Das Paradies der Wahnsinnigen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Paradies der Wahnsinnigen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 393-395
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[393]
Das Paradies der Wahnsinnigen.

Mitten auf den traurigen Moor-Ebenen, die ihre unfruchtbaren Wüsten über einen großen Theil der nördlichen Provinzen Belgiens und die Südgrenzen Hollands ausdehnen – bekannt unter dem Namen Campine – breitet sich eine freundliche Oase der eigenthümlichsten Industrie und Cultur aus. Deren Mittelpunkt ist das heitere, reich umgrünte und umblühte Stadtdorf Gheel, Hauptstadt der belgischen Campine. Der freundliche Ort ist breit umgürtet von Obst-, Küchen- und Blumengärten, im Winde rauschenden und wogenden Getreidefeldern und einfachen, aber behäbigen Gehöften, Hütten und Bauerhäusern. Diese künstliche Oase in einer weiten Oede nimmt uns auf den ersten Blick für die Bevölkerung ein, die solch’ blühendes Leben aus dem öden Boden zu zaubern verstand. Hört man nun auch die Geschichte dieses Ortes und seiner Bewohner und deren charakteristischsten Bestandtheile, gewinnt das Ganze ein reiches Interesse für allerhand humane, wissenschaftliche und heilsame Beziehungen.

Zunächst findet man als Fremder den auffallenden Gegensatz zwischen dem ruhigen, sanften, flämisch-phlegmatischen Charakter der meisten Bewohner und mehrerer sich in allerlei Seltsamkeiten und Excentricitäten gefallenden Individuen unerklärlich. Ist es Sonntag, wird man sich noch mehr wundern, daß diese lebhafteren, seltsameren Bewohner alle nach der zweiten Hauptkirche der Oase, der St. Dymphne, strömen, während die phlegmatischen, heiteren, dicken Flamänder mit pausbäckigen Kindern, breitschulterigen Frauen und großblauäugigen Töchtern sich in der St. Amandkirche versammeln. Haben diese excentrischen Leute, die nach St. Dymphne strömen, eine eigene, besondere Religion? Sind sie eine eigene Race? Alle diese Conjecturen erklären nichts. Man muß warten, bis der Gottesdienst vorüber ist, und dann die Inschriften, Gemälde, Bildnisse und allerhand andere Monumente von St. Dymphne studiren. Dann geht uns allmählich ein Licht auf. Wir lesen, daß die heilige Dymphne, Tochter eines Königs von Irland im siebenten Jahrhundert, der ein starrer Heide geblieben, während die Tochter für das Evangelium des Menschheits-Erlösers gewonnen war, vor ihrem grimmig verfolgenden Vater floh, hier in der belgischen Campine ein stilles Asyl fand, eine Capelle baute und den Grund zu dem jetzigen Gheel legte, daß sie aber von ihrem grausamer Vater hier aufgefunden und von dessen eigener Hand enthauptet ward. Einige Geisteskranke, die zufällig diese unerhörte Gräuelthat sahen, bekamen durch diese moralische und nervöse Erschütterung ihren gesunden Verstand wieder. In ihrer Dankbarkeit schrieben sie die Herstellung ihrer geistigen Gesundheit dem mysteriösen Einflusse dieser heiligen Märtyrerin zu und erhoben sie zur Schutzheiligen aller Wahnsinnigen. Angehörige anderer Wahnsinnigen erwarteten weitere Wunder und ließen ihre im Geiste gestörten Unglücklichen vor dem errichteten Grabkreuze der heiligen Dymphne knieen. Selbst wenn’s nichts half, der Glaube blieb und dehnte sich aus und befestigte sich und hielt an und fest bis in diese Tage der blühendsten belgischen Maschinen-Industrie. Die Pilgerfahrten der Wahnsinnigen wurden wiederholt und durch neue Zuströmungen gesteigert, bis diese Kreuzzüge der Geisteskranken zu dem Grabe der heiligen Dymphne Sitte und Gebrauch und eine feste Institution, ein Cultus wurden. Viele dieser Unglücklichen wurden in der Obhut der Bewohner zurückgelassen, die so allmählich Routine und Praxis in der Behandlung dieser Kranken bekamen und zwar eine Praxis, welche die stolze Wissenschaft in Irrenhäusern erst nach Durchprobirung aller Arten von Zwangsjacken, Ketten, Fesseln und Grausamkeiten allmählich annehmen lernte.

