De vulgari eloquentia/I. Buch – Zwölftes Kapitel

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Zwölftes Kapitel.
Von der sicilischen und apulischen Mundart.


Aus den gewissermaßen mit Spreu vermischten Volkssprachen Italiens wollen wir unter denen, welche im Siebe zurückblieben, indem wir eine Vergleichung anstellen, die ehrhafteste und ehrbringendste auswählen, und zuerst die Fähigkeit der sicilianischen untersuchen, denn die sicilische Volkssprache scheint sich vor allen einen Ruf zuzuschreiben, deswegen weil Alles, was die Italer dichten, sicilisch genannt wird, und deswegen weil wir finden, daß sehr viele der dort eingebornen Gelehrten ernst gesungen haben, wie in jenen Kanzonen:

Ancos che l’aigua per lo foco lasse.

Und

Amor, che longiamente m’hai menato.

Aber dieser Ruf des trinakrischen Landes, wenn wir das Merkzeichen, wohin er strebt, recht betrachten, scheint nur zur Schmach der italischen Fürsten zurückgeblieben zu sein, welche nicht auf heroische, sondern auf pöbelhafte Weise dem Stolze fröhnten. Freilich die berühmten Helden, Kaiser Friedrich und sein trefflicher Sohn Manfred, den Adel und die Gradheit ihrer Gestalt entfaltend, so lange das Glück ihnen treu blieb, trachteten dem Menschlichen nach, das Thierische verschmähend, weshalb die an Herzen Edlen und mit Anmuth Begabten der Majestät so großer Fürsten anzuhangen versuchten, sodaß zu ihrer Zeit Alles, was die edelsten Lateiner unternahmen, ursprünglich am Hofe so großer Kronenträger ans Licht trat. Und weil ihr Königsthron Sicilien war, geschah es, daß Alles, was unsre Vorgänger in der Volkssprache verfaßten, sicilisch genannt wird, was wir gleichfalls noch thun und auch unsre Nachkommen [116] nicht abzuändern vermögen werden. Racha, Racha. Was tönt jetzt die Trommete des letzten Friedrich? Was die Schelle des zweiten Karl? Was die Hörner der mächtigen Markgrafen Johann und Azzo? Was die Flöten der andern Magnaten als: Kommt, Scharfrichter, kommt, Hochmüthige, kommt Habsüchtige! Aber es ist besser, zum Vorhaben zurückzukehren, als eitel zu sprechen; und wir sagen, daß, wenn wir die sicilische Volkssprache nehmen wollen, das heißt, die, welche von dem Mittelstande der Landbewohner kommt, nach deren Mund das Urtheil abzufassen scheint, es des Vorzugs keineswegs würdig ist, weil es nicht ohne einige Zeitdauer ausgesprochen wird, wie in:

Traggemi d’este focora se t’este a bolontate.

Wenn wir aber diese Mundart nicht nehmen wollen, sondern die, welche aus dem Munde der vornehmen Sicilianer hervorkommt, wie man in den obenangeführten Kanzonen sehen kann, so unterscheidet sie sich nicht von der, welche die lobenswertheste ist, wie wir unten zeigen. Auch die Apulier, entweder wegen eigener Bitterkeit, oder wegen der Nähe der Grenzbewohner, nämlich der Römer und Markbewohner, sprechen abscheulich barbarisch; denn sie sagen:

Volzera che chiangesse lo quatraro.

Aber obgleich die Landbewohner unter den Apuliern insgemein häßlich sprechen, haben doch einige Hervorstralende von ihnen zierlich gesprochen, indem sie die höfischeren Ausdrücke in ihren Kanzonen zusammensuchten, wie dies Denen deutlich ist, welche ihre Gedichte betrachten, zum Beispiel:

Madonna, dir vi voglio.

Und

Per fino amore vo si lietamente.

Weshalb Denen, welche Obiges beachten, einleuchtet, daß weder die sicilische, noch die apulische Volkssprache [117] die beste sei, da wir gezeigt haben, daß die beredten Eingebornen von der eignen Sprache abwichen.