Der Ablaßstreit im Jahre 1517

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Autor: Emil Zittel
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Titel: Der Ablaßstreit im Jahre 1517
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 702–706
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Ablaßstreit im Jahre 1517.
Von Emil Zittel.

Zuweilen treten die tiefgreifendsten Umwälzungen auf dem Gebiete des staatlichen und kirchlichen Lebens scheinbar plötzlich in einem ganz genau zu benennenden Zeitpunkte und in Folge irgend einer jedem Auge auffallenden Thatsache zu Tage, um sich dann bald langsamer, bald schneller in ihren weithin erkennbaren Folgen zu entwickeln. In diesem Sinne hat man den Anfang der deutschen Reformation wegen der 95 Thesen von je her auf den 31. October des Jahres 1517 gesetzt. Dem tiefer Blickenden freilich ist es in diesem Fall, wie in allen ähnlichen Fällen, kein Geheimniß, daß sich alle derartigen tiefergehenden Umwälzungen des herkömmlichen Wesens und Lebens nur allmählich, oft sogar Jahrhunderte lang deutlich vorbereiteten, ehe sie endlich Jedem erkennbar in auffallenden Thatsachen sich offenbaren, ganz so, wie in einer Nacht die langsam entwickelte unscheinbare grüne Knospe zur farbenreichen Blume aufbricht.

Der Beginn der deutschen Reformation erinnert uns speciell an das bekannte Bild von dem letzten Tropfen, der ein Gefäß zum Ueberfließen bringt. Der Tetzel’sche Ablaßhandel war ein solcher Tropfen, der in unserem Vaterlande wie in der Schweiz einer seit Jahrhunderten im Stillen immer mächtiger herangewachsenen Unzufriedenheit mit der römischen Kirchenherrschaft schließlich zum unaufhaltbaren Ausbruch verhalf. Und weil damals Dr. Martin Luther, „die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall“ (Hans Sachs), mit ebenso seltenem Muth der Ueberzeugung wie seltener Kraft und Macht der Rede das aussprach, was Hunderttausende, wenn auch zum Theil nur unklar, dachten oder fühlten, wurde er sofort zum bewunderten Führer der damals längst mit Rom zerfallenen Mehrheit der deutschen Nation. So war in der That die Ablaßpredigt Tetzel’s oder vielmehr Luther’s feierlicher Protest gegen dieselbe der Schlag, welcher, um mit des Letzteren eigenem Wort zu reden, „der Pauke ein Loch gemacht hat“.

Wir dürfen das Wesen des Ablasses wohl bei unseren Lesern als bekannt voraussetzen. Der Ablaß, wie ihn Johann Tetzel predigte, war die in’s Frivole gezogene Entartung einer alten kirchlichen Einrichtung. Zu den Kirchenstrafen, welche die Kirche reumüthigen Sündern auferlegte, ehe sie dieselben wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufnahm, gehörten auch Gaben an Andere oder für kirchliche Zwecke; auch wurden körperliche Bußen zu Gunsten eines frommen Zweckes öfters in Geldbußen umgewandelt. Je verschwenderischer sich aber der Hofstaat und je üppiger sich das Leben der Päpste gestaltete, desto rücksichtsloser suchte man diese ergiebige Geldquelle auszubeuten, und zu Luther’s Zeit war es dahin gekommen, daß der Papst aus der Vergebung der Sünden ohne Weiteres ein Geldgeschäft machte.

Der Ablaß tritt uns hier in der Form entgegen, daß die Vergebung der Sünden direct erkauft werden konnte, ja nicht nur die Vergebung der schon begangenen, sondern selbst zukünftiger Sünden. Dieser Mißbrauch der ursprünglichen päpstlichen Schlüsselgewalt war ein so in die Augen springender, daß er einem Manne wie Luther in seiner ganzen grellen Ungerechtigkeit erscheinen und ihm das Herz bewegen mußte vor Zorn gegen die leichtfertigen Ablaßprediger und vor Mitleid mit dem bethörten Volke; denn die Speculation auf die Thorheit der [703] Menschen ist nie eine vergebliche gewesen, und gar Mancher gab den letzten Groschen hin in dem Glauben, sich damit die Vergebung seiner Sünden zu verschaffen.

