgebenen Paläste mehr durch die Phantasie ihrer Verfasser als durch deren Wahrheitsliebe aus. Die Daten dieser Skizze verdanke ich Herrn O. Ditson, einem Gentleman, dessen Zuverlässigkeit über allen Zweifel erhaben ist und dessen Stellung in der Salzseestadt ihm die erwünschteste Gelegenheit zum Sammelm seiner Notizen gegeben hat. Mr. Ditson theilt über die neunundzwanzig Frauen Brigham’s Folgendes mit:

Die einzige Dame, welche jemals zu dem Glauben berechtigt war, die ausschließliche Besitzerin des großen Herzens und der Hand des Propheten zu sein, ist:

Mrs. Young Nr. 1, deren Mädchenname Ann Angell war. Ann Angell ist eine geborene New-Yorkerin, hat nunmehr bereits das fünfzigste Jahr überschritten und während ihrer langjährigen Ehe dem vielverheiratheten Propheten fünf Kinder: Joseph, Brigham, John, Alice und Luna geschenkt. Mrs. Young Nr. 1 ist eine große, würdig aussehende Dame mit eisgrauem Haar, nußbraunen Augen und einem milden und wohlwollenden Antlitz, in welchem sich ein tiefer Kummer, eine trübe Melancholie abspiegeln. Und das ist nur natürlich: ein Herz und eine Hand, auf welche man sich ein ausschließliches Eigenthumsrecht erworben zu haben glaubt, mit achtundzwanzig Colleginnen theilen zu müssen, ist mehr, als ein Weib zu ertragen im Stande ist. Mrs. Young Nr. 1 liebt ihre Kinder auf’s Zärtlichste und bewohnt mit ihnen ein eigenes Haus. Sie war so lange die einzige Gattin Brigham’s, bis

Nr. 2, Lucy Decker Seely, sein für sanftere Gefühle so empfängliches Herz eroberte und er ihr zu Liebe die Polygamie thatsächlich einführte. Lucy zog nämlich mit ihrem Gatten Isaac Seely und ihren beiden Kindern nach Nauvoo, um sich den Mormonen anzuschließen. Mr. Seely fand dies zwar nicht ganz nach seinem Geschmacke, indessen erfüllte er auch diesen Wunsch seiner Frau, wie er ihr Alles zu Liebe that. Lucy sah Brigham, und der erste Augenblick entschied über die Zukunft Beider: sie verliebten sich in einander, Brigham bewies ihr klar und deutlich, daß er ihr eine Rangerhöhung in dieser Welt und die Würde einer Königin in der nächsten verleihen könnte, und Lucy, die so glänzenden Anerbietungen nicht zu widerstehen vermochte, gab dem guten Seely den Laufpaß, ließ sich Brigham „versiegeln“, wie die Trauungs-Ceremonie der Mormonen genannt wird, und lebte fortan mit ihm. Mit Lucy führte Brigham die Polygamie praktisch ein. Mrs. Young Nr. 2 schenkte ihrem Gatten acht Kinder und ist noch immer eine seiner Lieblingsfrauen. Durch besondere Schönheit zeichnet sich diese Dame nicht aus; sie ist klein und corpulent, hat braunes Haar, dunkle Augen, recht freundliche Züge, zarten Teint und kleine Hände und Füße. Lucy ist außer Ann Angell die einzige von Brigham’s Frauen, welche nicht im Löwenhause wohnt. Die Königin der Zukunft unterzieht sich auf dieser Welt einstweilen der Beschäftigung, welche in Anbetracht ihrer einstigen Würde nicht ganz passend erscheint: sie hält nämlich in dem sogenannten „Bienenstock“, von welchem ich noch später sprechen werde, eine Art Kosthaus für die Arbeiter, welche Brigham in seinen Gebäuden und Gärten beschäftigt.

