Der neue Krystall-Palast in Sydenham bei London

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Autor: Heinrich Beta
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Titel: Der neue Krystall-Palast in Sydenham bei London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5; 24, S. 53–54;276–280
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der neue Krystall-Palast in Sydenham bei London.

Die sieben alten Wunderwerke der Welt und die sieben alten Weisen Griechenlands bieten zusammen bei Weitem nicht so viel Wunder und Weisheit, als der einzige Krystall-Palast in Sydenham schon jetzt vor seiner Vollendung. Er enthält die Wissenschaften und Künste aller Zeiten und Nationen in lebendigen, wissenschaftlich geordneten körperlichen Bildern. Er ist eine Universal-Bibliothek in Gestalten, statt in Worten, und zugleich ein immerwährender kosmopolitischer Weltmarkt. Deutschland hat bereits für mehr als 1 Million Gulden Beiträge in Sculpturen, Bauwerken etc. geliefert. Unter den betreffenden Künstlern nennen wir nur Professor Rietschel in Dresden, Professor Schwanthaler, die Papiermaschee-Fabrik von C. W. Fleischmann in Nürnberg (welche z. B. eine vollständige Copie des Grabmals des heiligen Sebaldus, dieses größten mittelalterlichen Kunstwerks Deutschlands, das man bisher für unnachahmbar hielt, geliefert hat) eine große Masse Kunstwerke von Veit Stoß, das Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin. Die Directoren des Kunst-Departements im Krystallpalaste, Digley Wyatt und Owen Jones, haben persönlich eine Reise durch Deutschland gemacht, um die besten und am Meisten charakteristischen Denkmäler der verschiedenen Kunstperioden auszuwählen und copiren zu lassen. Ueber 200 deutsche, französische und italienische Künstler sind seit Jahr und Tag im Krystall-Palaste thätig, um die Arten von Ausschmückung und Dekoration zu übernehmen, für welche die Engländer nicht Geschmack genug haben. – Abgesehen von der universellen, kosmopolitischen Bedeutung dieses neuen Tempels, der sich über die ganze Erde ausbreitenden Civilisation ist es also eine Art von persönlichem Interesse, welches Deutschland mit ihm näher verbinden mag.

Die Welt-Industrie-Ausstellung von 1851 war als erste Verdichtung der industriellen Intelligenz der ganzen Erde – als der erste Völker-Congreß auf dem Boden der Bildung – vielleicht das größte und segensreichste des Jahrhunderts, vielleicht auch in architektonischer Beziehung, denn auch das ungeheure Bauwerk, von Eisen und Glas gewoben, war ein Ereigniß. Das Parlament beschloß in aristokratischer Kurzsichtigkeit, dessen Zerstörung. Sofort erhob sich die ganze civilisirte Bevölkerung, „um ihr Vaterland von der Schmach zu retten, von welcher es durch den Verlust des herrlichen Baues bedroht war,“ und der Krystall-Palast erhob sich schöner, höher, majestätischer auf dem schönsten Hügel im Süden von London zu einem Zwecke, wie ihn die Welt bisher noch nie zu verfolgen gewagt hatte, und der doch mit einer Schnelligkeit und Sicherheit ausgeführt wird, wie er früher in Jahrhunderten nicht möglich gewesen wäre. Es vereinigen sich eben hier die ausgebildetsten künstlerischen und wissenschaftlichen, industriellen und technischen Kräfte aller Nationen zu dem Wunderbaue, der als der große Gegensatz des Thurmbaues von Babel angesehen werden kann.

Wir geben hier nur die nothwendigsten Thatsachen, wie sie zur Bildung eines vorläufigen, allgemeinen Begriffes von dem Baue und dessen Inhalte gehören mögen. Den 14. Mai 1852 bildete sich ein Verein zum Wiederaufbau und der architektonischen Vollendung des Krystall-Palastes zu einem dauernden kosmopolitischen Culturtempel unter dem Namen „Krystall-Palast-Compagnie.“ Schon nach 14 Tagen waren alle Actien abgesetzt und zwar auf den bestimmt dahin ausgesprochenen Zweck hin, „der Erziehung der großen Masse des Volkes und der Veredlung ihrer Erholungsgenüsse einen Universaltempel zu bauen.“

