Die Frau des Dichters

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Autor: Max Ring
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Titel: Die Frau des Dichters
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, 28, S. 395-398, 409-411
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Frau des Dichters.

Es war ein milder, warmer Juniabend. Die Rosen blühten und dufteten, die Nachtigall sang ihr schmelzendes Liebeslied. In einer Laube des Reichelschen Gartens in Leipzig saß eine glückliche Familie, die herzensgute Mutter und zwei Töchter, von denen die jüngere einer ahnungsvollen Knospe glich. Charlotte Willhöft war eine reizende Erscheinung; mit ihrer schlanken ätherischen Gestalt, ihrem seelenvollen Auge, den edlen und feinen Zügen des lieblichen Gesichts bildete sie durch ihren sinnigen Ernst den Gegensatz zu ihrer heiteren, lebenslustigen Schwester Julie, welche an den Kaufmann Sickmann verheirathet war. Von Jugend auf zeigte das seltsame Kind eine wunderbare geistige Begabung, ein ungewöhnliches Streben nach dem Höhnen. So oft sie konnte, zog sie sich in die Einsamkeit zurück mit einem Buche in der Hand; dort überließ sie sich den schwärmerischen Gedanken ihrer jugendlichen Phantasie, der Sehnsucht nach dem Jenseits, den mystischen Träumen ihres von Frömmigkeit und unbegriffener Liebe überströmenden Herzens. Sie befand sich in dem schönen Alter, wo die Psyche, noch frei von jeder irdischen Last, ihre Schwingen entfaltet und im begeisterten Fluge sich zu ihrer himmlischen Heimath erhebt, der sie noch näher steht, als dann, wenn die Alltäglichkeit des gemeinen Lebens ihr die Flügel lähmt. Diesen angebornen Hang religiöser Schwärmerei hatte besonders ein verehrtet Lehrer der Bürgerschule, welcher daselbst den Religionsunterricht ertheilte, in ihr genährt; als derselbe wegen seiner phantastischen Richtung angeklagt, zur Niederlegung seiner bisherigen Stellung sich genöthigt sah, faßte Charlotte als dreizehnjähriges Mädchen mit einer gleichgesinnten Freundin den Entschluß, an die Spitze ihrer Mitschülerinnen zu treten, und im Namen derselben ein Schreiben an die Direction der Anstalt zu verfassen, worin um Beibehaltung des geliebten Lehrers gebeten werden sollte.

Sie selbst war um diese Zeit fast anzusehen, wie eine kleine Nonne, und ihr ganzes Wesen erhielt einen klösterlich strengen Anstrich; sie hielt sich von den Zerstreuungen und Vergnügungen fern, welche ihre Jugendgespielinnen erfreuten; nur mit Mühe war sie zum Besuch des Theaters zu bewegen und in übertriebener, fast kindischer Askese entsagte sie dem Genüsse der Fleischspeisen, sich wie der fromme Hindu mit Pflanzenkost begnügend. Zum Glücke wirkte der heitere Familienkreis ihrer Schwester, in deren Hause sie fortan lebte, beruhigend und sänftigend auf ihre bedenkliche Richtung ein, so daß sie allmählich selbst von ihrer Strenge zurückkam, und der Erde und der Wirklichkeit wiedergegeben wurde; nur der fromme Ernst war ihr als eine Erinnerung an ihre religiösen Kämpfe geblieben, und bildete gleichsam den Grundton ihres Wesens. Als Vermittler zwischen dem Jenseits und Diesseits war in ihrer Brust die heilige Kunst erwacht, welche vollends die zurückgebliebene Beklemmung löste, und sie mit dem Leben versöhnte. Schon frühzeitig entwickelte Charlotte eine überraschend schöne Stimme und ein bedeutendes musikalisches Talent, das von den Ihrigen mit Sorgfalt gepflegt und ausgebildet wurde. Die Macht der Töne bewährte sich an ihr; die Schwermuth schwand und ein heiterer Friede zog in ihre Brust. Die verwandte Poesie wurde von der Musik geweckt, und unwillkürlich dichtete sie zu ihren Lieblingsmelodien die passenden Worte, von dem unwiderstehlichen Drange erfaßt, ihren Gefühlen einen bestimmten Ausdruck zu verleihen.

So wuchs das seltsame Kind zur wunderbaren Jungfrau heran, eine herrliche ahnungsvolle Blüthe, welche der Sonnenschein der Liebe erst vollkommen schließen sollte.

Eines Tages führte Charlottens Bruder einen jungen Mann in die Familie ein; derselbe war von Göttingen, das er wegen politischer Verbindungen verlassen mußte, nach Leipzig gekommen, um Philologie zu studiren. Heinrich Stieglitz war eine poetische Natur und selbst Dichter; er fühlte sich sogleich zu der ihm nur zu sehr verwandten Charlotte hingezogen. Beide hatten dasselbe Streben nach dem Ideal, dieselbe Verachtung der gemeinen Alltäglichkeit, den gleichen Hang und Drang zu einem künstlerischen Leben; nur daß in ihm ein vulcanisches, dämonisches Feuer brannte, welches ihn und Alles, was sich ihm näherte, zu verzehren drohte, während die Flamme der Begeisterung stiller und klarer in Charlottens Seele wieder brannte. Seine kecke Physiognomie, von den dunklen, schwärmerischen Augen durchleuchtet, sein ganzes auf das Höchste gerichtete Wesen, selbst ein gewisser Stolz, der zur Selbstüberschätzung seiner Kräfte führen konnte, sprachen sie an und ließen sie, sonst den Männern gegenüber scheu und verschlossen, an seinem Umgange Gefallen finden. Aufgefordert, seine Besuche zu wiederholen, sahen sie sich öfter und tauschten ihre Gedanken gegenseitig aus. Hauptsächlich bewegte sich der Inhalt ihrer Gespräche um religiöse Gegenstände, welche der aufkeimenden Liebe zum Anhalt dienten. –

So saßen sie auch heute in der blühenden Laube und während die Blumen dufteten, die Nachtigall sang, Mond und Sterne freundlich niederschauten, theilten sie ihre Gefühle über die göttliche „Bergpredigt“ des Erlösers mit, in der sich ihre sonst verschiedene Andacht begegnete. Die wackere, treffliche Mutter hörte zu, und sprach von ihrem Standpunkte mit, während die sorgsame Schwester ab und zu ging, um das Abendbrod zu bereiten. Charlotte hing mit Bewunderung an den Lippen des jungen Freundes, der mit dichterischer Begeisterung den inneren Kern des Christenthums vor ihr entwickelte, und von jener geistigen Kirche sprach, welche, abgesehen von allen äußeren Formen, die Auserwählten zu einem Bund der Liebe vereint. Ihre früheren streng gläubigen Ansichten erhielten durch seine Auffassung eine wesentliche Umwandlung; sie fühlte, wie sich während dieser Unterredung ihr Gesichtskreis nach und nach erweiterte, eine freiere Auffassung der Religion sich ihr aufdrängte und die dunkeln, asketischen Wolken von ihr wichen, ohne daß sie darum aufhörte, zu glauben und fromm zu sein.

