Das Mikroskop in der Haushaltung

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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Das Mikroskop in der Haushaltung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33; 37, S. 384-386; 437-438
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 25–26 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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[384]
Aus der Menschenheimath.
Briefe des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Fünfundzwanzigster Brief.
Das Mikroskop in der Haushaltung.
1. Leinen und Baumwolle.


Wenn Du schon eine Frau hättest, mein lieber Freund, so würde ich sagen, daß dieser nebst einigen folgenden Briefen weniger an Dich als an diese gerichtet seien. Da aber der Redensart zufolge „was nicht ist noch werden kann,“ so will ich es ansehen, als läse meine Briefe ein fleißiges Hausfrauchen und säße dabei hinter dem rebenunkränzten Fenster, welches aus Deiner Unterstube über Dein kleines Gärtchen hinweg in die reizende Berglandschaft blickt, in der Dein Dorf liegt.

Nachdem ich Dir schon so Mancherlei erzählt und abgezeichnet habe, wovon ich nur durch das Mikroskop Kunde erhalten haben konnte, so wird es Dich ganz gewiß nicht Wunder nehmen, wenn ich Dir sage, daß die Wirksamkeit dieses wichtigen Instrumentes sich auch bis in das Bereich der Hauswirthschaft erstreckt. Ueberhaupt ist es bei der Bedeutung unserer fünf Sinne für unser ganzes Sein sehr natürlich, daß einem Instrumente, welches den edelsten unserer Sinne schärft, gewissermaßen vervielfältigt, ebenfalls eine hohe Bedeutung zuerkannt werden müsse.

Hoffentlich wird bald auch in Deinen Mauern darüber debattirt werden, ob eingekauftes Leinen, Wollenzeug oder ein seidenes Halstuch auch wirklich reines Leinen, reine Wolle, reine Seide und nicht etwa mit Baumwolle verfälscht sei. Jetzt kümmert Dich dies freilich noch wenig. Aber warte nur, das kommt schon noch! Wenn Dir einmal eine sorgliche Ehehälfte in der Stadt für Dein schweres Geld zu etwas feineren Hemden eine Webe-Leinwand eingekauft haben wird, so wird sie gewiß mit einem kleinen haushälterischen Bangen ausrufen: „ja wenn ich nur gewiß wüßte, ob die Leinewand reines Leinen sei!“

Leider hat in neuerer Zeit die einst so zuverlässige und deshalb in hohen Ehren stehende deutsche Leinenweberei viel von ihrem Credit eingebüßt, weil man dem Leinen so viel Baumwolle beimischt und den Betrug durch künstliche Mittel der Zubereitung zu bemänteln wußte. Diese Täuschung ist oft so vollkommen, daß es nur ein Mittel giebt, dahinter zu kommen, und dieses Mittel ist eben das Mikroskop. Die Chemie erwies sich leider hierin als unzureichend. Es ist vor kurzer Zeit der Fall vorgekommen, daß ein Leinwandhändler in’s Gefängniß gesteckt wurde, weil die Chemie [385] die von ihm für rein verkaufte Leinwand für baumwollenhaltige erklärt hatte, und das Mikroskop ihn wieder in Freiheit setzte, weit es die Leinwand vollkommen rein fand.

Vielleicht wendest Du mir hier ein, ob man denn dafür stehen könne, daß in diesem Falle das Recht oder vielmehr die Wahrheit auch wirklich auf Seite des Mikroskopes und nicht doch vielleicht auf Seite der Chemie sei? Ich antworte darauf mit der zuversichtlichsten Bestimmtheit Nein, denn Du sollst Dich selbst überzeugen, dafern Du anders die Treue meiner Zeichnungen nicht in Zweifel ziehst, daß Leinenverfälschungen durch Baumwolle vom Mikroskop ganz unzweifelhaft dargethan werden, eben so wie Baumwollbeimischungen in wollenen oder seidenen Stoffen.