Da Brigham nun einmal glücklich das Eis gebrochen hatte, so setzte er das so erfolgreich begonnene Geschäft mit erneuerter Energie fort und heirathete bald darauf

Nr. 3, Clara Decker. Diese Dame ist Lucy’s Schwester und ebenfalls eine Favoritin des Propheten. Clara ist recht angenehm, intelligent und hübsch, aber von einem etwas beängstigenden Embonpoint. Ihrer Schwester Lucy ist sie in jeder Beziehung überlegen und hat ihren Gatten, dem sie außerordentlich zugethan ist; mit drei Kindern beschenkt. – Mit dem Essen kommt bekanntlich der Appetit, und so heirathete der Prophet auch bald

Nr. 4, Harriet Cook. Harriet ist eine große und schlanke Dame mit hellem Haar, blauen Augen und zartem Teint, aber einer sehr scharfen und spitzen Nase. Wenn ihr gerade nichts in den Weg kommt, ist sie recht angenehm und umgänglich; zu Zeiten aber geht diese zarte und schlanke Dame in einer Art und Weise auf den Propheten los, daß dem armen Manne die Haare zu Berge stehen. Geräth sie einmal in Wuth, so verflucht sie den Propheten mit seiner ganzen Mormonen-Sippschaft und nennt ihn geradezu einen Humbug. Sie hat den Propheten mit einem Sohne beglückt, welcher den beneidenswerthen Ruf hat, der größte Taugenichts in Utah zu sein. So glücklich Harriet den Propheten auch machte, so fühlte er doch bald wieder eine Leere in seinem Herzen und heirathete deshalb

Nr. 5, Lucy Bigelow. Mrs. Young Nr. 5 ist von mittlerer Statur, hat blaue Augen, braunes Haar, eine schön geformte Adlernase und einen hübschen Mund. Sie ist encore jeune, wie die Franzosen sagen, und sehr schön, namentlich im Ballsaale überstrahlt sie ihre sämmtlichen Colleginnen. Dennoch hat sie auf den Propheten sehr wenig oder gar keinen Einfluß und empfängt nur selten seine Besuche. – Um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, heirathete Brigham nach kurzer Zeit

Nr. 6, Iwish. Dieses Weib ist klein und dick, hat sandgelbes Haar, blaue Augen, eine niedrige Stirn und ein blühendes, aber stark mit Sommersprossen bedecktes Gesicht. Brigham heirathete sie eigentlich nur, um ihr die Aufsicht über seine Wäsche zu übergeben, und diesen Posten füllt sie jetzt zur allgemeinen Zufriedenheit aus. – Kommt

Nr. 7 und 8, Martha Bowker: kleine Figur, schwarzes Haar und dito Augen. Da ihre Eigenschaften den Propheten nicht zu fesseln vermochten, so folgte ihr bald Harriet Barney, eine schlanke Dame mit nußbraunen Augen, hellbraunem Haar, einem bildschönen Gesicht und einer seltenen Grazie. Sie ist mild und sanft, blieb aber kinderlos.

Nr. 9, Eliza Burgeß, ist in England geboren, und da ihre Eltern in Nauvoo, wohin sie gezogen waren, starben, so nahm sich Brigham der Waise an, adoptirte, erzog und heirathete sie später, um durch sie wiederholt glücklicher Vater zu werden. Sie hat das Aussehen eines englischen Dienstmädchens: kleine und üppige Figur, große und schwarze Augen, schwarzes Haar und ein zartes rundes Gesichtchen.

Nr. 10 und 11. Elle Rockwood ist ein kränklich aussehendes kleines und hageres Frauenzimmerchen mit hellbraunen Augen und zarter Gesichtsfarbe, und beim Propheten so wenig mehr [424] beliebt, als Susan Snively, die ziemlich alt aussieht, graue Augen, dunkles Haar und dito Teint hat und sich mit Spinnen und anderen Handarbeiten beschäftigt.

Nr. 12, 13, 14 und 15. Jemima Angell, eine Schwester von Young’s erster Gattin, ist von kleiner Statur und ziemlich stark. Brigham besucht diese Dame nur selten, woran ihr auch nicht viel gelegen sein wird, da sie sich ihm nur wegen der Rangerhöhung in der zukünftigen Welt hat „versiegeln“ lassen. – Ihr folgte Margaret Alley. Sie war ein kleines Frauchen mit hellem Haar und blauen Augen und starb im Jahre 1853 mit Hinterlassung von zwei Kindern. Um sich über diesen bittern Verlust zu trösten, heirathete Brigham Mrs. Hampton, ein großes und schönes Weib mit großen schwarzen Augen, üppigem schwarzem Haar und blassem Teint. Von ihrem ersten Gatten hatte sie sechs Kinder, von Brigham dagegen gar keine. Mrs. Hampton schien von vornherein auf ihre Aussichten für die zukünftige Welt nicht viel zu geben, denn sie hat sich dem Propheten nur „auf Zeit“, d. h. für diese Welt, antrauen lassen. Mary Bigelow aber war zwar Young’s Gattin, hat jedoch den Harem verlassen; was aus ihr geworden, ist mein Gewährsmann außer Stande anzugeben.