Es war ihr, als würde sie von einer drückenden Last befreit, als gehörte sie erst jetzt wieder ganz der schönen Erde an, ohne darum den Himmel zu verlieren. Eine nie gekannte Heiterkeit bemächtigte sich ihrer Seele; sie hätte laut aufjauchzen mögen vor innerer Lust. So schön war ihr die Welt noch nie vorgekommen, so wonnevoll die Natur ihr noch nie erschienen. Sie liebte und dies Gefühl erfüllte sie mit nie gekannter Seligkeit.

Aber mitten in ihrem Glücke überschlich sie ein leiser Schauer, ihr ahnungsvolles Herz wurde plötzlich von einem unerklärlichen Bangen ergriffen, wie von einem Vorgefühl künftiger Schmerzen. Als Heinrich gegangen war, lagerten sich die dunkeln Schatten des kaum besiegten Ernstes über ihre Seele; sie empfand eine nie gekannte Unruhe, und Thränen entstürzten unwillkürlich ihren Augen.

So weint die junge Rosenknospe, wenn sie über Nacht die keusche Hülle sprengt; ein funkelnder Thautropfen glänzt in ihrem Kelch, der sich zum ersten Male den schmeichelnden Sonnenstrahlen erschließt.

So bald Charlotte allein war, griff sie zu ihrem Tagebuche, dem sie ihre geheimsten Gedanken anvertraute. Sie schrieb: „Nichts [396] wollen, nichts wünschen, als lieben; sich selbst vergessen im Glück des geliebten Wesens, ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wünschen, stellt uns den Engeln gleich, ist Vorgefühl himmlischen Glückes! So lehrtest Du mich, meine Mutter! Warum bin ich denn nicht glücklich? Warum treibt unwillkürliche Unruhe mich machtlos umher? Warum beklemmt meine Brust ein Wünschen, ein etwas Erwarten von der nächsten Minute, für das ich sogar nicht einen Namen habe? Könnte ich nur einmal recht Großes, recht Schweres für ihn vollbringen, ohne daß er ahnete, von wo es ausginge! Könnte ich ungesehen ein trübes Geschick, ein großes Unheil von seinem geliebten Haupte auf das meinige lenken, und dann in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf zu ihm blicken, und mich in seinem freudigen Lächeln sonnen! Dann, dünkt mich, wäre ich ruhig und glücklich für mein ganzes übriges Leben. – Der Abend war einer der schönsten meines Lebens. Sein Andenken wird mir wie ein strahlender Stern durch meine Seele gehen. - - Es wird still in mir.“ –

Diese Worte, welche Charlotte im überströmenden Gefühl als sechzehnjähriges Mädchen niederschrieb, waren keine bloßen Tagebuch-Phrasen, sie offenbarten ihr inneres Sein, sie waren nur der Ausdruck eines echt weiblichen Gemüthes, das für den Geliebten sich selber hinopfern will; in ihnen lag der Keim und Schlüssel ihrer späteren Handlungsweise.

Ihre Liebe blieb nicht unerwidert, Heinrich’s Geständniß seiner tiefen und innigen Neigung ließ nicht warten, und die Mutter segnete den Bund der beiden jungen Herzen.

Charlotte war Braut und die Braut eines Dichters, in dem sie die Verkörperung ihrer eigenen Ideale sah; mit schwärmerischer Begeisterung blickte sie zu dem Geliebten auf, in dem sie nicht nur den Mann, sondern das Talent, die göttliche Poesie selbst verehrte; war stolz auf ihn, auf seinen Ruf und bestrebte sich, seiner würdig zu werden, ihm das Leben nach allen Seiten hin angenehm zu gestalten, für alle seine Bedürfnisse zu sorgen, jede Unannehmlichkeit von ihm abzuwehren. Für ihn war ihr nichts zu schwer; sie begann sogar von nun an ein lebhaftes Interesse an den wirtschaftlichen Angelegenheiten zu nehmen, um einst als tüchtige Hausfrau allen ihren Pflichten zu genügen und ihren Platz vollkommen auszufüllen.

Die Nothwendigkeit, sich eine dauernde Stellung zu verschaffen, und die unabweisbare Sorge um das tägliche Brod führten seinerseits Stieglitz nach Berlin, wo sich ihm mannichfache Aussichten für die Zukunft eröffneten, da es ihm nicht an einflußreichen Freunden und Gönnern fehlte, die er zum Theil seinem täglich wachsenden literarischen Rufe zu verdanken hatte. Sein Talent wurde anerkannt, sein Name vielfach genannt; er wurde in manche geistreiche und interessante Kreise der Hauptstadt eingeführt, wo ihm ehrender Beifall, Anerkennung und Aufmunterung im reichsten Maße zu Theil wurden. Sein Vertrauen wuchs, sein Selbstbewußtsein hob sich und er hielt sich immer mehr berufen, als Dichter einen hervorragenden Platz einzunehmen.