Die Chemie kann hier deshalb nicht entscheiden, weil die Flachsfaser und die Baumwollenfaser chemisch gleich gebildet sind; beide bestehen aus dem Zellstoff, der Cellulose, wie man den Stoff nennt, der im ganzen Pflanzenreiche die Zellen, wenigstens ihrem wesentlichen Bestände nach, bildet.

Es ist also die Form, nicht die chemische Beschaffenheit, wodurch sich diese zwei wichtigen Arten der Pflanzenzelle unterscheiden, welche milliardenfach zusammentreten, um das ganze menschliche Geschlecht mit Kleidern zu versorgen.

Du mußt Dich daran erinnern, daß beide am Pflanzenkörper ganz verschiedene Stellen einnehmen und unter ganz verschiedenen Verhältnissen sich entwickeln. Die Flachsfaser ist eine echte Bastzelle und liegt in der innern Zellenschicht der Rinde des Leinstengels, während die Baumwollenfaser dem Samenkorn der Baumwollenstaude, Gossypium herbasceum, innerhalb der Samenkapsel als Hülle dient. Das hat die nächste Folge für die Gewinnung beider, daß die Baumwolle fertig aus der aufspringenden Frucht der Baumwollenstaude hervorquillt und nur noch von den Samenkernen, an denen sie fest sitzt, gesondert zu werden braucht; während es bekanntlich viel Arbeit und Mühe kostet, die Flachsfaser aus der Rinde des Flachsstengels rein darzustellen.

So wenig Baumwolle und Flachs, ich meine beide in dem Zustande, in welchen, sie versponnen werden, zu verwechseln und zu verkennen sind – denke nur an die aus krausen feinen Fäserchen bestehende Watte und an den glänzenden Schopf am Rocken, so schwer sind beide in einem Gewebe zu unterscheiden, wenn es namentlich dabei auf eine Täuschung abgesehen ist. Auch ein Faden weißen Leinenzwirnes und feinen baumwollenen Strickgarnes sind kaum zu unterscheiden.

Laß uns nun beide unter dem Mikroskope betrachten, wobei wir Folgendes zu beobachten haben.

Ein Zwirn- oder Garnfaden ist, je nachdem er stark oder fein ist, seiner Dicke nach wohl aus hundert neben einander liegender langen Zellen zusammengesetzt und wenn wir einen ganzen Faden unter das Mikroskop bringen würden, so würden wir ihn zwar so stark wie ein Schiffstau sehen, nimmermehr aber die Beschaffenheit der einzelnen Zellenfasern aus denen er besteht. Wir nehmen also ein Falzbein oder den Rücken eines Messers und zerfasern ihn auf dem glatten Tische, daß er sich an der Spitze in einen langen, zarten Faserpinsel auflöst. Das sind eben die einzelnen, mehr als haarfeinen langen Zellen. Wir bringen nun beide, von einem flächsenen und einem baumwollenen Faden unter das Mikroskop und zwar zwischen zwei Glasplättchen in etwas Wasser, in welchem die Zellen sich klar und schön ausbreiten. Sollten uns dabei zwischen den Fasern Luftbläschen im Wasser stören, so vertreiben wir sie durch Hitze, indem wir mit einem Zängelchen, man nennt es in der Gelehrtensprache eine Pincette, beide Plättchen, zwischen denen sich die Fäden befinden, über eine kleine Spiritusflamme halten, bis das Wasser zwischen den Glasplättchen siedet und die Luft ausstößt.

