Der Bär und die Jungfrau

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Karl Wilhelm Geisheim
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Bär und die Jungfrau
Untertitel:
aus: Gedichte, Zweites Bändchen,
S. 364–368
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: Josef Max und Komp.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Breslau
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons, Google
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[364]
Der Bär und die Jungfrau.


Boleslav, ein Knab’ an Jahren,
Doch ein Mann an Heldentugend,
Fand den Schmuck und Ruhm der Jugend
In dem Kampfspiel der Gefahren.

5
Würgend in des Vaters Landen,

Wütheten der Böhmen Scharen;
Aber Boleslav, der Knabe,
Macht der Feinde Macht zu Schanden,
Als der Abgott seiner Krieger,

10
Retter der verlornen Habe,

Kehrt er heim als kühner Sieger.

Und auf seinen nächsten Wegen,
Ihm des Dankes Opfer bringend,
Lob- und Siegeslieder singend,

15
Kommt ihm Schlesien entgegen.

Durch der Jungfrau’n holde Reihen
Zieht bekränzt der hohe Knabe,
Und der Blumen Liebesgabe
Mag ihn fast so hoch erfreuen,

20
Als der Siegesruf der Krieger.


[365]
In der Schönheit Zauberscheine,

Von den Jungfrau’n alle Eine
Reichet einen Kranz dem Sieger
Mit der Schüchternheit Geberde.

25
Staunend steigt er von dem Pferde;

Wunderbar bewegt, wie nimmer,
Küsset er die schöne Dirne,
Nach der Sitte auf die Stirne,
Und ihr Bild folgt ihm auf immer,

30
Wie der Jungfrau nun das seine.


Zu des Zobtens Götzensteine
Zieht sie nach der Eltern Willen,
Die, wie Viel’ des Volk’s, im Stillen
Annoch Heiden sind verblieben.

35
Doch der Fürst, den nun zu lieben,

Sich ihr Herz nicht mag erwehren,
Will zum Feste seines Sieges,
Zur Versöhnung langen Krieges,
Alle Heiden noch bekehren,

40
Die zerstreut im Lande leben;

Und der Jungfrau Eltern fliehen. –
Nach dem Zobtenberge ziehen,
Um dem Zwang’ zu widerstreben,
Sie zum alten Götzenhaine.

45
Doch nur in den Trümmern zeiget

Sich das Götzenbild; es schweiget
Seine Kraft im kalten Steine.

[366]
Nur in des Geliebten Bilde

Mag die Jungfrau Leben schauen,

50
Und durch ihn faßt sie Vertrauen

Zu des Christengottes Milde.
Eilt hinab, denn lieblich locken
Sie der nächsten Kirche Glocken.

Boleslav war in der Nähe;

55
Stieg den Berg, daß selbst er sehe

Des zerschlag’nen Götzen Trümmer,
Und das Land im Abendschimmer.
Des Gefolges Zug enteilend,
Blickt an einem Felsenrande,

60
Ganz allein, voll Lust verweilend,

Er hinab zum schönen Lande.
In den Reizen der Gefilde
Strahlt im nicht verlornen Bilde
Der Erinnerung Entzücken,

65
Sie, die Jungfrau, seinen Blicken. –

Aber plötzlich aus den Träumen
Wecket ihn ein Ungeheuer,
Und zum grausen Abenteuer
Ruft ein Bär ihn ohne Säumen.

70
Doch, indem er sich bereitet,

Ihm, wenn er ihm näher schreitet,
Mit dem Schwerdt den Tod zu bringen:
Gleitet, wie auf Zauberschwingen,
Aus dem Hain die Jungfrau eilend,

75
Und des Bären Lauf verweilend.


[367]
Mit ihm kämpfend, mit ihm ringend,

Sich der Gier zum Opfer bringend,
Labt sie ihn mit ihrem Blute,
Hoffend, daß der Fürst entrinne.

80
Doch er, wie im Trug der Sinne,

Schaudert, und mit wildem Muthe
Stürzt er sich dem Kampf entgegen.
Rasch und kühn schwingt er den Degen;
Und das Thier, nach vielen Wunden,

85
Hat den Tod gar bald gefunden.


Aber an des Bären Seite
Liegt des Todes edl’re Beute,
Liegt die blutbedeckte, bleiche,
Liegt der Jungfrau holde Leiche.

90
Wähnend, daß sie Ohnmacht decke,

Hoffend, daß er sie erwecke,
Ruft er sie, ruft er die Seinen,
Die zur Hilfe nun erscheinen.
Und noch regt sich Hauch und Leben,

95
Noch vermag sie ihre Hände

Nach dem Kreuze zu erheben,
Das der Fürst trägt auf dem Herzen;
Ihre Sehnsucht giebt ein Zeichen,
Daß man ihr den Christus spende.

100
Und es wallt mit Kelch und Kerzen

Auf den Berg ein Priester eben,
Tauf’ und Segen ihr zu reichen. –
 

[368]
Doch nun sank des Abends Schimmer:

Himmelsliebe zu erwerben,

105
Muß die Erdenliebe sterben;

Und ihr Aug’ erlosch auf immer.

In der Liebe Trauer übte
Boleslav des Grabes Weihe;
Thut ein fürstliches Gelübde,

110
Und erfüllt’s mit frommer Treue:

An des Berges höchster Stelle,
Dort, wo Trümmer der Kapelle
Auf des Zobtens Haupt wir schauen,
Ihr ein Denkmal zu erbauen.

115
Aber wo die That geschehen,

Ist des Bären Bild noch heute,
Und dabei die holde Beute,
In dem Steingebild’ zu sehen;
Und die je den Berg besteigen,

120
Lassen gern den Fels sich zeigen.