Das fränkische Loretto

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Textdaten
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Autor: Karl Eyßer
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Titel: Das fränkische Loretto
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 680–684
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das fränkische Loretto.


„Es war die Zeit des großen Kirchenfestes,
Von Pilgerschaaren wimmelten die Wege,
Bekränzt war jedes Gottesbild, es war
Als ob die Menschheit auf der Wand’rung wäre,
Wallfahrend nach dem Himmelreich –“

und es war, als ob diese Worte, welche der unsterbliche Dichter den schwärmerischen, vom Glanz und von der Sinnlichkeit des Katholicismus berauschten Mortimer in den Mund legt, eigens geschrieben worden wären auf das Bild der Bewegung, welches sich am 15. September im weiten herrlichen Mainthale zwischen den Ausläufern des Jura und den Anfängen des Frankenwaldes entfaltete, nur mit dem Unterschiede, daß „der Strom der glaubensvollen Menge“ nicht nach Rom ging, wie Mortimer seiner schwärmerisch verehrten Königin Maria Stuart berichtet, sondern nach dem fränkischen Gnadenorte „Vierzehnheiligen“ zur Feier des großen Kirchenfestes, auf welches während des ganzen Sommers

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Die Gartenlaube (1872) b 681.jpg

Vierzehnheiligen und Kloster Banz in Unterfranken.

[682] von allen Kanzeln der Bamberger und Würzburger Diöcese die Aufmerksamkeit des gläubigen fränkischen Volkes gelenkt wurde. Es war das hundertjährige Jubiläum der Einweihung der berühmtesten und größten Wallfahrtskirche von Franken, der den vierzehn heiligen Nothhelfern geweihten Kirche von Frankenthal, oder wie sie im Munde des Volks kurzweg bezeichnet wird, der Kirche von Vierzehnheiligen.

Aus dem ersten Zuge von Bamberg thalaufwärts waren Hunderte von Menschen, Städter wie Landleute, in Staffelstein ausgestiegen, zu gleicher Zeit war thalabwärts von Lichtenfels und Kulmbach ein Zug angelangt, der ebenso viele Ankömmlinge entlud. Welcher Weg nach Vierzehnheiligen führe, darnach brauchte man an diesem Sonntagsmorgen nicht zu fragen, man durfte nur der Menschenmasse nachgehen, welche sich um das Städtchen Staffelstein herum ameisenartig auf der Straße entfaltete und hinzog und den Pfad bezeichnete, welcher zu einer auf einem grünen Hügelvorsprung liegenden Kirche aufwärts führte. Dieselbe erhebt sich ziemlich frei auf dem sanft abgerundeten Hügelplateau; im Rücken, rechts und links umschirmen sie die bewaldeten Höhenzüge des Jura, der hier an seinem Abfall in die Mainebene weiche Wellenlinien annimmt. Imposant steigt die dunkelgelbe Sandsteinfront aus dem Buschgrün, das die Hügelzugänge bedeckt, empor und zwei schlanke, spitze Thürme ragen hoch in den grau und drohend angehauchten Septemberhimmel auf. Die Straße war von zwei-, dreifachen Menschencolonnen bedeckt, auch von Fuhrwerk, das eine schlimme Passage hatte, denn die ganze Straße voraus bis an den Kirchenhügel hinan war fast ein einziger Wallfahrtszug, der die ganze Breite der Straße einnahm. Mit den im Winde wehenden rothen, grünen, weißen, gemalten und gestickten Kirchenfahnen, mit Lichtern, Gebetbüchern und Rosenkränzen in der Hand, zogen Männer und Weiber, die Letzteren in Mehrzahl, und in der farbenglühenden, malerischen Tracht des katholischen Frankens dahin, unter Anführung eines älteren Mannes, der die Verse laut vorsagte, alle die uralten Wallfahrtslieder singend. Wenn dann, um schneller durchzukommen, die Städter oder die glücklichen Equipagenbesitzer zwischen die frommen Waller sich durchzwängen wollten, dann wurden mitten unter den andächtigen Gesängen laute Schimpfworte, ja selbst Flüche laut, bis die Kühnen von ihrem Streben abließen und dann die Scheltreden und Fluchworte der frommen Wallfahrer wieder in heiligen Gesängen fortgesetzt wurden. An der Straße standen Bäume und Kreuze, diese mit dem gekreuzigten Heiland, jene mit hölzernen Tafeln bedeckt, welche in etwas unvollkommener Malkunst die Erscheinung des Christuskindes zwischen zwei brennenden Kerzen und in der Umgebung von gleichfalls nackten Kindlein darstellten. Um diese Stätten der religiösen Verehrung lagen Landleute in dichten Gruppen, sie bedeckten weit und breit die Felder und Wiesen, sie versperrten die Straße, die Einen knieeten im Gebete vor den Gnadenbildern, die Andern erfrischten sich aus den mitgebrachten Eß- und Trinkvorräthen und nur Schritt für Schritt kam man vorwärts die Anhöhe zur Kirche hinan. Ein Blick in das Thal war ein Schauen auf eines der herrlichsten Stücke deutscher Erde und zeigte von der Straße, die rechts von Lichtenfels heraufführte, dieselben Menschenmassen – dasselbe Bild – die farbigen Kirchenfahnen, die weißen Chorhemden der Priester, die rothen Röcke und Kopftücher der Frauen, die brennenden Kerzen – und so kam es im bunten Menschenknäuel weiter diesseit und jenseit des Maines von den Bergen weit in der Runde und aus den Thälern und Gründen zugeströmt – es waren Tausende und Tausende,

