Ein Tag im Krystall-Palaste in Sydenham

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Textdaten
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Autor: B.
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Titel: Ein Tag im Krystall-Palaste in Sydenham
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 386–388
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Tag im Krystall-Palaste in Sydenham.[1]

Wenn bei dieser Julihitze die graden, langen Straßen noch dazu, wie Peter Schlemihl, keinen Schatten haben, wird die Sehnsucht nach dem Luftigen und Grünen, nach dem Schatten kühler Denkungsart zur brennenden Tagesfrage. Also hinaus, hinaus in’s Weite um jeden Preis, wenn’s nicht zu theuer ist! Und wo könnte man die weite, weite Welt in ihrer Schönheit näher und wohlfeiler haben, als im Krystall-Palaste? Nun denn zunächst hinunter nach der Themse, die uns fortwährend mit Tausenden à ein Penny die Person, per Dampf vom West- nach dem Ostende, der London-Brücke, der gewaltigsten Verkehrsschlagader Londons, hinuntertreibt, denn zu Fuße durch die Stadt käme man auf dem Eisenbahnhofe nur halb an: die andere, vielleicht bessere Hälfte würde rein verschwitzt sein. In der vielthorigen Stadt des Brighton-Eisenbahnhofes müssen wir bis zum äußersten Südende vordringen, wo immer blos Geld genommen und nichts herausgegeben wird, also vielleicht dem einzigen Punkte auf der Erde, wo man sich durch das Gesetz souverainster Selbstbestimmung gegen jeden „Wechsel“ verbarrikadirt hat. Man muß grade achtzehn Pence haben, um einen Paß dritter Klasse zur Eisenbahn des Krystall-Palastes, zu ihm selbst und für den Rückweg zu kaufen. Hat Jemand ein größeres Stück Geld, bekommt er eben auch nur den Paß dafür: herausgegeben wird nichts: „no change given“ (hier wird nicht herausgegeben) hängt mit großen, dicken Buchstaben vor der Billet-Verkaufs-„box“, die, fortwährend umwogt von dem wüthenden Wellenschlag der Menge, wie ein Fels im Meere trotzig dasteht, und zu dem Oceane der Menschen zu sagen scheint: Ich bin das Thor zur höchsten irdischen Seligkeit und ein Monopol! Also müßt Ihr Euch Alle nach mir richten! Wozu brauch’ ich Euch denn Geld herauszugeben? Ihr kommt ja doch! Ihr seid ja schon glücklich, wenn Ihr im wüthenden Gedränge einen Platz in den fortwährend hin- und herrasenden Zügen erwischen könnt! Ihr müßt kommen, denn dies ist der einzige Weg zum höchsten Stolze der Kultur dieses Jahrhunderts.