Die Gartenlaube (1854) b 385.jpg

Die beigegebene kleine Zeichnung soll Dir das Mikroskop ersetzen. Ich habe sie genau nach dem, was mir das Instrument zeigte, gemacht und zwar in zweihundertmaliger Vergrößerung. Du mußt Dir also die aus meinem gezeichneten mikroskopischen Sehfelde erscheinenden Parthien von Baumwollen- und Flachsfasern zweihundert Mal kürzer und schmäler denken, so hast Du ihre natürliche Größe. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, daß Du nicht die ganze Länge von den Zellen siehst, sondern etwa den vierzigsten Theil derselben. Du siehst auch nur einige wenige der unmittelbar nebeneinanderliegenden Zellen der beiden aufgefaserten Fäden, links 8 von dem Zwirnfaden und rechts 6 von dem Garnfaden. Alle erscheinen übereinstimmend glashell und vollkommen durchsichtig und man könnte leicht versucht sein, die Flachsfasern für feine gesponnene Glasfäden zu halten. In der Gestalt finden wir nun aber zwischen beiden erhebliche Unterschiede. Die Zellen des Flachses (F) sind immer straff und gerade, entweder ganz einfach einem feinen Glasfaden gleichend oder innen der Länge nach mit zwei ziemlich dicht nebeneinander verlaufenden Linien bezeichnet.

Was diese zu bedeuten haben, sage Dir die mit dem Sternchen bezeichnete quer durchschnittene Zelle oder Faser – denn die letztere Bezeichnung wird wohl praktischer sein. Du siehst auf dem Querschnitt den inneren Hohlraum der Faser als kleinen Kreis bezeichnet, von dem aus jene zwei Linien durch die ganze Faser verlaufen. Diese Linien sind also die durchscheinenden Grenzen des feinen Kanals, welcher die Faser durchläuft. Dieselbe Faser zeigt Dir auch, daß der durchsichtige glashelle Zellstoff fast die ganze Flachsfaser bildet und nur einen geringen Hohlraum inwendig übrig läßt. Auf diesem Umstande beruht die Festigkeit und Haltbarkeit und auch die Schwere, welche reines Leinen vor baumwollenem Zeuge voraus hat. An vielen Leinenfasern bemerkt man feine Querlinien, welche meist ein wenig schief und in ziemlich regelmäßigen Abständen von einander stehen. Die Bastzellen, als welche ich Dir bereits die Flachsfaser bezeichnete, entstanden im Rindenzellgewebe aus einer Reihe übereinanderstehender kurzer Zellen und jene Querlinien rühren von diesem Ursprunge der Bastzellen her. Fast immer sind auch äußerlich kleine Höcker zu bemerken, welche jenen Querlinien entsprechen. Diese Eigenschaften der Flachsfaser findest Du stets, mögest Du sie nun aus einem neuen Faden Heftzwirns oder aus einem Tischtuch Deiner Urgroßmutter nehmen, was schon tausendmal gebrühet, gewaschen, gebleicht, getrocknet und gemandelt worden ist. Sie ist eben zu fein und fast unzerstörbar, um von den genannten wirtschaftlichen Mißhandlungen verändert werden zu können. Du kannst mit dem Mikroskop heute noch ganz bestimmt entscheiden, daß in frühern Zeiten Leinen eben reines Leinen war. An den Enden laufen die Flachsfasern sehr fein aus und die eine verbindet sich mit der andern zu einem langen feinen Fädchen so, daß sich beider lange feine Enden an einander legen, was Dir die neben dem Buchstaben [386] F stehende Faser zeigt, wo die kleinen Kreise (o) die Enden zweier sich an einanderlegenden Fasern bezeichnen. Ich bemerke Dir noch, daß die seitliche Verbindung vieler Flachsfasern in der Bastschicht des Flachses sehr innig und fest ist und daß darauf die Schwierigkeit guter Flachsbereitung beruht. Wenn Du einen grauen Zwirnsfaden aufdrehst, so sind die einzelnen feinen Fädchen desselben noch nicht die einzelnen Flachsfasern, sondern es sind darin deren drei, vier und mehrere noch zusammengeklebt, wie sie es in der Bastschicht der Flachsrinde waren.

