Das Paderbornsche Bataillon im siebenjährigen Kriege

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Autor: Georg Joseph Rosenkranz
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Titel: Das Paderbornsche Bataillon im siebenjährigen Kriege
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aus: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, Band 11
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Erscheinungsdatum: 1849
Verlag: Friedrich Regensberg
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Erscheinungsort: Münster
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4. Das Paderbornsche Bataillon im siebenjährigen Kriege.

Seit dem Jahre 1702 mußte Paderborn zu der Reichsarmee, wenn sie auf den Kriegsfuß gesetzt wurde, ein Kontingent von 819 Mann Infanterie stellen und vollständig ausrüsten. Die Unterhaltung desselben im Felde kostete dem Lande für jeden Monat in der Regel fünf bis sechstausend Thaler. Als der siebenjährige Krieg ausbrach, brachte der Fürst von Paderborn die ihm durch die Reichsmatrikel auferlegte Truppenzahl gewissenschaft zusammen, um dem von dem Preußischen Siegesglück bedrohten Oesterreich beizuspringen. Beim Abmarsch fehlte in der Summe kein Mann, aber allen fehlte der kriegerische Geist; es waren Söldner aus den niedrigsten Haufen des Volkes. Der damalige Befehlshaber des Paderbornschen Bataillons, Generallieutenant von Mengersen, wurde nach dem Kanonendonner, den man aus Sachsen und Böhmen vernahm, krank, und erhielt mit einigen anderen von der nämlichen Krankheit heimgesuchten Officieren die Erlaubniß, zur Hut der Invaliden zurückzubleiben. An seine Stelle übernahm der Oberst Ewald von Kleist das Kommando. Das Bataillon verließ im Monat August 1757 die Stadt und befand sich am 11. September zu Erfurt bei der Reichsarmee, welche der Herzog von Hildburghausen in Vereinigung mit dem französischen Heere unter dem Prinzen Soubise gegen Leipzig führte. Die Annäherung der Preußen nöthigte aber die Verbündeten sehr bald zu einem eiligen Rückzuge bis nach Eisenach. [356] Wie die Verfolgung der Preußen nachließ und die Reichstruppen sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, ging es von Neuem vorwärts. König Friedrich empfing seine Feinde bei dem Dorfe Roßbach (5. November 1757) und brachte ihnen dort eine der schimpflichsten Niederlagen bei, welche die Kriegsgeschichte kennt. Die Franzosen sowohl, als die Reichsvölker geriethen gleich zu Anfang der Schlacht in eine so gänzliche Muthlosigkeit und Unordnung, daß sie wie Spreu aus einander stoben, und ihr Heil in unaufhaltsamer Flucht suchten. Die Reichstruppen, deren Armatur so schlecht war, daß von hundert Gewehren kaum zwanzig losbrannten, liefen jedoch am ersten davon. Vernehmen wir nun von dem Obersten v. Kleist selber, wie es dem Paderborner Bataillon, welches mit zwei Münsterschen und drei Kurköllnischen Bataillonen fast immer dasselbe Schicksal theilte, nach der Roßbacher Schlacht auf dem Kriegsschauplatze weiter erging. Unter der Aufschrift:


Erklärung, wo die Leute, Feldrequisiten und sonstige Parzelen nach dem Ausmarsch von Paderborn geblieben;


erstattete er darüber im J. 1761 der Regierung seines Landesherrn folgenden Bericht:


1757.

Das erste Jahr, als das Bataillon von Paderborn nach Arnsberg marschirte, sind viele sich noch im Lande befindende Leute mit Montirung, Ober- und Unter-Gewehren desertirt. Nach dem Verlust der Roßbacher Bataille zogen wir uns auf Eckartsberg zurück; auf dieser Retirade wurde ein Munitionskarren mit den dabei kommandirten Leuten nebst Knechten und Pferden gefangen genommen. Wie dann die Affaire zu Weimar und gleich nachher zu Saalfeld vorging, hat man einige Mannschaften mit Gewehr und Waffen vermißt. Darauf geschah dem Bataillon die Anzeige, die Winterquartiire in Eisfeld zu beziehen, wo wegen ausgestandener Strapazen die Krankheiten zunahmen und Viele im Lazareth starben.

[357] 1758.

