Das Pferd und sein Reiter

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Das Pferd und sein Reiter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 159–160
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[159] Das Pferd und sein Reiter. – In Erziehung und Behandlung der Pferde sind die Engländer die größten Meister. Nirgends in der Welt sieht man dieses edle Thier in solcher Menge. Kraft und Cultur, als in England. Nicht blos die Aristokratie sucht ihren Stolz und ihre Freude in Schönheit und edler Behandlung ihrer Vollblutprachtexemplare oft à 6 bis 10,000 Thaler per Stück, auch der Omnibus- und Droschkenkutscher, gegen menschliche Kunden oft ein Flegel, ist der zärtlichste Freund und Pflegevater seiner klugen, gehorsamen, starken, glatten und wohlgenährten Rosse. Wie leicht fliegen die mit 42 Personen beladenen Salonriesenomnibusse – zweistöckige Häuser auf Rädern – und besonders die zweirädrigen Sicherheitsdroschken durch die Londoner Straßenlabyrinthe! Ein Freund, der nach vierjährigem Aufenthalte in London wieder in Berlin lebt, schrieb mir, daß die Berliner Droschken mit ihren Skeletten von Gäulen und ihrem Gekrieche, wie Fliegen im Syrup, die schläfrigen Omnibusse ihm Scham- und Zornröthe in’s Gesicht getrieben beim Gedanken an diese geflügelten Pegasus der Londoner Sicherheitscabs. Wie theuer sind Stallung und Futter in London gegen Berlin! Und doch sticht den ärmren Londoner Droschkengaul der Hafer, und er ist lustig und stolz, ohne Mahnung von einem Ende der ausgedehnten Riesenstadt zum andern zu fliegen. Man thut hier mehr für die Pferde, dafür thun diese mehr für die Menschen.

Kein Thier ist für edle Behandlung und gute Pflege dankbarer als das Pferd. Auch steht es dem Menschen in allen Klimaten und Zeiten am nächsten. Alle andern Thiere sind, wie die Pflanzen, klimatisch mehr oder weniger begrenzt. Das Pferd gedeiht und gedieh in allen Zonen und Zeiten, selbst vorsündfluthliche Pferdegebeine liegen unter arktischem Eise neben sibirischen Mammuth-Skeletten, auf den Höhen des Himalayah und in den Urweltshöhlen Irland’s neben Mastodon’s und anderen Thieren, [160] die vor dem ersten Buch Mosis ausstarben. Das Pferd hat alle diese geologischen Revolutionen, die ganze Schöpfungen begruben, überlebt und ist, seit Menschen die Erde beherrschen, immer deren starker, edler, unentbehrlicher Freund und Culturgehülfe geblieben. Wir finden das Pferd in allen Theilen der Geschichte jedes Volks, Siege und Eroberungen feiernd, Niederlagen rächend, Ackerbau und Saaten und Ernten bedingend, gemeine Sterbliche zu Rittern schlagend. Die furchtbare Masse Ritter „auf Schusters Rappen“, die nie ein Pferd besaßen, noch weniger reiten können, sind Gewächse erst neuer und neuester Zeiten.

Das Pferd war Ehre, Kraft und Stolz der Helden von Ninive und der Akropolis von Athen. Bedenkmalte Fürsten und Helden der verschiedensten Nationen sitzen auf Rossen umher in allen Residenzstädten der Welt. Könige und Große der Erde schenken sich einander Pferde, wenn sie etwas recht Nobles schenken wollen.