Richtig, da sieht man mit einem Blick, was für ein Despot das Monopol ist, wo es auch auftrete. Menschlicher und richtiger stellen wir uns wohl das ganze Unternehmen in seiner Kindheit in der Lage des Goethe’schen Zauberer-Lehrlings vor: „Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nun nicht los!“ Die Kultur-Genien aller Zeiten und Zonen hier vereinigt, bilden eine solche Anziehungs-Gewalt, daß sie den Direktoren über den Kopf wuchs. Im Innern, in Placirung, Anordnung, Vollendung, überall Krisen der Verlegenheit aus der Fülle des Stoffs, im Aeußern sogar finanzielle Verlegenheit, Fallen der Actien unter Pari, weil zu viel Besucher zugleich zu wenig sind. Zwar sausen die Locomotiven mit langen, vollgepfropften Zügen ununterbrochen hin und her, aber sie können’s nicht leisten. Stets bleiben Hunderte und Tausende zurück, die dann, wie Wahnsinnige, auf den nächsten Zug los- und sich mit Todesverachtung über ihn her- und hineinstürzen, ehe er zur Ruhe kommt. Obgleich er nun gleich wieder umkehrt und vor drei-, vier, fünf andern Zügen, die neue Massen holen, vorbei saust, stehen doch immerwährend unabsehbare Schaaren umher, die immer wieder bis zum nächsten warten müssen. Der Fehler ist freilich sehr einfach und man arbeitet schon stark an gründlicher Heilung. Die eine Doppeleisenbahn reicht eben nicht hin. Man eröffnete insofern zu früh, als man die andere Bahn für die Bewohner des Westendes nicht zur rechten Zeit vollenden konnte. Im nächsten Jahre ist aber dieser Schaden geheilt, und da das Parlament unlängst Oeffnung der Museen, Galerien, Vergnügung-und Erholungsanstalten und Schließung der Branntwein- und Biertempel an Sonntagen (bis auf einige Stunden) beschlossen hat, ist die kleine finanzielle Krisis so gut wie ganz vorüber. Die Verwaltungskosten des Krystall-Palastes sind auf 52,000 Pfund Sterling veranschlagt. Und diese bringt grade oder wenigstens das Sonntags-Publikum: 40,000 Besucher durchschnittlich auf jeden Sonntag vorauszusetzen, ist der Gewalt und Schönheit des Volks-Tempels gegenüber eine sehr mäßige Wahrscheinlichkeits-Rechnung. Der unerschöpfliche Inhalt von Erheiterungs-, Kultur- und Veredelungs-Material erhebt den Krystall-Palast über alle jene „Sehenswürdigkeiten“, die man eben mit einer Inspektion abgethan zu haben glaubt. Man darf ihn entweder nie besuchen, oder muß zum zweiten Male kommen. Und wer ihn zweimal genossen, ist schon verloren für stumpfes Zuhausesitzen, und die Frohndienste unter der faulen, absoluten Herrschaft des Alkohol und Porter-Gambrinus, unter der kein Volk der Erde so tief gesunken ist, als das englische.

Die Eröffnung der Erholungs- und Bildungsanstalten an Sonntagen ist der erste, große, für englische Verhältnisse weltgeschichtlich wichtige Sieg des hohen Krystall-Palastes über die Hochkirche und die Aristokratie. Zwar glaubt man den Sieg theuer erkauft zu haben durch Erweiterung der Magistrats- und Polizeigewalt über das Volk, das sich nun schon um eilf Uhr Abends aus den Trinkhäusern treiben lassen muß, wenn’s nämlich gehen will; aber der Preis ist deshalb nicht zu theuer, weil man ihn wahrscheinlich gar nicht zahlen wird, insofern in ihm eine willkürliche Polizeigewalt liegen würde. Massen-Petitionen, die sich organisiren, werden die zwölfte Stunde retten, die nach der ganzen Oekonomie des englischen Volkslebens unentbehrlich ist für den Tag, und im Uebrigen werden Krystall-Palast, Museen u. s. w. schon selbst dafür sorgen, daß sich das Volk nicht mehr bis Mitternacht in Bier und Gin wegwirft. Die Moral als blühende Polizeitreibhauspflanze gehört eben gar nicht in das sittliche Pflanzenreich: sie ist aus der Fabrik von Draht und farbigem Kattun.

Diese moralische Betrachtung ist schon zu lang für den kurzen Weg bis zum Aussteigen unter der mächtigen Glashalle des Krystall-Palastes, der uns ganz dicht an der Eisenbahn zuerst mit der (noch sehr kahl aussehenden) „geologischen Insel“ begrüßt. Wie klein die vorsündfluthlichen Ungeheuer in den großen Umgebungen aussehen? Sind es Copien von den kolossalen Originalen in ein Zwölftel Größe? Nein, es sind dieselbe selbst, zwölf Mal so groß, als sie aussehen. Ein Paar lebendige Pferde in der Nähe, die nicht größer wie Hasen erscheinen, berichtigten sogleich die optische Täuschung.