Nun laß uns damit die Baumwollenfaser vergleichen (B). Auf den ersten Blick siehst Du, daß dies keine runden Fasern, sondern zarte Bänder sind, welche sich an mehreren Punkten schraubenförmig umdrehen. Die querdurchschnittene mit dem Sternchen bezeichnete Faser belehrt Dich, daß man sie noch richtiger zarte breit gedrückte Schlauche nennen und einem leeren Spritzenschlauche vergleichen könnte. Sie haben stets einen beträchtlichern Hohlraum als die Flachsfasern, der natürlich ebenfalls breit gedrückt ist. Sie enden ebenfalls, siehe die Zelle neben B, in ein sehr langes und sehr feines Ende. Stets fehlen ihnen die Querlinien und stets sind sie auch etwas breiter als die Flachsfasern.

Es bedarf keiner weiteren Erläuterungen; der Augenschein sagt Dir hinlänglich, wie verschieden die Baumwollenfaser von der Flachsfaser ist, und daß man von der völligen Reinheit bis zu jedem Grade der Verfälschung die Güte der Leinwand mit dem Mikroskop ganz sicher entscheiden kann. In meinem nächsten Briefe will ich Dir dieselbe Beweiskraft der mikroskopischen Untersuchung an der Wolle und Seide zeigen.

[437]
Sechsundzwanzigster Brief.
2. Wolle und Seide.


Um uns zu kleiden, vereinigen sich mit der Baumwollenstaude und dem Lein zwei Thiere, die Seidenraupe und das Schaaf; also Thierreich und Pflanzenreich tragen wenigstens für die europäische Menschheit so ziemlich gleich viel bei, deren Blöße zu decken.

Die Zweckmäßigkeitsgläubigen, welche so anmaßend sind, überall die Natur im Dienste der Menschheit arbeiten zu lassen, finden eine willkommene Nahrung ihres Glaubens durch die Seide. Warum, wozu ist denn den Insekten ihre so wunderbare Verwandlung eigen? Nun, wozu denn anders, als um „den Herrn der Schöpfung“ in Sammet und Seide zu kleiden! Denn kröche der kleine Schmetterling wie das Hühnchen gleich fertig aus dem Ei, so gäb’ es keine Seide. – Freilich denken diese Zweckmäßigkeitstheoretiker daran nicht, daß uns die Geologie und die Versteinerungskunde lehren, daß die Insektenwelt viele Jahrtausende früher auf der Schaubühne des Lebens erschien, als der Mensch. Innere gesetzmäßige Nothwendigkeit gestaltete das Insektenleben gerade so wie es ist, und wir dürfen kaum hoffen, über diesen Nothwendigkeitszusammenhang etwas zu ergründen. Es ist so, wie es ist, und wir machen dabei den Gewinn der Seide. Das sei uns vorläufig genug. Ich sage vorläufig, damit Du nicht etwa glaubest, ich wolle der Wissenschaft hier ihr Forschungsrecht beschränken.

Wenn die Baumwolle und der Flachs aus jenen oft über zolllangen, aber doch immer noch verhältnißmäßig kurz zu nennenden feinen fadenförmigen Zellen besteht, welche wir im Gespinnst tausendfach an- und nebeneinander legen, so ist der Coconfaden eben ein einziger Faden von über 1000 Fuß Länge. Das allein schon bedingt zwei wichtige Eigenschaften des Seidengarns vor dem Flachs- und Baumwollengarne: seinen Glanz und seine Festigkeit. In einem fußlangen Faden Nähseide hast Du vielleicht nur einige wenige Enden der zahlreichen einzelnen Coconfäden, an denen er zusammengedreht ist; in einem gleich langen Flachs- oder Baumwollenfaden dagegen würden wir Tausende von Enden, die der einzelnen Zellen, finden. Du begreifst, wie hierdurch die Seide glänzender und fester sein muß. Ein Faden aus hundert Drähten zusammen angesetzt muß, wenn diese hundert Drähte ununterbrochene Fasern sind, nothwendig viel fester sein, als wenn diese Drähte vielfältig an einander angefügte kurze Fasern sind. Darauf beruht, um diesen freilich kaum nöthigen Beweis einzuschalten,

[438]
Die Gartenlaube (1854) b 438.jpg

die Haltbarkeit des Spinnenfadens, daß er bei aller seiner Feinheit dennoch mehr als tausenddrähtig ist.

