Das Sicherheitsventil Italiens

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Robert Heck
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Sicherheits­ventil Italiens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 324–330
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Hierzu Heck’s Vesuvbild in Heft 23
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[324]
Das Sicherheitsventil Italiens.


Neapel, 1. Mai 1872.     

Wenn diese Zeilen den Lesern der Gartenlaube im Abdrucke zu Gesicht kommen, hat der Telegraph schon längst das große Naturereigniß selbst und viele Einzeltheile desselben in alle Welt hinausgetragen; durch eine eigenthümliche Fügung der Dinge war ich jedoch wochenlang theils in der Nähe des Vesuves, theils auf demselben, habe den Berg in allen Theilen und namentlich in seinen einzelnen Entwickelungsphasen kennen gelernt und glaube deshalb im Stande zu sein, ein treues Bild der Vorgänge der letzten Tage entwerfen zu können. Daß ich die sonst übliche Art der Berichterstattung, die unpersönliche, wegließ und die Mittheilungen deshalb an manchen Stellen eine etwas subjective Färbung erhalten, wird der billig denkende Leser aus dem Doppelgrunde entschuldigen, daß ich nichts von bloßem Hörensagen Erfahrenes, sondern nur Selbstgesehenes mittheilen wollte, und daß ich die Vesuvstudien nicht aus allgemeinen, sondern aus Berufsinteressen machte, wodurch der Standpunkt der Schilderung nothwendig ein persönlicher werden mußte.

Im Sommer des Jahres 1863 erstieg ich zum ersten Male den Berg; die wild zerrissenen Formen der Lavafelder, die bizarren Felswände des mächtigen Kraters und die noch abenteuerlichere Färbung derselben, sowie die Lage an dem herrlichen Meere und in der paradiesischen Landschaft riefen den festen Entschluß in mir hervor, dem interessanten Unhold einmal wochenlang von verschiedenen Seiten her fest in’s Gesicht zu sehen und seine ungeschlachten Formen im Bilde festzuhalten.

Neun Jahre vergingen, ehe meine Verhältnisse gestatteten, daß ich zum zweiten Male über die Alpen und dem süditalienischen Ruhestörer zueilen konnte; es war am Morgen des 18. März, als ich von Resina aus in Begleitung zweier Landsleute und des in Resina gemietheten Dieners Vincenzio, der die Malgeräthe trug, den Berg hinauf-, dem Observatorium zustieg; in der Eremitage miethete ich mich ein, und nun ging’s rasch weiter über die klirrenden Lavafelder dem Aschenkegel zu. Der Lavaausbruch des Vorjahres hatte einen großen Theil des Atrio di Cavallo verschüttet, sowie den früher zur Spitze führenden Weg, weshalb nun an einer viel steileren Stelle aufgestiegen werden mußte. Ueber eine Stunde lang geht es in der Steigung einer [325] steilen Bühnentreppe aufwärts über lauter Lavablöcke und Lavagerölle; endlich ist der Rand des früheren Kraters erreicht. In leichterer Steigung führt der neue Aschenkegel, welcher sich allmählich im früheren Schlunde anhäufte, aufwärts, und nach weiteren zehn Minuten ist die höchste Spitze erstiegen und vor dem erstaunten Auge entrollen sich alle die sonderbaren mächtigen Bilder dieser Riesenwerkstätte der Natur. Neunmal stieg ich während der Zeit meiner Studien den Berg auf und ab, malte und zeichnete die einzelnen Krater und Schlünde von verschiedenen Seiten und will nun versuchen, ein kurzes Bild seiner Grundform zu geben, damit die spätere Schilderung des furchtbaren Ausbruches am 26. April hierdurch verständlicher werde.

Am Ostsaume des Meerbusens von Neapel erhebt sich aus der fruchtbaren Ebene der Vulcan, welcher zu verschiedenen Zeiten mit schrecklicher Hand sein Walten in die Geschichte einschrieb. Seine frühere Form war, wie aus der ganzen Grundanlage zu erkennen ist, wesentlich anders; der Berg war niedriger, der Krater aber breiter und mächtiger. Der große Ausbruch im Jahre 79 nach Christus, welcher Pompeji mit Asche und siedendem Wasser überschüttete, Stabiä (das jetzige Castellamare) verwüstete und Herculanum mit einer eisenfesten Steinmasse übergoß, änderte die Form wesentlich; vom alten Krater stehen noch die senkrecht aufragenden Felswände nach Norden, jetzt Somma genannt; diese Felswände, ohne Luftröhren aus dem Erdinnern, daher nie feuerspeiend, umschließen in riesigem Halbkreise ein weites, fast ebenes Lavafeld, welches etwa in halber Höhe des Berges hinter dem Observatorium beginnt, als Eisengürtel sich schon in etwas engerem Ringe um den eigentlichen Vesuv legt, den größeren Theil des ehemaligen alten Kraters ausfüllt und in seiner Richtung nach Neapel zu Atrio di Cavallo, nach Pompeji zu Campo di Somma genannt wird. Die Hauptabzugsröhre des Berges scheint jedoch mehr am Südkraterrande nach Pompeji zu gelegen zu haben, denn wie eine Schmarotzerpflanze[WS 1] an einem Baume mehr und mehr die Kraft desselben aufsaugt, so hier der immer mehr durch den eigenen Auswurf sich erhöhende Vesuv, welcher immer neue Aschen und Laven meist in der Richtung der Somma zu auswarf und im Laufe der Jahrhunderte allmählich zu dem Berge anwuchs, der er heute ist. Doch „alle Schuld rächt sich auf Erden“, – was er seinen Vorfahren anthat, das geschieht nun voraussichtlich ihm selbst; denn abgesehen von den vier Schlünden auf seiner Spitze, die man insgesammt den großen Krater nennt, arbeitet nun in rastloser Hast gleich dem Kamin einer ruhelosen Dampfmaschine der sogenannte kleine Krater an seinem eigenen Aufbau. Am Saume des Kraterringes, wie er etwa vor neun Jahren war, öffnete sich nämlich ein Loch, spie glühende Lavafetzen aus, welche sich um die speiende Stelle lagerten, aneinander sich kitteten, allmählich einen kleinen Kamin bildeten, in die Höhe und in die Breite wuchsen und so den achtzig Fuß hohen, immer noch gleich rastlos arbeitenden zuckerhutförmigen „kleinen Krater“ bildeten.

