De vulgari eloquentia/II. Buch – Sechstes Kapitel

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aus: De vulgari eloquentia
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Sechstes Kapitel.
Von der Satzverbindung oder von der regelmäßigen Verknüpfung der Wörter, deren man sich in den Kanzonen zu bedienen hat.


Da unsere Absicht bei der erlauchten Volkssprache verweilt, welche die edelste von allen ist, und wir Das ausgewählt haben, was würdig ist in ihr besungen zu werden, nämlich drei höchst edle Stoffe, wie oben beigebracht ist, und wir die Kanzonenweise für jene ausgewählt haben als die höchste von allen Weisen, und um diese vollkommener lehren zu können, Einiges schon vorbereitet haben, nämlich Schreibart und Vers: so wollen wir jetzt von der Konstruction handeln. Nun ist zu wissen, daß wir Konstruction nennen eine geregelte Verbindung der Wörter wie: Aristoteles philosophirte zur Zeit Alexander’s. Denn hier sind fünf Wörter durch eine Regel verbunden und machen einen Satz. Hier ist nun zuvörderst zu bemerken, daß eine Satzverbindung gemäß, eine andere aber ungemäß ist; und weil, wenn wir des Anfanges unserer Abschweifung wohl eingedenk sind, wir nur dem Höchsten nachjagen, so findet die ungemäße bei unserer Jagd keinen Platz, weil sie einen unteren Grad des Werthes einnimmt. Mögen sich also schämen, schämen die Unwissenden, es nur sofort zu wagen und auf Kanzonen loszustürmen, welche wir nicht anders verlachen als den Blinden, der über Farben urtheilt. Die gemäße ist es, wie es scheint, welche wir suchen; aber nicht geringere Schwierigkeit macht die Unterscheidung, ehe wir [141] die, welche wir suchen, erreichen, nämlich die feinste. Denn es gibt mehrere Stufen der Satzverbindungen, nämlich die geschmacklose, welche für gröbere Leute ist, wie: Petrus liebt die Frau Berta sehr. Es gibt eine geschmackvolle, welche die der strengeren Schüler oder der Lehrer ist, wie: Mich verdrießen Alle; aber größeres Mitleid hab ich mit allen Denen, welche, in der Verbannung verschmachtend, das Vaterland nur im Traum wiedersehen. Es gibt auch eine geschmackvolle und anmuthige, welche Derer ist, die die Rhetorik von oben abschöpfen, wie: Die löbliche Besonnenheit des Markgrafen von Este, und seine vorbereitete Prachtliebe machen ihn bei Allen beliebt. Es gibt auch eine geschmackvolle und anmuthige, ja und erhabene, welche der erlauchten Dictatoren ist, wie: Nach Hinauswerfung des größten Theils der Blumen aus deinem Schoße, Florentia, ging Totila spät vergebens nach Trinakrien. Diese Stufe der Konstruction nennen wir die trefflichste, und diese ist es, welche wir suchen, wir dem Höchsten nachjagen, wie gesagt ist. Aus dieser allein findet man die erlauchten Kanzonen gefügt, wie:

     Gerhard:

Si per mes sobretes non fes.

     Der König von Navarra:

Redamor que in mon cor repaire.

     Folchetto aus Marseille:

Tan m’abellis l’amoros pensamen.

     Arnaldo Daniello:

Solvi, che sai, lo sobraffan che sorz.

     Amerigo de Belimi:

Nuls bon non pot complir adrectamen.

     Amerigo de Peculiano:

Si com’ l’arbres che per sombre carcar.

     Guido Guinicelli:

Tegno di folle impresa allo ver dire.

[142]      Guido Cavalcanti:

Poi che di doglia cuor convien ch’io porti.

     Cino von Pistoja:

Avegna ch’io maggia più per tempo.

     Dessen Freund:

Amor, che nella mente mi ragiona.[WS 1]

Wundere dich nicht, Leser, über so viele ins Gedächtniß zurückgerufene Verfasser. Denn wir können die Konstruction, welche wir die höchste nannten, nicht anders als durch Beispiele dieser Art anzeigen. Und vielleicht würde es nützlich sein, um uns an diese zu gewöhnen, die regelmäßigen Dichter nachzusehen, nämlich den Virgil, den Ovid in den Metamorphosen, den Statius und Lukan, sowie Andere, welche sich der höchsten Prosa bedienten, wie Tullius, Livius, Plinius, Frontinus, Paulus Orosius, und viele Andere, welche die befreundete Einsamkeit uns zu besuchen einladet. Mögen deswegen die Anhänger der Unwissenheit ablassen, den Guido von Arezzo und einige Andere zu erheben, welche sich nie entwöhnten in Worten und Satzverbindungen sich dem Pöbel gleichzustellen.



Anmerkungen (Wikisource)