Ein unreines Geschäft wird aber nie von reinen Händen betrieben, und es ist daher wohl erklärlich, daß die Ablaßhändler, wie man sie bezeichnend nannte, denn ein Handel war es ja, den sie betrieben, meist Personen von recht zweifelhafter Vergangenheit und Moral waren. Sie hielten es nicht für Raub, einen recht beträchtlichen Theil ihrer Einnahmen in die eigene Tasche verschwinden zu lassen, und eine alte Berechnung zeigt uns, daß der bekannteste aller Ablaßkrämer, Johann Tetzel, gegen den Luther zunächst die Blitze seiner schneidigen Worte schleuderte, im Festsetzen seiner „Diäten“ durchaus nicht übertrieben bescheiden war. Er führte ein so fröhliches Leben, daß Kurfürst Albrecht später klagte, Tetzel habe mit seiner Gesellschaft „wahrlich nicht ärmlich und peinlich“ gelebt, sondern jährlich so gegen 28.000 Mark verbraucht. Freilich waren die Einnahmen auch darnach; es wird in alten Aufzeichnungen versichert: in Freiberg in Sachsen habe Tetzel einmal in zwei Tagen 2000 Goldgulden (16,000 Mark) eingenommen und in Görlitz im Laufe des Jahres 1808 auf 1509 45,000 Gulden, das heißt 360,000 Mark!

Dieser Johann Tetzel war ein redebegabter und kenntnißreicher, aber auch, wie schon aus dem Vorgehenden erhellt, über die Maßen gewissenloser Mensch. Er war zuvor einmal wegen Ehebruchs zum Tode verurtheilt gewesen und „im Sack in Innsbruck“ gesteckt, das heißt wohl zum Ersäufen im Sack verurtheilt gewesen, dann aber vom Kaiser Maximilian zu lebenslänglichem Gefängniß begnadigt worden. Später war er überhaupt frei gekommen, um als Ablaßprediger schon seit 1802 an verschiedenen Orten Verwendung zu finden. Im Jahre 1817 nahm ihn Kurfürst Albrecht in seine Dienste, und, er wurde nun auch von Rom aus zum Inquisitor und geistlichen Commissar ernannt.

Es ist uns einer der lateinischen Ablaßbriefe Tetzel’s aus dem Jahre 1517 erhalten, der zu charakteristisch für das Ablaßwesen ist, als daß wir ihn hier nicht zum Abdruck bringen sollten. Er lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen:

Frater Johannes Tetzel,

Mitglied des Predigerordens, aus Leipzig; Baccalaureus der heiligen Theologie und

speciell ernannt zum Ketzermeister

durch die göttliche Fürsorge unseres heiligen Vaters in Christo, Papst Leo’s X, des Hohenpriesters Gottes und seines Stellvertreters auf der ganzen Erde;

auch
des heiligen römischen Stuhles Unter-Nuntius und Conrmissär der heiligen Ablässe
für die

Kirchen-Provinzen, Diöcesen, Staaten, Länder und einzelnen Orte Deutschlands

sammt dem

Guardian der Minoriten des heiligen Franziscus, seinem Collegen,

wünscht

allen und jedem Christgläubigen, insbesondere den Magistraten und Rechtsgelehrten, Untersuchungsrichtern und Justizbeamten, Klerikern, und Laien ewigen Frieden in dem Herrn!


Mit großem Leid bekannte und beichtete uns voll Trauerns Matthäus Menner, Hintersasse des Hofgutes Crichow der Pfarrei Burgwerben an der Saale, daß er den Hund seines Nachbars, der ihn angebellt, mit einem Stein habe werfen wollen. Während des Werfens aber sei die Tochter seines Nachbars dem Hunde unversehens nahe gekommen, so daß er sie ganz wider Willen und Absicht getroffen habe. Dieser Mord aber schmerze ihn sehr.