An diesen Erfolgen nahm Charlotte den lebhaftesten Antheil, indem sie mit dem Geliebten seit ihrer Trennung in fortwährendem Briefwechsel stand, worin sie die ganze Fülle ihrer Liebe und ihre fortschreitende geistige Entwicklung offenbarte; sie zeigte sich ihm in jeder Beziehung ebenbürtig, indem sie rastlos bemüht war, ihre Kenntnisse zu erweitern, ihre Bildung der seinigen anzupassen. Durch dieses Streben und durch die Entfernung gewann ihre Liebe eine mehr geistige und übersinnliche Gestalt, die kleinen Schwächen und Mängel, die beim näheren Umgänge unausbleiblich bemerkt werden, verschwanden oder wurden nicht gesehen. Beide befanden sich in einer verzeihlichen Selbsttäuschung, welche vor dem Zusammenleben in der Ehe verschwinden mußte. Die Wirklichkeit mit ihrer rauhen Hand sollte früher oder später den Schleier zerreißen, den schönen, selbst gepflegten Wahn zerstören.

Ein unvorhergesehener Schlag beschleunigte die Verbindung Charlottens mit dem Mann ihrer Wahl; die heitere Schwester Julie, in deren Haus sie bisher gelebt, starb im Wochenbette, treu von ihr gepflegt. Stieglitz fühlte jetzt doppelt die Verpflichtung, der schutzlosen Braut ein Stütze zu werden, und ihr eine neue Heimath zu geben; deshalb bewarb er sich ernstlich um die Stelle eines Gymnasiallehrers und Custos an der königlichen Bibliothek zu Berlin, die er auch erhielt. Der Dichter hatte ein Amt und eilte jetzt nach Leipzig, um die Braut als Gattin heimzuführen. Unmittelbar nach der Trauung traten sie eine Reise durch den schönsten Theil von Deutschland an, um im poetischen Genüsse der Natur ihr höchstes Glück zu feiern. Heinrich wünschte sich aus übertriebener Vorsicht mit einer Reisewaffe zu versehen, Charlotten spottete zwar über seine Furcht, aber sie ging selbst in ein Gewölbe und kaufte für ihn einen – Dolch.

Im Wagen saßen die Neuvermählten und rollten, begleitet von den Segenswünschen der Ihrigen, dahin. Die anfängliche Beklommenheit löste sich in süße, bräutliche Wonne auf, Charlotten’s noch hervorquellende Thränen, die dem Abschied galten, trockneten bald, und sie lächelte verschämt, wenn sie den geliebten Mann in ihrer Nähe sah, dem sie nun für immer angehörte. Das war eine schöne Fahrt durch das südliche Deutschland; in Frankfurt wurde Börne besucht, der damals eben erst durch seine liebenswürdigen Journalaufsätze bekannt geworden war, in Heidelberg die epheuumrankte Ruine bestiegen, der herrliche Rhein befahren und an seinen rebenbekränzten Hügeln geschwärmt.

Stieglitz genoß noch einmal, bevor er in das Joch des bürgerlichen Lebens trat, das ganze Glück der ungebundenen Freiheit an der Seite eines holden Weibes in vollen Zügen. Mit keckem Jugendmuthe überließ er sich der romantischen Neigung, über Berg und Thal in der Wildniß herumzuschweifen; er wurde noch einmal der kräftige, übermüthige, enthusiastische, schwarzlockige Student, wie ihn seine Charlotte gern hatte. Sie vergaß dabei die eigene Anstrengung und Uebermüdung, der ihr schwächerer Körper nicht gewachsen war, und begleitete ihn auf seinen oft beschwerlichen Fußwanderungen, welche er ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit unternahm. In seiner ungemessenen Lust trieb er es mit seinen romantischen Kreuz- und Querzügen so bunt, daß selbst der Kutscher, den er für die ganze Reise gemiethet hatte, ihm den Contract aufkündigte und davon lief.

Ungeachtet dieser kleinen Beschwerden und Abenteuer waren es die glücklichsten Zeiten, die sie verlebten, und wenn die Reisenden eine waldbewachsene Höhe erklommen, auf moosigem Steine ausruhten und zu ihren Füßen der blaue Strom, die gesegneten Thäler im Abendglanze schwammen, über ihrem Haupte die rosigen und goldenen Wolken zogen, da glaubten sie wohl, dem Himmel näher zu sein, und Charlotte stimmte eines ihrer schönsten Lieder mit herrlicher Stimme an, dem die vorüberziehenden Wanderer wie dem Gesänge eines seligen Geistes lauschten.

Von diesem poetischen Ausfluge waren sie nach Berlin zu ihren gewöhnlichen Beschäftigungen zurückgekehrt. Der Dichter mußte die unleserlichen Hefte der Tertianer corrigiren, Unterricht ertheilen oder auf der Bibliothek bei seinen Büchern sitzen und Kataloge anfertigen, während Charlotte das kleine Hauswesen in Ordnung hielt. Sie war viel allein, da ihn seine tägliche Arbeit vom Hause fern hielt. In der Einsamkeit beschlich sie wohl noch zuweilen die alte Schwermuth, aber meist kämpfte sie siegreich dagegen an. Nur wenn Stieglitz verstimmt aus der Classe oder von der Bibliothek kam, wo die einförmige und anstrengende Thätigkeit ihn leicht anwiderte, theilte sich seine Verdrießlichkeit auch ihr mit. Hier und da fehlte es noch an dem Behagen in der neuen, etwas übereilten Einrichtung, das mäßige Einkommen legte ihnen manche Beschränkung auf. Als aber zum ersten Male durch ihre gemeinschaftlichen Anstrengungen das Feuer auf dem eigenen Heerde brannte und die junge Hausfrau in der weißen Küchenschürze davor stand, rosig von den angefachten Flammen angeglüht, da lachten Beide wie zwei glückliche Kinder.

Bald bildete sich auch um das ausgezeichnete Paar ein Kreis von hervorragenden Männern und liebenswürdigen Frauen, die sich ihnen enger anschlössen. Das geistige Leben der großen Stadt, der Verkehr mit verschiedenen literarischen Persönlichkeiten wirkte fördernd und belebend ein, wenn auch anderseitig der kritisch zersetzende Verstand, ein gewisses absolutes Absprechen und eine Ueberschwänglichkeit der ganzen sie umgebenden Atmosphäre nicht ohne allen Einfluß auf Beide blieb. Charlottens Hang zum Nachdenken, zu einer fast ausschließlich metaphysischen Richtung fand unter diesen Verhältnissen nur allzureiche Nahrung; sie sog wie eine Pflanze den Sauerstoff der Poesie begierig ein, ohne den zum Leben eben so notwendigen schwereren Stickstoff der Prosa als den unentbehrlichen Ballast des Daseins zuzulassen. Das aufreibende Element ließ die geistige Flamme heller glänzen, um sie desto schneller zu verzehren. Es war eine künstliche Gluth, die keine gesunde Entwickelung gestattete.