„Als ob die Menschheit auf der Wand’rung wäre.“

Von unten herauf ertönten die Gesänge, schmetterten die Trompeten, von den Thürmen von Vierzehnheiligen herab läuteten die Glocken und die Nachbarkirchen von Staffelstein und Lichtenfels und zuletzt noch die Glocken von dem gegenüberliegenden Banz stimmten ein und von dem Mainthale herauf gellte der schrille Laut der Locomotive wie ein Spottruf dazwischen.

Die berühmte Wallfahrtskirche liegt von allen Seiten frei, nur wenige Häuser sind in der Nähe; der Façade gegenüber rechts und links zwei große Wirthshäuser, die bei einem Wallfahrtsort nie fehlen dürfen. Rechts und links der Seitenschiffe stehen hölzerne Arcaden, an welche Krambuden angebaut sind, und entsprechend der architektonischen Linie des Chors erhebt sich hinter demselben in einem Halbkreise ein zweistöckiges Gebäude, in dem Schnörkelstile des vorigen Jahrhunderts erbaut, die sogenannte Probstei. Dasselbe trägt über der Thür ein kolossales in Stein gehauenes Wappen, das des ehedem in der Nähe gelegenen, seit 1803 säcularisirten Cistercienserklosters Langheim, einst des reichsten in der ganzen Umgegend. Früher war dieses Haus das Absteigequartier der geistlichen Herren von Langheim; nun wohnen der Superior, vier Patres und sechs Fratres des Ordens vom heiligen Franciscus darin, denen die Seelsorge für die Kirche übergeben ist.

