Das Nervensystem. Nerven, Nervenknoten (Ganglien), Rückenmark, Gehirn

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Das Nervensystem. Nerven, Nervenknoten (Ganglien), Rückenmark, Gehirn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 39–41
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Nervensystem.
Nerven, Nervenknoten (Ganglien), Rückenmark, Gehirn.

Wo man an einem Geschöpfe Zeichen von Empfindung, Willen und willkürlicher Bewegung, von Gedächtniß und Verstand wahrnimmt, da wird man stets auch im Körper dieses Geschöpfes Organe antreffen, mit deren Hülfe jene Lebensäußerungen, aber immer nur durch Anregungen von außen oder innen, hervorgerufen werden. Nach der größern oder geringern Menge, sowie nach dem vollkommnern oder unvollkommnern Baue dieser Organe gehen jene Aeußerungen in höherem oder niedererm Grade vor sich; wo diese Organe ganz fehlen oder zur Arbeit untauglich geworden sind, da fehlen auch jene Aeußerungen. Es bilden nun diese Organe zusammen einen ziemlich complicirten Apparat, den man das Nervensystem nennt; er findet sich beim Menschen wie bei den Thieren und steht bei letzteren nur auf sehr verschiedener Stufe der Ausbildung, immer aber auf einer weit tieferen als bei dem Menschen. Doch ist dieses System auch bei den verschiedenen Menschenracen, Altern und Geschlechtern an Masse und Bau, und also auch in seiner Thätigkeit etwas verschieden. Man pflegt die Reihe von Vorgängen im lebenden Thier- und Menschenkörper, welche sämmtlich auf Thätigkeitsäußerungen des dem thierischen und menschlichen Organismus eigenthümlichen Nervensystems beruhen, „animalische Processe“ zu nennen und zu ihnen die Empfindung und Bewegung, sowie die Sinnes- und geistigen Thätigkeiten zu rechnen. Außerdem macht aber auch noch das Nervensystem, welches in seiner Einrichtung einem zwischen vielen Orten ausgespannten Telegraphennetze zu vergleichen ist, dadurch den Thier- und Menschenkörper zu einem innig verbundenen organischen Ganzen, daß es das harmonische Ineinandergreifen der Leistungen aller einzelnen Theile bewirkt.

Trotz dieser mannichfaltigen, durch das Nervensystem veranlaßten Processe ist die Masse desselben (die Nervensubstanz oder Neurine) in ihrer Grundlage doch blos aus zwei, aber nur durch das Mikroskop sichtbaren Formelementen, nämlich aus „Fasern“ und „Zellen“ aufgebaut, welche allerdings ganz bestimmte physikalische und chemische Eigenschaften besitzen, die aber, soweit die Forschung reicht, im Wesentlichen für jede Faser und jede Zelle dieselben sind. Für sich allein können also jene Elemente nicht die Bedingungen der Mannichfaltigkeit in den animalischen Processen enthüllen, wahrscheinlich aber in Folge der eigenthümlichen Verbindungen mit einander und mit andern Organen.