In der fast kreisförmigen Oeffnung des großen Kraters erzeugten die verschiedenen Ausbrüche zwei sich kreuzende, leicht geschwungene Scheidewände, welche denselben in vier ungleiche Theile trennen. Der größte der Kreisabschnitte ist nur eine leichte wiegenartige Einsenkung und speit in der Regel nicht. Der nächstgroße zeigt schroffe Felswände, von Schwefel in allen Farben bedeckt; aus Hunderten von Felsrissen dampfend und rauchend, doch gleichfalls ohne zu speien; die zwei kleineren dagegen suchen sich durch fortwährendes kanonenschußartiges Getöse, sowie durch Auswerfen von Lava und Bimssteinblöcken bemerklich zu machen und jagen durch ihren Donner, welcher die Bergspitze zittern macht, und durch das Speien der großen glühenden Lavafetzen manchem Besucher des Vesuv keinen gelinden Schrecken ein, während die rastlose Hetze des kleinen mit seinem flintenschußartigen Geknatter eher eine lustige Erscheinung ist.

Zum Studiren der Ausbruchsart der Krater hatte ich am 18. März aus dem Grunde eine sehr günstige Gelegenheit, weil ein scharfer Westwind blies, der den Rauch und die auffliegenden Fetzen nach Osten jagte, so daß ich mich auf die höchste Stelle der nach Norden liegenden Scheidewand setzen und ganz mit Muße malen und beobachten konnte. In den Zwischenpausen lag, etwa vierzig Fuß unter meinem Standpunkt, die Sohle des Kraters so ruhig da, wie wenn unter ihr keinerlei schlimme Macht verborgen wäre; je nach zwei oder drei Minuten hob sich aber der Boden leise, sank wieder zurück, hob sich brummend abermals höher und sank noch einmal zurück, um im Augenblick nachher mit einem mächtigen Donnerschlag die ganze Decke von Steinen und Asche wüthend gen Himmel zu schleudern; hierbei schossen aus einer Masse nun aufgedeckter, aus dem Innern des Berges kommender Röhren Gluthstrahlen senkrecht in die Höhe; zehn Secunden vielleicht dauerte der Aufruhr, dann schloß sich die Fläche wieder, weiße Dampfwolken lagerten sich einen Augenblick über dieselbe und zogen wieder weg, Alles schien wieder still und friedlich, aber nur, um einen Augenblick später denselben Spectakel zu machen.

Vier Stunden lang genoß ich den wilden, berauschend schönen Anblick, und suchte denselben auf meiner Studie festzuhalten; dann sank die Sonne hinter Camaldoli, und ich stieg hinunter zur Eremitage auf mein Strohlager. Zweimal schüttelte in der Nacht unter heftigem Donner ein Erdbeben das alte Gebäude, und am folgenden Morgen war die Kuppe des Berges von dichten, sich jagenden Nebelwolken bedeckt. In Begleitung eines deutschen Arztes, der schon in aller Morgenfrühe von Resina her eingetroffen war, und meines getreuen alten Vincenzio lootste ich mich durch Sturm und Nebel hinauf zur Spitze; oben sachte vorwärts dringend, fiel uns neben dem zeitweisen Donner des großen Kraters das völlige Schweigen des kleinen auf, wogegen ein sonderbares Zischeln und Rieseln sich bemerklich machte, auch einzelne rothe Strahlen durch die Nebelrisse drangen; am Fuße des kleinen Kraters, nicht weit unter der Spitze, war ein großes Loch in die neugepappten Wände gebrochen, und aus demselben schoß zischend und wirbelnd ein rothglühender Lavastrom hervor, der sich nach kurzem Laufe wie eine Schlange bog und an dem steilen Bergabhange dem Atrio di Cavallo zueilte. Am Quell war der Bach fast weißglühend, nach zehn Schritten orange, nach weiteren zehn zinnoberroth, um dann allmählich in dunkeln Carmin, zuletzt mit einer grauen Kruste bedeckt, überzugehen; die Kruste wurde im weiteren Verlauf schwarz, borst, zeigte an den Bruchstellen die rothe Gluth im Innern, drehte sich um die eigene Achse, bildete die so sonderbar anzuschauenden Ringe und Spitzen und erstarrte endlich, von immer neuem Nachschub gleich wieder überwälzt und bedeckt.