Stieglitz benutzte die ihm freie Zeit zu neuen Dichtungen, von

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Charlotte Willhöft.

denen er sich zum Theil einen ungemessenen Erfolg versprach. Sein Talent war ein ausschließlich lyrisches, von der Stimmung des Augenblickes beherrscht; er täuschte sich meist selbst über die Tragweite seiner Kraft und wurde mißmuthig, wenn der Erfolg seinen Erwartungen, das Geleistete seinem hochfliegenden Wollen nicht entsprach. Charlotte suchte ihn dann wohl zu beruhigen und den schon damals aufsteigenden finstern Dämon in seiner Brust durch liebevollen Zuspruch zu beschwichtigen. Sie selbst stand ihm rathend und fördernd zur Seite. Als er die „Bilder des Orients“ schrieb und mit sich selber wegen einzelner Gedichte unzufrieden war, unablässig besserte und wieder das Niedergeschriebene verwarf, erwachte in ihr der Wunsch, ihm helfend beizustehen und die quälende Arbeit ihm abzunehmen. Sie machte den Versuch und während Stieglitz auf der Bibliothek zu thun hatte, setzte sie sich an seinen Schreibtisch und dichtete eine der schönsten Scenen in seinem Trauerspiele „Selim III.“, die Unterredung zwischen dem Arzte und der Sultana Walide, an welcher Stieglitz nach mehreren vergeblichen Versuchen gescheitert war. Als er nach Hause kam, trat ihm Charlotte ganz erschöpft und blaß entgegen und deutete lächelnd auf das Pult, wo er die ihm mißglückte Aufgabe von ihrer Hand in vollendeter Form und mit poetischer Kraft gelöst fand. Ueberrascht und gerührt umarmte er die holde Frau, welche die Liebe zur Dichterin gemacht hat.

Hier und da aufsteigende Schatten fehlten nicht, aber Charlotte wußte sie durch Nachgiebigkeit und anschmiegendes Eingehen auf die Eigenthümlichkeiten des geliebten Mannes noch immer zu bannen. Je mehr sie seine Schwächen kennen lernte, desto opferfreudiger wurde sie, und mit Sanftmuth ertrug sie die kleinen Störungen, welche das Leben und die Ehe mit sich bringen. Allerdings hatte diese zarte Schonung oft gerade den umgekehrten Erfolg und bestärkte Stieglitz in seinen launenhaften Ansprüchen und hypochondrischen Quälereien, die zu ihrer Heilung der Strenge und des Widerspruches bedürften. Die geringfügigsten Umstände reichten zuweilen hin, Verstimmung und selbst Schwermuth in ihm hervorzurufen, wozu seine Natur um so mehr neigte, da er durch angestrengte geistige Arbeiten seine Nerven überreizte. Wie einst David die Wuth Saul’s, so bannte sie seinen Trübsinn durch ihren seelenvollen Gesang und, wenn dieser nicht mehr ausreichte, durch ernstere Mahnungen, die sie auf ein Blättchen niederschrieb und ihm so hinlegte, daß er sie lesen mußte. Einer dieser Gedenkzettel, der sich noch erhalten hat, lautete folgendermaßen:

„Recept für Uns. – So lange wir aber leben, also uns lieben, laß uns gegenseitig so viel wie irgend möglich heitere Blumen (lebensfrische heißt das) warten für einander, das geringe Unkräutchen (ein bloßer Schnupfen, eine zerbrochene Lampe), das sich einschleicht, mit thätiger Hand vertilgen, aber es um Gotteswillen für keine Trauerweide ansehen, sonst bleibt uns am Ende kein heiliger Baum für das Grab der geliebtesten Todten – und dies wird sicher ein furchtbarer Verlust. – Laß uns gegenseitig erfreuen, stärken, halten, erheben, handeln und somit froh sein – hörst Du?! – Laß uns denken, wenn wir säen allerlei Samen, daß die Früchte zu rechter Zeit schon reifen werden; der Boden, der lange liegen kann, bringt es doppelt ein.

Liebe ist der Athem, der ihn nährt,
Vertrauen ist die Sonne, die’s bewährt,
Und wo sich dies vereint gefunden,
Muß auch die rechte Frucht gefunden.“

Selten verfehlten derartige Erinnerungen bei Stieglitz ihren Zweck. Ueberhaupt glaubte Charlotte, nach einem längeren Zusammenleben die Bemerkung über seinen Charakter gemacht zu haben, daß jedes wahre Unglück ihn weit stärker und widerstandsfähiger fand, als die kleinen Unannehmlichkeiten des alltäglichen Daseins. Als sie einmal ernstlich erkrankte und zu ihrer Wiederherstellung das Seebad Dobberan besuchen mußte, vergaß er seine eigenen unbedeutenderen Leiden und erwies sich eben so besorgt und aufopfernd, wie sie selbst bei ihn betreffenden Krankheitsfällen.

[398] Zu ihrer beiderseitigen Zerstreuung und Erholung wurden kleinere und größere Reisen unternommen, von denen ein Ausflug nach Petersburg und Moskau zu den dort lebenden Verwandten ihnen die mannichfachsten und bedeutendsten Anregungen und Bereicherungen ihrer Anschauungen brachte. In dem Hause und in der Familie des reichen Barons von Stieglitz wurde ihnen die freundlichste Aufnahme zu Theil; dort lernten sie eine kaufmännische, ihrem eigenen Leben gänzlich fremde, großartige Thätigkeit kennen, der sie ihre Anerkennung und Achtung nicht versagen konnten. Besonders fühlte sich Charlotte zu dem Chef des Hauses hingezogen, der mit der klaren und scharfen Auffassung des erfahrenen Geschäftsmannes die humanste Bildung und den feinsten Takt verband. Ihm vertraute sie auch ohne Rückhalt ihre Bedenken über die aufreibende Thätigkeit ihres Mannes, dem sie vor allen Dingen eine unabhängige Stellung wünschte, weil sie in den Beschwerden seines Doppelamtes einzig und allein den Grund seiner inneren Unzufriedenheit sah; sie wollte ihn der gemeinen Sorge für das tägliche Brod und einer unerfreulichen Beschäftigung enthoben sehen, damit er sich von nun an um so freier und ungehinderter dem Dienste des Genius und der Poesie widmen könnte. Der großmüthige Onkel nahm diese schüchtern angedeuteten Wünsche der zutrauungsvollen jungen Frau mit zarter Berücksichtigung auf und versprach ihr vor der Abreise, für Heinrichs Zukunft Sorge zu tragen, falls derselbe seine bisherige Stellung aufgeben wollte. Charlotte dankte dem würdigen Manne mit kindlicher Zärtlichkeit und überließ sich der verzeihlichen Täuschung, durch eine derartige äußere Veränderung dem Geliebten für immer den inneren Frieden gesichert zu haben.