Die Nervenfasern, oder richtiger Nervenröhren, sind feine (gröbere und feinere, etwa den viertausendsten Theil eines Pariser Zolls im Durchmesser haltende), weiche, runde, elastische Fäden von verschiedener Dicke, die entweder markhaltige oder marklose sind. Die ersteren bestehen aus drei ganz verschiedenen Gebilden, nämlich aus einer äußerst zarten Hülle (Scheide), aus einer im Mittelpunkte gelegenen runden oder platten, weichen, aber elastischen Faser (der centralen oder Axenfaser) und aus einer zwischen Scheide und Axenfaser befindlichen zähflüssigen, ölartigen, fettreichen, weißen Schicht (Nervenmark oder Markscheide). Den marklosen Nervenröhren, welche in weit geringerer Menge als die markhaltigen im menschlichen Körper angetroffen werden, fehlt das zähe ölige Nervenmark. – Die Nervenzellen (Ganglienkugeln) sind größere oder kleinere bläschenartige Körperchen mit einem feinkörnigen, festweichen, oft gefärbten Inhalte und einem bläschenartigen Kern. Ihrer Form nach gibt es runde, spindelförmige und sternförmige Nervenzellen. Sie bestehen entweder für sich allein, oder hängen durch kurze Ausläufer und faserförmige Fortsätze unter sich zusammen, oder sie gehen direct in Nervenröhren über. Nur durch Vermittelung solcher Zellen treten Nervenröhren mit einander in Verbindung, niemals unmittelbar durch Verschmelzung. – Da wo Nervenröhren den Hauptbestandtheil der Nervensubstanz ausmachen, sieht dieselbe weiß aus, d. i. die weiße Nervenmasse, wo dagegen zahlreiche Nervenzellen bei einander liegen, bildet sich graue Nervensubstanz. An gewißen Stellen des Körpers ist nun die eine oder die andere dieser beiden Nervensubstanzen, oder auch beide mit einander vereinigt, in größerer Masse angehäuft. So findet sich ein großer rundlicher Klumpen von grauer und weißer Nervenmasse in der Schädelhöhle des Kopfes unter dem Namen „Gehirn“ vor, während jene beiden Substanzen im Canale der Wirbelsäule das strangförmige „Rückenmark“ aufbauen. Die Nervenröhren bilden dagegen, indem sich eine größere oder geringere Anzahl derselben an einander anlegt und [40] mit einer gemeinschaftlichen Hülle umgibt, weiße Fäden von verschiedener Dicke, welche „Nerven“ genannt werden und sich baumförmig (in immer feiner werdende Fädchen sich verzweigend) oder netzartig in fast allen Theilen des Körpers verbreiten, jedoch in dem einen Theile in größerer Menge als in dem andern. Hier und da hängen den Nerven grauliche Knötchen von verschiedener Größe an, welche „Nervenknoten“ oder „Ganglien“ heißen. Man pflegt das Gehirn und das Rückenmark auch als „Centraltheile“ oder „Mittelpunkte des Nervensystems“ zu bezeichnen, während die mit jenen Centraltheilen zusammenhängenden Nerven das „peripherische Nervensystem“ darstellen. Die Nervenröhren in den Nerven laufen ununterbrochen, ohne sich zu zertheilen oder mit andern Röhren zu vereinigen, vom Centraltheile, wo sie aus den Nervenzellen der grauen Masse hervorgehen, bis zu ihrer (peripherischen) Endigung in diesem oder jenem Organe fort. Diese Endigung ist aber eine freie, nachdem sich manche Röhren vorher noch in feine Aestchen zertheilt haben. – Die chemische Zusammensetzung der Nervensubstanz ist noch nicht ganz genau erforscht; zur Zeit weiß man nur, daß in derselben viel Eiweißsubstanz und phosphorhaltiges Fett vcrhanden ist.

Wenn in irgend einem Gewebe der Stoffwechsel (die Ernährung) durch gutes nahrhaftes und sauerstoffreiches Blut, sowie durch den richtigen Wechsel zwischen Thätigsein und Ruhen ordentlich erhalten werden muß, so ist es im Nervengewebe, welches deshalb auch ziemlich viel Blutgefäße besitzt. Daß das Nervensystem bei so vielen Menschen krank und in widernatürlicher Weise thätig ist, hat seinen Grund stets entweder in einer falschen Ernährung oder in einem unnatürlichen Arbeiten desselben. – Thätig kann nun aber das richtig ernährte Nervensystem nicht auf eigene Hand, aus eigenem Antriebe, sondern nur dann sein, wenn es dazu angeregt wird. Solche Anregungen, die entweder von der Außenwelt oder aus dem Körper selbst stammen können, nennt man „Nervenreize“ und die Fähigkeit des Nervensystems, auf diese Reize thätig sein zu können, „Nerven-Reizbarkeit, Erregbarkeit, Empfindlichkeit, Sensibilität.“