Um sich nun seines Heils zu versichern, ließ er sich mit gebeugten Knieen und gefalteten Händen und unter Thränen von uns einen Indulgenzbrief ausstellen. Kraft dessen sprechen wir, deren Sache es ist, das Heil zu bringen, wo wir es können, den genannten Matthäus Menner, der sich mit uns nach Vermögen zum Besten des Kirchenärars des Apostelfürsten abgefunden hat, mit dem apostolischen Ansehen, mit welchem wir für diese Gegend bekleidet sind, mitleidshalber von diesem unfreiwilligen Morde los und erklären durch gegenwärtiges Schreiben, daß er durch eben diese Autorität von dem genannten Morde ganz freigesprochen ist, und befehlen Jedermann, es seien Kleriker oder Laien, unter Androhung der Verurtheilung, Censuren und Strafen, die in unserem apostolischen Vollmachtschreiben uns übertragen sind: Niemand solle den Matthäus Menner dieses Mordes wegen weder anklagen noch richten, sondern jeder ihn überall für ganz und vollkommen losgesprochen halten.

Zur Beglaubigung und Zeugniß der Wahrheit haben wir das Siegel genannten Aerars und das päpstliche Wappen, das wir zu diesem Behufs führen, ausgedrückt.

Gegeben Crichow im Jahr des Herrn 1515 den 19. Mai; im dritten Jahr der Regierung unseres heiligen Herrn, des Papstes.“


Obgleich Tetzel nicht nach Wittenberg, noch überhaupt in das kursächsische Land kommen durfte, so fühlte man doch auch dort die Folgen seiner Wirksamkeit; denn die Unterthanen Friedrich’s des Weisen strömten zu Hauf nach Magdeburg, Halle und Naumburg, um so leicht und schnell von ihren Sünden losgesprochen zu werden, und das nahm noch zu, als Joachim I. Tetzel und seinen Begleitern am 16. September 1517 auch die Mark Brandenburg öffnete.

So predigte Tetzel im Oktober 1517 in Berlin und in Jüterbogk unter dem Zuströmen von Vornehmen und Geringen, und bis nach Wittenberg spürte man die sittlich bedenklichen Folgen. Da vermochte der pflichttreue Professor der Theologie, Gemeindeprediger und Ordensvorsteher Dr. Martin Luther in Wittenberg seine bisherige Zurückhaltung nicht länger zu bewahren und entschloß sich, „der Pauke ein Loch zu machen“.

Aber wohl wissend, daß ihm selbst die gleichgesinnten Freunde ernstlich abrathen würden, theilte er Niemand sein Vorhaben mit, sondern schlug nach alter akademischer Sitte am 31. October, das ist vor dem Vorabendgottesdienst des Allerheiligenfestes, 98 Sätze in lateinischer Sprache an der Schloßkirche zu Wittenberg an, deren Thüren damals zu derartigen öffentlichen Ankündigungen der Universitätsprofessoren als „schwarzes Brett“ benützt wurden. Diese 98 Sätze erscheinen uns nun freilich, zumal in der deutschen Uebersetzung des Justus Jonas, durchaus gemäßigt und tragen durchaus kein scharf reformatorisches oder gar revolutionäres Gepräge an sich. Aber sie fanden bei der allgemeinen Mißstimmung aller eifrigen, aber edler denkenden Christen, wie aller aufgeklärten Geister, Politiker und Gelehrten einen so überaus lebhaften Widerhall, daß ein Zeitgenosse sagen konnte: „sie liefen in vierzehn Tagen durch ganz Deutschland, und in vier Wochen hatten sie schier die ganze Christenheit durchlaufen, als wären die Engel selbst Botenläufer gewesen.“

Uebrigens gilt doch auch von diesen Thesen das Wort „ex ungue leonem“ – selbst an der Klaue erkennt man den Löwen. Die heilige Begeisterung, die tüchtige theologische Bildung, der kühne Muth, der klare Verstand, der praktische Sinn, der köstliche Humor: sie alle leuchten uns aus den in schönem Latein geschriebenen Sätzen entgegen, welche längst eine reinere und geschmackvollere Uebersetzung verdient hätten.