Durch verschiedene, in Terrassen sich erhebende Seitenflügel steigen wir endlich in dem eigentlichen Seitenflügel des Palastes hinauf, vor industriellen Ausstellungen, wohlfeilen Eß- und Trink-Anstalten, [387] verschiedenen Abtheilungen der französischen Chokoladen-Compagnie u. s. w. vorbei, bis uns abenteuerliche Landschaftsbilder, von verschiedenen Thier- und Menschenracengruppen bevölkert, hoch überragt von einer Giraffe, und hoch, hoch und in’s Weite, Weite ätherische Melodien von Glas und Eisen und hängenden Gärten und winkenden Statuen und Palmen verkündigen, daß wir in das eigentliche Hauptschiff eingetreten sind. Doch übersehen wir nicht das Nächste, Erste und Wichtigste für einen englischen Kultur-Tempel, die sich an riesigen, langen Marmortafeln zwischen der Giraffe und der englischen Regenten-Halle von Westminster ausdehnende Haupt-Erfrischungs-Anstalt, an welcher am Eröffnungstage für 10,000 Thaler Speisen und Getränke die Feierlichkeit dieses Tages vom Gaumen und Magen aus rühmlich erhöhen halfen. Seitdem ist im Durchschnitt jeden Tag für 6–7000 Thaler Roastbeef, Hummersalat, Pastete, Rheinwein-Gelee, Sherry, Burgunder, Bier und Eis gebraucht worden, um den geistigen Genüssen der Gäste ein materielles, englisch-solides Gegengewicht zu geben. Groß ist der Ruhm der ästhetischen Fülle und Pracht des Krystall-Palastes, aber in seiner Weise das Vollendetste ist die Kunst der Direktoren, für zwei Schillinge à Person Jedem so viel Geflügel, so viel Hummersalat, so viel Pastete, so viel Fisch und Fleisch u. s. w. und so gut verabreichen zu lassen, als man gar nicht wagt, es zu erwarten, so daß der Profit hier nur darin liegen kann, daß die meisten Gäste in ihrem Anstandsgefühl – und dies ist in England in dieser Beziehung bis tief herab ziemlich ausgebildet – von ihrem Rechte, des Guten und Besten so lange zu genießen, als sie irgend Platz dafür im Magen finden, nur den beschränktesten Gebrauch machen. Was uns Deutsche betrifft, so denken und handeln wir in jeder Beziehung selbstständiger und freier, als der Engländer. Der Hummersalat allein, den Jeder von uns gebildeten Berlinern verzehrte, war unter Brüdern seine 1 Thaler 20 Neugroschen oder 5 Schillinge werth. Es war nicht unsere Schuld. Warum war er so geschmeidig und verführerisch in seiner italienischen Eiersauçe zubereitet worden? Und warum meinte es der brave, blühende Deutsche aus dem Lande Mecklenburg, der hier als manager der großen, klassischen Erquickungsmarmortafeln eine dankbarere Anstellung fand, als einst in Baden – so gut mit uns, daß er uns, gerührt durch das Band gemeinsamer Leiden von ehemals, eines gemeinsamen Vater- und Mutterlandes und einer gemeinsamen Sprache, mit guter, alter, mecklenburgischer Treuherzigkeit die feinsten Delikatessen so derb vorlegte, als wären wir homerische Helden nach einer Schlacht mit den Trojanern oder wenigstens Scheffeldrescher. Unserm Werthe nach für das praktische Leben gelten wir zwar nicht so viel, als der letzteren einer, aber wir aßen mindestens so viel. Und letzteres Bewußtsein hat auch sein Gutes.