Nr. 16, Emmeline Free, „das Licht des Harems“, ist ein bildschönes, schlankes und graciöses Weib mit Veilchenaugen und lockigem Haar, in der That „lieblich anzuschaun“. Es ist daher kein Wunder, daß der Prophet, der, wie bemerkt, ein feiner Kenner weiblicher Schönheit ist, große Stücke auf sie hält. Auch Emmelinens Eltern waren schon Mormonen. Seine Liebe zu Nr. 16 hinderte den Propheten jedoch nicht daran, sich bald auch

Nr. 17, Eliza Roxy Snow, zuzulegen. Eliza Roxy ist unter dem ehrenvollen Beinamen „die Dichterin Utahs“ bekannt; sie „macht“ nämlich in Poesie und ist überhaupt ein sehr intelligentes Weib. Auch in ihrem Aeußern hat sie etwas von einem Blaustrumpf an sich: dunkles in’s Graue spielendes Haar, schwarze und durchdringende Augen, eine ziemlich lange und sehr spitze Nase, große und würdevolle Figur. Außer ihren Gedichten, die in Utah sehr beliebt sind, hat Eliza auch zwei Bücher in Prosa geschrieben, deren Inhalt mir leider fremd ist.

Nr. 18 und 19, Zina D. Huntingdon Jacobs, groß mit hellen grauen Augen, lebt nur für ihre Kinder, wie auch Amelia Partridge, ein schönes Weib mit schwarzem Haar, dunklen Augen, dunklem Teint, sich eifrig ihren vier Sprößlingen widmet.

Nr. 20 und 21, Augusta Cobb, verließ eine angenehme Häuslichkeit und die beste Gesellschaft Bostons, welcher sie angehörte, um nach Utah zu gehen und den Propheten zu heirathen. Sie ist ein großes, brillantes und geistvolles Frauenzimmer mit gebieterischen Manieren, welche ihr bei ihrer Königswürde in der nächsten Welt sehr zu statten kommen müssen. Dafür hat es Mrs. Smith, ein altes Weib, vorgezogen, sich dem Propheten Brigham nur „für Zeit“ und seinem Apostel Joe Smith, dessen Conto in jene Welt noch nicht so arg belastet ist, „für die Ewigkeit“ antrauen zu lassen. Eine praktische Frau!

Nr. 22, Clara Chase, hatte dunkles Haar und dunkle Augen und soll ein bildschönes Weib gewesen sein. Sie gebar dem Propheten vier Kinder, von denen noch zwei am Leben sind. Die Aermste soll den Propheten leidenschaftlich geliebt haben, so leidenschaftlich, daß sie wahnsinnig wurde und, als sie eine Nachfolgerin erhielt, starb. – Ueber

Nr. 23, 24, 25, 26, 27 und 28 hat mein Gewährsmann leider nicht das Mindeste zu erfahren vermocht, daher kann ich Ihnen nur noch etwas über

Nr. 29, Amelia Folsom, Brigham’s letzte Frau, mittheilen. Amelia ist etwa dreiundzwanzig Jahre alt und sieht passabel aus: sie hat helles Haar, graue Augen und eine graciöse Gestalt. Sie ist ziemlich blaß, singt und spielt Clavier, ist aber in ihren Manieren mitunter von einer Derbheit, welche sich für eine Königin der andern Welt nicht gut schicken will. Amelia ist stolz und hochmüthig und behandelt den Propheten, mitunter sogar vor fremden Leuten, herzlich schlecht. Dies ist die letzte von Brigham’s Frauen – während ich schreibe; ich möchte jedoch nicht behaupten, daß sie es noch sein wird, wenn diese Zeilen in Deutschland gelesen werden.