Der Anschein sprach für ihre Ansicht, da die Zeit, welche auf diese Reise folgte, durch keinen Unfall getrübt, in der heitersten Weise für sie verfloß. Der Petersburger Aufenthalt hatte auf Heinrichs Gemüthsstimmung überaus vortheilhaft eingewirkt; das reiche und anregende Leben in dem Hause des Onkels, die fortwährende Abwechselung, die ihm in dieser fremden Welt geboten wurde, die großartigen Verhältnisse seiner neuen Umgebung, die Erweiterung seines Gesichtskreises konnten ihren erfrischenden und stärkenden Eindruck auf ihn nicht verfehlen. Selbst das anspruchslose Stillleben in seiner Studirstube zu Berlin bildete jetzt einen angenehmen Contrast zu dem geräuschvollen Treiben und dem prachtvollen Aufwände in dem Hause des großen Bankiers. Er bedurfte und fand erst in den gewohnten Verhältnissen die nöthige Sammlung, um die empfangenen Eindrücke zu verarbeiten und sich ihrer in der Rückerinnerung zu erfreuen. Seine früheren Beschäftigungen waren ihm wieder lieb geworden und mit doppeltem Eifer kehrte er zu seinen alten Büchern und Arbeiten zurück. Nie war Stieglitz zum Schaffen und Dichten so aufgelegt gewesen, wie nach diesem Besuche, seine Gesundheit blieb bis auf ein kleines Unwohlsein ungetrübt, seine Stimmung heiter und selbst zum Scherze aufgelegt. Charlotte freute sich an seiner guten Laune und ließ, wenn er von der Arbeit ausruhte, ihren herrlichen Gesang zur Belohnung erschallen.

So leuchtet die Sonne am schönsten, bevor sie untergeht; so duften die Blumen am süßesten, wenn sie für immer verwelken wollen. –

Im Frühjahr 1834 entwickelte sich von Neuem bei Stieglitz jenes räthselhafte Nervenleiden, welches die Medicin mit dem allgemeinen Namen der „Hypochondrie“ zu belegen pflegt. Gerade die am meisten geistig begabten Menschen sind ihm verfallen, eine Beute dieser wunderbaren Krankheit, die sich in den verschiedensten Formen und in stets wechselnden Stimmungen kund gibt; bald in übermüthige Hoffnungen, bald in kleinmüthige Verzweiflung ausbricht, mit selbstquälerischer Phantasie vor eingebildeten Schreckbildern zittert und die Willenskraft nach und nach vollkommen lähmt. Stieglitz hatte die körperliche Disposition durch seine Lebensweise, geistige Ueberanstrengung und Mangel an Selbstbeherrschung zu einem bedenklichen Grade der Entwicklung gesteigert. Statt den Dämon, der mehr oder minder in jeder Menschenbrust schlummert, zu bekämpfen, den lauernden Feind niederzuhalten, überließ er sich wie Tasso den dunklen Mächten, welche allein der feste Wille zu besiegen im Stande ist. In einzelnen Aeußerungen und Ausbrüchen gab sich seine damalige Reizbarkeit zu erkennen, er haderte mit seinem Schicksal, statt, es mit Geduld zu ertragen.

„Ich will nicht länger mehr,“ rief er einst in eigensinniger Verblendung, „die verstimmte Leyer, ich will der stimmführende Spielmann sein, der Ernst und Spiel zu mächtigen Accorden eines Weltchors vereint!“

Charlotte suchte ihn durch milden Zuspruch zu beruhigen; sie litt unaussprechlich, da sein Zustand sie oft den Uebergang zum Wahnsinn fürchten ließ. Seine Launen ertrug sie mit rührender Geduld, sie theilte seine selbstgewählte Einsamkeit, sie war seine einzige Gesellschaft, die treueste Krankenpflegerin; all ihr Sinnen und Trachten war nur darauf gerichtet, ihm die Gesundheit wieder zu verschaffen, das gestörte Gleichgewicht seines Geistes wieder herzustellen. Man muß derartige hypochondrische Patienten häufig und in der Nähe beobachtet haben, um die ganze Größe ihres Opfers zu begreifen; sie peinigen nicht nur sich, sondern noch weit mehr ihre Umgebung, sie entwickeln eine wahrhafte Höllenkunst der Quälerei für sich und Andere; sie reiben den stärksten Willen, wie die zarteste Hingebung endlich auf, und theilen in nicht seltenen Fällen ihre eigene geistige Zerstörung den Nächsten mit, wie ein ansteckendes Contagium, das auch den gesunden Körper nicht verschont. In jener Zeit mag Charlotte wohl den Grund zu ihrem eigenen spätern psychischen Leiden gelegt haben, woran sie zu Gründe ging. –

[409] In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an den berühmten Arzt Medicinalrath Stieglitz in Hannover, zu dem sie als nahem Anverwandten ihre Zuflucht nahm. Auf seinen Rath besuchte sie mit Heinrich das Bad Kissingen, ohne jedoch den gewünschten Erfolg zu haben. In der Rückreise begriffen, berührten sie Arolsen, wo Stieglitz geboren war und seine Mutter und Geschwister lebten, aber der Anblick der Heimath konnte ihn nicht erheitern und weckte nur trübe Erinnerungen. Die Medicin, von der sie sich Heilung versprach, wurde zum Gift für ihn; sein düsterer Geist saugte aus der sonnigsten Landschaft nur die verderblichen Dünste und schwarzen Nebel ein; er schien unrettbar den finstern Mächten verfallen.