Man sagt wohl mit dem Franzosen: „Mit dem Essen kommt der Appetit“; ich habe aber immer gefunden, daß er durch Nichtessen noch mehr kommt. Wir hatten nämlich bereits „die große Tour“ durch den Krystall-Palast gemacht, ehe wir zu dem angedeuteten Epikuräismus herabsanken. Solch’ eine „große Tour“ ist aber eine Fußreise um die Welt im Kleinen. Ist doch sogar die eine große Galerie eine ganze englische Meile lang. Die zwei darüber und eine dritte kleinere mußten auch bereist werden wegen der wundervollen weiten Aussichten über das reiche, wellige, waldige, grüne, von Farms und Palästen und Schlössern und Dörfern und Städten dicht besternte Land, diese gefrorne und übergrünte und überkultivirte Musik der Meereswogen. – Das Parterre mit seinen Kunst- und Industrie-Hallen, seinen Tausenden von Statuen und Portrait-Büsten aller großen Männer aller Zeiten und Zonen, seinen kleinen Industrietempeln (als Läden gebraucht), seinen Pflanzen und Blumen, seinen Kolossen und Heroen zu Fuß und zu Pferde aus der realen und idealen Welt, seinen arbeitenden Maschinen am Haupteingange u. s. w. mußte dreimal in der gewaltigsten, geistigen Anstrengung und tropischen Hitze durchwandert werden. Auch der Paxton-Tunnel, die noch im Werden begriffene Stätte für große, arbeitende Maschinen und die warme Blut-Cirkulation für die Pflanzen und die Heizung im Winter bedurfte einer Inspection. So hatten wir etwa gute acht englische Meilen im Innern des Palastes zurückgelegt, als wir uns todtmüde und an Leib und Seele verschmachtet den kühlen, erquickenden Marmortischen, deren Kasse unser Mecklenburger menagirt und deren dienstbare Geister er regirt, am Eingange näherten. Man wird nun begreifen, warum ich diesem wunderbaren Kolosse von unerschöpflicher Speise-Anstalt den ersten und wohl gar den Hauptplatz einräume. Ich thue dies zunächst aus Dankbarkeit im Allgemeinen, zweitens als Engländer, der einen guten Tisch weit über alle Herrlichkeiten der Erde stellt, und drittens weil man mit der Zeit alt wird (meine Frau hat mir neulich ein reell graues Haar aus dem Barte gezogen) und somit den Geschmack an idealer Pegasus-Ritterlichkeit verliert, um als gebildeter Philister den Dingen, wie sie sind und schmecken, mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Endlich wäre diese Auffassungsweise auch im Sinne unserer materialistischen Zeit. Ging doch neulich ein ehemaliger tapferer Hanauer so weit, die Leute vor der idealistischen und enthusiastischen Beurtheilung des Krystall-Palastes zu warnen, da er nichts sei als „Humboldt’s Kosmos, übersetzt in ein Universal-Kaffeehaus“.

Nach dem Essen raucht der gebildete Deutsche eine Cigarre mit möglichst gutem Kaffee. Jetzt begann eine lange Leidensgeschichte für uns. Das Departement des Kaffee’s lag in einem ganz fernen Welttheile des Krystall-Palastes, gleichsam unter den Antipoden. Von Sherry und Eiswasser erquickt, traten wir unsere Reise an, entdeckten endlich das Land der Bohne und fanden, daß der Kaffee selbst hier schlecht war, wie in ganz England. Und wie schlecht wurde er erst, als wir die Schreckenskunde vernahmen, daß nicht nur überall in der großen, weiten Welt des kosmopolitischen Kunsttempels oder Kosmos-Kaffeehauses das Rauchen verboten sei, sondern auch in dessen zweimeiligem