Der Bär tanzt

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Autor: Kurt Tucholsky
Titel: Der Bär tanzt
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aus: Das Lächeln der Mona Lisa, S. 218-225
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1929
Verlag: Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Weltbühne, 24. April 1928
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Der Bär tanzt
 Literatur:
F. M. Huebner „Das andere Ich“
F. M. Huebner „Das Spiel mit der Flamme“
Wolfgang Wieland „Der Flirt“.

Dürfen darf man alles – man muß es nur können.

Es gibt einen großen Bereich der deutschen Literatur, in dem nichts getan wird als: Banalitäten feierlich gesagt, einfache Vorgänge barock dargestellt, das Leben ins „Literarische“ transponiert. Das geht bis hoch hinauf … Unten siehts aber auch ganz munter aus, und so will ich denn aus dem Rinnstein ein paar Blätter auffischen und, sie mit dem Spazierstock betrachtend, an ihnen lernen, wie man es nicht machen soll.

*

Ist es ein Zufall, daß im Werk jedes Klassikers die sexuelle Detailschilderung nur nebenher vertreten ist? Im Zeitalter der Bäumer und Konsorten muß man sich erst aus einer falschen Gesellschaft herauswinden, um zu sagen, daß es gute und zu billigende Gründe gibt, die Koitusschilderungen verbieten. Da ist erst einmal, zu allererst und zu alleroberst, die Empfindsamkeit des Dichters: hat er die nicht, soll er die Hände von dergleichen lassen. Da ist auch, von den paar Fällen genialer Psychopathen abgesehen, der leise Verdacht der Spekulation, eben jenes Motiv, das unsereinen die Halbnacktkunst aller Art ablehnen läßt: man will nicht, frische Luft vorziehend, unter grinsenden Verhinderten sitzen. Jeder echte Kraftüberschuß gehört nicht hierher, nicht die Visionen der vom Geschlecht Besessenen, nicht das Spiel mit der Erotik.

Es besteht aber eine Sorte Literatur, deren Verfertiger verdienen, auf die Finger gehauen zu werden – und diese Beispiele da oben sind geradezu abschreckend schön.

[219] Um Huebnern tuts mir leid. Der Mann ist noch unter S. J. ein anständiger und kluger Mitarbeiter der „Weltbühne“ gewesen, und was in ihn gefahren ist, mag der Kuelz wissen. Bei ihm gibt es zunächst, als Vorspeisen, hochfeine Gespräche mit der Dame seines, sagen wir, Herzens.

„Sie sprechen in Rätseln.“ – „Die Sie hinlänglich durchschauen.“ – „Sie scheinen sich auszukennen.“ – „Worin?“ – „In diesen Rätseln.“ – „Nur … theoretisch.“ – „Belehren Sie mich.“ – Und so.

Das weiteren sind da Gesellschaftsschilderungen, Darstellungen von Pariser Bars, Restaurants – es gibt heute in allen Ländern eine solche Literatur, und immer ist sie nach demselben Rezept gearbeitet. „Der salonartige Raum wies vor der Hand mehr Hausangestellte denn Gäste auf.“ Es ist ein Salon da. „Er schritt zum Kleiderständer, wo im Halter die Auslese javanischer Reitgerten hing …“ Es sind javanische Reitgerten da. „Auf der Kommode, zwischen den hohen altchinesischen Vasen lagen Bücher größern Formats, die Histoire des Peuples de l’Orient von Maspero, eine englische Ausgabe des Rubajat und die Reise ins Land der vierten Dimension …“ es ist überhaupt alles da. Denn dies ist das hervorragende Stigma einer ganzen Literatur: es imponiert ihnen.

Josephine Baker tanzt: es imponiert ihnen. Ein Botschafter sitzt in der Loge: es imponiert ihnen. Jemand spielt Polo: sie liegen auf dem Bauch. Und statt erst einmal das, was geschieht, unfeierlich zu sehen, um dann seinen Zauber ganz zu empfinden, umbrodelt die Geschehnisse ein süßer Schmus. Erst imponiert es ihnen; dann aber geben sie sich einen Ruck, machen das hochmütige Gesicht, das der Deutsche vor dem Kellner aufsetzt, wenn ihm nicht ganz wohl zumute ist, und ein lauernder, blitzschneller Blick zum Leser fragt: „Hast du auch bemerkt, wie es mir gar nicht imponiert?“ Und: „Was sagst du nun? [220] Was bin ich für ein Kerl? In welchem Milieu bewege ich mich? Woher habe ich diese feinen Beobachtungen? Imponiert es dir?“ Denn das soll es.