Das zweite Jahr wurde das Bataillon unter dem Kommando des Generals der Cavallerie Herrn von Lusinsky zum Frei-Bataillon genommen, wo es während vier Monate wegen schier täglichen Scharmutzirens etliche Mannschaften eingebüßt hat. Demnächst, als es wieder zur Armee stieß, wurde die Mannschaft, um die Festung Sonnenstein einzuschließen, dort in Schanzen gelegt, wo bei einer 48 Stunden dauernden Kanonade Einige ihr Leben verloren. Wie nun später der Prinz Heinrich uns zu attaquiren suchte, marschirten wir, um die Flanke der Armee zu decken, mit mehren Truppen nach Lauenstein; es kamen von da Einige sehr stark blessirt zurück. Die Ordre, so unverzüglich darauf gegeben wurde, war, daß die fünf Kurköllnischen Bataillons unter dem Kommando des Generalfeldmarschalllieutenants von Kobb auf Postirung ins Hessenland, nämlich nach Schmalkalden aufbrechen sollten. In dieser Stadt blieben wir den Winter über.

1759.

Die Hanoveraner rückten heran, und von denen wurde das Leib-Bataillon und Elberfeld in Sachsen-Meiningen gefangen genommen; auch das Nagelsche Bataillon, so zu Wasungen postirt war, mußte sich gefangen geben. Von uns stand zu Klein-Schmalkalden ein Offizier, nämlich Fähndrich Krumme mit 50 Gemeinen; davon sind einige erschossen, die anderen aber alle aufgehoben worden. Unser Bataillon war genöthigt, sich durchzuschlagen und mußte von Suhl bis nach Schleusingen in stetem Feuer retiriren, wo Viele verloren gegangen. Diese Retirade, um das Reich zu decken, dauerte Tag und Nacht; wegen des starken Marsches wurden Viele vermißt und gefangen genommen, so daß das Bataillon bei den großen Verlusten, die es theils in dieser, theils in allen andern Affairen erlitten hatte, in der Armee keine vollkommenen Dienste

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mehr prästiren konnte. Es wurde deshalb einstweilen zur Eskortirung der Bagage Sr. Durchlaucht, des Prinzen von Zweibrücken gebraucht und kam hierauf nach Ladenburg, um sich wieder in Stand setzen zu können, wo

1760.

von Köln dreihundert Rekruten zur Verstärkung eintrafen. Als das Bataillon wieder auf 700 Mann gebracht war, mußte solches aufs Neue sofort zur Armee stoßen und der Dresdener Belagerung beiwohnen. Wir wurden in die Schanze bei Prisnitz kommandirt, um den Marsch der Armee zu decken; hier büßten wir, da uns die Preußischen Husaren angriffen, mehre Leute ein. Hierauf bekamen wir Ordre zum Marsch nach Meissen, in der Absicht, den Feind dort aus seinem vortheilhaften Posten zu delogiren. Diese achtundvierzigstündige Kanonade kostete ein Ziemliches; das Bataillon bekam viele Todte und Blessirte. Wie die Kanonade aufhörte, erging der Befehl zum Rückzuge. Wir marschirten bis Dresden und von da nach dem sogenannten Gießhübel, den Finckenfang vorzunehmen.

1761.

Das Bataillon wurde dann auf Postirung ins Bayreutsche kommandirt; von da mußte es nachher auf Dresden marschiren und hierauf wieder nach Meissen. Bei den kleinen Scharmützeln, die auf diesen Zügen vorfielen, vermißten sich einige Mannschaften. Der Befehl erheischte, daß das Bataillon nach Strehlen marschiren sollte, die allda vorfallende Bataille mit formiren zu helfen, wo auch einige Leute eingebüßt worden. Von da zur Belagerung der Festung Torgau, nach eroberter Festung zur Belagerung von Wittenberg, hierauf zurück über Leipzig nach der Grafschaft Schleiz unter Kommando des Generalmajors von Warstensleben auf siebenwöchentliche Postirung. Von dieser wurde das Bataillon unter Kommando des General-Feldmarschalllieutenants von Rosenfeld wiederum