Der Park von Sydenham, etwa 11/4 deutsche Meilen südlich von London, auf dessen höchster Erhebung sich der Krystallpalast erhebt, bildet ein Parallelogramm von 300 Ackern, sich 1300 Fuß lang von der Brigthon-Eisenbahn hinziehend und sich nördlich bis 3000 Fuß ausbreitend. Hier ist der Krystall-Palast von London und viele Meilen weit von allen Seiten des Landes aus zu sehen und macht im Sonnenschein einen unbeschreiblichen, feenhaften Eindruck. Man wird sich die kühnsten Luftschlösser und Phantasie-Feenpaläste der Mährchen kaum so schön zu denken wagen. Der Zugang zu dem Krystall-Palaste wird durch drei Eisenbahnen und eine wunderschöne Landstraße vermittelt werden. Die eine Bahn hält unmittelbar unter einem großen Portikus des Gebäudes. Die neue Lage und der neue Zweck riefen architektonische Veränderungen hervor, die alle Fehler des alten zu Schönheiten erhoben. Der Neubau wurde um 240 Fuß verkürzt, um einen Totaleindruck für das Auge zu ermöglichen. Dabei stieg er um 44 Fuß höher, nämlich zu 194 im mittleren Hauptbogen (Transept), der die ungeheuere Spannung von 120 Fuß erreicht. An beiden Enden befinden sich zwei kleinere Transepte. Außerdem ist hier das ganze Dach gewölbt.[1]

Die Einförmigkeit im Innern des früheren Baues, die Wiederholung zweier Elemente, der Säule und Strebe, in gerader Linie ist jetzt durch alle 42 Fuß um 8 Fuß hervortretende Säulenpaare gehoben. Sie geben dem Auge Anhaltspunkte für die Maßverhältnisse. Das Hauptgebäude bedeckt mit den an beiden Seiten weit hinauslaufenden Flügeln 15 Acker Landes, welche terrassirte Gärten mit Springbrunnen (bis 200 Fuß Höhe) und Pflanzengruppen, wissenschaftlich geordnet, begrenzen. In diesen Gärten wird man außerdem viele Statuen, Wasserkünste, Tempel in ganz neuen Baustilen und in entsprechenden geologischen Formationen und Gebirgsbildern die lebensgroß ausgeführten vorsündfluthlichen Thiere“[2] finden. Der Winter ist hier auch außen durch immergrüne Baum- und Pflanzengruppen verwiesen. Zwei schlanke Glasthürme an beiden Endpunkten werden [54] eine fast unbegrenzte Aussicht über Städte und Dörfer, Flüsse und Wälder, über London hin bis zur Nordsee gewähren.

Von dem Weltreichthum im Innern können wir hier nur ein annäherndes Sachverzeichniß geben. In den Transepten und an den Seiten des Hauptschiffes treten die über die Erde verbreiteten Vögel, Pflanzen und Bäume zu lebendigen Vegetations- und Landschaftsbildern zusammen, an der nordöstlichen Seite historisch geordnete Sammlungen von Sculpturen und Bauwerken aller Zeiten und Nationen. In einem pompejanischen Zimmer und einer „Alhambra“ findet man Erfrischungen. Der nördliche und südwestliche Theil nehmen die Fabrikate aller Art (verkäuflich) in einer architektonisch künstlerisch erbauten immerwährenden Weltmesse auf. Die Lehr-Abtheilung enthält 1) eine ethnologische Sammlung, wie niemals in der Welt nur etwas Annäherndes versucht ward, nämlich alle Menschenracen mit ihrer Nationaltracht, ihren Waffen, Wohnungen, Fuhrwerken und sonstiger charakteristischer Umgebung, 2) die lebenden Pflanzen nach Klima und Boden geordnet, dazu 3) die entsprechenden Thiere noch mit Mollusken und Wasserthieren aller Art in gläsernen durchsichtigen Behältern, und 4) Geologie und physikalische Geographie in körperlichen Bildern, die Alterskrusten der Erde, die Millionen von Jahren repräsentiren, Modelle von Bergwerken, Erläuterungen von Erdbeben und Formationen zur Erläuterung von Brunnen, Wasserleitungen, Schachten etc. Als 5. und praktischster Theil wird sich die Ausstellung, Arbeit und Erklärung aller Arten von Maschinen, physikalischen und chemischen Processen geltend machen. Der Markt, wo verkauft wird, darf nur Waaren und Fabrikate enthalten, die sich durch Neuheit, Originalität und Vorzüglichkeit als Muster der jetzigen Industrie und Kunst auszeichnen. Jedem in jeder Nation steht es frei, sich um Vertretung zu bewerben und werden betreffende Anerbietungen unter der Adresse: „Krystal-Palace-Company, 3 Adelaide-Place, London Bridge, London“ entgegengenommen.[3] Endlich wird die „Halle für Erfindungen und Modelle“ in praktischer Beziehung für die Industriellen, Techniker und Künstler aller Nationen von dem höchsten Interesse sein. Man übersieht hier mit einem Blick alle bisher gemachten Erfindungen und was demnach für weitere Fortschritte noch übrig bleibt. Erfinder und alle Solche, denen es um Patente zu thun ist, werden hier nicht nur wissenschaftliche, sondern auch ganz speciell praktische Anweisung erhalten, wie sie ihren Zweck am Schnellsten und Billigsten erreichen können.