Umkreise, d. h. wenigstens auf den Terrassen draußen. Octavio neben mir blickte schmerzvoll gen Himmel, und ich fühlte eine Armee in meiner Faust, welche die schon abgebissene Cigarre so krampfhaft hielt, daß sie knickte und Seitenlust bekam. Dies vermehrte nur meine Bosheit! Ein Sohn Germania’s und nach Tische nicht rauchen! Das Rauchen im Freien verboten, im freien, großen England mit der baltischen Flotte! Alle subversiven Tendenzen meiner thörichten Jugend wachten in mir auf und ich beschloß endlich, etwas für die Unsterblichkeit zu thun. „Hier vollend’ ich’s, die Gelegenheit ist günstig, dort der Hollunderstrauch verbirgt.“ – Also heimlich rauchen? Nein, die Sonne oben und die 40,000 Menschen auf den Terrassen draußen und auf den Außengalerien oben und die Statue des „Zollvereins“ (zärtliche Mutter mit zwei allerliebsten Kindern, den „kleinen Bambergern,“ wie mein Leidensgefährte sagte) seien Zeuge meiner ersten Heldenthat. Aber wo die Cigarre anstecken, und den Brand der Empörung in Zug bringen? Wir hatten weder Schwamm noch Schwefelhölzer und von allen Völkern, allen Namen, die gastlich hier zusammen kamen, kein Einziger mit einer brennenden Cigarre. Ich bitte hier um stilles Beileid, bis ich durch des Opernguckers weithintragendes Rohr in der Ferne unten ein Rauchwölkchen aufsteigen sah. Das war die Wolke, die den herannahenden Sturm verkündete. Wir schossen hinunter über den herrlichen grünen Rasen weg (der alle Tage tausendfältig betreten und belagert, doch immer grün bleibt, wie aller englischer Rasen) und verfolgten den Raucher unten, als hätt’ er uns das beste seidene Taschentuch gestohlen. Athemlos fiel ich ihn an: „Will you be so obliging, Sir“ – „Sehr jerne. Bedienen Se sich meiner Lunte un schießen Se los!“ Also ein Berliner, vielleicht vom Molkenmarkt. Begeistert schlossen wir uns an dieses Stückchen deutsches Vaterland an. Wir wurden bald Freunde, die den dazu nöthigen Scheffel Salz zusammen gegessen, indem wir durch das attische Salz von Spree-Athen das gemeine Kochsalz zu ersetzen suchten. Wenn ich in gerechtes Pathos ausbrechen wollte über die in ganzer Breite vor uns aufblühende Hauptfaçade des ätherischen Kolosses, streuten diese schnöden geborenen Berliner, denen nichts heilig ist, jedem Vogel des Aufschwungs Salz auf den Schwanz. „Herr Jotte doch ja,“ sagte der Berliner, „das is Allens janz richtig, deß das jroßartig is. Un wenn mir des berliner Museum jehören thäte un desselbige hier stehen thäte, würde ich ’n Nachtwächter bei Dage dabei fixiren, deß et mir hier Keener instechen thäte. Un ’n Jensd’armenthurm von Berlin hier wäre so kleene, deß ich mit Spaß darüber weg springen könnte, so jrausam jroßartig fühl’ ick mir hier in diese reendlliche Jegend.“

Der „gemüthliche“ Leser verzeihe mir und ihm. Jeder Mensch ist nicht nur Sohn einer Mutter (Töchter natürlich ausgenommen), sondern auch einer Gegend. Dazu hat der Berliner, wenn man ihn nur in anständiges Deutsch übersetzt, vollkommen Recht. Die Großartigkeit spürt man nämlich mit furchtbarer Gewalt: sie raubt [388] uns den richtigen Maßstab für Raumformen und Kunstwerke, die namentlich bei den Griechen mit feinster Rücksicht auf den Raum und die Umgebung, für die sie bestimmt waren, gestaltet und abgegrenzt wurden.