In seinen Thesen führte Luther aus, daß der Papst nur die von ihm auferlegten Kirchenstrafen erlassen könne; im Uebrigen vermöge derselbe nur insofern Schuld zu erlassen, als er verkündigt und bestätigt, daß die Schuld von Gott erlassen sei. Es irren also diejenigen, welche sagen, daß der Mensch durch des Papstes Ablaß von jedweder Strafe erlöst werde und die Seligkeit erlange. In der 36. These steht der entscheidende Satz: „Jeder wahrhaft reumüthige Christ erlangt als solcher vollständigen Erlaß seiner Strafe und Schuld und besitzt ihn mit Fug und Recht auch ohne Ablaßbrief.“

Es ist begreiflich, daß eine solche Sprache überall verstanden wurde! Das Alles war zwar in lateinischer Sprache, aber doch recht „deutsch“ geredet. Die Thesen machten auch in Wittenberg gewaltiges Aufsehen, aber zu einer Disputation, zu welcher Luther aufgefordert hatte, kam es nicht – weil in Wittenberg Niemand war, der diese Sätze zu bekämpfen gewagt hätte. Auch Tetzel fühlte sich zunächst nicht gemüßigt, mündlich oder auch schriftlich zu antworten. Vielmehr stellte er bald darnach seine Predigten und Ablaßankündigungen ein und erbat sich Verhaltungsbefehle seiner Vorgesetzten. Um sich aber auf den sichtlich entbrennenden Kampf besser zu rüsten, ging er zunächst nach Frankfurt an der Oder, um sich daselbst mit der theologischen Doctorwürde bekleiden zu lassen. Die dortige Universität vollzog das unter dem Zuströmen von gegen dreihundert Dominikanern mit Freuden, und der Rector derselben, Wimpina, fertigte zwei große Thesenreihen an, die nun Tetzel gegen die Luther-Thesen ausgehen ließ, nachdem er die letzteren am 22. Januar 1818 in Frankfurt an der Oder feierlich als Ketzerwerk verbrannt hatte. Bald darauf aber zog er sich still in sein Kloster nach Leipzig zurück: denn in dem heftig ausgebrochenen Streite fing man von Seite der Päpstlichen an ihn fallen zu lassen und der Taktlosigkeit, ja der Verschwendung und Untreue zu beschuldigen. Es kam so weit, daß, als der von Rom abgesandte päpstliche Nuntius Miltitz im Jahre 1819 Luther nach Altenburg berief und auch den Johannes Tetzel dahin vorlud, dieser in unterthänigstem Tone

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Die Gartenlaube (1883) b 704.jpg

Der Ablaßstreit im Jahre 1517.
Nach dem Oelgemälde von W. Lindenschmitt.

[706] sein Ausbleiben entschuldigen zu wollen bat, da er Leipzig nicht ohne Lebensgefahr verlassen könne, „denn Martinus Luther, der Augustiner, hat die Mächtigen überall so wider mich erregt, daß ich nirgends sicher bin. Deshalb kann ich zu Ew. Ehrwürden, die ich lieber als einen Engel sehen möchte, aus meines Lebens Fahr nicht kommen“.

Da Miltitz bald darnach selbst nach Leipzig kam, ließ er sich den Tetzel vorführen und schrieb dann an den kurfürstlichen Rath Pfeffinger:

„Mir ist Tetzel’s lügenhaftes und schändliches Leben hinlänglich bekannt. Ich habe ihn dessen selbst mit gültigen Zeugnissen überführt und mit den Rechnungen überwiesen, daß er monatlich 130 Gulden (1040 Mark) für seine Mühe gehabt hat, dazu alle Kosten frei, einen Wagen mit drei Pferden und noch 10 Gulden monatlich für seinen Diener, ohne das, was er obendrein gestohlen hat. So hat Tetzel, der überdies auch noch zwei Kinder hat etc., der Kirche gedient! Ich werde Alles nach Rom berichten und ein Urtheil über ihn erwarten.“

Tetzel selbst wollte nach diesem bedrohlichen Zusammentreffen mit Miltitz aus dem Lande fliehen, erkrankte aber und wurde so elend, daß sogar Luther ihm einen freundlichen Trostbrief schrieb, in dem er ihn versichert, daß er nicht wider ihn, sondern gegen einen ganz Anderen kämpfe und daß sich Tetzel vor ihm und seinem Namen nicht fürchten solle.