So viel für jetzt über die Weltmesse, den Völker-Bazar und den ersten universellen Friedenstempel aller Nationen.

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Die Gartenlaube (1854) b 276.jpg

Der neue Krystall-Palast in Sydenham in London.

Während wir friedliche Menschen trotz unserer deutschen Neutralität gar zu oft und lebhaft auf Krieg und Kriegsmänner unsere Aufmerksamkeit richten müssen, dürfen wir um so weniger versäumen, eins der erbaulichsten Friedensfeste – vielleicht das größte Kulturfest unsers Jahrhunderts, gebührend mitzufeiern. Die Eröffnung des neuen Krystalltempels in Sydenham bei London heute, den 10. Juni – „des Volkspalastes,“ wie ihn viele englische Blätter nennen, ist mitten im Kriege der herrlichste Triumph des Friedens auf Erden, aller Völker, aller Kunst und Wissenschaft. Er ist das erste große Gotteshaus der Kultur, das alle Zeiten und Völker in Ihren unsterblichen Werken, die sie im Dienste der Entwickelung der Menschheit schufen, zu einem einzigen einzigen Friedensparlamente versammelt [277] hat, damit sie von hier aus gründlich und praktisch die gemeinsamen Interessen der Nationen predigen, unbekümmert um politische Grenzen und Zolleinnehmer, die gemeinsamen Interessen der Menschen aller Farben und Zonen am Frieden, an der Bildung, am freien Austausche von Waaren und Ideen – doch diese Genien des Krystallpalastes gehören jetzt noch zu den unsichtbaren; wenigstens kann man sie vorläufig vor lauter Pulverdampf auf dem baltischen und schwarzen Meere, vor unsern Augen und in unsern Köpfen nicht sehen. Halten wir uns deshalb vorläufig an das Sichtbare.

Wir zeigen den Lesern zunächst die Hauptansicht des Krystallpalastes von der Londoner Seite her, wie man ihn an hellen [278] Tagen sechs englische Meilen weit her und viele rauchige Wohnungen Londons herab glänzen sehen kann. (Und die Wohnungen mit solcher Aussicht sind seitdem bedeutend theurer geworden.) Freilich eine wirkliche Ansicht und eine kleinlich schwarz auf weiß gezeichnete bilden hier einen wesentlicheren Unterschied als je. Welcher Maler kann den ätherischen Duft, diesen bläulichen, gehauchten Glanz des architektonischen Gewebes durch Wellen saftiger Landschaften, durch das heitere Spiel der Fontainen zwischen weißen Statuen, Blumen und Baumgruppen und lachende Rasenflächen, welcher Maler kann diese sichtbare magnetische Atmosphäre der großen Dichtung von Glas und Eisen auf dem Papiere wiedergeben? Die Schönheit der Baukunst, sonst durch künstlerische Proportionen von Säulen, Linien und Flächen oder durch arithmetisch bestimmte Massen wirkend, ist hier zu einer „gefrorenen Musik,“ so nennt Jean Paul die Baukunst, geworden, die fortwährend sichtbar gleichsam vor unsern Augen aufthaut und in Licht und Aether aufgeht. Doch auch dieses Licht und dieser Aether sind noch kein faßliches Bild. Fassen wir das Gebäude also derber in’s Auge.