Charlottens Muth war gebrochen; damals schien zum ersten Male der fürchterliche Entschluß in ihrer Seele dämmernd aufgestiegen zu sein, ihr Leben für den Geliebten zum Opfer zu bringen, mit ihrem eigenen Blute ihn zu erlösen.

„Der Dichter,“ sagte sie zu ihm, „ist wie eine Schlingpflanze. Mit ihm muß man in Eins verwachsen sein oder es ist keine Gegenseitigkeit. Daher kann nur der ihm Freund sein, der an seinem Schaffen und Werden entschieden Theil nimmt. Sobald dieser Freund nichts mehr von der Welt hat, wird er verkommen in sich, während der Dichter nothwendig fortschaffen, ausströmen, der Welt sich hingeben muß, nicht aber mehr dem Freunde. Meine Stellung zur Welt ist mein Leben für Dich. Darum könnte ich auch bei der tiefsten, innigsten Liebe nimmermehr mit Dir in einer Wüste allein leben, ohne zu verkommen, weil ich Dir da nichts mehr sein könnte, und das wäre das Einzige, was ich nicht ertragen würde. Dir muß ich wieder Alles sein, energisch, durchdringend. Darum kann ich ordentlich mit einem Heimweh auf Deine geistige Wiedergeburt hinblicken. Sie wird wiederkommen! gewiß, sie wird wiederkommen. Könnte ich nur, wie ich wollte, sie zu beschleunigen – und wär’ es durch einen Kaiserschnitt – aber wenn er mißlänge?!“

Ein anderes Mal äußerte sie zu Stieglitz:

„Du bist der einzige Mensch, gegen den ich ganz rückhaltlos offen bin; und dennoch hab’ ich ein Geheimniß vor Dir – es betrifft Dich selbst und wird einst vielleicht zu Deinem Besten sich entschleiern, wiewohl es etwas dunkel aussieht.“

In ihr Tagebuch schrieb sie in jener Zeit:

„Die Welt erscheint mir erst jetzt recht heiter, seit ich sie einmal ganz aufgegeben und nun darüberstehend sie betrachte und erhalte. Sie erscheint mir gleichwie im letzten schönen Abendroth, wie beim Sonnenuntergang sie verklärt daliegt.“

Vom Entschlüsse bis zur That ist jedoch noch immer ein weiter und verschlungener Weg; der keimende Gedanke bedarf der Zeit zum Reifen; er liegt mit tausend andern verborgen in der Menschenbrust, bis der Augenblick ihn an das Licht zieht, ein ungeahnter Moment ihn zur rascheren Entwickelung treibt oder für immer vernichtet. Einem Saatfeld gleicht des Menschen Geist, von der Sonne beschienen, vom Thau und Regen des Himmels genährt; nicht jedes Korn geht auf, nicht jeder Halm trägt seine Frucht.

Es kamen wohl auch Tage, wo Charlotte sich neuen Hoffnungen hingab; denn das ist das Eigenthümliche dieser Krankheit, daß sie mit dem Anscheine der Genesung spielt und Stunden der vollkommenen Gesundheit mit verzweiflungsvoller Niedergeschlagenheit abwechseln. – Auf den Rath der Aerzte und Freunde hatte Stieglitz endlich seine amtliche Stellung aufgegeben, die Großmuth des Onkels in Petersburg schützte ihn vor jedem Mangel; aber diese Veränderung entsprach nicht den davon gehegten Erwartungen. Früher wurde Stieglitz durch seine Beschäftigung aus dem Hause geführt und zerstreut, jetzt waren die Gatten auf ein fortwährendes Beisammenleben angewiesen, das für Beide nicht wohlthätig sein konnte, ihn nur noch mißmuthiger machte und Charlotte zum Anhören seiner hypochondrischen Klagen nöthigte. Ihre Gesundheit wurde immer mehr angegriffen und die Aerzte verboten ihr, zu singen, um ihre leidende Brust zu schonen. Damit wurde ihr der letzte Trost geraubt, womit sie die finsteren Geister des Hauses zu beschwören pflegte.

Es waren traurige Tage, die sie von nun an in der Gesellschaft des kranken Mannes verlebte. Am achtzehnten December hatte Stieglitz einen Traum. Es war ihm, als versinke drüben im Flusse, in dessen Nähe seine Wohnung lag, das geliebte Weib; er stürzte ihr nach, schrie und weinte; streckte seine Arme nach ihr aus, um sie den Wellen zu entreißen, aber es war zu spät und Charlotte nicht mehr zu finden. – Als er erwachte und wußte, daß er nur geträumt, überkam ihn ein eigenes Gefühl. Er mußte unwillkürlich an manche ihr entfallene Mahnung denken und beschloß fortan, durch eigene Kraft sich aufzuraffen und die theure Frau durch seine Launen und krankhaften Stimmungen nicht länger zu quälen. Die Möglichkeit ihres Verlustes wies ihn auf seine eigene Energie an und er machte sich mit dem Gedanken vertraut, in edler Resignation seine verlorene Selbstständigkeit wiederzufinden. – Sein Wesen wurde ruhiger und gehaltener. Die wohlthätige Veränderung war Charlotten nicht entgangen und als sie nach dem Grunde forschte, nahm er keinen Anstand, den Traum der Nacht ihr mitzutheilen.

