Das XII. Deutsche Bundesschießen in Nürnberg

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Autor: Hans Boesch
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Titel: Das XII. Deutsche Bundesschießen in Nürnberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 524–526
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das XII. Deutsche Bundesschießen in Nürnberg.
Von Hans Boesch. Mit Illustrationen von Fritz Bergen.

Gar lustig wehten in hellem Sonnenschein auf Nürnbergs malerischen Türmen und spitzen Giebeln bunte Fahnen und Wimpel! Frisches Grün gab den altersgrauen Häusern ein freundliches Aeußeres! Ganz Nürnberg hatte Festschmuck angelegt, gleich einer jugendlichen Braut, die den Erkorenen erwartet, hatte sich die vielbesungene Stadt herausgeputzt, um ebenso würdig ein deutsches Nationalfest zu begehen, wie sie 1861 das große Deutsche Sängerfest gefeiert, an das alle, die daran teilgenommen, heute noch voll inniger Freude denken. Diesmal aber waren es die deutschen Schützen, die aus allen Gauen unseres Vaterlandes, und selbst von jenseit des Oceans sich hier vereinigten, um das XII. Deutsche Bundesschießen in festlicher Weise zu begehen. Schon seit Ende des vergangenen Jahres waren Festausschüsse aller Art thätig, um den Gästen Nürnbergs altbewährte Gastfreundschaft angedeihen lassen zu können, um ihnen den Aufenthalt zu einem recht angenehmen zu gestalten und ihnen Deutschlands Schatzkästlein aufs neue teuer und wert zu machen.

Am Samstag den 3. Juli brachte Zug um Zug, der in Nürnbergs bescheidenem Bahnhofe einlief, fröhliche Festgäste, die sich den frischen Trunk Tucherschen Bieres, der ihnen gereicht wurde, recht gut schmecken ließen. Und nach erfolgter Begrüßung zogen die Schützen, geleitet von dem Empfangsausschuß und einem Musikcorps, in die Stadt zum Rathause, wo ihnen Quartierkarten u.a. zu teil wurden. Beim Eintritt in den altehrwürdigen Waffenplatz des Frauenthores fanden sie denselben reich geschmückt. Die martialischen Landsknechte, die dort ihre Wache ausgetragen, stellten sich in Reih’ und Glied, weidlich schwang der Fähnrich sein Panier mit dem alten deutschen Reichsadler und der Donner der Geschütze auf dem Walle rief den Gästen lauten Willkommsgruß zu.

Die Schützen hatten Glück: Gewitterregen, die nachts heruntergegangen, milderten die tropische Hitze, und bei bedecktem Himmel und angefrischter Temperatur fand der Festzug statt. Schon in früher Morgenstunde herrschte in allen Straßen der Stadt das regste Leben. Außen auf der Ringstraße nahm der Festzug Aufstellung, um sodann durch die Ehrenpforte am früheren Läuferthor in die alte Stadt einzutreten. Infolge der freundlichen Begrüßung von seiten der Bevölkerung Nürnbergs gestaltete sich der Marsch durch die Stadt zu einem wahren [525] Triumphzuge, der Teilnehmer wie Zuschauer in gleichem Maße befriedigte. Tücher wehten aus allen Fenstern, zarte Hände ließen einen Regen duftiger Blumenspenden herabgleiten, und an gar vielen Punkten wurden den Festteilnehmern reellere Genüsse zur Stärkung und Erquickung kredenzt.

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Die Landsknechtswache am Waffenplatz des Frauenthores.

Feuerwehr und Turner, Herolde zu Pferd, das Fähnlein Landsknechte, das tags vorher am Frauentor so treu gewacht, Zieler, Pritschenmeister und Preisfahnenträger, alle in altdeutscher Tracht, eröffneten den Zug, der über ein Dutzend Musikkorps mit sich führte. Dann kamen die Gäste aus dem Ausland, namentlich Nordamerikaner, unter welchen die New Yorker Independent-Schützen besonders zahlreich vertreten waren, und Schweizer, die freundlichst begrüßt wurden. Lebhafte Begrüßung ward auch den österreichischen, speziell den Tiroler Schützen zu teil, die aber nicht eigentlich zu den Gästen gerechnet wurden; sie sind Fleisch und Blut von unserem Fleisch und Blute; es war auch, als wollte jeder einzelne den österreichischen Schützen beweisen, mit welcher Teilnahme die Deutschen im Reiche die Kämpfe verfolgen, die sie ausfechten müssen, um ihre Nationalität zu bewahren. Und nun kamen die Schützen der letzten Feststadt, die Mainzer, begleitet von Herolden und Marschällen und der Musik in mittelalterlicher, malerischer bunter Tracht. Sodann aus stolzem, vom Direktor C. Hammer entworfenen Prachtwagen Frau Germania mit dem Bundesbanner, geleitet von den Nürnberger Schützen, denen die Vorstandschaft des deutschen Schützenbundes und des Gesamtausschusses folgte. Ein prächtiges Bild war es, als Schützenmeister Heerdt-Mainz an der Tribüne, die auf dem großen malerischen Marktplatze Nürnbergs aufgeschlagen war, das Bundesbanner der Feststadt übergab und namens derselben Bürgermeister Dr. von Schuh versprach, dieses Kleinod, ein Symbol deutscher Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit, deutscher Energie und Kraft, getreulich zu behüten und zu bewahren. Brausender Jubel erfüllte die Lüfte bei dem Hoch auf den Deutschen Schützenbund. Die Scene ist der Gegenstand der Hauptillustration Seite 529.