An der Stelle der jetzigen Kirche stand vormals ein einsamer Meierhof, welcher ebenfalls dem Kloster Langheim gehörte. Die Mönche unterhielten dort eine große Schäferei. Zu einer Zeit, wo die Heiligenverehrung in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht hatte, vielleicht hundert Jahre bevor der kühne Augustinermönch mit seinen Thesen den Donnerkeil in dieses verwerfliche Treiben hineingeworfen, vernahm eines Abends am Quatemberfreitage im September ein junger Klosterschäfer, Namens Hermann Leicht, als er eben seine Herde nach Hause treiben wollte, die Stimme eines weinenden Kindes. Er sah sich um, erblickte auch wirklich ein kleines nacktes Kind auf dem Acker sitzen, das aber in demselben Momente verschwunden war. Als er auf seinem Heimwege nochmals den Blick nach jener Stelle zurückwandte, sah er es wieder zwischen zwei brennenden Kerzen sitzen, aber als er sich nähern wollte, sah er die Stelle leer und weder das Kind noch die brennenden Lichter. Im Kloster erzählte er einem Mönche von dieser gar seltsamen Erscheinung, und dieser rieth ihm, falls dieselbe sich wiederholen sollte, stracks auf sie loszugehen und sie getrost anzusprechen. Am Vorabend des Festes Peter und Paul sah derselbe Schäfer die ihm bekannte Stelle und deren Umgebung von einem himmlischen Glanze erfüllt, auch das Kind wieder, aber diesmal war es nicht allein, sondern von vierzehn andern Kindern umgeben. Muthig näherte sich ihm der Klosterhirt, wie ihm geheißen worden, mit der Frage, was seines Begehrs sei. Da antwortete mit feiner Stimme das Kind: „Ich bin das Christkind und diese hier sind die vierzehn heiligen Nothhelfer. Wir begehren hier eine Capelle zur Ruhe. Sei Du unser Diener, so wollen wir auch Deine Diener sein.“ Darauf waren die fünfzehn Erscheinungen weg – in die Wolken entrückt.

Auch noch eine vierte Erscheinung hatte „der gottbegnadete Jüngling“: Am Sonntag darauf sah er an derselben Stelle zwei brennende Kerzen aus dem Himmel niederfallen und nicht er allein, sondern auch ein anderer, allerdings sehr glaubwürdiger Zeuge, nämlich eine alte Frau, wollte dieses neue Wunder geschaut haben. Getreulich stattete er von jeder neuen Erscheinung den Herren im Kloster Langheim Bericht ab; aber diese sträubten sich anfangs lange, den Worten des Hirten Glauben zu schenken, indem sie die Erscheinungen für Wirkungen seiner erregten Phantasie etc. hielten. Vielleicht handelten sie schlangenklug nur nach dem Grundsatze, daß man Das, was man im Geheimen bezwecken und erreichen will, öffentlich bekämpfen und in Abrede stellen muß. Schließlich geschahen aber an der Stelle im Laufe der Zeit so viele Wunder und das durch die Verbreitung derselben erregte Volk verlangte so dringend nach einer Capelle, daß sie sich diesen Forderungen nicht länger entziehen konnten und ein Kirchlein auf der Hügelkuppe von Frankenthal erbauten, an derselben Stelle, wo die Erscheinungen wahrgenommen worden waren. Diese erste Capelle wurde von dem urkatholischen Vorfahren einer jetzt streng protestantischen Familie, von dem Bamberger Fürstbischof Anton von Rotenhan am Georgitage 1448 „zur Ehre der allerseligsten Jungfrau und der vierzehn heiligen Nothhelfer“ geweiht.

An den übrigen zahlreichen Wallfahrtsorten wurde nur je ein Heiliger verehrt, hier aber konnte man gleich eine Gesammtandacht für vierzehn Heilige verrichten, und Jedem und Jeder derselben wohnt eine besondere Kraft inne. Sanct Georg besiegt die Glaubenszweifel, bewahrt die Thiere vor Seuchen und beschützt auch die Sitten. Blasius hilft bei Halsleiden, Erasmus bei Unterleibsbeschwerden, Pantaleon wird als Patron der Aerzte und der Kranken angerufen, Vitus protegirt die Jugend und die Mönche. Christophorus errettet von Wasser, Feuer und Pest, und ebenso ist Jedem der übrigen Heiligen, Dionysius, Cyriacus, Achatius, Eustachius und dem heiligen Abt Aegidius, in dieser Rangordnung sein besonderes Departement menschlicher Unzulänglichkeit und Leiden zugewiesen. Die heilige Margaretha ist Helferin der Wöchnerinnen und Barbara Patronin in Sterbensnöthen und [683] nebenbei auch die der Artillerie. Den Schluß macht eine der sechs heiligen Katharinen, aber welche, ist uns leider unbekannt.

