Das Morgenbuffett der Feinbäcker in Bad Kissingen

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Textdaten
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Autor: Emil Peschkau
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Titel: Das Morgenbuffett der Feinbäcker in Bad Kissingen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 804
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[804] Das Morgenbüffett der Feinbäcker in Bad Kissingen. (Zu unserer Kunstbeilage.) Wohl jeder, der, ohne das Original zu kennen, die meisterhafte Wiedergabe dieses dem modernen Badeleben entnommenen Werkes von Adolph Menzel betrachtet, wird in dem Glauben befangen sein, es handle sich um ein Kolossalgemälde oder doch um ein Bild, für das die Wände eines bescheidenen bürgerlichen Zimmers keinen Platz bieten würden. In Wirklichkeit aber hat Menzel das „Morgenbüffett“ auf eine Fläche gemalt, die kaum doppelt so groß ist als eine Seite der „Gartenlaube“, und bei der Ausstellung des Werkes, die ein Berliner Kunsthändler nach seiner Vollendung veranstaltet hatte, standen den Besuchern Vergrößerungsgläser zur Verfügung, mit deren Hilfe man auch die zahlreichen kleinen Meisterstücke, die dieses große Meisterstück enthält, gründlich studieren konnte.

Die Gartenlaube (1895) b 804.jpg

Menzel, am Krönungsbild malend.
Nach einer Originalzeichnung von G. Schöbel.

Menzel hat durch die Wahl dieses kleinen Formats, das in so großem Gegensatz zu den Verhältnissen vieler seiner historischen Bilder oder des modernen Arbeiterbildes Eisenwalzwerk steht, zweierlei erreicht. Das bunte, unruhige, ins Unklare verlaufende Gewimmel wirkt in dieser Beschränkung übersichtlich auf unser Auge. Und ferner tritt in dem Bild, wo es sich um die humoristische Darstellung einer von der gleichen Eßbegier bewegten Menge handelt, der einzelne nicht als Persönlichkeit hervor, er erscheint nur als Glied des Massenaufgebots, um das es sich handelt. Der Vorgang selbst ist einer der allerbezeichnendsten für das Badeleben in Kissingen, ja er ist gewissermaßen der Höhepunkt des gemeinsamen Badelebens daselbst. Um dies zu verstehen, bedenke man, daß das Frühaufstehen in Kissingen an der Tagesordnung ist, daß man dort schon zwischen sechs und acht Uhr sich nüchtern im Freien bewegt und seinen Brunnen trinkt und daher die Frühstückszeit als eine Erlösung von strenger Kasteiung begrüßt. Dazu kommt, daß man in Kissingen in der Regel nicht in öffentlichen Lokalen frühstückt, sondern in seiner Wohnung, in dem gemütlichen Hausgärtchen, das man meist zur Verfügung hat. Man geht frühzeitig nach dem Kurgarten und trinkt dort seinen „Rakoczy“ oder „Pandur“ – beide Wasser sind von besserer Wirkung, wenn sie nüchtern genossen werden. Da infolgedessen der Appetit, mit dem man dem Frühstück entgegensieht, ein gesteigerter ist, so war es jedenfalls keine unglückliche Idee der Kissinger Feinbäcker, den Brunnentrinkenden gleich im Kurgarten Gelegenheit zu geben, einzukaufen, wonach ihr Herz trachtet Vorausgesetzt, daß es – kurgemäß ist! In ganz Kissingen dürfen ja nach amtlicher Anordnung an Kurgäste nur kurgemäße Speisen verabreicht werden und das bezügliche Gesetzbuch zählt nicht weniger als 67 Speisen auf, die überhaupt verboten sind. Dem Grundsatz der leichten Verdaulichkeit auch das Gebäck entsprechen, und an die Kunst des Bäckers werden um so größere Anforderungen gestellt, als auch die Butter zu den verbotenen Genüssen gehört. Diese Schranke hat aber die Leistungsfähigkeit der Kissinger Feinbäcker nur gesteigert, und so ist das berühmte Kissinger „kurgemäße Kaffeebrot“ entstanden, das man am „Morgenbüffett“ in den mannigfaltigen Formen einkauft, um es zum Frühstück nach Hause zu nehmen oder sich schon unterwegs damit zu stärken. Da nun so ziemlich die ganze Badebevölkerung um die achte Morgenstunde hier zu finden ist und das so lebhaft besuchte fränkische Badestädtchen eine wahre Musterkarte aller möglichen Menschentypen bietet, so erhält man vor dem „Morgenbüffett“ ein ganz einziges Weltbild.

Menzel hat dieses Weltbild mit überwältigender Treue und Lebendigkeit festgehalten, er hat sich, seiner Art gemäß, nicht damit begnügt, die eigentümliche Stimmung der Szene in Farben wiederzugeben und die paar Gestalten im Vordergrunde charakteristisch durchzuführen, man wird leicht erkennen, daß auch die im Gewühle verschwindenden Figuren Studien nach dem Leben sind, nach dem Kissinger Badeleben, das eben Menschen der verschiedensten Stände und aller sogenannten Kulturvölker vereinigt. Die Heimat der charakteristischen Frauen links vor dem Büffett ist offenbar en Petersburger oder Moskauer Palais, während sie ihren Aufenthalt mit Vorliebe nach Baden-Baden, Paris oder Nizza verlegen. Dagegen guckt unweit von ihnen aus dem Gewühle das Profil eines deutschen Gelehrten hervor, der uns an eine Lebenssphäre erinnert, die von jener der herb-schönen Russin ebenso weit entfernt ist wie von jener schlichten Bürgersfrau aus Schweinfurt oder Aschaffenburg, die sich am anderen Ende des Tisches ihre Tüte füllt, oder von der des norddeutschen Rittergutsbesitzers, der sich gerade im geometrischen Mittelpunkt des Gemäldes befindet, oder von jener internationalen Diplomatenerscheinung ganz rechts, in deren nächster Nähe wir wieder den Meister von der Hobel- oder Drehbank erblicken, oder endlich von jener lieben Jugend ganz vorn, der die Kurgemäßheit des Kaffebrots noch ebenso gleichgültig ist wie das ganze Weltbild und die ganze Welt. Menzel hat eben alles individualisiert, jede der zahlreichen Figuren an ihr Wirklichkeitsgepräge: kein Hütchen und kein Schleifchen, das nicht beobachtet wäre! Und dieses Meisterwerk, an dem man alles bewundern muß, von der geistigen Bewältigung des spröden Stoffes angefangen bis hinab zu den Pikanterien des Kolorits – dieses Meisterwerk, in dem die reifste Erfahrung mit jugendlicher Frische und Sicherheit gepaart ist, hat die Hand eines Greises geschaffen! Denn Menzel näherte sich bereits seinem 80. Geburtsjahr, als er dies Bild entwarf und vollendete.

Emil Peschkau.