Hinter einem Bimssteinblock knieend, gegen den Wind mich rückwärts anstemmend, konnte ich das wilde Bild in etwa einstündigem Schaffen festhalten; die Hitze der zu unseren Füßen vorbeizischenden Lava verbrannte uns freilich die Lippen, daß sie aufsprangen, während der eisige Sturm von hinten her mit langen Schneenadeln uns den Rücken spickte; aber „Alles nimmt ein End’ auf Erden, selbst das Malen am Vesuvius,“ riefen wir uns lachend zu, und stiegen an den Rand des großen Kraters, uns gegenseitig am wagerecht gelegten Bergstock haltend, denn vor dem Dampf und Nebelqualm konnten wir keine drei Schritte weit sehen; genau bekannt mit dem Boden machten wir oben die Runde, und schickten uns erst wieder zum Abwärtssteigen an, als dicht neben uns eine Ladung des großen Kraters in die Lüfte krachte und wir bei dem dicken Nebel keine Möglichkeit einsahen, uns gegen die niederfallenden Steine zu schützen. Etwa in der Hälfte des Aschenkegels traten wir plötzlich aus der Wolke heraus, und zu unseren Füßen lag weithin im lachenden Sonnenschein der Busen, die Stadt Neapel mit dem weißleuchtenden Perlenkranz ihrer Villen und Vorstädte und ihren herrlichen Ausläufern, den Inseln Procida, Ischia und dem farbenduftigen Capri.

Am dritten Tage war der stürmische Unhold in etwas besserer Stimmung, und gestattete vergleichende Studien zwischen den einzelnen Schlünden und namentlich den einzelnen Lavaströmen, diesen gefürchtetsten Gesellen des alten Vulcans. Die tollste Fieberphantasie kann keine abenteuerlicheren Gestalten erzeugen, als hier die wildschaffende Natur; verstümmelte Menschenrümpfe, oder Fratzen von Köpfen bärtiger Männer, von Ungeheuern, von Nilpferden, Krokodilen; dann Schlangen, ungeschlachtes Gewürm, drohend gen Himmel gestreckte Riesenfinger, Formen von Unrath, und starre, einförmige, im schnellen Dahinrinnen erkaltete Flächen wechseln hier mit zerbröckelndem braunem Gerinnsel.

Und dennoch erliegt auch dieser Zerstörer der noch gewaltiger wirkenden Macht der Zeit; schon beim Erkalten bilden sich viele Risse und Schründe; die springenden Wasserblasen und Gase lassen kleine halbkreisförmige Ränder zurück, und in denselben, wie auch zwischen den feinen nadelförmigen Spitzen sammeln sich die Wassertropfen des Thaues und [326] Regens; diese lösen die Erdtheile, bewirken ganz allmählich dadurch die Zersetzung der Blöcke; in den niederen Regionen des Berges trägt der Wind Pflanzensamen in die Ritzen; die Wurzeln der nun sprossenden Pflänzchen treiben den einstigen Block in immer weitere Zerklüftung; es bildet sich eine leichte Erdschichte; der leichtblütige Sohn des Südens setzt seine Weinreben hinein, und nach fünfzig bis achtzig Jahren treibt der Oelbaum, die Feige, der Maulbeer in dem von unten und oben durchglühten Boden seine Früchte, die von ganzen Wäldern von Weinreben umsponnen und umrankt werden, bis der Alte vom Berge es wieder einmal für gut findet, einen seiner glühenden Gesellen thalabwärts zu schicken, Städte, Villen und Pflanzungen zu zerstören, und einen weiteren zu jenen vielen schwarzen Armen zu fügen, die, vom Scheitel des Berges aus gesehen, sich wie die Füße einer riesigen Kreuzspinne oder eines Polypen in die blühende Welt hinausstrecken.

Dem Studium auf dem Vesuv machte schließlich sein nicht weniger ungezogener Wüstengenosse, Sirocco, ein Ende. Kaum noch konnte ich die letzte nothwendige Studie fertig und in Sicherheit bringen, da blies es von der Sahara her mit so unwiderstehlicher Gewalt und jagte durch die feinsten Fugen der Fenster und Thüren Asche und Staub derart zollhoch herein, daß ich meine sieben Sachen zusammenraffte, den Hut auf dem Kopfe festband, und eiligst mich aus dem Staube machte, der gemischt mit nadelscharfen feinen Steinchen durch die Lüfte brauste.

Vier Wochen lang umfing mich nachher die Schönheit Capris, das Eldorado aller Künstler; Pagano’s Palmen, Orangen und Wein stimmen dort prächtig zusammen mit dem völlig ungezwungenen Zusammenleben der fast ausschließlich aus Deutschen bestehenden Besatzung des Hauses. Nach Titeln, selbst nach Namen wird nicht gefragt, die deutsche Sprache und das deutsche Gesicht genügen, um in den Kreis der Stammgäste aufgenommen zu werden, als „Herr Landsmann“, unter welche Rubrik ohne Weiteres auch der Wiener, Baseler etc. gerechnet wird, was aber „im Reiche draußen“ noch nicht ganz officiell anerkannt sein soll.