Der erregbare (lebende, leistungsfähige) Nerv wird sich natürlich zu Zeiten in Unthätigkeit (Ruhe). befinden, während er durch einen Reiz erregt in thätigen Zustand tritt. Während dieses letztern Zustandes sollte nach früheren Ansichten die Bewegung eines „Nervenäthers, Nervenfluidums, Nervengeistes, Nervenagens“ innerhalb der Nervenröhren stattfinden, während man sich nach den neuesten Entdeckungen (von Du Bois-Reymond) das Verhalten der Nerven beim Thätigsein auf ähnliche Weise denken kann, wie bei einem (Telegraphen-) Drahte, durch den ein elektrischer Strom geleitet wird und der, trotz der Wirkungen, die er vermittelt, doch keinerlei Bewegung wahrnehmen läßt. Und allerdings scheint auch alle Nerventhätigkeit auf elektrischen Vorgängen zu beruhen, die Elektricität das thätige Agens im Nervensysteme und das elektrische Verhalten des Nerven das bedingende Moment für seine Thätigkeit zu sein. Auch ist die Elektricität der kräftigste, wirksamste Reiz für die Nerven. Außerdem können die Nerven-Reizungen noch sein: psychische und sinnliche (durch den Willen und das Gemüth, durch Licht, Schall u. s. w.), mechanische (durch Stechen, Kneipen, Zerren u. s. f.), chemische (durch Aetzmittel, Alkohol) und thermische (durch Kälte und Hitze). – Was die Nerven-Reizbarkeit betrifft (d. h. die Fähigkeit des Nerven, durch irgend einen der Reize in den Erregungszustand überzugehen), so ist diese unter verschiedenen Verhältnissen von verschiedener Stärke; sie kann, in Folge äußerer und innerer Einwirkungen, auf längere oder kürzere Zeit, widernatürlich vermehrt oder vermindert, oder wohl auch vollständig aufgehoben (gelähmt) sein. Wohl stets ist dabei die Ernährung und somit der Bau (die physikalische und chemische Constitution) des Nervengewebes in irgend einer Weise gestört und deshalb bei Behandlung solcher Nervenleiden hauptsächlich nach Regulirung des Stoffwechsels im kranken Nervengewebe zu streben. Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß in einem reizbaren Nervensystem derselbe Reiz eine weit stärkere Erregung hervorrufen muß, als sonst im gesunden oder gar im reizloseren Nervensystem.

Bei aller naturgemäßen Reizbarkeit und Reizung des Nervensystems würde dasselbe nun aber doch seine Thätigkeit nicht zur Erscheinung bringen können, wenn es nicht mit Apparaten (Organen) im Zusammenhange stände, in denen das gereizte reizbare Nervensystem bestimmte Erscheinungen hervorzurufen im Stande wäre. Diese Apparate sind an den äußeren (peripherischen) Enden der Nervenröhren angebracht, während die inneren (centralen) Enden derselben in den Nervenmittelpunkten mit den Nervenzellen in Verbindung stehen. Es sind jene Apparate entweder zusammenziehbare (Muskel- oder Fleisch-)Fasern, welche die Bewegungen veranlassen, oder eigenthümliche Vorbaue (Sinnes- und Empfindungsorgane), welche durch ganz bestimmte Reize (wie Licht- und Schallwellen u. s. w.) die Hervorrufung eines bestimmten Erregungszustandes in den Nervenfäden der Vorbaue zu vermitteln bestimmt sind. Wie bei einem elektrischen Telegraphendrahte lassen sich also auch an jeder Nervenfasser zwei Enden unterscheiden, das eine, von dem aus die Faser in den Zustand der Erregung versetzt wird, der in ihr sich fortpflanzt, und das andere, durch welches dieser Erregungszustand in dem mit diesem zweiten Ende zusammenhängenden Apparaten die verschiedenen Erscheinungen hervorruft. Diejenigen Nervenfasern, bei denen das innere (centrale) Ende zur Aufnahme der Erregung bestimmt ist und die Fortpflanzung derselben nach dem äußern (peripherischen) Ende hin stattfindet, nennt man „centrifugal leitende“ oder auch, weil sie in Bewegungsapparaten endigen und Bewegung veranlassen, „motorische oder Bewegungsfasern“. Wo dagegen die Reizung am äußeren (peripherischen) Ende der Faser stattfindet und die Leitung nach dem Nervencentrum hin geschieht, da heißt die Nervenfaser eine „centrifugal leitende“ und, wenn sie im Bewußtseinsorgane (Gehirn) endigt, eine „sensitive oder Empfindungsfaser“. In den Centraltheilen des Nervensystems können die verschiedenen Fasern mit Hülfe der Nervenzellen ihren Erregungszustand auf einander übertragen, und daher kommt es, daß Reizung centripetal leitender Fasern durch die Uebertragung (Reflex) auf centrifugal leitende auch Bewegungen (sogenannte Reflexbewegungen), oft sogar sehr zweckmäßige, veranlassen können, ohne daß eine Empfindung dabei stattzufinden und der Wille die Bewegung veranlaßt zu haben braucht (wie z. B. das Wegziehen des Beines bei Kitzeln der Fußsohle selbst im Schlafe). Durch das Rückenmark und in den Nervenknoten (Ganglien) werden auf diese Weise (durch Reflex) eine Menge unwillkürlicher Bewegungen vermittelt.