Die Mönche von Langheim hatten Glück mit ihrem neuen Wunder- und Gnadenorte: die Zahl der Andächtigen, die „sich nach Vierzehnheiligen versprachen“, wuchs von Jahr zu Jahr, bis der Bauernkrieg kam und die Aufständischen im Maingrunde, die es besonders auf Stiftsgebiete und die Geistlichkeit abgesehen hatten, das Wallfahrtskirchlein zerstörten. Bald aber erhob sich auf dem grünen Bergvorsprunge das Gotteshaus wieder, und als ob in diese Thäler nie Name und Wort des großen Kirchenreformators gedrungen wären, ging in Vierzehnheiligen das alte Treiben in erhöhtem Maße fort. Der Bamberger Fürstbischof hatte zur völligen Niederwerfung protestantischer Regungen die Jesuiten in seine Diöcese berufen, und diese leisteten ihre guten Dienste, namentlich auch durch Wiederbelebung des Wallfahrtswesens. Trotz der echt protestantischen nächsten Nachbarschaft betrug kurz nach dem dreißigjährigen Krieg binnen achtundzwanzig Jahren die Zahl der Wallfahrer 263,764; sie kamen wie heute noch von diesseit und jenseit der Haßberge, aus dem Itz- und Baunachgrunde, sie kamen vom Rheine, aus Sachsen, Böhmen; es kamen Kaiser und Könige, die der Kirche kostbare Geschenke zurückließen, und das ging so fort bis in das achtzehnte Jahrhundert, in diese üppige Nachblüthe des Katholicismus.

Schließlich erwies sich die Kirche als zu klein für den Andrang der Gläubigen, oder vielmehr der Benedictiner-Abt von Banz hatte sich gegenüber eine neue stattliche Kirche und dazu neue schloßähnliche Klostergebäude errichtet, und nun durften auch die Herren von Langheim ihrem geistlichen Nachbar in Nichts nachstehen, nun wurde über dem alten nach dem Bauernkriege restaurirten Kirchlein ein neuer stolzer Kirchenbau in dem damals im Schwunge begriffenen prächtigen Jesuitenstil angefangen, welchen der Würzburgische Artilleriemajor Balthasar Neumann leitete, derselbe, bei dem damals ein armer Waisenknabe erzogen wurde, der später die deutschen Heere gegen romanische Bedrückung zum Siege führen sollte, der Moltke des Befreiungskrieges, der große Gneisenau. Im Jahre 1743 war der Grundstein gelegt und erst neunundzwanzig Jahre später die Kirche vollendet und im September 1772 durch den Fürstbischof Adam Friedrich Grafen von Sinsheim geweiht worden.