„Was macht wohl heute der Vesuv?“ war auch dort an jedem Abend die stehende Frage, und man wanderte hinab zum Bel visto und blickte hinüber, ob er blos rauche oder auch feurig in’s Land und Meer hinaus leuchte. Mehr und mehr stieg der Wunsch in mir auf, bei der Heimreise nun auch einmal zum Vergnügen dem Kobold einen Besuch zu machen. Gesagt, gethan; noch ein Abschiedwinken den Begleitern zu, in die Barke gesprungen, das Segel aufgezogen und hinaus flog der Nachen wie eine Möve mit breitgespannten Schwingen, hinaus in die tiefblaue Fluth dem orangeblüthenduftigen Sorrento zu. Kurze Rast dort, dann ging’s mit einem Wagen weiter die ihrer Schönheit wegen weltberühmte Straße entlang über Meta, Vico nach Castellamare, nachdem der Nothweg kurz vorher passirt war; ein Bergsturz hatte die schöne Kunststraße kurz vorher zerschmettert und seine riesigen Trümmer lagen nun zu beiden Seiten des neuen Weges und in dem dort seichten Meere umher. Ohne Aufenthalt ging es von Castellamare weiter Pompeji zu.

Wie ein gewaltiger Jäger, seine mächtige Pfeife dampfend, mit Behagen auf den erlegten Edelhirsch niederschaut, so ragte der Vesuv an dem sonnenhellen Tage ruhig, aber stark qualmend über sein Opfer empor, dessen zertrümmerte Herrlichkeit an Säulen, Hallen, Wandgemälden, Foren und Tempeln wir schauten. Einen schmerzlicheren Eindruck als alle die Ruinen machte mir aber die im kleinen Museum in Pompeji aufbewahrte Gruppe einer Mutter und Tochter, die zusammengekrümmt und aneinandergeschmiegt sich gegen den allerwärts niederstürzenden Staubregen zu schützen suchten, in dieser Stellung starben und allmählich versteinerten, sowie der noch in voller Jugend blühende Leib einer hoffnungsvollen Frau, die leicht zusammengekrümmt daliegt in der Stellung, in welcher ihr südlich schöner Körper mit dem umhüllten Doppelleben eine Beute des Gesammtvernichters wurde.

Es war am Abend des 24. April, als ich in Pompeji – wieder in fast ausschließlich deutscher Gesellschaft – von der Tafel weg rasch vor das Haus gerufen wurde, um das sonderbare Gebahren des Vesuvs zu sehen; die ganze Gesellschaft sprang auf und vor uns lag der Berg mit einer lodernden, die ganze Fläche aller Krater einnehmenden Feuersäule, während ein breiter, ebenfalls hochaufleuchtender Lavastrom sich in der Richtung nach Neapel von der Spitze herunter ergoß, und der dumpfe Donner trotz anderer Windrichtung bis zu uns herunter drang. Ein Gelehrter aus Norddeutschland, ein fester Mann, und seine schlanke deutsche Frau hatten schon vorher mit mir ausgemacht, daß wir früh am andern Morgen die Besteigung des Berges vornehmen wollten; die neue Erscheinung machte uns hierin nicht irre, und früh um fünf Uhr sprangen wir in die Sättel der schon bereitstehenden Pferde. Es ging in scharfem Trabe erst ein Stück entlang dem Trümmerwall Pompeji’s, dann durch reiche Felder und Gärten dem dicht am Fuße des Vulcans liegenden Dorfe Bosco Reale zu; gleich hinter demselben steigt der Boden rascher, die Gärten hören allmählich auf, einige kümmerliche Weinberge strecken sich noch in die Gebiete der Asche und der zerbröckelnden Lava hinein, bis endlich jede Spur von Vegetation aufhört und wir in der Aschenwüste und den Staubwirbeln steil aufwärts ritten, was die kleinen, aber sehr zähen Pferde mit einer merkwürdigen Ausdauer und Raschheit zu Stande brachten; eine Stunde lang ging es in dieser Weise hinauf, dann sprangen wir von unseren Thieren, übergaben dieselben dem Hüter, und nun ging’s an ein frisches, aber mühsames Indiehöheklettern.

Im glänzenden Gegensatze zu zwei jungen üppigen Französinnen nebst desgleichen Begleiter, welche wir am Tage vorher in den Ruinen von Pompeji hatten in Tragsesseln herumtragen sehen, stieg die zartgebaute, aber willensstarke deutsche Frau rüstig den Berg hinan, jede Hülfe der Sesselträger und Seilzieher entschieden von sich weisend. So erreichten wir nach wieder dreiviertelstündigem Steigen den Rand des Steilabfalles, und hatten nun das Brummen, Lodern und Schießen in dichter Nähe, nur noch durch die leicht geneigte Ebene des inneren Aschenkegels von den Kratern getrennt; dort rasteten wir eine Viertelstunde, genossen die herrliche Aussicht über Land und Meer und die erfrischende Einsicht in ein paar mitgebrachte Weinflaschen und Orangen. Etwa vierzig Fuß unter dem obersten Gipfel liegt scharf in den schiefen Bergabhang ein fünf Fuß weites Loch eingeschnitten, aus welchem sich im Vorjahre eine solche Fülle von Lava ergoß, daß dieselbe das ganze Campo di Somma überschwemmte. Wir stellten uns dicht an den Rand und warfen mit dem Fuß Erde und Sand hinunter; die Hitze und der Zug in demselben war aber so stark, daß die eingeworfenen Bodentheile wie aus einer Flinte abgeschossen wieder heraus und uns über die Köpfe flogen.

