Das Paradies in der Wüste

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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Das Paradies in der Wüste
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter, Sechste Sammlung, S. 319–323
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Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Commons
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[319]

 Das Paradies in der Wüste.

     „Mein Freund Antonius, der Vater mir
Und Lehrer war, mit dem ich Lebenslang
In weitester Entfernung ungetrennt
Ein Herz und Seele war; der hundertjährge Greis

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(Das saget mir mein Geist,) ist jetzt gestorben.

Noch Einmal wollt’ ich ihn im Leben sehn!
Wohlan, ich will die Stäte sehen, wo
Er lebete und starb.“ – So sprach zu sich
Hilarion in Palästina, der,

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Wie sein Antonius, der Armen Freund,

Ihr Arzt und Trost, sich selber aber hart
Und strenge war. Er zog zur Thebaide.


[320]

     Durch grause Wüsten ging er; siehe da
Erhob ein Fels sich; aus dem Felsen sprang

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Ein heller Bach, beschattet rings von Palmen.

Am Felsen hob sich eine Traubenwand
Empor. Wohl ausgehauen leitete
Ein Schneckengang zur Höh’ hinauf; im Teich
Des Baches spielten Fische. Kräuter blühten,

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Und viel gesunde Früchte prangeten

Im Garten – ringsum ein Elysium.

     Verjünget wanderte Hilarion
Hin und daher, stieg auf und ab; ihn sangen
Die Vögel, die einst mit Antonius

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Loblieder angestimmt, den Freundesgruß,

Und flogen ihm vertraut auf seine Schultern.
Des Greises beide Jünger zeigten ihm
Jedweden Lieblingsort des Heiligen,
Dem sie gedienet. „Hier! hier betet’ er.

30
Auf dieser Höhe sang er Hymnen; dort

Pflegt’ er zu ruhen; hier arbeitet’ er.
Den Palmenhain hat er gepflanzet, Er

[321]

Die Reben sich erzogen; diesen Teich
Hat er mit eigner Hand umdämmet. Hier,

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Die Bäum’ und Kräuter dieses Gartens sind

Des guten Greises Kinder. Dies Geräth’
Gebrauchte seine Hand. Komm her und sieh!
Dies ist die Hütte, wo er sich dem Volk,
Das zu ihm strömte, dann und wann entzog.

40
Er gab dem Orte Sicherheit; das Wild,

Waldesel, die zu naschen pflegen, was
Sie nicht gesäet, wies er segnend weg.
Sie trinken an dem Strom und stören nicht
Den Garten.“

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          „Wohl! nun zeiget mir sein Grab!“


„Sein Grab ist nirgend. Wir versprachen ihm,
Es niemanden zu zeigen: denn der Mensch
Ist Staub, sprach er, und muß zu Staube werden.
Feind war er jeder Leichen-ehrenden

50
Aegyptischen Abgötterei.“ –

[322]

                         „Er ruhe,
Da wo er ruhet!“ sprach Hilarion.

     „O bleibe du bei uns! so baten ihn
Die Jünger. Du, sein Freund und Schüler, bist

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Antonius anjetzt der Christenheit.


     „Das bin ich nicht! sprach er. Der Heilge lebt
Bei Gott! Sein Geist in tausend Herzen; auch
Im Eurigen. Antonius ist nicht
Begraben, Er, der rings die Seele war

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In dieser weiten regen Gottesstadt.

Die Wüste hat er mit Unglücklichen
Verbannten Flüchtlingen bevölkert. Fern
Von ihren Treibern leben sie, der Welt
Entnommen, hier im brüderlichen Fleiß.

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Antonius geweihte Höhe zu

Bewohnen, ziemt mir nicht. Lebt alle wohl,
Ihr Brüder und ihr Palmenbäume, Bach
Und Teich und Garten, jede Frucht, die Er

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Gepflanzt, ihr seine Vögel, lebet wohl.

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Ich nehme mir sein fröhlich Angesicht,

Sein fröhlich Herz aus dieser Wüste mit,
Durch sie wird jede Wüste Paradies.

     Er ging. Auf Cypern lebete fortan
Hilarion in einem Garten, streng’

75
Und milde wie Antonius. Er ward

Da, wo er starb, versenket. –