Aber es ist ein Irrtum zu glauben, eine Darstellung werde dadurch beschwingter, daß man einen amerikanischen Mann „Mister“ nennt oder mit fuchtelndem Handgelenk Getränke aufzählt, die in fremden Ländern getrunken werden. Was dem einen seine Weiße, ist dem andern sein Apéritif, und damit muß man nicht protzen. Nichts komischer als diese Berliner Superfranzosen, die mit verzücktem Schmatzen einen, man denke, Dubonnet auf der Zunge zergehen lassen. Dubonnet heißt auf deutsch: Kahlbaum, wir wollen uns da nichts vormachen.

Das zweite Mittel, sich interessant zu geben, besteht darin, kein Ding so zu nennen, wie es wirklich heißt. Da hat nun leider, leider von oben her Thomas Mann ein schlechtes Beispiel gegeben; wenn bei dem einmal eine Tasse ein Tasse heißt, dann wird dieses gewöhnliche Möbel gewissermaßen in Anführungsstrichen ausgesprochen, so, wie der Polizeibericht gern von einer „Elektrischen“ spricht. Was ist das? Das ist Impotenz. Denn nichts ist schwerer, nichts erfordert mehr Arbeit, mehr Kultur, mehr Zucht, als einfache Sätze unvergeßlich zu machen. „Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ Die Worte mit der Wurzel ausgraben: das ist Literatur. Aber es ist gewiß bequemer, einfacher und imposanter, die Worte abzuschneiden und sie auf Draht zu ziehen. „Ihre Münder bissen sich an den Rändern der schlanken Sektkelche fest …“ So siehst du aus. Aber so sehen auch die Sektgläser nicht aus, und ahnt denn so ein dürftiges, verquollenes Gewächs, wie schwer es ist, von den Zeitungsassoziationen abzusehen, sich ihrer eben nicht zu bedienen und die Wahrheit zu sagen?

[221] So ist in dieser Literatur, deren Ab- und Unarten sich bis weit in die Höhen der bessern Autoren verfolgen lassen, das Leben herrlich veredelt. Die Leute gehen nicht, sondern schreiten stelzend hohe Schule, und was auch immer im Lichtkegel der Betrachtung liegen mag: hohe Politik, Sport oder das Geschäft – alles ist anders als im Leben, alles schwebt zwei Hand breit über dem Boden, und ferne davon, romantisch zu sein, ist dieser Klimbim nur verlogen. Ich sehe keinen an.

Das ginge ja noch. Aber wenn diese vollendete Ungrazie, die fetten Dunst für feinen Hauch, überladene Seelenornamentik für Kunst, Barock aus Gänsegrieben für den Inbegriff des Stils hält, wenn diese überstopften Literaten sich mit der Liebe befassen, dann muß das bei dem völligen Humormangel, der ihnen eigen ist, zu einem Unglück führen. Dieses Unglück hats gegeben.

Ihre gebügelte Pornographie hat wenigstens einen Vorteil: sie ist unmäßig langweilig, kann also keinerlei Schaden anrichten. In Frankreich wäre dies Zeug ein Lacherfolg, wenn man es überhaupt beachtete – Georges Courteline hat kaum nötig, die Worte zu sprechen: „J’ai l’horreur de grands mots. Ils ne démontrent rien, passent neuf fois sur dix la limite et n’étonnent que les ignorants.“ Für die sind diese traurigen Lustbücher offenbar geschrieben; in diesen, die ich da oben notgedrungen zitiert habe, und in noch einigen, die ich gar nicht zitieren mag, gehts so hoch her, daß man kaum hinaufspucken kann, was so not täte. Pornographie? Ja, aber auf fein.