Der Zudrang von Geisteskranken, die Wohnung, Pflege und Wartung brauchten und dafür bezahlten, machte aus der Wüste eine Oase und dehnte die Hütten um Dymphne’s Grab zu einer weiten, blühenden Garten- und Ackerstadt aus. Die Ruhe und Heiterkeit hier, die phlegmatische Gutherzigkeit der Gesunden, die Beschäftigung in Garten und Feld – dies Alles wirkte wohlthäthig [394] auf die Geisteskranken. Alle besserten sich hier, Viele wurden gesund. Der Glaube an die Wundercuren der heiligen Dymphne stand felsenfest. Papst Eugenius IV. sanctionirte im vierzehnten Jahrhundert die Dymphne-Kirche und ganz Gheel als einen Ort des Heils für Geisteskranke. Der feste Glaube war nun auch officiell geheiligt. Der Glaube kann nicht nur Berge versetzen, sondern auch verrückte Geistesbauten wieder einrenken. Der Glaube ist selbst in dem rationellsten physiologischen Sinne eine Macht und Medicin (respective ein tödtliches Gift). Mancher Hund, der zu civilisirt ist, um trockenes Brod zu fressen, verzehrt es mit dem größten Appetite und leckt noch mit der Zunge nach beiden Seiten, wenn man das von ihm verschmähte Stück trocknes Brod vor seinen Augen auf einem ganz absolut reinen Teller wischt. Er glaubt: Aha, nun ist Fett dran! und so schmeckt’s ihm. Wie oft werden Menschen von imaginären Krankheiten gequält! Wie oft stärkt man die Recreationskraft der Natur dadurch, daß man einen festen Glauben an einen bestimmten Arzt oder an eine Medicin in einem Kranken auferbaut!

Der Glaube that hier auch viel. Er lieferte eine günstige Disposition unter den Geisteskranken. Das Meiste that freilich die ruhige, heitere Luft und gesunde Beschäftigung hier, das Allermeiste und Beste aber die traditionelle Behandlung, welche hier Praxis, Regel und Gesetz ward und vor Jahrhunderten schon gelöst hatte und leistete, was in wissenschaftlichen Irrenhäusern erst neuerdings eingefühlt wird. Die Grundgesetze in Behandlung der Wahnsinnigen in Gheel sind seit Jahrhunderten: Freiheit der Handlung und Bewegung, Beschäftigung in freier Luft, Fernhaltung von den grinsenden Leidenschaften, Sorgen und Gebrechen der Gesunden und Civilisirten, gütige Behandlung und thätige, aufrichtige Sympathie!

Die Geisteskranken leben mit den einfachen, arbeitsamen Einwohnern von Gheel wie Pensionäre, als Familienmitglieder und arbeiten, essen und trinken und sprechen auch bald wie alle andern, gesunden Leute. Die Väter der einzelnen Familien üben ein patriarchalisches Amt: sie herrschen, weil ihnen Jeder aus Liebe, in dem Glauben an ihre natürliche Autorität, freiwillig gehorcht. Die Obrigkeit des Staates hat sie auch officiell zu „pères nourriciers“ (Pflege-Vätern) der Geisteskranken ernannt. Das Verhältniß zwischen ihnen beruht durchweg auf Zuneigung und bildet einen schneidenden Contrast zu dem sonst zwischen Geisteskranken und ihren Wärtern herrschenden Widerwillen.

Die Bewohner von Gheel haben außerdem bis auf den heutigen Tag den durch viele Jahrhunderte hindurch fortgeerbten Glauben, daß ihr Ort und sie selbst eine besondere Gabe und Kunst in Behandlung der Geisteskranken besitzen. Das ist auch Thatsache und Folge einer Jahrhunderte lang fortgesetzten Praxis und Uebung. Dieser auf Thatsachen fußende Glaube hat denn auch Hand und Fuß und gibt ihnen die furchtlose Zuversicht, die sich auch den Geisteskranken mittheilt und oft schon die halbe Cur ausmacht. Die einzelnen Pflegeväter sind stolz auf das blühende, gesunde Aussehen ihrer Pfleglinge und wetteifern miteinander in Gewinnung und Pflege derselben. Familien, die zufällig einmal keinen solchen Pflegling haben, halten sich für unglücklich und thun alles Mögliche, sich einen solchen Schatz zu verschaffen. Geldinteresse spielt dabei keine Hauptrolle. Manche werden für sehr wenig Kostgeld, viele ganz umsonst aufgenommen.