Ein paar Schritte noch zur Spitze, und vor uns lagen die Krater in einer so allseitigen und mächtigen Thätigkeit, wie ich dieselben noch nie auch nur annähernd schon gesehen hatte. Der eine der vier Kratertheile, und zwar der größte, lag als sanfte muldenförmige Wiege, den Boden mit weißer Schwefelblüthe bedeckt, zwar ruhig da, aber am Kreuzungspunkt der Schneidelinien der drei anderen hatte sich, wahrscheinlich durch den gewaltigen Ausbruch am Abend vorher, ein großer kreisrunder Trichter gebildet; um ihn genauer zu sehen, sprang ich rasch, trotz der Warnung des Führers, durch die Mulde des ersten und an der Wand des inneren Trichters empor, die anderen zwei folgten, und wir sahen staunend hinunter in einen unergründlichen purpurschwarzen Schlund, der nahe der Oeffnung mit einem mächtigen Gewölbe aus Bimsstein nach einer Seite hin überbrückt war, und in nicht häufigen Pausen einen dicken, finster schwarzgrauen Qualm ausstieß, ohne Steine zu werfen, aber mit einem gurgelnden, rumpelnden Ton. Dagegen hatte sich an der Seite des großen Ringes, welcher die Einzeltheile des großen Gesammtkraters umschließt, ein neues Loch aufgethan, welches in wildem Krachen Gluth, Steine, Lava und rothen Dampf auswarf. In ähnlicher Weise trieben es die beiden anderen thätigen Glieder des Hauptkraters; der sogenannte kleine Krater jedoch war in den vier Wochen, in welchen ich ihn nicht gesehen hatte, um das Doppelte angewachsen an Höhe und Breite; wie ein riesiger, schwarzer Cyklopenzuckerhut starrte er trotzig am Bergrand in die Lüfte und schleuderte aus seiner hohlen Spitze Flammenmassen, welche den hoch aufwirbelnden Dampf rosig färbten, während die massenhaft ausgeworfenen glühenden Lavafetzen sich an seinen heißen Außenwänden im Zurückfallen festsogen und hierdurch unverdrossen an seinem Größer- und Weiterbau fortarbeiten.

Lange, lange sahen wir in das berauschend schöne Schauspiel; rasch zeichnete ich eine Skizze des heutigen Standes der Dinge, dann strichen wir am Außenrand des Gesammtkraters hin, bewunderten [327] die Pracht der Farben des in der Vornacht ausgeworfenen Schwefels, der im glühendsten Orange, Citronen- und Goldgelb leuchtete, sahen noch die schon erstarrte Lava an, welche in der vergangenen Nacht ausgeworfen worden war, und mußten uns endlich mit Gewalt von dem riesengroßen Anblick trennen, der mit berauschender Gewalt unsere Seelen erfaßt hatte.

In der Asche rasch abwärts springend, gelangten wir bald zu unseren Pferden, ritten, immer eingehüllt in eine wirbelnde Staubwolke, den steilen Berghang hinunter und erreichten endlich völlig ausgetrocknet Bosco Reale, wo wir mit einem dickrothen, wie Lavagluth ausehenden Vesuvwein auf den Pferden uns die Kehlen wieder etwas gründlich anfeuchteten, um dann in scharfem Trab vollends nach Pompeji zurückzureiten – Napoli la Bella, wie die Eingeborenen, aber nicht alle Fremde die Stadt nennen, nahm uns am gleichen Abend noch in seinen Wirrwarr der durcheinander rennenden und schreienden Menschenbrandung auf. Nach einer unruhigen Nacht Morgens zum Vesuv hinüberschauend, sah ich staunend mehrere weißgraue Linien vom Atrio di Cavallo ausgehend zu Thal streichen, aus welchen senkrechte Dämpfe aufstiegen. Morgennebel konnten es wohl nicht sein; von einem neuen großen Ausbruch hatte man weder etwas gesehen noch gehört; da aber Niemand weiter auf die Erscheinung achtete, ging auch ich eine Stunde lang meinem Obliegenheiten nach; allmählich bildeten sich jedoch Menschengruppen auf den Straßen, nach Neapolitaner Weise lebhaft mit Handbewegungen ihre Worte begleitend; es war die dunkle Kunde in die Stadt gedrungen, daß viele Menschen in der vergangenen Nacht auf dem Vesuv verunglückt seien; die Einen wollten nur von zwanzig wissen, Andere behaupteten fünfzig, wieder Andere zweihundert. Während des Hin- und Herredens machte sich, mitten durch den tosenden Lärm der Weltstadt hindurch, ein eigenthümliches Brausen und Rollen in der Luft bemerkbar; rasch trat ich zwischen die engen Häuserreihen heraus, ging an den Meerstrand hinüber, und – welch ein Bild entrollte sich da vor meinen Augen! Der Vesuv war im vollsten Aufruhr; aus allen fünf Kratern zusammen schoß eine einzige Rauch- und Dampfsäule mit solch wüthender Gewalt heraus und in die tiefblaue Luft hinein, daß sie nach etwa fünf Secunden schon die dreifache Vesuvhöhe erreicht hatte, also etwa zwölftausend Fuß; dabei drängten und bohrten immer und immer wieder neue dichtere und schwere Massen nach, drangen in die schon vorhandenen Riesenballen und erzeugten so mächtige und gewaltige Wolkenformen, daß ich kein Bild aus andern Naturgebieten hierfür weiß; wie aus Marmor gemeißelt standen sie blitzend weiß in der tiefblauen Luft, drehten, schoben und drängten sich und bildeten zuletzt einen riesigen Bogen, der bis hinüber zum Monte Angelo sich wölbte.