Ein ganzes Jahrhundert ist seitdem über diese Giebel und Thürme dahingerauscht und es hat mit seinem Sturmeswehen Manches davon mit fortgenommen. Es hat durch die Säcularisation im Anfang dieses Jahrhunderts die Klosterstätte Derer zerstört, welche diesen Bau begonnen und vollendet haben; das Kloster Langheim liegt heutzutage in Schutt und Trümmern, und auch aus der Kirche von Vierzehnheiligen wurden aller Schmuck und sämmtliche Kostbarkeiten hinweggenommen und Vieles wanderte in die unergründlichen Taschen bairischer Beamten, die damals mit dem historischen Aufräumen beauftragt waren. Selbst die Glocken, die am Jubiläumstage dem jungen Mainthale das Jahrhundertfest verkündeten, sind nicht mehr dieselben, welche an demselben Tage vor hundert Jahren zum ersten Male geläutet hatten. Diese hängen jetzt in der Kirche von Lichtenfels, und so wurde mit Allem tabula rasa gemacht, mit den vierzehn Heiligen, die in massivem Silber vorhanden waren, zu allererst. Im Jahre 1835 schlug der Blitz in beide Thürme. Aber nur die Dachstühle der Kirche verbrannten und die Orgel. Der Brand war für die Kirche selbst von keinem so großen Nachtheil; die alten häßlichen Kuppeln der Thürme wurden durch schlanke, spitze Dächer ersetzt, und so sind heute noch Vierzehnheiligen auf dem linken und drüben Banz auf dem rechten Mainufer durch ihre reiche und stattliche Architectur, durch ihre Lage auf hohen grünen Bergeshalden, der Schmuck und Stolz des Frankenlandes. Aber leider ist, während Banz eine lange Zeit hindurch durch seine Klosterschule eine Zierde der Wissenschaft war, Vierzehnheiligen heute noch dem frommen Wahne und Wunderglauben dienstbar, wie vor vierhundert Jahren.

Wie zum Feste der Einweihung der Kirche vor hundert Jahren Papst Clemens der Vierzehnte einen Ablaß ertheilt hatte, so hatte auch für das hundertjährige Jubiläum sein Nachfolger Pius der Neunte einen „vollkommenen Ablaß, der dem Heile der Seelen im Fegfeuer zugewendet werden kann,“ für Alle gegeben, welche während acht Tage, vom 15. bis 22. September, ihre Andacht „zur Einigkeit der deutschen Fürsten und zur Erhöhung der heiligen Kirche“ in der Wallfahrtskirche zu Vierzehnheiligen verrichten. Darum der massenhafte Zuzug aus allen Himmelsgegenden. Vor der Kirche und um dieselbe drängte sich Kopf an Kopf, und bis weit an den Hügel hinab hatten die Wallenden sich gelagert, bis zu dem Momente, wo auch sie durch die weitgeöffneten Pforten in die Kirche eintreten, dort vor heiliger Stätte ihre Andacht verrichten, die heilige Wegzehrung empfangen und dafür ihr Opfer darbringen konnten. – Und hart daneben in den beiden Wirthshäusern, welches bunte, bewegliche Getreibe! Die helle Tracht der Frauen, weiße oder rothe Festtücher, bunte bebänderte Röcke und allerlei glitzernder Schmuck, und dazu die mehrentheils hübschen Gesichter neben der dunklen Tracht und dem stupiden Gesichtsausdruck der Männer! Die Stuben sind voll – die Hausplätze, die Stufen und Bänke vor dem Hause belagert – die Weinflasche, der Bierkrug machen die Runde, hier die Anzeichen materiellen Genusses in den gerötheten Gesichtern – dort in den Mienen der vor den offenen Thüren Knieenden eine fast schwärmerische Andacht. Die Krambuden sind von Kauflustigen umwogt. Rosenkränze, Heiligenbilder, Kuchen und Leckereien, Spielzeug, wächserne Puppen, Beine, Arme, Herzen und Kerzen, einfache und bemalte, um Alles wird gefeilscht. Die Kirche ist im Aeußeren durch Blumengehänge festlich geschmückt, aus den offenen Kirchthüren rauschen Orgeltöne, tönen Hymnen, strahlt der Glanz von goldnen Priestergewändern und von Tausenden von Lichtern, und das Volk liegt auf den Knieen und beugt sein Haupt und sein Herz unter diesem Tönen und Prangen und Leuchten, als dem Ausdruck einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung!