Hier im Krystall-Palaste fallen die Kunstwerke aller Zeiten und Größen unter den einzigen, beispiellos großen Maßstab, so daß wenigstens viel Abstractionskraft dazu gehört, jedes einzelne gleichsam nur durch sich selbst zu messen. Doch man soll mich hier nicht „gelehrt“ finden und ich fahre deshalb mit meiner in Rauch aufgehenden Revolution fort. Wir rauchten also alle drei kühn die Terrassen herauf, vor schönen und häßlichen Menschengruppen auf dem Rasen und auf Stühlen und zwischen Bäumen, vor Nymphen und Göttern der Fontainen vorbei, als wären wir wie gute Menschen in ihrem dunkeln Drange uns des rechten Weges wohl bewußt, angestaunt von schönen und nicht schönen Augen und durch Lorgnetten verfolgt, weil Jeder den Moment, wenn uns der strafende Arm der Gerechtigkeit träfe, persönlich beobachten zu wollen schien. Selbst auf der obersten Terrasse lebten wir noch und wagten es noch zu leben und dazu zu rauchen. Wir betrachteten uns mit dem Blick der berühmten charlottenburger Kritik die großen Originalstatuen von Monti und Danton, die Türkei schwermüthig am Barte hinunterblickend, neben Griechenland, das seeräuberisch kühn in die Ferne späht, die halb nackte Australia mit der Springratte neben sich und einer Ente (keiner Zeitungsente) auf dem Kopfe, die wild und kräftig mit hochgeschwungenem Goldklumpen in die Welt hinaus jauchzende California, den langen Speer und den Pfeil in der Linken; wandten uns dann durch das dichte Publikum vor der Haupttreppe, um auf der andern Seite der obersten Terrassenballustrade die Italia, die weinumrankte Hispania, die Personifikationen von Lyon, Mühlhausen, Glasgow, Manchester, Belfast, Sheffield, Birmingham, dem Zollvereine und Holland zu betrachten, ohne die Cigarre dabei ausgehen zu lassen und ohne in Anfechtung zu fallen. Auf dem Rückwege zur Wange der Haupttreppe mit der kolossalen Sphinx wurden wir von einem stolzen Spanier aufgehalten, der den Arm seiner braunen, glühäugigen Dame verlassend, uns um etwas Feuer bat. Kaum hatten dies ein Paar Franzosen gesehen, baten sie uns mit jener eigenthümlichen, lebhaften Grazie, durch welche man den Franzosen aus hunderttausend Engländern heraus deutlich unterscheidet, um dieselbe Gefälligkeit. „Der Aufruhr wächst in meinen Niederlanden?“ Die Flamme der Empörung griff nun rasch um sich. Bald steckte sich ein Engländer mit meiner Cigarre sogar seine nationale kurze Thonpfeife an. Hiermit schien der Geist der Widersetzlichkeit seine erste siegreiche Invasion in’s englische Geblüt gemacht zu haben. Ueberall in Näh’ und Ferne stiegen aus den malerisch zerstreuten Gruppen leichte Rauchwölkchen in die klare, frische, vom atlantischen Oceane herüberathmende Luft, Weihrauch für den Sieg unserer gerechten Sache.