Das Brausen und Tosen in der Luft, von der Gewalt herrührend, mit welcher der Dampf aus den Bergschlünden hervorjagte, wurde immer dröhnender und mächtiger; es rollte und toste, wie wenn ein schwerer Lastzug über eine Eisenbahnbrücke donnert, oder wie der Ventilator in einem mächtigen Hüttenwerk, oder auch dem Rollen und Brüllen eines Wetters im Hochgebirge vergleichbar. Ohne daß ein eigentliches Erdbeben gewesen wäre – denn im Laufe des Tages spürte man in Neapel nur drei leichte Stöße – zitterten doch die Häuser und der Boden fortwährend von dem gewaltigen Schüttern in der Luft so sehr, daß die Fenster unausgesetzt klirrten und z. B. die Planken einer Barke immer zitterten, mit welcher wir bei Nacht von Santa Lucia aus mehr dem Feuerherd zufuhren.

Die Arbeit in den Werkstätten hörte auf; blaß und still standen die Menschen in Gruppen bei einander und starrten in das grauenhafte Schaffen der entfesselten Naturmacht. Nun wußte man, was jene weißen Streifen am Berge zu bedeuten hatten, denn sie rückten rasch vorwärts mehr den am Busen gelegenen Städten und Dörfern zu: es waren Lavaströme. Auch erhielt und bestätigte sich die Nachricht von den Verwundeten und Todten, denn es kamen schon einzelne Transporte derselben an. Dichter und drängender wurden auch die Massen der Flüchtlinge, welche von Portici und San Giovanni her der Stadt zuflutheten. Das war ein Jammern und Wehklagen, eine Hast und Angst, ein Durcheinanderrennen, wie wenn die Lavagluth schon dicht an ihren Fersen wäre. Mütter, trotz der Eile das jammernde Kind im schnellen Lauf an der Brust zu stillen suchend, während zwei oder drei andere sich an ihren Rock hängten; Männer, mit Betten oder anderen Hausgeräthen schwer beladen; Greise, die alten Glieder so rasch, als dieselben nur irgend konnten, zur Flucht anspornend, neben sich den unzertrennlichen Hausgenossen, den Esel, auf dessen Rücken hochgethürmt die Habseligkeiten und Lebensmittel waren; dann zweirädrige Karren, überladen mit jammernden und händeringenden Menschen; Omnibusse, welche sämmtlich von der Regierung für diese Flucht in der Stadt in Beschlag genommen worden waren: dies Alles zusammen drängte und fluthete den ganzen Tag über Neapel zu. In der gegentheiligen Richtung, dem Vulcane zu, eilten in Geschwindigkeit die Bersaglieri und Carabinieri, welche einen Cordon um den ganzen Berg zu ziehen und die verlassenen Ortschaften zu bewachen hatten. Die Flüchtlinge wurden in Neapel theils in Privathäusern theils in den Casernen untergebracht; die Nationalgarde wurde unter die Waffen gerufen, und alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um bei der eben so erreg- als wandelbaren Stimmung der Neapolitaner für alle Fälle gerüstet zu sein. An irgend ein Revoltiren dachten dieselben aber vor der Hand nicht; im Gegentheil, unter der Führung von Geistlichen zogen Schaaren von Kindern und Erwachsenen durch die Straßen der Stadt und ließen ihre dumpfen Bußgesänge mitten in den rollenden Donner des Vulcans erschallen; die Bildsäule des San Gennaro wurde geschmückt, ein blau-roth-goldener Thronhimmel über derselben improvisiert, bunte Lämpchen in Festons nach beiden Seiten der Brücke von San Giovanni gehängt, Lichter in Masse vor dem Steinbild angezündet und nun unablässig gebetet, daß dieses und die allerheiligste Jungfrau, welche, in einer berühmten heiligen Puppe bestehend, durch die Stadt getragen werden sollte, die furchtbare Gefahr von Neapel abwenden und der Lava Stillstand gebieten sollen. Den Umzug verbot jedoch die unbarmherzige Polizei, wie sie auch am andern Tage alle die Madonnen und Heiligen vertrieb, welche vor viel Hundert Häusern auf Tischen ausgestellt und mit brennenden Wachslichtern umgeben waren, und in deren Namen jeder Vorübergehende wacker angebettelt wurde.

Da ich nicht hoffen konnte, durch den Cordon zu dringen, um das Höllenspiel der Lava in der Nähe zu sehen, stieg ich auf die Plattform des alten Präfecturpalastes, in dessen oberem Stock ein deutscher Kaufmann wohnte; von dort malte ich, so weit dies überhaupt einer so riesigen Erscheinung gegenüber möglich ist, den im vollen Aufruhr tobenden Berg so, wie er an diesem ersten Unglückstag, dem 26. April, von Neapel aus sich dem Auge bot. Ein großes Fernrohr stand auf derselben Terrasse, und mit Hülfe desselben konnte man jedes Haus und jeden Baum und Strauch sehen, den die Lava erfaßte und verschlang. Namentlich als allmählich die Nacht herniedersank, die Lavaströme und der Dampf nimmer weiß, sondern in hochauflodernder rother Gluth sich zeigten, da wurde das Bild ein geradezu entsetzlich schönes. Aus dem Gesammtschlunde der Krater schossen mit furchtbarer Gewalt solche Massen glühender Lava, daß sie nicht blos mit der Schnelligkeit eines Wasserfalles an den Wänden des Vesuv dem Atrio zu in Flußbreite hinunterstürzten, sondern es öffneten sich noch verschiedene weitere Schlünde an mehreren Stellen des Kegels und spieen theils fortdauernde Ströme, theils mit einem Spuck kleine Seen auf einmal aus; ebensolche, fast kuchenförmige Massen wurden oben im wirbelnden Feuerstrudel bis zu hundert und mehr Fuß in die Höhe gerissen, brachen dort auseinander und rannen als hüpfende Feuerschlangen nach allen Seiten am Scheitel des Berges hinunter, während die bis zu tausend Fuß mit den Dampfwolken in den Wirbel hinaufgerissenen glühenden Bimssteinblöcke von dort aus den Wolken niederstürzten und als hüpfende Gluthpunkte neben der Lava bergabwärts sprangen. Ein mächtiger Lavastrom zog Bosco Reale und Pompeji zu, kam aber am nächsten Tage glücklicher Weise zum Stehen. Ein noch größeres Glück war es, daß die Unmasse von glühenden Fluthen, welche der Berg nach Nordost auswarf, nicht die Richtung nach Resina und den beiden Torre nahm, sondern in die Felswüste des Atrio di Cavallo sich stürzte, dort sich staute, und dann mit schon etwas gebrochener Kraft und Gluth nach vorn hinaus dem bewohnten Lande zu rann.

