De vulgari eloquentia/I. Buch – Viertes Kapitel

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aus: De vulgari eloquentia
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Viertes Kapitel.
Welchem Menschen zuerst Sprache gegeben wurde, was er zuerst sprach, und in welcher Sprache.

Den Menschen allein ward es verliehen zu sprechen, wie aus dem Vorhergehenden einleuchtet. Nun muß auch, glaube ich, untersucht werden, welchem Menschen zuerst die Sprache gegeben sei, und was er zuerst gesprochen habe, und an wen, und wo, und wann, desgleichen in welcher Mundart sich das erste Sprechen ergoß. Nach Dem, was im Anfange des ersten Buches Mosis gelesen wird, wo die heilige Schrift von dem Uranfange er Welt handelt, findet man, daß die Frau vor Allen gesprochen habe, nämlich jene höchst vorwitzige Eva, als sie dem Teufel auf seine Frage antwortete: Die Frucht der Bäume, welche im Paradiese sind, essen wir; aber die [100] Frucht des Baumes, der mitten im Paradiese ist, verbot uns Gott zu essen oder ihn zu berühren, damit wir nicht etwa stürben. Aber obgleich die Frau in der Schrift früher gesprochen zu haben befunden wird, ist es dennoch wahrscheinlich, daß wir glauben, der Mann habe früher gesprochen; und nicht unangemessen glaubt man, daß eine so treffliche Aeußerung des menschlichen Geschlechtes eher vom Mann als von der Frau ausgegangen sei. Vernünftigerweise glauben wir nun, daß dem Adam früher zu sprechen verliehen sei von Dem, der ihn sofort selbst gebildet hatte. Was aber zuerst die Stimme des zuerst Sprechenden von sich gegeben habe, zweifle ich nicht, das jedem verständigen Menschen klar sei, es sei Das gewesen, was Gott bedeutet, nämlich Eli, sei es nun in Frageweise oder in Antwortsweise. Abgeschmackt und der Vernunft schauderhaft scheint es, daß früher als Gott etwas von dem Menschen genannt sei, da der Mensch von ihm und durch ihn gemacht ist. Denn wie nach dem Falle des menschlichen Geschlechtes Jeder den Anfang seiner Rede anhebt mit Ach, so ist es wahrscheinlich, daß Derjenige, welcher vorher da war, sie mit Freude begann, und da keine Freude außerhalb Gott ist, sondern ganz in Gott, und Gott selbst ganze Freude ist, so folgt, daß der zuerst Sprechende zuerst und vor Allem gesagt habe: Gott. Es entsteht auch hier dies Bedenken: wenn wir oben sagen, daß der Mensch antwortweise zuerst gesprochen habe, so war die Antwort, wenn es eine solche war, an Gott; denn, wenn sie an Gott war, so möchte es wol scheinen, daß Gott schon gesprochen habe, was dem vorher Angedeuteten zuwider zu sein scheint. Hierauf sagen wir, daß wol auf Gottes Frage geantwortet werden konnte, ohne daß doch Gott die Sprache selbst, welche wir meinen, gesprochen habe. Denn wer zweifelt, daß Alles, was nur ist, sich nach Gottes Wink beuge, von welchem Alles gemacht und erhalten und auch regiert ist. Wenn daher die Luft in solche Bewegungen gesetzt [101] wird durch die Gewalt der niederen Natur, welche die Dienerin und Vollstreckerin Gottes ist, daß sie Donner erschallen, Blitze leuchten, Wasser seufzen heißt, Schnee ausschüttet, Hagel schleudert, wird sie nicht auch durch den Befehl Gottes bewegt werden, einige Worte ertönen zu lassen, indem Der sie sondert, der Größeres gesondert hat? Warum nicht? Daher glauben wir, daß hiefür und für einiges Andere dies genüge.