„Und damit hat sie sich wie von ungefähr niedergebeugt und hat sie den Kleidersaum hochgerafft und nestelt sie in der Hüftengegend und schlägt sie jetzt, von den Schenkeln bis hinauf zu den Schlüsselbeinen, mit einem Ruck den Stoff auseinander. Mir knickt vor Wollust der Kopf nach vorn. Ehe [222] ich mich fassen kann, schließt sie die Hülle und ist die Lichterscheinung ausgelöscht.“ Wie man dabei ernst bleiben kann! Wie man das wirklich und wahrhaftig aufs Papier setzen kann, ohne sofort mit einem dicken Blaustift einen beschämten Strich zu machen! Wie man nicht fühlen kann, daß das komisch ist und nichts weiter! Der tanzende Bär kann es – zum Gedudel eines literarisch verstimmten Leierkastens.

„Es ist keineswegs der altbekannte Schüttel der Wollust.“ Dieses Wort, das ich in meinen privaten Sprachschatz aufgenommen habe, ist, mit Verlaub zu sagen, ein Griff – und solcher Untergriffe weisen diese Bücher nicht wenige auf. Am heitersten ist der Sechser-Casanova, wenn er Papierdeutsch schreibt und Orgien meint: „Indessen scheint es, daß sie keinerlei Neigung besitzt, unserer Schäferstunde den Verlauf bloßer Kurzweil zu geben.“ Wenn er gegenständlich wird, ist er unappetitlich, sicherstes Zeichen künstlerischer Mannesschwäche. „Vom Umfassen ihrer Büste hat der Ärmel meines Jacketts ihren Duft mitgenommen. Ich hebe den Ärmel an die Nase.“ Ich auch – aber um sie mir zuzuhalten. Und dann muß ich loslassen, weil man mit zugehaltener Nase nicht gut lachen kann. „Sie rollen wie Ringer umeinander. Einmal ist der eine, dann der andre oben, zitterte es aus ihrem Munde.“ So geht es im deutschen Familienleben zu.

Was an dieser Sorte Schriftstellerei so außerordentlich erheiternd wirkt, ist ihre den Fabrikanten unbewußte Komik. Es ist unmöglich, solche körperlichen Vorgänge ohne das Bewußtsein von ihrer humorhaften Unzulänglichkeit, von ihrer Tierhaftigkeit, von ihrer Lächerlichkeit zu schildern – es braucht das nicht gesagt zu werden; wenn der Schilderer es nur fühlt, wenn ers nur weiß, wenn er sich nur ein Mal darüber klar geworden ist, daß er in keinem dieser Augenblicke vor seinen Nebenmenschen etwas voraus hat, daß er gerade in diesem [223] Moment nicht herrscht, sondern unterworfen ist. Der feierliche Ernst, mit dem Liebesvorgänge als imponierendes Plus des Autors dargestellt werden; der männchenhafte Dummstolz; der Pomp, dem man nur einen Nachttopf an die Seite zu stellen braucht, auf daß alles aus ist – warum kann man Romeo und Julia nicht damit beschämen, daß man das Wort „Bauch“ ausspricht? Weil ihr Pathos ebenso irdisch wie überirdisch ist; weil ihre Leidenschaft nicht klebrig haftet, sondern bei aller Gegenständlichkeit wie Musik zittert und entschwebt, und weil jeder Schimpf auf den Zwischenrufer zurückfiele. „Den Schauspieler möchte ich sehen,“ hat der alte Fontane einmal gesagt, „der den Hamlet mit einem weißen Bändchen spielen kann, das ihm aus der Hose heraushängt!“ Diesen Figurinen aber hängt es dauernd heraus, der Autor merkts nicht, und wenn er pathetisch wird, dann muß man lachen.

Im Augenblick aber, wo nicht von „Thema“ geredet wird, verläßt den Literasten die Feinheit, ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben, und das sieht dann so aus: „Die grauhaarige englische Lady, drüben zunächst dem Christbaum, ließ das Spielzeugäffchen, ein Weihnachtsgeschenk von seiten der Geschäftsleitung, aus dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides heraus …“ Das kann der redaktionelle Hinweis auf das Inserat in unserer achten Beilage auch nicht besser.

Unterbrochen wird dieser Unfug durch Entgleisungen, die fast wehe tun. „Mit den Armen biege ich sie in der Taille ab, drücke sie vollends zu Boden, schlage von den Beinen, die sich schon spreizen, die Rockfalten zurück und tue mich gütlich wie der Soldat an seinem Sonntagsschatz.“ Das ist nur mit einer Seekrankheit zu beantworten. Wenn die vorbei ist, muß – leider, leider – gesagt werden, daß in dem „Steppenwolf“ Hesses ähnliche Stellen stehen, deren Peinlichkeit nur durch [224] die Tragik gemildert wird, die das Geschick des Autors darstellt. „Während wir schweigend in die geschäftigen Spiele unsrer Liebe vertieft waren …“ Welche Ungrazie! Es riecht wie in einem überfüllten Dampfbad, man mag das nicht, hinaus! hinaus!