Hierdurch ist es erklärlich, daß trotz der seit Jahrhunderten nimmer so mächtig gewesenen Größe des Ausbruchs nur zwei Dörfer zum größten Theil zu Grunde gingen, San Sebastiano und Massa di Somma, und zwar beide schon am Abend des [328] ersten Tages. Wie eine glühende Schlange wälzte sich vom hochgelegenen Atrio die Lava herunter den beiden Orten zu; die Pflanzungen und Bäume loderten im Voraus von dem Gluthhauch in lichter Flamme auf; nur einige Pinien sah ich, die schwarz und still noch standen, als schon die voraushüpfenden Lavaspitzen an ihren Wurzeln leckten; wenige Secunden später war der Stamm unten wie von glühenden Armen umschlungen, neigte sich auf die Seite und war, einen Augenblick hellaufleuchtend, gleich darauf spurlos in dem blitzenden Gluthmeere versunken.

Eine peinlich schöne Erscheinung zeigten die dem Verderben gewidmeten Häuser und Villen; wenn die Lava sie erreicht, staute sich dieselbe vielleicht eine oder zwei Secunden an den Mauern, plötzlich that sie einen Ruck, das ganze Haus leuchtete auf wie ein Schuß in der Nacht, schwarzer Qualm lagerte sich ein paar Augenblicke darüber, und als er sich verzog, waren die Mauern gesprengt und der Gluthstrom wälzte sich so unerbittlich und ruhig über die Trümmer weg wie über die Pflanzungen und Bäume.

Etwas anders war der Eindruck am folgenden Tage. Mehrere Freunde waren mit mir hinausgefahren nach San Sebastiano. Am Militärcordon stellten wir uns dem Officier als Berichterstatter deutscher Journale vor und wurden sofort durchgelassen mit der freundlichen Warnung, ja nicht allzunahe an die heiße Lava zu gehen. Der Strom hatte die Nacht über keine neue Nahrung erhalten und wälzte sich daher träge und an der Oberfläche schon schwarzbraun gefärbt in der Minute nur etwa einen Fuß vorwärts; etwa dreißig Fuß breit und ebenso hoch klirrten und kollerten die oben aufliegenden Stücke an der Spitze des Zuges herunter bei dem Vorwärtsbewegen der ganzen Schlange, zerschellten am Boden, die Gluth in ihrem Innern wurde hierdurch bloßgelegt, das Feuer erfaßte die von der heißen Luft schon vorher verbrühten und verwelkten Reben und Maulbeerbäume; sie flammten einen Augenblick auf, um wenige Minuten später von der plump sich vorwärts wälzenden Masse verschluckt zu werden.

In drei Hauptäste hatte der aus dem Atrio herabstürzende Strom sich gespalten: der eine zerstörte Massa und San Sebastiano; der zweite ging auf Portici; der dritte, sich am Fuß des Observatoriumberges scharf nach Süden biegend, auf Resina zu; der große Umweg, welchen die beiden letzteren hierbei zu machen hatten, und der Mangel an Nachschub rettete jedoch die beiden blühenden Städte, denn jetzt ist die Lava völlig zum Stehen gekommen.

Dagegen war dem beweglichen Neapolitanervölkchen noch eine andere Ueberraschung vorbehalten, welche dasselbe, gewiß ohne Grund, mehr entsetzte, als der vier Tage und Nächte lang unausgesetzt rollende Donner und die Laven, außer deren Treffweite sie sich wußten. Erschöpft von den Aufregungen und Anstrengungen des ersten Tages legte man sich zu Bett; das ewige Grollen und Donnern und Fensterzittern, sowie die dumpfe, schwere und schwüle Luft in den Zimmern machten dauernden Schlaf unmöglich; sobald der Tag graute, öffnete man Fenster und Läden – was war aber das? – Alle Vorsprünge an den Häusern, Balcone, Simse, dann die Straßen, die Bäume und Blumen, Alles war mehrere Linien hoch mit Asche bedeckt; die ganze Luft war wie mit Blei ausgegossen und feiner Aschenregen rieselte unaufhörlich nieder; er drang in die Augen, Ohren und die Athmungsorgane, die Lungen arbeiteten schwer und ein widerlicher Druck legte sich auf alle Lebensorgane; der Unheilstifter aber lag völlig unsichtbar über all dem grauen Gebräue und schüttelte nur seine fortwährenden Donner und unausgesetzt neue Aschenmassen darüber hin. Ich ging hinunter in die Stadt; die Läden waren geschlossen; angstvoll und scheu huschten die Einwohner zu einander in die Häuser, und wer Berufs halber durch die Straßen mußte, suchte sich durch Aufspannen von Schirmen, durch Zubinden mit [329] Schleiern, Wedeln mit Taschentüchern etc. gegen den Alles füllenden Staub zu schützen.