Unter dem Mikroskop erscheint der einzelne Coconfaden, deren mehrere Hunderte zu einem Nähseidenfaden erforderlich sind, ganz schlicht, einfach und durchsichtig, überall ziemlich gleich stark und ohne irgend welche Quer- und Längslinien, wie wir sie bei Flachs und Baumwolle fanden. Mein gezeichnetes mikroskopisches Sehfeld zeigt Dir dies (S) deutlich. Du bemerkst aber rechts an dem zweiten Faden eine knieartige Einbiegung. Diese und ähnliche plötzliche Verbreiterungen des Coconfadens rühren davon her, daß die spinnende Raupe den eben ausgelassenen noch weichen Faden an diesen Punkten an dem bereits gesponnenen anheftete, wobei diese Stellen sich etwas abplatteten.

Du siehst, daß nichts leichter ist, als den Seidenfaden mit dem Mikroskop zu erkennen und beigemischte Verfälschungen davon zu unterscheiden. Sie sind eben so gerade, wie die Flachsfasern, an denen wir aber die Querlinien und die durchscheinenden Grenzlinien des innern Zellenraumes fanden [1]; sie sind aber viel gerader als die platteren, oft schraubenförmig gedrehten Baumwollenfasern. Würde uns hier das Mikroskop in Zweifel lassen, so dürften wir nur bei der Chemie anfragen. Salpetersäure löst in wenigen Augenblicken die Seide vollkommen in einen braunen Brei auf, während sie auf Flachs und Baumwolle fast keine sichtbare Wirkung äußert. Auf diese Weise lassen sich verfälschte Seidenstoffe sofort erkennen.

Wir wenden uns von dem Stoffe des Luxus zu dem Stoff des soliden Bedürfnisses. Sieh, wie sonderbar die Wollfaser unter dem Mikroskop aussieht. Eine Menge unregelmäßige, wellenförmige Querlinien bedecken dieselbe und deuten Dir von selbst an, daß sie mit dem Wachsthum der Wollenfaser, oder richtiger des Wollenhaars, in Zusammenhang stehen; denn diese Linien bezeichnen das stufenweise Heraustreten des wachsenden Wollhaares aus der Haut des Schaafes. Da kann natürlich vor dem Richterstuhle des Mikroskops kein Betrug bestehen; er wird unnachsichtig aufgedeckt.

Ich habe zu dem, was hier das Mikroskop Deinem Auge zeigt, nichts weiter hinzuzufügen. Es kam mir ja blos darauf an, Dir die Bedeutung des Mikroskops in der Unterscheidung unserer vier wichtigsten Gespinnststoffe zu zeigen, und da reicht eben für die Wolle ein einziger Blick aus.

Vielleicht vermissest Du den Hanf, den jetzt überhaupt, Dank sei es der Ostsee-Blokade, von aller Welt vermißten. Ich habe ihn aber unerwähnt gelassen, weil er als Gewebestoff von geringer Bedeutung ist. Du wirst ohnehin leicht errathen, daß er, als Bastfaser, dem Flachs fast ganz gleich sein müsse, was er auch ist. Das Mikroskop hat Mühe, beide sicher zu unterscheiden. Gelingt es, mehrere Enden von Hanffaserzellen unter dem Mikroskope zu sehen, so findet man daran meist eine gablige oder dreizackige Theilung, welche die Flachsfaser nie hat.

Ein andermal sehen wir uns vielleicht noch weiter mit dem Mikroskop in den Angelegenheiten und kleinen Verlegenheiten der Haushaltung um.



  1. siehe Nr. 33 der Gartenlaube.