Von seinen Größenverhältnissen haben wir schon in einer frühern Mittheilung gesprochen. Wir fügen nur noch einige weitere, interessante Thatsachen hinzu. Der Curiosität wegen erwähnen wir zunächst, daß der ganze Raum, den der Krystallpalast einnimmt, etwa 40 Millionen Kubikfuß beträgt, d. h. ein Drittheil mehr als der Ausstellungspalast von 1851 und viermal mehr als die wegen ihrer kolossalen Ausdehnung weltberühmte Paulskirche in London. Jeder der beiden Seitentransepte, deren Bogen wir auf dem Bilde sehen, ist so groß, wie der bewunderte Haupttransept der „Ausstellung.“ Die andern Raumverhältnisse kann man in dem frühern Artikel nachlesen. Nur noch einen Blick in die zwei Etagen der Unterwelt des Krystallpalastes mit seinem 1608 Fuß langen „Paxton-Tunnel,“ wo auf der einen Seite ausgestellte Maschinen und auf der andern die Herzkammern des ganzen Gebäudes, das Lebensblut für 15–20,000 Pflanzen, Bäume und Gewächse aller Zonen kochen, nämlich Dampfmaschinen mit ungeheuern Wasserkesseln, aus denen die verschiedenen Wärmegrade für die Pflanzen durch ein Röhrenadersystem getrieben werden, welches in einer großen Linie über funfzig englische Meilen lang sein würde.

Jetzt hinauf. Treten wir zunächst in einen der vielen offenen Portikus, welche die zauberischen Ansichten über die Garten- und Parkanlagen, Statuen, Fontainen, Seen, Inseln und die vorsündfluthlichen Ungeheuer, die darauf hausen (vergl. Nr. 10 1853 und Nr. 13 1854 der Gartenlaube]]) und weiterhin auf die gesegneten Wellenlinien des nach allen Seiten in die Ferne verschwimmenden Landes gewähren (der Krystallpalast erhebt sich auf dem höchsten Hügel dieser Gegend, dem Pengehügel). Doch auch dies muß mit einem Blick abgemacht sein, da wir heute in einem einzigen kleinen Artikel den ganzen Reichthum dieser Schöpfung in einer entzückten Eile durchfliegen wollen.

Also nun gleich mitten hinein und aufgeschaut. Hohe Säulen und Bogen und Perspektiven! Und in den Bogen blaue goldeingefaßte Felder und an den Säulen riesige Schlingpflanzen, die sich an ihnen hinaufwinden. Dabei plätschert lustig der Springbrunnen auf Nereiden herab, die auf Delphinen reiten, und auf seltsame, thauige Wasserpflanzen, unter denen die blühende „Victoria“ als Königin ihr Blumenhaupt aus dem Basin erhebt. Die Pflanzen setzen sich mit Statuen und ethnologischen Gruppen (lebenswahr und lebensgroß dargestellten Vertretern der verschiedenen Racen und Nationen der Erde und ihrer Lebensweise) durch das ganze Hauptschiff durch fort und gehen allmälig von den Vegetationsbildern der heißen Zonen bis zu denen der kältesten über.

Demnächst bilden den Hauptreiz die verschiedenen „Courts“ oder Höfe d. h. historischen Kunsthallen, welche sich hinter den Säulen des Hauptschiffs ausdehnen. Sie geben in Architektur, Sculptur, Inschriften und sonstigen Denkmalen eine glänzende Verkörperung der Kulturentwickelung der Menschheit. Wir befinden uns zuerst „in diesen heiligen Hallen“ Sarastro’s, zwischen den zu hieroglyphenbunten Säulen gewordenen Lotosblumen altägyptischer Tempel, aus denen nach den neuesten Forschungen die erste Kultur, die erste Philosophie und alle antike Weisheit der Menschheit floß, nachdem sie freilich Jahrtausende lang von Löwen und Sphinxen, die auch hier den Tempel umlagern, als „Geheimniß“ bewacht worden war. Außerdem ist Aegypten durch zwei Memnon’sstatuen, à 90 Fuß hoch und zwölf Sphinxe, 20 Fuß lang und 12 Fuß hoch jede, im südlichen Transepte wahrhaft gewaltig vertreten. Assyrien, neuerdings durch Entdeckung Ninivehs von den Todten erstanden, ist neben Aegypten dann auch glänzend durch eine Halle (assyrischen Prachtpalast) vertreten, dessen eigenthümliche Säulen und Nimrod’s und schön frisirten Ochsen mit Menschenköpfen und Adlerflügeln wir hier freilich nicht näher ansehen dürfen, wenn wir weiter kommen wollen.