Ich ging hinaus zur Villa Reale, sonst der Sammelpunkt der in Toilette faulenzenden vornehmen Welt; wie sahen aber da die Blumen und namentlich die nackten Marmorgötter und Göttinnen aus! Wo nur ein leiser Vorsprung war, lag fast zollhohe Asche, und selbst das Meer, dessen Bläue und Glanz endlos bewundert wird, war am ersten Tag des Aschenregens eine gelbgrüne Jauche, am zweiten eine sumpffarbige, schwarzgraue Lauge.

Mittags, als ein frischer Südwind den grollenden Missethäter von der Pompejiseite aus ein wenig entblößte, fuhren wir in einem Nachen eine Strecke weit in’s Meer hinaus und sahen von dort, wie aus dem Krater schwere schwarze Rußmassen sich hervorwälzten, sich eine Strecke in die Höhe und dann um die eigene Achse trieben und hierbei unausgesetzt Massen von Ruß und Asche auf die Umgegend herabschütteten. Der stark blasende Wind wechselte am vierten Ausbruchstage mehrmals die Richtung; daher kam’s, daß von der Ruß-, Aschen- und Steinspende das vierzehn Miglien von Neapel entfernte Capua nicht viel heftiger heimgesucht wurde als das achtundzwanzig Miglien entfernte Salerno, und daß durch das Ausbreiten der Auswurfstoffe auf weite Länderstrecken ein Unglück wie das von Pompeji verhütet wurde. – In der Nacht vom Neunundzwanzigsten zum Dreißigsten dauerte das Rollen und Brausen des Berges mit kurzen Unterbrechungen fort, nachdem es den Abend vorher sich noch sehr gesteigert und der Regen von Steinen und Sand sehr empfindlich [330] geworden war; der Alte scheint aber mit dem Auskehren seiner seit ein paar Tagen überheizten Esse fertig zu sein und sich allmählich zur Ruhe begeben zu wollen, nachdem die ebenfalls aus seinem Schlunde gestiegenen Massen von Elektricität sich gestern Nacht in einem heftigen Gewitter über Neapel entladen haben.

Ueber die Menschenopfer, welche die Krisis gekostet hat, ist man noch immer nicht ganz im Klaren; leider weiß man es von etwa Zwanzigen gewiß, darunter sind zwei tüchtige deutsche Aerzte und mein einstiger treuer Führer Vincenzio. Die Unglücklichen waren in der Nacht vom 25. zum 26. April vom Observatorium aus in das Atrio gestiegen, um den in der Nacht vorher niedergegangenen Lavastrom zu sehen, als ohne alle Vorzeichen dicht hinter ihnen ein Schlund sich aufthat, einen Lavastrom ausspie, der sie umzingelte und die meisten sofort tödtete, verbrannte und in seinen Fluthen begrub; diejenigen, welche sich, über die noch heiße Lava der Vornacht wegspringend, nach dem Observatorium zu retteten, wurden hierbei so jämmerlich verbrannt, daß sie in den Spitälern von Neapel nach und nach Alle starben.

Dem sichern Tode schien der Director des Observatoriums, Prof. Palmieri, und die zwei dort wachehabenden Gensd’armen entgegenzugehen. Den Ersten hielt die Pflicht auf seinem Posten, da er durch den Telegraph stets über den Fortgang des Ausbruches nach Neapel zu berichten und seine meteorologischen Instrumente zu beobachten hatte. Die Letzteren, eben frisch auf die Wache gezogen, weigerten sich, der Aufforderung, sich zu retten, Folge zu leisten, und erklärten, lieber mit ihm sterben zu wollen. Statt des Todes ernten nun alle Drei die Bewunderung ihrer Zeitgenossen.

Ueberblickt man nun die Gesammtergebnisse der letzten fünf Tage, so muß man zu dem Ergebniß kommen, daß eine der größten Gefahren in erster Linie für Italien, dann aber auch für das übrige Festland vorüber ist; denn wenn jene wilden Naturkräfte, welche in dem Ausbruche des Vulcans sich entluden und dadurch machtlos wurden, diesen Ausgang nicht gefunden hätten, dann wäre ein furchtbares Erdbeben die nothwendige Folge gewesen, und anstatt zweier Dörfer, etwa eines halben Hunderts Menschen und einiger Millionen Grundcapital wären ganze Länderstrecken erschüttert und verwüstet worden.

Darum, so traurig das Auge über die sonst so schöne Stadt und die umliegenden Gaue streift, muß das Herz doch von Dank und Freude erfüllt sein, daß diese Tage nicht größere Opfer gefordert haben.*

Robert Heck.


* Selbstverständlich war es wegen der Ueberzeichnung und des Schnittes nicht möglich, die zu diesem Artikel gehörigen Illustrationen schon heute beizugeben; doch werden wir sie sobald als möglich folgen lassen.
Die Redaction.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schmarotzerflanze