Freilich dürfen wir aufgeklärten Leute vom Continente noch nicht die Hände in den Schooß legen. Noch bleibt uns die Mission, den Engländern beiderlei Geschlechts zu zeigen, wie man mit Anstand und Gemüth im Freien sitzen muß, in Gartenlauben um Tische herum raucht, strickt, häkelt, Kaffee trinkt und Kuchen einstippt und dazu wirklich spricht und heiter herauslacht. Davon hat man hier noch keine Ahnung. Essen und Trinken ist ihnen eine ernste Arbeit bei verschlossenen Thüren. O sie haben weder ein Wort noch eine Sache für unser deutsches „Gemüth.“ Es ist entsetzlich, wie die Damen immer sehr ungeschickt auf den Stühlen sitzen und den Sonnenschirm halten. Von zwei bis sieben Uhr nichts thun, als da sitzen und den Sonnenschirm halten, wobei die Herren ganz gehaltlos erscheinen – diese 20,000 Stühle all überall umher ohne Spur von Tisch und einem Töpfchen Bier – das ist ein unerträglicher socialer Zustand für Männer, die neuen Hering mit frischen Kartoffeln jemals im Freien genossen haben. Aber der blauduftige Krystall-Palast und die brennende Cigarre sind auch hier das Morgenroth einer schönern Zukunft für die anglo-sächsische Race, der wir vom Osten her Civilisation und Gemüthlichkeit beibringen wollen, während es ihr so schwer fällt, im Kampfe „westlicher Civilisation mit östlicher Barbarei“ eine respectable Rolle zu spielen, so daß „während die Völker hinten in der Türkei auf einander schlagen,“ nur immer noch als Philister zu Hause sitzen und uns verzweiflungsvoll zum 199sten Male fragen, was nun eigentlich aus der Geschichte werden soll. Viel Ideale sind zerronnen, viel Glaube ist erloschen, aber der Glaube an eine große, culturhistorische Weltmission der Deutschen, den ich bescheiden hier in der Cigarre glimmen sah, während wir, auf den grünen Terrassenteppich neben der Treppenwange hingelagert, ihn triumphirend aus den achtzig Blasinstrumenten der deutschen Schallehn’schen blau uniformirten, goldrandmützigen Musikgesellschaft mit Mozart’schen, Beethoven’schen, Weber’schen u. s. w. Schöpfungen gewaltig und meisterhaft ringsum weit über Tausende hin verklingen hörten, wobei ich noch in der Zeitung las, daß man sich in der Türkei hauptsächlich nur vermittelst der deutschen Sprache zwischen Türken, Engländern, Franzosen u. s. w. verständlich machen könne und in Amerika die „Know-nothings“ (Nichtswisser d. h. die gegen den deutschen Einfluß vereinigten, nationalen Yankees) sich vergebens bemühten, den Stolz ihres Nichtwissens und Geldhabens gegen „deutsche Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft,“ geltend zu machen, – dieser Glaube ist eine bereits in unzähligen Firmen durch die ganze Welt etablirte und geschäftige Thatsache. Im stolzen Bewußtsein hier eben als Missionär derselben einen Sieg erfochten zu haben, schlief ich neben Freund M. ebenfalls ein, wie auf Lorbeeren ruhend. Weit aus der blühenden Ferne eilte der erquickende Wind über uns hin, während Canova’sche Statuen von der Hauptfontaine her in den schläfrigen Blick hereinglänzten und klassische, heimische Melodien die horchenden Tausende weit umher fesselte, so daß man bei Pianostellen die Fahnen oben auf dem Krystall-Palaste im Winde flappen und klappen hören konnte. Das wäre einer der Augenblicke gewesen, zu dem ich gesagt haben würde: „Verweile doch, du bist so schön!“ wenn M. nicht zu stark geschnarcht und der Berliner vom Molkenmarkte nicht auch im Schlafe zuweilen versucht hätte, einen Witz zu machen. – Die große Glocke innen ruft: „sieben Uhr und Schluß.“ Alles stürzt sich herunter nach der Eisenbahn und kämpft bis neun Uhr um Plätze in einer Weise, deren wilde Erhabenheit kein Pinsel malen und kein Dichter würdig besingen kann.[2]
B. 



  1. Vergleiche Nr. 5 von 1854 und Nr. 27 von 1853 der Gartenlaube.
  2. Wir haben diesen Brief ohne Abänderung und Fragezeichen abdrucken lassen, weil wir das liebenswürdige Capriccio unsers alten Freundes und Mitarbeiters nicht zerstören wollten. Aber wir bitten doch freundlichst, die späteren Artikel über den Krystall-Palast etwas weniger flanirend und spielend zu bearbeiten. Das Hummersalat-Dejeuné und die großartigen Civilisations-Wirkungen einer glimmenden Cigarre sind selbst für den gemüthlichen Gartenlaubenleser zu – gemüthlich.
    Die Redaction.