Zunächst in die griechische Kunsthalle mit seinen edeln, ruhigen dorischen Säulen und seinen klaren, schönen, freien Menschen- und Gottgestalten, die den Ochsenkörper für die Kraft ihrer Schönheit und die Adlerflügel nicht mehr bedürfen, um uns auf den Fittigen der heiter und edel angeregten Phantasie in eine (nicht jenseitige) Idealwelt zu tragen. Wir erwähnen hier nur, daß in dieser Halle alle die durch Europa zerstreuten Originale berühmter griechischer Statuen in schönen, getreuen Kopien versammelt sind. Noch nie sah sie Jemand beisammen, noch nie in der ihnen eigenen architektonischen Sphäre. Man könnte hier ein Heide werden vor Andacht. Nach einem solchen Besuche muß man Schillers „Götter Griechenlands,“ lesen. – In der grandiosen Römerhalle sehen wir, wie die idealen Gesichter und Gestalten statt der griechischen eine Römernase bekamen, menschlicher werden oder Griechenland copiren, bis ein römischer Kaiser in dem elenden Stolze seiner Weltherrschaft einem Gottheitsbilde den Kopf abschlägt, um seine Büste darauf zu setzen. Das hieß „von Gottes Gnaden“ zu stark mißbrauchen. Rom starb einen kläglichen Tod auf einem Jahrhunderte langen Krankenbette und dann starb es vor vier Jahrhunderten noch einmal als oströmisches Kaiserthum und noch kläglicher, so daß ihm seine jetzigen Wiederauferstehungsversuche schwerlich gelingen werden. – Der christlich-germanische Geist war auf die Weltbühne getreten. Sehen wir in der Halle des Mittelalters und in unzähligen wegen ihrer Größe anderweitig placirten Denkmälern, wie er an gothischen Spitzbogen und in klösterlicher Andacht, an Heiligenbildern und Strebepfeilern über das entgötterte Irdische hinauszuklimmen und den Himmel zu erreichen sucht, der sich ihm so weit, so unerreichbar da oben ausspannt mit seinen Engeln und Heiligen. Dem Oriente war dies zu hoch und unbequem; er machte sich deshalb das Christenthum irdisch zurecht. So entstand der Muhamedanismus, der in seiner irdischen Pracht, Verschwendung und lebhaften Farbenfülle so anschaulich in seiner Halle uns umgiebt, daß man meinen sollte, man könne ihn hier ordentlich verstehen lernen und so die „orientalische Frage“ befriedigend lösen.

Die mittelalterlich-christliche Kultur konnte sich mit ihrer Zerspaltung und Auseinanderreißung von Himmel und Erde eben so wenig halten, wie es der versinnlichte Muhamedanismus vermag. Deshalb ließ man von Italien aus das heitere Griechenland wieder auferstehen, um die Erde wieder schön zu machen. Durch einige Mittelstufen drang dieser aus dem Alterthum neu belebte Geist auch in einen wittenberger Mönch. Und so platzten die Geister und bald auch die Schwerter „auf einander,“ um eine ganze tausendjährige Kultur zu verwüsten und eine neue zu schaffen. Die neue Kultur, insofern sie sich in der Plastik und Architektur verkörperte, findet zunächst in einer italienischen Halle ihren Tempel, den Michel-Angelo’s Riesengestalten als hohe Priester dieses neuen Kultus beherrschen.