Und wie gemein wird dieses edle Thier oft behandelt von Königen herunter bis zu Schneidergesellen und Syrupsjungen, die als Sonntagsreiter ihre Eitelkeit adeln wollen! „An nichts erkennt man den wahren Gentleman so sehr, als in der Art, wie er die Sporen braucht,“ sagt Sir Francis Head, der englische Pferdeschriftsteller, der eben ein vortreffliches Buch über „das Pferd und seinen Reiter“ veröffentlichte. An Krippen gebunden, wo sie trocknen Hafer, Bohnen, Heu etc. verzehren, häufen sie in sich einen ungeheuern Vorrath von Kraft und Lebenslust auf, so daß sie, den Stall verlassend, von dem bloßen Gefühl der freien Luft und der belebten Schöpfung um sie her, zu Uebermuth erregt werden. In diesem instinktiven Kraft- und Ehrgefühl leisten sie viel mehr und arbeiten fast in jeder Art von Beschäftigung bis zu völliger Erschöpfung oder bis zum Tode ohne Sporen und Peitsche viel eher und viel lieber, als wenn sie künstlich ermuthigt und durch Sporen und Peitsche gezwungen werden. Die Sporen können in dem Falle des Uebermuthes nur den Zweck haben, nicht anzuspornen, sondern dem Reiter sein Uebergewicht, seine Herrschaft zu sichern. Sie sind dann rasch und energisch anzuwenden, aber nur so lange, als sich Uebermuth und Aufruhr geltend machen will. Strafe hinterher, Rache, üble Laune, rohe, rauhe Behandlung nachher demoralisirt das Pferd viel eher und mehr noch, als den Menschen. – Böse Launen und störrischer Eigensinn, Weigerung, gewisse Stellen zu passiren, über Wasser und Gräben zu springen etc. müssen durch vernünftige Anwendung von Gewalt gebrochen werden; in den meisten Fällen aber, wo man gern bloße Gewalt, Peitsche und Sporen und – das Dümmste von Allem – hinterher Strafe und Rache anwendet – kommt man mit einer Vereinigung von kaltblütiger Festigkeit, Geduld, viel Geduld und Zeit und einem geringen Maße von Strafe viel weiter, als mit bloßer und barbarischer Strafe. Aerger und Zorn im Pferde sind ein momentaner Wahnsinn, dem man etwas Zeit gönnen, dem man Vernunft, Intelligenz und Menschlichkeit entgegensetzen muß. Pferde in diesem Zustande sofort zu spornen und zu peitschen, ist Wahnsinn gegen Wahnsinn. In dem momentanen Zustande des Wahnsinns kann sich das Pferd keine Lection merken. Man lerne sein Pferd ordentlich kennen, denn jedes ist ein Individuum, wie der Mensch, und richte seine Erziehung- und Behandlungsweise danach ein. Unter keinem Umstände aber ist bloße Strenge, Gewalt, Wuth und Strafe jemals ohne Schaden für das Pferd und seinen Eigenthümer. Niemals Gewalt und Strenge ohne Noth, nie auf längere Zeit und nie ohne Zeichen der Gnade und Versöhnung hinterher – wenn ihr gute Pferde behalten wollt.

Sporen haben ein sehr beschränktes Gebiet des Gebrauchs, ein desto weiteres des Mißbrauchs. „Auf dem Wettrennenkampfplatze“, sagt Head, „ist der Drang und Eifer der Pferde so groß, daß sie oft kaum bis zu dem Zeichen des Auslaufens zurückgehalten werden können. Und so wie sie im Laufe sind, beschränkt sich die höchste Kunst des Reiters darauf, durch seine Art des Balancirens und Bewegens auf dem Rücken – der eigentlichsten Reitkunst – und durch leises Lenken zu ihrem Siege beizutragen. Sie aufzuhalten würde unmöglich sein. Manchmal brechen ihnen Glieder, springen ihnen Adern aus eigenster Ueberanstrengung. Und doch nehmen die besten Reiter – zur Schande ihrer Herren und zur Schmach der Nation – zuletzt noch zu Sporen und Peitsche ihre Zuflucht, was in neun Fällen von zehn just die Wirkung hat, daß sich der edelste Vierfüßler der Schöpfung „zuschließt“, wie man es technisch nennt, d. h. durch diese gemeine Art von Erniedrigung und Zumuthung seine befittigten Kräfte einzieht und ein edles Herz gebrochen wird. –