Die Kirche von Vierzehnheiligen ist eine der schönsten Wallfahrtskirchen, die in Deutschland existiren, und deren sind eben nicht wenige. Der innere Raum hat eine Länge von zweihundertzehn Fuß und eine Breite von hundertneununddreißig Fuß; das Gewölbe ist vierundneunzig Fuß hoch. Die helle, lichte Kirchenhalle mit ihren Wölbungen, Galerien, Säulen und Nischen ist von derbem Golde, Marmor, Statuen und Bildern ganz erfüllt. Seit acht Jahren ungefähr hat das Innere eine vollständige Restauration erfahren und macht in seinem neuen Gewande einen ganz stattlichen, fast imponirenden Eindruck. In der Mitte der Kirche erhebt sich ein reich ornamentirter Altar, mit Gold-, Schnitz- und Bildwerk fast überladen. Drei Priester lesen an demselben Messe, und sechs Frauen mit brennenden Lichtern in der Hand rutschen um denselben auf den Knieen umher. Das ist das Heiligthum der Kirche. Von einer Seite sieht man durch eine Gitterthür auf eine Vertiefung im Boden, die mit einem eisernen Gitter bedeckt und mit Blumen reich geziert ist. An dieser Stelle geschahen nach der Tradition die Erscheinungen, und über derselben war auch das uralte Wallfahrtskirchlein erbaut, das erst abgebrochen wurde, als die neue Kirche sich schon darüber erhoben hatte.

Von allen Denen, welche während der Jubiläumswoche Vierzehnheiligen besuchten und welche die Zahl von 20,000 erreichen, brachte Jeder sein Scherflein, sei es in Baarem, sei es auch nur in einer Wachskerze. Viele auch hatten sich besonders hierher „versprochen“. Während des Festes wurden über 24,000 Hostien gespendet. An beiden Seiten des Thurmes befinden sich zwei Räume, die sogenannten Wachskammern. Dieselben sind vom Boden bis zur Decke von Glaskästen angefüllt; diese Kästen enthalten menschliche Gestalten, in Wachs bossirt und mit modernen Kleidern angethan, Männer, Frauen und Kinder. Wenn nicht aus diesem oder jenem Gesichte noch hin und wieder ein Zug der kaukasischen Menschenrace heraussähe, wenn die deutschen Inschriften nicht wären, man möchte sich im Götzentempel des Brahma zu Delhi oder Lackno glauben. Diese Inschriften besagen, daß diese Menschenabbilder aus Dank gegen die vierzehn heiligen Nothhelfer von Denen gestiftet worden, deren Gebet und Wünsche durch ihre Fürsprache bei Gott in Erfüllung gegangen seien. Krankheiten, namentlich bei Kindern, spielen eine große Rolle, aber auch Herzensangelegenheiten bei Jünglingen und Mädchen. Man sieht darin Bräutigame in schwarzem Fracke mit frisirtem Lockenkopfe und Jungfrauen in weißem Kleide mit dem Schleier und dem Brautkranze. Auch zwei bairische Soldaten sind vorhanden, die von den vierzehn Nothhelfern namentlich, scheint es, von der heiligen Barbara, der Patronin der Artillerie, heil aus dem Kriege heimgeführt [684] wurden und sich zum Dank dafür in Wachs dargebracht haben. Solche Figuren kosten bis zu achtzig Gulden; die Photographien der betreffenden Persönlichkeiten werden nach München geschickt und dort die Köpfe in Wachs danach bossirt; das Uebrige mit vollständigem Anzuge besorgen die Wachszieher, die an den Buden ihre Waaren feilhalten. Haben die Figuren einige Zeit gestanden, dann werden sie von der Kirche wieder an den Wachszieher verkauft. So ist es auch mit den Kerzen, mit den wächsernen Pferden, Kälbern, Kühen, Armen und Beinen, die geopfert werden – Alles, was dargebracht wird, ist angenehm, und je mehr, desto besser. Die dicken Franziskaner machten dazu höchst vergnügte Gesichter und schienen mit Mephisto’s beißender Bemerkung, daß die Kirche einen guten Magen habe, vollkommen einverstanden zu sein.

Karl Eyßer.