Die neue Sculptur, durch den großen Krystallpalast reichlich vertreten, zeigt hier, daß sie durchaus nicht so arm ist, als sie verschrieen war. Canova’s, Thorwaldsen’s, Rauch’s, Tiek’s, Schwanthaler’s und mancher Franzosen und Italiener in Marmor vergöttlichte moderne Ideen sehen uns vertraulicher, individueller, anatomisch richtiger und physiologisch wahrer an, als die Bewohner den Olymp. Die moderne Sculptur ist im Krystallpalaste so umfassend reich vertreten, daß man sich hier vielleicht zum ersten Male wirklich von der höhern Schönheit der modernen Sculptur gegen die griechische überzeugen kann. Alle die berühmten klassischen Darstellungen der Schönheit des weiblichen Körpers unter dem Namen Venus – haben sich hier versammelt. Die modernen mit den Grübchen in den Backen sind offenbar schöner, als die mediceische. Einige schlafende oder in muskulöser Thätigkeit aufgefaßte nackte Männergestalten sind offenbar nicht nur wahrer, sondern auch schöner, als der Apollo von Belvedere. (Ich kehre mich nicht daran, daß mich hier jeder schulgerechte Aesthetiker von vorn herein ohne weitere Untersuchung als einen Ketzer verurtheilen [279] wird.) Der Triumph moderner Sculptur ist das – Portrait. Man muß die „Walhalla“ des Krystallpalastes sehen, um das zu glauben. Was sind die Zeusstirnen und Apollogesichter gegen Goethe’s, Shakespeare’s, Lessing’s, Friedrichs des Großen, Napoleon’s, Washington’s und von 300 andern berühmten Männern, die hier neben einander stehen und durch ihre bloße Schädel- und Gesichtsbildung sich als Werkstätten der tiefsten Gedanken und höchsten Ideen ankündigen? Es ist mehr als ein phrenologischer Genuß, zwischen diesen Stirnen, aus denen die Minerven der modernen Civilisation gegen Censur und Polizei hervorsprangen, hin- und herzuwandern.

Die getreue Copirung des maurischen Alhambra-Palastes und eines pompejanischen Hauses können wir kaum erwähnen, ohne das Gefühl, uns zu versündigen, daß wir ihnen nicht drei Bogen widmen. Wir wollen die Sünde durch ein Frühstück, das wir darin einzunehmen gedenken, sühnen. Sie dienen nämlich zugleich als Erfrischungs-Hallen der „Weltmasse“, in dem „Völker-Bazaar“ zur Ausstellung und zum Verkaufe von Industrie- und Kunstartikeln aller Völker gewidmet sprechen wir uns noch besonders, wie wir auch außerdem den Industrie-Hallen, welche die andere Hälfte des Krystall-Palastes hinter dem Hauptschiffe einnehmen, der Halle für Schreibmaterialien (im weitesten englischen „Stateonery-“Sinne), den Eisen-Hallen von Sheffield und Birmingham, dem Musiktempel, der Kirche für Kattune und Callicos, dem Palaste für Sammet und Seide (nach einem Entwurfe des Professor Semper aus Dresden) und dem Saale für Meubles wohl noch besondere Aufmerksamkeit schuldig sind.

So sehen wir uns wohl eines Montags, Dienstags, Mittwochs oder Donnerstags (wo die Reise von London hin und her und Entree zusammen 1 Shilling 6 p. kostet, Freitags das Doppelte, Sonnabends für geldstolze Leute das Vierfache) wieder in diesem Leib und Leben gewordenen Universal-Lexikon.

Wer die zehnte Auflage des Brockhaus’schen und die zweite des Paxton’schen aus- und inwendig kann, der kann sich mit gutem Gewissen zu den „Beiden“ stellen, die „auf der Menschheit Höhen stehen.“
Beta. 

  1. Die Maßverhältnisse sind genau folgende: größte Länge ohne die Flügel 1608 Fuß, größte Tiefe im mittlern Transept. 384 und der ganze überbaute Raum 542,592 Fuß oder 131/2 acres ohne die Flügel. Das große Dach erhebt sich 110 Fuß vom Parterre, unter welchem drei Stockwerke unter ein großes Gewölbe, in der Mitte die Heiz- Wasser- und Ableitungsröhren und unmittelbar unter dem Flur Erde für die Pflanzen etc. enthalten. Die größte Höhe im mittleren Transept (das Bild giebt blos die eine Hälfte des Ganzen) ist 194 Fuß. Der alte Krystallpalast bedeckte 19 acres und seine höchste Höhe betrug blos 108 Fuß.
  2. In einem derselben, dem Iguanodon, nahmen am 9. Januar 24 Künstler ein festliches Mittagsmahl ein.
  3. In sprachlicher Beziehung ist H. Beta, 18 Alfred Street, Tottenham Court Road, London, dem von Digley Wyatt die Uebersetzungen der Correspondenzen zwischen den deutschen Künstlern und der Krystall-Palast-Compagnie übertragen worden sind, bereit, Vermittelungen zu übernehmen, die ihm wegen persönlicher Bekanntschaft mit den beiden Direktoren der Kunst-Abtheilung sehr erleichtert werden.