Das Jagdroß, nein, jedes brave Pferd auf dem Jagd- und Kampfplatze, hält aus, wenn einmal vom Geiste der Sache ergriffen, bis es zusammenbricht. Es hält aus, ohne sich etwas merken zu lassen, zehn, zwölf Stunden. Es bringt dann seinen Reiter mit dem besten Appetite nach Hause, während es selbst oft vor Uebermüdung Stunden, ja Tage lang jedes Futter verschmäht. Wie dumm und barbarisch ist’s daher, das Pferd bei solchen Gelegenheiten zu spornen und zu peitschen oder während der zehn, zwölf Stunden oft lange müßig auf dessen Rücken zu sitzen und wohl gar dazu zu pfeifen und zu singen und nicht daran zu denken, daß sie dem edlen Thiere durch Absitzen von einer Viertelstunde, ja nur wenigen Minuten Zeit geben, seine Muskeln, seinen Muth, seinen Geist zu erholen und zu erfrischen.

Ausdehnung dieses Rathes auf Militairpferde, auf Zugthiere vor dem Pfluge oder dem Lastwagen versteht sich von selbst. Der rohe Fuhrmann oder Knecht, der oft mit furchtbaren Flüchen und dem dicken Ende des Peitschenstiels sich halbtodt ras’t, um den steckengebliebenen Wagen oder die vor Uebermüdung stehen gebliebenen Pferde wieder in Gang zu bringen, sollte lernen (Leser oder Leserinnen könnten’s ihm bei Gelegenheit beizubringen suchen, obgleich solche Kerle schwerer etwas lernen und sich sagen lassen, als das dümmste Pferd), daß nach einer guten Ruhepause, während welcher er sie freundlich tatschen und mit ihnen zärtlich sprechen könnte – sie ver stehen das und wissen’s zu würdigen! – ein kaltblütiges, ermuthigendes, entschlossenes Antreiben in einer halben Minute zu Stande bringt, was fortgesetztes Fluchen und Peitschen vergebens versucht.

Sehr praktisch, mit einer komischen Färbung, ist Head’s Anweisung, Pferden das Scheuen abzugewöhnen. Wie oft wird ein wirklicher Ritter im Besitze eines kostbaren Pferden endlich bewogen, es wohlfeil zu verkaufen, weil es so schrecklich „scheut“! Dieser Fehler entwerthet aber ein Pferd gar nicht, und es giebt nichts Leichteres, als ihn zu curiren. Das beste, muthigste Pferd „scheut“ oft, wie der größte Feigling, plötzlich vor der geringsten Kleinigkeit auf der Straße, vielleicht vor dem unbedeutendsten Steinhaufen. Der Reiter merkt dies und handelt wie früher, was das Pferd nicht vergessen hat, d. h. er spornt und peitscht. Woraus aber ist die „Scheu“ zusammengesetzt? Furcht vor dem Steinhaufen ⅒, Furcht vor Sporen und Peitsche 9/10 Summa 10/10 Scheu. Der erste Schritt zur Cur ist also, 9/10 von dem Uebel sofort zu beseitigen, nämlich weder an Peitsche noch Sporen zu denken. Mit dem einen Zehntel wird man dann leicht fertig, wenn man nur erst die richtige Diagnose hat, d. h. die Wurzel des Uebels kennt, die meistentheils etwas ganz Anderes ist, nur nicht Scheu. Scheu geht aus Furcht, aus Mangel an Kraft und Muth hervor. Das Pferd „scheut“ aber in der Regel aus Uebermuth. Gut gefüttert im Stalle und nach guter Verdauung und Ruhe kommt das Pferd in’s Freie voller Spring- und Lebenslust. Aber aus frommer Rücksicht für seinen Herrn und um nicht kindisch und läppisch zu erscheinen, will es nicht ohne Grund springen und Allotria treiben. Nichts wäre ihm daher in solchem Augenblick lieber, als eine Heerde Betrunkener, ein Wagen voll Komödianten, ein ungewöhnlicher Lärm, Scandal und Aufruhr. Da dieser aber in polizeilich geordneten Staaten nicht immer zu haben ist, spitzt es die Ohren und schielt nach allen Seiten, um wenigstens etwas Veranlassung zum „Scheu-Spiel“ zu entdecken. Heda ein Steinhäufchen, oder ein Blatt vom Winde über den Weg getrieben, oder ein Zaunkönig von einem Zweige zum andern hüpfend! Der Vorwand ist gefunden, und nun kann ich „scheuspielern“, denkt es. Das Blatt könnte ein springender Tiger, der Zaunkönig ein Erlkönig, das Steinhäufchen ein Wolf sein. Demgemäß „scheut“ es und macht Pantomimen der Muthlosigkeit aus bloßem Uebermuth. Entferne dieses Uebel durch langen Trott und Galopp über weichen, lockern, unebenen Boden, aber gleich auf der Stelle, etwa so: Sobald ein Pferd scheut, suche den Grund oder Vorwand dazu und dann laß es stehen oder besser zwing’ es zu stehen und den Gegenstand seiner Scheu so lange anzustarren, bis es diese Arbeit überdrüssig ist und wo anders hinsieht. Nun reit drauf zu. Aber so wie es wieder Miene macht, zu scheuen: Prr! Stillgestanden! Oft curirt eine solche Behandlung. Es merkt bald Lunte und schämt sich, daß sein Herr denkt, es fürchte sich vor einem Steinhäufchen, vor einem Zaunkönig, vor irgend etwas.