„So?“ sagte sie, gedankenvoll lächelnd. „Also das kann Dir helfen? Nur so ist es recht. Ja, ja, nur aus der Tiefe des Schmerzes, nur aus der echten Resignation kommt uns die rechte, die dauernde Kraft, die hohe Ruhe des Geistes, ohne die nichts wirklich Großes geschieht. Halte nur fest an Deinem Vorsatze und sie wird Dir werden.“

So bestärkte sie sich immer mehr in dem Entschlusse; er selbst gab ihr ohne sein Wissen die tödtende Waffe in die Hand. Sein Aufraffen zu erneuter Thätigkeit war ebenfalls nur vorübergehend, bald verfiel er wieder in jenen Zustand geistiger Lähmung, der keine gedeihliche Arbeit aufkommen ließ. Trostlos schleppten sich die Tage hin; am Abend saßen Beide in selbstgewählter Einsamkeit; nur selten ließ sich einer der alten Freunde sehen, verscheucht von der melancholischen Stimmung oder abgehalten von dem egoistischen Treiben der großen Stadt. Der einförmige Schlag der Uhr, die von der Kammer hereintönte, unterbrach mit schauerlichen Takten [410] die Stille, in der sich zwei zum Glück vor Allen berechtigte Wesen in unheilbar gewordener Gemüthsverwickelung gegenübersaßen. Unheimliche Vorzeichen, woran sich der gemeine Aberglaube hält, vermehrten die Beklemmung; die Möbel krachten hin und wieder gespenstisch und die obere Platte von Charlottens Schreibebureau zerbarst einmal schreiend, daß Heinrich entsetzt zusammenfuhr, während sie mit einem erzwungenen Scherz ihn zu beruhigen suchte.

Den einmal aufgetauchten Gedanken verfolgte von nun an Charlotte mit der ihr eigenen Willensstärke. Sie fühlte die Nothwendigkeit der That, von der sie sich einzig und allein Rettung für den Unglücklichen versprechen konnte. Durch ein gewaltsames Ereigniß sollte Stieglitz aus seinem dumpfen Hinbrüten aufgerüttelt werden, sie selbst wollte sein Arzt sein, aber in ihrer eigenen krankhaften Verblendung irrte sie sich in der Wahl des Mittels; auch sie war nicht mehr gesund, nicht so zurechnungsfähig, um den richtigen Weg zu seiner Heilung einzuschlagen. Seine Verwirrung und Reizbarkeit hatte sie angesteckt und ihren klaren Verstand getrübt. Der Tod schien ihr nur noch die einzige Hülfe zu sein und zwar ihr Tod, der dem kranken Manne seine Selbstständigkeit wiedergeben, ihn zu neuem Leben erwecken sollte.

Der alte Glaube an die versöhnende Kraft des „Menschenopfers“ war unbewußt in ihrer Seele aufgestanden, ein Glaube, welcher vielleicht mit ihren früheren religiösen Schwärmereien innig zusammenhing.

In der Fülle ihrer überschwänglichen Liebe wollte sie sich selbst zum Opfer bringen; sie war nicht Mutter; kinderlos blieb all’ ihr Denken und Fühlen nur auf den einen Punkt gerichtet, kein anderer Gegenstand zog sie davon ab; ihr Leben hatte nur so lange einen Werth für sie, als sie Heinrich damit nützen konnte; sie gab es hin, da ihr Tod nach ihrer Meinung ihn allein von dem Banne der Krankheit zu befreien vermochte. Dieser Entschluß war in ihr nach und nach zur Gewißheit geworden und sie ging an die Ausführung desselben mit ruhiger Besonnenheit, mit klarem Bewußtsein, das höchstens durch die Sophistik ihrer Liebe getrübt war. Sie rechnete noch einmal im Stillen mit sich ab und prüfte ihre bisherige Handlungsweise; sie konnte sich das Zeugniß geben, nichts für Heinrich unversucht gelassen, Alles gethan zu haben, was irgend erdenkbar, und dennoch fruchtlos!

Was blieb ihr nach all’ den Anstrengungen zu thun noch übrig, als für ihn zu sterben?

So kam der neunundzwanzigste December heran; Charlotte war zur That bereit, nachdem sie sich immer mehr darin bestärkt und vorbereitet hatte. Der Abschied von der Welt konnte ihr nicht schwer fallen, da sie nach und nach die irdischen Bande leise und unmerklich abgestreift. Ihr Geist schwebte bereits in einer höheren Welt, während sie noch zerstreut mit seltsam glänzenden Augen wie ein verklärter Geist auf dieser Erde herumwandelte. Heinrich war an diesem Tage abwechselnd wohler und dann wieder tief verstimmt, wie dies in der wunderlichen Natur seines Nervenleidens lag. Nach Tische kam eine Einladung zu der Ries’schen Quartettmusik für den Abend, die auch von ihm angenommen wurde. Von diesem Augenblick an war Charlotte plötzlich ernst und still. Sie sagte ihm noch nicht, daß sie ihn auf den Abend nicht in das Concert begleiten wollte.

Gegen Abend legte sie sich ermüdet auf das Sopha, sie bat ihn, allein oder in Begleitung eines in der Nähe wohnenden Freundes zu gehen, da sie der Ruhe bedürfe.

Er versprach, deshalb zeitiger zurückzukehren.

„Nein, Heinrich!“ sagte sie eindringlich. „Du mußt das Concert aushören! Versuch’ es wieder einmal, ob Du Musik mit Ruhe anhören kannst; besonders zwinge Dich, den aufregenden Beethoven wieder zu ertragen und zu bewältigen.“

Es lag ihr Alles daran, daß er nicht vor der Zeit, die sie zur Ausführung ihrer That bedurfte, wiederkäme.

„Hörst Du,“ fügte sie hinzu, „sei ruhig, mein Heinrich! Was soll denn nun noch aus Dir werden, da Alles mit Dir geschehen, was wir heilsam glaubten? Nur Resignation kann Dir helfen. Ruhig mußt Du werden, Dich in Dir selbst zusammenfassen! Man muß erst Alles aufopfern, um den Frieden und die Erlösung zu gewinnen. Ist das nicht auch die Bedeutung von dem Opfertode des Herrn?“

Sie drückte ihm die Hand; er küßte sie auf die Stirn und ging ohne jede Ahnung ihres Entschlusses. Kein Ton, kein Blick verrieth ihm ihre innere Bewegung, als sie so für immer von ihm Abschied nahm.

Sie war allein; draußen lag die öde Winternacht auf dem einsamen Schiffbauerdamme, wo sie wohnten. Wenn sie an’s Fenster trat, erblickte sie den Mond in schneidender Klarheit, die dunkle Spree und die gegenüberliegenden eingeschneiten Gärten und Häuser. Es war hell und kalt und ein leises Frösteln mochte sie wohl beim Anblick dieser melancholischen winterlichen Umgebung beschleichen. Nur das Dienstmädchen, welches ihr sehr ergeben war, verweilte in der Nähe; sie rief es, um ihm einige Auftrage zu ertheilen. Ihm war der besonders milde und freundliche Blick der Herrin aufgefallen, die, mit der Lampe in der Hand, vor ihr stand und sie verabschiedete.