Mancher Pflegevater behielt seinen Kranken, nachdem er gesund geworden, nachdem er Angehörige verloren, die für ihn bezahlten oder wenn er die größte Abneigung zeigte, wieder in die Städte der Civilisation und des modernen Lebens zurückzukehren. Ein in Brüssel verlaufenes, wahnsinniges Mädchen ward nach Gheel gebracht, wo sie durch ihre Feinheit und Bildung zu dem Glauben führte, daß sie von hoher Abkunft sein müsse. Ihr Pflegevater ließ sie zwanzig Jahre lang an einem besondern feinen Tische essen und behandelte sie wie eine Ehre und ein Glück seines Hauses, ohne je einen Pfennig dafür zu erhalten. Ein Arzt trat einmal in das Zimmer einer Pflege-Familie, wo der Wahnsinnige den Ehrenplatz am Kamine einnahm. Die Kinder, erschreckt durch das fremde Gesicht, klemmten sich zwischen die Kniee des Wahnsinnigen, um sich von ihm schützen und zureden zu lassen, daß der Doctor nicht beiße etc.

Vor einigen Jahren beschlossen einige Städte Belgiens, ihre Wahnsinnigen von Gheel wegzunehmen und in einem vermeintlich besseren Institute unterzubringen. Die darauf erfolgten Scheidescenen in Gheel waren zum Theil herzzerreißend. Die Wahnsinnigen klammerten sich weinend an ihre weinenden Pflege-Familien an, sich mit Schrecken von ihren natürlichen Angehörigen abwendend, Andere hatten sich versteckt und mußten mit Gewalt aus ihren Winkeln hervorgeholt und entfernt werden. Die Folge davon war, daß viele dieser Geisteskranken in Tobwahnsinn verfielen, fast alle sich verschlimmerten und die Meisten nach Gheel zurückgebracht wurden, wo sie wieder Feld und Garten bestellen helfen, Blumen und Bäume Pflegen, Vieh hüten, Kinder warten, Wüsten urbar machen und die lachenden Meere goldner Halme um die Stadt herum ausdehnen. Andere tischlern, schneidern, schustern, häkeln, klöppeln Spitzen – Jeder und Jede nach Gewerbe, Talent und Neigung. Sie thun dies umsonst contractmäßig, aber die Pflegeväter finden es viel vortheilhafter, ihnen stets einen Gewinnantheil oder den ganzen Gewinn zukommen zu lassen und sie sonst durch die Früchte ihrer Arbeit angenehm zu überraschen. Der Eine bekommt Sonnabends Extra-Tabak, der Andere Extra-Bier etc., die Eine ein Tuch, Band oder sonstigen Schmuck, auch Geld, das sie nach ihrer eigenen Disposition verwenden. Viele arbeiten ganz auf eigene Rechnung. In diesen Arbeiten werden sie Alle blos von gutem Beispiel (Alles in Gheel ist sehr fleißig), Nacheiferung und gutherziger Ermahnung, wie von der Gewißheit des Erfolges und Lohnes getrieben. Und so sind diese Unglücklichen, die sonst überall als der Gesellschaft gefährlich eingekerkert und in strenger Haft gehalten werden, hier als frei in Familien, Garten, Feld, Haus und Hof Umherwandelnde glückliche Mitglieder einer blühenden Menschengemeinde. Nur in einzelnen, entschieden gefährlichen Fällen wird Dieser oder Jener in einer ihm kaum merklichen Aufsicht und in Schranken gehalten, dies aber auch nur für die Perioden besonderer Anfälle. Im Uebrigen gelten sie stets als freie Mitbürger, die sich zum Theil unter sich, zum Theil mit Andern amüsiren. Nur daß Gastwirthen u. s. w. verboten ist, ihnen spirituöse Getränke zu verkaufen. Die Geisteskranken von Gheel geben zuweilen hübsche Concerte unter Direktion eines wahnsinnigen Violinisten.