Beim Menschen läßt sich das ganze Nervensystem seiner Thätigkeit nach in zwei große Abtheilungen trennen, die aber an vielen Stellen mit einander in Verbindung stehen und deshalb auf einander einwirken können. Die eine dieser Abtheilungen vermittelt die mit Bewußtsein und Willkür vor sich gehenden Erscheinungen, es ist dies das sogenannte „animale oder Hirnnervensystem“. Die andere Abtheilung steht den unwillkürlichen und unbewußten, zur Ernährung des Körpers dienenden Thätigkeiten vor und begreift das „Rückenmarks- und Ganglien- oder vegetative Nervensystem“ in sich. Jedes dieser beiden Nervensysteme läßt sich der Wichtigkeit seiner Funktionen nach wieder in zwei Abtheilungen scheiden; nämlich das animale, dessen Mittelpunkt das Gehirn ist, in das „sensoriell-psychische“ Nervensystem, von welchem die Sinnes- und Geistesthätigkeiten abhängen, und in das „sensitiv-motorische“, welches der Empfindung und unwillkürlichen Bewegung vorsteht. Das vegetative Nervensystem läßt sich trennen: in das „spinale oder Rückenmarks-Nervensystem“, durch welches die complicirteren unwillkürlichen Vegetationsprocesse (wie das Athmen, die Herzthätigkeit, Verdauung, Harnausscheidung) zu Stande kommen, und in das „sympathische, Ganglien- oder vasomotorische (röhrenbewegende) Nervensystem“, welchem die Bewegung der engern Canäle (wie der Blut- und Lymphgefäße, der Ab- und Aussonderungscanälchen der Drüsen) übertragen ist. In allen diesen Abtheilungen findet wahrscheinlich eine centripetale, centrale und centrifugale Thätigkeit statt. Im Hirnnervensysteme besteht die centripetale Action in Zuleitung von Empfindungen der verschiedensten Art (hauptsächlich durch die Sinnesorgane); die centrale Action beruht dagegen theils in Verarbeitung der zugeleiteten Empfindungen zu Vorstellungen, Begriffen, Urtheilen, Schlüssen (im Denken, Verstandbilden) und Willen, theils in Uebertragung der Reizung von den Hirn-Empfindungsnerven auf Bewegungsfasern; die centrifugale Action in Erregung willkürlicher, unter Umständen aber auch unwillkürlicher, bewußter und unbewußter Bewegungen. Im Rückenmarks- und Ganglien-Nervensystem werden dagegen in Folge der Zuleitung von Reizung zum Rückenmark und den Ganglien (d. i. die centripetale Action) und durch Uebertragung derselben innerhalb dieser Centraltheile auf Bewegungsfasern (d. i. die centrale [41] Action) nur unwillkürliche Bewegungen hervorgerufen (d. i. die centrifugale Action).

Welcher Art nun aber die Vorgänge sind, welche in den Nervenzellen der Nervencentra (zumal im Gehirne bei Entwickelung der sogen. geistigen Thätigkeiten) stattfinden, und worin der durch Reizung in den Nervenröhren erregte und fortgepflanzte Zustand besteht, das hat bis jetzt die Wissenschaft noch nicht entdecken können. Trotzdem sind aber doch die im Menschen herrschenden Nervengesetze zum großen Theile nicht unbekannt und können zu Gunsten des körperlichen wie geistigen Wohlseins verwendet werden. Denn die Mechanik des Nervensystems vollzieht sich ebenso regelrecht und gesetzlich, als die himmlische Mechanik des Sternenlaufs, nur daß dieselbe noch nicht ihren Newton oder Laplace gefunden hat, welcher ihrer verwickelten Gesetze Herr geworden wäre. – Daß aber die Wissenschaft, wenn vielleicht auch erst nach Jahrhunderten, das innere Getriebe der Nervenvorgänge immer begreiflicher und durchdringlicher machen wird, steht nach dem, was sie bis jetzt in diesem Punkte schon geleistet, wohl ziemlich fest. Und damit wird die Grenze, bei welcher das Wissen aufhört und das Glauben anfängt, immer weiter hinausgerückt werden.
Bock.