Bald darauf starb Tetzel, im Juli 1519, als ein sechszigjähriger überlebter, verurtheilter und von Denen schon fast vergessener Mann, die ihn vor wenig Jahren im Triumphzug in ihre Städte eingeführt hatten! Der Streit aber, der sich über sein Treiben entzündet, hatte unterdessen die engen Grenzen der Ablaßfrage längst durchbrochen, viel gewaltigere Verhältnisse angenommen und sich gegen viel wichtigere Fundamentallehren der römischen Kirche gewendet. So war es denn ohne weitere Bedeutung, daß später selbst das Tridentiner Concil in dieser Frage sehr milde und versöhnlich urtheilte.

Diesen ganzen Ablaßstrert hat uns der bekannte Münchener Historienmaler W. Lindenschmitt in seinem an die Schule Kaulbach’s erinnernden Idealbilde mit ergreifender Charakteristik dargestellt und dabei alle historischen Personen in demselben vereinigt, welche an dem Ablaßstreit oder auch an der zum Theil mit dem Ablaß sich beschäftigenden Leipziger Disputation (27. Juni bis 15. Juli 1519) Theil genommen haben.

In einer Kirche, welche hier als Sinnbild der christlichen Kirche überhaupt erscheint, hat Tetzel dem Altar, welchem aber jetzt Alles den Rücken dreht, gegenüber seine erhöhte Verkaufsstätte unter dem Bilde des jüngsten Gerichts aufgebaut, wo uns vor Allem die große Geld- und Ablaßzettelkiste in die Augen fällt. Im rechten Vordergrunde unter dem Volke steht der abgehärmte, unbeugsame und von heiliger Gluth erfüllte Augustinermönch Luther, den damals der Cardinal Cajetan als eine „deutsche Bestie mit tiefliegenden Augen und tiefsinnigen Speculationen im Kopf“ bezeichnet hat, der er nicht mehr begegnen wolle. Auf die Bibel zeigend, erhebt er seine Stimme gegen den Unfug des Ablaßhandels. In seiner Umgebung finden wir die Bilder seines Gönners Staupitz und seiner Freunde Bugenhagen und Carlstadt.

Ueber dieser Gruppe sitzen in dem Chorstuhl der Kurfürst Johann Friedrich und der Herzog Georg von Sachsen mit ihren Begleitern. Vor Luther sehen wir in lebhafter Erregung verschiedene Gestalten: neben einer herrlichen Figur, den „christlichen Adel der deutschen Nation“ repräsentirend, Schüler und Volk, theils zuhörend, theils zum Zerreißen der Ablaßbriefe schreitend. Im Mittelgrunde des Bildes steht Johann Eck und der Dominikanerprior Hoogstraten, die beiden Hauptvertheidiger des Ablaßhandels, gegen das tobende Volk durch Waffengewalt geschützt. Ueber dieser Gruppe sieht man auf hoher Tribüne den Verkauf der Zettel und Tetzel dieselben ausrufend und auf die an der Wand hinter ihm gemalten Schrecken der Hölle weisend. Das heraufdrängende Volk stellt in Charaktergestalten die Ursachen des Ablaßbedürfnisses dar.

Zu oberst die als Rittersmann erscheinende rohe Gewaltthat – vor ihm ein knieender Dieb oder Strolch – zunächst der alte reiche Geizhals mit der jungen schönen Frau, die den Preis des Ablasses mit frecher Stirn der Börse ihres Liebhabers entlehnt, – dann mehr abwärts fanatische Weiber und Bauern, wucherische Bürger und gierige Advocaten, und ganz vorne links eine Gruppe eleganter Ritter und Frauen, die lustig und vergnügt ihren Ablaß einstecken, um – zur Fortsetzung des alten Wandels zu schreiten, begafft von den dreisten Augen der verwahrlosten in Faulheit und in Ehrfurchtslosigkeit aufwachsenden Jugend.

Dem gegenüber, auf der Kirchenbank rechts, sehen wir das Bild der inneren Reue und Zerknirschung, welche allein von der Sünde erlöst, und ein schlafendes Kind als Bild der Unschuld. Ueber dem Chorstuhl sieht man oben an der Wand das Bild des Sündenfalles und in dem Altarschrein auf der anderen Seite des Bildes die Geburt Jesu, die That der allen Zeiten und Völkern verheißenen Erlösungsgnade Gottes.