Freiheit und Arbeit – das ist’s – das ist Alles, womit die Geisteskranken von Gheel behandelt, geheilt oder wenigstens in den Schranken der Gefahrlosigkeit gehalten werden. Dies ist so seit vielen Jahrhunderten und so ein Ruhm und ein Verdienst, welcher den meisten Anstalten und Gesetzen für Geisteskranke in der ganzen Welt zur Schmach, zum ewigen Vorwurfe wird, da sie erst alle Arten von Barbareien und Torturen durchprobirten, ehe sie gezwungen zu dieser Einfachheit und Menschlichkeit schritten.

Die seit Jahrhunderten praktisch geübte Behandlung der Geisteskranken in Gheel ist um so bemerkenswerther, als sich bis in die neue Zeit niemals Wissenschaft und Obrigkeit darum bekümmerten. Erst mit dem Jahre 1795, als Belgien mit dem Alles regieren wollenden Frankreich verbunden ward, nahmen die „Behörden“ Notiz von diesem alten Paradiese der Wahnsinnigen. M. de Pontecoulin, Präfect des Departements, wozu Gheel gehörte, verglich das entsetzliche Elend und die Barbarei in den obrigkeitlichen Irrenhäusern von Brüssel u. s. w. mit dem Institute in Gheel, und ließ aus ersterem so viel Wahnsinnige, als unterzubringen waren, in letzteres übersiedeln. Diesem Beispiele folgten bald andere Städte Belgiens und Hollands, so daß Gheel nach Jahrhunderte langem stillen Wirken weit und breit als Paradies der Geisteskranken berühmt ward. Doctor Guislain, einer der ersten Reformatoren der Irrenhäuser, studirte Gheel und die Praxis daselbst sehr genau, gab aber im Ganzen ein ungünstiges Urtheil, so daß die Behörden Alles genau untersuchen ließen, worauf sie natürlich „Verordnungen“ des Besserwerdens erließen, ohne aber damit die bewährte, alte, wohlthätige Praxis zu andern.

Gheel hat jetzt etwa 10,000 Einwohner, wozu 800 bis 1000 Geisteskranke kommen. Vier von den „Behörden“ angestellte Aerzte führen eine Art Aufsicht über die Kranken, und geben vierteljährlich Berichte. Medicinisch greifen sie aber nicht ein, und überlassen Alles der Natur und alten Praxis der Pflegeväter.

Außer den geisteskranken Bewohnern Wallfahrten stets noch eine Menge anderer Unglücklicher zu dem Grabkreuz der heilige Dymphne, um sich einen gesunden Geist zu erflehen, obgleich die dabei angewandten Mittel selbst eine Steigerung intellektueller Verirrungen sind. Die Steinstufen vor dem Grabkreuze sind rief ausgehöhlt von den rutschenden Knieen geistesirrer Gläubigen, welche seit Jahrhunderten ihre „neuvaines“ durchmachten, d. h. neun Tage hinter [395] einander jeden Tag neun Mal auf den Knieen um das Grabmal herumrutschten. – Früher trieben die Geistlichen der Dymphne-Kirche auch officiell die Teufel des Wahnsinns aus, aber in neuerer Zeit ist dieses Geschäft ganz in Mißcredit gekommen. Die „Behörden“ haben neuerdings bestimmte Löhne für Wohnung und Kost der Geisteskranken in Gheel „vorgeschrieben.“ Diese officielle Vergütigung beträgt jährlich zwischen 70 und 100 Thaler. Die höhere Summe wird für Kranke bezahlt, die wegen besonderer Parorysmen u. s. w. besondere Aufsicht und Sorgfalt verlangen. Für diese 70 bis 100 Thaler jährlich erhält der Kranke Alles, was zu seiner Existenz und Pflege gehört, mit Ausnahme der Kleidung.

Dies sind die nöthigsten Angaben über ein Institut, das die größte Beachtung und im Wesentlichen Nachahmung verdient, um so mehr, als man, trotz wohlthätiger Reformen in Irrenhäusern, noch nicht auf den Standpunkt gekommen ist, auf welchem Gheel schon seit Jahrhunderten stand, welcher diesen Unglücklichen ihre Lage so erträglich macht, wie sie überhaupt möglich zu sein scheint. Sie wohnen nicht in Gefängnissen, sie sind frei und können lichte Momente ohne Schrecken und Kummer ertragen, und ohne alle weitere Zuthat sehr oft als heil und gesund entlassen werden. Freiheit und Arbeit wirken sehr oft als radikale Heilmittel auch in diesen Krankheiten.