So hübsch der Zug der Schützen mit den fliegenden, oft altehrwürdigen Bannern sich ausnahm, so hatte man es doch für notwendig gefunden, denselben durch eingefügte historische Gruppen zu beleben. Die erste führte in die Zeit Barbarossas, des Kaisers, welcher der Stadt Nürnberg zur Reichsfreiheit verhalf. In reichem Schmuck hoch zu Roß, begleitet von Fürsten und Edelleuten, Gesandten der lombardischen Städte und aller Nationen, zog die imponierende Gestalt mit dem mächtigen roten Barte dahin. Kreuzfahrer zu Pferde, Krieger zu Fuß und Troßknechte folgten dem Oberhaupte des Reiches. Viel bewundert ward Frau Minne auf einem von Minnesängern, Spielleuten und sonstigem fahrenden Volke umgebenen Wagen, auf dem Siegfried das Drachenungeheuer erlegt.

In den malerischen Straßen Nürnbergs, die in einem Schmuck prangten, wie er anderwärts kaum wieder vorkommt, bot diese Gruppe ebenso wie die beiden folgenden ein ungemein farbenschönes anziehendes Bild, auf dem Staffage und Hintergrund so vorzüglich zusammengepaßt waren, daß sie in eins verschmolzen.

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Vom Festplatz: Festhalle und Gabentempel.

Riesigen Beifall errang sich sodann der Einzug Kaiser Maximilians I., der so oft in Nürnberg geweilt, in seine und des Reichs allzeit getreue Stadt, eine sehr dankbare Darstellung, da sie in Nürnbergs höchste Blütezeit fällt. Ein großer Teil des Zuges war dem Dürerschen, von Kaiser Maximilian veranlaßten Triumphzuge nachgebildet, der ja das Großartigste ist, was es in dieser Beziehung giebt. Nicht nur Ritter und Reisige, Patrizier und der Rat, Feuer- und Armbrustschützen geleiten den Kaiser, der unter einem Baldachin reitet, und die anmutig lieblichen Damen in dem prächtigen Reisewagen – wir verweisen auf die Abbildung Seite 526 auch die Kaufmannschaft mit den Handelsherren zu Fuß und zu Pferd, mit allegorischem Wagen, mit altem Frachtwagen, dem Geleite und den [526] gefangenen Raubrittern, die den Pfeffersäcken das ihrige entreißen wollen, schließen sich an. Ingleichen der Prachtwagen der Künste mit Alt-Nürnbergs großen Männern, den Künstlern und Gelehrten, auf die ganz Deutschland stolz ist, und der nicht minder gelungene Wagen der Meistersinger, auf dem Hans Sachs den wohlverdienten Ehrensitz einnimmt. Ihm folgen seine zahlreichen Schüler und die Vertreter der Handwerke und Gewerbe mit mannigfachen Emblemen. Den Schluß bildet die Gruppe der Jagd, die dem ritterlichen Kaiser vor allem ans Herz gewachsen war. Aus ihr ist besonders die große Anzahl Damen hervorzuheben, welche hoch zu Roß den Zug verschönerten.

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Gruppen aus dem Festzuge.
Kaiser Maximilian, geleitet von Edelknaben mit Windlichtern.
Die Scheibe der Nürnberger Schützengesellschaft, auf welche Gustav Adolf geschossen.
Fürstliche Frauen im Gefolge Kaiser Maximilians.

Ebenbürtig stellte sich diesen Gruppen die letzte an die Seite: der Einzug Gustav Adolfs in Nürnberg. Dieselbe historische Treue in Bezug auf die Kostüme, dieselbe Farbenpracht, Mannigfaltigkeit, derselbe großartige Umfang, der die andern Gruppen auszeichnete, war ihr eigen. Selbst die alte Artillerie fehlte nicht. Eine merkwürdige historische Reliquie war die von zwei Kriegern getragene Scheibe der Nürnberger Schützengesellschaft, auf welche seiner Zeit Gustav Adolf selbst einen Schuß abgegeben, der Leser findet ihre Abbildung nebenstehend.