Von schlimmeren Auswüchsen zu schweigen. Der Hanswurst, der das Buch über den Flirt geschrieben hat … Es erinnert an die Geschichte von jenem englischen Sergeanten, der an einer dunkeln Hafenmauer ein Mädchen anspricht und ihr gleich zu Beginn der Unterhaltung, sein, sagen wir, kurzes Seitengewehr in die Hand drückt. Und sie: „Ach, du Flirt –!“ Auch muß der Verfasser unbedingt Willi Schaeffers gehört haben, von dem das kurze Wort stammt: „Ich glaube, die läßt sich flirten.“ So ein Buch ist das. Und wie altmodisch diese königlich preußischen Erotiker alle sind! Da wimmelt es von „Taillen“ und „Spitzengeriesel“ – wo rieselt denn das heute noch? „Und so erschöpft sich der aktive Flirt der Frau in Berührungen dieses Gliedes, das auf unauffällige Weise meist schon durch die Hosentaschen erreichbar ist …“ Es sind tobsüchtig gewordene Studienräte der Liebe.

Ganz besonders schlimm, wenn sie ihre medizinische Literatur gelesen, halb verstanden, kaum verdaut und unvollkommen vomiert haben. „Danach scheidet sich uns das ganze weite Reich sexueller Beziehungen der heutigen Kulturmenschheit in drei große voneinander scharf getrennte Gebiete.“ Nun? „Beischlaf, Perversität und Flirt.“ Was etwa der Skala: Sozialismus, Beethoven und Stachelbeerkompott entspricht Aber solche Bücher werden von einem immerhin nicht ganz und gar windigen Verlag verlegt, sie werden wohlwollend besprochen, ausgestellt … nur eines werden sie nicht: sie werden nicht gebührend ausgelacht.

Zugegeben: das sind Paradepferde des Geschmackmangels, [225] der Taktlosigkeit, der erhitzten Impotenz. Aber es ist da ein Element, das sich durch Hunderte von Büchern zieht – es ist die offenbare Unfähigkeit des Deutschen, Erotik bildhaft und doch nicht klebrig wiederzugeben. (Bestes Gegenbeispiel gegen diese Schmierer: Heinrich Mann.) Das schwankt zwischen Brutalität und butterweicher Sentimentalität hin und her, ist unsicher, bekommt einen roten Kopf und schreibt nun, je nachdem, moralische Bücher oder dumme Schweinereien. Mit Erotik hat das nichts zu tun.

Ich habe einmal in Paris einen alten Freund Toulouse-Lautrecs besucht; in seinem Salon hingen einige Originale, Pastell, Öl, Skizzen … Da war auch ein Paar im Bett, achtlos glitten meine Augen darüber hinweg – nichts ging von dem Bild aus oder doch wenig. Aber da war ein Halbakt, eine Frau, die vor der Waschschüssel steht – und eine Wolke von Parfüm, von Frauenduft, von der sinnlichen Nähe des Fleisches kam herüber, und es war doch nichts zu sehen und alles.

Man hat es, oder man hat es nicht. Diese sanft aufgeilende Wirkung solcher Bücher aber sind nicht etwa ein „Schandmal unserer Zeit“ – das mag die Deutsche Zeitung und die Generalanzeigerpresse der Provinz ihren Lesern erzählen, deren praktische Erosgymnastik einen verstehen läßt, woher nur solche Schädel und solche staatserhaltenden Gesichter kommen – sie sind einfach schlechte Literatur und verdienen, restlos verlacht zu werden. Beschwingte Heiterkeit, Frechheit, Witz, Ironie, echtes Pathos: alles, alles ist möglich. Nur diese Quadratklacheln nicht, die sich zum Tönen einer Mozartschen Musik auf die Hinterbeine stellen, einen Ring durch die Nase, und brummend, mit offner Schnauze, aus der der Speichel tropft, tanzen, wie ein Bär tanzt.