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auf Postirung nach Saalfeld angewiesen, wo die anderen annoch bei uns gewesenen Truppen auf Befehl des Generals der Kavallerie, Grafen von Haddick auf sechs bis acht Stunden zurückgelegt wurden, mit der Weisung, daß die Kurköllnischen beiden Bataillons Wildenstein und Mengersen dem Anrücken des Feindes wehren und ihn aufhalten sollten. Der Preußische General von Seckendorf zog mit seinen achttausend Mann, welche in Karabiniers, Husaren, Füseliere und Frei-Bataillons bestanden, auf Schwartzlau los und hob das Bataillon von Wildenstein auf, nachdem er ihm einen großen Verlust beigebracht hatte. Dies war des Morgens gegen sieben Uhr. Um die neunte Stunde suchte der Feind uns die Visite zu machen; es wurde demselben von der Garnsdörfer Anhöhe mit Kanonenschüssen begegnet und wir waren befehligt, mit ihm ins Feuer zu gehen. Obschon die Grenadier-Kompagnie mit fünfzig Mann Freiwilligen zur Deckung der Flanke detachirt wurde und der Rest des Bataillons, der also nur in 75 Rotten bestand, sich bald von allen Seiten umringt sah, so haben wir dennoch, um uns zu behaupten und unsere Schuldigkeit zu thun, von 9 Uhr Morgens bis 2 Uhr Nachmittags in stetem Feuer zugebracht, bis endlich so Viele erschossen und niedergesäbelt waren, daß wir auf Leben und Tod uns ergeben mußten. Von dem Bataillon sind ungefähr 156 Mann übrig geblieben. Bei dieser Action wurden verloren: eine vierpfündige metallene Kanone, drei Munitionswagen nebst zwölf Pferden; auf dem Wahlplatze lagen alle Feldrequisita, als die Fahnen zerhackt, Gewehre und Trommeln unter denen Todten, welche die Preußen als Beute zu sich genommen haben. Hierbei wurden auch gefangen: der Obrister von Kleist, Hauptmann v. Geismar (so wiederum zurück in Dienst nach Münster, wo er vorhero gestanden, abgegangen

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ist), Hauptmann Hoyeren, Lieutenant Warnesius senior, Lieutenant v. Stürmann (so ebenmäßig nach Münster abgegangen), Lieut. Warnesius junior, Lieut. v. Streit, Fähndrich Crone und Fähndrich Vetter, welche das Ihrige sämmtlich eingebüßt haben. – Hingegen noch einige Leute, so Preußische Dienste mit Gewalt haben nehmen müssen und mit herben Prügeln dazu gezwungen worden, sind wiederum desertirt und haben vom K. K. Commissarius einen Ranzionirungs-Dukaten erhalten, und sind von da zum Ueberbleibsel angewiesen worden, wo nach der Hand Viele, so sich im Land aufhalten, mit Gewehr und Waffen desertirt sind. Auch befinden sich noch wirklich Leute in Preußischen Diensten; diese aber sind in die Festungen geworfen, daß sie nicht loskommen können.
Die Gewehre und Feldrequisiten gehen bei den Soldaten dadurch eben verloren, wenn man das Unglück hat bei schier täglichen Gelegenheiten zu sehen, daß es so viele Todte, Blessirte, Vermißte, Gefangene, ja Deserteurs gibt. Hingegen die Requisita, so ein Soldat in den Lazarethen nachläßt, werden ad Depositorium gelegt, bis dahin, daß man Ranzionirte oder Rekruten bekommt, welche damit wieder bewaffnet werden.
Anlangend des Feldpaters Holtemeyer Gezelt, welches er besaß, als das Bataillon aus dem Lande marschirte, so hat er solches ganze zwei Jahre hindurch gebraucht. Nach seinem Absterben, als ein anderer Feldpater, nämlich ein Franziskaner zum Bataillon kam, benutzte dieser das Gezelt ins dritte Jahr; es hielt aber nicht vollkommen mehr aus und mußte wegen Faulung und da es unbrauchbar geworden, weggeworfen werden.

[361] Soweit der Oberst v. Kleist, der dies aller Wahrscheinlichkeit nach noch in der Gefangenschaft oder gleich nach seiner Rückkehr aus derselben schrieb. Im Jahre 1762 wurde von Paderborn für die Fortsetzung des Kriegs eine neue Mannschaft geworben, welche im April des folgenden Jahrs aus dem Felde zurückkehrte und ein Geschützstück wieder mit brachte. Von ihren Verrichtungen ist sonst nichts näheres bekannt; auch darf man wohl nicht bedauern, daß die Nachrichten darüber der Vergessenheit anheim gefallen sind.

G. J. Rosenkranz.