Wir können natürlich die mancherlei praktischen und humanen Lehren den Pferde-Pädagogen Sir Francis Head nicht erschöpfen und begnügen uns mit diesen Andeutungen, die schon mancher guten Wirkung fähig sein mögen. Von den vielen eingestreuten Anekdoten aus der modernen Wettrennen-, Jagd- und Reit-Ritterlichkeit heben wir blos eine hervor. Sie betrifft den König aller englischen Fuchsjäger, „le premier Chasseur d’Angleterre, wie ihn Napoleon nennt, Thomas Assheton Smith. In seinem 64. Jahre dirigirte er eine Fuchsjagd, an der über 2000 Jäger Theil nahmen. Noch in seinem 80. Jahre blies er, über einen Graben oder eine Hecke setzend, lustig sein Jagdhorn auf seinem Pferde mit losen Zügeln. Später ritt er in seinem 3l0 Fuß langen, 40 breiten Krystall-Palaste oder Sommerhause, das er für seine Frau hatte bauen lassen, damit diese in ihrer Kränklichkeit während des Winters im Klima Madeira’s spazieren gehen und reiten könne. Der neunzigjährige Greis konnte endlich kaum noch gehen, aber das Reiten ließ er sich nicht nehmen, bis man ihn begrub. Im Winter vor seinem Tode pflegte er sich eins seiner Lieblings-Jagdpferde jeden Tag in den geheizten Krystall-Palast bringen zu lassen, um mit Hülfe eines Stuhls und menschlicher Arme hinaufzuklettern. Sowie er saß, fühlte er sich wieder jung und ritt lustig eine Stunde neben diesem und jenem Freunde auf und ab.

Auch Palmerston zieht seine unheilvolle Politik so unmenschlich lange über England und das respektvolle Europa hin, weil er alle Tage reitet und seine alten Glieder immer wieder zu neuen diplomatischen Tücken auffrischt, wie denn überhaupt die sprüchwörtliche Langlebigkeit oder Makrobiotik der englischen Aristokratie hauptsächlich daher kommt, daß sie dem lauernden Tode alle Tage, so lange es irgend zu ermöglichen ist, aus dem Wege reiten.