Fräulein Selina Ursenbach als Nr. 30 war dem Propheten leider nicht vergönnt – trotz aller Mühe, die er sich gab, diese junge Dame zu erobern. Selina war eine bildschöne junge Genferin, die mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus der Schweiz gekommen war, um hier Musikunterricht zu geben, und in welche sich Brigham sterblich verliebte. Umsonst waren aber all’ seine glänzenden Anerbietungen, ja sogar die sichere Aussicht auf eine so bedeutende Rangerhöhung in dieser und die Würde einer Königin in jener Welt vermochten auf die schöne Schweizerin keinen Eindruck zu machen: sie blieb allen Anerbietungen des Propheten gegenüber taub. Da sie aber bereits lange genug in Utah war, um zu wissen, daß es mit den Werbungen Brigham’s seine eigene Bewandtniß hat und daß er einen einmal gefaßten Plan, wenn er die Macht hat denselben durchzuführen, niemals aufgiebt, so packte sie eines schönen Morgens ihren Koffer und schüttelte den Staub des „neuen Jerusalem“ von ihren Schuhen. Man sieht nun nicht mehr ihr liebliches Antlitz und ihre herrliche Gestalt in dem schönen Theater der Salzseestadt, man hört nicht mehr ihre klangvolle und mächtige Stimme im heiligen Tabernakel – und der arme, alte, in Liebesgram sich verzehrende Brigham irrt einsam und verlassen in den Zimmern und Corridoren des „Löwenhauses“ umher und hat Niemand, der ihm Trost zuspräche, Niemand, der ihn aufheiterte, als höchstens Lucy Nr. 1 und 2, Harriet Nr. 1 und 2, Eliza, Ellen, Susan, Jemima, Margaret Nr. 1 und 2, Hannah, Mary, Emmeline, Eliza Nr. 2, Zina, Amelia Nr. 1 und 2 etc. – Armer, bedauernswerther Brigham!

Nachdem ich dem verehrten Leser eine so ausführliche Schilderung der Frauen Brigham Young’s gegeben habe, wird es für ihn wohl auch von einigem Interesse sein, etwas über die Wohnung dieser Damen und ihre Lebensweise zu erfahren. Und zu diesem Behufe lade ich den Leser zu einem kleinen Spaziergange nach dem nördlichen Theile der Salzseestadt ein, wo sich die von einer acht Fuß hohen und ziemlich dicken Mauer eingeschlossene und ein ausgedehntes Besitzthum bildende Residenz des Propheten befindet. Ein in der Südseite dieser Mauer angebrachtes, sehr großes und von einem aus Stein gehauenen Adler überragtes Thor führt zu einem umfangreichen, zierlich abgetheilten, äußerst sorgfältig gepflegten und in überreicher Fülle von Früchten und Blumen prangenden Garten, in dessen Mitte ein großes Häuserquadrat emporragt. Nachdem man einen breiten und plattgewalzten Kiesweg entlang gegangen ist, kommt man zuerst an die „Zehnten-Office“ und sodann zu demjenigen Gebäude, welch das eigentliche Wohnhaus Brigham’s und seiner Frauen, sein Harem ist und das „Löwenhaus“ genannt wird.

Das Löwenhaus ist zweiundneunzig Fuß lang, zweiunddreißig Fuß breit und drei Stockwerke hoch, es enthält neununddreißig Zimmer und hat dreißigtausend Dollars gekostet. Tritt man von der Südseite aus in das Erdgeschoß, so kommt man in einen breiten, das Gebäude in seiner ganzen Länge durchschneidenden Corridor. Zur Linken dieses Corridors liegen der Speisesaal, die Geschirrkammer, die Küche, das Wasch- und das Schulzimmer; zur Rechten der Keller, die Wohnung des Kutschers, die Speisen- und die Vorrathskammern und eine schöne Halle.

Das zweite und dritte Stockwerk werden ebenfalls von einem sie der ganzen Länge nach durchschneidenden Corridor in zwei Hälften getheilt, und es befinden sich in denselben das Sprechzimmer oder der Salon, welcher hier gleichzeitig als Betsaal dient, und die Wohn- und Schlafzimmer der Damen Young und ihrer Nachkommenschaft. Vergebens würde man in allen diesen Räumen Pracht und Luxus suchen; sie sind zwar sämmtlich comfortable, aber mit mehr als bürgerlicher Einfachheit eingerichtet. Gleich beim Eintritt in das zweite Stockwerk liegt zur Linken das Sprechzimmer vor uns, welches mit seinem eleganten Brüsseler Teppich, seinem Rosenholz-Piano, Mahagoni-Möbeln, großen Spiegeln, mächtigen silbernen Leuchtern, Damast-Gardinen und zahlreichen Vasen mit den ausgesuchtesten und stets frischen Blumen einen überaus freundlichen und gefälligen Eindruck macht.