Etwas abgespannt, aber doch in gehobener Stimmung sind nach mehrstündigem Marsche durch die Stadt die Teilnehmer des Zuges auf dem Festplatze vor der Stadt bei St. Peter angelangt. Auf der Peterheide, offiziell Ludwigsfeld genannt, war man schon seit einem Vierteljahr unter Bauamtmann Försters Leitung und nach Professor Brochiers Entwürfen bemüht, eine Feststadt für die Schützen zu errichten. Einheitlich im Barockstil ausgeführt, standen auf der einen Längseite die riesige Festhalle (Abbildung S. 525), die durch nicht weniger als 60 Bogenlampen beleuchtet wurde, auf der andern die Bierhallen, während auf der hinteren Seite die Schießstände Platz gefunden hatten, welche die Zahl 150 überschritten. Neben dem Eingangsthor war Langs Riesenbierhalle des Ledererbräu und das Vergnügungsviertel mit Schaustellungen und Etablissements aller Art, so daß ein jeder etwas fand, was ihm paßte und Freude machte. Inmitten des Platzes erhob sich der imponierende Gabentempel, gekrönt von der Fortuna (Abbildung S. 525), sein wertvoller Inhalt wurde bis zur Preisverteilung streng bewacht, dann aber dauerte es nicht lange, bis die kostbaren Gewinne in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurden.

Die Nürnberger haben schon acht Tage vor dem Feste sich eifrigst dem Studium der Bierverhältnisse auf dem Festplatze hingegeben. Die rechte Festesfreude aber brachten erst die Schützen mit. Am Samstagabend fand die Empfangsfeier in der Festhalte statt. Schützenmeister Pylipp-Nürnberg begrüßte die Gäste namens der Nürnberger Schützen-Gesellschaft, Rechtsrat Jäger namens der Stadt. Letzterer wies auf die Verdienste hin, welche sich Schützen, Turner und Sänger durch Hochhalten des Einheitsgedankens in früherer Zeit erworben, beide erhofften von diesem Feste eine Stärkung des deutschen Nationalgefühls, der brüderlichen Gesinnung aller deutschen Stämme, der Wehrhaftigkeit unseres Volkes. Der Vorstand des Gesamtausschusses des Deutschen Schützenbundes, Hauschild-Bremen, feierte, anknüpfend an Max von Schenkendorfs Verse, die Feststadt. Und diesen Reden folgten noch viele andere, die alle freudig aufgenommen wurden, so daß der Abend in schönster, animiertester und für die folgenden Tage vielversprechender Weise verlief.

In eben dieser imponierenden Festhalle fand nach Ankunft des Zuges das Festbankett statt, an welchem gegen 4000 Personen teilnahmen. Hier rief Gymnasialdirektor Vogt in ebenso gewandter als herzlicher Weise den Festgästen ein „Grüß Gott“ zu, das mit jubelndem Beifall aufgenommen wurde. Gleich freudige Aufnahme fand der Trinkspruch des Präsidenten Hauschild-Bremen auf Kaiser und Reich, die deutschen Fürsten und das deutsche Volk. Schützenrat Gerstle-Wien brachte den Gruß und Handschlag der deutschen Schützen Oesterreichs und endete mit einem Hoch auf die Feststadt. Namens derselben dankte Bürgermeister von Schuh, der zum Festhalten an dem errungenen einigen Vaterlande mahnte und den Gästen sein Glas weihte. Und so ging es noch lange fort, es wurden noch viele treffliche Worte, die von warmer Vaterlandsliebe und brüderlicher Gesinnung zeugten, gesprochen. Als das Bankett aber geendigt hatte, nahm das Konkurrenzschießen, an dem sich 130 Schützen beteiligten, seinen Anfang. Ein riesiges, betäubendes Geknatter ward vernehmbar und in kurzer Zeit waren je die ersten zehn Becher aus Feld und Stand herausgeschossen.

Die Sieger erhielten die wohlverdienten Preise nach Beendigung des Wettkampfes gleich überreicht, und unter allgemeinem Jubel zogen sie dann, von Kameraden auf die Schultern genommen, Militärmusik voran, in die Festhalle. In freudiger Stimmung endete der Hauptfesttag.

Am Montag früh aber begann der Wettkampf aufs neue. Von früh bis nachts waren alle Stände stark besetzt und gar fleißig waren die Schützen, deren sich weit über 3000 eingefunden hatten, an der Arbeit. Und nachmittags und abends nahm Nürnbergs Bürgerschaft regen Anteil an dem Feste, die verschiedensten Veranstaltungen wurden getroffen um den Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen und ihnen Unterhaltung und Anregung zu bieten. Ein lustiges Leben und Treiben herrschte am dem Festplatze, und innerhalb des großen Festes spielten sich noch recht viele kleinere Feste und Veranstaltungen in engerem Kreise ab. Es dürfte kein Zweifel bestehen, daß Nürnberg den hohen Ruf, den es sich im Jahre 1861 durch Veranstaltung des großen Deutschen Sängerfestes als Feststadt erworben, sich bewahrt hat, daß es auch die heutige Generation seiner Bürger versteht Feste auszurüsten, und daß es ihm gelungen ist, sich in den Herzen der Tausende von Festgästen einen Platz zu erobern, aus dem es sich nimmer verdrängen lassen wird.