Nur zwei Stunden hatte sie noch bis zur Rückkehr ihres Mannes Zeit; sie mußte sich beeilen, da sie noch viel zu thun hatte.

Sie legte mit rührender Sorgfalt das Geld für Heinrich heraus, das sie bisher immer in Verwahrung gehabt, und einige Sachen, die er zunächst brauchen konnte; dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb, während ihre Thränen leise fielen:

„Unglücklicher konntest Du nicht werden, Vielgeliebter! Wohl aber glücklicher im wahrhaften Unglück! In dem Unglücklichsein liegt oft ein wahrer Segen, er wird sicher über Dich kommen!!! Wir litten Beide ein Leiden, Du weißt es, wie ich in mir selber litt, nie komme ein Vorwurf über Dich, Du hast mich vielgeliebt! Es wird besser mit Dir werden, viel besser jetzt, warum? ich fühle es, ohne Worte dafür zu haben. Wir werden uns einst wieder begegnen, freier, gelöster! Du aber wirst Dich noch hier herausleben und mußt Dich noch tüchtig in der Welt herumtummeln. Grüße Alle, die ich liebte und die mich wieder liebten! Bis in alle Ewigkeit!
Deine Charlotte.
„Zeige Dich nicht schwach, sei ruhig und stark und groß!“

Diesen Brief, den sie absichtlich auf einen großen Bogen von starkem Papier geschrieben hatte, damit er nicht übersehen würde, legte sie zu dem Gelde in das Pult, wo sie in glücklicheren Tagen die ihm zugedachten Ueberraschungen, neckende Notizen und schalkhafte Erinnerungen zu bergen pflegte. Ihre Handschrift war in diesen letzten Zeilen fest und zeigte nur auffallend große Buchstaben. Einige Mal mußte sie heftig geweint haben, besonders waren die Worte „in der Welt herumtummeln“ am stärksten von ihren Thränen benetzt.

Jetzt warf sie vielleicht, von dem lauernden Dämon des Wahnsinns fortgerissen, den kleinen Pelzmantel und die Boa ab, welche sie gewöhnlich trug, und schleuderte sie an die Erde, wo sie in der Mitte der Stube gefunden wurden. Sie nahm das Licht, und eilte in ihre Schlafkammer mit dem Dolch, den sie als Braut für Stieglitz gekauft hatte.

Hier mußte ihre frühere Ruhe zurückgekehrt sein, wofür die besonnene Ausführung ihres Entschlusses ein klares Zeugniß gibt. Nicht in wilder Verzweiflung, mit ernstem Bewußtsein brachte sie sich selbst zum Opfer dar.

Sie stellte das Licht auf den Nachttisch und begann sich zu entkleiden, wusch sich erst, that ein reines, weißes Nachtkleid an und bedeckte das Haupt mit einem reinen, weißen Häubchen. So angethan, legte sie sich, wie sonst zum Schlummer, jetzt zum ewigen Schlaf in ihr Bett, und senkte hier mit furchtbar sicherer Hand den Dolch in das Herz. Sie behielt noch so viel Kraft und Ruhe, den Dolch aus der Wunde herauszuziehen und neben sich zu legen; dann deckte sie die rechte Hand auf die blutige Brust, mit der linken zog sie das weiße Betttuch bis an den Hals herauf.

So erwartete sie, das Haupt ruhig in die Kissen gedrückt, den nahen Tod; kein Schrei, kein Laut verrieth ihren Schmerz; endlich jedoch konnte sie das unwillkürliche Stöhnen der röchelnden Lungen nicht mit dem Aufgebote ihrer letzten Willenskraft überwinden. Das in der anstoßenden Küche verweilende Mädchen wurde aufmerksam; es rief und die Nachbarn eilten herbei. – Als die Thür geöffnet wurde, verhauchte Charlotte ihren letzten Seufzer. Sie lag in wunderbarer Milde da, einer Schlafenden gleich, in so ruhiger Haltung, ohne jede Spur des Todeskampfes, daß die Wunde als Ursache ihres Todes selbst von dem herbeigerufenen Arzte erst später entdeckt wurde. Die Wange war noch roth, die Hände leise heruntergeglitten, kaum einige Finger krampfhaft verzogen, nur um den Mund zeichnete sich ein scharfer, trüber Zug, der die Welt anzuklagen schien.

Eine halbe Stunde später kam Heinrich, nichts ahnend, aus dem Concert; die Musik hatte ihn heiterer gestimmt als sonst; er [411] hatte sich, wie dies in seiner Natur lag, neuen Hoffnungen hingegeben, neue Lebenspläne gefaßt, die er nach seiner Gewohnheit Charlotten mitzutheilen gedachte. In einer romantisch gelegenen Bergstadt, die auch ihr immer gut gefallen, wollte er mit ihr von nun an leben und in dem Schoße der Natur für Beide Stärkung und Genesung suchen. Er war noch voll von diesen freundlichen Gedanken, die er mit dichterischer Phantasie sich unterwegs ausmalte, als er in das Zimmer trat, wo er seine Frau als Leiche fand.

Mit einem lauten Schrei stürzte er zu Boden.

Er erholte sich zwar, der furchtbare Schlag hatte ihn nicht getödtet, aber auch Charlottens schwärmerische Aussichten auf seine geistige Erhebung in Folge einer solchen Katastrophe nicht gerechtfertigt. Sie hatte sich über die Wirkungen ihres Opfertodes in Bezug auf ihn getäuscht; die von ihr erwartete Erlösung trat für ihn nicht ein. Stieglitz verließ Berlin und zog nach dem Süden, wo er in Venedig starb, ohne die Hoffnungen, welche er bei seinem ersten Auftreten als lyrischer Dichter erregt hatte, zu erfüllen.

Auf dem Sophienkirchhof in Berlin ruht unter dem schlichten Grabstein Charlotte Stieglitz, die Frau des Dichters, die aus übergroßer Liebe für ihn sich selbst den Tod gegeben hat.

Was die irdische Liebe geirrt und gefehlt, hat ihr die himmlische des milden, göttlichen Richters gewiß verziehen.

Max Ring.