Dicht neben dem Sprechzimmer liegt Zimmer Nr 2, die Wohnung von Emmeline Free, dem „Licht des Harems“. Diese Dame ist, wie bereits bemerkt, noch immer die Favoritin des Propheten und allein im Stande, ihn, wenn auch nur für Augenblicke, die verführerische und spröde Selina vergessen zu machen, ihr Zimmer ist daher auch mit besonderer Sorgfalt ausgestattet. Dennoch bilden ein einfacher gewirkter Teppich, ein hohes Himmelbett, ein Sopha, ein Tisch, ein paar Stühle, ein Kleiderspind, ein Spiegel und bedruckte leinene Rouleaux sein ganzes Ameublement.

[425] Im Zimmer Nr. 3 wohnt Mrs. Cobb, welche ein prachtvolles Haus und einen sie anbetenden Gatten in Boston verließ, um im „neuen Jerusalem“ mit einem fast ärmlichen Zimmer und dem neunundzwanzigsten Theil eines Gatten – allerdings eines Propheten – fürlieb zu nehmen. Die anderen Zimmer, welche von den übrigen Frauen Brigham’s, ihren Kindern und Dienstmädchen bewohnt werden, zum Theil aber auch leer stehen, sind einander ziemlich ähnlich und mit derselben Einfachheit ausgestattet. Die Damen leben gerade ebenso wie in einem großen Hôtel: sie besuchen einander sehr wenig, und wenn sie ausgehen so verschließen sie ihr Zimmer und nehmen den Schlüssel mit.

Ueberhaupt gleicht das ganze Leben im „Löwenhause“ dem in einem feinen Hôtel, nur daß man in dem letzteren nicht gemeinschaftlich zu beten pflegt. Beim Klange der Glocke versammeln sich jeden Morgen und Abend sämmtliche Bewohner des „Löwenhauses“ im Sprechzimmer; es wird gemeinschaftlich eine Hymne gesungen, worauf der Prophet ein inbrünstiges Gebet spricht. Nach verrichteter Andacht begiebt sich Alles in den Speisesaal, um das Frühstück einzunehmen. Jede Mutter hat mit ihren Kindern einen besondern Tisch, während die kinderlosen Frauen an der gemeinschaftlichen Tafel speisen. In früheren Zeiten speiste der Prophet regelmäßig in Gesellschaft seiner Frauen; jetzt thut er dies jedoch nur selten. Selbstverständlich erhalten Alle dieselbe Kost und haben auch alle Ursache, mit derselben zufrieden zu sein, denn der Prophet hält etwas auf gute Küche und beordert von Zeit zu Zeit einige seiner Frauen zur Führung derselben, die sie so lange verwalten müssen, bis er sie durch andere ablösen läßt. Während des Tages gehen die Frauen aus, nähen, singen, spielen Clavier oder führen ihre Kinder spazieren. Die meisten von ihnen spinnen und weben und färben das von ihnen fabricirte Zeug, und leisten darin so Vorzügliches, daß sie auf ihre Gewebe und Stickereien stolz zu sein alle Ursache haben und es auch sind. Abends geht Alles ohne Ausnahme in’s Theater, in welchem jede der Mrs. Young einen reservirten Sitz hat.

Brigham hält auf gute Zucht, denn er führt über seine Frauen strenge Aufsicht und läßt sie tüchtig arbeiten; aber er entzieht ihnen auch kein Vergnügen; er versorgt sie in liberaler Weise mit Geld, läßt sie bei schönem Wetter ausfahren und ihre Einkäufe besorgen und kleidet sie sämmtlich höchst elegant. Er hält ihnen auch einen Musiklehrer, einen Lehrer der französischen Sprache, einen Tanzlehrer etc.

In der Nähe des „Löwenhauses“ befindet sich der „Bienenkorb“, ein schönes Gebäude, welches fünfundsechszigtausend Dollars gekostet hat, und in welchem früher Brigham’s erste Frau mit ihren Kindern wohnte. Jetzt steht es jedoch unter Aufsicht von Lucy Decker, welche darin eine Art Kosthaus für die von Young beschäftigten Arbeiter eingerichtet hat. – Ann Angell aber, die erste Gattin Brigham’s, vertrauert inmitten ihrer Söhne und Töchter den Rest ihres an Kränkungen und Bitterkeiten so reichen Lebens in einem auf einem Hügel hinter dem „Bienenkorb“ stehenden weißen Hause. – Dies ist der Haushalt des großen Mormonen-Propheten Brigham Young.